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	<title>Nicola Steiner | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Das primitive Bedürfnis nach Streit und Zoff</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Sep 2016 12:51:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Michelle Steinbeck]]></category>
		<category><![CDATA[Nicola Steiner]]></category>
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		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Verunglimpfung einer Autorin durch Kritikerin Elke Heidenreich jüngst im Literaturclub des Schweizer Fernsehens kommt nicht von ungefähr: Die Pathologisierung der Schriftstellerin, deren Werk Heidenreich verabscheut, steht symptomatisch für eine Beschäftigung mit Büchern, die nicht zwischen Leben und Werk zu trennen vermag. Als TV-Unterhaltung funktioniert das. Mit Literaturkritik hat das aber nichts zu tun. Dieses <a href="https://medienwoche.ch/2016/09/15/das-primitive-beduerfnis-nach-streit-und-zoff/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/09/15/das-primitive-beduerfnis-nach-streit-und-zoff/">Das primitive Bedürfnis nach Streit und Zoff</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Verunglimpfung einer Autorin durch Kritikerin Elke Heidenreich jüngst im Literaturclub des Schweizer Fernsehens kommt nicht von ungefähr: Die Pathologisierung der Schriftstellerin, deren Werk Heidenreich verabscheut, steht symptomatisch für eine Beschäftigung mit Büchern, die nicht zwischen Leben und Werk zu trennen vermag. Als TV-Unterhaltung funktioniert das. Mit Literaturkritik hat das aber nichts zu tun.<br />
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Dieses Buch sei «grauenhaft», «entsetzlich», «unehrlich», «verlogen», «…und wenn das ernst gemeint ist, dann hat die Autorin eine ernsthafte Störung». So lautete das Verdikt von Elke Heidenreich im Literaturclub vom 30. August 2016 über das Buch «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» von Michelle Steinbeck. In dem Buch wird die «phantastische Reise» (Verlagstext) einer Protagonistin erzählt, die sich mit einem toten Kind im Koffer zu ihrem Vater aufmacht. Das Buch selber meinte Heidenreich mit den letzten beiden Adjektiven und ihrer Conclusio wohl eher nicht. Das Urteil zielte auf die Autorin und deren Gesundheitszustand, über den sie anhand eines fiktiven Textes Mutmassungen anstellte.</p>
<p>Dabei gehört es eigentlich zu dem Kleinen Einmaleins der Literaturkritik, dass man den Erzähler, auch wenn er/sie als «Ich» auftritt, nicht mit dem Autor gleichsetzen darf. Ein Roman, eine Erzählung ist keine Dokumentarschrift oder Reportage, die der Realität verpflichtet ist. Mit der vermeintlichen Einschränkung «wenn das ernst gemeint ist» suggeriert Heidenreich genau das.</p>
<p>Für einen fiktiven Text verbietet sich das Kriterium «ernst gemeint», sofern damit vorausgesetzt wird, dass es sich um eine realistische Schilderung handelt. Daher kann ein fiktiver Text auch nicht «unehrlich» oder «verlogen» sein. Man mag eine Figur oder den Erzähler entsprechend charakterisieren und hierfür aus dem Text Beispiele anbringen, aber das Buch selber kann diese Eigenschaften nie besitzen. Heidenreich meint also in diesem Fall die Unehrlichkeit der Autorin, was schliesslich in den Befund der «ernsthaften Störung» mündet.</p>
<p>Die Verwechslung zwischen Leben und Werk mag für Gelegenheitsleser nicht besonders wichtig sein. Sie feiert im Übrigen im inzwischen ausufernden Biographismus des Feuilletons ein veritables Comeback, nachdem sie in den 1960er Jahren mit Roland Barthes voreiliger Diagnose vom «Tod des Autors» fast verschwunden schien. Die Vorteile, sich vermehrt direkt nach autobiographisch auffindbaren Versatzstücken in einem Werk zu orientieren, liegen auf der Hand. So wird der Kritiker entlastet, den Text zunächst einmal (zeitaufwendig) nach ästhetischen Kriterien abzuklopfen. Übereinstimmungen (oder auch Differenzen) zum «real-life» können zudem eindeutig benannt werden.</p>
<p>Die Übereinstimmung zwischen Leben und Werk wird somit immer mehr zum Kriterium für ein «gutes Buch». Das Zauberwort heisst Authentizität. So wird Literaturkritik zunehmend und gerne personalisiert. Interviews oder andere ausserliterarische Marketingmassnahmen können somit besser mit dem Werk verknüpft werden. Diese Gleichsetzung befördert beim Leser die Identifikation; so wird Literatur emotionalisiert. Gleichzeitig wird der Name des Autors zur Marke am Markt. So heisst es denn häufig genug, dass «der neue X» (oder «die neue Y») erschienen sei. Die Lektüre ist dann irgendwann fast überflüssig; die Beschallung in den Medien konditioniert das Urteil auch ohne anstrengende Lektüre.</p>
<p><a href="http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/ich-bin-psychisch-stabil/story/27515068" target="_blank">Diesen medialen Gesetzen beugt sich dann auch Michelle Steinbeck</a>, in dem sie sich einige Tage nach der Heidenreich-Invektive in einem Interview genötigt sieht zu erklären, dass sie nicht psychisch gestört sei. Die Ungeheuerlichkeit dieses Rechtfertigungszwangs wird von den meisten Kommentatoren gar nicht thematisiert. Spinnt man diese Entwicklung weiter, werden sich wohl bald beispielsweise Kriminalschriftsteller in vorauseilendem Gehorsam mit polizeilichen Führungszeugnissen melden, in denen ihnen bescheinigt wird, keine Kapitalverbrechen begangen zu haben.</p>
<p>Wie problematisch ein solcher Umgang mit Literatur ist, zeigt sich auch an einem anderen aktuellen Buch. In <a href="https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article157902043/Gerade-ist-es-nicht-sehr-hip-depressiv-zu-sein.html" target="_blank">Interviews</a> zu seinem neuen Buch «Die Welt im Rücken» thematisiert Thomas Melle offen seine bipolare Störung. Der Autor untergräbt dabei die Trennung zwischen Erzähl-Ich und Schöpfer bewusst. Wie ist nun ein solches Buch literaturkritisch zu lesen, ohne zugleich der Person des Autors zu nahe zu kommen? Hier hätte nämlich Heidenreichs Befund keinerlei Wirkungsmacht mehr. Damit zeigt sich, dass ihre Entgleisung keinen literaturkritischen Wert besitzt. Die Tatsache ob bei einem Autor, einer Autorin, eine wie auch immer geartete «Störung» vorliegt, hat zunächst einmal nichts mit der literarischen Qualität eines Werkes zu tun. Den Leser voreilig damit zu konditionieren, ist tendenziös und manipulativ.</p>
<p>Es ist kein Geheimnis, dass Elke Heidenreich eine Protagonistin dieser trivialisierten, personalisierten Pseudo-Literaturkritik ist. Als das ZDF 2008 die Sendung «Lesen!» absetzte, protestierten zahlreiche Verleger beim Sender. Die Sendung sei ein «wichtiger Umsatzverstärker» für ihre Branche, lautete eines der Argumente. In manchen Kreisen kursierte derweil der Witz, die Sendung sollte man von «Lesen!» in «Kaufen!» umbenennen. Heidenreich sagte sich bewusst von der ästhetischen Betrachtung von Literatur los und empfahl nach ihrem Geschmack Bücher. Damit bediente sie zwei Strömungen: Zum einen wollten die Zuschauer nicht mit langatmigen literaturkritischen Betrachtungen belästigt werden. Was zählte – das hatte am Ende schon Marcel Reich-Ranicki erkannt – ist die Kaufempfehlung. Zum anderen waberte in der Sendung ein veritabler Anti-Intellektualismus, der mit einer Missionierung des Lesers einherging: Nur sie, Elke Heidenreich, wisse, was gut ist; man solle ihr vertrauen. Diesen Populismus hält sie bis heute durch.</p>
<p>Mit dem jüngsten Fauxpas brandete die Diskussion um ihre Teilnahme im «Literaturclub» erneut auf. <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/die-autorin-hat-eine-ernsthafte-stoerung/story/16032536" target="_blank">Guido Kalberer konstatierte</a>, dass sie inzwischen zur Hypothek für Sender und Sendung würde und entdeckte in der Wortwahl «ein historisch schwer belastetes Erbe». Der engagierte und umtriebige <a href="http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/elke-heidenreich-im-literaturclub-die-verluderung-der-kritik-ld.115226" target="_blank">Roman Bucheli von der NZZ</a> wies auf die Belustigungen bei den Zuschauern hin und sprach von der «Verluderung der Kritik». Rico Bandle hingegen verteidigt Heidenreich in der Weltwoche mit Vehemenz, macht aus ihr eine «Anwältin der Leser» und stellte fest, dass sie «mehr für die Literatur getan [habe] als alle zusammen, die nun in peinlicher Eintracht auf sie einprügeln».</p>
<p>Dabei stützt sich Bandle natürlich auf die Wirkung ihrer oben genannten Kaufempfehlungssendung. Für den Weltwoche-Kulturchef ist es wohl singuläre Aufgabe der Kritik, aus Büchern Bestsellern zu machen. Hans-Magnus Enzensberger sagte diese Entwicklung in den 1980er Jahren bereits voraus und erfand den Begriff des «Zirkulationsagenten». Den Angriff Heidenreichs auf Steinbeck subsumiert Bandle unter «Klartext»; da wüsste man gerne seine Reaktion, wenn man ihm in der Öffentlichkeit eine «Störung» andichten wollte</p>
<p>Noch frappierender als Heidenreichs Missgriff sind die Reaktionen darauf in der Sendung. Fast synchron fielen zunächst die drei Diskutanten Heidenreich ins Wort, was diese aber – auch das ist hinlänglich bekannt – nicht davon abhielt, einfach weiterzureden. Im weiteren Verlauf kam dann niemand mehr zu diesem Buch hinreichend zu Wort, auch Thomas Strässle, der Steinbecks Roman vorgeschlagen hatte, nicht mehr. Dauernd wurde er unterbrochen. Nicola Steiner als Moderation versagte einmal mehr. Sie ist eine veritable Fehlbesetzung, hetzt von Programmpunkt zu Programmpunkt, hat keine Geduld noch ist sie hinreichend kompetent, ihre eigene Sichtweise auf ein Buch mit der Moderatorenrolle abzugleichen. Ein prägnantes Beispiel war, dass ihr offenbar der Sprechduktus von Alain Claude Sulzer zu langsam war und sie daher mehrmals wie eine Lehrerin Sulzers Sätze ergänzte.</p>
<p>Elke Heidenreich aber auch Philipp Tingler befriedigen im «Literaturclub» immer mehr das eher primitive Bedürfnis nach Streit und Zoff. Damit weder der Literatur noch der Literaturkritik gedient. All die Literaturwissenschaftler, Autoren und ernsthaften Kritiker, die diese Sendung mit ihrer Anwesenheit noch eine seriöse Aura verleihen, sollten Abstand vom «Literaturclub» nehmen. Stattdessen sollte die Sendung nur noch mit Zirkulationsagenten und Krawallanten bestückt werden, die ihre Empfehlungen in die Kamera halten und dann ein paar Minuten drauflosloben oder hinrichten dürfen. Nicola Steiners Frage «Lesen?» würde dann entfallen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/09/15/das-primitive-beduerfnis-nach-streit-und-zoff/">Das primitive Bedürfnis nach Streit und Zoff</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Weniger Kritik, mehr Emotionen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Nov 2014 09:20:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Nicola Steiner]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach den Wirren um den Abgang von Stefan Zweifel als Moderator befindet sich der «Literaturclub» unter der Leitung von Nicola Steiner auf dem Weg zu einer Neupositionierung. Nach drei Sendungen zeichnet sich ab, dass die eigentliche Literaturkritik in der neuen Runde einen schweren Stand haben dürfte. Vielleicht kann man die Streitigkeiten aus dem Frühsommer des <a href="https://medienwoche.ch/2014/11/21/weniger-kritik-mehr-emotionen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nach den Wirren um den Abgang von Stefan Zweifel als Moderator befindet sich der «Literaturclub» unter der Leitung von Nicola Steiner auf dem Weg zu einer Neupositionierung. Nach drei Sendungen zeichnet sich ab, dass die eigentliche Literaturkritik in der neuen Runde einen schweren Stand haben dürfte.<br />
<span id="more-22156"></span><br />
Vielleicht kann man die Streitigkeiten aus dem Frühsommer des Jahres um den damaligen <a href="https://medienwoche.ch/tag/literaturclub/" target="_self">«Literaturclub»-Moderator Stefan Zweifel</a> auf eine einfache Formel reduzieren: Zweifel verstand den «Literaturclub» als Raum, in dem Literaturkritik angewandt werden sollte. Die Redaktion wollte stattdessen Literaturjournalismus.</p>
<p>Das neue <a href="http://www.srf.ch/sendungen/literaturclub/kritikerteam-2" target="_blank">Kritikerteam des «Literaturclub»</a> besteht aus acht Personen, die im Wechsel um die Moderatorin Nicola Steiner über literarische Bücher (meist Neuerscheinungen) diskutieren sollen. Dabei waren Hildegard E. Keller, Rüdiger Safranski und Elke Heidenreich bereits bei Stefan Zweifel dabei. Neu hinzu gekommen sind Philipp Tingler (Philosoph und Autor), die Kritiker Martin Ebel und Julian Schütt und die Literaturwissenschaftler Thomas Strässle und Christine Lötscher.</p>
<p>Die Frage, ob der «Literaturclub» im neuen Gewand noch ein «Literatur»-Club oder nicht doch eher eine Art Buchclub mit einem Überhang von teilweise lieblos vorbereiteten Literaturjournalisten ist, kann man auch nach drei Sendungen noch nicht abschliessend beantworten. Im nachfolgenden versuche ich, die sich mir aufzeigende Tendenz zu skizzieren.</p>
<p>Der Unterschied zwischen Kritik und Journalismus ist deutlich: Literaturkritik beschäftigt sich zunächst originär mit einem vorliegenden Text, analysiert dessen Sprache, ordnet eventuell das Werk in die Literaturgeschichte ein und gibt ein begründetes Urteil ab. Kritiker haben – so sollte es wenigstens sein – das Buch aufmerksam und vollständig gelesen, und nicht nur <a href="http://www.uni-bielefeld.de/erziehungswissenschaft/scs/pdf/leitfaeden/studierende/lesetechniken.pdf " target="_blank">«diagonal»</a>. Kritik abstrahiert tunlichst von ausserliterarischen Umständen wie Biographie, medialer Präsenz, kommerziellem Erfolg und politischer Gesinnung des Autors, der Autorin. Der Literaturjournalismus, der die Buchberichterstattung auch in den Print-Feuilletons längst zu dominieren beginnt, verwertet mit Vorliebe ausserliterarische Kriterien, orientiert sich an der Person des Autors, Bestsellerlisten, Preisen und kleinen und grossen Skandalen.</p>
<p>Literaturjournalisten bedienen sich für ihre Urteilsbildung gerne mit den von Verlagen herausgebrachten sogenannten Waschzetteln und anderer Kritiken. Sie lesen häufig nur noch ausschnittweise. Sibylle Lewitscharoffs Katzenkrimi oder Martin Heideggers Notizbuch muss man, so die unausgesprochene These, nicht zwingend vollständig gelesen haben um sie abzulehnen. Ausserliterarische Kriterien genügen; zur Not werden Zitate herbeimanipuliert. Das Bestehen auf korrektes Zitieren wird als Erbsenzählerei bewertet.</p>
<p>Eines der beliebtesten Spiele von Literaturjournalisten ist das Suchen nach Übereinstimmungen zwischen Text und Biographie des Autors; das erspart eine tiefergehende literarische Auseinandersetzung beispielsweise mit der Sprache des Werkes. Sympathie oder Antipathie mit dem jeweiligen Autor, der Autorin, genügen. Im Fall von Thomas Pynchon (17.11.) thematisiert man zur Not das Gegenteil &#8211; dessen vollständige mediale Absenz. Die Suche nach Übereinstimmungen zwischen Fiktion und Realität lässt Literaturjournalisten häufig vergessen, dass Literatur per se fiktional ist, auch wenn sie noch so «realistisch» daherkommt.</p>
<p>Dies war sehr gut in der September-«Literaturclub»-Sendung zu beobachten. Charles Lewinskys «Kastelau» ist zwar ein Roman, ist jedoch teilweise aufgemacht als eine Art Doku-Fiction mit (scheinbar) lexikalischen und dokumentarischen Einschüben. Nicole Steiner sah sich in der Diskussion veranlasst auf die «Pointe des Buches» hinzuweisen, «die man auch verraten darf»:<br />
«Das alles ist erfunden!» Perplex über dieses investigative Postulat bekundete Julian Schütt immerhin, dass er «überhaupt keine Mühe damit» habe. Zurück blieb ein etwas verstörter Philipp Tingler, der den fiktionalen Status des Buches niemals in Zweifel gezogen hatte.</p>
<p>Es gibt keine Scheu mehr, das Etikett «Bestseller» als Kriterium heranzuziehen. Insgeheim fungiert die Bezeichnung «Bestsellerautor» als Qualitätsmerkmal. Mindestens schwingt Bewunderung mit, als sei durch die Anzahl der verkauften Exemplare ein ästhetisches Urteil gesprochen). So verblüffte Nicola Steiner in ihrer ersten Sendung als «Literaturclub»-Moderatorin mit einer Äusserung über einen so genannten Bestsellerautor: «Was Charles Lewinsky anfasst wird zu Gold». Überhaupt formulieren Literaturjournalisten gerne in Schlagworten und verwenden – sowohl im Verriss wie auch im Lob &#8211; häufig übertriebene Superlative. So wird eine gelungene Familiensaga sofort mit Thomas Manns «Buddenbrooks» verglichen (wie «Tiefland» von Jhumpa Lahiri am 21.10.). Der Grund liegt darin, dass der potentielle Leser vielleicht noch Manns Buch (namentlich) kennt, während andere, sich besser eignende Vergleichsbücher beim breiten Publikum unbekannt sind und somit die empfehlende Wirkung verfehlt würde. So greift der Vergleich fast immer weit über das tatsächliche Niveau eines zu besprechenden Textes hinaus und wird zum Superlativ. Nähme man diese Vergleiche Ernst, müssten überall Nachfolger von Franz Kafka, Patricia Highsmith, Virginia Woolf oder James Joyce schreiben. Die Realität sieht anders aus.</p>
<p>Da Literaturjournalisten ihre persönlichen Befindlichkeiten bei der Lektüre absolut setzen, wirken ihre subjektiven Urteile «authentisch». Das ist gewollt, denn längst ist es ein Merkmal des Literaturjournalismus geworden, dass die eigene Person als Marke im «Betrieb» installiert und, das ist wichtig, inszeniert wird. Literaturjournalisten werden damit das Öl in der Maschinerie des Buchbetriebs, sie mutieren häufig (vielleicht ungewollt) zu PR-Managern von Verlagen.</p>
<p>Dabei dominieren zwei Kategorien von Urteilen: Geschmacksurteile und emotionale Bewertungen. Geschmacksurteile sind immun gegen Kritik, denn über einen persönlichen Geschmack kann man nicht diskutieren. Für die Emotionalisierung des Leseeindrucks gilt ähnliches: «Die Urteile des Gefühls können niemals irren. Dass mir etwas angenehm sei, wenn ich es fühle, ist jederzeit wahr.» (Immanuel Kant, aus: «Köche ohne Zunge», Steidl-Verlag 2014, ). Um beiden Urteilskategorien Relevanz einzuhauchen, gibt man sich gerne «postmodern», in dem Kriterien für literarische Texte rundheraus als nicht existent abgelehnt bzw. als gestrig denunziert werden. Fundierte Kritik bekommt dabei noch das Etikett «elitär».</p>
<p>Wie Literaturjournalismus funktioniert, zeigte Thomas Strässle in der Sendung vom 21. Oktober an einem Beispiel. In der Diskussion um Robert Seethalers Buch «Ein ganzes Leben» wurde über den Artikel des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» gesprochen, der auf die Gerüchte Bezug nahm, Teile von Seethalers Buch seien ein Plagiat aus Denis Johnsons «Train Dreams» . Die Überschrift (im gedruckten «Spiegel») lautete: «Ein Plagiat?» &#8211; zwar versehen mit einem Fragezeichen, aber dennoch suggestiv. Am Ende kam der Artikel allerdings zu dem Schluss, dass es sich nicht um ein Plagiat Seethalers handelt, aber die effekthascherische Überschrift empörte Strässle. Immerhin: <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-129211334.html" target="_blank">In der Online-Version</a> wählte man einen anderen Titel.</p>
<p>Zwei der acht Personen des neuen Kritikerteams kamen in den ersten drei Sendungen noch nicht zum Einsatz. Hildegard E. Keller und Martin Ebel  greifen erst im Dezember ein. Christine Lötscher wurde von der Moderatorin als «Expertin für Fantasy» vorgestellt, was hoffentlich nicht bedeutet, dass bald Vampirschmonzetten verhandelt werden. Rüdiger Safranski (mit Rotweinglas!) schien bei seinem Auftritt am 17.11. ein bisschen über den Dingen zu schweben. Sein Verriss von Thomas Pynchons «Bleeding Edge» hatte durchaus Grandezza. Er fand die Sprache «ranschmeisserisch», den Roman «bildungshuberisch» und attestierte Pynchon «juveniles Getue». Leider ging niemand auf die Übersetzung ein, die vielleicht eine Aufklärung ob der Sprache hätte geben können. Julian Schütt fiel vor allem dadurch auf, dass er in einer Minute den neuen Roman des frisch ausgerufenen Nobelpreisträgers Patrick Modiano verriss:_«dieser Modiano kann mir gestohlen bleiben». Hierzu hätte ich gerne mehr von ihm gehört, aber die Zeit war vorher mit anderem vertan worden (unter anderem mit einer überflüssigen Zwischenmoderation nach ungefähr der Hälfte der Sendung).</p>
<p>Philipp Tingler gab in den ersten beiden Sendungen sein Bestes, um einen literaturkritik-ähnlichen Diskurs zu implementieren. An Leidenschaft fehlte es ihm dabei nicht. So forderte er zweimal eine ertappte Elke Heidenreich auf, die Bücher auch zu lesen. Einmal entzündete sich der Streit bei der Frage, ob sich der Protagonist des Buches «Ein ganzes Leben» von Robert Seethaler freiwillig zum Krieg gemeldet hatte (Tingler) oder eingezogen worden sei (Heidenreich). Die anderen beiden Diskutanten schwiegen. Richtig ist, dass er sich zunächst freiwillig meldete und abgewiesen, später dann jedoch eingezogen wurde (sagte mir ein Leser).</p>
<p>Bei derart kontroversen Diskussionen (auch Tingler mit Julian Schütt in der ersten Sendung) bleiben die anderen Diskutanten ein wenig im Hintergrund, was bei Thomas Strässle in der zweiten Sendung schade war, denn er erfüllte noch am ehesten die Kriterien des sachorientierten, uneitlen Kritikers. Wobei dies nicht als Plädoyer für dröge Statementabsonderungen zu verstehen ist, sondern für strukturiert-sachlichen Streit. Hierfür eignet sich die neue Moderatorin Steiner übrigens ähnlich wenig wie Stefan Zweifel, wobei man bei Zweifel wenigstens das Gefühl hatte, dass er wusste, worüber man hätte kontrovers diskutieren müssen.</p>
<p>Die Debatte um Seethalers Buch in der Sendung vom 21.10. war dafür exemplarisch: Tingler griff frontal die Qualität des Buches an und entdeckte eine «Lawine des Kitsches». Prompt kam dann die Retourkutsche von Heidenreich zu Tinglers Vorschlag, Bernhard Schlinks «Die Frau auf der Treppe». Aus diesem Streit hätte sich eine erhellende Diskussion ergeben können, was Kitsch ist bzw. wie Tingler und Heidenreich Kitsch in der Literatur definieren. Steiner wich dem aus, thematisierte das nicht. Als sich beide ineinander verhakten, schrie sie schliesslich «Halt! Ich möchte auch mal was sagen!» – und griff den Gesprächsfaden nicht auf. Was blieb, war ein dampfendes Schlachtfeld; der Nebel für den Zuschauer undurchdringlich.</p>
<p>Nicola Steiner verstand sich nicht nur als Moderatorin, die eine Diskussion strukturiert, sondern beteiligte sich – wie alle ModeratorInnen des «Literaturclub» inklusive Stefan Zweifel – aktiv an den Debatten. So stellte sie Dave Eggers Buch «The Circle» als «das Buch der Stunde» vor. Es sei wahrlich «keine Dystopie, keine Zukunftsvision», sondern dicht an der Gegenwart. Tinglers Einwände («flach», «haarsträubend», «literarisch belanglos»)  insbesondere was die literarischen Qualitäten des Romans angehen, kontrastierte sie mit Empörung: «Jetzt könnte man behaupten, es muss literarisch belanglos sein, weil die Welt, die abgebildet wird, literarisch belanglos ist», so lautete ihre Replik. Die Einwände perlten an ihr ab, weil sie emotional argumentierte. Regelrecht ertappt fühlte sie sich – weil sie auch Bücher im Internet bestelle und Serien anschaue. Leider ist keinem der Diskutanten eingefallen, eine viel interessantere und vor allem auch literarisch gelungenere Prosa zum Thema «Big Data» und dessen Kommerzialisierung zu erwähnen: <a href="http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/s/benjamin_stein.htm" target="_blank">Benjamin Steins «Replay» von 2012</a>.</p>
<p>Eine der schlimmsten Auswüchse des Literaturjournalismus ist die pädagogisch daherkommende Bevormundung des Lesers. So posaunte Elke Heidenreich, ein Prototyp dieser Spezies, in ihrer ZDF-Sendung «Lesen!» jahrelang ihre Mission in das durch Zigtausende von Neuerscheinungen verunsicherte Publikum. Da passt es wohl, dass Nicola Steiner in ihren Moderationen zu Beginn gelegentlich fragt, «ob man das Buch [X] lesen muss» und am Ende der Diskussion häufiger die «Lesen?»-Frage in die Runde stellt – so, als erkundige sich die Richterin bei ihren Geschworenen nach Schuld oder Unschuld des Angeklagten. Aus dem Ausrufezeichen ist ein Fragezeichen geworden. Geblieben ist die Attitüde, den Rezipienten zum Glück zwingen bzw. vom Bösen abhalten zu wollen. Wer das dauerhaft aushält, muss ein gehöriges Mass an Ekel überwinden.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/11/21/weniger-kritik-mehr-emotionen/">Weniger Kritik, mehr Emotionen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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