von Magdalena Oberli

Noch kein klarer Kurs

Der Respekt der Konkurrenz war gross vor dem Start des «Journal B», eines Onlinemagazins für die Stadt Bern. Gleich beide Tageszeitungen bauten ihre Lokalberichterstattung im Netz aus. Doch zwei Monate nach der Lancierung ist allenthalben Ernüchterung eingekehrt. Das «Journal B» konnte die – teils hohen – Erwartungen bisher noch nicht erfüllen.

Seit gut zwei Monaten will das Onlinemagazin «Journal B» als neue Stimme für Bern «die Einheitlichkeit der Tagesmedien aufbrechen und eine neue Sichtweise reinbringen», wie Chefredaktor Beat Kohler sagt. Christoph Reichenau, Vorstandsmitglied des Trägervereins Berner Online Medien und ehemaliger Kultursekretär der Stadt Bern ergänzt: «Wir möchten auf lokalem Niveau etwas machen, das der Wochenzeitung WOZ auf nationaler Ebene entspricht, da die beiden bestehenden Tageszeitungen in Bern bürgerlich ausgerichtet sind.» Diese hohen Ansprüche konnten bis jetzt höchstens punktuell erfüllt werden.

Zeitungen reagieren mit eigenen Blogs

«Der Bund» und die «Berner Zeitung BZ» haben, noch bevor «Journal B» online ging, je einen neuen Blog mit Fokus auf das Geschehen in der Stadt Bern lanciert; just jenen Bereich, den das «Journal B» abdecken will. BZ-Lokalredaktor Tobias Habegger dazu: «Der ‹Zytblogger› war eher eine Reaktion auf die allgemeinen Entwicklungen in der Medienbranche.» Der Onlinebereich werde nun mal wichtiger. Höchstens der Zeitpunkt der Lancierung hänge mit «Journal B» zusammen. Beim neuen Magazin mag man indessen nicht an Zufall glauben. Die Zeitungen versuchten nun einzelne der Themenlücken in der Medienberichterstattung, die das «Journal B» identifiziert habe, selbst zu füllen, stellt Christoph Reichenau fest: «Ich finde es schade, dass sie das nicht sowieso machen.»

«Bund»-Redaktor Christoph Lenz sieht es ein wenig anders als sein Kollege bei der BZ: «Klar hat ‹Journal B› bei uns was ausgelöst. Wir haben uns gefragt: Befassen wir uns zu wenig mit unserer Stadt? Gibt es Themen die bei uns untergehen?» Im «Hauptstädter»-Blog, an dessen Entwicklung Lenz selbst nicht beteiligt war, werde nun grosso modo verhandelt, ob Bern Stadt oder Provinz sei. Bei «Journal B» hingegen könne er das bestimmende Thema noch nicht erkennen. «Ein schärferes Profil würde die Erfolgsaussichten vermehren. Warum nicht entschlossen links aussen stehen? Dafür steht ja auch die Trägerschaft.»

Keine Denkvorschriften

Die Kritik, dass «Journal B» mit zu wenig klaren Konturen daher komme, sei auch innerhalb des Vereins ein Thema, gibt Chefredaktor Kohler offen zu. «Aber was bedeutet dann pointiert? Ich bin ganz klar für die Trennung von Kommentar und Bericht.» Da liege wohl noch ein Missverständnis vor, bei denen, die der Meinung seien, das Magazin komme zu lieb daher. Denn: «Entweder bilden wir das ganze Meinungsspektrum ab und lassen die Leute sich selbst eine Meinung bilden oder wir schreiben ihnen vor, was sie denken sollen.» Aber dann sei es nicht das, was er sich vorstelle. «Wenn es linkspolemisch sein muss, damit es nicht apolitisch wirkt, dann bin ich der Falsche für diesen Job.»

Bei gewissen Leuten sei die Unterstützung für «Journal B» aufgrund der Unzufriedenheit mit der Mediensituation auf dem Platz Bern heraus erfolgt. «Natürlich möchte man gerne eine Gegenstimme haben», sagt Chefredaktor Beat Kohler. Doch für ihn sei klar, dass ein dogmatisch ausgerichtetes «Journal B», welches als rein linke Publikation positioniert sei, nicht überleben würde. «Man muss kein Prophet sein, um das vorherzusagen.» Die sozialdemokratisch ausgerichtete «Berner Tagwacht» sei in Bern nicht ohne Grund untergegangen. «Wenn wir Kolumnisten mit einer pointiert linken Haltung haben, ist das in Ordnung. Aber die Artikel selbst, sollen faktenbasiert sein und versuchen die Realität so gut als möglich abzubilden.»

Linie noch nicht gefunden

Vonseiten des Vorstands bestehen aber noch unerfüllte Erwartungen an die Redaktion. So räumt Vorstandsmitglied Christoph Reichenau ein, dass die Linie noch nicht in allem gefunden sei. Diese dürfe sich nicht bloss in den Kommentaren niederschlagen, sondern es gehe auch um die Themenwahl. «Etwa die Diskussion um Frauenquoten wurde verschenkt. Da haben wir gemerkt, dass unserer Vorgaben an die Redaktion noch ungenügend sind.» Deshalb könne sich der Vereinsvorstand auch nicht beklagen, sondern müsse «sich selbst bei der Nase nehmen und die Wünsche verdeutlichen».

Die Diskussion über Inhalte und Profil des Magazins sei im Vorfeld zu kurz gekommen und werde nun nochmals intensiv geführt. «Es gibt national bedeutsame Themen, die wir auf regionaler Ebene nachbearbeiten könnten, zum Beispiel die Asylgesetzrevision.» Ein weiteres Problem seien die personellen Ressourcen: «Es muss mehr Arbeitskapazität geschaffen werden.» Dazu müsste aber Geld aufgenommen werden, was innerhalb des Vereins umstritten sei. Eine andere Möglichkeit sieht Reichenau in einem ehrenamtlichen Engagement der Vereinsmitglieder.

Erwartet, dass es «chlepft» zum Start

Mit einer Mischung aus Enttäuschung und Ernüchterung nimmt die Konkurrenz das neue Online-Magazin wahr. «Ich hätte erwartet, dass es am Anfang mit Geschichten ‚chlepft’ und die Medienlandschaft in Bern etwas aufgewirbelt wird», sagt BZ-Redaktor Tobias Habegger. Nun komme das Portal etwas lahm daher. Ernüchterung auch bei «Bund»-Journalist Christoph Lenz: «Nach zwei Monaten bin ich ein wenig enttäuscht. Ich hätte mir gewünscht, dass die Kollegen von ‹Journal B› härter sind, dass sie schneller sind, dass sie uns Geschichten wegnehmen oder sie so erzählen und interpretieren, wie uns das aus der Tagesaktualität heraus nicht möglich ist.» Enttäuscht ist Lenz auch von der Coummunity-Arbeit: «Die müssen jetzt mal ein wenig Gas geben.»

Hier räumt auch «Journal B»-Chefredaktor Beat Kohler Verbesserungsbedarf ein: «Die Beteiligung der Community ist noch nicht auf dem von uns angestrebten Level. Dort müssen wir sicher nochmals einen Effort leisten.» Pläne hierzu sind vorhanden: «Wir möchten, was die Community angeht, etwas viel Grundsätzlicheres machen, als es bei den bestehenden Newsportalen in Bern der Fall ist», sagt Vorstandsmitglied Reichenau. Als Lokalmedium soll die Community nicht nur im Web zusammenfinden, sondern auch physisch. So sind Veranstaltungen geplant, an denen darüber diskutiert wird, was bisher gut war und was noch fehle. Der Kontakt zu den Leserinnen und Lesern solle eine gewisse Verbindlichkeit bekommen, wünscht sich Reichenau.

Das liebe Geld

Die Finanzierung des Portals ist bis Ende 2014 durch die Basler Stiftung für Medienvielfalt von Roche-Erbin Beatrice Oeri gesichert. Danach muss «Journal B» mittels Werbung und Mitgliederbeiträgen selbstragend sein. Die grösste Crux bestehe darin, den Leuten verständlich zu machen, dass sie 250 Franken pro Jahr für etwas zahlen sollen, das sie auch gratis haben können. «Dazu braucht es einiges an politischer Überzeugung und Wachheit», sagt Reichenau. Findet der Trägerverein Berner Online Medien bis Ende 2014 nicht genügend Mitglieder, ist die Zukunft von «Journal B» ungewiss. Reichenau gesteht ein: «Ich kann nicht versprechen, dass wir Ende 2014 an einem Punkt sind, an dem wir sagen können: ‹Wir haben das Ziel erreicht›.»

Veranstaltungshinweis:
Heute Abend feiert «Journal B» seinen ersten «analogen Auftritt». Die Veranstaltung soll zeigen, wie wichtig «Journal B» der Kontakt zum Publikum ist. Es gibt Talkrunden und Live-Musik. Durch den Abend führt die Autorin und Entertainerin Sandra Künzi. Der Anlass ist öffentlich und ohne Eintritt, die Platzzahl ist beschränkt. Um 18:30 ist Türöffnung in der Aula des PROGR Zentrum für Kulturproduktion in Bern.

Die Autorin hat diesen Text im Rahmen ihrer Journalismus-Ausbildung am Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM, Winterthur verfasst. Er wird auch auf «Medienkritik Schweiz» veröffentlicht.

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