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	<title>TV 2.0 Summit | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>«Wir können uns nur behutsam verändern»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/11/27/interview-volker-herres/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Nov 2013 09:00:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
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		<category><![CDATA[TV 2.0 Summit]]></category>
		<category><![CDATA[Volker Herres]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Alles gar nicht so dramatisch, findet Volker Herres (56). Der Programmdirektor von Das Erste (ARD) vertraut darauf, dass eine starke Marke auch in Zukunft vom Publikum nachgefragt sein wird. Den Schlüssel zum künftigen Erfolg sieht Herres in erster Linie in der Präsenz auf allen Plattformen: «Wir müssen unsere Qualitätsprodukte dort anbieten, wo die Leute sie <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/27/interview-volker-herres/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Alles gar nicht so dramatisch, findet Volker Herres (56). Der Programmdirektor von Das Erste (ARD) vertraut darauf, dass eine starke Marke auch in Zukunft vom Publikum nachgefragt sein wird. Den Schlüssel zum künftigen Erfolg sieht Herres in erster Linie in der Präsenz auf allen Plattformen: «Wir müssen unsere Qualitätsprodukte dort anbieten, wo die Leute sie haben wollen.»<br />
<span id="more-16652"></span><br />
<strong>MEDIENWOCHE: Gestern Abend lief im Ersten die Talksendung «Menschen bei Maischberger». Wie viele Menschen haben den Talk gesehen?</strong><br />
Volker Herres: Das kann ich Ihnen gerade nicht sagen. Da müsste ich zuerst nachsehen. Normalerweise weiss ich das aber.</p>
<p><strong>Sie haben keinen Blackberry, der morgens mit den Quoten surrt?</strong><br />
Doch. Ich gucke mir die Zahlen jeden Morgen an. Nur war ich heute so beschäftigt, dass ich die Werte für Maischberger nicht mehr im Kopf habe. Ich weiss aber, dass wir gestern der erfolgreichste Sender waren.</p>
<p><strong>Was ist bei einem Talk wie «Maischberger» ein guter Wert?</strong><br />
Ein zweistelliger Marktanteil.</p>
<p><strong>Wann sind Sie mit der Quote zufrieden?</strong><br />
Das ist von Programm zu Programm unterschiedlich und hängt von den Inhalten ab. Natürlich habe ich an ein Spitzensportereignis oder an eine grosse Unterhaltungsshow andere Erwartungen als an ein Kulturmagazin oder eine Auslandsreportage. Für alles haben wir Grössenordnungen, von denen wir sagen können, dass sie für ein nationales Vollprogramm ein guter Wert sind.</p>
<p><strong>Sie haben sich ja auch schon gewundert, dass man Sie <a href="http://www.zeit.de/2013/22/fernsehen-volker-herres-thomas-bellut/komplettansicht" target="_blank">als quotenfixiert bezeichnet</a> hat.</strong><br />
Ja, da fühle ich mich falsch beurteilt. Ich habe mich mein bisheriges Berufsleben lang im öffentlich-rechtlichen Fernsehen engagiert, weil ich es faszinierend finde, dass bei uns die Frage nach den Inhalten im Zentrum steht. Aber selbstverständlich will jeder Programmmacher doch möglichst viele Menschen mit seinem Angebot erreichen. Wir machen doch nicht Journalismus, damit es niemand bemerkt! Der Begriff der «Quote» wurde durch manche Diskussion kontaminiert. Die Quote drückt die Akzeptanz bei unseren Zuschauern aus, und von denen wollen wir uns doch hoffentlich nicht verabschieden.</p>
<p><strong>Die Quote lässt sich in Marktanteilen und Zuschauerzahlen messen. Wie messen Sie Qualität bei der ARD?</strong><br />
Ich glaube nicht, dass man Qualität im klassischen Sinn messen kann mit der Präzision einer Rechenmaschine. Bei einer fiktionalen Produktion lassen sich aber sehr wohl die Relevanz des Stoffes, die Qualität des Drehbuchs beurteilen, oder die Qualität der Regie und die schauspielerische Leistung. Dafür gibt es etablierte Massstäbe. Und ebenso gibt es klare Qualitätskriterien für journalistische Sendungen.</p>
<p><strong>Was erwarten die Zuschauer vom Ersten?</strong><br />
Die Zuschauer erwarten von uns, dass wir sie bestens informieren, das steht sicher ganz vorn. Wer Das Erste einschaltet, dem wird nichts Wesentliches auf der Welt entgehen. Aber ebenso wollen wir glänzend unterhalten, und relevante fiktionale Produktionen zeigen.</p>
<p><strong>Sie sind seit fünf Jahren ARD-Programmchef. Wie haben sich in dieser Zeit die Publikumserwartungen verändert?</strong><br />
Bewegung gibt es immer. Aber im Fernsehen gibt es selten abrupte Bewegungen. Als Trend beobachten wir, dass die Zuschauer viel mobiler und flexibler geworden sind. Man kann auch sagen untreuer, weil sie eine grössere Auswahl haben und es gewohnt sind, sich aus einer immensen Angebotsfülle zu bedienen. Sie nehmen es nicht einfach hin, wenn man ihnen etwas vorsetzt, das ihnen nicht gefällt. Wir beobachten hier eine Verschiebung von einem Angebotsmarkt hin zu einem Nachfragemarkt, bei dem die Menschen sich das holen, was und wann sie wollen.</p>
<p><strong>Vor allem die jungen Zuschauer sind untreu. Vor drei Jahren sagten Sie, die ARD müsse mehr junge Zuschauer gewinnen. Haben Sie das erreicht?</strong><br />
Wir sind ein bisschen jünger geworden. Ich halte allerdings das Durchschnittsalter für eine schlechte Messgrösse. Es passiert ja Folgendes in der Gesellschaft. Die Menschen werden glücklicherweise immer älter. Und je älter die Menschen werden, desto mehr gucken sie fern. Wenn sich die demografische Entwicklung nicht ändert, wird das ältere Publikum in der Nutzerzahl immer das dominante sein.</p>
<p><strong>Machen Sie es sich nicht etwas zu einfach, wenn Sie dem Automatismus vertrauen, dass die Leute vermehrt fernsehen mit zunehmendem Alter?</strong><br />
Ich glaube schon, dass sich auch in Zukunft das Medienverhalten mit dem Älterwerden verändert. Wenn Menschen ins Erwachsenenalter kommen, Familie haben, dann spielt klassisches Fernsehen eine grössere Rolle, als wenn man 17 oder 18 ist. Diesen Effekt gibt es. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Internet-Nutzung zunimmt, während die Fernsehnutzung stabil bleibt. Das Netz hat dem Fernsehen bisher nichts an Aufmerksamkeit genommen. Dennoch: Das Fernsehen wird sich verändern müssen. Wir bieten unsere Inhalte längst nicht mehr nur linear an. Jeder kann in den Mediatheken unsere Sendung auch nach der Ausstrahlung gucken, wann und wo er will, auf dem Smart-TV, dem PC, dem Tablet oder dem Smartphone. Wir müssen unsere Qualitätsprodukte dort anbieten, wo die Leute sie haben wollen.</p>
<p><strong>Bewegtbild ist längst kein Exklusivangebot mehr des Fernsehens. Was unternehmen Sie, dass die TV-Programme in der Videoflut nicht untergehen?</strong><br />
In der künftigen Fernsehwelt werden Marken ganz entscheidend sein. Für uns heisst das, dass wir starke Marken über die lineare Verbreitung hinaus erweitern auf alle Plattformen. Nehmen Sie die Tagesschau: Die läuft bei uns ungefähr im Stundentakt im Ersten mit der Hauptausgabe um 20 Uhr. Sie läuft in den Spartenkanälen und in mehreren dritten Programmen. Wir haben mit «Tagesschau24» einen Nonstop-Nachrichtenkanal. Dazu kommen die Website und die «Tagesschau-App». Das macht alles die Redaktion in Hamburg. Da haben wir eine Marke so aufgestellt, dass sie als die seriöseste und bestgemachte Nachrichtensendung Deutschlands jederzeit allen und überall zur Verfügung steht.</p>
<p><strong>Online-Video hat neue Sehgewohnheiten hervorgebracht. Wie reagieren Sie darauf?</strong><br />
Ein klassisches Vollprogramm, wie Das Erste, kann sich nur behutsam verändern, weil wir sonst einen Teil des Publikums sofort verprellen würden. In unseren Spartenkanälen können wir dagegen experimentieren. Es gibt ja eine Diskussion über die <a href="http://www.wuv.de/blogs/zoominontv/zum_glueck_jugendkanal_von_ard_und_zdf_vorerst_gestoppt" target="_blank">Einführung eines Jugendkanals</a>. Und es spricht vieles dafür, dass ARD und ZDF sich einigen, gemeinsam so ein Angebot zu machen, das von vornherein nicht allein lineares Fernsehen wäre. Man würde eine ganzheitliche Welt für die junge Zielgruppe schaffen.</p>
<p><strong>Für solche Entwicklungsschritte steht Ihnen nicht endlos viel Geld zur Verfügung. Trotz neuer Medienabgabe erhält die ARD in den nächsten Jahren unter dem Strich weniger Mittel als heute. Wo sparen sie?</strong><br />
Überall wo es geht. Natürlich werden alle Rationalisierungsmöglichkeiten genutzt, die wir haben. Insbesondere neue Technologien bringen Erleichterungen und Einsparungspotenzial. Aber auch im Programm sparen wir. So haben wir die Etats für Sportrechte in den letzten Jahren sukzessive zurückgefahren und auch das eine oder andere nicht erworben, weil wir uns das nicht mehr leisten können, wenn andere Wettbewerber sehr viel mehr zahlen. Die Qualifikationsspiele der deutschen Nationalmannschaft etwa wird man künftig bei RTL sehen.</p>
<p><strong>Wie weit ist man bei der ARD mit der Konvergenz zwischen Radio, TV und Online?</strong><br />
Das wird in den einzelnen Häusern sehr unterschiedlich umgesetzt. Aber es gibt einen allgemeinen Trend zur Konvergenz. Der Bayrische Rundfunk, in dessen Haus wir hier sitzen, arbeitet daran, das Unternehmen mehr oder weniger vollständig trimedial umzustellen. Ein Ziel ist es natürlich auch, damit Einsparungen zu erzielen, jedoch ohne die Qualität unserer Angebote anzutasten.</p>
<p><strong>Apropos Sparen: Sie haben einmal gesagt, fünf Talks im Ersten sei einer zu viel. Wann fliegt einer raus aus dem Programm?</strong><br />
Wir werden 2014 den Talk mit Reinhold Beckmann verlieren, weil er seine Sendung <a href="http://www.fr-online.de/medien/beckmann-hoert-auf-genug-geredet,1473342,22869780.html" target="_blank">nicht fortsetzen wird</a>. Diesen Platz werden wir nicht mehr mit einem Talk ersetzen und werden damit automatisch nur noch vier Gesprächsformate im Programm haben.</p>
<p><strong>Sie sagten einmal: «Die Wege in der ARD sind oft kompliziert und verschlungen, aber die Ergebnisse in der Regel beeindruckend.» Wieso geht es nicht direkter und einfacher?</strong><br />
Die ARD ist ein komplexes föderales Gebilde, so wie die Bundesrepublik auch. Aber ich bin zutiefst überzeugt, so wie der Föderalismus die richtige Staatsform für Deutschland ist, so ist er auch in der ARD eine Stärke und nicht eine Schwäche. Das macht manches schwerfälliger, dafür sind wir näher bei den Menschen und tiefer in den Regionen verwurzelt.</p>
<p><small>Das Gespräch fand am 25. September in München statt.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/27/interview-volker-herres/">«Wir können uns nur behutsam verändern»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>«Wir sind immer sehr pragmatisch unterwegs»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/11/20/interview-alexander-mazzara/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Nov 2013 09:00:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
		<category><![CDATA[Social TV]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Fernsehen hat die jungen Zuschauer nicht verloren. Man muss nur ein Programm bieten, das die veränderte Mediennutzung ernst nimmt. Alexander Mazzara (38) hat das mit joiz geschafft. Der junge Sender verschmilzt klassisches TV und Internet zu einem hybriden Format. Wie das funktioniert und wo die Grenzen des neuartigen Konzepts liegen, erklärt joiz-Gründer und CEO <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/20/interview-alexander-mazzara/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Fernsehen hat die jungen Zuschauer nicht verloren. Man muss nur ein Programm bieten, das die veränderte Mediennutzung ernst nimmt. Alexander Mazzara (38) hat das mit joiz geschafft. Der junge Sender verschmilzt klassisches TV und Internet zu einem hybriden Format. Wie das funktioniert und wo die Grenzen des neuartigen Konzepts liegen, erklärt joiz-Gründer und CEO Mazzara im Gespräch mit der MEDIENWOCHE.<br />
<span id="more-16650"></span><br />
<strong>MEDIENWOCHE: Nach zweieinhalb Jahren auf Sendung hat sich joiz fest in der schweizerischen Fernsehlandschaft etabliert. Sind Sie vom schnellen Erfolg überrascht?</strong><br />
Alexander Mazzara: Wenn ich nun sagen würde, alles war so geplant, dann würde ich lügen. Wir hatten aber von Anfang an ein klares Konzept, daran hat sich nicht viel geändert. Wir gehen davon aus, dass junge Menschen heute soziale Medien nutzen und es sich gewohnt sind, einen Rückkanal zu haben. Sie wollen nicht nur lesen oder fernsehen, sondern auch etwas dazu sagen.</p>
<p><strong>joiz ist auch ein Experiment. Was hat bisher nicht funktioniert?</strong><br />
Wir haben viele kleine Sachen ausprobiert, die nicht funktionierten. So versuchten wir sehr schnell, die Interaktionen mit dem Publikum anzuregen. Das hat nicht immer gut geklappt. Wir mussten auch lernen, dass eine Sendung online beginnt, vielleicht sogar auf Social Media, und auch weitergeht, nachdem das TV-Signal fertig ausgestrahlt wurde.</p>
<p><strong>Wie läuft das konkret?</strong><br />
Wir versuchen bei unserem Publikum auf Social Media den Puls zu fühlen, was sie tatsächlich interessiert. Vor einer Talksendung ist es für uns natürlich interessant zu erfahren, welche Fragen das Publikum beschäftigen. Heute ist der Kontakt zum Publikum interaktiver geworden. Von Transmedia-Storytelling reden zwar alle, aber das tatsächlich zu leben, ist nicht ganz einfach.</p>
<p><strong>Bei vielen Medien laufen Online-Diskussionen <a href="http://www.wahlkampfblog.ch/bezahle-online-kommentare-medienhauser-tolerieren-dialogkultur-die-ihnen-schadet/" target="_blank">regelmässig aus dem Ruder</a>. Bei joiz geht es vergleichsweise gesittet zu und her. Wieso?</strong><br />
Es gibt zwei wichtige Elemente. Wir moderieren die Online-Kommentare und weisen die Leute frühzeitig in die Schranken, wenn sie sich daneben aufführen. Wir bieten nicht einfach ein Forum, bei dem jeder irgendetwas sagen kann. Der Live-Chat wird immer von jemandem aus der Redaktion betreut. Wenn jemand an die Grenzen geht, wird die Person verwarnt mit der klaren Drohung, sie beim nächsten Mal zu sperren. Das ist Arbeit. Ein Dialog besteht eben nicht nur darin, etwas zu senden und dann nicht zuzuhören, was der andere sagt. Es hat damit zu tun, dass ich diese Leute auch ernst nehmen. Zweitens versuchen wir auch, unser Publikum zu leiten. Wenn sie wollen, dass sie ins Fernsehen kommen, dann müssen sie auch etwas Gescheites schreiben. Sie dürften durchaus kritisch sein und auch eine andere Meinung vertreten als der Moderator oder ein Gast. Das ist keine Frage. Sie dürfen einfach nicht rassistisch, sexistisch oder ausfällig sein. Da haben wir eine ganz klare Linie. Nach zweieinhalb Jahren joiz haben das die Leute begriffen. Das hat auch dazu geführt, dass sich die Leute in ihren Nutzerprofilen vermehrt mit Klarnamen anmelden.</p>
<p><strong>Ist das für Sie Neuland?</strong><br />
Für mich ist das alles nicht ganz neu. Schon beim Schweizer Fernsehen war ich bei der Entwicklung vieler neuer Formate dabei. Ich war bei der Entwicklung der <a href="http://www.werbewoche.ch/sf-start-up-ist-begehrt" target="_blank">Sendung «Start-up»</a> dabei, als wir erstmals in der Schweiz eine Online-Community in ein Fernsehprogramm einbezogen haben.</p>
<p><strong>Wo stösst joiz an Grenzen?</strong><br />
Wir sind immer sehr pragmatisch unterwegs und nicht die Technik-Nerds, die einfach etwas Neues bauen wollen, weil es mega-cool ist. In der Schweiz zeigt uns der kleine TV-Markt die Grenzen des Machbaren auf. Eine weitere Grenze setzt uns zudem das neue Messsystem für die Zuschauerzahlen, das eine absolute Katastrophe ist. Das kann man leider nicht anders sagen.</p>
<p><strong>Eigentlich sollte in der Schweiz auch die<a href="http://www.werbewoche.ch/mediapulse-und-kantar-media-stellen-neues-panel-vor" target="_blank"> Online-Nutzung von TV-Programmen</a> gemessen werden. Das wäre dem Konzept von joiz entgegengekommen. Daraus ist <a href="http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/mediapulse-und-3-einigen-sich-1.18125935" target="_blank">nichts geworden</a>. Was heisst das für Sie?</strong><br />
Wir sind genau darum aus dem Panel ausgestiegen. Alle in der Branche, die einigermassen vorwärts denken, hatten mit der Erfassung der Online-Nutzung grosse Hoffnungen verbunden und wurden nun massiv enttäuscht. Für uns lohnt es sich finanziell einfach nicht, für ein Messsystem zu zahlen, das unsere Zuschaueraktivitäten nur unvollständig abbildet. Ausserdem sind die Schwankungen bei der Messung der klassischen TV-Nutzung zu gross, weil das Panel zu klein ist. Diese Zahlen sind für uns auf dem Werbemarkt schlicht unbrauchbar.</p>
<p><strong>Wie geht es weiter?</strong><br />
Wir suchen zusammen mit der Wissenschaft nach neuen Wegen, wie wir unsere vielfältigen Daten kommerziell nutzen können, die wir mit der Online-Nutzung unserer Zuschauer generieren. Mehr kann ich dazu aber noch nicht sagen.</p>
<p><strong>Joiz hat diesen Sommer <a href="http://www.joiz.de/home" target="_blank">nach Deutschland expandiert</a>. Wieso?</strong><br />
Mit joiz Schweiz haben wir ein Konzept entwickelt, das funktioniert und das in Europa einzigartig ist. Deshalb glauben wir daran, dass es auch in anderen Ländern funktioniert. Wir haben Anfragen erhalten aus mindestens 15 anderen Ländern. Aber wir können nicht alles gleichzeitig machen. Deshalb haben wir fürs Erste mal nach Deutschland expandiert.</p>
<p><strong>Nutzt joiz in Deutschland Synergien mit dem Schweizer Programm?</strong><br />
Uns ist klar, dass wir mit lokalen Inhalten arbeiten müssen. Deshalb wird es keine Synergien beim Programm geben, etwa mit dem Austausch von Sendungen. Wovon wir aber in Deutschland sehr wohl profitieren, ist von der Vorarbeit an Formaten, Technologie und Arbeitsabläufen.</p>
<p><strong>Gab es nach dem Start in Deutschland Überraschungen?</strong><br />
Die grösste Überraschung war natürlich das Konzert zum Tag der Deutsche Einheit am Brandenburger Tor. Im Juli hörten wir, dass wir dafür in die engere Auswahl kommen, im August erhielten wir die Zusage und mussten innert zwei Monaten ein Konzert für eine Million Menschen organisieren, das mit zwölf Kameras live übertragen wurde. Für so was braucht man sonst mindestens ein halbes Jahr Vorbereitung. Und das Ganze lief parallel zum Sendestart in Deutschland. Da waren wir selbst überrascht, dass wir das gleichzeitig zustande brachten.</p>
<p><iframe width="420" height="315" src="//www.youtube.com/embed/lP8Sd8HEo6U?rel=0" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p><strong>Lief der Start in Deutschland auch sonst so reibungslos?</strong><br />
Nicht nur. Wir wurden regelrecht überflutet von Bewerbungen. Das war fast nicht zu bewältigen, die 3 bis 4000 Dossiers. Aber das ist natürlich toll, wenn so viele Leute bei uns arbeiten wollen. Am Anfang läuft der Know-how-Transfer ausschliesslich in eine Richtung von der Schweiz nach Deutschland. Das wird sich aber schon bald ändern. Und es ist uns auch schon gelungen, mit dem Format «Jung &amp; naiv» vor den Bundestagswahlen auf uns aufmerksam zu machen. Da hatten wir Politiker wie Peer Steinbrück oder Jürgen Trittin vor der Kamera. Das hat sich dann auch in der Berichterstattung zum Start von joiz Deutschland gezeigt. Von Spiegel über Süddeutsche, FAZ, ja eigentlich alle, haben über uns berichtet.</p>
<p><strong>Macht es Ihnen manchmal Angst, mit so vielen Vorschusslorbeeren bedacht zu werden?</strong><br />
Ob Vorschusslorbeeren oder nicht, wir müssen liefern. Ich habe ehrlich gesagt keine Angst. Es braucht immer drei Sachen, damit ein Unternehmen funktioniert: ein gutes Produkt, dann einen Markt, der offen ist für dieses Produkt. Und mit Abstand am wichtigsten ist das Team. Mit einem guten Produkt allein und einem schlechten Team ist man verloren. Jetzt müssen wir einfach weiter aufbauen und gute Arbeit leisten. Am Schluss müssen wir im täglichen Business gute Geschichten erzählen, das ist jetzt unsere Arbeit.</p>
<p><strong>Zahlen sich die Geschichten aus?</strong><br />
Wir schreiben schon heute Gewinn mit joiz in der Schweiz. In Deutschland natürlich noch nicht.</p>
<p><strong>Profitiert joiz auf dem Werbemarkt von einem Pionier-Bonus?</strong><br />
Im Gegenteil. Am Anfang gab es für uns viele verschlossene Türen. Wenn man startet, braucht es Zeit. Das hat auch mit der Schweiz zu tun. Hier ist niemand bereit, ein zu grosses Risiko eingehen.</p>
<p><strong>Wie sieht der Werbemix auf joiz aus?</strong><br />
Das ist nicht ganz einfach aufzuschlüsseln. Zählt ein TV-Spot mit Targeting-Möglichkeit als klassische Werbung oder ist das bereits eine neue Form? Wir zählen diese Form zu den Spots, weil wir mittlerweile so viele Kunden haben, die das buchen, dass es mindestens so klassisch ist, wie Werbung ohne Zusatzelemente. Dieser Teil generiert fast die Hälfte unserer Werbeeinnahmen. Der Rest sind Spezialformen, wie etwa Branded Entertainment oder interaktive Formate.</p>
<p><strong>Gibt es Übernahmeangebote für joiz?</strong><br />
Da sollte man nicht darüber reden. Aber klar: Das eine oder andere Medienunternehmen hat schon mal angeklopft. Ich bin in dieser Frage sehr opportunistisch. Wenn ein Angebot kommt, das passt, dann schauen wir uns das an. Aber wenn es keinen Sinn macht, dann interessiert uns das nicht.</p>
<p><strong>Der Erfolg von joiz beruht stark auf Aushängeschildern wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BClsha_Adilji" target="_blank">Gülsha</a>, <a href="https://www.facebook.com/julien.thorne" target="_blank">Julian</a> oder <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Knackeboul" target="_blank">Knackeboul</a>. Wie abhängig seid ihr von einzelnen Köpfen?</strong><br />
Das kann man jeden TV-Sender fragen. Gesichter sind nun mal wichtig. Aber ich bin relativ entspannt, weil wir mit ihnen gute Verträge haben. Mit SRF sind wir sicher nicht konkurrenzfähig. In der Schweiz gibt es keinen Privatsender, der solche Löhne zahlen kann. Aber mit den Regionalsendern sind wir mehr als nur konkurrenzfähig. Wir zahlen faire Löhne.</p>
<p><strong>Gülsha und Knackeboul <a href="http://www.srf.ch/sendungen/streetgames/streetgame-1-sherlock-hol-s" target="_blank">arbeiten auch</a> <a href="http://www.srf.ch/sendungen/cover-me" target="_blank">für SRF</a>. Keine Angst, dass die plötzlich weg sind?</strong><br />
Nein, überhaupt nicht (lacht). Die Auftritte bei SRF sind nur möglich mit unserer Erlaubnis. Wir wägen gut ab und diskutieren mit ihnen, was drinliegt. Es ist ja auch immer eine Frage der Zeit. Wir sind ein Sender für junge Erwachsene. Unsere Leute werden nicht 20 Jahre bei joiz moderieren. In der nächsten Zeit habe ich keine Angst.</p>
<p><strong>Mit SRF pflegt joiz eine punktuelle Zusammenarbeit, etwa bei den Swiss Music Awards. Gleichzeitig versucht SRF Elemente <a href="http://www.srf.ch/sendungen/virus-tv" target="_blank">von joiz zu kopieren</a>. Fühlt man sich da vom Partner hintergangen?</strong><br />
Ich betrachte das eher als Kompliment. Ich habe lange genug bei der SRG gearbeitet, um zu wissen, wie das läuft. Immer wenn etwas Neues kommt, versucht man das zu kopieren. Das ist aber nicht von oben gesteuert, um die Konkurrenz kaputtmachen. Das kommt von unten, wenn man merkt, dass man etwas verpasst hat. Und weil man keine bessere Idee hat, wird halt kopiert. Ich sehe das relativ pragmatisch. Konkurrenz belebt das Geschäft und wir müssen einfach besser sein.</p>
<p><strong>Wie sorgt ihr dafür, dass ihr immer einen Schritt voraus seid?</strong><br />
Wir haben extrem gute Leute und treffen uns regelmässig zum Gedankenaustausch. Gestern war ich bis morgens um zwei im Büro in Berlin. Wir haben bei einem Bier darüber diskutiert, was wir noch besser machen könnten und welche Ideen wir im nächsten Jahr umsetzen wollen. Das Interessante ist ja, dass unsere Zielgruppe bei uns arbeitet. Man muss auch mal mit ihnen reden. Das machen andere Medien viel zu wenig. Bei uns zählt nicht, was auf der Visitenkarte steht. Wenn ein Praktikant eine gute Idee hat, dann machen wir das. Auch wenn meine ganze Erfahrung sagt, das funktioniert nicht.</p>
<p><strong>Welche Rolle spielen Sie als Chef dabei?</strong><br />
Ein Fehler wäre es zu meinen, als Chef alles zu wissen. Ein Satz von Albert Einstein hat mich sehr geprägt: Fantasie ist wichtiger als Wissen. Das predige ich hier dauernd. Aus der Erfahrung müssen wir zwar Schlüsse ziehen, aber trotzdem die Fantasie bewahren. Das Verrückte ist ja, wenn wir zehn Jahre zurückdenken, da gab es keine Smartphones, kein Youtube. Alles, was wir heute selbstverständlich nutzen. Wenn wir daraus schliessen, was in zehn Jahren sein wird, dann wird es Dinge geben, die können wir uns gar nicht vorstellen. Deshalb müssen wir extrem offen und immer wieder bereit sein, neue Wege zu gehen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/20/interview-alexander-mazzara/">«Wir sind immer sehr pragmatisch unterwegs»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<item>
		<title>Sie wacht über den Service public in Europa</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/11/13/interview-ingrid-deltenre/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Nov 2013 09:00:09 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
		<category><![CDATA[TV 2.0 Summit]]></category>
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		<category><![CDATA[EBU]]></category>
		<category><![CDATA[Ingrid Deltenre]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit drei Jahren leitet Ingrid Deltenre (53) die Generaldirektion der Europäische Rundfunkunion EBU in Genf. Die ehemalige Deutschschweizer Fernsehdirektorin ist damit eine der obersten Lobbyistinnen für die Sache des Service public in Radio und Fernsehen. Deltenre hält das Modell gebührenfinanzierter Medien für unverzichtbar, weil der freie Markt nicht als Voraussetzung für Medienvielfalt und -freiheit tauge. <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/13/interview-ingrid-deltenre/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Seit drei Jahren leitet Ingrid Deltenre (53) die Generaldirektion der Europäische Rundfunkunion EBU in Genf. Die ehemalige Deutschschweizer Fernsehdirektorin ist damit eine der obersten Lobbyistinnen für die Sache des Service public in Radio und Fernsehen. Deltenre hält das Modell gebührenfinanzierter Medien für unverzichtbar, weil der freie Markt nicht als Voraussetzung für Medienvielfalt und -freiheit tauge.<br />
<span id="more-16648"></span><br />
<strong>MEDIENWOCHE: Die Mission der EBU lautet, den Service public unverzichtbar zu machen. Worin sehen Sie die Existenzberechtigung von öffentlichem Radio und Fernsehen?</strong><br />
Ingrid Deltenre: Der öffentliche Rundfunk ist ein Platz, wo Informationen, Meinungen, Ideen und Werte präsentiert und diskutiert werden, die ein Land zusammenhalten. Diese Klammerfunktion ist in einer Zeit mit so vielen Kanälen extrem wichtig, damit die Leute einen Ort haben, wo man über das Gleiche informiert wird und gemeinsam an Ereignissen teilhaben kann. Wer eine lebendige Medienlandschaft haben will, kommt deshalb nicht um das öffentlich-rechtliche Modell herum.</p>
<p><strong>Das ist eine sehr europäische Sichtweise. In den USA spielt der Service public im Medienbereich eine untergeordnete Rolle.</strong><br />
Ich glaube, der durchschnittliche Europäer, und insbesondere die Schweizer, dürften insgesamt besser informiert sein als die Amerikaner. Wir wissen besser, was in der Welt geschieht. Wer die amerikanische Medien kennt, würde gerne wechseln wollen. Kommt dazu: Die USA sind ein 240-Millionen-Markt. Deutschland als grösster europäischer Medienmarkt zählt 80 Millionen Einwohner. Der Markt als Voraussetzung, um ein vielfältiges und reichhaltiges Medienangebot zu finanzieren, ist in vielen kleineren Ländern, wie etwa der Schweiz, gar nicht vorhanden.</p>
<p><strong>Dennoch wird die Legitimation der öffentlich-rechtlichen Medien auch hierzulande immer wieder infrage gestellt.</strong><br />
In Europa zweifelt kein Land daran, dass es einen Service public braucht. Wenn es heute Diskussionen gibt, dann geht es in erster Linie um die Finanzierung und um die Definition des Auftrags.</p>
<p><strong>Wie stark greift die EBU in die Rundfunkpolitik der einzelnen Länder ein?</strong><br />
Da sind wir sehr aktiv. Wir haben mit der EU-Kommission ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Das gemeinsame Ziel ist es, die öffentlich-rechtlichen Medien so zu unterstützen, dass sie Leistungen erbringen können, die sie unverzichtbar machen. Von der EU wird vorausgesetzt, dass ein Mitgliedsstaat über einen unabhängigen und ausreichend finanzierten Service public verfügt. Für Beitrittskandidaten ist das ein Hebel. Deshalb sind wir sehr aktiv auf dem Balkan, und beraten dort die Regierungen und die Sender, um mit ihnen zusammen die Voraussetzungen zu schaffen für eine EU-Mitgliedschaft.</p>
<p><strong>Sehr aktiv war die EBU auch in Griechenland nach der Schliessung des staatlichen Fernsehens. Was haben Sie da genau gemacht?</strong><br />
Wir hatten innert 24 Stunden die Unterschriften von mehr als 60 Generaldirektoren, die gegen die Schliessung protestierten, und überreichten sie dem griechischen Finanzminister. Gleichzeitig veranlassten wir die EU-Kommission und das europäische Parlament zu Reaktionen und sorgten zudem, dass das Fernsehprogramm über unser Satellitennetz verbreitet wird. Wir sind jetzt involviert im Aufbau des neuen Senders. Das neue Mediengesetz ist mittlerweile verabschiedet. Die Trägergesellschaft des neuen Senders ist gegründet und das Management und der VR sind gewählt. Wenn das Gesetz so umgesetzt wird – impeccable! Allerdings ist es damit noch nicht getan. Wir warten auf zusätzliche Garantien im Zusammenhang mit dem Leistungsauftrag und der Finanzierung.</p>
<p><strong>Die EBU hat auch Mitglieder in Nordafrika. Wie stark waren Sie dort in den Aufbau von unabhängigen Medien involviert nach den politischen Umwälzungen?</strong><br />
Der ehemalige Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, Ueli Haldimann, war in Tunesien aktiv um einen neuen Sender aufzubauen und die ersten freien Wahlen zu begleiten. Ich hab ganz bewusst ihn gefragt, weil die Schweiz eine lange Tradition hat mit unabhängigen Medien und als Vorbild gelten kann, wie man eine Wahlberichterstattung organisiert. Mit dem meist unerfahrenen Personal in Tunesien absolvierte Haldimann eine journalistische Schnellbleiche. Dabei ging es auch um ganz praktisch Fragen, wie man zum Beispiel ein Mikrofon richtig hält oder wie man Interviews führt.</p>
<p><strong>Wie nachhaltig wirkt dieser Einsatz?</strong><br />
Am Ende ist es wichtig, dass wir Leute haben, die Arabisch sprechen und nicht nur Französisch. Deshalb fingen wir an, mit Institutionen wie BBC Media Action und der Deutschen Welle zusammenzuarbeiten. Die EBU bietet auch Ausbildungen an, nicht primär im journalistischen Bereich. Wir helfen Akademien aufbauen, aktuell gerade in Algerien. Dort geht es um Change-Management und Leadership, die gerade mit dem Medienwandel wichtig sind.</p>
<p><strong>Die EBU tritt nicht nur als Beraterin auf, sondern ist auch selbst im TV-Geschäft aktiv. Inwiefern?</strong><br />
Ein gutes Beispiel, um die Palette unserer Aktivität zu zeigen, sind die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau. Zunächst hatten wir im Namen unserer Mitglieder die Sportrechte erworben. In Moskau hat dann unsere Produktionsgesellschaft die ganze Fernseh- und Radioproduktion realisiert und wir waren auch für die Übertragung verantwortlich mit unserem Satelliten- und Kabelnetz. Bei anderen Veranstaltungen übernimmt die EBU aber nur einen Teil dieser Leistungen.</p>
<p><strong>Wieso hat kein russischer Veranstalter die Leichtathletik-WM produziert?</strong><br />
Die internationalen Sportverbände möchten den TV-Zuschauern einen bestimmten Qualitätsstandard bieten können. Wenn jedes Mal ein anderer Sender produziert, ist keine Konstanz garantiert. Die EBU kommt vor allem bei mittelgrossen Veranstaltungen wie Leichtathletik, Schwimmen oder Reiten zum Zug.</p>
<p><strong>Welches Gewicht kann die EBU bei den Verhandlungen um Sportrechte in die Waagschale werfen?</strong><br />
Das Gewicht sind die Mitglieder und die Qualität der Sender. Die EBU als Organisation führt nur die Verhandlungen, das Geld kommt aber von den Mitgliedern.</p>
<p><strong>Das prominenteste Aushängeschild der EBU ist der Eurovision Songcontest. Der wird immer wieder von Skandalen und Skandälchen begleitet. Hierzulande wird er fast nur noch darüber wahrgenommen. Nimmt die Popularität des Gesangswettbewerbs ab?</strong><br />
Überhaupt nicht. Es gibt zwar immer wieder Schwankungen in der Popularität, aber im Moment befindet er sich in einem grossen Hoch. Wir zählten dieses Jahr mehr als 170 Millionen Zuschauer. Keine andere Unterhaltungssendung in Europa erzielt diese Werte. Aber die Popularität in den einzelnen Ländern hängt stark davon ab, wie die Selektionsphase ausgestaltet wird. Dann kommt es natürlich darauf an, ob ein Land dabei ist oder nicht.</p>
<p><strong>Der Songcontest ist einer der wenigen Momente, wo Sie im Rampenlicht der Schweizer Medienöffentlichkeit stehen. In diesem Jahr mussten Sie gegen Ihren ehemaligen Arbeitgeber auftreten, als eine Band der Heilsarmee in Uniform für die Schweiz antreten wollte. Keine angenehme Aufgabe.</strong><br />
Ich habe einfach auf die Spielregeln hingewiesen. Ich mag eigentlich nicht gegen SRF auftreten, weil ich diesem Unternehmen so enorm viel verdanke. Den Verantwortlichen war eigentlich sonnenklar, was Sache ist. SRF ging wohl davon aus, dass die Heilsarmee sowieso keine Chance haben würde. Wenn unser Uniformverbot bereits im Vorfeld thematisiert worden wäre, hätten sie der Heilsarmee zu einer Popularität verholfen und so die Chancen auf eine Wahl gesteigert.</p>
<p><strong>Abgesehen von dieser Episode ist es sehr ruhig geworden um Sie in den Schweizer Medien. Als SF-Direktorin war das ja anders. Geniessen Sie die Ruhe um ihre Person?</strong><br />
Bei SF hat der Medienrummel einfach dazugehört und jetzt gehört er eben nicht dazu. In dem Sinn ist das für mich kein Thema. Ich kann mich auf meine Arbeit konzentrieren und muss nicht noch eine Medienstrategie fahren. Das ist schon eine Erleichterung.</p>
<p><strong>Welche Rolle spielt die Schweiz bei Ihrer Arbeit?</strong><br />
Die Schweiz ist für mich ein wichtiges Land, schliesslich hat die EBU ihren Hauptsitz in Genf. Aber für meine tägliche Arbeit spielt die Schweiz keine grosse Rolle.</p>
<p><strong>Wieso nicht?</strong><br />
Weil die Schweiz im Medienbereich im Vergleich zu anderen Ländern eigentlich keine grossen Sorgen hat. Aber ich würde mir schon wünschen, dass die Schweiz aktiver würde, weil die SRG auch etwas zu sagen hätte.</p>
<p><small>Das Gespräch fand am 29. August in Zürich statt.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/13/interview-ingrid-deltenre/">Sie wacht über den Service public in Europa</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Fernsehen ist von Natur aus ein soziales Medium»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/11/08/interview-daniel-heaf/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Nov 2013 09:00:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[BBC]]></category>
		<category><![CDATA[BBC Worldwide]]></category>
		<category><![CDATA[TV 2.0 Summit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als Digitalchef der kommerziellen Tochter der BBC bewegt sich Daniel Heaf (35) auf dem globalen TV- und Medienmarkt. Von Hypes und Trends lässt er sich nicht irritieren und hinterfragt lieber einmal mehr, was andere bereits als Naturgesetz betrachten. Ein Gespräch über das Fernsehen von heute in einer Medienwelt, die immer nur das Morgen im Auge <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/08/interview-daniel-heaf/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Als Digitalchef der kommerziellen Tochter der BBC bewegt sich Daniel Heaf (35) auf dem globalen TV- und Medienmarkt. Von Hypes und Trends lässt er sich nicht irritieren und hinterfragt lieber einmal mehr, was andere bereits als Naturgesetz betrachten. Ein Gespräch über das Fernsehen von heute in einer Medienwelt, die immer nur das Morgen im Auge hat.<br />
<span id="more-16644"></span><br />
<strong>MEDIENWOCHE: Sie arbeiten in London für ein global tätiges Medienunternehmen. Wie wissen Sie, was das Publikum in Asien, Amerika oder Australien interessiert?</strong><br />
Daniel Heaf: Einen grossen Teil meiner Arbeitszeit verbrachte ich in den letzten drei Jahren mit Reisen. Ich bleibe jeweils eine Weile dort und fliege nicht einfach hin und zurück. Einen Markt lernt man nicht auf einer Powerpoint-Präsentation kennen. Es braucht die Zeit vor Ort um das Publikum und die Marktbedingungen zu verstehen.</p>
<p><strong>Wovon waren Sie am meisten überrascht bei ihren Weltreisen?</strong><br />
Es gibt grosse Unterschiede, was die Leute wollen, und wie sie es geliefert erhalten wollen. Weil ich so viel unterwegs war, ist es schwierig, mich an einen bestimmten Moment zu erinnern, wo ich wirklich überrascht worden wäre. Es ist vielleicht die Vielfalt, die mich am meisten verblüfft hat, und zu sehen, wie wichtig die lokale Verankerung selbst für uns als globale Medienmarke ist.</p>
<p><strong>Was würde zum Beispiel in den Märkten Asiens nie funktionieren?</strong><br />
Unser Geschäft mit DVD und kostenpflichtigen Downloads würde in Asien nie funktionieren. Es gibt dort nicht die gleiche Tradition, was den Besitz von Medien angeht wie in der ganzen westlichen Welt.</p>
<p><strong>BBC Worldwide ist die kommerzielle Tochter der öffentlich-rechtlichen BBC. Worin unterscheiden Sie sich vom Mutterhaus?</strong><br />
Was die Werte angeht, unterscheiden wir uns gar nicht von der BBC. Deshalb gibt es auch bestimmte Geschäftsfelder, die wir nie betreten würden, etwa gewisse Werbeformen, egal wie lukrativ sie wären. Unsere Mission ist es, die Marke BBC zu schützen, zu stärken und global auszudehnen.</p>
<p><strong>Ein wichtiger Teil ihres Geschäfts ist die Lizenzierung von BBC-Produktionen. Kannibalisieren Sie so nicht die Kanäle der BBC, die ja auch global zu empfangen sind?</strong><br />
Im Moment sehen wir keine Kannibalisierungseffekte dieser verschiedenen Distributionswege. Wir sehen sie vielmehr als gute Ergänzung zueinander. Denn letztlich sind Inhalte wichtiger als die Plattformen. Was bringt dir eine Plattform, wenn du keine Inhalte hast? Wir pflegen beispielsweise eine wunderbare Beziehung zu Netflix, die unsere Inhalte lizenzieren für alle ihre Verbreitungsgebiete, weil sie wissen, dass das Publikum diese Inhalte sehr schätzt und sehen will. Unser Inhalte haben einen Wert auch ohne dazugehörige Plattform.</p>
<p><strong>Zurzeit wird ja das Fernsehen neu erfunden. Alles bewegt sich in Richtung Social TV. Ist Fernsehen überhaupt ein soziales Medium?</strong><br />
Fernsehen ist von Natur aus ein soziales Medium. In den Anfängen war Fernsehen immer ein Gemeinschaftserlebnis. Aber dieser ursprüngliche soziale Aspekt fällt zunehmend weg, weil Fernsehen heute auf einer Vielzahl verschiedner Geräte geschaut werden kann. Die Leute entscheiden sich das zu schauen, was sie wollen auf ihrem eigenen Bildschirm.</p>
<p><strong>Sie sagen also, Fernsehen sei heute weniger sozial.</strong><br />
Ist es sozial, wenn mir ein Algorithmus ein Stück Content empfiehlt, weil es ein Facebook-Freund zuvor auch geschaut hat? Mein Verständnis von «sozial» bedeutet, wirklich mit Leuten zusammen zu sein. Sozial heisst, sich mit Leuten auszutauschen und die beste – aber nicht die einzige – Möglichkeit das zu tun, ist nebeneinanderzusitzen. Das ist ja auch der Grund, weshalb wir dieses Interview nicht über Skype führen, sondern hier in London.</p>
<p><strong>Sie halten nicht viel von dem, was heute als «Social TV» firmiert?</strong><br />
Klar sind Interaktionen und Empfehlungen aufgrund des Profils in sozialen Netzwerken wichtig. Es geht hier aber nicht um eine Frage des entweder/oder. Persönlich finde ich, dass fernsehen zusammen mit richtigen Leuten und sich mit ihnen direkt auszutauschen, besser ist, als das neue Social TV. Fürs Geschäft ist aber das algorithmische «sozial» vermutlich besser.</p>
<p><strong>Das heisst: Unter dem Strich ist das Fernsehpublikum konservativ und will sich einfach hinsetzen und berieseln lassen.</strong><br />
Das kann man so nicht sagen. Denn Tatsache ist auch, dass sich die Medienwelt noch nie so schnell bewegt hat wie heute. Das iPhone kam 2007, seither haben Smartphones einen Siegeszug angetreten. Die Hälfte der Bevölkerung in Grossbritannien hat ein Smartphone. Der Tablet-Markt wächst viermal schneller als der Smartphone-Markt. Neue Geräte bringen dem Publikum neue Angebote, die es auch will. Ein gutes Beispiel dafür ist Netflix. Die bieten eine unglaubliche Menge an Filmen auf jedem Gerät für eine tiefe monatliche Gebühr. Das ist neu für das Publikum. Gleichzeitig funktionieren Netflix, iPlayer oder zeitversetztes Fernsehen, das Catch-Up-Television, nicht grundsätzlich anders als das bekannte Fernsehen: einschalten und los geht&#8217;s. Das sind die Anwendungen, die sich durchsetzen werden.</p>
<p><strong>Eine grosses Versprechen der Digitalisierung sind personalisierte Angebote: Ich kriege nur das, was mir wirklich gefällt. Wird das heute schon eingelöst?</strong><br />
Personalisierung ist dann erfolgreich, wenn der Empfehlungsprozess ein Nebenprodukt von dem ist, was du sowieso schon machst und nicht ein Zusatzaufwand bedeutet.</p>
<p><strong>Die Kehrseite der Personalisierung ist die Filter Bubble. Ich nehme ausserhalb der mir algorithmisch empfohlenen Medien nichts mehr anderes wahr.</strong><br />
Das glaube ich nicht. Ein Beispiel: Wer hat früher Fox-News geschaut und gleichzeitig den Guardian gelesen? Sehr wenige. In der digitalen Welt haben viel mehr Leute, die online Fox-News schauen, auch schon einmal die Guardian-Website besucht. Die Tatsache, dass die verschiedensten Angebote nur einen Klick voneinander entfernt sind im Web, sorgt dafür, dass man dazu neigt, diese Angebote auch zu nutzen. Es wird viel mehr über die Filter-Bubble gesprochen, als dass es sie tatsächlich gibt.</p>
<p><strong>Damit ein Fernsehsender personalisierte Empfehlungen machen kann, muss er die Personendaten seiner Zuschauer kennen. Wie weit geht da die BBC?</strong><br />
Wir haben da eine eher konservative Haltung. Die meisten, die Sie heute befragen, würde betonen, wie wichtig Big Data sei. Ich sehe das ein bisschen anders. Das Publikum zu verstehen, ist wichtig. Wir schauen durchaus, wie sich unser Publikum verhält. Aber soll ich alle verfügbaren Daten aufsaugen, weil sie vielleicht in der Zukunft einmal von Nutzen sein könnten? Mich interessiert das nicht, solange ich nicht weiss, was der Mehrwert für das Publikum sein könnte. Viele Unternehmen sammeln wahllos Personendaten. Die BBC erhebt Nutzerdaten nur in sehr spezifischen Fällen. Wir verbringen aber sehr viel Zeit mit traditionellen Methoden, um zu verstehen, was unser Publikum will. Sei es mit Befragungen oder Fokus-Gruppen.</p>
<p><strong>Eine grosse Knacknuss, an der sich viele Medienunternehmen derzeit die Zähne ausbeissen, ist die Kommerzialisierung von mobilen Inhalten. Ist das auch Ihre Sorge? </strong><br />
Ich mache mir da ein bisschen weniger Sorgen als die privaten Verlagshäuser, denn BBC ist ein TV-Unternehmen. Klassische Fernsehwerbung funktioniert auf mobilen Geräten besser als Banner- oder In-Feed-Werbung. Nach 45 Minuten TV-Programm verträgt es alleweil 30 Sekunden Werbung. Das Format, das am einfachsten auf den unterschiedlichen Plattformen funktioniert, ist der TV-Spot. Kommt dazu, dass dieses Format weitherum akzeptiert ist beim Publikum.</p>
<p><strong>Die grossen Verlagshäuser stehen seit Jahren unter grossem Druck. Stehen Radio und Fernsehen vor den gleichen dramatischen Umwälzungen?</strong><br />
Es gibt gewisse Parallelen. Aber auch grosse Unterschiede. Das Problem der Zeitungsverlage sind die News. Wenn man sich über den das aktuelle Weltgeschehen informieren will, dann gibt es Tausende Möglichkeiten. Ein grosser Teil davon ist austauschbar. Aber irgendeine Auto-Show ist eben nicht das gleiche wie «Top Gear». Das gibt es nur einmal.</p>
<p><strong>Gibt es unterbewertete Trends, die uns demnächst überraschen könnten?</strong><br />
Ich werde hier keinen Trend nennen, von dem Sie nicht auch schon gehört haben. Was sich ganz stark ändern wird über die nächsten fünf, sechs Jahre ist das Verhältnis von Live-Fernsehen zu On-Demand-Nutzung zugunsten des Letzteren. Das ist eine Ansicht, die nicht alle teilen. Die aktuellen Zahlen zeigen das noch nicht. Heute sehen immer noch die meisten Leute in Echtzeit fern. Aber das wird sich rasant ändern. Live-TV wird zwar weiterhin dominieren, aber bereits 25 Prozent On-Demand-Nutzung wären ein spektakulärer Wandel.</p>
<p><small>Das Interview wurde am 27. August in London geführt.</small></p>
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