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	<title>Markus Schär | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Vergangenheit verklären, Gegenwart verachten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Schär]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 30 Sep 2013 07:19:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Vielfalt]]></category>
		<category><![CDATA[Medienwissenschaft]]></category>
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		<category><![CDATA[Mark Eisenegger]]></category>
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		<category><![CDATA[Jahrbuch 2013]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Während das Jahrbuch «Qualität der Medien» eine Qualitätseinbusse der Schweizer Medien feststellt, blühen längst Alternativen im Netz auf. Die Autoren des Jahrbuchs erkennen den Strukturwandel der Öffentlichkeit nicht und verklären die Vergangenheit. Mein Reflex auf das Jahrbuch zur Qualität der Medien ist nicht eingeübt, wie ihn Nick Lüthi beschreibt: Ich habe erstmals die Urteilsverkündigung miterlebt <a href="https://medienwoche.ch/2013/09/30/vergangenheit-verklaeren-gegenwart-verachten-2/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Während das Jahrbuch «Qualität der Medien» eine Qualitätseinbusse der Schweizer Medien feststellt, blühen längst Alternativen im Netz auf. Die Autoren des Jahrbuchs erkennen den Strukturwandel der Öffentlichkeit nicht und verklären die Vergangenheit.<br />
<span id="more-16111"></span><br />
Mein Reflex auf das Jahrbuch zur Qualität der Medien ist nicht eingeübt, <a href="https://medienwoche.ch/2013/09/25/einfach-mal-in-den-spiegel-schauen/">wie ihn Nick Lüthi beschreibt</a>: Ich habe erstmals die Urteilsverkündigung miterlebt – und mich spontan aufgeregt. Als die Medienwissenschaftler Mark Eisenegger und Kurt Imhof uns zum Fragen und ausdrücklich auch zum Streiten aufforderten, blieb es lange ruhig. Mir war schon während den Referaten eine kurze Frage durch den Kopf geschossen: In welcher Welt leben Sie eigentlich? Doch die Begründung wäre so lang ausgefallen, dass ich es bleiben liess.</p>
<p>Ich will aber auch nicht in der Schmollecke verharren und den Blick in den Spiegel verweigern, wie es uns Nick Lüthi vorwirft. Darum reiche ich meine Fragen hier nach, damit sich auch die Qualitätspäpste dem Spiegel stellen müssen. Ich enthalte mich aber jeglicher Wertung ihrer Arbeit. (Mit Kurt Imhof lässt sich, wenn es nicht gerade um Medienqualität geht, angeregt reden und auch gepflegt streiten – das will ich nicht gefährden.)</p>
<p>Vorerst die Fragen zur Frage: Wie lässt sich die Qualität von Medien werten und vor allem messen? Was taugt also die Methode des Jahrbuchs? Warum sprechen die Forscher beispielsweise der NZZ hohe Qualität zu, der NZZ Online aber nur mittlere – obwohl sich auf dem Web dieselben Inhalte finden, plus ein reiches Angebot an News, Blogs und Archivmaterialien? Diese gute Frage stellte an der Medienkonferenz eine junge, vermutlich betroffene Kollegin. Die Antwort lautete ungefähr, auf dem Netz fänden sich halt zusätzlich viele nicht vertiefende Elemente, die den Relevanzkoeffizienten drücken. Ich gebe zu, ich hörte nicht genau hin, denn ich schaute gerade auf dem iPad NZZ Online an. Ich fand einen einzigen nicht einordnenden Artikel, die journalistisch einwandfreie Berichterstattung über die Wahl ins Bundesgericht eine Stunde zuvor. Der – verlinkte – Hintergrund dazu war am Vortag zu lesen gewesen. Und die aktuelle Meldung stand am nächsten Tag in der Zeitung, abgehangen und deshalb mediensoziologisch wertvoller.</p>
<p>Wie messen die Forscher die Qualität der Weltwoche (mittel), für die ich arbeite? Sie werten &#8211; neben stichprobeweiser Analyse der Zeitungsartikel &#8211; in erster Linie die Frontseiten aus: Halten sie sich bei der Weltwoche nur an die drei Geschichten auf dem Cover? Oder nehmen sie grosszügig auch noch die Zeile über dem Titelbild mit den Stichworten zu drei bis vier weiteren Artikeln (von insgesamt dreissig bis vierzig) dazu? Machten sie sich je Gedanken darüber, dass sich ernste und deshalb meist schwere Themen dem Publikum nur anbieten lassen, wenn es auch noch etwas leichte, aber nicht minder gute Kost bekommt – die oft für sein Alltagsleben viel wichtiger ist? Die Titelthemen der <a href="http://www.weltwoche.ch/no_cache/die-weltwoche/aktuelle-ausgabe.html?tx_kbwwfrontend_pi4[issue_year]=2013&amp;tx_kbwwfrontend_pi4[issue_number]=39">aktuellen Ausgabe</a> sind übrigens: die Analyse des Therapiestaates Schweiz, die Geschichte der Juden über Jahrtausende, die Kritik eines Vierteljahrhunderts Klimapolitik, dazu Sarrazin über Angela Merkel als mächtigste Frau Europas, Engeler über ein paar Jahrhunderte Familie von Wattenwyl und Milo Rau über Lenin (1870-1924). Sorry für so viel Oberflächlichkeit, Kurzatmigkeit und Einfalt.</p>
<p>Warum schelten die Forscher die Medien und damit auch das Publikum dafür, dass sie der Fall «Carlos» mehr interessierte als die Gripen-Debatte oder auch das Schwingfest? Wie angetönt, gilt alles, was für uns im Alltag wirklich wichtig ist, für die Forscher als irrelevant: Liebe, Sex, Familie, Ernährung, Gesundheit, Ausgehen, Hobbies, Sport, aber auch die ganz normale Arbeit – das wahre Leben halt. Ob je Gripen über die Schweiz donnern, betrifft niemanden im Geringsten ausser den bedauernswerten Berner Oberländern. Der Fall «Carlos» aber packte alle, weil sich an diesem Einzelfall (der kein Einzelfall ist, wie ich aus eigener Erfahrung weiss) grundsätzliche Fragen abhandeln liessen, die sich alle stellen müssen, wenn nicht in der Familie, so doch im Land: Wie setzen wir die Regeln im Alltag durch? Wie gehen wir mit Tätern und Opfern um? Und, vor allem, wie gliedern wir auch schwierige Menschen in unsere Gesellschaft ein?</p>
<p>Als Kurt Imhof und ich Geschichte studierten, entdeckte sie, inspiriert von der Sozialanthropologie, wieder einmal die narrative Methode: Am repräsentativen Einzelfall lässt sich viel erkennen und vermitteln, weil wir Menschen nun mal in individuellen Geschichten denken, nicht in systemischen Gebilden. Gerade im Fall «Carlos» gab es zahlreiche Beiträge, die an diesem Fall Grundsätzliches abhandelten – wie sogar der Medienclub anerkannte. (Einige der fundiertesten und differenziertesten, also konträren Artikel stammten von meinem Kollegen Alex Baur, der den sozialisierenden Wert des Kickbox-Trainings als erster Journalist erkannte. Im Medienclub, zumindest solange ich zuschaute, fiel – wohl aus Rücksicht auf das zarte Gemüt von Weltwoche-Hasser Roger de Weck – der Name unseres Blattes nie.)</p>
<p>Und dann noch zur grossen Frage: In welcher Welt leben Medienforscher eigentlich? Dabei geht es für mich vor allem darum, dass Kurt Imhof und Mark Eisenegger nach meiner Erfahrung, ergo Meinung die Dialektik von Fragmentierung und Konzentration in den Medien völlig falsch sehen, nämlich die Vergangenheit verklären und die Gegenwart verachten, weshalb sie den neuerlichen Strukturwandel der Öffentlichkeit – ein super Forschungsthema! – nicht erkennen.</p>
<p>Was folgt, habe ich hier schon mal geschrieben, aber Kurt Imhof erzählt ja auch jedes Jahr dasselbe. Als ich in den Achtzigerjahren ins Berufsleben einstieg, gab es im Thurgau für 200&#8217;000 Einwohner noch acht lokale Tageszeitungen – als Sozi konnte ich bei keiner davon arbeiten. Jetzt gibt es noch eine Thurgauer Zeitung, die aus St. Gallen kommt, und das ist ein Fortschritt. Nur das krasseste Beispiel, weshalb: 1987 schafften wir eine historische Sensation für den Thurgau, die erste Abwahl eines FDP-Ständerats und die erste Wahl eines SP-Ständerats seit 1848. Der Verleger der Monopolblätter für Kreuzlingen, Weinfelden und katholisch Frauenfeld war aber ein Freund des Abgewählten. Das hiess: Für die Leser des Volksfreunds, des Tagblatts und der Volkszeitung gab es SP-Ständerat Thomas Onken jahrelang nicht. Heute kommt auch die SP-Nationalrätin mehr zu Wort, als sie etwas zu sagen hat. Und die Thurgauer Zeitung – die nicht bei mir nachfragte, als ich 1999 über Nacht als SP-Kantonalpräsident zurücktrat – schreibt wochenlang gut recherchierte Artikel über das Mobbing gegen den Gemeindeammann von Güttingen oder über die «Versuche mit nicht zugelassenen Medikamenten» in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. (Man wünscht sich nur noch die Einsicht, dass es vor der Zulassung von Medikamenten Versuche braucht.)</p>
<p>Das Blatt, das jetzt vorwiegend in St. Gallen entsteht, hat vor allem ein grosses Problem: Es ist zu gut. Meine 85-jährige Mutter kann sich zwar bis zu zwei Stunden damit verweilen, aber alle ihre Bekannten schnöden darüber. Denn sie finden im gehaltvollen, also dicken Blatt nicht mehr, was für sie ein Jahrhundert lang der Grund war, eine Lokalzeitung zu lesen: die Todesanzeigen, die amtlichen Mitteilungen, die Werbung für die Metzgete, allenfalls noch die Aufsätze über die Abendunterhaltung des Männerchors oder die Ausfahrt des Damenturnvereins (zumindest für die Beteiligten). Die Frage stellt sich also, für Publizistik-Professoren halt kaum mehr beantwortbar: Wer las eigentlich, als die Thurgauer Lokalzeitungen noch publizistisch wertvoll waren, die gescheiten Leitartikel von Jürg Tobler oder Oskar Reck?</p>
<p>Jetzt kann ich in Weinfelden statt einer Lokalzeitung, die meine Leserbriefe oft nicht abdruckte, nur noch die Thurgauer Zeitung lesen. Ich bin also gemäss Kurt Imhof gefangen im Monopol, wie zu Zeiten des Bierkartells, als es nur Weinfelder Bier gab. Mit Verlaub: Was für ein Unsinn! Die Lokalpresse ist zwar gebietsmonopolisiert – zum Glück. Aber die Medienlandschaft, auch lokal, ist fragmentierter denn je. Über den Männerchor und den Damenturnverein schreiben Gratisanzeiger mehr, als ich je wissen wollte (gewisse Publizistikprofessoren wollen sie subventionieren, obwohl sie von den Inseraten gut leben); die amtlichen Mitteilungen finde ich online, die TZ-Recherchen greifen manchmal sogar überregionale Blätter auf, und um den zwei Millionen teuren Kunstrasenplatz streite ich mit dem Gemeinderat auf Facebook – so erreiche ich mehr Leute als an der Gemeindeversammlung. Nur den Todesanzeiger, den wir 1985 bei einer Businessplan-Übung in der Journalistenschule erfanden, gibt es noch nicht.</p>
<p>Anderseits geniesse ich dank dem Web eine grössere Vielfalt als beim Bier, wo häufig auch Heineken drin ist, wo nicht Heineken draufsteht – auf einem Niveau des öffentlichen Diskurses, das so hoch ist wie noch nie. Nehmen wir als Beispiel das relevanteste Thema überhaupt, die Wirtschaftspolitik: In der thurgauischen Provinz bekomme ich dank den Blogs von Paul Krugman, Greg Mankiw oder Tyler Cowen die aktuellen Debatten auf höchster Ebene mit, und für das breite Publikum schreiben Kollegen wie Philipp Löpfe dort ausgiebig ab. Auf dem Blog <a href="http://www.batz.ch/">Batz</a> äussern sich einige der interessantesten Schweizer Ökonomie-ProfessorInnen mutig und klar, jederzeit in den Medien zitierbar. Auf dem geschmähten Newsnet (am unteren Rand der mittleren Qualität) denken zwei der gescheitesten Kollegen, «Finanz-und-Wirtschaft»-Chefredaktor Mark Dittli und Privatdozent Tobias Straumann, in ihrem Blog <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/">Never Mind The Markets</a> nach, für ein Publikum, wie es die F&amp;W oder der NZZ-Wirtschaftsteil nie hatten. Und mit dem wichtigsten Forum des Finanzplatzes, <a href="http://insideparadeplatz.ch/">Inside Paradeplatz</a>, zeigen Lukas Hässig und Claude Baumann, dass sich auch mit verlagsunabhängigem hochstehendem Journalismus Geld verdienen lässt (wie übrigens auch – auf einem anderen Spezialgebiet, das halt nur die Insider bewegt – die Kollegen von der Medienwoche).</p>
<p>Oder ein anderes, trauriges Beispiel: Über die Klimaforschung berichten in den traditionellen Qualitätsmedien ein halbes Dutzend Journalisten, was ihnen ihre Buddies in der Wissenschaft vorsagen. Wer sich über die aktuellen Debatten informieren will, muss die internationalen Blogs lesen, in der Schweiz einsam verbreitet von Manfred Messmer mit seinem Blog <a href="http://arlesheimreloaded.ch/">Arlesheim Reloaded</a>. Die immer lautere und härtere Kritik der letzten Jahre hat dazu geführt, dass die Bibel der Klimaforschung, der IPCC-Bericht, jetzt in Frage gestellt wird.</p>
<p>Es ist halt – dank der Medienentwicklung – eine schlechte Zeit für Bibeln aller Art.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/09/30/vergangenheit-verklaeren-gegenwart-verachten-2/">Vergangenheit verklären, Gegenwart verachten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Vergesst Stilnoten, Trefferpunkte zählen!</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/11/16/vergesst-stilnoten-trefferpunkte-zaehlen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Schär]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Nov 2012 13:36:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Standpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Medienvielfalt Holding AG]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Köppel]]></category>
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		<category><![CDATA[Constantin Seibt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Constantin Seibt bot jüngst mit seiner fulminanten Rede gegen Weltwoche und Basler Zeitung bestes Anschauungsmaterial dafür, dass es Journalisten braucht, die mit unbequemen Fakten und Thesen zum Widerspruch herausfordern. Anders als Seibt es wahrhaben will, tragen auch die kritisierten Blätter zum publizistischen Wettbewerb bei. Wer sie als «Anti-Mainstream» abtut, macht es sich zu einfach. – <a href="https://medienwoche.ch/2012/11/16/vergesst-stilnoten-trefferpunkte-zaehlen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Constantin Seibt bot jüngst mit seiner fulminanten Rede gegen Weltwoche und Basler Zeitung bestes Anschauungsmaterial dafür, dass es Journalisten braucht, die mit unbequemen Fakten und Thesen zum Widerspruch herausfordern. Anders als Seibt es wahrhaben will, tragen auch die kritisierten Blätter zum publizistischen Wettbewerb bei. Wer sie als «Anti-Mainstream» abtut, macht es sich zu einfach. – Anmerkungen eines Betroffenen.<br />
<span id="more-11490"></span><br />
«Zwei Standpunkte, zwei Meinungen, zwei Welten» kollidieren jeden Montagabend auf Radio 1: <a href="http://www.radio1.ch/de/podcasts/podcast-roger-gegen-roger.html" target="_blank">Bei «Roger gegen Roger»</a> duellieren sich Köppel und Schawinski auf Augenhöhe und öfter mal unter der Gürtellinie, sodass es für ein harmoniebedürftiges Thurgauer Gemüt kaum zum Aushalten ist. Wer den Fight gewinnt, kann jeder selber entscheiden; die Funken, die im Clash der Fakten, Argumente und, ja, Welten sprühen, erhellen aber alle mit ein bisschen Erkenntnisgewinn. «Roger gegen Roger» ist deshalb – wie einst die «Arena» mit «Peter (Bodenmann) gegen Christoph (Blocher)» – das derzeit wichtigste und wertvollste Gefäss des Schweizer Politjournalismus.</p>
<p>Zwei Welten prallten auch zusammen, als die Medienvielfalt Holding letzten Freitag zum Podium bat. Über «Die Rolle der Medien in der Demokratie» sprachen der SRF-Direktor, der NZZ-Chefredaktor und <a href="http://www.weltwoche.ch/die-weltwoche/details/article/die-rolle-der-medien-in-der-demokratie.html" target="_blank">der Weltwoche-Verleger</a>; Medienprofessor Vinzenz Wyss höhnte angesichts dieser Top-Besetzung aus Gründen, die sich nur ihm erschliessen, über eine «dubiose Veranstaltung». Und Tito Tettamanti, der für seine Bücher und Tagungen seit je die stärksten Köpfe aus dem ganzen Spektrum sucht, stellte auch den schärfsten Kritiker aufs Podest: Constantin Seibt bot brav, was von ihm zu erwarten war – <a href="http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/1769/presse-demokratie-und-meinung-eine-rede-vor-den-aktionaren-und-freunden-der-basler-zeitung/" target="_blank">eine brillante Rede</a>, mit der er die Gastgeber frontal angriff.</p>
<p>Tettamanti, wie ich ihn (flüchtig) kenne, auch Köppel und Somm, wiewohl als «Prediger» verhöhnt, freuten sich vermutlich, dass ihnen der Sohn eines Unternehmensberaters Denkanstösse zur Profitmaximierung in Politik und Publizistik gab: Über die Mittel und die Methoden, wie sie Meinungsvielfalt herstellen oder auch nur ihre Meinung verbreiten wollen, müssen sie wirklich nachdenken. Dass sie ein Problem haben, wissen sie selber wohl am besten.</p>
<p>Dieses Problem zeigten gerade die Reaktionen auf die Provokation. Dass laut Vinzenz Wyss «betretenes Schweigen» und «dicke Luft» herrschten, kann zwar auch an seiner Wahrnehmung liegen: Die Medienprofessoren wünschen sich den demokratischen Streit ja möglichst dezent. Und wer, bitte, hätte spontan bei dieser Breitseite dagegenhalten können? Dass die NZZ den Clash nur als <a href="http://www.nzz.ch/aktuell/zuerich/stadt_region/sorge-um-die-branche-und-ein-hahnenkampf-1.17784440" target="_blank">«Hahnenkampf» und als «Gezänk zwischen Selbstgerechten»</a> würdigen konnte, stimmt dagegen nachdenklich. Und was «eine bekannte, politisch und wirtschaftlich gutfreisinnig vernetzte Frau» bei der Rede von Seibt ihrem Tischnachbarn ins Ohr flüsterte, sodass es <a href="http://www.tageswoche.ch/de/2012_45/schweiz/480301/gipfeltreffen-schweizer-medienfuersten.htm" target="_blank">die Tageswoche mitbekam</a>, beleidigt die Gastgeber in ihrer Liberalität: «Der ist aber wahnsinnig mutig.»</p>
<p>Vor allem: Über diesen wahnsinnigen Mut, dass er es ihnen gesagt hatte, brach auf Twitter und Facebook der Jubel aus – am lautesten von jenen Leuten, die die Weltwoche jüngst als Inquisition verdammten, weil sie zu ein paar unfehlbaren Professoren Fragen zu stellen wagte. Das berührte mich als Fachmann für Denk- und Schreibverbote seit meiner Jugend als rötestes Tuch im Thurgau etwas eigenartig. Darum dieser Text: keine Replik, weil es für mich wenig zu replizieren gibt, einfach Anmerkungen eines Betroffenen. Ich dachte beim Schreiben mit Hochachtung an meinen Vater, der in den Sechzigerjahren als freisinniger Sekundarlehrer die «nonkonformistische» Zürcher Woche von Wollenberger &amp; Co. las, um sich aufzuregen.</p>
<p>Die medialen Parallelwelten, die Seibt in den USA erkennt und in der Schweiz voraussagt, gab es hierzulande seit je – während mehr als drei Vierteln unserer 200-jährigen Mediengeschichte. Im Thurgau, wie fast überall im Land, erklärte jeder Partei, jeder Konfession und jedem Kaff ein eigenes Blättchen die Welt. Aber immerhin kämpften die Exponenten dieser Parallelwelten um die einzig wahre Sicht. So schlug der legendäre AZ-Redaktor Ernst Rodel lustvolle Schlachten mit dem lokalen Kontrahenten Oberthurgauer in Arbon und der kantonalen Konkurrenz Thurgauer Zeitung in Frauenfeld und stürzte, dank Indiskretionen eines Thurgauer SP-Nationalrats, den freisinnigen Nationalbankpräsidenten. Diese Schlachtordnung hielt im Thurgau bis ins 21. Jahrhundert, also bis Tamedia und St. Galler Tagblatt die Thurgauer Blätter übernahmen. Als ich 1975 nach der Matur bei der TZ ein Volontariat machte, sagte mir der SVP-Chefredaktor über den gemeinsamen Schreibtisch hinweg: «Es tut mir Leid – wenn Sie mit der SP sympathisieren, kann ich Sie nicht anstellen.» Ich konnte also im Thurgau nicht als Journalist arbeiten, nur 1984 die Thurgauer AZ beerdigen helfen, weil es die Parallelwelt des roten Arbon nicht mehr gab.</p>
<p>In höher entwickelten Gebieten setzte sich schon damals statt den Parteiblättern die Forumszeitung durch. Sie sollte den Meinungsstreit internalisieren, also in einem Blatt anstreben, was Seibt als die Aufgabe der Presse bezeichnet: «Mal recht, mal schlecht einen Mainstream herzustellen: eine holprige, vage, aber dennoch brauchbare Einigung über Fakten und Einschätzungen, aufgrund derer man debattieren kann.» Dieser Mainstream dümpelte aber nicht in der Mitte, sondern bei immer mehr Blättern links davon. Wenn er noch um Meinungen stritt, dann von NZZ bis WOZ unisono als Anti-Parteiblatt gegen Blochers SVP. Und er erliess dabei seine eigenen Denkverbote.</p>
<p>Deshalb war die Weltwoche von Roger Köppel ab 2002 eine solche Sensation – auch für mich. Ich hatte in den Neunzigerjahren meine Erfahrungen mit Denkverboten vertieft, als Freier mit Redaktionsbeamten beim Tages-Anzeiger und als Provinzpolitiker mit der SPS unter Ursula Koch. Und ich hatte von meiner inzwischen verstorbenen Frau erfahren, was in der realen Welt der Asylantenbetreuer, Amtsvormünder und Fürsorger, aber nicht in den Medien stattfand.</p>
<p>Darüber schrieb ich in der Weltwoche. Eine Geschichte über die Asylindustrie löste 2002 einen Proteststurm aus, samt heute nicht mehr denkbaren Blogkommentaren von Bundesamtsdirektor Jean-Daniel Gerber oder Nationalrätin Regine Aeppli, und brachte mir eine Rüge des Presserates ein, weil ich zwar die Jahresberichte aller Hilfsorganisationen ausgewertet und einen einstündigen Monolog des SRK-Zuständigen erduldet, aber keine Stellungnahme der – gar nicht direkt angegriffenen – Flüchtlingshilfe eingeholt hatte. Inzwischen stellt auch Bundesrätin Sommaruga fest, dass die Anreize im Schweizer Asylwesen kreuzfalsch sind. Eine Geschichte zum Schleudertrauma führte 2005 zu einer Ehrverletzungsklage samt persönlicher Betreibung auf zwei Millionen, die Folgegeschichten in Facts und SonntagsZeitung trugen mir je eine erfolgreiche Presseratsbeschwerde von Anwälten aus der Schleudertrauma-Industrie ein. Die Sicht von Prof. Erwin Murer, der ich zu Publizität verhalf, gilt jetzt am Bundesgericht. Und die Folgen der Geschichten zur Sozialhilfe – auch zum kriminellen 13-jährigen Roma-Mädchen von Rüschlikon, das ich bei mir zuhause kennengelernt hatte –, die Kollege Alex Baur mit noch härteren Fakten weiterführte, sind bekannt.</p>
<p>Schrieb ich also Geschichten, «bei denen man das Gefühl hat, man müsse sie erst persönlich nachrecherchieren», wie Seibt behauptet (der bekanntlich keinen gesteigerten Wert auf Recherche legt)? Blödsinn, die aufwendig recherchierten Fakten missfielen, deshalb musste man sie mit wohlfeilem Protestgeheul wegen der Wertungen übertönen. Die Aufregungen dieses Jahres wegen BaZ und Weltwoche kamen mir als Aussenstehendem denn auch einigermassen vertraut vor: Ging es nur um den untolerierbaren Stil, als die Gutmenschen in Einheitsfront die Verbalattacken von Urs Paul Engeler auf Hildebrand verurteilten, sich über das Titelbild für die Roma-Geschichte erregten oder den Begriff «Irrlehren» wegen seiner historischen Belastung verdammten, auch wenn sie bis dahin «Inquisition» kaum buchstabieren konnten? Die Antwort gab – unfreiwillig – der coole Rechercheur Hansjürg Zumstein: In seinem preisgekrönten Dokfilm zum Fall Hildebrand bestätigte er die Darstellung der Weltwoche vollumfänglich – die distinguierten Kollegen schwiegen ihn tot. Nicht der Stil störte sie also, sondern die Fakten.</p>
<p>Dass der Mainstream nicht zur Meinungsvielfalt, geschweige denn zur Wahrheitssuche im Widerstreit der faktengestützten Argumente führt, kann Seibt im eigenen Blatt besichtigen. Res Strehle – den Köppel als brillanten, auch als Marx-Exeget liberalen Journalisten zum Magazin holte – führte zwar ein, was Ex-TA-Redaktor Richard Aschinger in seinem Büchlein über die Medienlandschaft Schweiz angewidert feststellt: «Auf der Meinungsseite des ‚Tages-Anzeigers’ scheint heute fast alles möglich. Und das Gegenteil auch.» Bei vielen Themen – es folgt nur eine kleine Auswahl, wo ich mich auskenne – ist aber beim TA noch heute nur eine Meinung möglich: Er feiert Studien von Avenir Suisse auf der Frontseite, wenn sie seine Weltsicht bestätigen (Raumplanung), und schweigt sie tot, wenn nicht (PK, Steuern, Service public). Er dient als Sprachrohr für die Schleudertrauma-Industrie und nimmt dabei selbst Bundesgerichtsurteile nicht zur Kenntnis. Oder er gibt ungefiltert wieder, was die Klimaforscher-Kollegen des alleinzuständigen Redaktors predigen – ausser wenn eine ihrer Studien den Konsens infrage stellt.</p>
<p>Die Medien müssten die Meinungsvielfalt «nicht notwendigerweise im eigenen Organ» gewährleisten, sagte Köppel an der Veranstaltung der Medienvielfalt Holding. Während es für einen Anzeiger mit Forum-Anspruch etwas peinlich ist, wenn er Fakten und Argumente ausblendet, könnte es sich die Weltwoche also leisten, wie einst ein Parteiorgan eine Linie durchzuziehen. Die Gefahr, dass Parallelwelten entstehen wie in den USA oder bis 1980 in der Schweiz, erscheint mir klein. Noch löst jedes Provokatiönli zuverlässig landesweit Protestgeheul aus. Und während in der Ära der medialen Parallelwelten nur deren Exponenten debattierten, diskutiert heute dank Social Media mit, wer will (sogar subalternes Personal wie hier, ohne Absprache übrigens). Wie meine persönlichen Beispiele zeigen, lässt sich über die Jahre durchaus etwas bewegen. Gefürchtet ist die Weltwoche nicht wegen ihrer Provokationen oder «wegen des engen Bündnisses mit dem reichsten Politiker des Landes», wie Seibt behauptet, sondern wegen ihrer Fakten – vor allem jener von Urs Paul Engeler, der in seinem Vierteljahrhundert in Bern mehr aufdeckte als alle anderen Bundeshäusler zusammen.</p>
<p>Aber Köppel sagte im selben Satz auch, es brauche die Meinungsvielfalt «mit Blick auf die Öffentlichkeit in einem Land». Deshalb sollte er – und vor allem Markus Somm als Chef eines bisherigen Monopolblatts – es den Protestlern nicht so leicht machen, sein Blatt als langweilig, weil berechenbar abzutun oder wegen seines Stils anzugreifen, um von den Fakten abzulenken. «Roger gegen Roger» genügt nicht als Grundversorgung für das Debattenduell in diesem direktdemokratischen Land. Wir brauchen mehr solchen Catch-as-catch-can, bei dem es nicht um Stilnoten, sondern um Trefferpunkte geht, also mehr Journalisten wie Constantin Seibt, der auch einem Gastgeber seine Meinung zumutet, oder wie NZZ-Inlandchef René Zeller, der sich als «muntere freisinnige Kampfmaschine» (Jean-Martin Büttner) ins Getümmel stürzt.</p>
<p>Obwohl älter als Seibt, habe auch ich 1968 verpasst und das mit der Dialektik nach Hegel und Marx nie richtig gelernt. Aber immerhin so viel begriffen: Evolution geschieht nur im Wettbewerb. Also wenn Thesen auf Antithesen prallen und die Erkenntnisfunken sprühen. Und nicht, wenn sich Mainstream und Anti-Mainstream bockig gegenüberstehen und nichts mehr austauschen ausser Protestgeheul.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/11/16/vergesst-stilnoten-trefferpunkte-zaehlen/">Vergesst Stilnoten, Trefferpunkte zählen!</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Angemessene Begriffsverwirrung</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/02/27/angemessene-begriffsverwirrung/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Schär]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Feb 2012 08:54:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Markt der Medien und damit der Meinungen funktioniert besser denn je. Weder aus der Bundesverfassung noch aus der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte lässt sich eine Pflicht des Staates ableiten, für angemessene Information seiner Bürger zu sorgen. Eine Replik von Markus Schär* auf den Artikel «Recht auf angemessene Information» von Pascal Zwicky und <a href="https://medienwoche.ch/2012/02/27/angemessene-begriffsverwirrung/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="alignleft" src="https://medienwoche.ch/wp_live/wp-content/uploads/2011/08/perspektiven_logo.jpg" alt="" width="120" height="120" /> Der Markt der Medien und damit der Meinungen funktioniert besser denn je. Weder aus der Bundesverfassung noch aus der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte lässt sich eine Pflicht des Staates ableiten, für angemessene Information seiner Bürger zu sorgen. Eine Replik von Markus Schär* auf den Artikel <a href="https://medienwoche.ch/2012/02/16/recht-auf-angemessene-information/" target="_self">«Recht auf angemessene Information»</a> von Pascal Zwicky und Werner A. Meier.<br />
<span id="more-30442"></span><br />
Rettet den Bannwald der Demokratie! Helft also der Lokalpresse – halt zwangsweise, wenn die Verleger sich nicht helfen lassen wollen! Das fordern nicht nur Medienwissenschaftler, schon am SPS-Parteitag 1998 schrieben es die Juso in einem Papier fest. Als letzter Redaktor der Thurgauer AZ (+1984) desillusioniert und als Kantonalparteipräsident von der Lokalpresse schikaniert, hielt ich wenig von der Idee. Ich fragte meine GenossInnen, ob sie etwa einen Thurgauer Verleger unterstützen wollten, der in seinen drei Lokalzeitungen SP-Ständerat Thomas Onken nach dessen sensationeller Wahl 1987 jahrelang nicht stattfinden liess.  Der Juso-Sprecher verlangte das Wort und beschimpfte mich als Neoliberalen. Damit war die Debatte erledigt, der Passus genehmigt.</p>
<p>Auf diesem intellektuellen Niveau hält sich die Debatte hier. Die staatlich besoldeten Denker und Lenker des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich IPMZ pflegen eine Verwirrung und Umdeutung der Begriffe, die sie bei George Orwell gelernt haben könnten. Um den «demokratiegerechten» Journalismus dekretieren zu können, erklären Pascal Zwicky und Werner A. Meier <a href="https://medienwoche.ch/2012/02/16/recht-auf-angemessene-information/" target="_self">hier das «Recht auf angemessene Information»</a>, bzw. die Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, gar zum universalen Menschenrecht – in der spezifischen Auslegung des IPMZ:</p>
<blockquote><p>«Sei es in der schweizerischen Bundesverfassung, im deutschen Grundgesetz, in der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten oder in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO: Der Meinungs-, Informations- und Medienfreiheit kommen  als Menschenrechte in demokratischen Gesellschaften eine zentrale Bedeutung zu. Gerade der Blick auf die Geschichte der Medienfreiheit zeigt allerdings, dass sie sich einseitig als unternehmerische Freiheit für die Medien durchgesetzt hat.»</p></blockquote>
<p>Eines der grössten Defizite der Mediengesellschaft ist wohl ihre Geschichtsvergessenheit. Dagegen lässt sich in einer offenen Gesellschaft wenig machen – zumindest von Medienwissenschaftsdozenten dürfte man aber eine Ahnung von Mediengeschichte erwarten. Dass sich die Medienfreiheit «einseitig» als Freiheit der Citoyens (nicht der Unternehmer!) durchgesetzt hat, lässt sich einfach erklären: Sie war in der Geschichte immer und einzig so gemeint.</p>
<p>Um sich das zu vergegenwärtigen, genügt die Lektüre des <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pressefreiheit" target="_blank">Wikipedia-Artikels «Pressefreiheit»</a>. Die USA, demokratisches Vorbild auch für die Schweiz, schrieben als Erste das Verbot der staatlichen Zensur 1789/91 im First Amendment zur Verfassung fest: «Der Kongress wird kein Gesetz erlassen, das die Freiheit der Rede oder die der Presse einschränkt.» Und der Gründervater Thomas Jefferson meinte gar: «Wäre es an mir zu entscheiden, ob wir eine Regierung ohne Zeitungen oder Zeitungen ohne eine Regierung haben sollten, sollte ich keinen Moment zögern, das Letztere vorzuziehen.»<br />
Aber, dürften Zwicky/Meier einwenden: Dass die private Presse(vielfalt) in den USA und in der Schweiz zwei Jahrhunderte lang die Demokratie bewahrt hat, beweist gar nichts angesichts der Geisseln der Gegenwart wie des freien Marktes:</p>
<blockquote><p>«Unter dem Schlagwort Medienfreiheit wurden jahrzehntelang Kommerzialisierungs- und Monopolisierungsstrategien unternehmerisch und medienpolitisch vorangetrieben, die nicht nur den Medienunternehmen vergleichsweise hohe Profite einbrachten, sondern auch den demokratierelevanten Journalismus schwächten.»</p></blockquote>
<p>Könnte es sein, dass die Medienwissenschaftler nicht nur die Geschichte der Medienwelt nicht verstehen, sondern auch ihre Gegenwart? Ja, die Medienwelt wandelt sich rasant, und für einige zum Schlechteren: in den USA vor allem für die Printjournalisten wegen des Zusammenbruchs auch wichtiger Printprodukte und für die Wächter der demokratiegerechten Demokratie wegen der Popularität von Propagandasendern. Aber dank neuen Phänomenen wie Facebook, Twitter oder The Huffington Post nutzt die bisher schweigende Mehrheit die Medien erstmals in der Geschichte auch produktiv. Der Markt der Medien und damit der Meinungen (auch Demokratie genannt) funktioniert besser denn je. Nicht demokratierelevant sind diese Medien nur für ein paar Medienwissenschaftler im Zürcher Elfenbeinturm.</p>
<p>Und wie steht es mit den «Kommerzialisierung- und Monopolisierungsstrategien» in der Schweiz? Für die Verleger galt seit dem Anbruch der bürgerlichen Öffentlichkeit à la Habermas: Sie konnten nicht nur ihre Meinung verbreiten (lassen), sondern sie mussten immer ihr Publikum ansprechen, um wirtschaftlich zu überleben. Tamedia und NZZ-Gruppe übernahmen denn auch Regionalzeitungen nicht, um sie einem gewinnmaximierenden Monopol einzuverleiben, sondern um sie überhaupt auf einer tragfähigen ökonomischen Basis weiterzuführen. Umgekehrt gibt es heute mindestens so viele Mäzene wie je in der Pressegeschichte, die sich ohne kommerzielle Strategie ein Medium leisten, so in Basel mit seiner historisch einmaligen Medienvielfalt – aber jene, die nicht gerade Oeri heissen, sind den Medienverwaltern auch nicht recht, beziehungsweise zu rechts.</p>
<p>Schliesslich: Wenn je ein Schweizer Medienhaus eine Monopolisierungsstrategie «medienpolitisch vorantrieb» (wie immer das gehen soll), dann die SRG. Als Private endlich Radio machen durften, führte sie DRS3 ein, um das Publikum mit gebührenfinanzierten akustischen Tapeten zu versorgen; als Private endlich Fernsehen machen wollten, jagte sie ihnen mit den zweiten Programmen die Zuschauer ab, indem sie Formel-1-Rennen, Miss-Schweiz-Wahlen und «Desperate Housewives» zum Service public erklärte. Trotzdem fordern Zwicky/Meier:</p>
<blockquote><p>«Eine Debatte darüber, wie der Staat mit der nötigen Zurückhaltung der Meinungs-, Informations- und Medienfreiheit als positiven Rechtsansprüchen der Bürgerinnen und Bürger zum Durchbruch verhelfen könnte. So etwa durch den Support von zivilgesellschaftlich institutionalisierten, demokratisch organisierten und rechenschaftspflichtigen Medienorganisationen, deren Ziel nicht die Profitmaximierung ist, sondern demokratiegerechter Journalismus.»</p></blockquote>
<p>Dafür müssen Zwicky/Meier nach der «negativen» Freiheit der Medien von staatlichen Eingriffen (in die der Staat «mit der nötigen Zurückhaltung» eingreifen soll) nur noch alle anderen Begriffe à la Orwell umdeuten: Zivilgesellschaft, Demokratie, Journalismus, Qualität.</p>
<p>Zur Zivilgesellschaft zählen sie, <a href="https://medienwoche.ch/2011/09/19/medien-jenseits-von-markt-und-staat/" target="_self">so Pascal Zwicky hier</a>, beispielsweise mit einem Drei-Säulen-Modell finanzierte Medien-Genossenschaften: «20 Prozent übernimmt die Trägerschaft. Bei einem jährlichen Beitrag von 600 Franken bräuchte es pro Region 200 Genossenschafter. 30 Prozent übernehmen die Haushalte der entsprechenden Regionen über eine Kommunikationsabgabe, die auf Gemeindeebene erhoben wird. Bei 60‘000 Personen macht das drei Franken pro Kopf. Und 50 Prozent kommen schliesslich vom Bund.» 20 Prozent der Mittel dieser «zivilgesellschaftlichen» Institution kämen also von den Zivilisten, 80 Prozent via Gebühren und Steuern vom Staat – noch mehr als bei der SRG mit ihren 72 Prozent Zwangsabgaben. Zivilgesellschaft bedeutet aber für alle, die je darüber nachdachten, gerade eine Sphäre zwischen (und losgelöst von) Staat, Markt und Familie.</p>
<p>Was unter demokratiegerechtem Journalismus zu verstehen ist, darf keinesfalls die demokratische Mehrheit bestimmen; Manuel Puppis vom IPMZ <a href="https://medienwoche.ch/2011/10/17/medienpolitik-gepflegtes-desinteresse/" target="_self">erklärte es hier</a> in einer Klage über das «gepflegte Desinteresse» an der Medienpolitik: «Atomkraftwerke oder ein ausgeglichener Staatshaushalt – zweifelsohne wichtige und politisch hoch umstrittene Themen – erhalten ungleich mehr Aufmerksamkeit als Massnahmen, die auf die Medien, das Nervensystem unserer Gesellschaft, abzielen.» Illustriert war der Artikel mit einem Bild von Bundesratssprecher André Simonazzi und zwei Journalisten, die sich vor ihm im Saal des Bundesmedienhauses verlieren. Demokratiegerechter Journalismus ist offensichtlich, wenn die Medien folgsam verbreiten, was immer Regierung, Verwaltung und Medienwissenschaft für demokratierelevant halten, und seien es die Sprechblasen des Bundesratssprachrohrs – aber nicht, was das Stimmvolk für interessant hält.</p>
<p>Wie es die Medienwissenschaftler selber mit der Qualität halten, zeigten schliesslich nicht nur der Artikel von Zwicky/Meier, sondern vor allem die Kommentare dazu, so unübertrefflich jener von ZHAW-Professor Vinzenz Wyss – «Wer Ohren hat zu hören, der höre» –, der als Qualitätssicherer bei den Programmveranstaltern prüft, ob sie «eine Verantwortungtskultur etabliert haben».</p>
<p>Doch was soll alles Mäkeln an der Begriffsverwirrung – immerhin können sich Zwicky/Meier auf das ultimative Killerargument berufen, die Menschenrechte:</p>
<blockquote><p>«1979 betonte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), dass Artikel 10 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte nicht nur das Recht schützt, die von den Medien verbreiteten Mitteilungen zu empfangen, sondern es wird dem Publikum auch das Recht zugesprochen, angemessen d.h. demokratiegerecht informiert zu werden.»</p></blockquote>
<p>Noch vor zehn Jahren hätte ich als interessierter Bürger diese zentrale Information, auf der Zwicky/Meier ihre Argumentation aufbauen, nur mit einem halben Tag Suchen in der Bibliothek überprüfen können. Heute ergibt eine dreiminütige Google-Suche, dass die Autoren das EGMR-Urteil <a href="http://www.eugrz.info/pdf/EGMR34.pdf" target="_self">«Sunday Times gegen Vereinigtes Königreich»</a> vom 26. April 1979 meinen. 1972 veröffentlichte die Sunday Times den Artikel «Our Thalidomide (Contergan, ms) Children – A Cause for National Shame» und kündigte eine Dokumentation zu den Hintergründen des Skandals an. Die verantwortliche Firma klagte, der Generalstaatsanwalt verbot darauf weitere Veröffentlichungen.</p>
<p>Der EGMR gab der Zeitung Recht, und tief unten im Urteil hielt er in Ziff. 65 fest: «Wenn die Massenmedien auch nicht die Grenzen überschreiten dürfen, die im Interesse einer geordneten Rechtspflege gezogen sind, so obliegt es ihnen doch, Informationen und Ideen über Angelegenheiten, die Gegenstand gerichtlicher Verfahren sind, ebenso zu verbreiten wie solche in anderen Bereichen öffentlichen Interesses. Die Medien haben die Aufgabe, solche Informationen und Ideen zu verbreiten, und die Öffentlichkeit hat das Recht, sie zu empfangen.» Und in der folgenden Ziff. 66 betonte der EGMR nochmals, «dass Art. 10 (der EMRK) nicht nur die Freiheit der Presse garantiert, die Allgemeinheit zu informieren, sondern auch das Recht der Allgemeinheit, angemessen informiert zu werden».</p>
<p>Wer Augen hat zu lesen, der lese: Die Hüter der Menschenrechte halten fest, dass der Staat das Recht der Bürger nicht verletzen darf, über alle Bereiche des öffentlichen Interesses informiert zu werden – aus diesen drei klaren Sätzen leiten Zwicky/Meier in einem argumentativen Salto mortale mit Bauchlandung die Pflicht des Staates ab, für die «angemessene, d.h. demokratiegerechte» Information des Bürgers zu sorgen. (Muss ich noch erwähnen, dass der Begriff «demokratiegerecht» im Urteil nirgends vorkommt?) Der angemessene Kommentar zu diesem Vorgang geziemt sich im öffentlichen Diskurs nicht.</p>
<p>Nur noch ein persönliches Fazit nach fünfzig Jahren Medienpraxis in der Provinz: Die drei Lokalblätter des SP-feindlichen Verlegers gingen 2001 in der Thurgauer Zeitung auf; Tamedia machte das Blatt nach der Übernahme 2005 erstmals seit den Zeiten von Oskar Reck und Jürg Tobler um 1970 wieder zu einer Zeitung, die eine faire demokratische Debatte zuliess. 2010 schliesslich kaufte die NZZ die TZ und stellte dafür die Thurgauer Kopfblätter des St. Galler Tagblatts ein.</p>
<p>Der Thurgau hat also nur noch eine Tageszeitung, aber daneben ein Regionaljournal, diverse Lokalradios und -fernsehen, Gratisblätter, Lokalanzeiger, Onlinemedien und seit Jahren bezahlte Gemeindeseiten in den Regionalblättern, auf denen die Behörden demokratiegerecht veröffentlichen, was die Bürger interessieren muss. (Pascal Zwicky preist die genossenschaftlich finanzierte «Regi Die Neue» im Hinterthurgau als Modell – ich sagte an einer Tagung in seiner Anwesenheit unwidersprochen, das Verlautbarungsorgan von Vereinen und Gewerbe komme bei den Leuten gerade an, weil es keinen Journalismus betreibe.) Und vor allem ist die TZ, seit sie zum St. Galler Tagblatt gehört, so gut wie noch nie – meint zum Beispiel meine 83-jährige Mutter, die daneben den «Stern» kauft und die SonntagsZeitung immer schlechter findet. Aber meine Mutter versteht halt nichts von Demokratie.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/02/27/angemessene-begriffsverwirrung/">Angemessene Begriffsverwirrung</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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