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	<title>Moritz von Uslar | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Und jetzt noch mal auf Deutsch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Fabian Baumann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Jul 2013 09:50:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Martin Meyer]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Moritz von Uslar]]></category>
		<category><![CDATA[Schwurbel]]></category>
		<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Feuilletonisten pflegen hohe intellektuelle Ansprüche und drücken ihre Gedanken entsprechend komplex aus. Oft dient aber der pseudo-intellektuelle Jargon dazu, inhaltliche Schwächen zu überdecken. Dem Schwurbel auf der Schliche. Geht es um schlechten Schreibstil, sind die Journalisten spätestens seit Alexander Popes Satiren eines der beliebtesten Angriffsziele. Oftmals zu Recht: Auch heute neigt ein grosser Teil von <a href="https://medienwoche.ch/2013/07/01/und-jetzt-noch-mal-auf-deutsch/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Feuilletonisten pflegen hohe intellektuelle Ansprüche und drücken ihre Gedanken entsprechend komplex aus. Oft dient aber der pseudo-intellektuelle Jargon dazu, inhaltliche Schwächen zu überdecken. Dem Schwurbel auf der Schliche.<br />
<span id="more-14760"></span><br />
Geht es um schlechten Schreibstil, sind die Journalisten spätestens seit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Pope" target="_blank">Alexander Popes</a> Satiren eines der beliebtesten Angriffsziele. Oftmals zu Recht: Auch heute neigt ein grosser Teil von ihnen dazu, den Leser mit den immergleichen Phrasen und Gemeinplätzen zu langweilen (ein besonders schlimmes Beispiel ist die Selbstbeschreibung als <a href="https://www.google.ch/search?q=%22Journalist+aus+Leidenschaft%22&amp;oq=%22Journalist+aus+Leidenschaft%22&amp;aqs=chrome.0.57j62l3.1995j0&amp;sourceid=chrome&amp;ie=UTF-8" target="_blank">«Journalist aus Leidenschaft»</a>). Aber bis zu einem bestimmten Grad gehören tote Metaphern und abgenutzte Redensarten auch zu einer Mediensprache dazu und schaffen einen sprachlichen Code, der durch den Wiedererkennungseffekt die Verständlichkeit erhöht.</p>
<p>***<br />
Replik von Lothar Struck: <a href="https://medienwoche.ch/2013/07/05/auf-einer-glatze-locken-drehen/">Auf einer Glatze Locken drehen</a><br />
***</p>
<p>Im Feuilleton ist dagegen das gegenteilige Extrem verbreitet. Gewisse Kultur-Redaktoren unterstreichen ihre intellektuelle Brillanz gerne durch eine besonders gewählte, syntaktisch komplizierte und mit Fremdwörtern durchsetzte Sprache. Bei genauer Betrachtung bekommt man allerdings oft den Eindruck, dass dieser prätentiöse Stil bloss dem Kaschieren des schwachen Inhalts dient. Oder nach Karl Kraus: «Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können: Das macht den Journalisten.» Diese Gewohnheit ist im deutschsprachigen Feuilleton häufig, und ich habe deshalb ziemlich willkürlich ein paar besonders krasse Beispiele ausgesucht, die mir in den letzten Monaten aufgefallen sind.</p>
<p>Den Anfang macht, wenig überraschend, die NZZ, und zwar in der Person von Martin Meyer, dem NZZ-Feuilletonchef mit dem fast schon <a href="https://medienwoche.ch/2012/02/28/im-hort-der-hochkultur" target="_self">sympathisch elitären Kulturbild</a>. Am Ostersamstag veröffentlichte Meyer unter dem etwas hochtrabenden Titel <a href="http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/schuld-und-buehne-1.18055624" target="_blank">«Schuld und Bühne: Konjunkturen der Hypermoral»</a> einen Essay über &#8230; ja, worüber eigentlich?</p>
<blockquote><p>«Wenn die Zukunft ihre Richtung verliert, schlagen die Stunden der Kleingeisterei. Natürlich ist gerichtete Zukunft eine Illusion. Skeptiker und Experten der Bodennähe wissen, dass der Kompass sein turbulentes Eigenleben führt. Weder läuft der Fortschritt – oder das, was wir von ihm gelten lassen – linear, noch bildet er per saldo nur Gewinne. Auch ist Vertrauen in die Akteure, die entscheiden und – oftmals dann ganz anders – handeln, wenig angebracht. Dennoch: Der Glaube versetzt bekanntlich nicht nur Berge, er hält zusammen und stiftet ein Klima gemeinschaftlicher Werte. Die Formel dafür wäre: Wir sind unterwegs.»</p></blockquote>
<p>Schon der Einstiegsparagraph ist ein Meisterwerk des pseudo-intellektuellen Obskurantismus. Die eher banale Aussage dieser sieben Sätze liesse sich problemlos in einem einzigen zusammenfassen: Obwohl die Geschichte nicht geradlinig vorwärts läuft, ist Fortschrittsglaube angebracht. Aber als NZZ-Feuilletonchef muss man ja eine Zeitungsseite füllen, egal ob man etwas zu sagen hat oder nicht.</p>
<p>Im gleichen Geiste geht es weiter. Ohne Rücksicht auf Klarheit und Verständlichkeit richtet Meyer einen Eintopf aus Versatzstücken der Weltgeschichte an (Hitler! Lenin! Auszug aus Ägypten!), rührt grosszügig unnötige Fremdwörter dazu (Dezennien! Hypokrisie! Tribunalisierungen!), bestreut sein Werk mit Banalitäten («Dass dabei Opfer nötig sind, gehört zum Spiel mit hohen Einsätzen»), und schafft es so beinahe, intellektuell zu wirken, ohne einen einzigen Gedanken zu Ende zu denken. Am Ende des Artikels erklärt er dann in ein paar Sätzen, worum es ihm eigentlich geht – sein Unbehagen gegenüber der angeblich allgegenwärtigen Political Correctness &#8211; und macht damit das ganze vorhergehende Geschwauder erst recht unnötig.</p>
<p>«Dabei verdunkelt sich die – allerdings fundamentale – Binsenwahrheit, dass nur verteilt und umverteilt werden kann, was zuvor erworben und eingelegt wurde», schreibt Meyer. Er hätte seinen Artikel auch treffend mit «Sich verdunkelnde Binsenwahrheiten» überschreiben können. Sein prätentiöser Schreibstil dient wohl dem einzigen Zweck, unaufmerksame Leser mit angeblicher Gelehrtheit zu beeindrucken und vielleicht auch etwas einzuschüchtern.</p>
<p>Das fängt ja schon beim Titel an: nichts gegen Wortspiele (ist auch egal, dass der selbe Titel zuvor schon im Januar <a href="http://www.tagesspiegel.de/wissen/gestaendnis-von-lance-armstrong-schuld-und-buehne/7654950.html" target="_blank">im Tagesspiegel</a>, danach im April im <a href="http://www.neues-deutschland.de/artikel/818679.schuld-und-buehne.html" target="_blank">Neuen Deutschland</a> und sogar schon <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46290020.html" target="_blank">1967 im Spiegel</a> verwendet wurde), aber mit «Schuld und Bühne» hat der Grossteil des Artikels eigentlich eher wenig zu tun. Es bleibt der Wiedererkennungseffekt, der wohl dem Klassenzusammenhalt dienen soll: Dostojewski, klar, hab ich auch im Regal, bin schliesslich ein guter Bildungsbürger.</p>
<p>Doch genug von Meyer. Am 18. Mai erschien, ebenfalls in der NZZ, ein Artikel von Joachim Güntner unter dem Titel <a href="http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/niemand-will-die-hausfrau-loben-1.18083138" target="_blank">«Verfall eines Selbstbildes: Niemand will die Hausfrau loben»</a>. Darin betrauert Güntner, dessen Stil gewöhnlich verständlich und interessant ist, den Rückgang an Hausfrauen (von Hausmännern ist erst gar nicht die Rede) in der heutigen Gesellschaft. Nach relativ klarem Beginn lässt er sich aber doch dazu hinreissen, den intellektuellen Zweihänder auszupacken:</p>
<blockquote><p>«Die Frauenbewegung von den Suffragetten bis zu Simone de Beauvoir hat dafür gekämpft, die Hausarbeit aufzuwerten, sie der Erwerbsarbeit gleichzustellen. Stattdessen haben wir es nun mit ihrer fortschreitenden Entwertung zu tun. Man beachte die Dialektik.»</p></blockquote>
<p>Natürlich hätte man da auch (etwas formelhaft) von der «Ironie des Schicksals» sprechen können. Aber als Feuilletonist wirft man dann doch lieber das magische D-Wort in den Raum. Vielleicht hilft es sogar, die zweifelhafte Argumentation zu verschleiern: Güntner bedauert die Entwertung der Hausarbeit, missachtet dabei aber, dass die Hausarbeit durch den technischen Fortschritt auch einfach weniger wurde und sich daher erst mit Erwerbstätigkeit verbinden liess. Er sagt also quasi, dass die Reduzierung der Hausarbeit den Zielen der Frauenbewegung entgegen steht. Mit ähnlicher Logik könnte man auch behaupten, dass Mahatma Gandhi, der sich für die Rechte der Leprakranken einsetzte, den heutigen Rückgang der Lepra bedauern würde.</p>
<p>Doch natürlich findet sich prätentiöser Stil nicht nur bei den gesetzten Herren der Neuen Zürcher Zeitung. So veröffentlichte Moritz von Uslar, der 42-jährige Jungstar des deutschen Kulturjournalismus, am 9. Mai in der ZEIT einen Text über die <a href="http://www.zeit.de/2013/20/maler-georg-baselitz-steuerfahndung" target="_blank">Steuerprobleme des Malers Georg Baselitz</a>. Zumindest geht es darum während zweieinhalb Sätzen, bevor der Text zur Beschreibung eines Besuchs bei Baselitz vor zwei Jahren abdriftet. Den inhaltlich eher belanglosen Text versucht von Uslar durch einen Schreibstil aufzupolieren, den er wohl für «peppig-intellektuell» hält. Zum Teil liest sich das wie eine mittelmässige Goethe-Parodie («Baselitz wird – schöne Sache, scheußliche Sache – der Kanzlerkünstler») und zum Teil weiss der Autor wohl selber nicht, was er meint, etwa wenn er über Baselitzens «Glatzkopf, den man natürlich einen guten nennen muss» schreibt.</p>
<p>Von Uslar stellt auch tiefgründige Überlegungen zum deutschen Nationalcharakter an: «Georg Baselitz gilt heute ja immer auch – was gleichzeitig wunderbar bedeutsam und hohl klingt – als der deutscheste aller Maler.» Und: «Was ist so deutsch am deutschen Maler Georg Baselitz? Natürlich der Existenzialismus». Aha. Und was ist so französisch am französischen Philosophen Sartre? Natürlich der Existenzialismus. Was ist so russisch am russischen Schriftsteller Dostojewski? Natürlich der Existenzialismus. Was ist so deutsch an diesem Satz des deutschen Journalisten Moritz von Uslar? Natürlich die Inhaltslosigkeit. Einmal mehr hat man das Gefühl, es ginge vor allem darum, ein intellektuelles Schlagwort anzubringen: Dialektik, Existenzialismus, Pseudotachylit.</p>
<p>Natürlich kann man Moritz von Uslar – wohl im Gegensatz zu Martin Meyer – zu gute halten, dass er eine gewisse ironische Distanz wahrt. Aber so witzig ist sein Stil dann auch wieder nicht, dass er den Mangel an Aussagekraft überdecken würde. So bleibt der Artikel mehr hohl als wunderbar bedeutsam.</p>
<p>Damit ich richtig verstanden werde: Dies ist kein Plädoyer für eine unoriginelle, simple und letztlich langweilige Sprache. Es ist aber durchaus ein Plädoyer dafür, seine Gedanken so verständlich als möglich auszudrücken, anstatt inhaltliche Schwächen mit pseudo-intellektuellem Geschwätz zu verschleiern. Denn leider scheint es im deutschsprachigen Feuilleton doch oft so zu sein: Je anstrengender ein Artikel zu lesen ist, desto weniger hat er zu sagen.</p>
<p>Man beachte die Dialektik.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/07/01/und-jetzt-noch-mal-auf-deutsch/">Und jetzt noch mal auf Deutsch</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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