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	<title>Christoph Lenz | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Noch kein klarer Kurs</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/11/30/noch-kein-klarer-kurs/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Magdalena Oberli]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 30 Nov 2012 08:21:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Tobias Habegger]]></category>
		<category><![CDATA[Der Bund]]></category>
		<category><![CDATA[Bern]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Respekt der Konkurrenz war gross vor dem Start des «Journal B», eines Onlinemagazins für die Stadt Bern. Gleich beide Tageszeitungen bauten ihre Lokalberichterstattung im Netz aus. Doch zwei Monate nach der Lancierung ist allenthalben Ernüchterung eingekehrt. Das «Journal B» konnte die – teils hohen – Erwartungen bisher noch nicht erfüllen. Seit gut zwei Monaten <a href="https://medienwoche.ch/2012/11/30/noch-kein-klarer-kurs/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Respekt der Konkurrenz war gross vor dem Start des «Journal B», eines Onlinemagazins für die Stadt Bern. Gleich beide Tageszeitungen bauten ihre Lokalberichterstattung im Netz aus. Doch zwei Monate nach der Lancierung ist allenthalben Ernüchterung eingekehrt. Das «Journal B» konnte die – teils hohen – Erwartungen bisher noch nicht erfüllen.</p>
<p><span id="more-30568"></span></p>
<p>Seit gut zwei Monaten will das <a href="http://www.journal-b.ch/" target="_blank">Onlinemagazin «Journal B»</a> als neue Stimme für Bern «die Einheitlichkeit der Tagesmedien aufbrechen und eine neue Sichtweise reinbringen», wie Chefredaktor Beat Kohler sagt. Christoph Reichenau, Vorstandsmitglied des <a href="http://www.berneronlinemedien.ch/index.html" target="_blank">Trägervereins Berner Online Medien</a> und ehemaliger Kultursekretär der Stadt Bern ergänzt: «Wir möchten auf lokalem Niveau etwas machen, das der Wochenzeitung WOZ auf nationaler Ebene entspricht, da die beiden bestehenden Tageszeitungen in Bern bürgerlich ausgerichtet sind.» Diese hohen Ansprüche konnten bis jetzt höchstens punktuell erfüllt werden.</p>
<h2>Zeitungen reagieren mit eigenen Blogs</h2>
<p>«Der Bund» und die «Berner Zeitung BZ» haben, noch bevor «Journal B» online ging, je einen neuen Blog mit Fokus auf das Geschehen in der Stadt Bern lanciert; just jenen Bereich, den das «Journal B» abdecken will. BZ-Lokalredaktor Tobias Habegger dazu: «Der <a href="http://www.zytblogger.ch/" target="_blank">‹Zytblogger›</a> war eher eine Reaktion auf die allgemeinen Entwicklungen in der Medienbranche.» Der Onlinebereich werde nun mal wichtiger. Höchstens der Zeitpunkt der Lancierung hänge mit «Journal B» zusammen. Beim neuen Magazin mag man indessen nicht an Zufall glauben. Die Zeitungen versuchten nun einzelne der Themenlücken in der Medienberichterstattung, die das «Journal B» identifiziert habe, selbst zu füllen, stellt Christoph Reichenau fest: «Ich finde es schade, dass sie das nicht sowieso machen.»</p>
<p>«Bund»-Redaktor Christoph Lenz sieht es ein wenig anders als sein Kollege bei der BZ: «Klar hat ‹Journal B› bei uns was ausgelöst. Wir haben uns gefragt: Befassen wir uns zu wenig mit unserer Stadt? Gibt es Themen die bei uns untergehen?» Im <a href="http://blog.derbund.ch/hauptstaedter/" target="_blank">«Hauptstädter»-Blog</a>, an dessen Entwicklung Lenz selbst nicht beteiligt war, werde nun grosso modo verhandelt, ob Bern Stadt oder Provinz sei. Bei «Journal B» hingegen könne er das bestimmende Thema noch nicht erkennen. «Ein schärferes Profil würde die Erfolgsaussichten vermehren. Warum nicht entschlossen links aussen stehen? Dafür steht ja auch die Trägerschaft.»</p>
<h2>Keine Denkvorschriften</h2>
<p>Die Kritik, dass «Journal B» mit zu wenig klaren Konturen daher komme, sei auch innerhalb des Vereins ein Thema, gibt Chefredaktor Kohler offen zu. «Aber was bedeutet dann pointiert? Ich bin ganz klar für die Trennung von Kommentar und Bericht.» Da liege wohl noch ein Missverständnis vor, bei denen, die der Meinung seien, das Magazin komme zu lieb daher. Denn: «Entweder bilden wir das ganze Meinungsspektrum ab und lassen die Leute sich selbst eine Meinung bilden oder wir schreiben ihnen vor, was sie denken sollen.» Aber dann sei es nicht das, was er sich vorstelle. «Wenn es linkspolemisch sein muss, damit es nicht apolitisch wirkt, dann bin ich der Falsche für diesen Job.»</p>
<p>Bei gewissen Leuten sei die Unterstützung für «Journal B» aufgrund der Unzufriedenheit mit der Mediensituation auf dem Platz Bern heraus erfolgt. «Natürlich möchte man gerne eine Gegenstimme haben», sagt Chefredaktor Beat Kohler. Doch für ihn sei klar, dass ein dogmatisch ausgerichtetes «Journal B», welches als rein linke Publikation positioniert sei, nicht überleben würde. «Man muss kein Prophet sein, um das vorherzusagen.» Die sozialdemokratisch ausgerichtete «Berner Tagwacht» sei in Bern nicht ohne Grund untergegangen. «Wenn wir Kolumnisten mit einer pointiert linken Haltung haben, ist das in Ordnung. Aber die Artikel selbst, sollen faktenbasiert sein und versuchen die Realität so gut als möglich abzubilden.»</p>
<h2>Linie noch nicht gefunden</h2>
<p>Vonseiten des Vorstands bestehen aber noch unerfüllte Erwartungen an die Redaktion. So räumt Vorstandsmitglied Christoph Reichenau ein, dass die Linie noch nicht in allem gefunden sei. Diese dürfe sich nicht bloss in den Kommentaren niederschlagen, sondern es gehe auch um die Themenwahl. «Etwa die Diskussion um Frauenquoten wurde verschenkt. Da haben wir gemerkt, dass unserer Vorgaben an die Redaktion noch ungenügend sind.» Deshalb könne sich der Vereinsvorstand auch nicht beklagen, sondern müsse «sich selbst bei der Nase nehmen und die Wünsche verdeutlichen».</p>
<p>Die Diskussion über Inhalte und Profil des Magazins sei im Vorfeld zu kurz gekommen und werde nun nochmals intensiv geführt. «Es gibt national bedeutsame Themen, die wir auf regionaler Ebene nachbearbeiten könnten, zum Beispiel die Asylgesetzrevision.» Ein weiteres Problem seien die personellen Ressourcen: «Es muss mehr Arbeitskapazität geschaffen werden.» Dazu müsste aber Geld aufgenommen werden, was innerhalb des Vereins umstritten sei. Eine andere Möglichkeit sieht Reichenau in einem ehrenamtlichen Engagement der Vereinsmitglieder.</p>
<h2>Erwartet, dass es «chlepft» zum Start</h2>
<p>Mit einer Mischung aus Enttäuschung und Ernüchterung nimmt die Konkurrenz das neue Online-Magazin wahr. «Ich hätte erwartet, dass es am Anfang mit Geschichten ‚chlepft’ und die Medienlandschaft in Bern etwas aufgewirbelt wird», sagt BZ-Redaktor Tobias Habegger. Nun komme das Portal etwas lahm daher. Ernüchterung auch bei «Bund»-Journalist Christoph Lenz: «Nach zwei Monaten bin ich ein wenig enttäuscht. Ich hätte mir gewünscht, dass die Kollegen von ‹Journal B› härter sind, dass sie schneller sind, dass sie uns Geschichten wegnehmen oder sie so erzählen und interpretieren, wie uns das aus der Tagesaktualität heraus nicht möglich ist.» Enttäuscht ist Lenz auch von der Coummunity-Arbeit: «Die müssen jetzt mal ein wenig Gas geben.»</p>
<p>Hier räumt auch «Journal B»-Chefredaktor Beat Kohler Verbesserungsbedarf ein: «Die Beteiligung der Community ist noch nicht auf dem von uns angestrebten Level. Dort müssen wir sicher nochmals einen Effort leisten.» Pläne hierzu sind vorhanden: «Wir möchten, was die Community angeht, etwas viel Grundsätzlicheres machen, als es bei den bestehenden Newsportalen in Bern der Fall ist», sagt Vorstandsmitglied Reichenau. Als Lokalmedium soll die Community nicht nur im Web zusammenfinden, sondern auch physisch. So sind Veranstaltungen geplant, an denen darüber diskutiert wird, was bisher gut war und was noch fehle. Der Kontakt zu den Leserinnen und Lesern solle eine gewisse Verbindlichkeit bekommen, wünscht sich Reichenau.</p>
<h2>Das liebe Geld</h2>
<p>Die Finanzierung des Portals ist bis Ende 2014 durch die <a href="http://www.tageswoche.ch/de/2012_38/schweiz/463553/die-b-seite-von-bern-ist-online.htm" target="_blank">Basler Stiftung für Medienvielfalt</a> von Roche-Erbin Beatrice Oeri gesichert. Danach muss «Journal B» mittels Werbung und Mitgliederbeiträgen selbstragend sein. Die grösste Crux bestehe darin, den Leuten verständlich zu machen, dass sie 250 Franken pro Jahr für etwas zahlen sollen, das sie auch gratis haben können. «Dazu braucht es einiges an politischer Überzeugung und Wachheit», sagt Reichenau. Findet der Trägerverein Berner Online Medien bis Ende 2014 nicht genügend Mitglieder, ist die Zukunft von «Journal B» ungewiss. Reichenau gesteht ein: «Ich kann nicht versprechen, dass wir Ende 2014 an einem Punkt sind, an dem wir sagen können: ‹Wir haben das Ziel erreicht›.»</p>
<p><a href="http://www.journal-b.ch/attachment/12/Journal%20B_DIE_REDAKTION_Plakat%20370x594mm_Ansicht.pdf?g_download=1" target="_blank">Veranstaltungshinweis</a>:<br />
<small>Heute Abend feiert «Journal B» seinen ersten «analogen Auftritt». Die Veranstaltung soll zeigen, wie wichtig «Journal B» der Kontakt zum Publikum ist. Es gibt Talkrunden und Live-Musik. Durch den Abend führt die Autorin und <a href="http://www.sandrakuenzi.ch/" target="_blank">Entertainerin Sandra Künzi</a>. Der Anlass ist öffentlich und ohne Eintritt, die Platzzahl ist beschränkt. Um 18:30 ist Türöffnung in der Aula des PROGR Zentrum für Kulturproduktion in Bern.</small></p>
<p><small>Die Autorin hat diesen Text im Rahmen ihrer Journalismus-Ausbildung am Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM, Winterthur verfasst. Er wird auch auf <a href="http://medienkritik-schweiz.ch/" target="_blank">«Medienkritik Schweiz»</a> veröffentlicht.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/11/30/noch-kein-klarer-kurs/">Noch kein klarer Kurs</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Die missverstandene Stadt</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/10/09/die-missverstandene-stadt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Joel Weibel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Oct 2012 08:08:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Rothenbühler]]></category>
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		<category><![CDATA[Jürg Scherrer]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kommt Biel in den nationalen Medien vor, zeichnen die Journalisten selten ein ausgewogenes Bild. Biel ist entweder hui oder pfui – aber meistens pfui. Das soll sich nun ändern: Biel findet Gefallen an der Idee von Pressereisen in die missverstandene Stadt. – Ein Gastbeitrag aus dem Bieler Tagblatt. «Wie schwul ist Biel?», titelte der «Sonntagsblick» <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/09/die-missverstandene-stadt/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Kommt Biel in den nationalen Medien vor, zeichnen die Journalisten selten ein ausgewogenes Bild. Biel ist entweder hui oder pfui – aber meistens pfui. Das soll sich nun ändern: Biel findet Gefallen an der Idee von Pressereisen in die missverstandene Stadt. – Ein Gastbeitrag aus dem Bieler Tagblatt.<br />
<span id="more-30544"></span><br />
«Wie schwul ist Biel?», titelte der «Sonntagsblick» am 30. September. Man möchte zurückfragen: Wie schwul ist der «Sonntagsblick»? Und zwar mit der jugendsprachlich konnotierten Interpretation von schwul als Adjektiv für doof, dämlich, dümmlich. Das allerdings wäre zu dumm – schliesslich ist schwul kein Schimpfwort.</p>
<p>Aber wie dumm ist es, einen Artikel so zu betiteln, wenn es letztlich darum geht, zwei volle Seiten über Biel zu schreiben und dies durchaus sachlich? Abgesehen davon zeigt dieses jüngste Beispiel, dass die Wahrnehmung Biels in der Aussenperspektive speziell ist. Als Grundsatz lässt sich festhalten: Die Stadt Biel lässt niemanden kalt und dies seit Jahrzehnten. Das zeigt ein Querschnitt von Artikeln in den grossen Publikationen aus Zürich der letzten 18 Jahre. Beim Durchblick dieser Artikel stellt sich sehr schnell das Gefühl ein, dass Biel nicht als die Stadt wahrgenommen wird, die sie ist.</p>
<p>Nick Lüthi von der «Medienwoche», der in Bern lebt und Biel gut kennt, sagt es so: «Biel war in den Medien schon immer eine Attribut-Stadt: zum Beispiel Auto-Partei-Stadt, Sozialhilfe-Metropole, Expo-Stadt, Boom-Stadt, Auto-Stadt, Uhren-Stadt und nun eben Homosexuellen-Stadt. Quasi alle fünf Jahre erhält Biel ein neues Attribut.» Man könnte auch sagen: Die immer gleichen Attribute bleiben, und ab und zu kommt ein neues dazu. Zum Beispiel: <a href="http://www.svp-wohlen-anglikon.ch/wb/media/Media/WeWwo_2012_10_01_Biel_d2.pdf">«Biel der Analphabeten»</a> («Weltwoche», 27. 9. 2012, geschrieben von Alain Pichard, Stadtrat der GLP in Biel) oder die «Goldgräberstadt» («Der Bund», 29.12.2012, Benedikt Loderer, Stadtwanderer, Wahl-Bieler und BT-Kolumnist) oder das «ungezähmte» Biel («Wochenzeitung», 24.03.05) oder alternativ auch das «Liebesnest der Islamisten» («Weltwoche», 29.04.2010).</p>
<p>Alle diese Artikel zeugen auch davon, dass Biel-Texte meist grundsätzlich mit einem Gefühl der Sehnsucht oder der Abscheu gezeichnet werden. Peter Rothenbühler kombinierte beides in der «Schweizer Illustrierten» im August 1996: «Bei der Durchfahrt nach Biel war ich schockiert. […] Warum lässt man diese Stadt einfach verlottern? Was ist los mit Biel?», schrieb Rothenbühler, der Heimweh-Bieler, damalige Wahlzürcher und heutige Wahl-Lausanner. Nur einen Monat später schrieb der «Tages Anzeiger»: «In Biel werden in den nächsten Jahren Millionen investiert. Alles mit dem Ziel, die Stadt attraktiver zu gestalten.» Und mit dem Kennerblick aus Zürich fügte der Autor an. «Die Frage ist bloss, ob sie das braucht.» Wenn Zürich unter der höchsten Arbeitslosigkeit im Land und einem permanenten Einwohnerschwund leiden würde, wie Biel damals, würde der Autor dies kaum fragen.</p>
<p>Heute, 18 Jahre später, wurden die Millionen investiert, die zentrale Achse von Guisanplatz bis und mit Nidaugasse saniert, das Manor-Gebäude steht in der Innenstadt. Rolex, Sputnik, DT-Swiss und andere Firmen haben im Bözingenfeld gebaut, bald wird die Swatch-Group ein neues architektonisches Wahrzeichen aufstellen. Die Stadien werden wohl gebaut (im Gegensatz zu Zürich), unzählige Wohnungen sind entstanden, im Zentrum entsteht ein neuer Platz.</p>
<p>Und doch fragte der «Tages-Anzeiger» im August 2011: <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Kleine-Stadt-mit-heftigen-Eruptionen/story/26499965?track" target="_blank">«Was ist los in dieser Stadt?»</a> Der erste Satz des Textes von Dario Venutti beginnt mit den zwei Worten: Jürg Scherrer. Jürg Scherrer, der Wieder-Präsident der Autopartei, ehemalige Bieler Gemeinderat und ehemalige Nationalrat, hatte sich damals schon längst aus der Politik und dem öffentlichen Leben verabschiedet. Weil man in Zürich offenbar nur ihn kennt, hat Venutti Scherrer aus der Mottenkiste geholt und sein Porträt über Biel mit einem Spruch des italienischen Philosophen und Kommunisten Antonio Gramsci beschlossen: «Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.»</p>
<p>Monster-Biel? Monströs ist höchstens, dass Scherrer nicht kleinzukriegen ist. Der Mann, der die Gaskammern im Zweiten Weltkrieg gegenüber dem Radio RTS im Jahr 2002 als ein «Detail der Geschichte» bezeichnet hat, gilt trotzdem immer wieder als kompetenter Auskunftspartner. Auch im «Sonntagsblick»-Artikel hatte er einen prominenten Auftritt: «Sie werden sehen, am Nachmittag wird es dunkel in Biel», diktierte Scherrer dem Sobli-Schreiber. Dieser schrieb zwei Absätze später: «Tatsächlich am Nachmittag wird es dunkel. Immer mehr dunkle Gesichter auf der Strasse.» Die «Wochenzeitung» vertritt eine andere Haltung. Der «Bund»-Journalist Christoph Lenz schrieb im April unter dem Titel «Bonne nuit, Bienne»: «Biel war einst die Hochburg von Hip-Hop, Punk, alternativer Subkultur. Doch jetzt regiert die Bauspekulation, Wohnbaugenossenschaften geraten unter Druck, alternativ genutzte Fabriken werden abgerissen und Plätze privatisiert. All das unter sozialdemokratischer Regie.»</p>
<p>Dass die Steuereinnahmen pro Kopf in Biel weit unter dem Durchschnitt der anderen Städte liegen und Biel dank der steigenden Anzahl Kinder rund 250 Millionen Franken in den nächsten zehn Jahren in die Schulen investieren muss und auch in der «Seeland-Metropole» (noch so ein Attribut) das Geld nicht auf der Strasse liegt, blendet der Autor aus. Er sehnt sich nach diesem anarchistischen Biel, während sich viele Bewohner Biels nicht mehr damit zufriedengeben wollen, dass alte Sandsteinhäuser mit Gerüsten gesichert werden müssen, um die Passanten vor Steinschlag zu schützen. Ausser in Biel gibt es das nur in den ausgestorbenen Vorstädten in Ostdeutschen Bundesländern.</p>
<p>Stadtpräsident Erich Fehr sagt dazu: «Die Synthese aus den Artikeln im ‹Tages-Anzeiger› und in der ‹Wochenzeitung› käme der Wahrheit schon näher.» Auch dem Stadtoberhaupt ist aufgefallen, dass Biels Wahrnehmung in den Deutschschweizer Medien nicht optimal ist. Er hat deswegen den Kontakt zu den Medienhäusern an der Limmat gesucht und hat sich und seine Stadt in Gesprächen auf höchster Ebene vorgestellt. «Damit die Journalisten beim nächsten Mal auch unsere Meinung einholen.»</p>
<p>Peter Rothenbühler, heute stellvertretender publizistischer Leiter bei Edipresse, analysiert das Problem etwas anders: «Der Artikel im Tages-Anzeiger war eine Frechheit, zu einseitig. Ich kann in jede Stadt gehen und nur mit den Extremisten sprechen. Das ist einfach. Der Autor hatte nie das Bestreben, diese Stadt zu verstehen und zu entdecken.» Aus Rothenbühlers Sicht sollte die Bieler Presse streng sein mit Biel. «Aber von Aussen kommen und nur das Negative berichten, das geht nicht.» Allerdings fügt er an: Wenn ein solcher Artikel komme, müsse sich eine Stadt fragen, was sie falsch gemacht hat. Er plädiert dafür, dass Biel für Journalisten Pressereisen anbietet und die Leute ansonsten mit ihren Attraktionen nach Biel lockt. Zudem solle der Stadtpräsident ein neues Projekt aufziehen. Den «Sonntagsblick»-Artikel hat Rothenbühler nicht gelesen, aber: «Dass die Homosexualität in Biel kein Thema war, ist sensationell. Das zeigt wie hochentwickelt die kulturelle und gesellschaftliche Toleranz in Biel ist.» Insgesamt komme Biel in der Berichterstattung in den nationalen Medien zu wenig gut weg. «Es gibt eine Tendenz, Biel als Stadt zu vieler Sozialfälle und zu vieler Muslime zu stigmatisieren. Das ist gefährlich, da muss man Gegensteuer geben.»</p>
<p>Das versucht Fehr derzeit. Auch die Pressereisen-Idee wird derzeit diskutiert. Allerdings will Fehr nicht einfach mit der Ankündigung eines neuen Grossprojektes positive Meldungen generieren: «Für die Grösse der Stadt sind wir, was Anzahl und Grösse der Projekte betrifft, derzeit stolz unterwegs. Jetzt setzen wir unsere Kraft in den Campus der Fachhochschule und die Detailarbeit bei Littering, Wohnqualität und so weiter. Das ist vielleicht ein Unterschied in unserer Kommunikation zu früher: Wir sprechen die Probleme an und arbeiten an ihnen. Gleichzeitig sprechen wir über die Vorzüge Biels. Wir haben das Ganze auf eine realistischere Ebene geholt.» Jetzt müssten nur noch die Journalisten aus Zürich den Realismus für sich entdecken.</p>
<p><small>Dieser Artikel erscheint heute im Bieler Tagblatt. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion durfte die Medienwoche den Text übernehmen.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/09/die-missverstandene-stadt/">Die missverstandene Stadt</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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