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	<title>Perlentaucher | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Endzeit im Treibhaus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2015 11:56:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Perlentaucher]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Literaturkritik heisst heute nur noch Querlesen und Abarbeiten – mit dem Ergebnis eines trivialen Literaturjournalismus, frei von Reflexion und Kritik. Darauf kann das Netz nur beschränkt reagieren, weil es auch Teil des Problems ist. Als wenig hilfreich erweist es sich zudem, wenn sich das vermeintlich Neue als das Alte entpuppt. Anmerkungen und Beobachtungen zur laufenden <a href="https://medienwoche.ch/2015/07/08/endzeit-im-treibhaus/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/07/08/endzeit-im-treibhaus/">Endzeit im Treibhaus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Literaturkritik heisst heute nur noch Querlesen und Abarbeiten – mit dem Ergebnis eines trivialen Literaturjournalismus, frei von Reflexion und Kritik. Darauf kann das Netz nur beschränkt reagieren, weil es auch Teil des Problems ist. Als wenig hilfreich erweist es sich zudem, wenn sich das vermeintlich Neue als das Alte entpuppt. Anmerkungen und Beobachtungen zur laufenden «Perlentaucher»-Debatte zur Zukunft der Kritik.<br />
<span id="more-25137"></span><br />
Am gleichen Tag als Wolfram Schütte in seinem Essay <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/ueber-die-zukunft-des-lesens.html" target="_blank">«Über die Zukunft des Lesens»</a> das Konzept einer neuen Literaturzeitung im Internet entwarf, erschien auf der Blog-Plattform medium.com ein Text in ziemlich grossen Buchstaben mit sehr grosszügigen Absätzen mit dem ernüchternden wie einleuchtenden Titel <a href="https://medium.com/deutsch/warum-k%C3%B6nnen-wir-nicht-mehr-lesen-ec2117d79a79" target="_blank">«Warum können wir nicht mehr lesen?»</a></p>
<p>Damit der Autor dieses Textes nicht ganz so alleine steht, hatte er sinnigerweise sofort ein «Wir» eingebaut. Also nicht nur er kann nicht mehr lesen, sondern gleich «wir» alle. Begründet wird diese Aussage mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Es geht dabei dann nicht mehr um Denkfaulheit oder Aufmerksamkeitsdefizite des Einzelnen, sondern gleichsam um ein gesamtgesellschaftliches Versagen. Nein, der Einzelne ist unschuldig. So erfolgt eine wohlige Entlastung und man kann sich beruhigt noch einen Latte Macchiato bestellen.</p>
<p>Was hat dieser selbstmitleidige Schmarren mit Schüttes hehrem Ansinnen zu tun? Schütte ist 75 Jahre alt, war 30 Jahre in der Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Rundschau tätig und ist auch heute noch Rezensent für das <a href="http://titel-kulturmagazin.net/" target="_blank">Titel-Kulturmagazin</a>, <a href="http://www.glanzundelend.de/startseite.htm" target="_blank">Glanz und Elend</a> und <a href="http://culturmag.de/" target="_blank">CULTurMAG</a>. Ein gefragter und kundiger Literaturkritiker. Aber es scheint als sei die Zeit als Milch und Honig flossen (und bei Raddatz der Champagner) endgültig vorbei. Die Bedeutung des Feuilletons und mit ihm der Literaturkritik schwindet.</p>
<p>Ohne sie direkt zu erwähnen, nimmt Schütte auch Bezug auf eine Anfang des Jahres durch den Verleger Jörg Sundermeier angestossene Debatte über den Verfall der Literaturkritik. Sundermeier griff in einem Interview mit dem Fachmagazin «Buchmarkt» frontal die <a href="http://www.buchmarkt.de/content/61191-joerg-sundermeier-die-literaturkritik-droht-uns-allein-zurueck-zu-lassen-.htm" target="_blank">Qualität der Kritik</a> an, bemängelte die fehlende «Haltung» der Kritiker und kam zu dem vernichtenden Urteil, dass «manche festangestellten Literaturkritiker … viel viel mehr über edle Schuhe oder gutes Essen sagen [können] als über die Qualität literarischer Texte.»</p>
<p>In den 1950er Jahre nannte der Schriftsteller Wolfgang Koeppen den Regierungsbetrieb der Bundesrepublik im kleinen Städtchen Bonn, das zur Hauptstadt ernannt wurde, <a href="http://www.dieterwunderlich.de/Koeppen_treibhaus.htm" target="_blank">als «Treibhaus»</a>. Gemeint waren damit sowohl die klimatischen Gegebenheiten im deutschen Rheintal als auch die Ghettoisierung der politischen Klasse. Den Begriff des «Treibhauses» könnte man auch auf den sogenannten Literaturbetrieb anwenden. Im Allgemeinen reagiert man dort auf solche Anschuldigungen mit der wirkungsvollsten Waffe, die man zur Verfügung hat: Man ignoriert sie zunächst, besonders wenn sie von ausserhalb des hermetischen Betriebs aufgebracht wird. Selbstreflexion ist eher nicht vorgesehen, sie stört das Tagesgeschäft. Ignoranz war bei Sundermeier, dem Inhaber des kleinen, aber ambitionierten «Verbrecher-Verlags» nicht möglich. Also entstand eine «Debatte», in der jedoch nur die Stimmen aus dem Betrieb selber Gewicht erhielten. Am Ende standen dann die erwarteten Resultate:</p>
<ol>
<li>Früher war es nicht besser (Hierarchieebenen in den Redaktionen)</li>
<li>Das Internet ist schuld, dieses <a href="http://www.buchwissenschaft.uni-mainz.de/fileadmin/Dokumente/Flyer_Kolloquium_2015.pdf" target="_blank">«Endlosgeplapper» (Sandra Kegel)</a> in Amazon-Kritiken und Blogs.</li>
<li>Es ist nicht alles gut in der zeitgenössischen Literaturkritik (homöopathische Selbstkritik), aber auch nicht so schlecht. Man beharrt auf seine <a href="http://www.literaturcafe.de/ijoma-mangold-im-gespraech-wozu-braucht-man-noch-literaturkritiker/" target="_blank">«Selektionsautorität» (Ijoma Mangold)</a>.</li>
</ol>
<p>Dass sich gut bezahlte Redakteure nach wie vor als die einzigen Instanzen sehen, ist nicht verwunderlich. Schade ist nur, dass sie dies nicht argumentativ untermauern, sondern im Behauptungsmodus verharren.</p>
<p>Tatsächlich ist der qualitative Niedergang der Literaturkritik ein schleichender Prozess. Der sprichwörtliche Frosch sitzt im Topf während das Wasser immer heisser wird und er nicht reagiert. Nicht anders ergeht es der Leserin, dem Schauer oder der Hörerin. So bleiben die Veränderungen nahezu unbemerkt. Es waren nicht Amazon &amp; Co. oder irgendwelche Blogger, die so gerne als die üblichen Verdächtigen herhalten müssen, die dies bewirkt haben. Es waren diejenigen, die in den Tempeln des Feuilletons prominente Plätze einnehmen bzw. eingenommen hatten, die zu einer Verwässerung dieses Genres beigetragen haben.</p>
<p>Marcel Reich-Ranicki bekannte einmal, dass sein Vorgänger in der Feuilletonleitung der FAZ, Karl Heinz Bohrer, das Ressort «mit dem Rücken zum Publikum redigiert» habe. Reich-Ranicki änderte dies in der FAZ und ging danach Ende der 1980er Jahre mit dem «Literarischen Quartett» ins Fernsehen. Dort hat er dann «das flächendeckend durchgesetzt, was als letzte Konsequenz wissenschaftlicher Fragestellungen standardisiert wurde: den mehrheitsfähigen Geschmack», wie der <a href="http://www.goethe.de/kue/lit/prj/lit/ess/deu/de7415191.htm" target="_blank">Literaturkritiker Helmut Böttiger</a> feststellt.</p>
<p>Lange Zeit war das Feuilleton als integraler Bestandteil einer Zeitung nicht der Quote, also einer messbaren Legitimation, unterworfen. Entweder man kaufte die Zeitung als Ganzes oder gar nicht. Mit den perfekten Aufmerksamkeits-Messmethoden im Internet, die zeigen, wie und wann ein Text angeklickt wurde, offenbarte sich plötzlich das Interesse der Rezipienten. Bei wenig nachgefragten Texten entsteht schnell ein Legitimationsproblem, was sich wiederum auf das Angebot auswirkt. Hinzu kommt die Abhängigkeit von den Werbeeinnahmen, die immer mehr zurückgehen. Im Mai 2013 diagnostizierte <a href="http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/ein-leben-nach-dem-papier-1.18079214" target="_blank">NZZ-Literaturredaktor Roman Bucheli</a>: «Redaktionen können, um es zugespitzt auszudrücken, genau jene Zeitung produzieren, die der Werbemarkt zulässt».</p>
<p>Die Tendenz geht auch in der Literaturkritik unverdrossen in Richtung kurzer, eingängier Texte, die dementsprechend journalistisch aufbereitet werden. Dies bedeutet: Krachende Überschrift, Inhaltsangabe, Referenzen wie dem Lebenslauf des Autors und/oder irgendeiner Interviewäusserung. Schliesslich gibt es noch eine «Meinung» die sich oft genug auf ausserliterarische Aspekte gründet. Reflexionen über die Sprache eines literarischen Textes oder dessen Form, also das, was man unter Ästhetik subsumieren kann, unterbleiben zumeist. Chefredakteure haben ausgemacht, dass dies den Leser überfordern würde. In vorauseilender Sorge darum «verschonen» sie das Publikum damit. Der Literaturkritiker, der sich diesem Sog in die Trivialität verweigert, wird weniger nachgefragt werden. Und so werden aus Literaturkritikern Literaturjournalisten, die Infotainment betreiben statt Kritik.</p>
<p>Zur qualitativen kommt die quantitative Krise. Thierry Chervel, Erfinder und Chefredaktor des «Perlentauchers», erregte Anfang des Jahres für Aufsehen, als er auch noch die Anzahl der in den Feuilletons besprochenen Bücher als stark rückläufig darstellte. <a href="http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/ein-leben-nach-dem-papier-1.18079214" target="_blank">Der «Perlentaucher»</a> ist eine Kultur- und Feuilletonpresseschau im Internet, der für die Kulturszene längst als nahezu unverzichtbar gilt. Er erscheint täglich ausser sonntags und fasst die Kultur-Berichterstattung in den Medien auf mehreren Ebenen zusammen. Gegen 9.00 Uhr erscheinen «Kulturrundschau» («Efeu») und eine «Debattenrundschau» («9-Punkt»). Den Kern der Analysen bilden die gängigen Tages- und Wochenzeitungen: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Tageszeitung, Frankfurter Rundschau, Welt, Tagesspiegel, die Zeit, der österreichische Standard, die NZZ. Seltener angesprochen werden auch Beiträge, die exklusiv nur in der Printausgabe verfügbar sind. Für Chervel gilt, dass ein Text, der nicht online steht, nicht existiert. Gegen Mittag wird der <a href="https://www.perlentaucher.de/medienticker/2015-07.html" target="_blank">«Medienticker»</a> zugeschaltet, der das Spektrum erweitert und neben medienkritischen Texten auch Rubriken wie «Literaturkritik im Netz» anbietet, auf der Beiträge jenseits der genannten Medien beispielsweise auf Rezensionsforen verlinkt werden. Daneben gibt es noch andere Übersichten, beispielsweise eine internationale Magazinschau oder Hinweise auf neue Kinoaufführungen. In der <a href="https://www.perlentaucher.de/teaserliste/2_Buecher.html" target="_blank">«Bücherschau»</a> werden Rezensionen zu literarischen Neuerscheinungen gesammelt, die jedoch ausschliesslich wieder aus den Mainstreammedien bestückt werden.</p>
<p>Chervel stellte fest, der Perlentaucher habe <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/kritik-im-netz-editorial.html" target="_blank">2001 4330 Kritiken</a> auswerten können, <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/kritik-im-netz-editorial.html" target="_blank">2014 jedoch nur noch 2200</a>. Michael Pilz hatte <a href="http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20272" target="_blank">daraufhin auf Literaturkritik.de</a> auf eine differenzierte Sicht auf diese Zahlen verwiesen. So pochte er einerseits auf den Unterschied zwischen Buchkritik und Literaturkritik und kam dann, nach Rekrutierung des Innsbrucker Zeitungsarchivs zur deutsch- und fremdsprachigen Literatur (IZA) am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck in Bezug auf die Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung und Welt auf andere, weniger dramatischere Zahlen, was die Belletristik-Kritik angeht. Demnach stieg der Anteil der Belletristik-Besprechungen bei der SZ zwischen 2001 und 2013 sogar leicht, während sie bei der Welt um rund 5%, bei der NZZ jedoch um fast 25% zurückgingen.</p>
<p>Dabei gibt es nicht nur weniger Raum (in den Zeitungen), sondern auch immer weniger Zeit. Es seien 400 Bücher gewesen, die man lesen musste, so Hubert Winkels einmal als Juryvorsitzender zum Leipziger Buchpreis. Berücksichtigt man, dass der Preis ein halbes Jahr deutschsprachige Neuerscheinungen spiegeln soll bedeutet dies, dass jeder Juror eigentlich diese 400 Bücher in 6 Monaten hätte lesen müssen. Das wären mehr als zwei Bücher pro Tag, wobei «Buch» ja sowohl ein Werk von 90 als auch 900 Seiten sein kann.</p>
<p>Sundermeier hatte in seiner Kritik der Kritik darauf hingewiesen, dass «ein Rezensent, der ein Buch von – sagen wir – 600 Seiten besprechen soll, das ihm auch intellektuell einiges abverlangt…für das Lesen und seinen Text, selbst dann, wenn er schnell ist, weitaus mehr als eine Woche» brauchen würde. «In dieser Zeit», so Sundermeier, «kann er aber zwei eher triviale Bücher lesen und besprechen oder sogar noch eine Homestory über einen Autor schreiben, inklusive Recherche, er kann also im selben Zeitraum dreimal mehr verdienen als er verdienen würde, bespräche er nur das eine dicke Buch.»</p>
<p>Anfang des Jahres bekannte Hubert Winkels <a href="https://www.klett-cotta.de/media/14/mr_2015_06_0061-0068_Knoerer_Literaturkolumne.pdf" target="_blank">auf einem Kritikersymposium</a> freimütig, im nächsten halben Jahr keine Zeit mehr zu haben. Er haste «von Moderationen zu Vorträgen, von den Jurysitzungen für den Preis der Leipziger Buchmesse zum nächsten Literaturfestival: im nächsten halben Jahr keine freie Minute. Zum Lesen und Denken und Schreiben kommt man dabei, wie er offen bekannte, eher nur zwischendurch.» Quasi «nebenbei» ist Winkels auch noch Redakteur und Moderator des «Büchermarktes» im Radiosender Deutschlandfunk. Man darf vielleicht schon einmal fragen, wie man dieses Pensum halbwegs seriös bewältigen kann? Liegt hier vielleicht die Crux in der Literaturkritik, die nur noch zum «Abarbeiten» der Programme der als bedeutend empfundenen Verlage kommt und sich am Ende mit Querlesen und Leseproben ein Urteil über ein Buch bilden muss? Sind es diese Literarjournalisten, die nicht mehr lesen können? Stellt man diese Frage im Betrieb erntet man häufig einen mitleidsvollen Blick.</p>
<p>Aber da kommt nun Wolfram Schütte und präsentiert im «Perlentaucher» ein neues Konzept, um die Literaturkritik zu retten (das ist nicht seine Formulierung, aber der Tenor). Das die Sache mehr ist als nur ein Gedankenspiel zeigt sich am Schütte brennt die Sache unter den Nägeln, wie sich am Arbeitstitel seines Projektes zeigt: «Fahrenheit 451». Dabei handelt es sich um<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrenheit_451" target="_blank"> einen dystopischen Roman von Ray Bradbury</a>. Er spielt in einer Gesellschaft, in der Bücher verboten sind und vernichtet werden (bei der Temperatur von 451 Grad Fahrenheit brennen die Bücher angeblich am besten). Ein paar Idealisten lernen nun heimlich Romane und Erzählungen der Weltliteratur auswendig. Der Roman entstammt aus den 1950er Jahren, einer Zeit, in der Literatur einen grossen gesellschaftlichen Stellenwert besass und durchaus auch als subversives Medium angesehen wurde.</p>
<p>Schütte möchte nun die Literatur und damit auch die Literaturkritik wieder in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken. Er beklagt die Atomisierung der Kritik im Netz, das sich nicht Auffindenlassen im allgemeinen Wirrwarr der <a href="http://www.lesestunden.de/toplist/" target="_blank">fast unzähligen Blogs</a> und Foren, die sich mehr oder weniger privatim mit Literatur beschäftigen. Diesem Gefühl mit Ratschlägen für <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/literaturkritik-ist-ueberall.html" target="_blank">einen Feedreader oder gar einem Workshop</a> für Lesetechniken im Internet zu kommen, greift fehl. Es ist ein grundlegendes Unbehagen bei Schütte spürbar. Wo es seinerzeit nur rund ein halbes Dutzend satisfaktionsfähiger Medien gab, hat sich diese Zahl heute vervielfacht. Nicht auszudenken, eine interessante Rezension auf Glanz und Elend, <a href="http://www.fixpoetry.com/" target="_blank">Fixpoetry</a>, <a href="http://literaturkritik.de/" target="_blank">Literaturkritik.de</a> oder einem Literaturblog zu verpassen. Dieses Unbehagen am zersplitterten Diskurs ausgerechnet im Dienstleistungsmedium Perlentaucher zu führen, ist zwar überraschend, aber legitim.</p>
<p>Schüttes Idee geht dahin, dass die wichtigen Verlage ihre bisherigen Online-Aktivitäten (die er, Schütte, etwas leichtfertig und unzutreffend «Blogs» nennt) bündeln und eine parallel zu findende, unabhängige Redaktion von drei bis fünf Personen ein Magazin für eine literarisch interessierte Öffentlichkeit produziert, in dem es von Rezensionen über Portraits, Gesprächen und Lesungen alles gibt, was das Literaturherz so begehrt. Diese Redaktion soll «journalistisch» agieren. Was Schütte nicht präzisiert, aber nicht ganz unwichtig ist: Soll es eine Bücherzeitung oder eine Literaturzeitung werden? Der Unterschied: eine Bücherzeitung wäre eher journalistisch-bunt, eine Art Yellow-Press des Literaturbetriebs, während eine Literaturzeitung ein intellektuell anspruchsvolleres Ziel verfolgen würde.</p>
<p>Zur Finanzierung schlägt Schütte neben der Werbung eine Art Stiftungsmodell vor, in dem alle «Mitspieler» des Betriebs vertreten sollen: Verleger, Lektoren, Verlagskaufleute, Kritiker, Börsenversand und Buchhandel und am Ende auch interessierte Leser. Man muss nicht unbedingt ein Prophet sein um zu befürchten, dass die Unabhängigkeit dieser Redaktion irgendwann an Grenzen stossen wird. Ähnliches übrigens beim Mäzenatentum, wie es andere Kommentatoren ins Spiel bringen. Und auch die Finanzierung durch Crowdfunding birgt Probleme. Hier droht die Erwartung, man «kaufe» sich für seinen Beitrag die «richtige» Gesinnung der Texte ein. Der angelsächsische Sportsgeist im Umgang mit abseitigen Urteilen ist im deutschsprachigen Raum eher weniger verbreitet.</p>
<p>Nun ist es ja nicht so, dass die deutschsprachige Print-Landschaft <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutschsprachiger_Literaturzeitschriften" target="_blank">keine ausgezeichneten</a> Literatur- bzw. Kulturzeitschriften kennt. Wobei deren Webpräsenzen zumeist absichtlich eher rudimentär ausgestattet sind. Es gilt immer noch das klassische Leseerlebnis. Also das, was «wir» (angeblich? oder doch tatsächlich?) immer weniger beherrschen. Wie soll also eine «Zeitung» im Netz die Kulturtechnik des Lesens neu beleben?</p>
<p>Machen wir…, nein: ich mache mir nichts vor (und lasse mich gerne eines Besseren belehren): Die komplexe Literaturkritik, wie sie übrigens immer schon die Ausnahme war (und immer noch die Ausnahme ist), wurde dem Leser, der Leserin in den letzten Jahren, sukzessive ausgetrieben. Derzeit beträgt die Aufmerksamkeitsspanne, die man dem Zuschauer «zumutet», im Fernsehen anderthalb Minuten, im Radio ist es glücklicherweise noch mehr. Mehr als drei DIN-A-4 Seiten sollte – so ein ungeschriebenes Gesetz – eine Literaturkritik nicht mehr sein. Die meisten sind längst kürzer. So wird sukzessive die Leserschaft entmündigt und erst das erzeugt, was man vorgibt zu verhindern: die Verflachung.</p>
<p>Auch gesellschaftlich hat die Literatur längst ihre Bedeutung eingebüsst. In den Schulen gilt sie als sperrig; es ist schlichtweg aus der Mode gekommen, Bücher jenseits des Fantasy-Genres zu lesen. Wer manchmal in Hilfeforen schaut, entdeckt entgeisterte Schüler, die ein Buch lesen sollen aber angeblich oder wirklich keinen Zugang finden. Der Projektleiter von «Handkeonline», auf der werkgenetische Daten zu Peter Handkes Schaffen für das Internet aufbereitet wurden, berichtete neulich von detaillierten Anfragen nach vorformulierten Texten sowohl von Schülern als auch Studenten über Teilaspekte eines Werkes des Dichters. Manchmal wurden auch Fristen genannt, bis zu denen man die Antworten erwartete; bei einigen pressierte es. Da passt es, dass <a href="http://www.zeit.de/campus/2015/03/ghostwriter-schattenwirtschaft-autobiographie-dissertation-hausarbeit/komplettansicht" target="_blank">der «Ghostwriter»</a> auch im akademischen Bereich immer mehr Interessenten findet, obwohl so etwas nicht gestattet ist. Aber der Betrieb ist hier erstaunlich flexibel, wie sich auch am Umgang mit Plagiaten zeigt, die zwar skandalisiert werden, aber binnen kurzer Zeit vergessen sind.</p>
<p>Im bereits erwähnten Artikel von Roman Bucheli aus dem Jahr 2013, der im Feuilleton nur sehr ungenügend rezipiert wurde (es gab nur eine ablehnende Stimme), wird eine Möglichkeit einer sich im Internet neu findenden Literaturkritik entwickelt. Er sieht im «ungeduldige[n] Leser» der digitalen Welt eine Chance und er kommt zu dem verblüffenden Schluss, dass die «Intoleranz gegenüber schwacher sprachlicher und inhaltlicher Profilierung» steige. Kritik im Netz muss «anders oder besser sein», sonst wird der Leser, so die These, einfach wegklicken. Bucheli stellt klar: «Das bedeutet für die Literaturkritik nicht, dass die Antwort nur Boulevardisierung heissen kann» und verkündet fast euphorisch: «Das Gegenteil trifft zu».</p>
<p>Aber hierfür sei es notwendig, mit einem «nachvollziehbaren und komplexen Kriterienkatalog Bücher zu bewerten» und nicht einfach nur «gedruckte Inhalte ins Netz zu stellen». Bucheli plädiert für eine «ins Essayistische ausgeweitete Literaturkritik, die immer zugleich das Besondere eines Werks wie das Allgemeine der Ästhetik und des kritischen Bewusstseins im Auge behält». So könnten sich im Netz Plattformen «kritisch-analytische[r] Kompetenz» entwickeln und die analoge Literaturkritik sozusagen fortschreiben. Denn das Netz hat keine Zeilenvorgaben, es ist sozusagen «offen».</p>
<p>So könnte das Internet als Möglichkeit zur Vertiefung von Inhalten dienen – eine Idee, die dem gängigen Bild des «oberflächlichen Netzes» diametral entgegensteht. Vielleicht wäre auch die Öffnung hin zur Literaturwissenschaft eine weitere Möglichkeit. Hierdurch könnte man wieder zu innerliterarischer Beschäftigung mit Texten finden. Aber die Literaturwissenschaftler müssten hierfür aus ihren zum Teil sehr hermetischen Elfenbeintürmen hinaustreten, ihre Texte eingängiger formulieren, ohne in Verflachungen zu verfallen. Und wie wäre es, wenn man gleichzeitig für den interessierten Laien eine Art Videokolleg mit Basiswissen über Literatur und Literaturkritik anbieten würde? Dass einem die Literatur in der Schule vergällt wurde, muss kein Urteil für die Ewigkeit sein.</p>
<p>Schütte wünscht sich eine Bündelung der literaturkritischen Aktivitäten im Netz an einer zentralen Stelle (der Redaktion), die den literarischen Diskursraum zusammenhält und dadurch sukzessive eine gewisse Meinungsführerschaft gewinnt. In einer Antwort auf Schütte in der «Perlentaucher»-Debatte schlägt der Chefredaktor der Literaturzeitschrift Merkur, Ekkehard Knörer, <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/tatsaechlich-ein-desiderat.html" target="_blank">ein Modell wie die Los Angeles Review of Books</a> vor, während Florian Kessler der Klage über die Vereinzelung der Blogs und Literaturseiten widerspricht und stattdessen die <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/die-vielfalt-preisen.html" target="_blank">Vielfalt preist</a> (die Schütte eigentlich gar nicht angegriffen hatte).</p>
<p>Schüttes Vorschläge sind aller Ehren wert. Wo andere nur klagen, bringt er Ideen. Aber der Unterschied zum gängigen Feuilleton verblasst immer mehr, je weiter er die Vorschläge ausbreitet. Eigentlich – um es polemisch zu sagen – soll alles so sein wie man es im «Betrieb» bisher auch kennt, inklusive der beteiligten Personen. Nur das Medium ist jetzt das Internet. Auch die meisten der <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/perlentaucher-debatte-literaturkritik-im-netz.html" target="_blank">Antworttexte</a> und Kommentare gehen irgendwie stillschweigend von dem «Feuilleton-Wir» aus. Man stellt schon seine Teilnahme in Aussicht. Auf die Idee, dass sie, die im Treibhaus längst sitzen, diesmal vielleicht eher nicht gemeint sein könnten, kommen sie nicht.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/07/08/endzeit-im-treibhaus/">Endzeit im Treibhaus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>«Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2011/03/23/eigentlich-geht-es-den-zeitungen-in-deutschland-prachtig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Mar 2011 11:53:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
		<category><![CDATA[Thilo Sarrazin]]></category>
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		<category><![CDATA[Presseschau]]></category>
		<category><![CDATA[Thierry Chervel]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Für Kulturjournalisten und Feuilletoninteressierte ist der Perlentaucher seit vielen Jahren die Adresse, um sich online zu informieren, was in den Feuilletons der drei oder fünf wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen steht, die man nicht täglich liest. Geschäftsführer des kleinen Berliner Unternehmens ist der 53-jährige Thierry Chervel. Wir haben ihn gefragt, was er selbst am liebsten liest, wie <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/23/eigentlich-geht-es-den-zeitungen-in-deutschland-prachtig/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Für Kulturjournalisten und Feuilletoninteressierte ist der <a href="http://www.perlentaucher.de/">Perlentaucher</a> seit vielen Jahren die Adresse, um sich online zu informieren, was in den Feuilletons der drei oder fünf wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen steht, die man nicht täglich liest.</p>
<p>Geschäftsführer des kleinen Berliner Unternehmens ist der 53-jährige Thierry Chervel. Wir haben ihn gefragt, was er selbst am liebsten liest, wie er die Zeitungsredaktionen einschätzt und was er von Schweizer Medien und Medienschaffenden denkt.</p>
<p><span id="more-28766"></span><em>Die Website Perlentaucher.de gibt es seit 2000, also schon 11 Jahre lang. Wie geht es dem Unternehmen Perlentaucher derzeit?</em><br />
So lala. Wir mussten ja einen Aufruf an die Leser lancieren, weil die Werbesituation im letzten Jahr recht unangenehm war für uns, besonders durch den Verfall der Preise bei der Displaywerbung.</p>
<p><em>Hat das etwas eingebracht?</em><br />
Ja. Nicht nur, dass uns viele, auch Schweizer Leser, sehr motiviert haben, weiterzumachen, sondern auch konkret etwa 22.000 bis 23.000 Euro. Wir haben nun auch einige Leser, die uns regelmässig Geld überweisen, was wir als eine Art informelles Honorar für unsere Leistungen betrachten, die ja kostenlos sind. Wir sind unseren Lesern sehr dankbar und werden dieses Jahr mit Sicherheit durchstehen.</p>
<p><em>Ist es richtig, den Perlentaucher als kleines Familienunternehmen zu bezeichnen?</em><br />
Eigentlich ja, wir sind sozusagen eine Currywurstbude: vier feste Leute, drei in der Redaktion, ein Techniker. Als Geschäftsführer bin ich für die Werbeakquise verantwortlich.</p>
<p><em>Welche Werbekunden hat denn der Perlentaucher?</em><br />
Die wichtigsten Werbekunden sind die klassischen Qualitätsbuchverlage.</p>
<p><em>Wir sind ja zwei der wenigen Frühaufsteher der Branche. Wann geht’s denn los am Morgen?</em><br />
Wir fangen um 7 Uhr an, zu dritt. Zuweilen arbeiten wir abends vor.</p>
<p><em>Welche Perlentaucher-Rubrik wird am meisten gelesen?</em><br />
Das Zentralstück ist schon die <a href="http://www.perlentaucher.de/Feuilletons/aktuell_liste.html">Feuilletonrundschau</a>, auch, weil sie täglich aktuell ist. Wenn wir Artikel von Autoren publizieren, dann wird das auch gut angeklickt. Auch die <a href="http://www.perlentaucher.de/teaserliste/2_Buecher.html">Buchseiten</a> haben gute Zugriffszahlen, das liegt aber auch an den Zugriffen über Suchmaschinen.</p>
<p><em>Lest ihr die Zeitungen im E-Paper oder auf Papier?</em><br />
Die FAZ lesen wir aus Tradition auf Papier, sonst lesen wir PDFs oder E-Paper. Es ist ja ein Irrtum, zu glauben, dass alle Zeitungen komplett im Netz stehen: Nur die taz ist komplett online.</p>
<p><em>Wie geht die Zeitungsauswertung konkret vor sich? Hat jeder seine festen Zeitungen?</em><br />
Feste Zeitungen ja, es kann aber jeder alles. Die Zuteilungen hängen von der Situation ab.</p>
<p><em>Die Feuilleton-Rundschau verweist in den letzten Jahren mehr und mehr auch auf Blogs und andere Online-Quellen. Warum?</em><br />
Die Öffentlichkeit hat sich verändert durch das Internet. Sie hat ihre Kristallisationspunkte verloren, was ja eigentlich begrüssenswert ist. Als Beispiel: Gerhard Schröder hat kürzlich in der «Peiner Allgemeinen Zeitung» ein Interview gegeben, wo er &#8211; vorsichtig gesagt &#8211; den Genozid an den Armeniern etwas milde beurteilt. Auch wenn die Quelle etwas abgelegen ist, wird das dann doch über die sozialen Netzwerke und Blogs weiterverbreitet und findet seinen Widerhall. Früher hätte ja niemand die «Peiner Allgemeine Zeitung» wahrgenommen.</p>
<p><em>Mit dem <a href="http://www.perlentaucher.de/blog/">«Ententeich»</a> hat der Perlentaucher ja seit einiger Zeit auch ein eigenes Blog. Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?</em><br />
Die Erfahrung ist, dass ein Blog Arbeit bedeutet. Trotzdem ist es gut, eines zu haben, weil man, wenn man etwas zu sagen hat, ein Forum hat. Über die Zeit verdichtet sich dann schon was.</p>
<p><em>Du hast einen gut bezahlten und vergleichsweise sicheren Job bei der «Süddeutschen Zeitung» aufgegeben. Hast Du das je bereut?</em><br />
Nein. Insgesamt arbeitete ich fünf Jahre für das Feuilleton der «Süddeutschen Zeitung». Vier Jahre in Paris als Kulturkorrespondent, und dann ein Jahr lang als Feuilletonredakteur im Berliner Büro. Damals gab es eine Berlin-Seite, die wurde später eingestellt.</p>
<p><em>Wie ist der aktuelle Stand im nicht enden wollenden Prozess, der die FAZ und die SZ gegen Euch führt?</em><br />
Die FAZ und die SZ haben uns verklagt wegen den Resümees von Buchkritiken, die wir auf dem Perlentaucher veröffentlichen. Sie behaupten, darin sei zu wenig Eigenes &#8211; und wir bestreiten das. Die Zeitungen wehren sich vor allem dagegen, dass wir diese Notizen an Internetbuchhändler weitervertreiben. Im schlimmsten Fall müssten wir sie aus der Datenbank entfernen.</p>
<p><em>Wie sehr belastet das Euer Unternehmen?</em><br />
Das sind auch jetzt wieder Kosten, die auf uns zukommen. Insgesamt ist das nervend und behindernd. Die FAZ hat parallel uns sowohl juristisch als auch journalistisch attackiert. Wie weit das koordiniert war, kann ich nicht beurteilen. Die SZ hat nur juristisch angegriffen.</p>
<p><em>Was rätst Du Journalisten, die sich selbständig machen möchten?</em><br />
Ich kann nur jedem, der anfängt, raten, sich mit dem Internet auseinander zu setzen. Er sollte sich ein Blog zulegen und sei es, dass er es nur nutzt, um auf seine anderswo erscheinenden Artikel hinzuweisen und eine Kontaktmöglichkeit anzubieten.</p>
<p><em>Wie siehst Du den aktuellen Zustand der Zeitungsredaktionen?</em><br />
Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig. Erst kürzlich war ja zu lesen, dass der Axel-Springer-Verlag 2010 über 500 Millionen Euro Gewinn gemacht hat. Aber klar, die Zeitungen sind immer noch traumatisiert von der Zeitungskrise 2003, die damals zu den ersten grösseren Entlassungen führte. Was gerne vergessen wird: Die grossen Profiteure des New-Economy-Booms waren ja die alten Medien, die sich mit Anzeigen von Internet-Startups dumm und dämlich verdient haben.</p>
<p><em>Und wie steht es mit dem geistigen Zustand?</em><br />
Natürlich sind die deutschen Kulturseiten publizistisch sehr wichtige Produkte und im internationalen Vergleich auch sehr gute. Ich kenne kein anderes Land, in dem so viele Bücher besprochen werden. Gut, die Feuilletons sind nicht mehr zehn oder elf Seiten dick wie in den goldenen Zeiten. Man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass Feuilletons noch nie etwas zur wirtschaftlichen Situation einer Zeitung beigetragen haben.</p>
<p>Ein Problem der Redaktionen ist zudem die mangelnde Fluktuation. Auch die Devise, möglichst wenige Leute von aussen schreiben zu lassen, ist inhaltlich kontraproduktiv. Wir mochten die Feuilletons früher vor allem, weil sie Stimmen von aussen zuliessen, also Debattenraum waren.</p>
<p><em>Wie siehst Du die Homogenität in den Redaktionen?</em><br />
In der Islamdebatte gibt es eine grosse Homogenität der kulturellen Öffentlichkeit. Rund 80 Prozent der publizistischen Stimmen stehen auf der Seite der Kritiker der Islamkritik. Immerhin lassen die FAZ und die Zeit und die taz auch Gegenstimmen zu, während die SZ sehr dogmatisch verfestigt ist. Die Debatte zum Islam ist die derzeit wohl kontroverseste. Beim Medienwandel sind die Fronten eher Print gegen Internet.</p>
<p><em>Was sagst Du zur Debatte über Thilo Sarrazin?</em><br />
Ich fühle mich Sarrazin überhaupt nicht nah. Diskurse, die selber wieder kulturalistisch werden, lehne ich ab. Man braucht keinen neuen Populismus, sondern einen neuen Liberalismus. Wir müssen darüber nachdenken, warum es gut ist, in einem säkularen Staat zu leben, warum es ohne Kapitalismus nun mal nicht geht, warum Konsum nicht an sich etwas schlechtes ist. Die Moderne sollte sich gegenseitig befruchten und nicht in ihre kulturalistischen Lager zerfallen. Deswegen lehne ich Sarrazin mit seiner Tendenz zur genetischen Argumentation zutiefst ab.</p>
<p>Allerdings bin ich für weite Grenzen der Meinungsfreiheit und verteidige natürlich Sarrazins Recht, aufzutreten. Es muss in einer freien Öffentlichkeit hart zugehen können und man muss auch mal über die Stränge schlagen dürfen. Sonst ist die Öffentlichkeit nicht frei. Ich selber sympathisiere eher mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Henryk_M._Broder">Broder</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Necla_Kelek">Necla Kelek</a> als mit Sarrazin.</p>
<p><em>Was sind die besten Publikationen im deutschsprachigen Raum? Und weltweit?</em><br />
Die Wirtschaftsseiten der FAZ sind grossartig, das ist mein Lieblingsmedium in Deutschland. International finde ich den Guardian und die New York Times online vorbildlich. Alles in allem kann man sehr froh sein, dass das Internet den Radius erweitert hat.</p>
<p>Auch wenn einige jetzt das Gesicht verziehen werden: Ich finde <a href="http://gawker.com/">Gawker</a> toll, das ist wunderbarer, moderner, frecher, schneller Boulevardjournalismus. Und Technikblogs wie <a href="http://techcrunch.com/">TechCrunch</a>. Ich mag aber auch abseitigeres, wie <a href="http://www.openculture.com/">Open Culture</a> oder <a href="http://www.3quarksdaily.com/">Three Quarks Daily</a>, was übrigens ein wunderbares Blog ist, um Essays zu finden. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ich im Wesentlichen Englischsprachiges empfehle, im deutschsprachigen Bereich findet wenig Innovation statt. Gut, ich könnte sagen, der Spiegel ist ein wichtiges Institut &#8211; aber das hätte ich vor zwanzig Jahren auch schon sagen können.</p>
<p>Man muss wohl inzwischen konstatieren, dass eine Entwicklung, die in den USA stattgefunden hat, in Deutschland offenbar nicht stattfindet. Man sagt ja immer, die Entwicklung komme später, aber es ist in Deutschland keine <a href="http://www.huffingtonpost.com/">Huffington Post</a> entstanden, es gibt kein <a href="http://www.thedailybeast.com/">Daily Beast</a>, kein Gawker, kein Tech Crunch. Das ist schon schade.</p>
<p><em>Was denkst Du denn über deutschsprachige Blogs?</em><br />
Es ist gut, dass es sie gibt. Würde die Debatte über den Medienwandel nur von etablierten Medien bestritten werden, hätte sie eine Schlagseite. <a href="http://carta.info/">Carta</a> hat publizistisch viele Zeichen gesetzt, <a href="http://www.netzpolitik.org/">Netzpolitik</a> ist ein wichtiges Blog, auch das <a href="http://blog.zeit.de/joerglau/">Blog von Jörg Lau</a> find ich gut. <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/">Die Achse des Guten</a> könnte ein Beispiel sein, wie ein politisches Blog aussehen könnte. Schade ist, wie wenige etablierte Journalisten Blogs führen. Die meisten Zeitungsredakteure lassen sich das Internet offensichtlich noch ausdrucken.</p>
<p>Und auch sehr schade ist, dass sich die Blogosphäre so sehr selbstbezüglichen Themen wie dem Medienwandel zuwendet. Ich würde gerne mehr themenspezifische Blogs lesen, zum Beispiel über klassisches Ballett, Theater oder Gesundheitspolitik. Ich glaube, dass jeder, der anfängt, ein Blog zu führen und sich ernsthaft mit einem Thema auseinandersetzt, von den Pressestellen auch wahrgenommen und beliefert wird, also Rezensionsexemplare oder Freikarten bekommt.</p>
<p>Schwieriger ist natürlich, überhaupt Geld zu verdienen. Am ehesten gelingt das wohl, in dem man sich thematisch spezialisiert und bei den Formen diversifiziert. Man sollte sich auch nicht zu schade sein, mal eine Powerpoint-Präsentation zu machen und einen Vortrag oder ein Seminar zu halten. Bei Seminaren werden in der Regel ja immerhin Tagessätze von 600 bis 800 Euro anerkannt. Freie Journalisten dagegen werden bekanntlich äusserst schlecht bezahlt.</p>
<p><em>Was denkst Du von den Schweizer Medien?</em><br />
Die Medienseite der NZZ ist eine der lesenswertesten. Wir mögen die NZZ sowieso gerne, andere Zeitungen beobachten wir nicht so intensiv. Was ich an der NZZ insgesamt schätze, ist ein gewisser Kosmopolitismus. Dieses natürlicherweise nach aussen Geöffnete schätze ich sehr, das haben viele kleinere Länder. Die grösseren Öffentlichkeiten in Europa, also die deutsche oder französische, sind zu stark auf sich selbst bezogen.</p>
<p><em>Welche zeitgenössischen Schweizer Medienschaffenden und Intellektuellen sind relevant?</em><br />
Das ist eine gute Frage. Ich könnte jetzt einige Redakteure der NZZ nennen, die ich gerne lese, aber ich weiss nicht recht. Man darf es ja kaum zugeben, aber ich habe eine gewisse Sympathie für Roger Köppel, allein, weil er die Mohammed-Karikaturen in der Welt abgedruckt hat. Von den anderen Zeitungen hat das ja sonst niemand gemacht.</p>
<p>Die eine Stimme der Schweiz könnte ich jetzt nicht nennen, doch das gilt auch für Deutschland. Wer sind denn heute die grossen Intellektuellen aus Deutschland, auf deren Äusserungen man wartet? Mal abgesehen von den ganzen alten Herren von Grass über Enzensberger bis Habermas, die seit 50 Jahren den Diskurs regieren (und jetzt am Ende doch auch etwas nachlassen)?</p>
<p>Wer ist denn da? Es gibt einige Professoren: Peter von Matt, Herfried Münkler oder Gerhard Schulze. Auch in Frankreich nennt man Leute, die man seit Jahrzehnten kennt, zum Beispiel André Glucksmann oder Alain Badiou. In ganz Europa sind keine repräsentativen Stimmen nachgewachsen. Die letzte Generation der bekannten und wichtigen Intellektuellen ist die 68er-Generation.</p>
<p><em>Kann es objektiven Journalismus geben? Also Journalisten, die es schaffen, ihre Haltung nicht in ihre Stücke zu tragen?</em><br />
Nein. Es muss keine Objektivität geben, sondern Nachvollziehbarkeit der Argumentation, Belegen der Quellen, Fairness, Einbezugnahme der Person. Was heisst schon Objektivität? Ich weiss nicht, ob das ein Kriterium sein kann.</p>
<p><em>In Deutschland gibt es viele Publikationen, die klar linke Positionen einnehmen, zum Beispiel die Taz oder die Jungle World. Welche Publikationen positionieren sich klar rechts, ohne dabei radikal zu sein?</em><br />
Ich wüsste gar nicht, was eigentlich links und rechts ist in diesem Spektrum. Ist die Jungle World eine linke Zeitung, auch wenn sie pro-israelisch ist, was unter vielen Linken ja als unanständig angesehen wird? Mein Eindruck ist: Linke können immer sagen, was links und rechts ist. Ich selber kann das nur schwer sagen. Wahrscheinlich gibt es nur pro- und anti-demokratisch.</p>
<p>Auch wenn die Linken traditionell als säkular und fortschrittlich gelten, stehen sie heute in vielen Punkten für konservative und kulturalistische Positionen ein. Eigentlich gibt es keinen Unterschied mehr zwischen der Linken und der Konservativen. Die Linke ist ein Teil des konservativen Lagers.</p>
<p>Meiner Meinung nach rechts ist zum Beispiel das aktuelle Buch von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Patrick_Bahners#Die_Panikmacher">«Die Panikmacher &#8211; Die deutsche Angst vor dem Islam»</a>). Darin sind klassisch reaktionäre Positionen zu lesen: Verteidigung von Religion. Lob des Kopftuchs, weil es die Kostbarkeit und Sittlichkeit der Frau ausstellt. Aber auch Sorge um den Status von Religion jenseits von Islam in Deutschland. Festhalten am unklaren Verhältnis zwischen Religion und Staat in Deutschland. Das ist eine klassisch konservative, rechte Position &#8211; und gleichzeitig eine, die heute von den meisten Linken geteilt wird. Es ist kompliziert.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/23/eigentlich-geht-es-den-zeitungen-in-deutschland-prachtig/">«Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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