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	<title>Lukas Bärfuss | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Opa Köbi, Lukas Bärfuss, Marc Walder</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 16 Jan 2021 09:32:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>The Good – Opa Köbi sagt es freundlich, aber bestimmt Dafür, dass die Corona-Berichterstattung in einer gewissen Berechenbarkeit und Routine erstarrt ist, können die Redaktionen nichts. Das liegt in der Natur einer ausserordentlichen Lage. Dennoch kann es einem niemanden verübeln, wenn man nach Alternativen sucht. Und sie auch findet. Opa Köbi tauchte aus dem Nichts <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/16/opa-koebi-lukas-baerfuss-marc-walder/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-85007" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Good-Bad-Ugly-20210116b.jpg" alt="" width="1456" height="488" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Good-Bad-Ugly-20210116b.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Good-Bad-Ugly-20210116b-300x101.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Good-Bad-Ugly-20210116b-768x257.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Good-Bad-Ugly-20210116b-1024x343.jpg 1024w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /></p>
<h3>The Good – Opa Köbi sagt es freundlich, aber bestimmt</h3>
<p>Dafür, dass die Corona-Berichterstattung in einer gewissen Berechenbarkeit und Routine erstarrt ist, können die Redaktionen nichts. Das liegt in der Natur einer ausserordentlichen Lage. Dennoch kann es einem niemanden verübeln, wenn man nach Alternativen sucht. Und sie auch findet.</p>
<p><a href="https://opakoebi.medium.com/" target="_blank" rel="noopener">Opa Köbi</a> tauchte aus dem Nichts auf. Und war immer wieder in meiner Twitter-Timeline. Der Anonymus (oder ist es eine Anonyma?) positioniert sich als Massnahmenbefürworter, aber genauso als Behörden- und Medienkritiker. Was ihn zuerst auszeichnet: Opa Köbi pflegt in seinem Blog einen gesitteten Ton, und hält nicht alle für Trottel, die nicht seiner Meinung sind.</p>
<p>Seit Mitte November notiert Opa Köbi auf Medium.com und Twitter seine Beobachtungen zur Pandemiebewältigung. Anlass zu seiner publizistischen Aktivität gab vermutlich der <a href="https://opakoebi.medium.com/unerh%C3%B6rt-ja-unerh%C3%B6rt-irref%C3%BChrend-79a7d1206fab" target="_blank" rel="noopener">Dokumentarfilm «Unerhört!»</a> des ehemaligen SRF-Moderators Reto Brennwald. In seinem ersten Beitrag listet Opa Köbi zehn «faktische Aussagen» aus dem Film auf, «die klar irreführend sind».</p>
<p>Und kürzlich ging es wieder um <a href="https://opakoebi.medium.com/was-unterdessen-jeder-%C3%BCber-covid-19-wissen-sollte-5c7bb7061155" target="_blank" rel="noopener">Reto Brennwald</a>, diesmal in dessen Rolle als Moderator einer Diskussionsrunde am Fernsehen. Wo andere auf der Inkompetenz der Teilnehmenden herumgeritten wären, nimmt Opa Köbi die Sendung zum Anlass, ein paar gesicherte Fakten zu Covid-19 zu wiederholen.</p>
<p>Mit seinem sachlichen Stil wird Opa Köbi in seiner Blog-Nische bleiben. Aber er zeigt auch, dass es Alternativen zu den selbsternannten «Alternativmedien» gibt.</p>
<h3>The Bad – Bärfuss und die Sargnägel</h3>
<p>Vom Sturm aufs Kapitol bis zu den letzten Sargnägeln für die SRG dauert es bei der Lektüre von Lukas Bärfuss nur zwei Minuten. Im <a href="https://www.blick.ch/meinung/kolumnen/lukas-baerfuss-ueber-den-sturm-aufs-kapitol-das-falsche-staunen-id16283071.html" target="_blank" rel="noopener">«Sonntagsblick»</a> veröffentlichte der Schriftsteller einen Essay zu den erschütternden Vorgängen in Washington. Darin betont Bärfuss die Bedeutung von unabhängigen Medien für eine funktionierende Demokratie, ob in den USA oder in der Schweiz.</p>
<p>Soweit so richtig (und wichtig). Doch was folgt, zeugt von einem eigenartigen Verständnis der schweizerischen Medienpolitik. So will Bärfuss beobachtet haben, dass das Parlament in Bern «eifrig die letzten Sargnägel» für den öffentlichen Rundfunk schmiede.</p>
<p>Wenn es in den letzten Jahren einen Sargnagel gegeben hatte, dann war das die «No Billag»-Initiative. Dass sie abgeschmettert wurde, wissen alle. Dass die SRG den Rückenwind nicht genutzt hat, den ihr das starke Votum der Stimmberechtigten mitgegeben hatte, liegt nicht an der Politik, sondern an der SRG selbst.</p>
<p>Wenn Bärfuss in einer <a href="https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20204671" target="_blank" rel="noopener">Motion</a>, die die SRG einer regelmässigen Prüfung durch die Eidgenössische Finanzkontrolle unterstellen will, einen Sargnagel erkennt, verkennt er die medienpolitische Realität. Es ist gerade im Sinne eines starken Service public, dass die öffentlichen Mittel, welche die SRG milliardenweise erhält, nicht in überdimensionierte Immobilien- und Software-Projekte verlocht werden. Sie sollen ins Programm, also in den Journalismus, fliessen. Auch und gerade darum haben linke Politikerinnen die Motion mitunterzeichnet. Und nicht, weil sie nützliche Idioten der SRG-Abschaffer sind, wie es Bärfuss darstellt.</p>
<h3>The Ugly – Ringier im Abstimmungskampf</h3>
<p>Besondere Umstände erfordern besondere Massnahmen. Da die geplante Einführung einer elektronischen Identität auf politischen <a href="https://www.e-id-referendum.ch/" target="_blank" rel="noopener">Widerstand stösst</a>, ziehen die Fürsprecher des neuen Gesetzes im Vorfeld der Abstimmung vom 7. März 2021 alle Register. Dazu gehört auch politisches Native Advertising; also Abstimmungspropaganda, im Kleid eines redaktionellen Beitrags.</p>
<p>Auf <a href="https://www.blick.ch/digital/abstimmung-zum-e-id-gesetz-darum-brauchen-wir-eine-elektronische-identitaet-id16253275.html" target="_blank" rel="noopener">blick.ch</a>, <a href="https://www.schweizer-illustrierte.ch/people/native-advertising/e-id-darum-brauchen-wir-eine-elektronische-identitat" target="_blank" rel="noopener">schweizer-illustrierte.ch</a> und <a href="https://www.bluewin.ch/de/campaign/darum-brauchen-wir-eine-elektronische-identitaet-531038.html" target="_blank" rel="noopener">bluewin.ch</a> steht seit gestern ein Artikel mit dem unverfänglichen Titel «Darum brauchen wir eine elektronische Identität», der die Vorzüge einer E-ID anpreist. Um den Schein redaktioneller Berichterstattung zu wahren, steht die Abstimmungsempfehlung in einer Textbox innerhalb des Artikels. Anstelle der Autorinnenzeile heisst es: «In Kooperation mit digitalswitzerland». Eine weitere Kennzeichnung als Polit-Werbung fehlt.</p>
<p>Dass das grenzwertige Werbeformat in Publikationen von Ringier und Swisscom auftaucht, ist kein Zufall. Sind doch die beiden Unternehmen Teil der Allianz <a href="https://digitalswitzerland.com/" target="_blank" rel="noopener">digitalswitzerland</a>, die Ringier-Chef Marc Walder 2013 ins Leben gerufen hatte und die sich jetzt für die umstrittene E-ID stark macht.</p>
<p>Wenn es um ein politisches Anliegen geht, dem der eigene Chef zum Durchbruch verhelfen will, werden auch mal die Spielregeln neu geschrieben. Anfang 2020 <a href="https://medienwoche.ch/2020/01/21/native-advertising-bei-tamedia-politwerbung-mit-taeuschungspotenzial/">hiess es bei Ringier</a> noch: «Politisches Native Advertising entspricht nicht der Policy der ‹Blick›-Gruppe.» Das gilt offenbar nicht mehr. Auf erneute Anfrage konnte die Sprecherin aber nicht erklären, warum jetzt plötzlich geht, was eigentlich nicht geht.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/16/opa-koebi-lukas-baerfuss-marc-walder/">Opa Köbi, Lukas Bärfuss, Marc Walder</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Sehnsucht nach Autorität</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Oct 2015 13:57:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[NZZ]]></category>
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		<category><![CDATA[Max Frisch]]></category>
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		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
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		<category><![CDATA[Oliver Zimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Schriftsteller]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Warum wird Schriftstellern a priori zugestanden, ein qualifizierteres politisches Urteil fällen zu können als die mit der Sache beschäftigten Fachleute oder der Durchschnittsbürger? In der Zuweisung des Schriftstellers als eine Art «Universalgelehrter» lebt immer noch der Geniekult des 18. Jahrhunderts weiter. Eine literaturgeschichtliche Einordnung von Lukas Bärfuss&#8216; Auftritt als Schweiz-Kritiker. «Die Schweiz ist des Wahnsinns». <a href="https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Warum wird Schriftstellern a priori zugestanden, ein qualifizierteres politisches Urteil fällen zu können als die mit der Sache beschäftigten Fachleute oder der Durchschnittsbürger? In der Zuweisung des Schriftstellers als eine Art «Universalgelehrter» lebt immer noch der Geniekult des 18. Jahrhunderts weiter. Eine literaturgeschichtliche Einordnung von Lukas Bärfuss&#8216; Auftritt als Schweiz-Kritiker.<br />
<span id="more-25992"></span><br />
<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/lage-in-der-schweiz-vor-parlamentswahlen-2015-trostlos-13856819.html?printPagedArticle=true#pageIndex_all" target="_blank">«Die Schweiz ist des Wahnsinns».</a> So lautet die Überschrift eines Aufsatzes des Schriftstellers Lukas Bärfuss, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15.10.2015 abgedruckt war. Die Überschrift fasste auch gleich den Inhalt des Textes zusammen. Kein gutes Haar lässt Bärfuss an der Schweiz, die er wie ein Psychiater untersucht. Dabei macht sich Bärfuss unter anderem Sorgen um das Wirtschaftswachstum der Schweiz und um das Ansehen des Landes im Ausland, um dann die Bevölkerung pauschal als «ein Volk von Zwergen» zu charakterisieren.</p>
<p>Als aussenstehender Deutscher hätte man einen solchen Text eher von dem Berufskritiker der Schweiz Jean Ziegler erwartet. Aber bereits seit geraumer Zeit äussert sich auch Lukas Bärfuss zu gesellschaftspolitischen Fragen der Schweiz – und wird gehört. Mit seiner rhetorischen Vehemenz katapultiert er sich selbst zum Nachfolger von Schweiz-Kritikern wie Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Niklaus Meienberg.</p>
<p>Die «Einmischung» des Schriftstellers zu politischen und gesellschaftlichen Fragen ist nicht neu. Sie erreichte schon im 19. Jahrhundert eine erste Blüte. Gründe waren hierfür die politischen Umbruchsituationen wie Aufklärung, Vormärz oder die Revolutionen von 1848/49, einher gehend mit einer stärkeren Politisierung einer zunehmend besser alphabetisierten Bevölkerung und die technische Weiterentwicklung des Buch- und Zeitschriftendrucks. Immer häufiger und wirkungsvoller traten Schriftsteller neben (bzw. in) ihren dichterischen Werken auch als politische Publizisten in Leitartikeln, Glosse oder Pamphleten auf. Unter anderen wären Heinrich Heine, Georg Büchner, Bettina von Arnim, Ludwig Börne und aus der Schweiz vor allem Gottfried Keller zu nennen.</p>
<p>Am 13. Januar 1898 publizierte der französische Schriftsteller Emile Zola in der Zeitung «L&#8217;Aurore» einen offenen Brief an den französischen Präsidenten zur sogenannten «Dreyfus-Affäre». Drei Jahre zuvor war der französische Hauptmann Alfred Dreyfus unter dem Vorwand der Spionage für Deutschland festgenommen, abgeurteilt und auf die sogenannte Teufelsinsel vor Französisch-Guayana interniert worden. Zolas Text mit dem emphatischen Titel «J&#8217;accuse» («Ich klage an») bündelte die inzwischen aufgekommenen Ungereimtheiten bei der Beweisführung, die jedoch allesamt offiziell ignoriert wurden. Er kam am Ende zu dem Schluss, dass Dreyfus unschuldig und das Opfer einer Verschwörung von Militär, Geheimdienst und Politik geworden war. Verstärkend war hier der bei den damaligen Eliten weit verbreitete Antisemitismus – Dreyfus war Jude. Zola wurde für seinen Text zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und floh vor Antritt der Haftstrafe nach England. Erst knapp anderthalb Jahre später kehrte er nach Frankreich zurück, nachdem er begnadigt worden war. Die vollständige Rehabilitierung von Dreyfus 1906 erlebte er nicht mehr.</p>
<p>Bereits in seinen Romanen thematisierte Zola die politischen, ökonomischen und sozialen Ungerechtigkeiten der französischen Gesellschaft. Mit «J&#8217;accuse» wurde jedoch eine neue Qualität des politisch engagierten Schriftstellers erreicht. Der Text war mehr investigative, journalistische Recherche als politisches Pamphlet. Seine Intervention ist bis heute Vorbild, weil sie tatsächlich den Wendepunkt in der Dreyfus-Affäre einläutete und wirkungsvoll die Verkrustungen der französischen Eliten bis hinein in die Justiz blosslegte. Der Schriftsteller als politischer Aktivist, dessen Handeln Veränderungen auslösen konnte, war geboren.</p>
<p>Insbesondere in Deutschland feierte man mit der informellen Schriftstellervereinigung der «Gruppe 47» ab den 1960er Jahren eine Renaissance des aktivistischen Schriftstellers. Die Mehrzahl der «Gruppe 47»-Mitglieder hatte das eher halbherzige Engagement der deutschen Intellektuellen zur Weimarer Republik (1919-1933) und den anschliessenden Aufstieg des Nationalsozialismus noch in bitterer Erinnerung. Die Folge war nun ein hybrides publizistisches Unterstützungsmanagement von Proklamationen und «Resolutionen», besonders befeuert vom Initiator der Gruppe, Hans-Werner Richter und vor allem Günter Grass. <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Frischs-scharfer-Blick-auf-Guenter-Grass-/story/23643488" target="_blank">Max Frisch nannte in seinen Aufzeichnungen Grass&#8216; «Hang zur Publizität» eine «Sucht».</a> Grass hatte zwischen 1965 und 1972 offensiv Wahlkampf für den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Willy Brandt gemacht. Das in Schriftsteller- und Kritikerkreisen kursierende Vorurteil, dass unter einer zu starken Beschäftigung mit politischen Fragen die literarisch-ästhetische Kraft leide, sah Grass nicht (andere schon). Aber selbst Richter wurde mit der Zeit die Koordination der zahlreichen Erklärungen und Unterschriftensammlungen zu allen möglichen politischen Themenfeldern zu viel.</p>
<p>Heutzutage ist die öffentliche politische Positionierung des Schriftstellers nahezu Alltag geworden. Es vergeht kaum eine Sendung des fünfmal wöchentlich ausgestrahlten 3sat-Fernsehkulturmagazins «Kulturzeit» in der nicht politische Engagements von «Intellektuellen und Schriftstellern» (sic!) zu aktuellen politischen, ökonomischen, ökologischen und/oder sozialen Fragen publiziert und kommentiert werden. Wo sie vermeintlich fehlen, werden sie bisweilen angefordert. Der Schriftsteller als Aktivist – für die Menschenrechte, den Weltfrieden, die Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Klimaverträglichkeit, gegen Grosskonzerne, usw. Gerne wird in diesem Zusammenhang das hohe Lied auf die politische Literatur intoniert. Diese Sicht geht zuweilen bis in die Stockholmer Akademie, die alljährlich den Literaturnobelpreis vergibt.</p>
<p>Leicht vergessen wird dabei, dass das politische Engagement der Schriftsteller durchaus ambivalent gesehen werden muss. Es gab schreckliche Verirrungen. So begrüsste nahezu die gesamte künstlerische Avantgarde 1914 den beginnenden europäischen Krieg als notwendige Begradigung und «Reinigung» angeblich unfähiger Politik – unter ihnen auch Thomas Mann. Die junge Demokratie in Deutschland, die 1919 etabliert wurde, war auch bei denen eher unbeliebt und wurde hart kritisiert, die heute als hellsichtige Zeitgenossen gelten. Während des Schreckensregimes des Nationalsozialismus gingen Schriftsteller, die nicht exilieren konnten oder wollten, in die sogenannte innere Emigration; sie versuchten irgendwie durchzukommen. Aber es gab eben auch ideologische Sympathisanten für faschistische Ideen wie Ezra Pound, Knut Hamsun, Gottfried Benn oder Louis-Ferdinand Céline – die Liste liesse sich problemlos verlängern. Und auch auf der anderen politischen Seite gab es Irrende. Louis Aragon, Ernst Bloch, Lion Feuchtwanger und Jean-Paul Sartre verteidigten beispielsweise die Säuberungsaktionen Stalins und die Gulags als eine bittere Notwendigkeit um am Ende eine bessere Gesellschaft zu erschaffen.</p>
<p>Warum wird Schriftstellern a priori zugestanden, ein qualifizierteres politisches Urteil fällen zu können als die mit der Sache beschäftigten Fachleute oder der Durchschnittsbürger? Der journalistische (wie auch der akademische) Betrieb rekurriert normalerweise auf Fachleute mit entsprechenden Formalqualifikationen. Der Schriftsteller hingegen scheint ein universalistisches Expertentum zu besitzen, obwohl die Erfahrungen der Vergangenheit mitunter anderes zeigen. In der Zuweisung des Schriftstellers als eine Art «Universalgelehrter» lebt immer noch der Geniekult des 18. Jahrhunderts weiter.</p>
<p>In der vorliegenden Causa Bärfuss verblüfft, dass der Autor die «Direkte Demokratie» in der Schweiz ursächlich dafür verantwortlich macht, den «nationalen Karren […] so tief in den Dreck gefahren» zu haben, «dass keiner weiss, wie er jemals wieder befahrbaren Boden unter die Räder bekommen soll.» Wäre es nicht die genuine Aufgabe der Politik, auch mit vielleicht unpassenden oder unbequemen demokratisch zustande gekommenen Entscheidungen handlungsfähig zu bleiben? Bärfuss zieht dies nicht ins Kalkül, sondern suggeriert in seinen Äusserungen, das «Heiligtum» direkte Demokratie besser gleich abzuschaffen oder zumindest zu reglementieren. In Anlehnung an das berühmte Zitat Brechts, ob es nicht einfacher wäre, die Regierung löse das Volk auf und wählte sich ein neues könnte man Bärfuss&#8216; Interpretation dahingehend interpretieren, dass Abstimmungen und Wahlen immer nur noch dann abgehalten werden sollten, wenn sie die (von ihm) gewünschte Resultate erbringen.</p>
<p>Dem Wunsch von Künstlern und Intellektuellen nach einem politischen Engagement liegt eine starke, unterschwellige Sehnsucht nach Autorität und Unterordnung zu Grunde. Der Schriftsteller als Intellektueller wird dabei zu einer Art ausserparlamentarischer Rädelsführer stilisiert, der im Besitz der Wahrheit ist. Er betreibt Komplexitätsreduktion, postuliert extreme politische Positionen, wohl wissend, dass sie realpolitisch nicht umsetzbar sind. Die Legitimation wird durch die (imaginäre) vierte Gewalt der Journalisten erteilt, die seine Äusserungen veröffentlichen. So entwickeln sich publizistische Rollenspiele, die schnell zu Automatismen führen. In dem bereits erwähnten Tagebucheintrag Max Frischs zu Grass schreibt Frisch von «Staatsschriftsteller(n)» (gemeint ist neben Grass auch Heinrich Böll). So absurd diese Bezeichnung in Anbetracht der staats- und regierungsoppositionellen Stellungnahmen von Grass und Böll auf den ersten Blick anmutet (müsste man nicht eher von einem «Anti-Staatsschriftsteller» sprechen?), so stimmig erscheint diese Zuweisung bei der näheren Betrachtung: Die Rolle des «guten Gewissens der Nation», die den beiden im Laufe der Jahre zukam, hatte am Ende nahezu staatstragende Dimensionen: Solange solche Stimmen noch möglich waren, konnte es nicht ganz so schlecht mit dem Land stehen. Dass Frisch Jahre später ebenfalls in die Rolle als eine Art Schweizer Staatsschriftsteller gepresst wurde, entbehrt in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Komik.</p>
<p>Wie fragil die Rolle des Schriftstellers als «moralische Instanz» sein kann, zeigte sich 2006, als Grass gestand, 1944/45 als 17jähriger Soldat einer Einheit der Waffen-ss angehört zu haben. Weniger die Tatsache dieser Verirrung an sich schlug hohe Wellen, sondern dessen vermeintliches Verschweigen über mehr als 60 Jahre (enge Freunde sollen es gewusst haben). Dabei wurde ausser Acht gelassen, dass Grass&#8216; politische Stellungnahmen über Jahrzehnte hinweg nicht wahrer oder falscher dadurch waren, ob er nun diesen Teil seiner Biografie verschwiegen hatte oder nicht.</p>
<p>Aber wie sieht es eigentlich aus, wenn Schriftsteller politische Stellungnahmen abgeben, die mit dem Mainstream der Meinungsführer in den Redaktionen nicht übereinstimmen? Der Philosoph Peter Sloterdijk rekapitulierte 2009 über die Exzesse im französischen, stark moralistisch geprägten Kulturjournalismus: «Unübersehbar war die geistige Dekomposition während der letzten Jahre bei den nationweit ausgreifenden medialen Treibjagden auf vermeintliche Konvertiten oder Verräter der fortschrittlichen Sache, die man nach scheinmoralischen Schauprozessen auf der Place de Grève der öffentlichen Meinung hinzurichten versuchte.» Und über das deutsch(sprachig)e Feuilleton schrieb Sloterdijk damals: «Die Analogie zu den deutschen Skandalphänomenen der letzten anderthalb Jahrzehnte springt ins Auge – denn auch hierzulande konnte das dominante linksliberale Feuilleton seine zunehmende Weltfremdheit nur durch erhöhte moralische Aufgeregtheit kompensieren.»</p>
<p>Neben den Aufregungen zu seinem eigenen Text <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Regeln_f%C3%BCr_den_Menschenpark"target="_blank">«Regeln für den Menschenpark»</a> dachte Sloterdijk womöglich auch an die Auseinandersetzungen über Peter Handkes zwischen 1995 und 2006 entstandenen Jugoslawien-Texte, in denen er erzählerisch und essayistisch die Berichterstattung und die einseitigen Schuldzuweisungen der Medien in den Jugoslawienkriegen befragte. Wie wurden und werden die zuweilen sperrigen, konservativ-kritischen Einwände von Schriftstellern wie Botho Strauss, Sibylle Lewitscharoff oder Martin Walser abgehandelt? Bis auf wenige Ausnahmen wurden in den genannten Fällen die ansonsten so sehnsüchtig erwarteten Kommentare der Schriftsteller mit grossem rhetorischen Furor abgekanzelt. Man scheute dabei auch vor der Diffamierung des jeweiligen Autors ad personam nicht zurück. Das «Verbrechen», dass die Genannten begangen hatten: Ihre Äusserungen widersprachen der «richtigen» Gesinnung, dem Common Sense. Damit scheint der wichtigste Grund für den Wunsch des öffentlichen gesellschaftspolitischen Engagements des Intellektuellen gefunden: Es geht darum, die jeweils eigene politische Meinung bestätigt, ausformuliert, verstärkt und schliesslich beglaubigt zu finden. Oliver Zimmer, Professor für moderne europäische Geschichte an der University of Oxford, nennt dies in <a href="http://www.nzz.ch/feuilleton/im-wahrheitsrausch-1.18630955"target="_blank">seiner Replik zum Bärfuss-Text in der Neuen Zürcher Zeitung</a> die «jakobinische Position, die für Teile der Linken bis heute wegweisend geblieben ist. Sie geht davon aus, dass es zu zentralen Fragen immer nur zwei Sichtweisen geben kann: die wahre und die falsche. Die wahre ist stets nur einer relativ beschränkten Avantgarde zugänglich.»</p>
<p>Inzwischen gibt es zeitgenössische SchriftstellerInnen, die fast nur noch als Ein-Mann-NGOs (bzw. Ein-Frau-NGOs) wahrgenommen werden. Ihre literarischen Werke – falls überhaupt noch welche entstehen – treten hinter ihrer politischen Agitation nahezu in den Hintergrund. In Zeiten eines Journalismus, der sich mehr und mehr ebenfalls parteiisch und aktivistisch gibt und der den Namen des Journalisten als publizistische Marke setzt, wird der sich politisch eindeutig bekennende Schriftsteller von der Referenzgrösse zum Komplizen. Das Feuilleton wird sich sehr viel stärker auf die politische Bearbeitung von Ereignissen fokussieren. Literatur wird zunehmend als «l&#8217;art pour l&#8217;art», als Nebensache, subsumiert werden, sofern sie nicht eine «Botschaft» transportiert. Es muss natürlich unbedingt die «richtige» Botschaft sein.</p>
<p>Die beiden Zitate von Peter Sloterdijk stammen aus dem Buch «Theorie der Nachkriegszeiten», Suhrkamp Verlag, 2009, S. 44-45.</p>
<p><small>Der Autor hat u. a. ein Buch über Texte Peter Handkes zu Jugoslawien und die Rezeption hierauf in den Feuilletons verfasst: «&#8217;Der mit seinem Jugoslawien&#8216; – Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik», Ille &amp; Riemer, 2013/2015 <a href="http://www.amazon.de/mit-seinem-Jugoslawien-Spannungsfeld-Wissenschaft-ebook/dp/B010NAW5LI/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&amp;qid=1377275992&amp;sr=8-2"target="_blank">(auch als E-Book erhältlich)</a></small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/">Sehnsucht nach Autorität</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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