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	<title>Umfragen | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Thu, 07 Jan 2021 08:02:15 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Wie Umfragen unseren Denkhorizont beschränken</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marko Ković]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Nov 2020 10:45:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Umfragen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Bei den US-Wahlen lagen Umfragen und Prognosen erneut weit daneben. Doch das ist nur der geringste Grund, warum wir aufhören sollten, Umfragen Glauben zu schenken. Sie schaden der Demokratie und hemmen den gesellschaftlichen Fortschritt. Ein Plädoyer. Joe Biden besiegt Donald Trump klar und deutlich mit grossem Vorsprung, vielleicht sogar in einem überwältigenden Erdrutschsieg. Die Demokraten <a href="https://medienwoche.ch/2020/11/17/wie-umfragen-unseren-denkhorizont-beschraenken/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Bei den US-Wahlen lagen Umfragen und Prognosen erneut weit daneben. Doch das ist nur der geringste Grund, warum wir aufhören sollten, Umfragen Glauben zu schenken. Sie schaden der Demokratie und hemmen den gesellschaftlichen Fortschritt. Ein Plädoyer.</strong><br />
<img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-83441" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Unfragen-Experten-20201117d.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Unfragen-Experten-20201117d.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Unfragen-Experten-20201117d-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Unfragen-Experten-20201117d-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Unfragen-Experten-20201117d-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/11/MW-Unfragen-Experten-20201117d-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Joe Biden besiegt Donald Trump klar und deutlich mit grossem Vorsprung, vielleicht sogar in einem überwältigenden Erdrutschsieg. Die Demokraten bauen auch ihren Vorsprung im Repräsentantenhaus mit Sitzgewinnen im zweistelligen Bereich aus. Und sie erobern sich auch die Mehrheit im Senat zurück. Die US-Wahlen von 2020 sind eine blaue Welle.</p>
<p>Das sagten praktisch alle Umfragen voraus. Selbst aggregierte Umfrage-Modelle, wie sie beispielsweise <a href="https://projects.fivethirtyeight.com/2020-election-forecast/" target="_blank" rel="noopener">«FiveThirtyEight»</a>, die <a href="https://www.nytimes.com/live/2020/presidential-polls-trump-biden" target="_blank" rel="noopener">«New York Times»</a> oder der <a href="https://projects.economist.com/us-2020-forecast/president" target="_blank" rel="noopener">«Economist»</a> aufstellten, kamen zum gleichen Schluss. Und alle hatten sie Unrecht: Bidens Sieg war sehr knapp, die Demokraten haben Sitze im Repräsentantenhaus verloren und im Senat bisher noch keine Mehrheit.<br />
</p>
<p>Die Prognosen zu den US-Wahlen lagen abermals daneben, und zwar noch deutlicher als 2016. Das hat in den USA eine Grundsatzdebatte über Sinn und <a href="https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2020/11/polling-catastrophe/616986/" target="_blank" rel="noopener">Unsinn von Umfragen</a> losgetreten. Auch Umfragegrössen wie <a href="https://www.nytimes.com/2020/11/10/podcasts/the-daily/election-polls-biden-trump.html" target="_blank" rel="noopener">Nate Cohn</a> von der «New York Times» oder <a href="https://statmodeling.stat.columbia.edu/2020/11/04/dont-kid-yourself-the-polls-messed-up-and-that-would-be-the-case-even-wed-forecasted-biden-losing-florida-and-only-barely-winning-the-electoral-college/" target="_blank" rel="noopener">Andrew Gelman</a>, Statistikprofessor und Kopf hinter den «Economist»-Prognosen, zeigen sich nach dem 2020-Fiasko sehr selbstkritisch.</p>
<p>Eine solche Debatte ist auch dringend bei uns in Europa und der Schweiz nötig. Auch wir sind besessen von Umfragen vor Wahlen und Abstimmungen und können uns Politik ohne das ritualisierte Orakeln über Umfrageergebnisse kaum vorstellen. Doch es gibt triftige Gründe, warum es ein Gewinn für unsere politische Kultur wäre, wenn wir gänzlich aufhören, Umfragen durchzuführen.</p>
<h3>1. Ein realistisches Abbild der Bevölkerung wird immer schwieriger</h3>
<p>Vor einigen Jahrzehnten befanden wir uns im goldenen Zeitalter der Umfragen. Ein Umfrageunternehmen konnte damals recht einfach Telefonnummern auswählen und Menschen zu Hause anrufen, die bereitwillig und ehrlich über ihre politischen Ansichten und Absichten Auskunft gaben. Weil die Auswahl an Leuten, die kontaktiert wurden, mehr oder weniger zufällig war, ergab sich in der Summe ein ganz nützliches Bild: Eine Zufallsstichprobe, die es in statistischer Hinsicht erlaubte, Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung zu machen. Dieses goldene Zeitalter ist aber längst hinter uns.</p>
<p>Unabhängig von der konkreten Methode, die eingesetzt wird (Telefonumfragen, briefliche Umfragen, Face-to-Face-Umfragen), sinkt in allen Ländern die <a href="https://surveyinsights.org/?p=9673" target="_blank" rel="noopener">Rücklaufquote</a> massiv – immer weniger Menschen machen bei klassischen Umfragen mit. Das hat technologische Gründe (viele Menschen nutzen Festnetztelefonie nur noch selten oder gar nicht), aber auch soziale (viele Leute haben schlicht keine Zeit oder Lust auf Umfragen).</p>
<blockquote><p>Viele Umfrageunternehmen werfen mittlerweile das Prinzip der Zufallsstichprobe komplett über Bord.</p></blockquote>
<p>Als Konsequenz davon werden Stichproben immer verzerrter und zeigen damit ein weniger repräsentatives Abbild der Gesamtbevölkerung. Im Zusammenhang mit den Umfragen vor den US-Wahlen dürfte beispielsweise eine Rolle gespielt haben, dass eher konservativ eingestellte Leute grundsätzlich <a href="https://www.pewresearch.org/fact-tank/2020/11/13/understanding-how-2020s-election-polls-performed-and-what-it-might-mean-for-other-kinds-of-survey-work/" target="_blank" rel="noopener">weniger an Umfragen teilnehmen</a>, weil sie ihnen misstrauen. Um die mit dieser Ausfransung des Rücklaufs einhergehenden Fehler zu korrigieren, werden diverse Gewichtungsverfahren eingesetzt, die aus den vorhandenen Daten etwas basteln, das nahe an die Situation in der tatsächlichen Bevölkerung kommen soll.</p>
<p>Viele Umfrageunternehmen werfen mittlerweile das Prinzip der Zufallsstichprobe komplett über Bord und führen bequeme Online-Umfragen mit gänzlich verzerrten Stichproben durch, welche anschliessend mit komplizierten statistischen Verfahren «korrigiert» werden, um ein vermeintlich repräsentatives Bild zusammenzuschustern. Die Realität ist aber ganz einfach, dass Umfrageinstitute immer schlechtere Daten haben und in der Folge immer stärker im Dunkeln tappen – sie wissen gar nicht, was sie mit und in ihren Umfragen alles nicht wissen.</p>
<h3>2. Umfragen beeinflussen die Wählerschaft</h3>
<p>Hans will wählen, ist sich aber noch unsicher, welche Partei. In den Medien vernimmt er, dass neue Umfragen zeigen, Partei A liege in der Wählergunst vor Partei B. Beeinflusst die mediale Berichterstattung über Umfrageergebnisse, wie Hans wählt?</p>
<p>In einer perfekten Welt, in der wir alle strikt rational nach unseren aufrichtigen Präferenzen wählen, spielt es für Hans keine Rolle, wer in Umfragen die Nase vorne hat; er wählt gemäss seinen Werten, Einstellungen und Zielen. Doch die Realität will sich hartnäckig nicht an diese Theorie halten. Es gibt <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1057%2F9780230374959_11" target="_blank" rel="noopener">Studien</a> (<a href="https://doi.org/10.1093/ijpor/edn034" target="_blank" rel="noopener">viele</a>, <a href="https://doi.org/10.1093/ijpor/edu041" target="_blank" rel="noopener">viele</a>, <a href="https://doi.org/10.1515/wps-2016-0012" target="_blank" rel="noopener">viele</a>, <a href="https://doi.org/10.1111/j.1559-1816.1998.tb01363.x" target="_blank" rel="noopener">viele</a>, <a href="https://doi.org/10.1086/268715" target="_blank" rel="noopener">viele</a>, <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/2053168014547667" target="_blank" rel="noopener">viele</a>, <a href="https://doi.org/10.1111/1467-9477.12094" target="_blank" rel="noopener">viele</a> <a href="https://doi.org/10.1177/003231870205400106" target="_blank" rel="noopener">Studien</a>), die zeigen, dass Umfragen und die Berichterstattung darüber einen starken Einfluss darauf haben, wie Wählerinnen und Wähler denken und entscheiden. Eine Art, wie das geschieht, ist der sogenannte Bandwagon-Effekt: Wenn Wählerinnen und Wähler den Eindruck erhalten, dass eine Partei oder eine Kandidatin schwächelt, sinkt ihre Präferenz für die Partei oder Kandidatin; wenn im Gegenteil berichtet wird, dass eine Partei oder Kandidatin beliebt oder im Aufwind ist, wird diese Partei oder Kandidatin attraktiver.</p>
<p>In einer gesunden Demokratie debattieren wir über Inhalte und Ideen und treffen auf dieser Grundlage möglichst wohlüberlegte Entscheidungen. Umfragen haben den gegenteiligen Effekt und tragen dazu bei, dass Politik zu einem im Grunde inhaltslosen Schönheitswettbewerb wird.</p>
<h3>3. Umfragen schaffen Pseudo-Ereignisse</h3>
<p>Frag nie einen Coiffeur, ob du einen Haarschnitt brauchst. Und frag nie ein Umfrageunternehmen, ob wir Umfragen brauchen. In beiden Fällen besteht ein offensichtlicher finanzieller Anreiz, die Dienstleistung so oft wie möglich zu verkaufen.</p>
<p>Das zentrale Problem bei profitorientierten Umfrageinstituten ist ihr symbiotisches Verhältnis mit Medienunternehmen, welche in einer bemerkenswerten Verwertungskette mündet. Die beiden wichtigsten Umfrage-Player in der Deutschschweiz sind Schweizer Radio und Fernsehen SRF und Tamedia auf der Medienseite und die Unternehmen gfs.bern und Sotomo auf der Seite der Umfrageinstitute. Vor jeder grösseren Wahl und Abstimmung geben SRF und Tamedia Umfragen in Auftrag, und punktuell werden wir auch mit ausserordentlichen Umfragen beglückt, wie etwa aktuell den SRF-Umfragen zum <a href="https://www.srf.ch/news/schweiz/5-corona-umfrage-der-srg-die-schweiz-steuert-auf-den-corona-burnout-zu" target="_blank" rel="noopener">Befinden der Bevölkerung</a> in Corona-Zeiten.</p>
<blockquote><p>Die Umfrageergebnisse dienen den Redaktionen als Rohmaterial für allerlei Beiträge und Artikel.</p></blockquote>
<p>Medienorganisationen sind damit ein wichtiges, vielleicht das wichtigste wirtschaftliche Standbein der Umfrageindustrie im Bereich der politischen Umfragen. Die betroffenen Medienhäuser ihrerseits ziehen aus den Umfragen auch einen grossen Nutzen: Die Umfrageergebnisse dienen den Redaktionen als Rohmaterial für allerlei Beiträge und Artikel auf all ihren Kanälen.</p>
<p>Die nie abebbende Welle an Umfragen ist für die Medienhäuser doppelt attraktiv: Einerseits bereitet die Berichterstattung auf der Basis von Umfragen verhältnismässig wenig Aufwand: ein paar Zahlen, dazu ein paar Binsenweisheiten zur Erklärung der Ergebnisse, und fertig ist die Story. Andererseits lässt sich mit Umfrageergebnissen – so «billig» sie als journalistisches Format auch sein mögen – sehr gut Aufmerksamkeit generieren. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Horse-Race-Berichterstattung" target="_blank" rel="noopener">«Horse Race»-Berichterstattung</a>, also Journalismus, bei dem der blosse Wettbewerb zwischen Personen oder politischen Lagern im Vordergrund steht, zieht im Grunde immer, weil die Dramaturgie mit den emotionalisierenden Elementen von Sieg und Niederlage eine enorme Zugkraft hat.</p>
<blockquote><p>Umfragen sind Pseudo-Events: Ein Konstrukt, das im Grunde nur heisse Luft generiert.</p></blockquote>
<p>Der Historiker Daniel J. Boorstin hat in seinem Klassiker <a href="https://books.google.ch/books/about/The_Image.html?id=qrBQ-WW7ITwC&amp;redir_esc=y" target="_blank" rel="noopener">«The Image: A Guide to Pseudo-Events in America»</a> kritisiert, dass Medien immer häufiger nicht bloss über reale gesellschaftliche Ereignisse berichten, sondern selber Pseudo-Ereignisse herstellen, um diese dann zu Geschichten zu machen. Frei nach dem Motto: «From news-gathering to news-making». Umfragen sind das perfekte Beispiel für solche Pseudo-Events: Ein Konstrukt, das im Grunde nur heisse Luft generiert, sich aber wunderbar zu Schlagzeilen machen lässt.</p>
<p>Der Verbund von Umfrageindustrie und Medien schafft dabei einen bemerkenswerten Kreislauf an Pseudo-Ereignissen. Politische Umfragen existieren zu einem guten Stück, weil Medien solche Umfragen in Auftrag geben. Medienhäuser ihrerseits münzen Umfrageergebnisse ihrerseits zu Geschichten um, die ihnen Aufmerksamkeit und Geld bringen. Das Besondere an dieser Symbiose ist, dass die Leute, die die Umfragen durchführen, in den Geschichten über die Umfragen als «Expertinnen» und «Experten» auftreten, um die Ergebnisse zu erklären und damit der ganzen Angelegenheit einen Hauch von Legitimität zu verleihen. Und weil das alles so wichtig ist – das sagen schliesslich Expertinnen und Experten! –, müssen natürlich auch in Zukunft Umfragen durchgeführt werden. Die Spirale der Pseudo-Ereignisse dreht weiter, ad infinitum.</p>
<h3>4. Umfragen verengen den Raum des politisch Denkbaren</h3>
<p>Demokratische Politik bedeutet, dass wir als Gesellschaft über Ideen und Probleme offen und kritisch debattieren. Dazu gehören auch Ideen, die heute vielleicht verrückt klingen mögen, weil sie stark abweichen von den uns bekannten Institutionen und Prinzipien. Doch Fortschritt kann es nur geben, wenn wir uns als Gesellschaft trauen, kritisch zu fragen, wo wir rationalerweise hinwollen.</p>
<p>Heute erodiert dieses aufrichtige Streben nach Fortschritt und Verbesserung, auch wegen der Umfrageindustrie. Politik und Zivilgesellschaft orientieren sich immer stärker an der blossen politischen «Machbarkeit» anstatt an philosophischen und moralischen Idealen. Das, was sich nicht zuletzt in Umfragen als mehrheitstauglich erweist, ist immer öfter der Weg, den die Politik wählt. Das presst das politische Leben in ein enges Korsett, das die Luft zum weitreichenden politischen Denken abschnürt.</p>
<blockquote><p>Im politischen Diskurs stehen heute «Machbarkeit», «Realisierbarkeit» und «Wählbarkeit» im Vordergrund und nicht politische Ideale.</p></blockquote>
<p>Die politischen Kommentatoren und Podcaster Nima Shirazi und Adam Johnson beschreiben dieses Problem als <a href="https://citationsneeded.medium.com/episode-87-nate-silver-and-the-crisis-of-pundit-brain-fab3eca9c2e4" target="_blank" rel="noopener">«Pundit Brain»</a> (auf Deutsch so viel wie «Experten-Hirn»). Pundit Brain bedeutet, dass im politischen Diskurs und vor allem bei den etablierten politischen Parteien heute die «Machbarkeit», «Realisierbarkeit» und «Wählbarkeit» von Ideen und Personen im Vordergrund steht, nicht politische Ideale. Folglich orientiert sich dieser Diskurs an der vermeintlichen Mehrheitsmeinung. Die Umfrageindustrie und die damit verbundene Illusion, zu verstehen, was die Bevölkerung will und akzeptiert, sind die Grundlagen von Pundit Brain.</p>
<p>Pundit Brain ist doppelt tragisch. Einerseits hat Pundit Brain dazu geführt, dass sich viele Parteien in einem Status-Quo-Einheitsbrei aufgelöst haben. Das betrifft vor allem einen Teil der sozialdemokratischen Parteien, massgeblich Labour in Grossbritannien, die spätestens mit der neoliberalen Wende des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schr%C3%B6der-Blair-Papier" target="_blank" rel="noopener">«Dritten Weges»</a> der 1990er Jahre ihren Kampf für die Arbeiterschaft mehr oder weniger aufgegeben haben und nun entsprechend orientierungslos vor sich hindümpeln.</p>
<blockquote><p>Es fehlen Anreize und Kritik, die aufzeigen, in welche Richtung wir uns entwickeln können und sollen.</p></blockquote>
<p>Andererseits und viel wichtiger ist der Umstand, dass durch Pundit Brain vergessen geht, dass die öffentliche Meinung eben von irgendwoher kommt. Menschen sind vernunftbegabt und lassen sich von guten Argumenten überzeugen. Was heute ein «unrealistisches» Ideal einiger weniger Leute ist, kann schon morgen zur breit abgestützten Mehrheitsmeinung werden. Die öffentliche Meinung ist dynamisch ist und entwickelt sich stetig. Pundit Brain ignoriert das. Der Fokus liegt stattdessen komplett auf der Momentaufnahme des Status Quo, wodurch Politik zu einer verknöcherten Angelegenheit wird: Ideen und Forderungen werden auf die vermeintliche Mehrheitsmeinung des Status Quo zugeschnitten, und die Gesellschaft bleibt letztlich im Status Quo der bestehenden Ideen und Ansichten verfangen. Es fehlen Anreize und Kritik, die aufzeigen, in welche Richtung wir uns entwickeln können und sollen. Das führt zu gesellschaftlichem Stillstand.</p>
<h3>Fazit: Unsere politische Kultur kann nur gewinnen, wenn die Umfrageindustrie verschwindet</h3>
<p>Es ist nur allzu menschlich, dass wir an politischen Umfragen hängen, wie an Prognosen überhaupt. Es gibt nichts Unangenehmeres als Ungewissheit – wir wollen schon heute wissen, was morgen passiert, und zwar besonders dann, wenn es um wichtige Entscheidungen und Entwicklungen geht. Umfragen können auch ein Stück weit gewisse politische Diskussionen versachlichen. Schliesslich gibt es keine politische Partei, die nicht für sich in Anspruch nicht, die Stimme der Mehrheit der Bevölkerung zu sein. Umfragen als ungefähre Schnappschüsse der breiten Gemütslage können ein Anzeichen für die ach so schwer fassbare «öffentliche Meinung» sein.</p>
<p>Doch der Nutzen von Umfragen ist weitaus geringer als ihr Schaden. Unsere politische Kultur wäre ziemlich sicher ein Stück weit offener, wilder, ideenreicher, würden wir nicht so an den Lippen der Umfrage-Auguren hängen. In einer Welt, in der wir nicht darauf konditioniert sind, gut zu finden, was eine vermeintliche Mehrheit in Umfragen gut findet, hätten wir viel mehr intellektuelle Freiheit, uns stärker mit Inhalten und Argumenten zu beschäftigen; auch dann, wenn diese auf den ersten Blick weit hergeholt wirken mögen. Politische Partizipation würde in einer umfragefreien Welt nicht mehr bloss ein nie endendes Wettrennen bedeuten, sondern viel stärker das Ideal eines kooperativen Wettbewerbs um bessere Ideen verkörpern.</p>
<p>Können wir diese fiktive Welt zur Realität machen? Können wir unseren öffentlichen Diskurs vom Fluch der Umfrageindustrie befreien? Umfragen grundsätzlich los zu werden, dürfte zumindest kurzfristig ein kaum realisierbares Vorhaben sein, weil Medienorganisationen sehr grosse Anreize haben, an Umfragen festzuhalten – Umfrageergebnisse sind für die Medienbranche köstliche Pseudo-Ereignisse, die sich einfach und wirkungsvoll verwerten lassen.</p>
<p>Ganz machtlos sind wir aber nicht. Der wohl einfachste Weg, um den Teufelskreis der nie endenden Umfragen zu brechen, ist, sie zu ignorieren. Also das nächste Mal, wenn über die neuesten Umfrageergebnisse berichtet wird, nicht zu klicken, nicht zu lesen, nicht zuzuschauen, nicht zuzuhören. Umfragen sind nämlich wie Gespenster: Wenn wir aufhören, an sie zu glauben, endet der Spuk.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/11/17/wie-umfragen-unseren-denkhorizont-beschraenken/">Wie Umfragen unseren Denkhorizont beschränken</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Wer profitiert von den vielen «No Billag»-Umfragen?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2018/01/18/wer-profitiert-von-den-vielen-no-billag-umfragen/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2018/01/18/wer-profitiert-von-den-vielen-no-billag-umfragen/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco Schneiter]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 18 Jan 2018 12:22:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Umfragen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Mehrheit der bis heute publizierten Meinungsumfragen zur «No Billag»-Initiative wurden in Tamedia-Titeln veröffentlicht. Mit teils fragwürdigen Ergebnissen. Die Umfrageflut befeuert einen «Horse-Race»-Journalismus, der den zweifelhaften Zahlen zu viel Gewicht beimisst. Selten wurde eine Initiative so früh schon so heiss debattiert wie jene zur Abschaffung der Rundfunkgebühren. Das Thema brennt Medienschaffenden förmlich unter den Fingerkuppen. <a href="https://medienwoche.ch/2018/01/18/wer-profitiert-von-den-vielen-no-billag-umfragen/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/01/18/wer-profitiert-von-den-vielen-no-billag-umfragen/">Wer profitiert von den vielen «No Billag»-Umfragen?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Mehrheit der bis heute publizierten Meinungsumfragen zur «No Billag»-Initiative wurden in Tamedia-Titeln veröffentlicht. Mit teils fragwürdigen Ergebnissen. Die Umfrageflut befeuert einen «Horse-Race»-Journalismus, der den zweifelhaften Zahlen zu viel Gewicht beimisst.</strong><br />
<img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-52263" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Umfrage-no-Billag_20180118.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Umfrage-no-Billag_20180118.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Umfrage-no-Billag_20180118-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Umfrage-no-Billag_20180118-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Umfrage-no-Billag_20180118-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2018/01/MW-Umfrage-no-Billag_20180118-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Selten wurde eine Initiative <a href="https://medienwoche.ch/2017/11/07/warum-der-abstimmungskampf-um-no-billag-schon-jetzt-tobt/">so früh schon so heiss debattiert</a> wie jene zur Abschaffung der Rundfunkgebühren. Das Thema brennt Medienschaffenden förmlich unter den Fingerkuppen. Die Debatte wird täglich neu befeuert, eine Umfrage jagt die nächste. Seit September letzten Jahres wurden bereits deren sechs veröffentlicht, fünf davon in Tamedia-Organen. Und weitere werden folgen.</p>
<blockquote><p>Mit der Publikation so früh vor dem Urnengang ging Demoscope wenig Risiko ein.</p></blockquote>
<p>Bis vor wenigen Jahren wurden Abstimmungsumfragen in erster Linie telefonisch erhoben. Das ist jedoch aufwändig und teuer. Das Feld der Anbieter war deshalb lange überschaubar. Einer der bekannten Telefonbefrager ist das Meinungsforschungsinstitut Demoscope, aus dessen Haus die erste Umfrage zur «No Billag»-Initiative im September 2017 stammt. Mit der Publikation so früh vor dem Urnengang ging das Unternehmen wenig Risiko ein. Zum Vergleich: Das GFS Bern publiziert ihre beiden Trendanalysen jeweils circa fünf Wochen respektive rund zehn Tage vor dem Abstimmungstermin, wenn die Meinungsbildung schon fortgeschritten ist.</p>
<p>Lange Zeit war GFS Bern Platzhirsch auf dem Gebiet der Abstimmungsumfragen, auch dank der zahlungskräftigen SRG im Rücken, welche die Trendanalysen zuverlässig in Auftrag gibt. In den letzten Jahren erwuchs dem Institut allerdings harte Konkurrenz aus dem Online-Bereich: Mittels gewichteter Online-Panels erzielen die Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen (LeeWas) mittlerweile Umfrageresultate, die es mit jenen von GFS Bern aufnehmen können. Der Methodenstreit zwischen Telefon- und Online-Umfragen wird von den beiden Unternehmen <a href="https://www.watson.ch/Schweiz/Abstimmungen%202016/491216016-%C2%ABGanz-schlechter-Stil!%C2%BB--Wie-sich-die-Politologen-von-Tamedia-und-GfS-aufs-Dach-geben-" target="_blank" rel="noopener">mit harten Bandagen geführt</a>.</p>
<p>Umfragedebakel in der jüngeren Vergangenheit zeigen, fehleranfällig sind beide Methoden. Telefonumfragen haben das Problem, dass sie sich zu stark auf Festnetzanschlüsse konzentrieren, weshalb jüngere, progressivere Bevölkerungsschichten untergewichtet bleiben. Online-Umfragen hingegen laufen Gefahr, ältere, wenig technikaffine Bevölkerungsgruppen zu vernachlässigen</p>
<blockquote><p>Das ist eine originelle Art zu sagen: unsere Studie ist nicht repräsentativ für die Schweizer Stimmbevölkerung.</p></blockquote>
<p>Für just dieses Problem fand die Firma Marketagent, ein relativ neuer Player im Schweizer Umfragegeschäft, eine umstrittene Lösung. In ihrer ersten Online-Umfrage zur «No Billag»-Initiative im Auftrag der «Sonntagszeitung» schloss das Marktforschungsinstitut ältere Menschen und Tessiner kurzerhand aus der Stichprobe aus. Die Studie sei repräsentativ für Personen der Deutsch- und Westschweiz im Alter von 18 bis 65 Jahren, verteidigte Geschäftsführer Jürg Gujan das Vorgehen von Marketagent. Das ist eine originelle Art zu sagen: unsere Studie ist nicht repräsentativ für die Schweizer Stimmbevölkerung.</p>
<p>Eigenartig war auch das Ergebnis, wonach «No Billag» gerade in der sonst eher staatstreuen Westschweiz viele Anhänger findet. Der seltsame Befund könnte dem geringen Stichprobenumfang geschuldet sein: Während LeeWas mit mindestens 10&#8217;000 Probanden operieren, begnügt sich Marktagent nämlich mit deren tausend. Eine hohe Zahl an Probanden ist bei Online-Umfragen allerdings nötig, um überhaupt eine sinnvolle Gewichtung nach Alter, Region und Ausbildung vornehmen zu können. Um etwas über die Gruppe der Westschweizer Akademiker über 65 sagen zu können, muss man genügend Vertreter in der Teilstichprobe haben.</p>
<blockquote><p>Dass die Methoden von Marketagent unpräzis sind, hatte das Unternehmen schon zwei Jahre zuvor bewiesen.</p></blockquote>
<p>Nach der Veröffentlichung der «No Billag»-Umfrage musste die «Sonntagszeitung» ziemlich viel <a href="https://www.watson.ch/Schweiz/NoBillag/545845164-57-Prozent-wollen-No-Billag-annehmen--Darum-sind-bei-dieser-Umfrage-Zweifel-angebracht" target="_blank" rel="noopener">Kritik und Häme einstecken</a>. Dass die Methoden von Marketagent unpräzis sind, hatte das Unternehmen schon zwei Jahre zuvor bewiesen, als es die Befürworter der Durchsetzungsinitiative mit 55 Prozent vorne sah. Die Abstimmung wurde schliesslich mit 59 Prozent Nein-Stimmen <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/mehrheit-sagt-ja-zur-svpinitiative/story/23961401" target="_blank" rel="noopener">abgelehnt</a>. Doch die «Sonntagszeitung», welche auch diese Studie in Auftrag gegeben hatte, scheint an Marketagent festhalten zu wollen. Armin Müller, Mitglied der Chefredaktion, verteidigte die «No Billag»-Studie als <a href="http://www.persoenlich.com/medien/umfrage-standards-seien-erfullt-worden" target="_blank" rel="noopener">standardkonform</a>. Kurz vor Weihnachten publizierte das Blatt dann eine nachgebesserte Version, in der nun auch die 65 bis 75-Jährigen berücksichtigt wurden.</p>
<p>Wer danach auf umfragefreie Festtage gehofft hatte, sah sich getäuscht. Die Weihnachtslieder waren gerade verklungen, da veröffentlichte LeeWas am 27. Dezember ihre Version der «No Billag»-Umfrage auf 20min.ch, wie die «Sonntagszeitung» auch eine Tamedia-Publikation. Und nach dem Jahreswechsel reichte LeeWas eine weitere Umfrage für 20min.ch nach, in der die Haltung der Bevölkerung zur SRG evaluiert wurde. Damit ist das Pulver aber noch längst nicht verschossen: Vor dem Urnengang zu «No Billag» können wir auf je zwei Umfragen von Leemann und Wasserfallen zählen. Die beiden SRG-Trendumfragen vom GFS Bern stehen ebenfalls noch aus.</p>
<blockquote><p>Die Amerikaner haben für diese Art von Berichterstattung die passende Bezeichnung: «Horse-Race»-Journalism.</p></blockquote>
<p>Wem nützt dieser Umfragereigen? Für die Meinungsforschungsinstitute geht es um Aufträge, der Wettbewerb hat sich intensiviert. Für Tamedia, wiederum ist jede Umfrage ein Schreibanlass. Rechnet man die hauseigene Leserumfrage von tagesanzeiger.ch mit, hat das Medienhaus bisher fünf von sechs Studien zu «No Billag» veröffentlicht. Die Amerikaner haben für diese Art von Berichterstattung die passende Bezeichnung: «Horse-Race»-Journalism. Politische Wahlen und Abstimmungen werden wie ein Pferderennen inszeniert. Mit einem Umfragefeuerwerk soll künstlich Spannung erzeugt werden: je knapper und widersprüchlicher die Umfrageergebnisse, desto besser.</p>
<p>«Horse-Race»-Journalismus birgt die Gefahr, dass es bei Wahlen und Abstimmungen nicht mehr um Inhalte geht, sondern nur noch um das Rennen selbst. Politik verkommt so quasi zum Unterhaltungsangebot, die Bürgerinnen und Bürger setzen per Bauchgefühl auf das eine oder andere Pferd und schreien es zum Sieg. So weit sind wir in der Schweiz zwar nicht, aber die eidgenössische Abstimmungen sind längst Teil der Unterhaltungsindustrie geworden, wie die Umfrageflut eindrücklich zeigt. Daneben ist es aber wichtig, Qualitätsjournalismus zu haben, der auf Inhalte eingeht und die gehaltvolle Debatte ermöglicht. Auch darum geht es in der «No Billag»-Abstimmung.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/01/18/wer-profitiert-von-den-vielen-no-billag-umfragen/">Wer profitiert von den vielen «No Billag»-Umfragen?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Zahlensalat (V): Allzweckwaffe Online-Umfragen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/06/30/zahlensalat-v-allzweckwaffe-online-umfragen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco Schneiter]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 30 Jun 2017 10:35:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Umfragen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>«Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast», lautet ein Bonmot, das – fälschlicherweise – Winston Churchill zugeschrieben wird. Fälschen ist heute gar nicht mehr nötig. Mit einer Online-Umfrage kann sich jeder das gewünschte Ergebnis gleich selbst zusammenstellen. Trotz struktureller Mängel sind Online-Umfragen nicht in jedem Fall nutzlos. Wenn im Frühling der jährliche Global <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/30/zahlensalat-v-allzweckwaffe-online-umfragen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>«Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast», lautet ein Bonmot, das – fälschlicherweise – Winston Churchill zugeschrieben wird. Fälschen ist heute gar nicht mehr nötig. Mit einer Online-Umfrage kann sich jeder das gewünschte Ergebnis gleich selbst zusammenstellen. Trotz struktureller Mängel sind Online-Umfragen nicht in jedem Fall nutzlos.</strong><br />
<img decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/07/MW-Zahlen-5-Onlineumfrag_20170712_940x630px.jpg" alt="" width="940" height="630" class="alignnone size-full wp-image-45119" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/07/MW-Zahlen-5-Onlineumfrag_20170712_940x630px.jpg 940w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/07/MW-Zahlen-5-Onlineumfrag_20170712_940x630px-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/07/MW-Zahlen-5-Onlineumfrag_20170712_940x630px-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/07/MW-Zahlen-5-Onlineumfrag_20170712_940x630px-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" /><br />
Wenn im Frühling der jährliche <a href="https://www.globaldrugsurvey.com/" target="_blank">Global Drug Survey GDS</a> veröffentlicht wird, stürzen sich die Medien aus aller Welt darauf. «Sex sells», heisst es in der Werbebranche. «Drugs do too», könnte man anfügen. Der britische «Guardian» tritt als Medienpartner des GDS auf, «Zeit Online» widmet der Studie eine ganze Artikelserie und das Schweizer Online-Newsportal <a href="http://www.watson.ch/mint/Fuck%20&#038;%20Feel/169143733-Die-Schweiz-ist-ein-Kokain-Paradies-%E2%80%93-17-Fakten-zum-globalen-Drogenkonsum" target="_blank">«Watson» illustriert die Ergebnisse des GDS</a> mit einer aufwändig gestalteten Kaskade von Infografiken. Und so wissen wissen wir nun, dass Magic Mushrooms die sicherste Droge sind, die Australier am häufigsten am Bong saugen und Schweizer Kiffer pro Tag vier Stunden high sind, <a href="http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Schweizer-Kiffer-sind-pro-Tag-vier-Stunden-high-21327486" target="_blank">wie das «20 Minuten» herausstrich</a>.</p>
<blockquote><p>In der Statistik kommt es nicht auf die Grösse, sondern auf die Repräsentativität an.</p></blockquote>
<p>Die Erkenntnisse des Global Drug Surveys basieren auf einer Online-Umfrage in zwanzig vorwiegend westlichen Ländern. Teilnehmer werden über Social Media und Newsportale rekrutiert. Mitmachen kann, wer will. Rund 120&#8217;000 Personen waren es beim letzten Survey – eine beeindruckende Stichprobe. Doch in der Statistik kommt es nicht auf die Grösse, sondern auf die Repräsentativität an. Wenn ganz viele junge Kiffer an der Umfrage mitmachen, ist die drogenabstinente Oma deswegen nicht besser in der Stichprobe vertreten. Um seriöse Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung ziehen zu können, müsste aber jede und jeder dieselbe Chance haben, an der Studie teilzunehmen. Ansonsten ist sie nicht repräsentativ.</p>
<p>Auch wenn sich der Global Drug Survey einen wissenschaftlichen Anstrich gibt, deklarieren die Autoren ihren Bericht als klar nicht-repräsentativ. Doch das hindert Redaktionen rund um den Globus nicht daran, die Ergebnisse so zu interpretieren. «Es ist problematisch, wenn Medien auf Grundlage des Berichts gewagte Aussagen zum Drogenkonsum machen», kommentiert Markus Meury von «Sucht Schweiz» den Umgang der Medien mit dem Survey. Für die Stiftung, die in der Suchtprävention tätig ist, hat die Umfrage nur einen limitierten Nutzen: «Für uns bietet vor allem die Möglichkeit, neue Trends im Partymilieu zu beobachten», sagt Meury. Rückschlüsse auf den Drogenkonsum der Gesamtbevölkerung oder Ländervergleiche seien aber nicht zulässig.</p>
<p>Wie alle Online-Umfragen krankt der Global Drug Survey an einer verzerrten Stichprobe. Solcher Mangel kann zu völlig falschen Schlüssen führen. Anderes Beispiel: Im US-Bundesstaat North Carolina wurde die Bevölkerung online gefragt, ob sie die Einführung der Sonntagsjagd befürworte. 55% der Umfrage-Teilnehmer bejahten. In der repräsentativen Telefonumfrage im gleichen Gebiet zur selben Zeit waren dann aber plötzlich 65% gegen die Sonntagsjagd. Offenbar mobilisierte die Online-Umfrage die Jäger in der Bevölkerung überdurchschnittlich.</p>
<p>Trotz struktureller Defizite sind Online-Umfragen nicht in jedem Fall nutzlos. Oft lässt sich damit der Puls fühlen oder ein Trend ausmachen. So setzt Tamedia das Instrument für <a href="https://www.tamedia.ch/de/umfragen" target="_blank">Abstimmungs- und Wahlumfragen</a> ein. Zwar sind auch so nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichmässig vertreten, doch mittels Gewichtung wird die Stichprobe einem für die Schweizer Bevölkerung repräsentativen Sample angenähert. Kommt hinzu, dass das Medienunternehmen dank der grossen Reichweite seiner Titel die Möglichkeit hat, Umfrageteilnehmer aus allen Sprachregionen, Altersschichten und Bildungsniveaus zu erreichen. Auch wenn sie in einzelnen Fällen bis zu 16% danebenliegen, können es die Online-Umfragen von Tamedia mit den repräsentativen Telefonumfragen des Meinungsforschungsinstituts GFS Bern aufnehmen.</p>
<p>Es handelt sich hierbei allerdings um die berühmte Ausnahme der Regel: Online-Umfragen ohne breite Rekrutierung und ohne aufwändige Korrektur der Stichprobenverzerrung sind unwissenschaftlich. Doch aus Sicht der Urheber ist gerade die Schwäche von Online-Umfragen ihre grösste Stärke. Sie liefern nämlich zuverlässig jene Resultate, die sich die Autoren erhoffen. So fand die EU-freundliche «Neue Europäische Bewegung» Nebs diesen Frühling per Online-Umfrage heraus, «dass klare Mehrheiten eine offene Schweiz und eine Vertiefung der erfolgreichen Zusammenarbeit mit den europäischen Partnern wünschen.» In einer Online-Umfrage des St. Galler Tagblatts gab eine Mehrheit an, Zürich nicht so toll zu finden. Und die Rheumaliga Schweiz ihrerseits kam nach einer Internetbefragung zum Schluss, dass Rheuma zu spät behandelt werde.</p>
<p>In seiner Abschiedsrede von letztem Januar kritisierte US-Präsident Barack Obama, dass die Menschen in Blasen lebten nur noch Informationen konsumierten, die ihre eigene Meinung bestätigen. Er spielte damit natürlich auf Trump an. Für Leute, die nach Selbstbestätigung lechzen, sind Social Media und Online-Umfragen ein Segen. Für alle anderen gilt: «Traue keiner Online-Umfrage, die du nicht selbst durchgeführt hast.»</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/30/zahlensalat-v-allzweckwaffe-online-umfragen/">Zahlensalat (V): Allzweckwaffe Online-Umfragen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Die Hälfte der Umfragen sind überflüssig»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/03/20/die-haelfte-der-umfragen-sind-ueberfluessig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Dominik Allemann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Mar 2017 22:00:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Marketing]]></category>
		<category><![CDATA[Umfragen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kunden nerven sich über Umfragen. Im Interview sagt der HSG-Marketingprofessor Christian Belz, was der Kunde nach seinem Feedback erwartet. Zudem erklärt er, weshalb man standardisierte Umfragen nicht ernst nehmen kann.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/20/die-haelfte-der-umfragen-sind-ueberfluessig/">«Die Hälfte der Umfragen sind überflüssig»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Kunden nerven sich über Umfragen. Im Interview sagt der HSG-Marketingprofessor Christian Belz, was der Kunde nach seinem Feedback erwartet. Zudem erklärt er, weshalb man standardisierte Umfragen nicht ernst nehmen kann.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/20/die-haelfte-der-umfragen-sind-ueberfluessig/">«Die Hälfte der Umfragen sind überflüssig»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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