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	<title>Literatur | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Mon, 23 Sep 2019 19:28:59 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Wenn ein Algorithmus die ganze Literaturgeschichte revolutioniert: Im Maschinozän schreiben Maschinen bessere Texte als Menschen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/09/19/wenn-ein-algorithmus-die-ganze-literaturgeschichte-revolutioniert-im-maschinozaen-schreiben-maschinen-bessere-texte-als-menschen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Sep 2019 19:26:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Technologie]]></category>
		<category><![CDATA[Roboterjournalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Journalismus sind bereits Programme im Einsatz, die lesenswerte Nachrichten-Texte verfassen. Wenn die Maschinen dereinst beginnen werden, Literatur zu schaffen, wird die Produktion explodieren. Schlimm? Nein, eine Chance für uns Menschen.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/19/wenn-ein-algorithmus-die-ganze-literaturgeschichte-revolutioniert-im-maschinozaen-schreiben-maschinen-bessere-texte-als-menschen/">Wenn ein Algorithmus die ganze Literaturgeschichte revolutioniert: Im Maschinozän schreiben Maschinen bessere Texte als Menschen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Im Journalismus sind bereits Programme im Einsatz, die lesenswerte Nachrichten-Texte verfassen. Wenn die Maschinen dereinst beginnen werden, Literatur zu schaffen, wird die Produktion explodieren. Schlimm? Nein, eine Chance für uns Menschen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/19/wenn-ein-algorithmus-die-ganze-literaturgeschichte-revolutioniert-im-maschinozaen-schreiben-maschinen-bessere-texte-als-menschen/">Wenn ein Algorithmus die ganze Literaturgeschichte revolutioniert: Im Maschinozän schreiben Maschinen bessere Texte als Menschen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Repor­tage als Kolpor­tage: Story­tel­ling im Jour­na­lismus</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/03/24/repor%c2%adtage-als-kolpor%c2%adtage-story%c2%adtel%c2%adling-im-jour%c2%adna%c2%adlismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Mar 2019 10:25:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ist es nun vorbei mit dem Geschichtenerzählen im Journalismus? Was sagt uns Friedrich Dürrenmatt – aus dem Grab – zum Thema? Und wie geht’s nun weiter?</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/03/24/repor%c2%adtage-als-kolpor%c2%adtage-story%c2%adtel%c2%adling-im-jour%c2%adna%c2%adlismus/">Repor­tage als Kolpor­tage: Story­tel­ling im Jour­na­lismus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ist es nun vorbei mit dem Geschichtenerzählen im Journalismus? Was sagt uns Friedrich Dürrenmatt – aus dem Grab – zum Thema? Und wie geht’s nun weiter?</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/03/24/repor%c2%adtage-als-kolpor%c2%adtage-story%c2%adtel%c2%adling-im-jour%c2%adna%c2%adlismus/">Repor­tage als Kolpor­tage: Story­tel­ling im Jour­na­lismus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Wirklichkeiten unter dem Strich</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fredi Lerch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Jan 2017 15:16:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
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		<category><![CDATA[Anthologie]]></category>
		<category><![CDATA[Arnold Kübler]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Anthologie «Literatur und Zeitung» ergründet die narrativen Möglichkeiten im Grenzgebiet zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Fiktion am Beispiel von 16 Deutschschweizer Autorinnen und Autoren. Den Feuilletonjournalismus, von dem darin die Rede ist, gibt es zwar nicht mehr. Aber vieles, was ihn wertvoll machte, lebt weiter. Seit dem 1. Januar betreibt Tschechien ein Abwehrzentrum gegen Fake News, <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Anthologie «Literatur und Zeitung» ergründet die narrativen Möglichkeiten im Grenzgebiet zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Fiktion am Beispiel von 16 Deutschschweizer Autorinnen und Autoren. Den Feuilletonjournalismus, von dem darin die Rede ist, gibt es zwar nicht mehr. Aber vieles, was ihn wertvoll machte, lebt weiter.<br />
<span id="more-33102"></span><br />
Seit dem 1. Januar betreibt Tschechien ein Abwehrzentrum gegen Fake News, das Falschmeldungen als «Fälschung und Erfindung» kennzeichnen soll. Liest man die <a href="http://www.chronos-verlag.ch/php/book_latest-new.php?book=978-3-0340-1356-7&amp;type=Kurztext" target="_blank">eben erschienene Anthologie «Literatur und Zeitung»</a>, lächelt man über diese hysterische Reaktion von politisch Verantwortlichen, die offenbar ihre Definitionsmacht darüber, was Wirklichkeit zu sein hat, gefährdet sehen. Denn bloss wegen Verleumdungen von Einzelpersonen wird man kein «Abwehrzentrum» finanzieren – dagegen gibt es das Strafrecht.</p>
<p>An dem Phänomen der Fake News ist neu, dass sie die narrativen Möglichkeiten im Grenzgebiet zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Fiktion nutzen, um politisch breitenwirksam zu desinformieren. Dass diese narrativen Möglichkeiten genutzt werden, ist hingegen nicht neu. In den letzten zweihundert Jahren hat sich der Feuilletonjournalismus immer auch in diesem Grenzgebiet getummelt, kreativ narrativ, manchmal als l’Art pour l’art, manchmal mit gesellschaftspolitischen Hintergedanken – und ab und zu immer schon in verleumderischer Absicht: mit anonymen Schmähungen in Zeitungen oder mittels Blossstellungen in Schlüsselromanen.</p>
<p><strong>Journalismus «unter dem Strich»</strong><br />
Tatsache ist: Es gab schon immer ein herrschaftliches Misstrauen gegen die Kulturschaffenden, die aufgrund ihres Bisschens Bekanntheit öffentlich reden können, ohne entsprechend instruiert und abhängig gemacht worden zu sein – Kulturschaffende sind einfach oft zu wenig «embedded». In der Printpublizistik wurde dieses Problem bereits Ende des 18. Jahrhunderts erkannt. Seither gab es in den Zeitungen zwei Abteilungen, die durch einen horizontalen Querstrich über die Zeitungsseite getrennt waren: Über dem Strich schrieben jene, die fähig und gewillt waren, mit Sprache die Wirklichkeit so abzubilden, dass sie auch ihre Geldgeber als «objektiv» dargestellt akzeptierten. Und unter dem Strich, im sogenannten «Feuilleton», durften auch andere schreiben.</p>
<p>Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die im 19. und 20. Jahrhundert in schweizerischen Zeitungsfeuilletons mitarbeiteten: Das ist das Thema der Anthologie, die auf den Redebeiträgen der Tagung «Literatur in der Zeitung» von Januar 2014 in Bern basiert. Wenn das Buch eines zeigt, dann das: Auch in der Deutschschweiz wurden Feuilletonschreiberinnen und -schreiber insgesamt als unsichere Kantonisten betrachtet, wenn es nach den Regeln der journalistischen Kunst um die korrekte Abbildung von Welt ging.</p>
<p><strong>Wechselwirkungen zwischen Journalismus und Literatur</strong><br />
Das Buch eröffnet mit einem Beitrag zu Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf, dessen oft polemische Zeitungsartikel den Zweck hatten, insbesondere in sozial- und erziehungspolitischen Fragen Volksaufklärung zu betreiben. Dass er dabei auch im Grenzgebiet zwischen Bericht und Fiktion operierte, wird an einem fingierten Leserbrief gezeigt, den Bitzius gegen einen eigenen Artikel veröffentlichen liess in der Absicht, seine politischen Gegner durch die Plumpheit der Replik doppelt dumm aussehen zu lassen. Die Literaturwissenschaft mag interessieren, inwiefern der Journalismus des Albert Bitzius eine Voraussetzung war für die Kunst des fiktiven Erzählens von Jeremias Gotthelf. Unbestritten ist, dass es vielfältige Bezüge gibt.</p>
<p>Und nicht nur bei ihm: Der weitgehend unpolitisch schreibende junge Max Frisch war bis nach 1945 ein fleissiger Mitarbeiter des NZZ-Feuilletons und «Spuren von Frischs journalistischer Recherchetätigkeit der frühen Jahre sind sowohl in inhaltlicher als auch textstrukturierender Art in späteren literarischen Werken zu finden». Wie bei Bitzius und vielen anderen gibt es bei Frisch dieses unübersehbare Wechselspiel, auch wenn es in seinem Fall bereits 1948 zum Bruch mit der NZZ kam, weil sich der Autor zunehmend politisch und gesellschaftskritisch zu äussern begann. Für solches war «unter dem Strich» kein Platz – und bei seinen zunehmend linken Positionen «über dem Strich» auch nicht. Die Anthologie bringt mit C. A. Loosli übrigens nur einen Schriftsteller, der sich – zum Beispiel mit Leitartikeln – zumindest eine Zeit lang auch über dem Strich hat halten können.</p>
<p>Literatinnen und Schriftsteller ohne volksaufklärerische Ambition verstanden die Zeitungsarbeit nicht selten als Fron und journalistische Texte als minderwertig. Für Zeitungen schrieb man des Geldes wegen. Dichtung dagegen konnte nur Dichtung sein, wenn sie von der autonomen Künstlerschaft (in Randstunden) zweckfrei erdacht worden war. Entsprechend heisst es über Meinrad Inglin: «Texte mit informativer, pragmatischer oder auch kritischer Ausrichtung erweisen sich für den reiferen Inglin im Vergleich zu eigentlich literarischen Texten […] als defizitär.»</p>
<p><strong>Literatur «unter dem Strich»</strong><br />
Allerdings gab es in den Feuilletons nicht nur «defizitär» Journalistisches, sondern auch rein Literarisches: Neben dem zeitweise verbreiteten Abdruck von Gedichten ist hier vor allem der Fortsetzungsroman zu nennen – die Anthologie thematisiert ihn an den zuerst im «Schweizerischen Beobachter» erschienenen Kriminalromanen Friedrich Dürrenmatts («Der Richter und sein Henker» [1950/51] und «Der Verdacht» [1951/52]). Nachgewiesen wird, dass die Serialität des Zeitungsabdrucks gegenüber dem Buchdruck in Bezug auf Leserbindung andere Anforderungen stellt und so Einfluss nimmt auf die Form des literarischen Textes.</p>
<p>Auf der Achse zwischen reiner Fiktion und Volksaufklärung schliesst an den Roman der subjektive Feuilletonismus an, wie ihn etwa Robert Walser mit seinen «Prosastückli» oder Annemarie Schwarzenbach in ihren Reisereportagen gepflegt haben. Daneben gehört die instrumentalisierte Subjektivität einer Emmy Hennings hierher, die im Tessin für touristische «Fremdenblätter» Spaziergänge zu Reportagen verarbeitet hat: Diese Texte haben zwar eine klare Werbefunktion, beharren aber auf subjektivem Storytelling, auf Narrativen, «die sich wie ein fliegender Teppich über die realen Landstriche erheben und diese sanft umschmeicheln». Ebenfalls hierher gehört die Collagierung von literarischen Texten mit Fotomaterial zu Foto-Reportagen, wie sie Arnold Kübler zwischen 1925 und 1941 als Redaktor der «Zürcher Illustrierten» gepflegt hat.</p>
<p><strong>Das Grenzgebiet als Spielwiese: Dieter Bachmann </strong><br />
Vor allem aber wird im Grenzgebiet zwischen Journalismus und Literatur – vom essayistisch erzählerischen Text bis zur sozialkritischen Reportage – mit dem Anspruch geschrieben, Wirklichkeit präziser, differenzierter und mehrdeutiger abbilden zu können, als es die Faktenreihung des journalistischen Berichts vermag. Welche journalistischen und literarischen Werkzeuge dabei wie einzusetzen sind, bleibt kontrovers.</p>
<p>In seiner Dissertation schrieb der Publizist Dieter Bachmann 1969: «Erzählerische Werke höchsten Anspruchs kommen zustande unter dem denkbar grössten Vorbehalt gegen die Legitimität des Erzählens. Aus dieser Spannung entstehen Werke, deren hervorstechendes Merkmal ihr Essayismus ist.» Mit dieser Skepsis gegen das naive Erzählen korrespondiert seine Skepsis gegen die rein faktisch-journalistische Berichterstattung: Seinen Roman «Unter Tieren» (2010) gliedert er mit Zeitungsmeldungen, um am Schluss des Buches lakonisch anzumerken: «Die Zeitungsmeldungen stammen aus verschiedenen Publikationen. Sie sind oft nicht wörtlich wiedergegeben, und nicht immer sind sie echt.» Die in die Fiktion eingestreuten journalistischen Materialien sind also – möglicherweise – frei erfunden, sozusagen desinformierende «Fake News» auf dem Spielfeld des Romans.</p>
<p>Daraus kann man lernen: Zeitungsprosa «über dem Strich» ist nie so «objektiv», «wahr» oder «unverzerrt», wie sie scheinen mag. Diese Prosa wirkt bloss durch Konventionen – durch Platzierung, Aufmachung und allerlei rhetorische Tricks – so, wie wenn sie im Gegensatz zu literarischer Prosa nichts mit Fiktion zu tun hätte. Sprache bleibt aber nichts als Sprache, auch wenn sie sachlich abgebildete Welt zu sein scheint.</p>
<p><strong>Das Grenzgebiet als Kampffeld: Meienberg vs. Walter</strong><br />
1983 kritisierte Niklaus Meienberg den Roman «Das Staunen des Nachtwandlers am Ende der Nacht» von Otto F. Walter als «subrealistisch», weil schlecht recherchiert. Die Übertragung von Wirklichkeit in Sprache könne dem Anspruch auf Realismus nur dann genügen, wenn das Faktische zuvor bis an die Grenze des Recherchierbaren ausgeleuchtet worden sei. Erst jenseits dieser Grenze dürften allfällige Lücken im Recherchierten mit «logischer Phantasie» geschlossen werden. Walter dagegen war schon früh skeptisch, ob hundert Jahre nach dem Literarischen Realismus eines Dostojewski, Balzac oder Fontane noch «realistisch» erzählt werden könne, weil ihm zunehmend zum Problem wurde, was überhaupt real sei. Um dieses Problem thematisieren zu können, hat er in zwei verschiedenen Romanen als Protagonisten einen Journalisten gewählt, der auch Fiktionen schreibt (im erwähnten und in «Die Verwilderung» [1977]). Walter war zunehmend überzeugt, dass das Dokumentarische nur mehr ein Stilmittel sei «im täglich produzierten Roman, der sich ‹Zeitung› und nicht etwa ‹ Roman›» nenne.</p>
<p>Daneben gab es im 20. Jahrhundert viele Autorinnen und Autoren, die mit Kolumnen in «volksaufklärerischer» Absicht in den Feuilletons wirkten – in der Anthologie vertreten sind Hedi Wyss und Hansjörg Schneider. Diese subjektiv-diskursive Publizistik wird von der Anthologie damit nur ungenügend gewürdigt. Es würde sich lohnen, den Zeitungskolumnen insbesondere der nonkonformistischen Autorinnen und Autoren mehr Beachtung zu schenken. Sie haben zweifellos mitgeholfen, die weitgehende Illiberalität der deutschschweizerischen Öffentlichkeit im Kalten Krieg zurückzudrängen. Wollte man diesen Aspekt von «Literatur und Zeitung» gebührend würdigen, müssten die Werke etwa von Peter Bichsel, Walter Matthias Diggelmann, Hans Rudolf Hilty, Hugo Lötscher, Kurt Marti, Adolf Muschg oder Walter Vogt exakt konsultiert werden. Sie alle werden von der Anthologie übergangen.</p>
<p><strong>Feuilletonjournalismus gibt es nicht mehr</strong><br />
Ab den Fünfzigerjahren schafften die Zeitungen den horizontalen Strich allmählich ab und ersetzten ihn durch separate Zeitungsbünde, die sie gewöhnlich «Kultur» nannten. Die Berichterstattung dieser Teile degenerierte seither allmählich zu einem harmlosen Warentestjournalismus für die wichtigeren kulturindustriellen Neuheiten der Saison – opportunistisch gegenüber der Marktkraft des Produkts und eskapistisch gegenüber der Wirklichkeit des Zielpublikums: Ein deutschschweizerischer Roman aus kleinem Verlag und 1000er Auflage hat keine Chance auf Erwähnung, wenn ihm in der Zeitungsredaktion die Übersetzung eines philippinischen Roman aus einem Grossverlag und 30000er Auflage entgegengestellt wird.</p>
<p>Was den subjektiven Blick auf die Wirklichkeit im ehemaligen Feuilletonjournalismus betrifft: Er spielt kaum mehr eine Rolle. Kolumnen, Essays von oder Interviews mit Kulturschaffenden sind weitestgehend aus den Printmedien verschwunden. Die 16 Beiträge der Anthologie widmen sich deshalb einem untergegangenen Aspekt der Printpublizistik. Sie ist trotzdem spannend zu lesen, weil sie das Phänomen Literatur und Zeitung mit anregend unterschiedlichen Fragestellungen porträtiert und so auf unterhaltende Weise deutlich macht, welches die Tugenden des Feuilletons waren.</p>
<p>Nimmt man diese Tugenden in den Blick, wird auch klar: zwar ist der Feuilletonjournalismus in der Printpublizistik tot, aber seine Tugenden leben: Zumindest ein Teil der heutigen Netzpublizistik kann als wieder auferstandener «Journalismus unter dem Strich» angesprochen werden. Dass er vorderhand schlecht geredet wird, hat nicht in jedem Fall mit seiner Qualität zu tun: Die gratis zur Verfügung gestellte Netzpublizistik bedroht die zwar professionell gemachten, aber zunehmend einfach gestrickten und PR-infiltrierten Print-Kulturteile existentiell. Von Jahr zu Jahr mehr gilt: «Unter dem Strich» wird die Welt online vielfältiger und origineller gesehen als in den Zeitungen.</p>
<p><small><strong>Stefanie Leuenberger, Dominik Müller, Corinna Jäger-Trees, Ralph Müller (Hg.):<a href="http://www.chronos-verlag.ch/php/book_latest-new.php?book=978-3-0340-1356-7&amp;type=Kurztext" target="_blank"> Literatur und Zeitung</a>. Fallstudien aus der deutschsprachigen Schweiz von Jeremias Gotthelf bis Dieter Bachmann. Zürich (Chonos-Verlag) 2016, 284 Seiten, 48.-</strong>. Mit Beiträgen über Gotthelf (Ruedi Graf), Carl Albert Loosli (Dariusz Komorowski), Meinrad Inglin (Daniel Annen), Max Frisch (Daniel Foppa), Hedi Wyss (Vesna Kondrič Horvat), Dieter Bachmann (Magnus Wieland), Robert Walser (Peter Utz), Emmy Hennings (Christa Baumberger), Annemarie Schwarzenbach (Gonçalo Vilas-Boas), Hansjörg Schneider (Ulrich Weber), Arnold Kübler/Zürcher Illustrierte (Simone Wichor), Feuilleton der National-Zeitung (Bettina Braun), Friedrich Dürrenmatt (Ralph Müller / Franziska Thiel), Otto F. Walter (Rosmarie Zeller), Hermann Burger (Elias Zimmermann) und Niklaus Meienberg (Peter Rusterholz).</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/">Wirklichkeiten unter dem Strich</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sehnsucht nach Autorität</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Oct 2015 13:57:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Lukas Bärfuss]]></category>
		<category><![CDATA[Oliver Zimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Schriftsteller]]></category>
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		<category><![CDATA[Emile Zola]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Warum wird Schriftstellern a priori zugestanden, ein qualifizierteres politisches Urteil fällen zu können als die mit der Sache beschäftigten Fachleute oder der Durchschnittsbürger? In der Zuweisung des Schriftstellers als eine Art «Universalgelehrter» lebt immer noch der Geniekult des 18. Jahrhunderts weiter. Eine literaturgeschichtliche Einordnung von Lukas Bärfuss&#8216; Auftritt als Schweiz-Kritiker. «Die Schweiz ist des Wahnsinns». <a href="https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Warum wird Schriftstellern a priori zugestanden, ein qualifizierteres politisches Urteil fällen zu können als die mit der Sache beschäftigten Fachleute oder der Durchschnittsbürger? In der Zuweisung des Schriftstellers als eine Art «Universalgelehrter» lebt immer noch der Geniekult des 18. Jahrhunderts weiter. Eine literaturgeschichtliche Einordnung von Lukas Bärfuss&#8216; Auftritt als Schweiz-Kritiker.<br />
<span id="more-25992"></span><br />
<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/lage-in-der-schweiz-vor-parlamentswahlen-2015-trostlos-13856819.html?printPagedArticle=true#pageIndex_all" target="_blank">«Die Schweiz ist des Wahnsinns».</a> So lautet die Überschrift eines Aufsatzes des Schriftstellers Lukas Bärfuss, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15.10.2015 abgedruckt war. Die Überschrift fasste auch gleich den Inhalt des Textes zusammen. Kein gutes Haar lässt Bärfuss an der Schweiz, die er wie ein Psychiater untersucht. Dabei macht sich Bärfuss unter anderem Sorgen um das Wirtschaftswachstum der Schweiz und um das Ansehen des Landes im Ausland, um dann die Bevölkerung pauschal als «ein Volk von Zwergen» zu charakterisieren.</p>
<p>Als aussenstehender Deutscher hätte man einen solchen Text eher von dem Berufskritiker der Schweiz Jean Ziegler erwartet. Aber bereits seit geraumer Zeit äussert sich auch Lukas Bärfuss zu gesellschaftspolitischen Fragen der Schweiz – und wird gehört. Mit seiner rhetorischen Vehemenz katapultiert er sich selbst zum Nachfolger von Schweiz-Kritikern wie Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Niklaus Meienberg.</p>
<p>Die «Einmischung» des Schriftstellers zu politischen und gesellschaftlichen Fragen ist nicht neu. Sie erreichte schon im 19. Jahrhundert eine erste Blüte. Gründe waren hierfür die politischen Umbruchsituationen wie Aufklärung, Vormärz oder die Revolutionen von 1848/49, einher gehend mit einer stärkeren Politisierung einer zunehmend besser alphabetisierten Bevölkerung und die technische Weiterentwicklung des Buch- und Zeitschriftendrucks. Immer häufiger und wirkungsvoller traten Schriftsteller neben (bzw. in) ihren dichterischen Werken auch als politische Publizisten in Leitartikeln, Glosse oder Pamphleten auf. Unter anderen wären Heinrich Heine, Georg Büchner, Bettina von Arnim, Ludwig Börne und aus der Schweiz vor allem Gottfried Keller zu nennen.</p>
<p>Am 13. Januar 1898 publizierte der französische Schriftsteller Emile Zola in der Zeitung «L&#8217;Aurore» einen offenen Brief an den französischen Präsidenten zur sogenannten «Dreyfus-Affäre». Drei Jahre zuvor war der französische Hauptmann Alfred Dreyfus unter dem Vorwand der Spionage für Deutschland festgenommen, abgeurteilt und auf die sogenannte Teufelsinsel vor Französisch-Guayana interniert worden. Zolas Text mit dem emphatischen Titel «J&#8217;accuse» («Ich klage an») bündelte die inzwischen aufgekommenen Ungereimtheiten bei der Beweisführung, die jedoch allesamt offiziell ignoriert wurden. Er kam am Ende zu dem Schluss, dass Dreyfus unschuldig und das Opfer einer Verschwörung von Militär, Geheimdienst und Politik geworden war. Verstärkend war hier der bei den damaligen Eliten weit verbreitete Antisemitismus – Dreyfus war Jude. Zola wurde für seinen Text zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und floh vor Antritt der Haftstrafe nach England. Erst knapp anderthalb Jahre später kehrte er nach Frankreich zurück, nachdem er begnadigt worden war. Die vollständige Rehabilitierung von Dreyfus 1906 erlebte er nicht mehr.</p>
<p>Bereits in seinen Romanen thematisierte Zola die politischen, ökonomischen und sozialen Ungerechtigkeiten der französischen Gesellschaft. Mit «J&#8217;accuse» wurde jedoch eine neue Qualität des politisch engagierten Schriftstellers erreicht. Der Text war mehr investigative, journalistische Recherche als politisches Pamphlet. Seine Intervention ist bis heute Vorbild, weil sie tatsächlich den Wendepunkt in der Dreyfus-Affäre einläutete und wirkungsvoll die Verkrustungen der französischen Eliten bis hinein in die Justiz blosslegte. Der Schriftsteller als politischer Aktivist, dessen Handeln Veränderungen auslösen konnte, war geboren.</p>
<p>Insbesondere in Deutschland feierte man mit der informellen Schriftstellervereinigung der «Gruppe 47» ab den 1960er Jahren eine Renaissance des aktivistischen Schriftstellers. Die Mehrzahl der «Gruppe 47»-Mitglieder hatte das eher halbherzige Engagement der deutschen Intellektuellen zur Weimarer Republik (1919-1933) und den anschliessenden Aufstieg des Nationalsozialismus noch in bitterer Erinnerung. Die Folge war nun ein hybrides publizistisches Unterstützungsmanagement von Proklamationen und «Resolutionen», besonders befeuert vom Initiator der Gruppe, Hans-Werner Richter und vor allem Günter Grass. <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Frischs-scharfer-Blick-auf-Guenter-Grass-/story/23643488" target="_blank">Max Frisch nannte in seinen Aufzeichnungen Grass&#8216; «Hang zur Publizität» eine «Sucht».</a> Grass hatte zwischen 1965 und 1972 offensiv Wahlkampf für den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Willy Brandt gemacht. Das in Schriftsteller- und Kritikerkreisen kursierende Vorurteil, dass unter einer zu starken Beschäftigung mit politischen Fragen die literarisch-ästhetische Kraft leide, sah Grass nicht (andere schon). Aber selbst Richter wurde mit der Zeit die Koordination der zahlreichen Erklärungen und Unterschriftensammlungen zu allen möglichen politischen Themenfeldern zu viel.</p>
<p>Heutzutage ist die öffentliche politische Positionierung des Schriftstellers nahezu Alltag geworden. Es vergeht kaum eine Sendung des fünfmal wöchentlich ausgestrahlten 3sat-Fernsehkulturmagazins «Kulturzeit» in der nicht politische Engagements von «Intellektuellen und Schriftstellern» (sic!) zu aktuellen politischen, ökonomischen, ökologischen und/oder sozialen Fragen publiziert und kommentiert werden. Wo sie vermeintlich fehlen, werden sie bisweilen angefordert. Der Schriftsteller als Aktivist – für die Menschenrechte, den Weltfrieden, die Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Klimaverträglichkeit, gegen Grosskonzerne, usw. Gerne wird in diesem Zusammenhang das hohe Lied auf die politische Literatur intoniert. Diese Sicht geht zuweilen bis in die Stockholmer Akademie, die alljährlich den Literaturnobelpreis vergibt.</p>
<p>Leicht vergessen wird dabei, dass das politische Engagement der Schriftsteller durchaus ambivalent gesehen werden muss. Es gab schreckliche Verirrungen. So begrüsste nahezu die gesamte künstlerische Avantgarde 1914 den beginnenden europäischen Krieg als notwendige Begradigung und «Reinigung» angeblich unfähiger Politik – unter ihnen auch Thomas Mann. Die junge Demokratie in Deutschland, die 1919 etabliert wurde, war auch bei denen eher unbeliebt und wurde hart kritisiert, die heute als hellsichtige Zeitgenossen gelten. Während des Schreckensregimes des Nationalsozialismus gingen Schriftsteller, die nicht exilieren konnten oder wollten, in die sogenannte innere Emigration; sie versuchten irgendwie durchzukommen. Aber es gab eben auch ideologische Sympathisanten für faschistische Ideen wie Ezra Pound, Knut Hamsun, Gottfried Benn oder Louis-Ferdinand Céline – die Liste liesse sich problemlos verlängern. Und auch auf der anderen politischen Seite gab es Irrende. Louis Aragon, Ernst Bloch, Lion Feuchtwanger und Jean-Paul Sartre verteidigten beispielsweise die Säuberungsaktionen Stalins und die Gulags als eine bittere Notwendigkeit um am Ende eine bessere Gesellschaft zu erschaffen.</p>
<p>Warum wird Schriftstellern a priori zugestanden, ein qualifizierteres politisches Urteil fällen zu können als die mit der Sache beschäftigten Fachleute oder der Durchschnittsbürger? Der journalistische (wie auch der akademische) Betrieb rekurriert normalerweise auf Fachleute mit entsprechenden Formalqualifikationen. Der Schriftsteller hingegen scheint ein universalistisches Expertentum zu besitzen, obwohl die Erfahrungen der Vergangenheit mitunter anderes zeigen. In der Zuweisung des Schriftstellers als eine Art «Universalgelehrter» lebt immer noch der Geniekult des 18. Jahrhunderts weiter.</p>
<p>In der vorliegenden Causa Bärfuss verblüfft, dass der Autor die «Direkte Demokratie» in der Schweiz ursächlich dafür verantwortlich macht, den «nationalen Karren […] so tief in den Dreck gefahren» zu haben, «dass keiner weiss, wie er jemals wieder befahrbaren Boden unter die Räder bekommen soll.» Wäre es nicht die genuine Aufgabe der Politik, auch mit vielleicht unpassenden oder unbequemen demokratisch zustande gekommenen Entscheidungen handlungsfähig zu bleiben? Bärfuss zieht dies nicht ins Kalkül, sondern suggeriert in seinen Äusserungen, das «Heiligtum» direkte Demokratie besser gleich abzuschaffen oder zumindest zu reglementieren. In Anlehnung an das berühmte Zitat Brechts, ob es nicht einfacher wäre, die Regierung löse das Volk auf und wählte sich ein neues könnte man Bärfuss&#8216; Interpretation dahingehend interpretieren, dass Abstimmungen und Wahlen immer nur noch dann abgehalten werden sollten, wenn sie die (von ihm) gewünschte Resultate erbringen.</p>
<p>Dem Wunsch von Künstlern und Intellektuellen nach einem politischen Engagement liegt eine starke, unterschwellige Sehnsucht nach Autorität und Unterordnung zu Grunde. Der Schriftsteller als Intellektueller wird dabei zu einer Art ausserparlamentarischer Rädelsführer stilisiert, der im Besitz der Wahrheit ist. Er betreibt Komplexitätsreduktion, postuliert extreme politische Positionen, wohl wissend, dass sie realpolitisch nicht umsetzbar sind. Die Legitimation wird durch die (imaginäre) vierte Gewalt der Journalisten erteilt, die seine Äusserungen veröffentlichen. So entwickeln sich publizistische Rollenspiele, die schnell zu Automatismen führen. In dem bereits erwähnten Tagebucheintrag Max Frischs zu Grass schreibt Frisch von «Staatsschriftsteller(n)» (gemeint ist neben Grass auch Heinrich Böll). So absurd diese Bezeichnung in Anbetracht der staats- und regierungsoppositionellen Stellungnahmen von Grass und Böll auf den ersten Blick anmutet (müsste man nicht eher von einem «Anti-Staatsschriftsteller» sprechen?), so stimmig erscheint diese Zuweisung bei der näheren Betrachtung: Die Rolle des «guten Gewissens der Nation», die den beiden im Laufe der Jahre zukam, hatte am Ende nahezu staatstragende Dimensionen: Solange solche Stimmen noch möglich waren, konnte es nicht ganz so schlecht mit dem Land stehen. Dass Frisch Jahre später ebenfalls in die Rolle als eine Art Schweizer Staatsschriftsteller gepresst wurde, entbehrt in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Komik.</p>
<p>Wie fragil die Rolle des Schriftstellers als «moralische Instanz» sein kann, zeigte sich 2006, als Grass gestand, 1944/45 als 17jähriger Soldat einer Einheit der Waffen-ss angehört zu haben. Weniger die Tatsache dieser Verirrung an sich schlug hohe Wellen, sondern dessen vermeintliches Verschweigen über mehr als 60 Jahre (enge Freunde sollen es gewusst haben). Dabei wurde ausser Acht gelassen, dass Grass&#8216; politische Stellungnahmen über Jahrzehnte hinweg nicht wahrer oder falscher dadurch waren, ob er nun diesen Teil seiner Biografie verschwiegen hatte oder nicht.</p>
<p>Aber wie sieht es eigentlich aus, wenn Schriftsteller politische Stellungnahmen abgeben, die mit dem Mainstream der Meinungsführer in den Redaktionen nicht übereinstimmen? Der Philosoph Peter Sloterdijk rekapitulierte 2009 über die Exzesse im französischen, stark moralistisch geprägten Kulturjournalismus: «Unübersehbar war die geistige Dekomposition während der letzten Jahre bei den nationweit ausgreifenden medialen Treibjagden auf vermeintliche Konvertiten oder Verräter der fortschrittlichen Sache, die man nach scheinmoralischen Schauprozessen auf der Place de Grève der öffentlichen Meinung hinzurichten versuchte.» Und über das deutsch(sprachig)e Feuilleton schrieb Sloterdijk damals: «Die Analogie zu den deutschen Skandalphänomenen der letzten anderthalb Jahrzehnte springt ins Auge – denn auch hierzulande konnte das dominante linksliberale Feuilleton seine zunehmende Weltfremdheit nur durch erhöhte moralische Aufgeregtheit kompensieren.»</p>
<p>Neben den Aufregungen zu seinem eigenen Text <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Regeln_f%C3%BCr_den_Menschenpark"target="_blank">«Regeln für den Menschenpark»</a> dachte Sloterdijk womöglich auch an die Auseinandersetzungen über Peter Handkes zwischen 1995 und 2006 entstandenen Jugoslawien-Texte, in denen er erzählerisch und essayistisch die Berichterstattung und die einseitigen Schuldzuweisungen der Medien in den Jugoslawienkriegen befragte. Wie wurden und werden die zuweilen sperrigen, konservativ-kritischen Einwände von Schriftstellern wie Botho Strauss, Sibylle Lewitscharoff oder Martin Walser abgehandelt? Bis auf wenige Ausnahmen wurden in den genannten Fällen die ansonsten so sehnsüchtig erwarteten Kommentare der Schriftsteller mit grossem rhetorischen Furor abgekanzelt. Man scheute dabei auch vor der Diffamierung des jeweiligen Autors ad personam nicht zurück. Das «Verbrechen», dass die Genannten begangen hatten: Ihre Äusserungen widersprachen der «richtigen» Gesinnung, dem Common Sense. Damit scheint der wichtigste Grund für den Wunsch des öffentlichen gesellschaftspolitischen Engagements des Intellektuellen gefunden: Es geht darum, die jeweils eigene politische Meinung bestätigt, ausformuliert, verstärkt und schliesslich beglaubigt zu finden. Oliver Zimmer, Professor für moderne europäische Geschichte an der University of Oxford, nennt dies in <a href="http://www.nzz.ch/feuilleton/im-wahrheitsrausch-1.18630955"target="_blank">seiner Replik zum Bärfuss-Text in der Neuen Zürcher Zeitung</a> die «jakobinische Position, die für Teile der Linken bis heute wegweisend geblieben ist. Sie geht davon aus, dass es zu zentralen Fragen immer nur zwei Sichtweisen geben kann: die wahre und die falsche. Die wahre ist stets nur einer relativ beschränkten Avantgarde zugänglich.»</p>
<p>Inzwischen gibt es zeitgenössische SchriftstellerInnen, die fast nur noch als Ein-Mann-NGOs (bzw. Ein-Frau-NGOs) wahrgenommen werden. Ihre literarischen Werke – falls überhaupt noch welche entstehen – treten hinter ihrer politischen Agitation nahezu in den Hintergrund. In Zeiten eines Journalismus, der sich mehr und mehr ebenfalls parteiisch und aktivistisch gibt und der den Namen des Journalisten als publizistische Marke setzt, wird der sich politisch eindeutig bekennende Schriftsteller von der Referenzgrösse zum Komplizen. Das Feuilleton wird sich sehr viel stärker auf die politische Bearbeitung von Ereignissen fokussieren. Literatur wird zunehmend als «l&#8217;art pour l&#8217;art», als Nebensache, subsumiert werden, sofern sie nicht eine «Botschaft» transportiert. Es muss natürlich unbedingt die «richtige» Botschaft sein.</p>
<p>Die beiden Zitate von Peter Sloterdijk stammen aus dem Buch «Theorie der Nachkriegszeiten», Suhrkamp Verlag, 2009, S. 44-45.</p>
<p><small>Der Autor hat u. a. ein Buch über Texte Peter Handkes zu Jugoslawien und die Rezeption hierauf in den Feuilletons verfasst: «&#8217;Der mit seinem Jugoslawien&#8216; – Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik», Ille &amp; Riemer, 2013/2015 <a href="http://www.amazon.de/mit-seinem-Jugoslawien-Spannungsfeld-Wissenschaft-ebook/dp/B010NAW5LI/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&amp;qid=1377275992&amp;sr=8-2"target="_blank">(auch als E-Book erhältlich)</a></small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/">Sehnsucht nach Autorität</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Endzeit im Treibhaus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Jul 2015 11:56:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Perlentaucher]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Literaturkritik heisst heute nur noch Querlesen und Abarbeiten – mit dem Ergebnis eines trivialen Literaturjournalismus, frei von Reflexion und Kritik. Darauf kann das Netz nur beschränkt reagieren, weil es auch Teil des Problems ist. Als wenig hilfreich erweist es sich zudem, wenn sich das vermeintlich Neue als das Alte entpuppt. Anmerkungen und Beobachtungen zur laufenden <a href="https://medienwoche.ch/2015/07/08/endzeit-im-treibhaus/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/07/08/endzeit-im-treibhaus/">Endzeit im Treibhaus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Literaturkritik heisst heute nur noch Querlesen und Abarbeiten – mit dem Ergebnis eines trivialen Literaturjournalismus, frei von Reflexion und Kritik. Darauf kann das Netz nur beschränkt reagieren, weil es auch Teil des Problems ist. Als wenig hilfreich erweist es sich zudem, wenn sich das vermeintlich Neue als das Alte entpuppt. Anmerkungen und Beobachtungen zur laufenden «Perlentaucher»-Debatte zur Zukunft der Kritik.<br />
<span id="more-25137"></span><br />
Am gleichen Tag als Wolfram Schütte in seinem Essay <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/ueber-die-zukunft-des-lesens.html" target="_blank">«Über die Zukunft des Lesens»</a> das Konzept einer neuen Literaturzeitung im Internet entwarf, erschien auf der Blog-Plattform medium.com ein Text in ziemlich grossen Buchstaben mit sehr grosszügigen Absätzen mit dem ernüchternden wie einleuchtenden Titel <a href="https://medium.com/deutsch/warum-k%C3%B6nnen-wir-nicht-mehr-lesen-ec2117d79a79" target="_blank">«Warum können wir nicht mehr lesen?»</a></p>
<p>Damit der Autor dieses Textes nicht ganz so alleine steht, hatte er sinnigerweise sofort ein «Wir» eingebaut. Also nicht nur er kann nicht mehr lesen, sondern gleich «wir» alle. Begründet wird diese Aussage mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Es geht dabei dann nicht mehr um Denkfaulheit oder Aufmerksamkeitsdefizite des Einzelnen, sondern gleichsam um ein gesamtgesellschaftliches Versagen. Nein, der Einzelne ist unschuldig. So erfolgt eine wohlige Entlastung und man kann sich beruhigt noch einen Latte Macchiato bestellen.</p>
<p>Was hat dieser selbstmitleidige Schmarren mit Schüttes hehrem Ansinnen zu tun? Schütte ist 75 Jahre alt, war 30 Jahre in der Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Rundschau tätig und ist auch heute noch Rezensent für das <a href="http://titel-kulturmagazin.net/" target="_blank">Titel-Kulturmagazin</a>, <a href="http://www.glanzundelend.de/startseite.htm" target="_blank">Glanz und Elend</a> und <a href="http://culturmag.de/" target="_blank">CULTurMAG</a>. Ein gefragter und kundiger Literaturkritiker. Aber es scheint als sei die Zeit als Milch und Honig flossen (und bei Raddatz der Champagner) endgültig vorbei. Die Bedeutung des Feuilletons und mit ihm der Literaturkritik schwindet.</p>
<p>Ohne sie direkt zu erwähnen, nimmt Schütte auch Bezug auf eine Anfang des Jahres durch den Verleger Jörg Sundermeier angestossene Debatte über den Verfall der Literaturkritik. Sundermeier griff in einem Interview mit dem Fachmagazin «Buchmarkt» frontal die <a href="http://www.buchmarkt.de/content/61191-joerg-sundermeier-die-literaturkritik-droht-uns-allein-zurueck-zu-lassen-.htm" target="_blank">Qualität der Kritik</a> an, bemängelte die fehlende «Haltung» der Kritiker und kam zu dem vernichtenden Urteil, dass «manche festangestellten Literaturkritiker … viel viel mehr über edle Schuhe oder gutes Essen sagen [können] als über die Qualität literarischer Texte.»</p>
<p>In den 1950er Jahre nannte der Schriftsteller Wolfgang Koeppen den Regierungsbetrieb der Bundesrepublik im kleinen Städtchen Bonn, das zur Hauptstadt ernannt wurde, <a href="http://www.dieterwunderlich.de/Koeppen_treibhaus.htm" target="_blank">als «Treibhaus»</a>. Gemeint waren damit sowohl die klimatischen Gegebenheiten im deutschen Rheintal als auch die Ghettoisierung der politischen Klasse. Den Begriff des «Treibhauses» könnte man auch auf den sogenannten Literaturbetrieb anwenden. Im Allgemeinen reagiert man dort auf solche Anschuldigungen mit der wirkungsvollsten Waffe, die man zur Verfügung hat: Man ignoriert sie zunächst, besonders wenn sie von ausserhalb des hermetischen Betriebs aufgebracht wird. Selbstreflexion ist eher nicht vorgesehen, sie stört das Tagesgeschäft. Ignoranz war bei Sundermeier, dem Inhaber des kleinen, aber ambitionierten «Verbrecher-Verlags» nicht möglich. Also entstand eine «Debatte», in der jedoch nur die Stimmen aus dem Betrieb selber Gewicht erhielten. Am Ende standen dann die erwarteten Resultate:</p>
<ol>
<li>Früher war es nicht besser (Hierarchieebenen in den Redaktionen)</li>
<li>Das Internet ist schuld, dieses <a href="http://www.buchwissenschaft.uni-mainz.de/fileadmin/Dokumente/Flyer_Kolloquium_2015.pdf" target="_blank">«Endlosgeplapper» (Sandra Kegel)</a> in Amazon-Kritiken und Blogs.</li>
<li>Es ist nicht alles gut in der zeitgenössischen Literaturkritik (homöopathische Selbstkritik), aber auch nicht so schlecht. Man beharrt auf seine <a href="http://www.literaturcafe.de/ijoma-mangold-im-gespraech-wozu-braucht-man-noch-literaturkritiker/" target="_blank">«Selektionsautorität» (Ijoma Mangold)</a>.</li>
</ol>
<p>Dass sich gut bezahlte Redakteure nach wie vor als die einzigen Instanzen sehen, ist nicht verwunderlich. Schade ist nur, dass sie dies nicht argumentativ untermauern, sondern im Behauptungsmodus verharren.</p>
<p>Tatsächlich ist der qualitative Niedergang der Literaturkritik ein schleichender Prozess. Der sprichwörtliche Frosch sitzt im Topf während das Wasser immer heisser wird und er nicht reagiert. Nicht anders ergeht es der Leserin, dem Schauer oder der Hörerin. So bleiben die Veränderungen nahezu unbemerkt. Es waren nicht Amazon &amp; Co. oder irgendwelche Blogger, die so gerne als die üblichen Verdächtigen herhalten müssen, die dies bewirkt haben. Es waren diejenigen, die in den Tempeln des Feuilletons prominente Plätze einnehmen bzw. eingenommen hatten, die zu einer Verwässerung dieses Genres beigetragen haben.</p>
<p>Marcel Reich-Ranicki bekannte einmal, dass sein Vorgänger in der Feuilletonleitung der FAZ, Karl Heinz Bohrer, das Ressort «mit dem Rücken zum Publikum redigiert» habe. Reich-Ranicki änderte dies in der FAZ und ging danach Ende der 1980er Jahre mit dem «Literarischen Quartett» ins Fernsehen. Dort hat er dann «das flächendeckend durchgesetzt, was als letzte Konsequenz wissenschaftlicher Fragestellungen standardisiert wurde: den mehrheitsfähigen Geschmack», wie der <a href="http://www.goethe.de/kue/lit/prj/lit/ess/deu/de7415191.htm" target="_blank">Literaturkritiker Helmut Böttiger</a> feststellt.</p>
<p>Lange Zeit war das Feuilleton als integraler Bestandteil einer Zeitung nicht der Quote, also einer messbaren Legitimation, unterworfen. Entweder man kaufte die Zeitung als Ganzes oder gar nicht. Mit den perfekten Aufmerksamkeits-Messmethoden im Internet, die zeigen, wie und wann ein Text angeklickt wurde, offenbarte sich plötzlich das Interesse der Rezipienten. Bei wenig nachgefragten Texten entsteht schnell ein Legitimationsproblem, was sich wiederum auf das Angebot auswirkt. Hinzu kommt die Abhängigkeit von den Werbeeinnahmen, die immer mehr zurückgehen. Im Mai 2013 diagnostizierte <a href="http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/ein-leben-nach-dem-papier-1.18079214" target="_blank">NZZ-Literaturredaktor Roman Bucheli</a>: «Redaktionen können, um es zugespitzt auszudrücken, genau jene Zeitung produzieren, die der Werbemarkt zulässt».</p>
<p>Die Tendenz geht auch in der Literaturkritik unverdrossen in Richtung kurzer, eingängier Texte, die dementsprechend journalistisch aufbereitet werden. Dies bedeutet: Krachende Überschrift, Inhaltsangabe, Referenzen wie dem Lebenslauf des Autors und/oder irgendeiner Interviewäusserung. Schliesslich gibt es noch eine «Meinung» die sich oft genug auf ausserliterarische Aspekte gründet. Reflexionen über die Sprache eines literarischen Textes oder dessen Form, also das, was man unter Ästhetik subsumieren kann, unterbleiben zumeist. Chefredakteure haben ausgemacht, dass dies den Leser überfordern würde. In vorauseilender Sorge darum «verschonen» sie das Publikum damit. Der Literaturkritiker, der sich diesem Sog in die Trivialität verweigert, wird weniger nachgefragt werden. Und so werden aus Literaturkritikern Literaturjournalisten, die Infotainment betreiben statt Kritik.</p>
<p>Zur qualitativen kommt die quantitative Krise. Thierry Chervel, Erfinder und Chefredaktor des «Perlentauchers», erregte Anfang des Jahres für Aufsehen, als er auch noch die Anzahl der in den Feuilletons besprochenen Bücher als stark rückläufig darstellte. <a href="http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/ein-leben-nach-dem-papier-1.18079214" target="_blank">Der «Perlentaucher»</a> ist eine Kultur- und Feuilletonpresseschau im Internet, der für die Kulturszene längst als nahezu unverzichtbar gilt. Er erscheint täglich ausser sonntags und fasst die Kultur-Berichterstattung in den Medien auf mehreren Ebenen zusammen. Gegen 9.00 Uhr erscheinen «Kulturrundschau» («Efeu») und eine «Debattenrundschau» («9-Punkt»). Den Kern der Analysen bilden die gängigen Tages- und Wochenzeitungen: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Tageszeitung, Frankfurter Rundschau, Welt, Tagesspiegel, die Zeit, der österreichische Standard, die NZZ. Seltener angesprochen werden auch Beiträge, die exklusiv nur in der Printausgabe verfügbar sind. Für Chervel gilt, dass ein Text, der nicht online steht, nicht existiert. Gegen Mittag wird der <a href="https://www.perlentaucher.de/medienticker/2015-07.html" target="_blank">«Medienticker»</a> zugeschaltet, der das Spektrum erweitert und neben medienkritischen Texten auch Rubriken wie «Literaturkritik im Netz» anbietet, auf der Beiträge jenseits der genannten Medien beispielsweise auf Rezensionsforen verlinkt werden. Daneben gibt es noch andere Übersichten, beispielsweise eine internationale Magazinschau oder Hinweise auf neue Kinoaufführungen. In der <a href="https://www.perlentaucher.de/teaserliste/2_Buecher.html" target="_blank">«Bücherschau»</a> werden Rezensionen zu literarischen Neuerscheinungen gesammelt, die jedoch ausschliesslich wieder aus den Mainstreammedien bestückt werden.</p>
<p>Chervel stellte fest, der Perlentaucher habe <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/kritik-im-netz-editorial.html" target="_blank">2001 4330 Kritiken</a> auswerten können, <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/kritik-im-netz-editorial.html" target="_blank">2014 jedoch nur noch 2200</a>. Michael Pilz hatte <a href="http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20272" target="_blank">daraufhin auf Literaturkritik.de</a> auf eine differenzierte Sicht auf diese Zahlen verwiesen. So pochte er einerseits auf den Unterschied zwischen Buchkritik und Literaturkritik und kam dann, nach Rekrutierung des Innsbrucker Zeitungsarchivs zur deutsch- und fremdsprachigen Literatur (IZA) am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck in Bezug auf die Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung und Welt auf andere, weniger dramatischere Zahlen, was die Belletristik-Kritik angeht. Demnach stieg der Anteil der Belletristik-Besprechungen bei der SZ zwischen 2001 und 2013 sogar leicht, während sie bei der Welt um rund 5%, bei der NZZ jedoch um fast 25% zurückgingen.</p>
<p>Dabei gibt es nicht nur weniger Raum (in den Zeitungen), sondern auch immer weniger Zeit. Es seien 400 Bücher gewesen, die man lesen musste, so Hubert Winkels einmal als Juryvorsitzender zum Leipziger Buchpreis. Berücksichtigt man, dass der Preis ein halbes Jahr deutschsprachige Neuerscheinungen spiegeln soll bedeutet dies, dass jeder Juror eigentlich diese 400 Bücher in 6 Monaten hätte lesen müssen. Das wären mehr als zwei Bücher pro Tag, wobei «Buch» ja sowohl ein Werk von 90 als auch 900 Seiten sein kann.</p>
<p>Sundermeier hatte in seiner Kritik der Kritik darauf hingewiesen, dass «ein Rezensent, der ein Buch von – sagen wir – 600 Seiten besprechen soll, das ihm auch intellektuell einiges abverlangt…für das Lesen und seinen Text, selbst dann, wenn er schnell ist, weitaus mehr als eine Woche» brauchen würde. «In dieser Zeit», so Sundermeier, «kann er aber zwei eher triviale Bücher lesen und besprechen oder sogar noch eine Homestory über einen Autor schreiben, inklusive Recherche, er kann also im selben Zeitraum dreimal mehr verdienen als er verdienen würde, bespräche er nur das eine dicke Buch.»</p>
<p>Anfang des Jahres bekannte Hubert Winkels <a href="https://www.klett-cotta.de/media/14/mr_2015_06_0061-0068_Knoerer_Literaturkolumne.pdf" target="_blank">auf einem Kritikersymposium</a> freimütig, im nächsten halben Jahr keine Zeit mehr zu haben. Er haste «von Moderationen zu Vorträgen, von den Jurysitzungen für den Preis der Leipziger Buchmesse zum nächsten Literaturfestival: im nächsten halben Jahr keine freie Minute. Zum Lesen und Denken und Schreiben kommt man dabei, wie er offen bekannte, eher nur zwischendurch.» Quasi «nebenbei» ist Winkels auch noch Redakteur und Moderator des «Büchermarktes» im Radiosender Deutschlandfunk. Man darf vielleicht schon einmal fragen, wie man dieses Pensum halbwegs seriös bewältigen kann? Liegt hier vielleicht die Crux in der Literaturkritik, die nur noch zum «Abarbeiten» der Programme der als bedeutend empfundenen Verlage kommt und sich am Ende mit Querlesen und Leseproben ein Urteil über ein Buch bilden muss? Sind es diese Literarjournalisten, die nicht mehr lesen können? Stellt man diese Frage im Betrieb erntet man häufig einen mitleidsvollen Blick.</p>
<p>Aber da kommt nun Wolfram Schütte und präsentiert im «Perlentaucher» ein neues Konzept, um die Literaturkritik zu retten (das ist nicht seine Formulierung, aber der Tenor). Das die Sache mehr ist als nur ein Gedankenspiel zeigt sich am Schütte brennt die Sache unter den Nägeln, wie sich am Arbeitstitel seines Projektes zeigt: «Fahrenheit 451». Dabei handelt es sich um<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrenheit_451" target="_blank"> einen dystopischen Roman von Ray Bradbury</a>. Er spielt in einer Gesellschaft, in der Bücher verboten sind und vernichtet werden (bei der Temperatur von 451 Grad Fahrenheit brennen die Bücher angeblich am besten). Ein paar Idealisten lernen nun heimlich Romane und Erzählungen der Weltliteratur auswendig. Der Roman entstammt aus den 1950er Jahren, einer Zeit, in der Literatur einen grossen gesellschaftlichen Stellenwert besass und durchaus auch als subversives Medium angesehen wurde.</p>
<p>Schütte möchte nun die Literatur und damit auch die Literaturkritik wieder in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken. Er beklagt die Atomisierung der Kritik im Netz, das sich nicht Auffindenlassen im allgemeinen Wirrwarr der <a href="http://www.lesestunden.de/toplist/" target="_blank">fast unzähligen Blogs</a> und Foren, die sich mehr oder weniger privatim mit Literatur beschäftigen. Diesem Gefühl mit Ratschlägen für <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/literaturkritik-ist-ueberall.html" target="_blank">einen Feedreader oder gar einem Workshop</a> für Lesetechniken im Internet zu kommen, greift fehl. Es ist ein grundlegendes Unbehagen bei Schütte spürbar. Wo es seinerzeit nur rund ein halbes Dutzend satisfaktionsfähiger Medien gab, hat sich diese Zahl heute vervielfacht. Nicht auszudenken, eine interessante Rezension auf Glanz und Elend, <a href="http://www.fixpoetry.com/" target="_blank">Fixpoetry</a>, <a href="http://literaturkritik.de/" target="_blank">Literaturkritik.de</a> oder einem Literaturblog zu verpassen. Dieses Unbehagen am zersplitterten Diskurs ausgerechnet im Dienstleistungsmedium Perlentaucher zu führen, ist zwar überraschend, aber legitim.</p>
<p>Schüttes Idee geht dahin, dass die wichtigen Verlage ihre bisherigen Online-Aktivitäten (die er, Schütte, etwas leichtfertig und unzutreffend «Blogs» nennt) bündeln und eine parallel zu findende, unabhängige Redaktion von drei bis fünf Personen ein Magazin für eine literarisch interessierte Öffentlichkeit produziert, in dem es von Rezensionen über Portraits, Gesprächen und Lesungen alles gibt, was das Literaturherz so begehrt. Diese Redaktion soll «journalistisch» agieren. Was Schütte nicht präzisiert, aber nicht ganz unwichtig ist: Soll es eine Bücherzeitung oder eine Literaturzeitung werden? Der Unterschied: eine Bücherzeitung wäre eher journalistisch-bunt, eine Art Yellow-Press des Literaturbetriebs, während eine Literaturzeitung ein intellektuell anspruchsvolleres Ziel verfolgen würde.</p>
<p>Zur Finanzierung schlägt Schütte neben der Werbung eine Art Stiftungsmodell vor, in dem alle «Mitspieler» des Betriebs vertreten sollen: Verleger, Lektoren, Verlagskaufleute, Kritiker, Börsenversand und Buchhandel und am Ende auch interessierte Leser. Man muss nicht unbedingt ein Prophet sein um zu befürchten, dass die Unabhängigkeit dieser Redaktion irgendwann an Grenzen stossen wird. Ähnliches übrigens beim Mäzenatentum, wie es andere Kommentatoren ins Spiel bringen. Und auch die Finanzierung durch Crowdfunding birgt Probleme. Hier droht die Erwartung, man «kaufe» sich für seinen Beitrag die «richtige» Gesinnung der Texte ein. Der angelsächsische Sportsgeist im Umgang mit abseitigen Urteilen ist im deutschsprachigen Raum eher weniger verbreitet.</p>
<p>Nun ist es ja nicht so, dass die deutschsprachige Print-Landschaft <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutschsprachiger_Literaturzeitschriften" target="_blank">keine ausgezeichneten</a> Literatur- bzw. Kulturzeitschriften kennt. Wobei deren Webpräsenzen zumeist absichtlich eher rudimentär ausgestattet sind. Es gilt immer noch das klassische Leseerlebnis. Also das, was «wir» (angeblich? oder doch tatsächlich?) immer weniger beherrschen. Wie soll also eine «Zeitung» im Netz die Kulturtechnik des Lesens neu beleben?</p>
<p>Machen wir…, nein: ich mache mir nichts vor (und lasse mich gerne eines Besseren belehren): Die komplexe Literaturkritik, wie sie übrigens immer schon die Ausnahme war (und immer noch die Ausnahme ist), wurde dem Leser, der Leserin in den letzten Jahren, sukzessive ausgetrieben. Derzeit beträgt die Aufmerksamkeitsspanne, die man dem Zuschauer «zumutet», im Fernsehen anderthalb Minuten, im Radio ist es glücklicherweise noch mehr. Mehr als drei DIN-A-4 Seiten sollte – so ein ungeschriebenes Gesetz – eine Literaturkritik nicht mehr sein. Die meisten sind längst kürzer. So wird sukzessive die Leserschaft entmündigt und erst das erzeugt, was man vorgibt zu verhindern: die Verflachung.</p>
<p>Auch gesellschaftlich hat die Literatur längst ihre Bedeutung eingebüsst. In den Schulen gilt sie als sperrig; es ist schlichtweg aus der Mode gekommen, Bücher jenseits des Fantasy-Genres zu lesen. Wer manchmal in Hilfeforen schaut, entdeckt entgeisterte Schüler, die ein Buch lesen sollen aber angeblich oder wirklich keinen Zugang finden. Der Projektleiter von «Handkeonline», auf der werkgenetische Daten zu Peter Handkes Schaffen für das Internet aufbereitet wurden, berichtete neulich von detaillierten Anfragen nach vorformulierten Texten sowohl von Schülern als auch Studenten über Teilaspekte eines Werkes des Dichters. Manchmal wurden auch Fristen genannt, bis zu denen man die Antworten erwartete; bei einigen pressierte es. Da passt es, dass <a href="http://www.zeit.de/campus/2015/03/ghostwriter-schattenwirtschaft-autobiographie-dissertation-hausarbeit/komplettansicht" target="_blank">der «Ghostwriter»</a> auch im akademischen Bereich immer mehr Interessenten findet, obwohl so etwas nicht gestattet ist. Aber der Betrieb ist hier erstaunlich flexibel, wie sich auch am Umgang mit Plagiaten zeigt, die zwar skandalisiert werden, aber binnen kurzer Zeit vergessen sind.</p>
<p>Im bereits erwähnten Artikel von Roman Bucheli aus dem Jahr 2013, der im Feuilleton nur sehr ungenügend rezipiert wurde (es gab nur eine ablehnende Stimme), wird eine Möglichkeit einer sich im Internet neu findenden Literaturkritik entwickelt. Er sieht im «ungeduldige[n] Leser» der digitalen Welt eine Chance und er kommt zu dem verblüffenden Schluss, dass die «Intoleranz gegenüber schwacher sprachlicher und inhaltlicher Profilierung» steige. Kritik im Netz muss «anders oder besser sein», sonst wird der Leser, so die These, einfach wegklicken. Bucheli stellt klar: «Das bedeutet für die Literaturkritik nicht, dass die Antwort nur Boulevardisierung heissen kann» und verkündet fast euphorisch: «Das Gegenteil trifft zu».</p>
<p>Aber hierfür sei es notwendig, mit einem «nachvollziehbaren und komplexen Kriterienkatalog Bücher zu bewerten» und nicht einfach nur «gedruckte Inhalte ins Netz zu stellen». Bucheli plädiert für eine «ins Essayistische ausgeweitete Literaturkritik, die immer zugleich das Besondere eines Werks wie das Allgemeine der Ästhetik und des kritischen Bewusstseins im Auge behält». So könnten sich im Netz Plattformen «kritisch-analytische[r] Kompetenz» entwickeln und die analoge Literaturkritik sozusagen fortschreiben. Denn das Netz hat keine Zeilenvorgaben, es ist sozusagen «offen».</p>
<p>So könnte das Internet als Möglichkeit zur Vertiefung von Inhalten dienen – eine Idee, die dem gängigen Bild des «oberflächlichen Netzes» diametral entgegensteht. Vielleicht wäre auch die Öffnung hin zur Literaturwissenschaft eine weitere Möglichkeit. Hierdurch könnte man wieder zu innerliterarischer Beschäftigung mit Texten finden. Aber die Literaturwissenschaftler müssten hierfür aus ihren zum Teil sehr hermetischen Elfenbeintürmen hinaustreten, ihre Texte eingängiger formulieren, ohne in Verflachungen zu verfallen. Und wie wäre es, wenn man gleichzeitig für den interessierten Laien eine Art Videokolleg mit Basiswissen über Literatur und Literaturkritik anbieten würde? Dass einem die Literatur in der Schule vergällt wurde, muss kein Urteil für die Ewigkeit sein.</p>
<p>Schütte wünscht sich eine Bündelung der literaturkritischen Aktivitäten im Netz an einer zentralen Stelle (der Redaktion), die den literarischen Diskursraum zusammenhält und dadurch sukzessive eine gewisse Meinungsführerschaft gewinnt. In einer Antwort auf Schütte in der «Perlentaucher»-Debatte schlägt der Chefredaktor der Literaturzeitschrift Merkur, Ekkehard Knörer, <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/tatsaechlich-ein-desiderat.html" target="_blank">ein Modell wie die Los Angeles Review of Books</a> vor, während Florian Kessler der Klage über die Vereinzelung der Blogs und Literaturseiten widerspricht und stattdessen die <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/die-vielfalt-preisen.html" target="_blank">Vielfalt preist</a> (die Schütte eigentlich gar nicht angegriffen hatte).</p>
<p>Schüttes Vorschläge sind aller Ehren wert. Wo andere nur klagen, bringt er Ideen. Aber der Unterschied zum gängigen Feuilleton verblasst immer mehr, je weiter er die Vorschläge ausbreitet. Eigentlich – um es polemisch zu sagen – soll alles so sein wie man es im «Betrieb» bisher auch kennt, inklusive der beteiligten Personen. Nur das Medium ist jetzt das Internet. Auch die meisten der <a href="https://www.perlentaucher.de/essay/perlentaucher-debatte-literaturkritik-im-netz.html" target="_blank">Antworttexte</a> und Kommentare gehen irgendwie stillschweigend von dem «Feuilleton-Wir» aus. Man stellt schon seine Teilnahme in Aussicht. Auf die Idee, dass sie, die im Treibhaus längst sitzen, diesmal vielleicht eher nicht gemeint sein könnten, kommen sie nicht.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/07/08/endzeit-im-treibhaus/">Endzeit im Treibhaus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>«Ich konnte bis 9 nicht lesen»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/01/14/ich-konnte-bis-9-nicht-lesen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Jan 2013 08:28:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturclub]]></category>
		<category><![CDATA[Rüdiger Safranski]]></category>
		<category><![CDATA[Stefan Zweifel]]></category>
		<category><![CDATA[SRF]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Elke Heidenreich]]></category>
		<category><![CDATA[Hildegard Keller]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit Herbst 2012 leitet Stefan Zweifel die Sendung «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. Im MEDIENWOCHE-Interview spricht der 45-jährige Journalist, Übersetzer und Philosoph über das Prekäre einer Live-Sendung, das Zeitalter der femininen Männer und wie er einmal beinahe Michel Houellebecq aus einem fahrenden Auto gestossen hätte. Führte er ein Medienunternehmen, liesse er den Autoren viel mehr Freiheit <a href="https://medienwoche.ch/2013/01/14/ich-konnte-bis-9-nicht-lesen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Seit Herbst 2012 leitet Stefan Zweifel die Sendung «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. Im MEDIENWOCHE-Interview spricht der 45-jährige Journalist, Übersetzer und Philosoph über das Prekäre einer Live-Sendung, das Zeitalter der femininen Männer und wie er einmal beinahe Michel Houellebecq aus einem fahrenden Auto gestossen hätte. Führte er ein Medienunternehmen, liesse er den Autoren viel mehr Freiheit – «so dass die Texte wirklich individuell sind, und auch aus dem Rahmen fallen».<br />
<span id="more-31154"></span><br />
<em>Freitagnachmittag, ich klingle an der Haustür, nichts passiert. Etwas später kommt ein älterer Herr heraus, ich gehe hinein, klingle an der Wohnungstür, nichts zu hören. Dann klopfe ich, Stefan Zweifel öffnet und fragt, wer ich sei. Wir haben doch einen Termin um 14 Uhr, sage ich, oh, ist das heute? Das Handy ist kaputt, die Termine verloren gegangen, wir verschieben den Termin auf den Montag. Drei Tage später sind um 14 Uhr die Türen geöffnet. Ich betrete ein aus Büchern bestehendes Wohnungsbüro mit einem Macbook Air auf dem Tisch. Zweifel sucht gerade nach einem Buch. Wir trinken Coca-Cola Light.</em></p>
<p><strong>Der erste Literaturclub unter Deiner Leitung bleibt mir als unschweizerisch exzentrisch und als fast schon ikonenhaft stilvoll in guter Erinnerung. Safranski krächzte aus dem Publikum (aufgrund einer Stimmbandentzündung), Keller hatte diese glamouröse Sonnenbrille auf (aufgrund einer Augenentzündung). Und Du trugst diesen babyblauen Anzug. Eine kurze Google-Bildersuche ergibt, dass Du mit Elvis, David Hasselhoff und Wayne Rooney in bester Gesellschaft bist. Wo hast Du den her?</strong><br />
Ich glaube, der wurde von der Stilberatung des Schweizer Fernsehens bevorzugt, vielleicht, weil ich auch blaue Augen habe. Vielleicht auch, weil ich eine etwas infantile Ader besitze, die man unterstreichen muss.</p>
<p><strong>Wie bist Du mit Deinen ersten Sendungen zufrieden?</strong><br />
Die erste Sendung hat mir sehr gefallen, weil sie so prekär war. In der Live-Sendung machte ich zweimal eine lange Schweigepause. Das wurde dann aber herausgeschnitten, weil ich das Schweigen, das ich selbst inszenierte, nicht so gut ausgehalten habe &#8211; die Bilder waren etwas hektisch, ich griff auch zur Cola, so war der Effekt nicht ganz der von mir beabsichtigte. An sich wird ja diese Sendung nicht geschnitten, es sei denn, jemand sagt einen Markennamen oder macht Werbung für eine politische Partei. Es ist live, und danach kann man nichts mehr daran ändern. Dieses leicht prekäre Abserbeln hat mir persönlich sehr gut gefallen. Ob es als Zeichen nach Aussen das Richtige war für eine erste Sendung, entzieht sich meinem Wissen.<br />
Über die zweite Sendung war ich enorm glücklich, fast schon euphorisch. In meiner Erinnerung war die Sendung harmonisch, aber auch spontan, ein Sachgespräch mit wenig vorbereiteten Pointen (das merkt der Zuschauer ja sofort, wenn jemand eine Pointe abliest). In der dritten Sendung ist dann Safranski dazugestossen, der ja wie ich einen philosophischen Hintergrund hat. Da muss ich aufpassen, bei der Literatur zu bleiben und nicht zu sehr auf philosophische Vorgaben von Safranski einzusteigen. Ich kam mir da teilweise intellektuell gehemmt vor.</p>
<p><strong>Die «Basler Zeitung» hat die «Zweifelhafte Bücher-Sendung» arg verrissen. Nach dem Urteil von Christine Richard hast Du weder «Auftrittsqualität noch persönliche Ausstrahlung».</strong><br />
Das ist natürlich schrecklich, debakulös. Es ist aber wahrscheinlich auch einfach etwas, das man hat oder nicht hat, offenbar hab ich es nicht. Es gibt aber schon Leute mit einem tollen Auftritt. Ich erinnere mich an einem Abend in der Zürcher Kronenhalle: Im Raum sassen Christoph Marthaler, Bruno Ganz, Daniel Schmid mit einem italienischen Filmstar, Günter Netzer, und dann kam jemand herein, und hat die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Boris Becker. Das war in meinen Live-Erlebnissen der beste Auftritt.<br />
Ich möchte eigentlich eine Moderation machen, die fast eine Nicht-Moderation ist. In der die Gruppe als intelligentes Tier eine höhere Intelligenz entwickelt als ich oder derjenige, der die Rolle des Moderators designt. Ich glaube, in der zweiten Sendung gab es solche Momente, in der wir als Gruppe sehr gut gedacht haben, und in der ich auch nicht mehr lenken musste. Ich möchte ja die Diskussion über ein Buch nicht mit einer pseudofrechen Frage beginnen. Vielmehr stelle ich mir einen gemeinsamen Spaziergang vor, den man macht durch verschiedene Bücher hindurch. Bei einem solchen Spaziergang kann es sein, wie bei jedem Spaziergang einer Familie, dass ein Kind etwas überstellig ist und das andere noch etwas kränkelt. Ideal ist, wenn man so zum Ziel kommt, ohne es zu merken.</p>
<p><strong>In der <a href="http://www.srf.ch/sendungen/literaturclub/illies-muschg-gasdanow-und-marcus">Sendung vom 20. November 2012</a> beherrschten, ganz anders als in den meisten Diskussionsrunden, zwei resolute Frauen zwei zurückhaltende Männer, sprachen oft dazwischen, liessen sie wenig zu Wort kommen.</strong><br />
Wir sind im Zeitalter der femininen Männer angelangt, die babyblaue Anzüge tragen, und das nächste Mal vielleicht einen rosaroten Pullover. Ich habe in der Sendung gar nicht so gemerkt, dass wir uns in Schweigeinseln bewegten als Männer, während draussen das Meer tobte.</p>
<p><strong>Unser Kritiker Lothar Struck stellte als «Achillesferse der neuen Besetzung» Elke Heidenreich fest &#8211; sie beherrsche die Runde mit Superlativen. <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/23/ein-lob-auf-den-literaturclub/">Er schrieb</a>: «Der Moderator wollte oder konnte der Phrasendreschmaschine (‹Männer haben Angst vor Lyrik›) oft nicht ausreichend Paroli bieten».</strong><br />
Ich glaube einen Satz wie «Männer haben Angst vor Lyrik» kann man einfach unkommentiert im Raum stehen lassen, weil er sich selbst vernichtet. Es ist aber natürlich so, dass Elke Heidenreich unglaublich originell ist und wahnsinnig schnell. Wenn sie mich unterbricht, ist mir das oft dienlich, sie wirkt dann wie ein Antrieb, ein Motor. Sie hat ja die Sendung vor zwanzig Jahren geleitet, und ich nahm an, sie sei inzwischen ruhiger geworden, doch weit gefehlt.</p>
<p><strong>Safranski hat Dich in der letzten Sendung gesiezt, Keller sprach Heidenreich mit «Elke» an. Wer ist mit wem per Du?</strong><br />
Es ist ein «Sie» mit Vornamen. Wenn wir uns alle duzen würden, was auch in der Realität nicht der Fall ist, hätte das etwas Kumpelhaftes, das die Zuschauer ausschliesst, denn die duze ich ja auch nicht.</p>
<p><strong>Wissen die Diskussionsteilnehmer schon im Voraus die Positionen der Anderen?</strong><br />
Nein. Man weiss nur, dass jemand, der ein Buch vorschlägt, dieses gut findet.</p>
<p><strong>In den 1990er-Jahren schriebst Du für die Weltwoche bürgerlich-ernsthaft über Theater, Musik, Literatur, Philosophie und Tanz. Um das Jahr 2000 kamen dann plötzlich andere Themen hoch: Drogen mit Rainald Goetz, Sex mit Michel Houellebecq, Rosa von Praunheim, Sartre und de Beauvoir. Was war passiert?</strong><br />
Da ist eigentlich nichts passiert, ich habe schon 1986 in der NZZ über Marquis de Sade geschrieben. Im Alter über 30 werden gewisse Sachen historisch, das Ausgehen zum Beispiel und die Partys. Da ist man vorher so nah drin, dass man gar nicht merkt, dass es ein Thema ist. Wenn man rausfällt, kommt man dann plötzlich drauf, dass es ein Thema ist.</p>
<p><strong>Als Leser grossen Spass hatte ich mit Deinem 2005 im «Magazin» publizierten Text «Houellebecqs Alptraum». Du verbrachtest drei Tage mit Michel Houellebecq im Ruhrpott und notiertest Dir dabei: «Fantasie, auf Autobahn Autotür aufzureissen und Autor sanft rauszukippen / wäre Erlösung für alle / und danach vielleicht gleich nachspringen».</strong><br />
Monsieur Schreckelbeck schlief gerade auf dem Vordersitz seinen Rausch aus, und da haben wir anderen im Auto wirklich kurz überlegt, den Sicherheitsgurt zu öffnen, und ihn ins Jenseits zu befördern.</p>
<p><strong>Stimmt denn alles, was im Text steht?</strong><br />
Ja, das stimmt alles. Sein Buch «Ausweitung der Kampfzone» finde ich ganz grossartig, «Elementarteilchen» auch, mit Vorbehalten, und danach werden die Vorbehalte immer grösser. Ich war ja da nicht als Literaturkritiker oder Übersetzer vor Ort, sondern als namenloser Dolmetscher. So konnte ich beobachten, wie jemand, den man als unkontrolliert betrachten würde, als exzessiven Rockstar, sehr stark nach Etikett geht. Wenn man Dolmetscher ist, dann ist man Dolmetscher. Mich hat sein Bewusstsein des Hierarchischen erschreckt, das Instinktive seines Machthungers überrascht.</p>
<p><strong>Warum erscheinen solche Texte heute kaum mehr in Schweizer Medien?</strong><br />
Es gibt überhaupt wenig Texte, die irgendwie aus dem Rahmen fallen. Was mich eigentlich verwundert, denn alle möchten ja Aufmerksamkeit erregen. Und anstatt über ein Buch zu schreiben, über das noch niemand geschrieben hat, schreiben immer alle über die gleichen. Sie haben die gleiche Pressemappe bekommen, lesen die gleichen «New Yorker» und Gott weiss was für andere englischsprachige Magazine. Ganz schlimm ist das im Filmjournalismus, wo die Stücke nur noch Endprodukte einer von weiter Hand geplanten Medienkampagne sind.</p>
<p><strong>Was sind die Alternativen?</strong><br />
Es gibt den Weg der kalkulierten Gegenposition zur herrschenden Meinung, wie ihn Roger Köppel teilweise begangen hat, doch das ist auch nicht wirklich interessant.<br />
Wenn ich ein Medienimperium führen würde, dann würde ich den Leuten viel mehr Freiheit einräumen, so dass die Texte wirklich individuell sind, und auch aus dem Rahmen fallen. Ich würde eine Gruppe von Autoren versammeln, die nicht unbedingt eine Meinung vertreten, sondern deren Blick auf die Dinge mich interessiert. Es braucht sicher ein paar Redaktoren, die mit solchen, schwierigen Leuten auch umgehen können, doch ich würde sie einfach schreiben lassen. So könnte man vielleicht wirklich etwas Aufsehen erregenderes machen, als das die Meisten tun. Wer konsequent auf Autoren setzt, sagt: Der Autor ist dann gut, wenn er so ist, wie er ist, und man lässt ihn frei. Das sind dann vielleicht Texte, die journalistisch völlig falsch aufgebaut sind, doch von einem Autor, wie vielleicht Niklaus Meienberg, der eine bestimmte Art hat, zu schreiben.<br />
Die Professionalisierung der Szene, die natürlich auf eine Uniformisierung hinausläuft, ist zu bedauern. Eine «unprofessionelle» Herangehensweise führt nämlich oft zu guten Ergebnissen. Kürzlich sprach ich am Burgtheater in Wien mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Seidl">Ulrich Seidl</a> und ich begann das Gespräch mit der Schilderung, wie ich am Morgen einen totalen Zusammenbruch hatte beim Duschen, Sachen herumwarf und den Duschvorhang zerreissen wollte, nachdem ich mir in drei Tagen zehn seiner Filme angeschaut hatte. Weil ich zeigte, wie stark mich diese Filme affiziert haben, ist es ein richtig gutes Gespräch geworden.</p>
<p><strong>Rolf Dobelli hat sich kürzlich als Nichtleser von News geoutet, er liest lieber Bücher.</strong><br />
Mein Zeitungskonsum beschränkt sich auf täglich 20 Minuten: ich schau mir den Kulturteil des Tages-Anzeigers an sowie in der NZZ das Ausland, die Wirtschaft, das Feuilleton und den Matchbericht des FCZ. Hinzu kommt das FAZ-Feuilleton und je nach dem sowas wie den «New Yorker» auf dem Handy.</p>
<p><strong>Wo hört Journalismus auf, wo fängt Literatur an?</strong><br />
Ich würde keine klare Grenze ziehen, es ist immer die grosse Frage von Regel und Freiheit. Die absolute Freiheit ist ja der Tod, also braucht man gewisse Regeln. Die Frage ist, ob es nicht auch Regeln gibt, die kreativ machen. Wenn die Regeln sehr gross sind, kann sehr viel kreative Freiheit entstehen, weil man die Regeln unterwandern, umlaufen muss, mit ihnen spielt. Die absolute Freiheit mit einem eigenen Text zu füllen, ist relativ schwierig, und auch eine falsche Vorstellung von Leuten. Die meisten Autoren, die schreiben, kennen die Regeln, mit denen Texte gebaut werden, recht genau, und wissen, was sie machen, ob sie wie Balzac oder wie Flaubert schreiben. Wenn man einfach drauflosschreibt, erhält man nicht selten einen langweiligen, unstrukturierten Text. Wiederum wird es rasch langweilig, wenn alles nach Regeln gemacht wird. Man muss immer wieder gegen sie verstossen.</p>
<p><strong>Wunderst Du Dich auch manchmal über die Gewichtung der Schweizer Medien? Die Skandalisierung von Figuren wie Blocher, Mörgeli, Rickli, Köppel, Somm oder Berlusconi füllt halbe Zeitungen.</strong><br />
Ich finde es fragwürdig, weil das ja alles Ablenkungsmanöver sind. Selbst wenn man diese Figuren angreift, ist es ja nicht das, was die Politik lenkt, dazu liest man besser die Wirtschaftsseiten der NZZ. Mir kommt es oft vor wie Scheingefechte mit Schiessbudenfiguren &#8211; ob die jetzt links oder rechts stehen, ist völlig egal. Die Leute haben dann das Gefühl, sie partizipieren an einem Diskurs oder an einem Entscheid, doch das sind ja nicht die Sachen, die wirklich wichtig sind. Es ist doch nicht wichtig, welche grossen Auftritte ein Blocher hat, sondern wen er empfängt in seinem Schloss an gewissen Abenden. Personalisierte Berichte lese ich eher nicht, lieber Hintergrundberichte.</p>
<p><strong>Mit 17 Jahren hast Du zusammen mit Michael Pfister begonnen, «Justine» und «Juliette» zu übersetzen, die Hauptwerke von Marquis de Sade. Ein doch eher ungewöhnliches Teenager-Hobby.</strong><br />
Das hatte damit zu tun, dass ich extrem schlecht in Französisch war. Jemand sagte mir, die beste Übung, um besser Französisch zu sprechen, sei es, einen Text auswendig zu lernen, später dann kam ich auf das Übersetzen. Einerseits ist 17 ein Alter, in dem das Sexuelle sehr interessant ist, die Pubertät. Andererseits ging es um eines der wenigen «absoluten» Werke der Weltliteratur, das noch nicht übersetzt war.</p>
<p><strong>Der ganz grosse Publikumshit des Jahres 2012 war doch «Fifty Shades of Grey» von E.L. James. Warum wurde das bisher nicht besprochen im Literaturclub? Weil es keine Literatur ist?</strong><br />
Ich hab noch nie im Leben ein Buch gelesen, was vom Handwerk her so schlecht ist. Wenn ich an den Kiosk gehe und einen Arztroman kaufe, ist der schon mal rein handwerklich besser geschrieben als dieses Buch. Mich erstaunt der Masochismus von Millionen von Lesern, sich diese Anti-Sprache über sich ergehen zu lassen, um dann im Gegenzug nicht mal erotische Stellen zu erhalten. Mehrfach ist im Buch von einer «beachtlichen Erektion» die Rede, was auch immer das sein soll, und immer wieder werden «glühende Blicke» ausgetauscht, einfach entsetzlich. Wir wollten es eigentlich in der ersten Sendung besprechen, doch dann kam es nicht dazu. Eigentlich müsste man die Leser vor der Lektüre bewahren.</p>
<p><strong>Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Dir aus?</strong><br />
Oft verbringe ich den Morgen mit meinem Kind, dann lese ich Zeitung und meistens bis Mittag ein erstes Buch.</p>
<p><strong>Wie schnell liest Du?</strong><br />
Etwa hundert Seiten pro Stunde, ich kann auch 800 Seiten in 8 Stunden lesen. An einem Tag schaffe ich so gut ein oder auch zwei Bücher. Bei schwierigen Romanen oder Philosophie muss ich natürlich langsamer lesen. Bücher, über die ich schreibe oder über die wir in der Sendung diskutieren, lese ich aber auch gerne ein zweites oder drittes Mal.</p>
<p><strong>Kann man das lernen?</strong><br />
Ich glaube, es ist ein Trauma, denn ich konnte bis 9 nicht lesen. Ich war an der freien Volksschule, wo man nicht lesen musste, wenn man nicht wollte, man konnte auch rechnen. Als ich in die dritte Klasse der normalen Schule kam, konnten alle lesen und schreiben, und ich natürlich nicht. In der vierten Klasse dann erhielt jener, der in einem Monat am meisten Bücher gelesen hatte, eine Belohnung von der Lehrerin &#8211; was für mich als Kind aus eher bescheidenen Verhältnissen durchaus ein Anreiz war. So lernte ich sehr schnell, pro Tag ein Buch zu lesen.</p>
<p><strong>Hat sich Dein Lesen mit dem Aufkommen des Internets verändert?</strong><br />
Ich lese nach wie vor meistens auf Papier. Das Suchen nach Sekundärliteratur hat sich sehr vereinfacht. Und fast alles aus dem 18. Jahrhundert ist auf dem Netz verfügbar. Es gibt eine Website, auf der alle Manuskriptseiten von Flauberts «Madame Bovary» verfügbar sind, das ist natürlich eine unglaubliche Erleichterung &#8211; wir mussten damals noch nach Paris reisen. Soziale Medien meide ich, weil ich fürchte, dass mich das süchtig machen würde.</p>
<p><strong>Drei Schweizer Intellektuelle unter 45?</strong><br />
Lukas Bärfuss, Michel Mettler, &#8230; &#8211; ich glaube, es ist symptomatisch, dass mir nicht sofort jemand Drittes einfällt. Könnte man Constantin Seibt als Intellektuellen bezeichnen?</p>
<p><strong>Ich würde sagen: Ja.</strong><br />
Also sagen wir Constantin Seibt.</p>
<p><strong>Drei Bücher aus den 2010er-Jahren, die man lesen muss?</strong><br />
«Die Parallelgeschichten» von Péter Nádas. Falls man gerne von Martin Suter «Die Zeit, die Zeit» gelesen hat, wäre es gut, von Tom McCarthy «8 1/2 Millionen» zu lesen, ein grossartiger Experimentalroman aus, sagen wir es mal sanft ausgedrückt, ähnlichen Motiven. Von 2009 zu empfehlen sind «2666» von Roberto Bolaño und «Unendlicher Spass» von David Foster Wallace.</p>
<p><strong>Ist das, was Du gerade machst, Dein Traumjob?</strong><br />
Ziemlich nah an einem Traumjob.</p>
<p><strong>Wann warst Du zuletzt Spazieren am Zürcher Bellevue?</strong><br />
Heute mittag.</p>
<p><strong>Das wundert mich, schriebst Du doch 2003 unter dem Titel «Wie die Ideale der 68er baden gehen» im Magazin, «das Flanieren vom Bellevue zum Zürichhorn» sei «für einen geschmacks- und vernunftbegabten Menschen unmöglich geworden.»</strong><br />
Im Winter geht das, da hat es weniger Menschen. Schlimm finde ich die totale Kapitalisierung jedes Laufmeters. Strassenkünstler, die früher ein Ereignis waren, bilden heute eine Stafette. Und dann dieser Zwang von jedem Individuum, dass es ganz speziell sein und sich verwirklichen muss. Das führt zu einer uniformierten Verschiedenheit, die in der Masse dann auch unangenehm wird.</p>
<p><small>Das Gespräch mit Stefan Zweifel wurde am 3. Dezember 2012 in Zürich geführt. Die Zuschauerzahlen des Literaturclubs waren die letzten Jahre auf tiefen Niveau bemerkenswert stabil: 66&#8217;000 (2010), 62&#8217;000 (2011), 69&#8217;000 (2012).</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/01/14/ich-konnte-bis-9-nicht-lesen/">«Ich konnte bis 9 nicht lesen»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Ein Lob auf den «Literaturclub»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/10/23/ein-lob-auf-den-literaturclub/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Oct 2012 08:56:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Cohn-Bendit]]></category>
		<category><![CDATA[Elke Heidenreich]]></category>
		<category><![CDATA[Iris Radisch]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturclub]]></category>
		<category><![CDATA[SF]]></category>
		<category><![CDATA[Schweizer Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[Stefan Zweifel]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Willemsen]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sie gehören zum Inventar öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme, die Literatursendungen. Im Vergleich mit seinen deutschen Pendants fällt dabei der «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SF seit je her positiv auf. Anstatt dem Feuilleton-Mainstream hinterherzulaufen, nehmen sich die «Club»-Kritiker regelmässig auch sperrige Stoffe vor. Mit Stefan Zweifel als neuem Gastgeber setzt SF auf Kontinuität. Vier Menschen reden 75 Minuten <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/23/ein-lob-auf-den-literaturclub/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Sie gehören zum Inventar öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme, die Literatursendungen. Im Vergleich mit seinen deutschen Pendants fällt dabei der «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SF seit je her positiv auf. Anstatt dem Feuilleton-Mainstream hinterherzulaufen, nehmen sich die «Club»-Kritiker regelmässig auch sperrige Stoffe vor. Mit Stefan Zweifel als neuem Gastgeber setzt SF auf Kontinuität.<br />
<span id="more-11005"></span><br />
Vier Menschen reden 75 Minuten über vier, fünf zumeist neu erschienene Bücher: 1990 wurde innerhalb der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Club_(Fernsehsendung)" target="_blank">«Club»-Sendungsreihe</a> der «Literaturclub» im Schweizer Fernsehen eingerichtet. Nicht nur von Ferne grüsste das «Literarische Quartett» vom ZDF das gegen jede Erwartung zu einem Erfolg (was zumeist bedeutet: Quotenerfolg) wurde, was insbesondere durch den polternden Marcel Reich-Ranicki erklärbar war.</p>
<p>Im Gegensatz zum Quartett, in dem zunächst alle vier, später dann drei Mitglieder einen Stamm bildeten (hinzu kam dann ein Gast), hatte sich das Schweizer Fernsehen für ein rollierendes System von fünf, sechs Kritikern unter einem festen Moderator entschieden. Später ging man dann dazu über, einen Gast zu integrieren. Es gab zwar einen Moderator, aber keinen Zirkusdirektor wie Reich-Ranicki; die zuweilen klamaukhaften Szenen des Quartetts unterblieben glücklicherweise. Dies führte dazu, dass die Gespräche zumeist Substantieller und stärker am jeweiligen Buch orientiert geführt wurden (Lyrik und dramatische Texte wurden höchstens in den «Tips» berücksichtigt; Besprechungen über Sachbücher blieben die Ausnahme).</p>
<p>Die Literaturkritik im Fernsehen schien in den 1990er Jahren in der Annäherung an das Talkshow-Wesen ihre neue Form gefunden zu haben. Vorher fanden zumeist nur lange dialogische Gespräche mit Autoren statt. Das Kathederhafte des Zeitungsfeuilletons war eh nie die Sache des Fernsehens. Jetzt sass man in einer Runde und diskutierte und dies unter Umständen auch kontrovers. Unterschiede gab es nur dahingehend ob gegebenenfalls mit (wie weiland Martin Lüdke in «Literatur im Foyer») oder ohne Autoren («Quartett»). Eine kreative Ausnahme bildete zwischen 1998 und 2002 eine 60minütige Sendung, die sich an der <a href="http://www.swr.de/bestenliste" target="_blank">«Bestenliste» des Südwestrundfunks</a> orientierte. Hier vergeben Kritiker allmonatlich Bewertungspunkte für neu erschienene Bücher. So entsteht eine Liste, die neben aktuellen Romanen und Erzählungen auch Lyrik, Sach- und Tagebücher, aber auch Neueditionen und Neuübersetzungen von Klassikern enthalten kann. In jeder Sendung wurden vom Moderator (Hubert Winkels) einige dieser Bücher vollkommen unprätentiös und in unterschiedlicher Form vorgestellt, sei es als Autorengespräch, kurzer Lesung, Kritikergespräch, engagierter Pro- und Contra-Rede oder einfach nur einem einführenden Film. So wurden die Bücher entsprechend ihrer Charakteristik präsentiert, wobei auch literaturkritische Wertungen vorgenommen werden konnten und wurden. Die Sendung war jedoch leider aufgrund des Sendetermins (entweder spät in der Nacht oder &#8211; auf 3sat &#8211; sonntags gegen 11 Uhr) dem schleichenden Untergang geweiht (dass sie sich vier Jahre gehalten hatte, muss als Erfolg gelten). Sie besteht als Diskussionsrunde noch im Radio fort.</p>
<p>Als das ZDF-Quartett auf dem Höhepunkt stand, wurde der «Literaturclub» zunächst von Elke Heidenreich und vor allem zwischen 1995 und 2003 von Daniel Cohn-Bendit moderiert (bis auf ein kleines Intermezzo 1999 von Jürg Acklin). Das Kritikerteam bestand u. a. aus Andreas Isenschmid, Hardy Ruoss, Iso Camartin, Peter Hamm, Gunhild Kübler und Gabriele von Arnim &#8211; durchgängig arrivierte und bekannte Kritiker. Die Moderation von Cohn-Bendit, der als Politiker keine direkten Berührungspunkte mit Literatur hatte, tat der Sendung gut. Die Gegensätze zwischen dem apodiktischen Quartett und dem eher offenen Literaturclub mit seinem suchenden Moderator, der sich zuweilen heillos verirrte und von seinen Kritikerfreunden «eingefangen» wurde, hätten nicht grösser sein können. So mutete Cohn-Bendit dem Team u. a. auch die Lektüre von <a href="http://www.welt.de/print-welt/article392070/Der-Literaturpapst.html" target="_blank">Susanna Tamaros «Geh, wohin dein Herz dich trägt»</a> zu oder organisierte nach dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft durch das französische Team einen Spezial-Literaturclub über Fussball und Frankreich.</p>
<p>Auf Cohn-Bendit folgte Roger Willemsen, der auf gediegenes Mobiliar nebst Stehlampen setzte und zu häufig durch intellektuell brillante aber schwer verständliche Monologe auffiel. Knapp zwei Jahre später übernahm Iris Radisch, Literaturkritikerin der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und eine Mitstreiterin aus dem zwischenzeitlich eingestellten ZDF-Quartett, die Sendung. Das Team veränderte und verjüngte sich fast unmerklich. Stefan Zweifel, Corinna Caduff und Urs Steiner rückten nach, Isenschmid und Ruoss hörten auf. 2010 versuchte man aufgrund sinkender Zuschauerzahlen noch einmal so etwas wie einen Befreiungsschlag. Das bedeutete jedoch nicht, den jahrelang gepflegten 3sat-Ausstrahlungstermin sonntags vormittags (es beginnt meist zwischen 10.00 und 10.45 Uhr) zu verändern. Bloss nicht attraktiv werden! Man wechselte den Ort der Ausstrahlung, bastelte am Interieur, redete jetzt im Stehen und verjüngte sich nochmals mit Traudl Bünger und Juri Steiner, die sich mit Stefan Zweifel, Barbara Villiger Heilig und Altmeister Peter Hamm abwechselten. Die Bücher wurden nicht mehr von einem Diskutanten vorgestellt, sondern es gab Einführungsfilme und ab und an eine kurze Lesung aus einem Buch. Leider sank gelegentlich die Qualität der Kritik, was Iris Radisch trotz grossen Einsatzes nicht immer verbergen konnte. So mag es zur Promotion in Germanistik inzwischen nicht mehr zwingend notwendig sein, Heinrich von Kleist gelesen zu haben, ob dies jedoch im Rahmen eines Kritikerteams als Petitesse abgetan werden kann, darf man bezweifeln. Der Club drohte in das Fahrwasser allzu oberflächlicher Rezeption zu verfallen, da man in vorauseilendem Gehorsam dem potentiellen Fernsehzuschauer möglichst wenig zumuten wollte – ohne ihn hierzu überhaupt befragt zu haben. Statt literarischer Kritik wurden zunehmend Geschmacksurteile abgegeben.</p>
<p>Den Rücktritt Radischs im Sommer dieses Jahres (nach fast sechs Jahren) verband man mit erneuten, sanften Veränderungen. Moderator ist nun Stefan Zweifel, der mit einem festen Team (Hildegard E. Keller, dem durch das abgesetzte «Philosophische Quartett» freigewordenen Rüdiger Safranski und Elke Heidenreich) diskutieren soll. Zweifels Nervosität bei <a href="http://www.videoportal.sf.tv/video?id=fa32f650-8a17-442f-a76b-8c4068a9993ctarget=">seiner Premiere am 18. September</a> war spürbar und die Achillesverse der neuen Besetzung zeigte sich unfreiwillig bereits bei der Vorstellung von Elke Heidenreich, die er mit einer gewissen Ehrfurcht und «ein bisschen ängstlich» als ehemalige Moderatorin des «Literaturclubs» («habe ich immer geguckt»), die inzwischen «viele Abenteuer hinter sich gebracht» habe, vorstellte.</p>
<p>Heidenreich hatte 2003 im ZDF eine halbstündige Sendung mit dem apodiktischen Titel <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Lesen!target=">«Lesen!»</a> begonnen. Die Sendung bestritt sie alleine, lediglich gegen Ende durfte ein Prominenter ebenfalls ein Buch vorstellen. Heidenreichs persönliche Sympathien wurden zum alleinigen Massstab. Ästhetische Kriterien wurden, wenn überhaupt, nur noch als gesinnungsästhetische Urteile herangezogen, d. h. das jeweilige Buch wird im Zusammenhang mit der Person und der Moral des Autors bewertet und in Übereinstimmung mit dem eigenen Weltbild gebracht. Da Heidenreich sich als Lese-Missionarin verstand (und versteht), wurde fast ausschliesslich gelobt. Die Superlative dröhnten. Als die Sendung infolge eines vermeintlich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Elke_Heidenreich#Kontroverse_um_Programmqualit.C3.A4t_und_Absetzung_von_.E2.80.9ELesen.21.E2.80.9C target=">illoyalen Verhaltens Heidenreichs dem ZDF gegenüber 2008</a> eingestellt wurde, <a href="http://www.zeit.de/2008/45/Glosse-Littarget=">bemerkte Christof Siemes süffisant, «Lesen!» sei zur «kostenlosen Werbesendung» für die Verlage geworden</a>. Heidenreich führte das Format noch einige Monate im Internet weiter, gab dann jedoch nach stetig sinkendem Zuschauerzuspruch auf; das Fernsehpublikum war nicht auf die Internetplattform umzustellen gewesen.</p>
<p>Zwar wurde Zweifels rhetorische Ergebenheitsadresse mit einem schnodderigen «Ach was» weggewischt, aber die beiden bisherigen Sendungen lassen deutlich erkennen, dass der forsch vorgetragene «Brigitte»-Feuilletonismus Heidenreichs, der jegliche ernsthafte Aussprache über Literatur niederwalzt, zum Problem werden wird. Denn von der Rolle der alles bestimmenden Literaturbelehrerin hat sie sich nicht verabschiedet. Als in der Diskussion um Richard Fords «Kanada» Stefan Zweifel anmerkte, dass das englischsprachige Original wesentlich umfangreicher sei als die deutsche Übersetzung und bei einer Überprüfung grosse Auslassungen und sogar Fehler feststellte, fiel Heidenreich nichts anderes als ein «aber es liest sich gut» ein und schuhriegelte den Moderator mit dem Wortspiel «Sie Zweifler, Sie». Nun ist Stefan Zweifel selbst ein renommierter und sehr erfahrener Übersetzer (de Sade; Boris Vian) und weiss, wovon er redet. Daher hätte ich hierzu gerne Genaueres über die ausgelassenen Stellen und die übertriebene Eile, mit der Verlage Übersetzungen in Auftrag geben, erfahren.</p>
<p>Diese Szene zeigt exemplarisch das Problem einer solchen Sendung: Der Hang einer Person zur übertriebenen Selbstdarstellung, die sich jenseits dessen bewegt, worum es eigentlich geht, also das gerade zu besprechende Buch. Hinzu kommt das zumeist mit Superlativen versetzte Vokabular Heidenreichs. Dahinter steckt womöglich eine signifikante Geringschätzung des Publikums, welches nur auf Schlagworte dressiert werden soll. Da ist etwas «sensationell gut», gefällt «wahnsinnig» oder jemand schreibt «besser als Joyce». Albert Cohens Buch «Die Schöne des Herren» wird dann das «schönste Buch, das ich jemals gelesen habe». Die Figur in Emmanuel Carrères Buch «Limonow» bezeichnet Heidenreich als «Kotzbrocken» und «Arschloch», findet dann doch ein gewisses Vergnügen daran «wie der das hinkriegt», um dann den Hinweis anzubringen, dass im Buch ein «Kleinkrimineller hochgeschrieben» wird und mahnt mit einem mütterlichen «Vorsicht Jungs» vor einer «gefährlichen Lektüre». Immer wieder verallgemeinert sie ihre Eindrücke, in dem sie mit einem «wir» ungefragt für die anderen Teilnehmer spricht. Bisweilen wird sie zur Moderatorin, «verzeiht» Rainer Moritz seinen Buchvorschlag und mahnt Stefan Zweifel, endlich damit «aufzuhören» französische Bücher im Original zu lesen. Beide Herangehensweisen &#8211; der schnell zum stumpfen Messer werdende, permanent gesetzte Superlativ einerseits und die subjektiv-moralisierende Lesart von Literatur, die am Ende nur noch einem festgefügten Weltbild verpflichtet ist &#8211; ist nicht sehr weit entfernt von dem, was man salopp formuliert als den Kitsch eines Kritikers nennen könnte.</p>
<p>Der Moderator wollte oder konnte der Phrasendreschmaschine («Männer haben Angst vor Lyrik») oft nicht ausreichend Paroli bieten; ein Weiterreden wie er und Rainer Moritz es <a href="http://www.videoportal.sf.tv/video?id=40dba006-9e0e-4920-be09-2dd86c6e1166target=">in der Oktober-Sendung</a> teilweise praktizieren, hilft nicht weiter. Vollkommen unterzugehen droht die eher bedächtige Hildegard Keller. Insofern vermisste man den wegen einer Stimmbanderkrankung in beiden Sendungen fehlenden Rüdiger Safranski, der nur im September krächzend <a href="http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/b/bohrer-granatsplitter.htmtarget=">Bohrers «Granatsplitter»</a> als Tip vorstellte. Er wurde zwar durch Rainer Moritz fachlich sehr gut vertreten, aber einen Komplizen zum Moderator braucht es unbedingt.</p>
<p>Nicht unwichtig für die Sendung ist auch die Auswahl der Bücher. Der «Literaturclub» zeichnete sich vor allem darin aus, dem üblichen Feuilleton-Mainstream nicht blind hinterherzulaufen. Zwar wurden durchaus die gängigen Amerikaner wie auch gelegentlich Walser und Grass und auch kontrovers diskutierte Bücher wie «Die Wohlgesinnten» oder das Harry-Potter-Phänomen diskutiert. Aber es gab auch immer Hinweise auf weitgehend Unbekanntes, neu zu Entdeckendes. Muss man wirklich das in nahezu jedem Feuilleton ausgiebig besprochene «Kanada» von Richard Ford oder, noch fragwürdiger (würdig zu fragen), das gehypte Buch von J. K. Rowling («Ein plötzlicher Todesfall») präsentieren? Ist dies notwendig, um auch denen, die die Radio- und Zeitungsfeuilletons nicht kennen, diese Bücher vorzustellen? Oder sollte man vielleicht weniger «Betrieb» wagen?</p>
<p>Die Sache ist durchaus Ernst. Auf anderen Kanälen geht man mehr und mehr dazu über, sich bei Autoren durch servil gestaltete Interviews in extraordinär gestalteter Dekoration wie beispielsweise auf <a href="http://dasblauesofa.zdf.de/target=">blauen Sofas</a> einzuschmeicheln. Vernebelt wird diese zuweilen turtelnde Distanzlosigkeit bei <a href="http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/index.htmltarget=">«Druckfrisch» mit Denis Scheck</a> lediglich in der sogenannten Besprechung der «Spiegel»-Beststellerliste, deren publikumswirksamer Effekt vor allem darin besteht, ob der Kritiker das Buch nach rund dreissigsekündigem Urteilsspruch nun auf einen Stapel legt («gutes» Buch) oder in hohem Bogen über ein Förderband in einen Mülleimer befördert («schlechtes» Buch). Mit sichtlichem Vergnügen würzt Scheck seine Ausführungen mit einer Prise bildungsbürgerlich-hochnäsigen Skeptizismus dem Massengeschmack gegenüber.</p>
<p>Abgesehen von gelegentlichen Kritikergesprächen in der 3sat-Sendung «Kulturzeit» ist der «Literaturclub» in puncto anspruchsvoller Literaturkritik im deutschsprachigen Fernsehen fast singulär. Mit Stefan Zweifel als Moderator hat man die Voraussetzungen geschaffen, das Niveau zu erhalten. Die Bewährung für die Runde steht noch aus, weil Rüdiger Safranski bisher noch nicht eingreifen konnte. Ich hoffe, dass es dann die notwendigen gruppendynamischen Prozesse geben wird. Es wäre schade, wenn mit dem «Literaturclub» die letzte Bastion anspruchsvoller Literaturkritik im Fernsehen verschwinden würde.</p>
<p><small>Vom Autor ist kürzlich erschienen: <a href="http://www.ilri.de/ilri-bibliothek-wissenschaft/lothar-struck-handke/" target="_blank">«Der mit seinem Jugoslawien»</a> über Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik.  Verlag Ille &amp; Riemer, Leipzig/Weissenfels 2012.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/23/ein-lob-auf-den-literaturclub/">Ein Lob auf den «Literaturclub»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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