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	<title>Köln | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Im Hype-Hamsterrad</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Casper Selg]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 05 Mar 2016 08:22:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Berufsethik]]></category>
		<category><![CDATA[Hype]]></category>
		<category><![CDATA[Köln]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Online-Journalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wer am lautesten und am längsten schreit, hat gewonnen: Ein Journalismus, der sich nur noch an Konkurrenz, Tempo und Quote orientiert, verdrängt zunehmend leisere und differenziertere Töne. Wie Medienhypes den Blick aufs Wesentliche verstellen und gesellschaftlich gefährliche Folgen zeitigen. Casper Selg, langjähriger Radiojournalist, über fehlende Verantwortung und Ethik im Journalismus. «Nach Köln wird nichts mehr <a href="https://medienwoche.ch/2016/03/05/im-hype-hamsterrad/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/03/05/im-hype-hamsterrad/">Im Hype-Hamsterrad</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wer am lautesten und am längsten schreit, hat gewonnen: Ein Journalismus, der sich nur noch an Konkurrenz, Tempo und Quote orientiert, verdrängt zunehmend leisere und differenziertere Töne. Wie Medienhypes den Blick aufs Wesentliche verstellen und gesellschaftlich gefährliche Folgen zeitigen. Casper Selg, langjähriger Radiojournalist, über fehlende Verantwortung und Ethik im Journalismus.<br />
<span id="more-26862"></span><br />
«Nach Köln wird nichts mehr sein wie es war» lautete der Endzeit-Stimmungs-Titel eines Kommentars im seriösen Deutschlandfunk. «Köln», die sexuellen Übergriffe «begangen von über tausend» (?) maghrebinischen Tätern, führte – einmal mehr – in fast allen Medien zu Super-Superlativen. Die Deutschen Talkshows suchten – einmal mehr – gar nicht mehr nach anderen Themen. Alle machten – einmal mehr – dasselbe. Was denn sonst? Die Online-Zugriffe und die Quoten stimmten schon bestens als noch längst nicht alle Fakten auf dem Tisch lagen.</p>
<p>Es wurde wieder einmal losgezogen, von allen, flächendeckend. Und wer nicht schnell genug mitzog, weil eben noch Fakten fehlten, stand im Verdacht, Schreckliches verschweigen zu wollen. Das Thema: ernst und schwierig. Die Dosis: immens. Wer hoffte, dass erst mal die Fakten geklärt werden bevor man die ganz grossen Keulen schwingt, wurde einmal mehr enttäuscht. Und das mit Grund. Und das nicht erst seit «Köln».</p>
<p>Denn es geht nicht einfach um ein medienethisches Problem. Solche Hypes sind primär ein ökonomisches Phänomen. Kein vollkommen neues, nota bene: Soweit Medien sich über den Markt finanzieren, müssen sie rentieren um zu existieren. Quote, Auflage und – hier kommt der Unterschied zu früher – auch Online-Zugriffe. Der Zwang der Online-Medien, 24 Stunden am Tag berichten , prägt heute die gesamte Berichterstattung.</p>
<p>Wenn ein Thema gut «läuft», dann schiebt man sofort weiteres Material nach, hält die Click-Zahlen hoch, egal ob man wirklich mehr geprüfte und verlässliche Informationen vorliegen hat, egal ob sich das journalistisch rechtfertigt. Und alle übrigen Medien folgen sofort in der gleichen Logik. Das Resultat ist der Hype, eine künstliche, riesige News Blase, die wegen ihrer schieren Grösse mit der Realität, die eine Redaktion abbilden sollte, nicht mehr viel zu tun hat. Und der Hype ist mehr als nur ein ökonomisches und medienethisches Thema. Er ist in seiner Wirkung vor allem ein immer grösseres gesellschaftliches und politisches Problem.</p>
<p>Besonders eindrücklich und ebenso bedenklich zeigt der Umgang der Medien mit der fremdenfeindlichen «Pegida»-Bewegung, wie ein Hype entsteht. Vor eineinhalb Jahren bestand «Pegida» aus einem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lutz_Bachmann" target="_blank">Neo-Nazi-Sympathisanten und Straftäter, Lutz Bachmann</a>, der sich als braver Bürger und Unternehmer darstellte, der vor Überfremdung und Ausländerkriminalität warnte. Plus einigen hundert Verirrten, die das – in grosser Furcht – alles glaubten, obwohl sie in Dresden leben, einer Stadt praktisch ohne Ausländer. Pegida gab es monatelang nur klein und nur in Dresden.</p>
<p>Aber alle nationalen Medien berichteten während Monaten, ohne Pause, wöchentlich von diesen Pegida «Montagsdemonstrationen». Erst später, zu Beginn des Jahres 2015, entstanden nach all diesen Berichten aus Dresden auch Ableger in Duisburg, Düsseldorf, Leipzig und an anderen Orten. Zunächst unbedeutend. Heute nicht mehr. Die Organisation, welche die Medien ständig als «Lügenpresse» beschimpft, verdankt ihren Stellenwert genau diesen Medien.</p>
<p>Die politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen von Hypes zeigen sich in Deutschland an unzähligen weiteren Beispielen von Berichterstattungen, die quantitativ und inhaltlich weit über das journalistische (nicht aber das wirtschaftliche!) Ziel hinausschossen: Etwa dem ohrenbetäubenden Lärm um den angeblichen <a href="http://www.stern.de/politik/deutschland/stern-portraet-ueber-rainer-bruederle-der-herrenwitz-3116542.html" target="_blank">Sexismus-Skandal des FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle</a>, welcher diesen politisch erledigte.</p>
<p>Ähnliches bei Jürgen Trittin, der – kurz vor der letzten Bundestagswahl – praktisch <a href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-09/trittin-gruene-paedophilie" target="_blank">zum Pädophilen heruntergemacht wurde</a> wegen eines dämlichen Pamphlets, das er gut drei Jahrzehnte zuvor mitunterschrieben hatte. Dieses mediale Geschrei kostete die Grünen in der Folge die Oppositionsführerschaft. Mit Bundespräsident Wulff verlor nach einem halbjährigen Hype bereits der zweite Bundespräsident innert kurzer Zeit seinen Job.</p>
<p>Die Reihe lässt sich verlängern: Alles Fälle von flächendeckender journalistischer Aufregung. Von Hype. Das meiste enthielt zwar legitime Fragestellungen, aber die rechtfertigten nie das Mass und die Aufgeregtheit in der Berichterstattung. Die war nicht inhaltlich, sondern primär wirtschaftlich bedingt. Und sie hatte in jedem einzelnen Fall konkrete politische Auswirkungen.</p>
<p>Ein Faktor, welcher die Tendenz zum Hype heute weiter verstärkt, ist der Einfluss der «sozialen» Medien. Das zeigen all diese Fälle. Speziell die «Stern»-Geschichte zu Brüderle: Noch bevor viel mehr bekannt war als die reine Darstellung seitens des Opfers im besagten «Stern»-Artikel (die betroffene Frau den Artikel selber schreiben zu lassen, war journalistisch allein schon fragwürdig), entstand auf Twitter der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aufschrei" target="_blank">Hashtag #aufschrei</a>. Eine Plattform auf der sich Frauen – verständlicherweise hochemotional – über sexuelle Belästigung beklagten und austauschten. Zu Tausenden. Das wiederum wurde zum regelmässigen Gegenstand der Online Berichterstattung über Brüderle («was sagt das Netz?» Im Sinne von «was sagt das Publikum»? Als ob das gleichgestellt werden könnte). Unter dem Obertitel «Brüderle» entstand so ein gewaltiger monatelang anhaltender Aufschrei, der mit diesem Mann und seinem Verhalten nur noch ganz wenig zu tun hatte, ihn aber schliesslich politisch erdrückte. Und mit ihm die FDP, die flog nicht zuletzt wegen dieser Endlos-Geschichte aus dem Bundestag.</p>
<p>Aufschreie in den «sozialen» Medien sind zur Regel geworden, genauso wie die darauf folgende Wechselwirkung, das Aufschaukeln, das sich im Zusammenspiel mit den Online-Newsseiten ergibt: Diese ziehen Themen zuerst möglichst emotional an. Entsprechend laut geht es dann in den Kommentarspalten los. Und das wird dann wieder zum Gegenstand der Online-Berichterstattung. Und schliesslich auch in der Zeitung. Der Ton auf dieser öffentlichen Bühne steigert sich stetig bis zum lauten Pfeifton. Dem Hype.</p>
<p>Es gibt Beispiele ohne Zahl. Etwa jüngst ein Artikel auf focus.de über tausende von Polizeieinsätzen wegen Flüchtlingen in Nordrhein-Westfalen. Titel: «Diebstahl und Körperverletzung: 78&#8217;000 Polizeieinsätze in Asylunterkünften in NRW in 2015». Der Titel schreit einen Skandal heraus, was im Kommentarbereich und auf Facebook sofort in eine schreckliche Hetze gegen Flüchtlinge und Ausländer mündet.</p>
<p>Das Blog Mobilegeeks.de hat <a href="http://www.mobilegeeks.de/artikel/focus-online-journalistischer-untergang-des-abendlandes/?platform=hootsuite" target="_blank">den Fall etwas genauer angeschaut</a>. Da erfährt man, dass der Sachverhalt sich in der Realiät anders darstellt. Dass die Verhältnisse in diesen Asyl-Unterkünften laut Polizei vergleichsweise harmlos seien und die erwähnten tausende Einsätze vor allem aus Kontrollfahrten bestehen um Gewalt GEGEN Asylbewerber zu verhindern.</p>
<p>Die Schlagzeile soll die Emotion wecken, die zum Anklicken des Artikels führt. In Tat und Wahrheit werden aber häufig Emotionen geschürt und bestätigt, die weit über den Moment hinaus Wirkung haben.</p>
<p>Der Hype ist längst nicht mehr nur ein medienethisches Problem. Er birgt in immer mehr Fällen gesellschaftlichen Sprengstoff.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/03/05/im-hype-hamsterrad/">Im Hype-Hamsterrad</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Bitte keinen Bevormundungsjournalismus!</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/01/19/bitte-keinen-bevormundungsjournalismus-2/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 Jan 2016 13:04:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Standpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lügenpresse]]></category>
		<category><![CDATA[Köln]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Halten Medien ihnen bekannte Fakten zurück, und sei es in guter Absicht, schaden sie dem Journalismus als Ganzes. Mit ihrer Berichterstattung zur Flüchtlingssituation und den Übergriffen in Köln trugen die öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands nicht eben zur Vertrauensbildung bei. Die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmedien von ARD und ZDF hatten erst mit mehrtätiger Verzögerung von den Ereignissen in Köln <a href="https://medienwoche.ch/2016/01/19/bitte-keinen-bevormundungsjournalismus-2/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Halten Medien ihnen bekannte Fakten zurück, und sei es in guter Absicht, schaden sie dem Journalismus als Ganzes. Mit ihrer Berichterstattung zur Flüchtlingssituation und den Übergriffen in Köln trugen die öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands nicht eben zur Vertrauensbildung bei.<br />
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Die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmedien von ARD und ZDF hatten erst mit mehrtätiger Verzögerung von den Ereignissen in Köln (und anderen deutschen Städten) berichtet. Am 4. Januar war dem ZDF in der «heute»-Nachrichtensendung der Smog und das Teil-Fahrverbot in Indiens Hauptstadt Neu Delhi wichtiger als die Ereignisse in Köln, während die «Tagesschau» am gleichen Tag erstmalig darüber berichtete.</p>
<p>Ein Teil der Bevölkerung zeigt sich verunsichert durch die de facto offenen Grenzen. Die Ablehnung der Politik der Bundesregierung, die im Jahr 2015 rund 1,1 Millionen Flüchtlinge ins Land brachte, bekam durch die eher schleppende Berichterstattung der Ereignisse der Silvesternacht zusätzlichen Auftrieb. Das <a href="http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/koeln-uebergriffe-an-silvester-zdf-raeumt-klare-fehleinschaetzung-ein-a-1070656.html" target="_blank">ZDF entschuldigte sich zwar für die späte Berichterstattung</a> und räumte eine Fehleinschätzung der Ereignisse ein, aber grundsätzliche Kritik auch an der zunehmenden Relativierung der Ereignisse wurde zurückgewiesen. So schmetterte der Vize-Chefredakteur von «ARD-aktuell» Christian Nitsche die Kritik an der Tagesschau <a href="http://meedia.de/2016/01/12/wurden-unserem-auftrag-gerecht-ard-aktuell-weist-vorwurf-der-arbeitsverweigerung-zurueck/" target="_blank">mit der fast schon üblichen Arroganz ab</a>: «Auftrag der Nachrichtensendungen ist es, die Realität so gut es geht abzubilden. Diesen Auftrag nimmt ARD-aktuell sehr ernst und wurde ihm auch in der vergangenen Woche gerecht.»</p>
<p>Dennoch hatte die verzögerte und nicht immer offene Berichterstattung das in den letzten Monaten verstärkt aufgekommene Unbehagen den Medien gegenüber noch verstärkt. <a href="http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/das-menetekel-von-koeln-ein-kommentar-14004278.html" target="_blank">Berthold Kohler, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung</a>, sprach von einer politisch gewollten «Schweigespirale», die die Migrantenkriminalität nicht thematisieren wolle, um nicht rechtsextremistischen Kräften Nahrung zu bieten. Kohler sieht diese Methode als gescheitert an: «Doch die aus dieser löblichen Absicht hervorgegangene Politik des Schönredens, Bestreitens und Gesundbetens auf dem Feld der Ausländer- und Einwanderungspolitik hat genau den gegenteiligen Effekt: Sie treibt aufrechte Demokraten ins Nichtwähler-Lager und auf die Barrikaden. Dort fühlen sie sich mit einem Äusserungsverbot belegt, als ‹Ausländerfeinde› diffamiert und in ‹die rechte Ecke gestellt›, in der manche dann auch landen.»</p>
<p>Jüngste Berichte zeigen, dass dieses «stillschweigende Abkommen» in den Medien <a href="http://www.welt.de/politik/deutschland/article151089556/Kriminelle-Nordafrikaner-ein-lang-gehuetetes-Staatsgeheimnis.html" target="_blank">sehr wohl existiert</a>, zumindest informell und punktuell. So kommentierte am 19. Januar <a href="http://blog.tagesschau.de/2016/01/19/der-erste-verdaechtige-von-koeln/#comment-85052">der Chef von «ARD-aktuell», Kai Gniffke</a>, in einem Blogeintrag die Vorwürfe der verzögerten Berichterstattung. Seine Bilanz ist identisch mit der von Kollege Nitsche: «Auf der Basis der Informationen, die uns bis zum 3. Januar zur Verfügung standen, würden wir wohl wieder genauso handeln.» Erstaunlicher als dies ist eine andere Aussage, mit der er den Vorwurf einer «Schweigespirale» in Bezug auf Migrantenkriminalität zu kontern versucht . Man habe, so Gniffke, in den «Tagesthemen» vom 3. Januar 2016 «einen Bericht über arabische Clans im deutschen Grosstadtmilieu, über deren Straftaten und über rechtsfreie Räume» im Programm gehabt, und dies «ohne Kenntnis der Ereignisse von Köln». Gniffke rühmt sich sogar noch: «Als hätten wir eine Vorahnung von Köln gehabt…» Diese Aussage ist bemerkenswert, da er in seinem Text zu Beginn durchaus von Meldungen spricht, die die Redaktion erreicht hätten. Insofern wird die Äusserung, man habe «ohne Kenntnis der Ereignisse von Köln» gehandelt, durch den eigenen Text widerlegt.</p>
<p>Am Streit – «Schweigespirale» ja oder nein – zeigt sich deutlich, wie polarisiert die Berichterstattung in den deutschen Medien inzwischen abläuft. Die einen verteidigen die Politik der Bundesregierung die anderen nehmen eine skeptische bis ablehnende Position ein. Erschwerend kommt hinzu, dass sich scheinbare Fakten widersprechen. Mal ist davon die Rede, dass die <a href="http://www.sueddeutsche.de/muenchen/gemeinsames-projekt-gut-ausgebildet-motiviert-jung-sucht-1.2690630">Masse der Flüchtlinge gut ausgebildet</a> ist, dann wiederum heisst es, <a href="http://www.rp-online.de/politik/deutschland/90-prozent-der-fluechtlinge-sind-nicht-ausreichend-qualifiziert-aid-1.5679284">mehr als 90%</a> seien mindestens kurzfristig für den längst hochspezialisierten deutschen Arbeitsmarkt nicht geeignet. Die jeweils andere Sichtweise wird praktisch sofort auf der persönlichen Ebene angriffen. Man ist entweder «Populist» oder «Multikulti-Träumer»; wenn nicht gar Schlimmeres. Es gibt kaum noch eine «neutrale» Position. Am Verfasser und/oder Publikationsmedium lässt sich fast zuverlässig ablesen, welcher Seite in Bericht, ein Artikel, ein Kommentar zuneigt. Eine dialektische Entwicklung in einem Text findet kaum noch statt. Im besten Fall werden zwei divergierende Meinungen neben- oder hintereinander publiziert.</p>
<p>Umso überraschter war man, als am 8. Januar im konservativ-liberalen Ringier-Magazin «Cicero» Michael Angele kommentierte, der stellvertretende Chefredakteur des links-progressiven, von Jakob Augstein herausgegebenen «Freitag». <a href="http://www.cicero.de/berliner-republik/nach-den-uebergriffen-koeln-der-deutsche-mann-ist-genau-so-schlimm-wie-der">Der Text ist aus zwei Gründen bemerkenswert</a>. Zum einen gibt Angele wieder, wie man das Magazin «Cicero» bei seinen gleichgesinnten Kollegen ansieht: als «Drecksblatt». Eine derartige Entgleisung aus dem Kantinengespräch in die Öffentlichkeit zu holen, zeigt an, wie polarisiert der Ton in der deutschen Publizistik inzwischen geworden ist. Der zweite Grund, warum man diesen Text unbedingt lesen sollte, ist im Gewölk der Invektiven («Apokalypse des Spiessertums») ganz gut verborgen. Angele entwickelt hier nämlich beiläufig sein journalistisches Credo: «Man muss Dinge, die schwach sind, stärken, und Dinge, die zu stark und mächtig sind, schwächen, das ist mein Ethos als ein Journalist, der nicht Fakten liefert, sondern Interpretationen zu diesen Fakten.»</p>
<p>In den sozialen Netzwerken lässt sich leicht nachlesen, dass Angeles Artikel im «Drecksblatt» grosse Zustimmung fand. Es kann also als ausgemacht gelten, dass zumindest Journalisten, die Angeles Weltbild teilen, nicht mehr Fakten rapportieren, sondern den Rezipienten mit den Interpretationen zu diesen Fakten versorgen wollen. Es ist erstaunlich, dass diese Passage bisher kaum kommentiert wurde. Selbst wenn man «Cicero» und den «Freitag» als unwichtige Presseerzeugnisse abtut, zeigt sich dahinter eine Berufsauffassung, die alle Schmähungen und Ressentiments in punkto medialer Berichterstattung nähren. Was Angele als Ethos bezeichnet ist nichts anderes als der Vorsatz der Manipulation.</p>
<p>Was nicht explizit ausgedrückt wird, aber natürlich auf der Hand liegt: Diese Manipulation wird als Berichterstattung, als Faktum, ausgegeben. Der Rezipient ist nicht in der Lage, die Manipulationen zu erkennen, es sei denn, er liest einen Bericht mit einem anderen Tenor. Da im anderen «Lager» vermutlich nach dem ähnlichen Muster gearbeitet wird, gibt es kaum eine Chance eine halbwegs korrekte Darstellung eines Ereignisses zu erhalten.</p>
<p>Es ist inzwischen eine Binsenweisheit, dass «gut gemeint» oft das Gegenteil von «gut gemacht» bedeutet. Wir brauchen einen Journalismus, der dem Leser, der Leserin, dem Zuschauer, der Zuschauerin die Möglichkeit gibt, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Wir brauchen keinen paternalistischen und bevormundenden Journalismus, der uns vor der «bösen Welt» beschützt. Wir brauchen keinen Meinungsjournalismus, der uns das Denken abnimmt. Wir brauchen keine Interpretationen von Ereignissen – wir brauchen zunächst einmal die Meldung. Demokratie bedeutet Streit; Streit mit Argumenten. Medien sind dafür da, den Bürger mit Argumenten zu bedienen. Hierfür sollen sie korrekt berichten; wenn sie kommentieren, d. h. eine persönliche Sicht eines Berichterstatters wiedergeben, muss dies explizit als solches ausgewiesen werden. Manipulationen, Denkverbote oder falsch verstandene Rücksichtnahmen können gerade das potenzieren, was man verhindern möchte. <a href="http://diekolumnisten.de/2016/01/14/kommunikations-super-gau-koeln/" target="_blank">In anderen Ländern hat dies das Erstarken der ungeliebten politischen Kräfte nicht aufhalten können</a>, sondern womöglich sogar beschleunigt.</p>
<p>Der Vertrauensverlust des Journalismus lässt sich mit heroischen Posen, Durchhalteparolen oder bräsiger Arroganz nicht aufhalten. Wo es darum geht, Grundrechte zu verteidigen, ist die Sichtbarmachung einer klaren Haltung auch für öffentlich-rechtliche Medien legitim. Aber nicht als Freipass für Meinungsmache misszuverstehen. Und dieser Grat dazwischen ist ein schmaler.Was benötigt wird, ist Handwerk. Denn es muss unter allen Umständen verhindert werden, dass sich jeder nur noch in seiner medialen Blase «informiert». Die Auswirkungen dieser Entwicklung auf das politische Umfeld sind fatal.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/01/19/bitte-keinen-bevormundungsjournalismus-2/">Bitte keinen Bevormundungsjournalismus!</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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