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	<title>Porträt | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Thomas Benkö: «Als Journalist musst du jeden Tag um deine Existenzberechtigung kämpfen»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/11/30/als-journalist-musst-du-jeden-tag-um-deine-existenzberechtigung-kaempfen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Thomas Häusermann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 30 Nov 2021 13:08:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Blick]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Benkö]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auf Social Media sieht man ihn dauernd. Was Thomas Benkö (47) beruflich genau macht, bleibt dagegen weniger gut sichtbar. Nach 25 Jahren bei Ringier wirkt er inzwischen mehrheitlich hinter den Kulissen. Als stellvertretender Chefredaktor von Blick.ch sorgt er für die Klicks auf dem News-Portal. Das macht er kühl und analytisch. Seine grosse Leidenschaft gilt dem <a href="https://medienwoche.ch/2021/11/30/als-journalist-musst-du-jeden-tag-um-deine-existenzberechtigung-kaempfen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Auf Social Media sieht man ihn dauernd. Was Thomas Benkö (47) beruflich genau macht, bleibt dagegen weniger gut sichtbar. Nach 25 Jahren bei Ringier wirkt er inzwischen mehrheitlich hinter den Kulissen. Als stellvertretender Chefredaktor von Blick.ch sorgt er für die Klicks auf dem News-Portal. Das macht er kühl und analytisch. Seine grosse Leidenschaft gilt dem Rennrad. Aber wer ist eigentlich «Bö»?</strong><br />
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Das Ringier-Café «The Studio» ist an diesem Mittwochmorgen praktisch leer. Eine «Radio Energy»-Moderatorin, die nur durch eine Glasscheibe vom Gästebereich getrennt ist, sorgt für hit-lastige Hintergrundbeschallung. Hier treffe ich Thomas Benkö. Der Mann, der durch seine <a href="https://twitter.com/ThBenkoe" target="_blank" rel="noopener">intensive</a> <a href="https://www.instagram.com/velofluencer/" target="_blank" rel="noopener">Social-Media-Präsenz</a> für viele Medienschaffende omnipräsent zu sein scheint. Und doch weiss man eigentlich nicht viel über ihn. Ausser, dass er gerne Velo fährt, eine Familie hat, von beidem fleissig Bilder postet. Und da war doch mal was mit «Blick am Abend». Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist Benkö für den Ringier-Verlag tätig. «Ich bin schmerzfrei. Hauptsache der Name ist richtig geschrieben», winkt er ab, als ich ihm zum Start das Gegenlese-Prozedere schildere. Er lacht kurz, wirkt aber sofort wieder ernst und fokussiert. Als wolle er das hier schnell, aber sauber über die Bühne bringen. Die Arbeit und das Velo warten.<br />
</p>
<p>Thomas Benkö ist «Teamlead Digital» bei «Blick Online», wie die Ringier-Medienstelle schreibt. Er selbst nennt sich verständlicher stellvertretender Chefredaktor «Blick.ch». Das Newsportal wird täglich von 1,2 Millionen Nutzerinnen und Nutzern besucht und liegt damit punkto Reichweite nur knapp hinter dem Spitzenreiter «20 Minuten». «Ich schaue, dass auf der Website was läuft», fasst Benkö seinen Job zusammen. Wenn er die Tagesverantwortung hat, leitet er auch die Morgensitzung, an der sich Print und Online beteiligen. Die Ressortleiter:innen schlagen die aktuellen Artikel vor, man bespricht, auf welchen davon der Fokus liegt, wo nachgebohrt werden muss und was über welchen Kanal ausgespielt wird. «Am Schluss landet alles auf der Website, wenn auch manchmal mit einem Schlenker über Print», erklärt Benkö. Digitale Reichweite ist alles, «Print first» Vergangenheit. Es brauche jeden Tag eine «wahnsinnige Menge» an Stories, sagt der 47-Jährige. Am Mittwoch unseres Gesprächs platziert die «Blick»-Redaktion 131 Artikel auf der Website, vom Interview mit Star-Geiger André Rieu bis zur Kurzmeldung über einen Arbeitsunfall in Trimmis. «Klicks sind für uns neben Relevanz eine wichtige Währung. Darum ist es toll, wenn man den Lesern ein Thema präsentieren kann, das funktioniert.» Das ist insofern bemerkenswert, als dass heute kaum mehr jemand so freimütig zugeben würde, klickgetrieben zu sein.<br />
<img decoding="async" class="size-full wp-image-93212 alignnone" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/11/MW-Thomas-Brenkoe-20211110-ZH-DSCF4843n-scaled.jpg" alt="" width="1680" height="1120" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/11/MW-Thomas-Brenkoe-20211110-ZH-DSCF4843n-scaled.jpg 1680w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/11/MW-Thomas-Brenkoe-20211110-ZH-DSCF4843n-300x200.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/11/MW-Thomas-Brenkoe-20211110-ZH-DSCF4843n-1024x683.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/11/MW-Thomas-Brenkoe-20211110-ZH-DSCF4843n-768x512.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/11/MW-Thomas-Brenkoe-20211110-ZH-DSCF4843n-1536x1024.jpg 1536w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/11/MW-Thomas-Brenkoe-20211110-ZH-DSCF4843n-728x485.jpg 728w" sizes="(max-width: 1680px) 100vw, 1680px" /><br />
Benkö analysiert mit Leidenschaft die Nutzungsdaten der Blick-Leserschaft. «Am Schluss nützt es nichts, wenn man eine sogenannte relevante Geschichte hat, die niemand liest», sagt er. «Erst wenn sie gelesen wird, ist sie auch relevant.» Viele Journalisten und Medien definieren Relevanz anders. Benkö weiss das und grenzt sich bewusst ab. «Was die Leute interessiert, ist oft nicht das, worauf Journis fliegen. Weisch wani mein?» Der Zürich-Leimbacher zählt sich nicht zur «Journi-Bubble», wie er sie nennt. «Branchenveranstaltungen versuche ich zu meiden», sagt er. Auch privat verkehre er kaum mit Journalisten, etwas Abwechslung tue auch hier gut.</p>
<p>«Bö», alle nennen ihn mit seinem Autorenkürzel, gibt sich nicht nur volksnah, sondern ist «einer aus dem Volk», wie man so schön sagt. Im Gegensatz zu vielen seiner Berufskolleg:innen hat er weder studiert noch eine Journalistenschule besucht, sondern eine KV-Lehre absolviert. Aufgewachsen ist er in Adliswil im Kanton Zürich. Sein Vater ist ein Schreiner aus Österreich, seine Mutter arbeitete erst im Büro, dann als Hausfrau. Die vierköpfige Familie – Benkö hat eine Schwester – lebt in einer 4,5-Zimmer-Wohnung. «Kurz bevor ich auszog, zogen wir in eine 6,5-Zimmer-Wohnung», lacht er mit sarkastischem Unterton, «und danach zogen meine Eltern sogar in ein Einfamilienhaus.»</p>
<blockquote><p>Bereits während seiner Anstellung bei «Tele» fasziniert ihn der «Blick», weil es dort mehr knallte als anderswo.</p></blockquote>
<p>Was für ein Kind war er? «Gott, das sind Fragen &#8230;», seufzt Benkö und vermittelt den Eindruck, dass er lieber über die Arbeit als über sich selbst spricht. «Ich war gerne draussen», erzählt er schliesslich. «Mein Vater hat den Schwimmclub gegründet, daher musste ich auch in den Schwimmclub. Ein grosses Hobby – zwangshalber.» Den Pfadfindern – «Seepfadi, das ist wichtig!» – kommt im Leben des jungen Mannes eine zentrale und prägende Rolle zu. «Ich habe früh Verantwortung für andere Kinder übernommen. Ich musste sie bespassen, etwas liefern, das ankam – also ähnlich wie jetzt.» Vor allem aber zeichnet er für die Pfadizeitung verantwortlich und entdeckt so seine Leidenschaft fürs Schreiben.</p>

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<p>Was er nach der Sekundarschule machen will, weiss er dennoch nicht. Er legt ein zehntes Schuljahr ein – und kommt danach «auf den letzten Drücker» als KV-Stift bei Mövenpick unter. «KV ist einerseits langweilig, ein Beruf ohne Eigenschaften, andererseits kann man am Schluss doch ein paar Sachen machen.» Was genau, ist Benkö nach Abschluss seiner Lehre 1995 allerdings weiterhin unklar. Er bewirbt sich «bei der einen oder anderen» Bank. «Ich lief aber rückwärts wieder raus, weil es mir da zu stier war», erinnert er sich. Auch für die Hotelfachschule interessiert er sich. Seine Bewerbung wird angenommen, doch er entscheidet sich dagegen. Erst als er eine ausgeschriebene Redaktorenstelle bei der Fernsehzeitschrift «Tele» entdeckt, weiss er: Das passt. Benkö bezieht wenig später seinen Arbeitsplatz an der Dufourstrasse, seine Ringier-Zeit beginnt.<br />
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Bereits während seiner Anstellung bei «Tele» fasziniert ihn der kontroverse, im selben Haus beheimatete «Blick». «Ich hatte einen gewissen Respekt, weil man wusste: Dort knallts ein wenig mehr als anderswo.» Er habe schon als Teenager ab und zu die Boulevardzeitung am Kiosk gekauft, «immer wenn es eine coole Schlagzeile gab.» Als er im Jahr 2000 die Chance für den Wechsel erhält, überlegt er nicht zweimal und erklärt fortan als Tech-Journalist in der Rubrik «ClickBlick» der Leserschaft, was sie über die Mobiltelefonie und das immer stärker aufkommende Internet wissen muss. Nachdem er auch als News-Reporter Fuss gefasst hat, wird er Teil des Gründungsteams, das 2006 mit «heute» die erste Abendzeitung der Schweiz ins Leben ruft. Das Gratisblatt wird zwei Jahre später zu «Blick am Abend». Zusammen mit Chefredaktor Peter Röthlisberger prägt Benkö als stellvertretender Chefredaktor die Publikation. «Viel Herzblut» habe er reingesteckt, sagt er, der in der Abendzeitung regelmässig selbst in die Tasten gegriffen hatte. Benkö schrieb als Allrounder mit einem Flair für Multimedia und Telekom über iPhone und Swisscom, aber auch über Trump und Putin. Als Ringier den «Blick am Abend» 2018 einstellt, schmerzte ihn der Entscheid. «Schade» habe er es gefunden – mehr Emotionen sind ihm nicht zu entlocken.</p>
<blockquote><p>«Auch wenn ich Ringier sehr schätze: Mir ist es wichtig, eine kritische Distanz zu bewahren, das bringt wohl der Job mit sich.»</p></blockquote>
<p>25 Jahre nach seinem Einstieg bei «Tele» sitzt er immer noch an der Dufourstrasse bei Ringier. «Es hat sich einfach immer so ergeben, dass es interessant geblieben ist», erklärt er nach langem Überlegen. «Ich habe intern aber oft gewechselt, durfte mit ‹Heute› und ‹Blick am Abend› sogar zwei Zeitungen aufbauen.» Natürlich ergibt sich nach einer solchen Zeit eine starke Bindung. Trotzdem betont Bö: «Auch wenn ich Ringier sehr schätze: Mir ist es wichtig, eine kritische Distanz zu bewahren, das bringt wohl der Job mit sich.»</p>
<p>Hobbys und Familie sind Benkö mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger als die Arbeit. Das wissen alle, die ihm in den sozialen Medien folgen. Auf Instagram postet er ständig Fotos von seinen Velotouren. Regelmässig organisiert er auch Touren mit Kollegen. Mit Christoph Vetter vom Zürcher Veloladen «Flamme Rouge» rief er die «Lange Velotour» ins Leben. Am längsten Tag des Jahres, dem 21. Juni, besammeln sich Eingeweihte um 6 Uhr morgens und strampeln 333 Kilometer ab. Die «wilde» Rundfahrt führt von Zürich aus in die Innerschweiz, über den Oberalppass und durchs Bündnerland zurück zum Sternengrill beim Bellevue und endet dort spätabends bei Bier und Bratwurst. Zwischenzeitlich, erzählt der treue Teilnehmer Dominik Allemann, sei der Anlass auf Social Media etwas zu stark promotet worden und zuletzt hätten sich frühmorgens 130 Menschen eingefunden. «Seither hält sich Bö auf Facebook zurück», lacht er. Auch am kürzesten Tag des Jahres hat Benkö eine Tour ins Leben gerufen. Sie ist kurz, findet im kleinsten, persönlichen Rahmen statt und endet bei ihm Zuhause, wo er Fondue auftischt. «Bö ist ein äusserst grosszügiger Mensch», sagt Allemann, der die PR-Agentur Bernet Relations führt. «Und er ist eine Saftwurzel, ein Haudegen, ein Macher. Er eckt vielleicht auch an bei manchen Leuten, mit seiner teils auch auch zynischen Art. Aber er hat eine überaus frische, witzige Art.»</p>
<blockquote><p>«Wenn ich erst um 14 Uhr mit der Arbeit anfangen muss, kann ich am Morgen noch eine Velotour machen oder auf einen Berg kraxeln.»</p></blockquote>
<p>Oft fährt Benkö auch alleine Velo. Kein Pass scheint vor ihm sicher. Man könnte von aussen fast den Eindruck bekommen, er sitze öfter auf dem Sattel als am Redaktionspult. Dem ist nicht so. Möglich macht es der Schichtbetrieb im Newsroom, von 6 bis 23 Uhr. «Schichtdienst klingt zwar stier und fabrikmässig, für mich ist er aber ideal», sagt er. Weil er entweder sehr früh oder sehr spät mit der Arbeit beginnt, kann er den Rest des Tages freier gestalten als es ein «Nine-to-Five»-Job zuliesse. «Wenn ich beispielsweise erst um 14 Uhr anfangen muss, kann ich am Morgen noch eine Velotour machen oder auf einen Berg kraxeln.» Das Wochenende gehöre dann der Familie, aber unter der Woche seien die Kinder ja in der Schule. Drei sind es, 15, 10 und 8 Jahre alt. Sie hätten «keines dieser hippen, neuen Familienmodelle» praktiziert, sagt er. «Ich bringe mich schon ein, aber es hat sich so ergeben, dass meine Frau weniger arbeitet, als die Kinder kamen, und ich meist 100 Prozent.» Etwas verpasst habe er nicht, findet er und präzisiert nüchtern: «Klar haben die Kinder eine andere Beziehung zum Elternteil, der mehr da ist.»<br />
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Das Smartphone liegt während des Gesprächs stets griffbereit. Ab und zu ein prüfender Blick, immer wieder leuchten Push-Nachrichten auf. «Ich bin ein always-on-Typ, auch zuhause», sagt Benkö. «Ich mache fast alles übers Smartphone, es deckt vieles ab. Ich habe keine andere Bildschirmzeit, auch privat nicht.» Die längste Zeit ohne Handy seien neun Tage auf einem Tauchboot in Thailand gewesen. 2004 notabene, als man mit dem Gerät lediglich telefonieren und SMS schreiben konnte – «so gesehen habe ich nichts vermisst.» Von Bestrebungen, den digitalen Konsum zu reduzieren, hält er nichts. «Digital Detox, was soll das heissen? Es gehört nun mal zum Leben, da kann man noch lange diskutieren, ob`s gut oder schlecht ist.» Noch weniger kann er Menschen abgewinnen, die ihre halbjährigen Twitter-Pausen lautstark ankündigen. «Das sind dieselben, die früher gesagt haben: ‹Ich schaue nicht fern. Oder nur Arte.› Dann macht’s doch einfach, ist ja gut.»</p>
<p>Benkös Liebe zum Handy, dem «perfekten Gerät», hört auf, wenn es um die Kinder geht. Er erzählt von Problemen, die es an der Schule seiner Sprösslinge gegeben habe. Kinder seien etwa gezwungen worden, unangemessene Dinge zu schauen. «Früher mussten wir an die Altpapiersammlung, um an die ersten Sexheftli zu kommen. Heute kann jeder alles auf dem Handy abrufen.» Ein Problem seien auch die falschen Vorbilder auf Instagram, an denen sich die Mädchen orientierten und sich so unter einen riesigen Druck setzten. «Ich bin echt froh, hat’s das bei uns früher nicht gegeben. Wenn wir einen Seich machten – wir waren oft im Niederdorf im Ausgang und es floss viel Alkohol – haben das vielleicht deine zwei, drei Kollegen erfahren. Heute verbreiten sich Videos flächenartig mit teilweise verheerenden Folgen für die Betroffenen.»</p>
<blockquote><p>«Der Journalismus ist härter geworden. Heute hat man nicht nur mit Spardruck zu kämpfen, sondern seit Trump und seiner Fake-News-Bewegung auch mit ständigen Anfeindungen.»</p></blockquote>
<p>Das Gespräch neigt sich dem Ende zu, bald ist zwölf Uhr, der Hunger meldet sich. Zeit für die grossen Fragen. Würde er rückblickend als junger Mann nochmals alles gleich machen und auf den Journalismus setzen? Benkö überlegt lange, klar scheint die Antwort nicht zu sein.</p>
<p>«Journalismus hat viel Glamour verloren», sagt er nachdenklich. «Der Beruf hat sich verändert, ist härter geworden. Heute hat man nicht nur mit Spardruck zu kämpfen, sondern seit Trump und seiner Fake-News-Bewegung auch mit ständigen Anfeindungen.» Benkö überlegt und fährt selbstkritisch fort: «Man kann vieles kritisieren am ‹Blick›. Auch uns passieren mal Fehler.» Die neuen Newsroom-Richtlinien sollen das verhindern. Ein guter Schritt, findet der Ringier-Routinier: «Ich kann voll dahinterstehen. Es heisst nichts anderes als: ‹Schaff suuber›.» Das sei auch deshalb nötig, weil die Kritik heute viel direkter und pointierter erfolge als früher. «Damals hat vielleicht einmal ein Leser angerufen, aber oft hat die Redaktion davon gar nichts mitbekommen.» Heute kann Kritik über Social Media breit gestreut werden und Organisationen wie FairMedia schalten sich ein, wenn sie unfaire Berichterstattung wahrnehmen. Solcher Kritik stellt sich Benkö gerne. Mit Gegenwind anderer Art bekundet er dagegen mehr Mühe: «Es gibt eine Gruppe von Leuten, die abgekoppelt scheinen von der Realität, die fern von jeder gerechtfertigten Kritik operieren. Wenn es dich selber betrifft und die dann hier vor dem Haus stehen – das ist schon etwas mühsam.» Er erzählt von Menschen, die hinter allem eine Verschwörung witterten, an gelenkte Medien mit einer Agenda glaubten. «Ich wäre ja froh, wenn mir jeden Tag jemand sagen würde, was ich schreiben muss – dann wäre mein Job einfacher», lacht er trocken. Und fasst den Zeitgeist in Bö-Manier zusammen: «Früher gab’s in jedem Dorf einen Löli. Heute vereinigen die sich in Facebook- und Telegram-Gruppen und befeuern sich selbst. Gesellschaftlich werden sie so leider immer relevanter.»</p>
<blockquote><p>«Wenn du als Journalist Sachen machst, die niemanden interessieren, machst du dich früher oder später überflüssig.»</p></blockquote>
<p>Also würde er den Weg nicht mehr einschlagen? «Ich weiss es nicht. Es gibt so viele Lebenswege. Du kannst beispielsweise ein Handwerk lernen und dieses auf der ganzen Welt ausüben. Eine Mauer kannst du überall mauern, während wir hier eher an unseren Sprachraum gebunden sind.» Auch wenn er ihn seit 25 Jahren praktiziert – kompromisslos an den Journalismus gebunden scheint Thomas Benkö nicht zu sein. Man wisse nie, was die Zukunft noch bringe, sagt er, und fügt an: «Die Medienwelt ist schnelllebig, es gibt keine Sicherheit auf Jahrzehnte hinaus. Das macht sie aber auch spannend: Du musst jeden Tag ein wenig um deine Existenzberechtigung kämpfen. Wenn du Sachen machst, die niemanden interessieren, machst du dich früher oder später überflüssig.»</p>
<p>Bilder: Marco Leisi</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/11/30/als-journalist-musst-du-jeden-tag-um-deine-existenzberechtigung-kaempfen/">Thomas Benkö: «Als Journalist musst du jeden Tag um deine Existenzberechtigung kämpfen»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hart, aber herzlich</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2018/09/26/hart-aber-herzlich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Thomas Paszti]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Sep 2018 04:10:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Beruf & Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[compliance]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=61495</guid>

					<description><![CDATA[<p>Wenn es brennt, blüht sie zur Höchstform auf: Sonja Stirnimann steht Unternehmen in brenzligen Situationen und bei heiklen Fragen zur Seite. Alles begann mit ihremKindheitstraum, Unternehmerin zu werden. Ein Porträt.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/09/26/hart-aber-herzlich/">Hart, aber herzlich</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn es brennt, blüht sie zur Höchstform auf: Sonja Stirnimann steht Unternehmen in brenzligen Situationen und bei heiklen Fragen zur Seite. Alles begann mit ihremKindheitstraum, Unternehmerin zu werden. Ein Porträt.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/09/26/hart-aber-herzlich/">Hart, aber herzlich</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wie mache ich mir ein Feindbild?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/01/11/wie-mache-ich-mir-ein-feindbild/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Jan 2017 21:32:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Blick]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Köppel]]></category>
		<category><![CDATA[Weltwoche]]></category>
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		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Norddeutscher Rundfunk]]></category>
		<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Porträt ist eine der anspruchsvollsten Formen im Journalismus. «Die Zeit», die «Süddeutsche Zeitung», der Norddeutsche Rundfunk, «Der Spiegel» und zuletzt der «Blick» versuchten sich im Laufe der letzten Jahre am grossen Köppel-Porträt. Doch kommt auch Köppel raus, wo Köppel drauf steht? Der Vergleichstest ergibt einen überraschenden Sieger. Es gibt nur einen richtigen Ansatz für <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/11/wie-mache-ich-mir-ein-feindbild/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Porträt ist eine der anspruchsvollsten Formen im Journalismus. «Die Zeit», die «Süddeutsche Zeitung», der Norddeutsche Rundfunk, «Der Spiegel» und zuletzt der «Blick» versuchten sich im Laufe der letzten Jahre am grossen Köppel-Porträt. Doch kommt auch Köppel raus, wo Köppel drauf steht? Der Vergleichstest ergibt einen überraschenden Sieger.<br />
<span id="more-33098"></span><br />
Es gibt nur einen richtigen Ansatz für Literaturkritik: Das besprochene Werk muss aus sich selbst heraus verstanden und kritisiert werden. Es macht keinen Sinn, einem Roman vorzuwerfen, dass er weder ein Gedicht noch ein Sachbuch sei. Ähnlich verhält es sich mit Porträts, vor allem über eine Person wie Roger Köppel, der – gelinde gesagt – polarisiert. Erschwerend kommt hinzu, dass er selbst Journalist ist, wie der Porträtist. Dessen Aufgabe wäre es, dem Porträtierten gerecht zu werden und dem Publikum ein Bild abzuliefern, in dem man den Porträtierten wiedererkennt. Das Porträt kann realistisch, abstrakt, kubistisch, klassisch oder als Karikatur geschrieben sein. Aber wenn ein Porträt Kunst sein soll, dann kommt die immer noch von können. Eine Überprüfung in fünf Akten.</p>
<p><strong><a href="http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Roger-Koeppel-Seine-Dreifaltigkeit,koeppel116.html" target="_blank">1. NDR-Medienmagazin «Zapp»: Nachgefragt und nachgetreten</a></strong><br />
Ein TV-Porträt in sechs Minuten ist anspruchsvoll. Es entsteht aus mehreren Stunden Aufnahmen, die anschliessend zusammengeschnitten werden müssen. Also Szenen und Interview-Passagen mit dem Porträtierten. Dem werden Fragen gestellt, wie zum Beispiel: «Sind Sie Chefredakteur oder Verleger?» Köppel repliziert, dass er einfach sich selbst sei, ein «wandelndes Multifunktionsgebilde». Darauf wird im Kommentar nachgetreten: «Er hat die ‹Weltwoche› umgekrempelt von einem liberalen Blatt zu einem rechtspopulistischen Magazin.» Nächste Frage der «Zapp»-Reporterin: «Sind Sie eine rechte Kampfpresse?» Köppel repliziert, dass alle Medien Kampfblätter seien, wobei die Frage einen «despektierlichen Beigeschmack» habe. Nachtreten im Kommentar: «Ein Kampfblatt. Wo gibt es denn das, dass der Chefredakteur im Parlament sitzt?» Man erkennt das Muster, letztes Beispiel: «Politiker und Chefredakteur, sind Sie da nicht ein Beispiel für die Lügenpresse?» Köppel repliziert, dass die «Weltwoche» keine Lügen verbreite. Nachtreten im Kommentar: «Als einzige, alle anderen verbreiten Lügen. Da liegt Köppel nahe bei der AfD. Vereinfachung sieht er bei anderen als Problem, nicht bei sich.»</p>
<p>Mit Fug und Recht kann man analysieren, dass die Hersteller dieses TV-Porträts das gleiche Problem nicht bei sich selbst erkannt haben. Insofern ist das Kriterium erfüllt, werkimmanent zu porträtieren. Denn Köppel neigt unbestreitbar zu Vereinfachungen im Dienst der Unterscheidung, was für ihn richtig, was falsch ist. Allerdings besteht doch zumindest ein Widerspruch darin, ihm das zum Vorwurf zu machen, was man selbst anwendet. Zudem öffnet Köppel in seinem Blatt immer wieder auch ihm widersprechenden Meinungen die Spalten. Ohne nach jedem Absatz der gegnerischen Meinung einen kritischen Kommentar einzufügen. Also ist dieses Porträt zumindest unvollständig. Hinzu kommt: Bei allem Verständnis für die Reduzierung auf sechs Minuten Sendezeit: Kritische Fragen stellen, Antworten abholen, dann nachtreten, das ist keine Art. Gesamtnote: 2,5 (wobei 6 die beste wäre).</p>
<p><a href="http://www.sueddeutsche.de/leben/schweizer-rechtspopulist-alles-roger-1.3212531" target="_blank"><strong>2. «Süddeutsche Zeitung»: Das Porträt als Karikatur</strong></a><br />
Unter dem Titel «Alles Roger» nimmt die SZ für ein Porträt zum Anlass, dass der «Rechtspopulist Köppel» seit «einem Jahr im Schweizer Parlament sitzt». So wie es im TV auf den Schnitt des Materials ankommt, ist es in einem geschriebenen Porträt die Entscheidung des Autors, welche Elemente seiner Reportage er zu einem Text verdichtet. Welche Beobachtungen, welche Szenen wählt der Journalist aus, um vorangehende Recherche und persönliches Erleben, dazu Gespräche mit dem Porträtierten, zu einem Artikel zusammenzufügen? Ein Element für die SZ ist das traditionelle Sommerfest, das die «Weltwoche» veranstaltet: «Dafür ist Jörg Kachelmann erschienen. Sein Outfit für den Abend: rote Hosenträger mit Schweizer Kreuzen. Sepp Blatter trägt Sechstagebart, SVP-Patriarch Christoph Blocher hat seine Ehefrau dabei. Roger Köppel spricht Hochdeutsch. Immer mehr deutsche Autoren schreiben für das Magazin. Sie sind es auch, die Köppel im Blick hat, wenn er seinen Gästen zuruft, heute Abend dürfe man ‹alles denken› und auch ‹alles sagen›, was man wolle.» Helfen die Hosenträger, der Sechstagebart oder die Bemerkung, dass Christoph Blocher von seiner Ehefrau begleitet wurde, Köppel zu porträtieren? Wohl kaum. Aber dann die Beobachtung, dass er «eine Rolex trägt»? Das Zitat vom Hörensagen: «Weggefährten sagen, Köppel habe im SVP-Patriarchen Christoph Blocher ‹den Vater gefunden, den er nie hatte› Vermutlich ist auch das nur ein Versuch, den Mann aus den Talkshows fassbar zu machen.»? Oder die Behauptung der Autorin: «Wenn er jemanden haben will, kann Köppel unerbittlich charmant sein. Wer die Weltwoche verlässt, bekommt das Gegenteil zu spüren. Außenseiter wie er brauchen uneingeschränkte Loyalität.»?</p>
<p>Letzte Frage: Kommt man der Person Köppels näher, wenn ihr Werdegang so dargestellt wird: «Vor kaum etwas graute es den Redaktionen so wie vor den selbsternannten Volksverstehern. Jenen, die die Welt in Gut und Böse teilen, ungeniert mit Angst, Unsicherheit und Unwissenheit ihrer Zuhörer jonglieren. Die etablierten Medien schrieben, zunehmend verzweifelt, so einfach dürfe man es sich nicht machen. Roger Köppel, leidenschaftlicher Historiker, oft bis in die Nacht in heroische Schlachten vertieft, sah, dass hier seine Zukunft liegen könnte: Die Dinge ganz einfach machen. So einfach, dass man sie als Schlachtparole in die Nacht rufen könnte.»? Oder indem die Person Köppel am Schluss des Porträts an den Reaktionen einer Schulklasse, die ihn im Bundeshaus besuchen durfte, gespiegelt wird: «So ganz können die Schüler nicht fassen, was passiert ist. ‹Am Anfang war er mir sympathisch, aber dann hat er absurde Beispiele gebracht und uns nicht mehr drangenommen›, sagt einer. Wer noch dieser Meinung ist? 20 von 25 Händen gehen nach oben. ‹Für uns war es total frustrierend, und er genießt es so richtig›, fasst eine Schülerin zusammen. ‹Du findest einfach, er ist ein Arschloch, und jetzt bist du sauer, weil er dich fertiggemacht hat›, tönt es aus der letzten Reihe. Ob es jemanden gibt, der Köppel-Gegner war und überzeugt wurde? Niemand meldet sich.»?</p>
<p>Dieses Porträt zeichnet das Bild eines Rechtspopulisten, der durch die Begegnung mit einem Ersatzvater vom Journalisten zum terrible simplificateur geworden ist, aber damit nicht einmal Schüler überzeugen kann. Umgeben von merkwürdigen Gestalten wie Kachelmann, Blatter und deutschen Autoren, die loyal seine Meinung vertreten. Also das Porträt als Karikatur, nicht wirklich gelungen. Gesamtnote 3.</p>
<p><a href="http://www.lu-wahlen.ch/uploads/media/spi_20160213_10853_1_1.pdf" target="_blank"><strong>3. «Der Spiegel»: Ein berechenbares Bemühen</strong></a><br />
Auf über fünf Seiten will das deutsche Nachrichtenmagazin seinen Lesern erklären, «wie aus dem begabtesten Blattmacher Zürichs ein Rechtspopulist wurde, der sein Land verändern will.» Schon der launige Titel lässt erahnen, was der Autor davon hält: «Köppel aus dem Sack», lautet er, und mit leichtem Bedauern schildert der «Spiegel», wie es mit dem Begabten abwärts ging: «Früher stand Köppel für einen unkonventionellen Blick auf die Welt. Er ließ ihn zu einem angesehenen Journalisten werden, neugierig, eloquent. Und in diesen Tagen schreibt er Sätze wie: ‹Dass in Deutschland die Asylheime brennen, hat mit der Weigerung der Regierung und der Medien zu tun, die berechtigten Sorgen der Leute aufzunehmen.›» Falls der Leser nicht wissen sollte, was er davon zu halten hat, der «Spiegel» ordnet ein: «Das ist hinterhältig und falsch, und trotzdem ist Köppel kein stumpfer Spießer wie das freakhaft wirkende Personal der AfD. Mit roten Wangen und der Unbeirrbarkeit eines Marathonläufers spult Köppel in deutschen Talkshows seine Thesen herunter. Für Schwarzgeld, für Sepp Blatter, aussichtsloses Zeug. Ein Verrückter?»</p>
<p>Der «Spiegel» zeichnet den Werdegang Köppels nach und gibt drei Köppel-Kennern die Möglichkeit zur Ferndiagnose. Dem Autor Martin Suter: «‹Ich bin nicht sicher, ob der Roger rechts ist. Er ist mehr rechthaberisch als rechts. Man kennt solche Leute aus dem Konfirmationsunterricht. Die steigern sich in irgendetwas rein aus reiner Debattiersucht.›» Dem Radiopionier Roger Schawinski: «‹Köppel ist sehr gefährlich. Es fehlt ihm ein gewisses moralisches Fundament.› Köppel, sagt Schawinski, sei ein traumatisierter Mensch. Aufgewachsen in Kloten, der Einflugschneise von Zürich, die Eltern seien früh gestorben, die Mutter, als Köppel 13 Jahre alt war, durch Selbstmord. In dem Waisen hätte sich das Gefühl ausgebreitet: ‹Entweder ich gehe unter, oder ich gehe ganz nach oben.›» Und dem ehemaligen Mitarbeiter Bruno Ziauddin, der über seine Erlebnisse ein Werk geschrieben hat: «Ziauddin sitzt in einem Café am Zürichsee, er wirkt bedrückt. Natürlich sagt Ziauddin, ‹Bad News› sei ein fiktiver Schlüsselroman, aber er gibt zu, dass viele Parallelen zu Köppel existieren. Er spricht vom Verlust der ‹Diskurshoheit der Linken›, wie sich das ‹Provokationspotenzial nach rechts gewandt› habe und wie es bei den Rechtspopulisten einen höheren Drang gebe, die Dinge zu ändern.» Dann nimmt sich der «Spiegel» den «Weltwoche»-Titel mit den kriminellen Ausländern zur Brust: «In Deutschland würde man sich mit solch einem Cover in der Tradition des ‹Stürmer› aus der seriösen Welt verabschieden.»</p>
<p>Aber in der Schweiz ist alles offenbar ein wenig anders, besonders, wenn sich SVP-Mitglieder mit Köppel vor dem Bundeshaus versammeln: «Es ist politisches Theater von der groben Sorte, das da betrieben wird. Es passt zu Brunner, der Bauer ist und immer gut für einen Schenkelklopfer, und es passt auch zu den wenigen Parteimitgliedern, die mit Goldkettchen, trübem Blick und Zigarette um ihn herumstehen und aussehen, als könnten sie bei der Mafiaserie ‹The Sopranos› mitspielen.» Und der Pate ist natürlich Christoph Blocher, dessen «politisches Engagement liest sich wie eine Top-Ten-Liste gegen die Vernunft des späten 20. Jahrhunderts». Dem aber Köppel verfallen ist: «Köppel ist kein Mensch, den man einfach kaufen kann. Man muss ihn füttern und ihm die Möglichkeit zur Selbsthypnose geben. So ähnlich muss es Blocher angestellt haben.» Und falls noch jemand Zweifel haben sollte, wo das hinführt, dem hilft das «Spiegel»-Porträt mit seiner Schlusspointe: «Das Anything-Goes seiner früheren Blattmacherjahre hat er umgewandelt: Alles geht, ohne Tempolimit, aber nur auf der rechten Spur. Für einen Intellektuellen wie ihn gibt es dort viel Raum. Wenn man ihn aber von früher kennt, wirkt der Roger Köppel von heute wie ein Geisterfahrer.»</p>
<p>Aber immerhin, eine lange Strecke im «Spiegel», und das Bemühen des Autors ist erkennbar, die Gründe für den Werdegang Köppels nachzuzeichnen. Allerdings ist es sonnenklar, dass es vom früheren Köppel zum aktuellen ein Weg nach unten ist, vom begabten Blattmacher zum Geisterfahrer auf der rechten Spur. Gesamtnote: 3,5.</p>
<p><a href="http://www.zeit.de/2015/43/schweiz-roger-koeppel-parlament" target="_blank"><strong>4. «Die Zeit»: Die pointillistische Version</strong></a><br />
Das gepflegte Organ nachdenklicher Schreibe, personifiziert im Elder Statesman und Herausgeber Helmut Schmidt selig, nahm sich unter dem Titel «Die Wut der Worte» des «Schweizer Publizisten Roger Köppel» an, der «gegen Flüchtlinge polemisiert» und nun «im Parlament sitzt». Da dieses Porträt kurz nach Köppels Wahl in den Nationalrat geschrieben wurde, zeichnet es nur das Erweckungserlebnis des Neupolitikers nach: «Am Anfang dieser Karriere stand ein Interview mit Christoph Blocher, dem Multimilliardär und Volkstribun. Im Jahr 2000 diskutierten die beiden über militärische Führungstechniken. Köppel, Sohn einer Sekretärin und eines Bauunternehmers, hat ein Faible für erfolgreiche alte Männer. Da wird der sonst so laute Köppel leise, regelrecht unterwürfig. Typen wie Putin und Berlusconi faszinieren ihn.» Die «Zeit» konzediert Köppel rhetorische Brillanz, indem sie einen Auftritt in der «Arena» beschreibt: «Was als nette Plauderei gedacht ist, menscheln sollte, nutzt Köppel. Er reißt das Ruder an sich. Greift den Sozialdemokraten Guldimann an, rattert seine Parolen herunter. In der direkten Konfrontation lebt Köppel auf. Dabei beweist er oft Humor, manchmal auch Selbstironie – immer wieder untermalt von diesem Lachen, das ihn spontan überfällt. Vor allem aber schafft es Köppel, seine Argumentation mit Werten zu verbinden, die viele teilen, im Grunde auch die meisten seiner Gegner: Selbstbestimmungsrecht der Völker, Asyltradition der Schweiz, Europa der Nationen, Demokratie, Unabhängigkeit und ein Schuss Anarchie. Köppel dreht das einfach anders. Er spricht bildhaft, in giftigen Wortkonstrukten. Die deutsche Bundeskanzlerin wird bei ihm zur ‹Schlepperkönigin Merkel›. Er sagt: ‹Wir können nicht ganz Afrika in Europa aufnehmen.› Über das Bild eines überfüllten Flüchtlingsbootes, das als Symbolbild für Europas Versagen durch die Medien ging, setzt er in seinem Blatt die Schlagzeile: ‹Afrikas Schuld›.»</p>
<p>Es ist nicht wirklich ein Porträt von Mensch und Werk, sozusagen die pointillistische Version mit einigen hingehauchten Tupfern. Dafür gibt es Abzug in der Inhaltsnote, aber dennoch die Gesamtnote 4,5.</p>
<p><a href="http://www.blick.ch/storytelling/2017/koeppel/" target="_blank"><strong>5. «Blick»: Klischeefreie Annäherung</strong></a><br />
Unter dem Titel «Der Köppel» tut der «Blick» etwas Unerhörtes: Er produziert ein üppig bebildertes und ausgestattetes Lesestück, das er in seiner Print-Ausgabe auf vollen zwei Seiten ausrollt und im Internet als Longform laufen lässt. Genügend Platz, um Biographie, Werdegang und aktuelles Wirken zu porträtieren: «Vom Journalisten zum Politiker, der auch eine Zeitschrift herausgibt.» Hier dürfen sogar namentlich genannte Mitarbeiter der «Weltwoche» ihren Chef kritisieren, dem auch die Möglichkeit eingeräumt wird, darauf zu replizieren. Beschreibungen wie «ohne intellektuelles Blutvergiessen geht es nicht» oder «Köppel mag es aggressiv, spitz und fulminant» sind durchaus akzeptabel, die Häme des Ringier-Verlags gegen seinen Konkurrenten hält sich in Grenzen: «Für Köppel ist das Parlament eher Bühne denn Wirkungsort. Er nächtigt während der Session oft im Fünfsternehotel Bellevue, dem besten Haus am Platz. First Class politique.»</p>
<p>Richtig spitz wird der «Blick» nur an einer Stelle: «Seine Weltsicht hat sich verengt, die Provokationen werden plumper. Anfang 2016 verharmloste Köppel in einem Editorial Reichsfeldmarschall Hermann Göring, die Nummer 2 in Nazi-Deutschland. Er zitierte leicht bewundernd aus einer 40 Jahre alten Biografie, ohne Görings Befehle zur «Endlösung der Judenfrage» zu erwähnen. Diese Huldigung war kein «Soufflieren des intelligenten Tischgesprächs», wie er den Anspruch der «Weltwoche» gern anpreist. Seine Abneigung gegenüber dem sogenannten «Mainstream» führte da den einstigen Studenten der Politischen Philosophie in die Sackgasse der Geschichtsvergessenheit.» Aber: Im umfangreichen «Blick»-Lesestück, moderner als «Storytelling» verkauft, fehlen drei Begriffe, die sonst untrennbar mit Köppel-Porträts verbunden sind: Rechtspopulist, Hetzer, Fremdenfeind. Hier wurde offensichtlich versucht, dem Porträtierten näherzukommen, ihn facettenreich darzustellen oder ganz einfach: ihm gerecht zu werden und das Urteil dem Leser zu überlassen. Wird kritisiert, bekommt Köppel fast immer Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen. Wird auf Widersprüche bei ihm hingewiesen, darf er widersprechen.</p>
<p>So ist durchaus auch die abschliessende Bilanz des Artikels erlaubt: «Würde der Journalist Köppel von einst über den Politiker Köppel von heute ein Porträt schreiben – er könnte es sich nicht verkneifen, den Begriff des «politischen Aktivdienstes» an sein Ende zu formulieren: Auf dem Schlachtfeld der Ideologien werden auch die klugen Köpfe zu Soldaten. Roger Köppel war der verheissungsvollste von ihnen.» Das reicht immer noch für eine Gesamtnote von 5,5. Begleitet vom Wunsch, dass die Autoren des Artikels ihn im Hause Ringier mit seinem Vordenker und Strippenzieher Frank A. Meyer, der Roger Köppel fast so sehr verabscheut wie den «Führer aus Herrliberg», überleben mögen.</p>
<p><strong>Epilog</strong><br />
Der Autor dieses Meta-Porträts veröffentlicht ab und an Artikel in der «Weltwoche». Ich schätze an Roger Köppel, dass er mir diese Plattform bietet. Zumal ich ihn mehrfach öffentlich auf das schärfste kritisierte und im Zusammenhang mit der Hildebrand-Affäre seinen Rücktritt forderte.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/11/wie-mache-ich-mir-ein-feindbild/">Wie mache ich mir ein Feindbild?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Porträt Judith Oldekop: «Ich bin ein chronischer Optimist»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/04/22/portraet-judith-oldekop-ich-bin-ein-chronischer-optimist/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Thomas Paszti]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 22 Apr 2016 08:33:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Beruf & Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=10380</guid>

					<description><![CDATA[<p>Judith Oldekop hat vor einem Jahr von der Swisscom zum Start-up Siroop gewechselt und leitet dort das HR.</p>
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		<item>
		<title>«Die Gegenposition zum Mainstream ist immer richtig»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2015/02/28/die-gegenposition-zum-mainstream-ist-immer-richtig/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2015/02/28/die-gegenposition-zum-mainstream-ist-immer-richtig/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 28 Feb 2015 22:30:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Weltwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Kurt W. Zimmermann]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[SVP]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Blocher-Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Christoph Blocher]]></category>
		<category><![CDATA[Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Blocher-Medien 2014]]></category>
		<category><![CDATA[Rudolf Augstein]]></category>
		<category><![CDATA[Esther Girsberger]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Köppel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit 50 Jahren ist Roger Köppel der bekannteste Journalist der Schweiz und ein unabhängiger Verleger mit Herzblut, vieles erinnert an Rudolf Augstein. Von seinen ehemaligen Kollegen und Arbeitgebern hat er sich emanzipiert, seine Weltwoche sieht er als Truppe, die mit dem Rammbock an die Tore unerstürmter Burgen hämmert. Bei den im Oktober anstehenden Wahlen will <a href="https://medienwoche.ch/2015/02/28/die-gegenposition-zum-mainstream-ist-immer-richtig/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mit 50 Jahren ist Roger Köppel der bekannteste Journalist der Schweiz und ein unabhängiger Verleger mit Herzblut, vieles erinnert an Rudolf Augstein. Von seinen ehemaligen Kollegen und Arbeitgebern hat er sich emanzipiert, seine Weltwoche sieht er als Truppe, die mit dem Rammbock an die Tore unerstürmter Burgen hämmert. Bei den im Oktober anstehenden Wahlen will er nun auch noch für die Schweizerische Volkspartei (SVP) als Nationalrat ins Parlament einziehen.</strong></p>
<div align="right">
<h2>«Wir werden ohne Rücksicht auf Verluste eine faire und schonungslose Klinge schlagen. Wir sind unabhängige Leute, und man wird sich daran gewöhnen müssen. Wenn wir das Maul halten sollen, muss man es uns schon stopfen.»</h2>
<p><small>Rudolf Augstein, damals 28, in einem Kommentar zum fünfjährigen Bestehen des «Spiegel» 1951, zitiert aus «Die Herren Journalisten» (Lutz Hachmeister / Friedemann Siering 2002, C.H. Beck), Seite 97.</small></div>
<p></p>
<p>Am 21. März 2015 ist es soweit: Roger Köppel wird 50 Jahre alt. Er strahlt noch immer Jugendlichkeit aus, was seinem noch nicht ergrauten Haar und seiner hellwachen Art, aber natürlich auch seinem nachhaltigen Lebenswandel geschuldet ist. Er raucht nicht, trinkt wenig Alkohol, treibt viel Sport, gesundheitsgefährdend ist nur das Übermass an Arbeit, das er sich aufbürdet. Dass Köppel heute der wichtigste Journalist der Schweiz ist, hat er nicht nur grossem Talent und harter Arbeit zu verdanken, sondern auch einer frühen Förderung. Bereits mit 32 Jahren wurde er zum Chefredaktor des damals renommierten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Magazin_%28Schweiz%29">«Magazins»</a> ernannt. Esther Girsberger erinnert sich, dass die damalige Entscheidung in ihre Kompetenz fiel: «Bei der Nachfolgefindung von René Bortolani dachte ich: Roger Köppel ist der Richtige. Schreibt sehr gut, ist eloquent und breit aufgestellt. Kurt W. Zimmermann dagegen, damals Geschäftsleitungsmitglied der Tamedia, reagierte zunächst mit dem Satz ‹Spinnst Du eigentlich?› auf meinen Vorschlag».</p>
<p>Zimmermann kann sich daran nicht erinnern. Auf Anfrage schreibt er: «Köppel war im Haus schon lange als gewitzter Typ aufgefallen und hatte Anhänger bis hinauf in die Unternehmensspitze. Wenn ich mich richtig erinnere, waren besonders Hans-Heinrich Coninx, Iwan Rickenbacher und Antje Landshoff sehr von ihm angetan. Auch Roger de Weck hatte zuvor mehrmals gesagt, dass er Köppel zwar für einen etwas speziellen Typen, aber für einen der kommenden Köpfe im Hause halte.» Köppel ist ein anderer Satz von Zimmermann in Erinnerung geblieben, geäussert an jener Sitzung der Geschäftsleitung, an der er sein Konzept für das «Magazin» vorstellte: «Wenn ich Dir so zuhöre, krampft sich alles in mir zusammen.» Der Trend sei damals eben «reiner Lifestyle und Sauglattismus à la SZ-Magazin» gewesen, so Köppel, und die damaligen Vorbehalte sind längst begraben: «Kurt und ich wurden bald Freunde und mein Respekt für ihn ist über all die Jahre gleichbleibend gross geblieben. Aber ohne Esther Girsberger wäre ich nie Chef des Magazins geworden – dafür bin ich ihr bis heute dankbar. Wie auch Michel Favre und Hans Heinrich Coninx, die sich auf das Abenteuer eingelassen haben.» Seine eigene Förderung hat er zurückgegeben, in dem er selbst Journalisten förderte: ehemalige Angestellte von ihm sind heute in den Chefredaktionen von «Blick», Basler Zeitung und Sonntagszeitung anzutreffen. Köppel weist darauf hin, dass er seinen Nachfolger beim «Magazin», Res Strehle, selbst angestellt und gegen Bedenken aus der Geschäftsleitung mit einem Zehnpunkte-Empfehlungsschreiben als neuen Chef empfohlen hat.</p>
<h3>«Darth Vader»</h3>
<p>«Eigentlich müsste man, wenn ich in die Redaktion komme, den Darth-Vader-Marsch spielen», sagte Köppel der <a href="http://www.zeit.de/2002/06/Bad_Guy_in_der_Warteschleife/komplettansicht">«Zeit» 2002</a>, und dieser Satz zeigt seine Faszination für die Macht und für das Böse. Und seinen Humor, den ihm einige absprechen wollen, während ihn andere nicht verstehen können. Doch verkörpert er das Böse oder strebt er es an, wie das einige seiner Gegner glauben? «Keine Sorge, der will nur spielen», ist ein geflügeltes Wort unter Hundebesitzern, dem zurecht nicht immer zu trauen ist. Und auch bei Köppel fragt man sich des Öfteren: Wohin zeigt sein innerer moralischer Kompass? Hat er überhaupt einen oder ist er tatsächlich amoralisch, wie das ein ehemaliger Mitarbeiter behauptet? In Friedenszeiten sind Artikel, die Hooligans in Schutz nehmen, pauschal über Roma urteilen und Titel, die den Koran zur «Bibel der Gewalt» erklären, einigermassen gut erträglich. Aber würde Köppel seine Macht auch ganz anders ausnützen, wenn er nur könnte? Auf welcher Seite der Macht stände «Darth Vader» in einem veränderten Machtgefüge, auf der hellen oder auf der dunklen?</p>
<p>Köppel hat auf all diese Fragen eine simple Antwort: «Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, auf der Seite der Mehrheit zu stehen. Wenn alle auf den kleinen, dicken Aussenseiter zeigen auf  dem Pausenplatz, dann braucht der, der sich neben ihn stellt, etwas mehr Mut. Die Einnahme der Gegenposition zum Mainstream ist immer richtig. Wo alle loben, muss man kritisieren. Wo alle kritisieren, muss man loben.» Und da hat er natürlich recht. Jeder, der am Pranger der Medien oder der Bevölkerung steht, hat wenigstens einen Anwalt verdient; das gilt für Geri Müller genauso wie für Grossbanken, Rohstoffhändler oder das noch mächtigste Land der Welt. Sich selbst sieht er als <a href="http://www.duden.de/rechtschreibung/Eklektiker">Eklektiker</a>: «Wenn ein anderer eine interessante Idee hat, bin ich der erste, der die nach vorne bringt. Jeder Journalist sollte Eklektiker sein. Er muss interessante Ideen und Gedanken ungeachtet des Absenders prüfen und verarbeiten.»</p>
<blockquote class="twitter-tweet" lang="en">
<p>Breaking News: wieder Kurswechsel bei der Weltwoche! <a href="http://t.co/gzChWmyccs">pic.twitter.com/gzChWmyccs</a></p>
<p>&mdash; Markus Schär (@SchaerWords) <a href="https://twitter.com/SchaerWords/status/398757380436930560">November 8, 2013</a></p></blockquote>
<p><script async src="//platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script></p>
<p>Aufgewachsen ist Roger Jürg Köppel in der Agglo, in Kloten und Bülach. Sein Vater, ein Ostschweizer, lernte Maurer und war später Besitzer der Hochbaufirma Köppel AG, spezialisiert in Renovationen. Nach gesundheitlichen Problemen in den 1970er-Jahren verkaufte er die Firma und starb wenige Jahre später, wie auch seine Mutter. Bereits als Teenager zum Vollwaisen geworden, wuchs er in der mütterlichen Wohnung bei seinem zehn Jahre älteren Bruder und dessen Freundin auf. Die Grosseltern, Tanten und Onkel halfen im Haushalt. Als erster seiner Familie schaffte er es ans Gymnasium und später an die Hochschule. Nach der Kantonsschule Zürcher Unterland und vor seinem Eintritt in die Universität Zürich sammelte er Gepäckwagen am Flughafen Zürich. Wie ein bekannter Reporter beim Tages-Anzeiger übrigens, Constantin Seibt, der weitere erstaunliche Parallelen im Lebensweg aufweist: Die beiden hatten den gleichen Jugendfreund, den gleichen Mentor, den gleichen Professor &#8211; und schafften es trotzdem, sich dabei kein einziges Mal über den Weg zu laufen. Eigentlich wollte er Lehrer werden, sagt mir Köppel. Er habe schon immer gerne Vorträge gehalten und der pädagogische Furor habe ihn bis heute nicht verlassen.</p>
<h3>Ideenmaschine</h3>
<p>Glaubt man seinen Gegnern, so hat er aus der Weltwoche ein Propaganda- und Hetzblatt gemacht. Doch Köppel steht unbeirrbar zu dem, was er macht, und publizistisch hat er abseits fragwürdiger Titelbilder und Zuspitzungen bislang verhältnismässig wenige Fehltritte zu verantworten, <a href="http://presserat.ch/positions.htm">siehe dazu die Stellungnahmen auf Presserat.ch</a>. Für ambitionierte Journalisten kann er in vielen Bereichen nur ein Vorbild sein: Sein Output ist oft höher als der seiner Mitarbeiter oder Konkurrenten, Interviews macht er wie nebenbei, jede Woche steht ein sprachlich eloquenter und inhaltlich wegweisender Text («Editorial»), ständig beschäftigt er sich mit neuen Fragen und veröffentlicht neue Artikel. Selbst ist er vielleicht nicht der allerbeste Rechercheur, doch das macht er wett, in dem er sein Magazin konsequent auf die Recherche ausrichtet. Seine herausragende Stärke ist die Ideenmaschine, die in ihm sprudelt sowie seine glasklare, stets elegante Sprache. Dass er ein ganzes Wochenmagazin nach seiner Art prägen konnte, ohne dabei die Wurzeln des Titels zu verleugnen, ist eine beachtenswerte Leistung, die ihm (leider) niemand nachmacht. Wie lebendig und aufregend wäre doch eine Schweizer Medienszene mit zwanzig Köppels in den Sesseln der Chefredaktionen! Die müssten auch gar nicht alle männlich und liberalkonservativ sein, sondern vielleicht weiblich, grünliberal oder kommunistisch. Und nicht besessen von Politik und Wirtschaft, sondern vielleicht von Mode, Fussball, Biologie, Mangas oder Malerei.</p>
<div style="border: 1px solid #dddddd; margin: 3px 0px 10px 10px; padding: 7px; background: #ececec none repeat scroll 0% 0%; float: right; font-size: 0.9em; width: 147px; line-height: 1.3em; color: #4382cf;"> <a href="https://medienwoche.ch/tag/blocher-medien-2014/"><strong><big>Werdegang</big></strong></a></p>
<p>1988-1994:<br />
Film- und Sportredaktor bei der NZZ<br />
1994-1997:<br />
Kulturredaktor beim Tages-Anzeiger<br />
1997-2001:<br />
Chefredaktor «Das Magazin», ab 2000 zusätzlich stellvertretender Chefredaktor beim Tages-Anzeiger.<br />
2001-2004:<br />
Chefredaktor der Weltwoche<br />
2004-2006:<br />
Chefredaktor «Die Welt»<br />
2006-heute:<br />
Chefredaktor und Eigentümer der Weltwoche
</p></div>
<p>Auch wenn dem inzwischen zum Millionär gewordenen Aufsteiger nachgesagt wird, geizig zu sein und in ständiger Angst vor dem Verarmen zu leben, zahlt er seine Mitarbeiter ordentlich, die Freien sogar sehr gut im Vergleich zur Konkurrenz. Er lebt in Symbiose mit seiner Firma &#8211; jeder Franken, der ausgegeben wird, sieht er als sein eigener an, jeder gemachte Fehler betrifft ihn ganz persönlich. Doch während viele Journalisten das Soziale vor allem im Herzen verspüren und auf der Zunge herumtragen, erhält Unternehmer Köppel die anderenfalls wohl schon längst an ihren Verlusten hingeschiedene Weltwoche als finanziell rentablen Hort des wertvollen Journalismus. Unterschlupf bei seiner Zeitung fanden in den letzten Jahren nicht nur eine Reihe von jungen, noch beeinflussbaren Männern, sondern auch einige gestandene Herren, die nach einem kurzzeitigen Höhenflug im Mittelmass des Consultings dümpelten, so Ex-Bilanz-Chef René Lüchinger oder Ex-Sonntagszeitung-Chef Martin Spieler. Sogar Journalisten, die ihn öffentlich frontal angriffen (René Zeyer) oder seine Karriere gefährdeten (Tom Kummer), fanden wieder Arbeit bei ihm. Wie viele andere Chefs in dieser eitlen Branche zeigen denn eine solche Grösse und eine solche Bereitschaft zum Verzeihen?</p>
<h3>Sonnenkönig und Duracellhase</h3>
<p>Oder geht es hierbei um etwas Anderes, um Macht? Um die Möglichkeit, zu herrschen, Menschen zu beherrschen? Denn wer zur Weltwoche geht, muss bereit sein, sich einem uneingeschränkt herrschenden Sonnenkönig unterzuordnen, der selbst im Einzelbüro sitzt, während die angestellten Journalisten im lärmigen Grossraumbüro kreativ werden sollen. Die «Checks und Balances», von denen Köppel so gerne schreibt, gelten natürlich für Staatsgebilde, und nicht etwa für ein privates Unternehmen wie die Weltwoche. Aber Köppel ist schlau: Um nicht als Diktator gelten zu müssen, darf selbstverständlich jeder in der Weltwoche exakt das schreiben, was ihm gefällt &#8211; aber nur, wenn es gut genug ist. Also gut genug für Köppel. Ist das nicht der Fall, wird diskutiert, und zwar so lange, bis der Opponent einsichtig wird oder aufgibt. Er (und auch Markus Somm) verhalten sich in Diskussionen wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Duracellhase">Duracellhasen</a> und wiederholen auch noch dann ihre Standpunkte in neuen Variationen, wenn ihre Gesprächspartner längst resigniert haben oder aus Langeweile eingeschlafen sind. Grundsätzlich ist und war es Weltwoche-Redaktoren immer möglich, etwas gegen den Willen der Chefredaktion durchzubringen &#8211; lange bis sehr lange Diskussionen muss man dafür aber aufwenden. Das ist nicht nur Abwehrstrategie, denn Köppel will tatsächlich, dass man seine Argumente nachvollziehen kann; vor allem aber will er die Diskussion gewinnen. Der Klügere gibt nach, so die Redewendung. Der Beharrliche aber gewinnt. Vielfach kommt es jedoch gar nicht zu Konfrontationen, denn gegen seine Dominanz und Argumentationskraft glauben viele Mitarbeiter nicht anzukommen. Kurz: Was Köppel nicht gut findet, wird nicht gemacht, und dann heisst es in der Weltwoche-Redaktion: «Deine Argumentation ist zu wenig gut» oder «Du musst zuerst ganz anderes schreiben, damit ich Dir dafür Platz einräume».</p>
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<p>Köppel selbst sieht es so: «Die Weltwoche ist eine Zeitung, bei der der Autor eine grössere Freiheit hat als anderswo. Wo man ihm sagt: Ich sehe es nicht so, aber wenn Du es unbedingt so schreiben willst: Es steht ja Dein Name drüber, also schreibe es. Ich bin fordernd, wenn ich das Gefühl erhalte, dass sich einzelne Leute divenhaft oder egozentrisch verhalten und glauben, sie seien Starautoren und können nur alle fünf Monate etwas schreiben. Aber habe ich schon jemals einem Journalist gesagt, was er schreiben muss und habe das gegen seinen Willen eingefordert? Nein. Wenn ich den Leuten sagen muss, was sie schreiben müssen, dann kriege ich Depressionen. Gute Journalisten lassen sich nichts diktieren. Die Weltwoche kann nicht auf Ja-Sager setzen, und würde ich solche Leute anstellen und behalten, wäre ich als Chef eine Flasche. Entscheidend ist, dass man bereit ist, die Wirklichkeit zu beschreiben, auch wenn sie den eigenen Vorurteilen widerspricht. Man muss sich auf die Sache einlassen können und etwas zu sagen haben. Diese Art von Selbstentfaltung, bei der sich das Selbst an einem Gegenstand, an einer Beobachtung oder einer triftigen Einsicht entfaltet &#8211; das ist der Reiz meines Berufes. Die Weltwoche ist das natürliche Asylheim für alle jene, die diese Art von Freiheit und Unabhängigkeit publizistisch zum Ausdruck bringen wollen. Das ist das Gegenteil von Ego-Journalismus, von Selbstbespiegelung und Nabelschau.»</p>
<p>Mitarbeiter, die ihm echt Paroli bieten konnten und das auch wollten, sind nach und nach gegangen oder gegangen worden: Markus Somm, Eugen Sorg, Thomas Widmer, Peer Teuwsen, um nur einige zu nennen. In der aktuellen Redaktion sind abgesehen von den letzten Neuzugängen am ehesten noch Stellvertreter Philipp Gut sowie Alex Baur in der Lage, Köppel rhetorisch Contra zu geben &#8211; was jetzt nicht zwingend als Kritik gesehen muss, denn viele erreichen ihre Ziele ja auch ohne Debatten. Führen ohne grosse Opposition ist natürlich bequemer, aber es macht das Blatt nicht besser. Die Weltwoche ohne potente innerredaktionelle Opposition contra Köppel ist kalkulierbarer geworden, langweiliger, und ja, schlechter. In seinem vieldiskutierten Editorial <a href="http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2014-36/editorial-begehren-die-weltwoche-ausgabe-362014.html">«Begehren»</a> (Weltwoche vom 4. September 2014) steht der Satz: «Der begehrende Mann ist nicht mehr zurechnungsfähig.» Dass es in der Weltwoche-Redaktion niemanden gibt, der Köppel so einen Satz rausstreicht, ist bedenklich. Wer Männer im Rausch ihrer Lust für unzurechnungsfähig erklärt, rechtfertigt Übergriffe jeder Art, denn Unzurechnungsfähigkeit meint Schuldunfähigkeit (siehe <a href="http://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19370083/index.html#a19">StGB Art. 19, 1 und 2</a>). Es gibt übrigens eine grosse Weltreligion, die Verschleierungs-Schutzmassnahmen getroffen hat, um den Mann vor den ungeheuerlichen Auswirkungen visueller Reize zu schützen &#8211; vielleicht könnte die das Problem bewältigen.</p>
<h3>Mit dem Rammbock an das Burgtor</h3>
<p>Es sind auch nicht alle Mitarbeiter gleich vor dem Mann, der sowohl der Redaktion als auch dem Verlag vorsteht: Er unterscheidet zwischen jenen im Schützengraben (Journalisten) und jenen im Parfümfach (alle anderen beziehungsweise die schlechten Journalisten). O-Ton Köppel: «Wir sind die ersten, die mit dem Rammbock an das Burgtor hämmern und dann mit Pech und Schwefel übergossen werden! Fünf Jahre danach, wenn die Burg erstürmt ist und wir schon längst an der nächsten Burgmauer stehen, kommen die Parfümbrigaden der NZZ am Sonntag unter dem Applaus der Hofdamen.» Zeit, um einen Moment über die phallische Symbolkraft dieses Bilds nachzudenken: Mehrere Männer versuchen gemeinsam, mit einem «Pfahl» eine «Tür» zum Bersten zu bringen, um Zugang zur «Burg» zu erhalten?</p>
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<p>Ist es das Selbstverständnis der Weltwoche, das viele Frauen davon abhält, für ihn zu arbeiten, sich für ihn in den Schützengraben zu stürzen? Köppel glaubt das. Er habe oft (und oft erfolglos) versucht, Frauen zur Weltwoche zu holen. Zwar gebe es welche, die es aushalten, auch mal in Sippenhaft genommen zu werden, doch vielleicht sei die Weltwoche manchmal nicht das ideale Betätigungsfeld für Frauen; denn von Frauen werde erwartet, dass sie immer makellos, unangreifbar und mit strahlendem Image auftreten. «Im Verhältnis nach Aussen sind Frauen oft auf Harmonie und Zurückhaltung bedacht, nach Innen dagegen, im Beziehungsverhältnis, sind sie oft jene, die die Harmonie stören.» Auch die Energien, die sie entfesseln, wenn sie sich stark exponieren, seien «heavy»: «Ich beobachte einfach, dass Frauen Mühe haben, sich so zu exponieren, wie das in der Weltwoche halt oft erforderlich ist. Es gibt ja auch nicht allzu viele Männer, die diese Unabhängigkeit haben. Bei Frauen kommt dazu, dass sie stärker kritisiert werden als Männer, wenn sie entsprechend dezidiert auftreten. Das ist eigentlich schade, weil ich viele Frauen kenne, die brillant schreiben und die ich gerne für die Weltwoche gewinnen würde, aber vielleicht ist ihnen die Hitze bei der Weltwoche zu hoch.» Ein ehemaliger Mitarbeiter sagt, Köppel sehe sich als ein General, der seine Truppe kommandiert. Wer ihn regelmässig liest, kommt nicht um die Lektüre vieler militärischer Vergleiche, was mit der Lieblingslektüre von Historiker Köppel zu tun haben könnte, historischen Sachbüchern.</p>
<p>Als Chef ist er herausfordernd, mit einer grossen Sprunghaftigkeit in der Organisation. Mehrere Quellen sagen, dass er ohne sein Sekretariat, das ihm die E-Mails ausdruckt, den Alltag organisiert, Blumen bestellt für seine Frau und ihm sagt, wann er den nächsten Zug nehmen muss und wann zum Vortrag aufbrechen, verloren wäre. Das von ihm nach dem Buch «Das Blocher-Prinzip» bei der Weltwoche eingeführte Antragswesen findet er in der Theorie zwar genial, in der Praxis aber ist er ein Nonkonformist, der auf alle Regeln pfeift. Es ist also ein eher chaotischer Mann mit dem Wesen eines Anarchisten, der die Schweiz zu geordneten, konservativ-liberalen Werten verpflichten will. Die Folge davon: Konflikte in der Weltwoche werden oft ausserhalb der Struktur geregelt, bilateral. Seine wenigen Schwächen zusammengefasst: Sprunghaftigkeit, überbordender Wille zur Macht und obsessives Verhalten verbunden mit der Neigung, sich in totale Details zu verbeissen oder dem Thema gegenüber distanzlos zu werden. Dass er jeweils am Mittwochmorgen noch bis drei oder vier Uhr morgens an den letzten Details der neuen Ausgabe feilt, kann als grosse Leidenschaft und grosser Einsatz in der Tradition Rudolf Augsteins angesehen werden, denn auch dieser blieb oft bis tief in die Nacht in der Redaktion und wurde gelegentlich sogar morgens eingeschlafen an seinem Schreibtisch vorgefunden  &#8211; oder als mangelhafte Fähigkeit, gut zu organisieren. Oft schafft es die Realität einfach nicht, seinem Ehrgeiz zu entsprechen.</p>
<h3>Loslösung aus dem Journalistenpulk</h3>
<p>Sein Wille zur Macht manifestiert sich auch in der Nähe zur Macht. <a href="https://medienwoche.ch/2014/10/22/unter-dem-guru-von-herrliberg/">In den letzten Jahren wurde unübersehbar</a>, wie sehr er vom milliardenschweren Politiker Christoph Blocher beeinflusst ist. Offenbar musste Köppel nach und nach feststellen, dass er Blochers Positionen in nahezu jedem Punkt teilt. Öffentlich bleibt die Beziehung der beiden undurchsichtig. Sichtbar ist, dass Köppel im Zuge von Blochers Vorarbeit den Schweizer Journalismus befreit hat von der Übermacht eines linksgrünen Moralismus, wofür er geradezu obsessiv jedes tatsächliche oder vermeintliche Denkverbot besprungen und auseinandergenommen hat. Er hat sich empanzipiert und befreit von den in ehemals seinem Umfeld gepflegten Meinungen; denn viele seiner Kollegen im Journalismus haben (vielleicht nicht mal bewusst) im Nachgang der Aufstände gegen ein allzu selbstzufriedenes Bürgertum 1968 und 1980 eine ziemlich unverrückbare, elitäre Haltung angenommen, die von der breiten Masse nicht geteilt wird. Sein Mut, Haltungen und Meinungen zu vertreten, die im eigenen Umfeld zunächst kaum jemand teilte geschweige denn zu sagen oder zu schreiben wagte, steht in der Tradition selbständigen Denkens. Bei besonders kühnen Thesen mag eine Absturzgefahr in die Lächerlichkeit zu bestehen. Doch wer es nicht wagt, sich lächerlich zu machen, der bringt die Welt nicht voran; es ist das Schicksal aller Pioniere.</p>
<div style="border: 1px solid #dddddd; margin: 3px 0px 10px 10px; padding: 7px; background: #ececec none repeat scroll 0% 0%; float: right; font-size: 0.9em; width: 147px; line-height: 1.3em; color: #4382cf;"> <a href="https://medienwoche.ch/tag/blocher-medien-2014/"><strong><big>Privatleben</big></strong></a></p>
<p>Roger Köppel lebt mit seiner Frau Bich-Tien, einer früheren UBS-Mitarbeiterin, in Küsnacht bei Zürich; aus der Ehe sind bisher zwei Söhne und eine Tochter hervorgegangen. In seiner Freizeit liest Köppel gerne, «namentlich historische und philosophische Literatur, auch Theologie, Biografien, weniger Romane». Er ist Mitglied der Zunft zum Kämbel, Vorstandsmitglied der Opernfreunde Zürich und unterstützt als langjähriger Fan den Eishockeyverein «Kloten Flyers» via «Business Circle» auch finanziell. Nebenamtlich hält Köppel Vorlesungen über Schweizer Wirtschaftspolitik an der Hochschule St. Gallen (Executive MBA).</p></div>
<p>Köppels Abschied von der Denkweise seines Umfelds entwickelte sich langsam, aber stetig. Wer seinen 1998 zum Skandal aufgebauschten Text «Zum Genre des Scheissfilms» heute liest, kann gar nicht mehr recht erkennen, was genau damals so problematisch war. Die Abrechnung mit ödem, pseudogeistigem Filmstoff, wie ihn Wim Wenders, Alain Tanner oder Jean-Luc Godard mitunter erstellten, wurde wohl vor allem deshalb zum Skandal, weil sie einige Säulenheilige von ihren Sockeln runterschubste, auf die sie seine Kollegen zuvor gestellt hatten. Köppels feines Gespür für die Schwächen ihrer Positionen und der Mut, diese blosszustellen, ist nach wie vor der Hauptgrund für den Konflikt zwischen ihm und dem Journalistenpulk vom Typ sich intellektuell gebender Stadtbewohner mit SVP-Abneigung. Das Echo auf seine Provokationen erschallt in diesen Kreisen immer wieder neu und gleich. Es ist ein etwas fad gewordenes Ritual beider Seiten, das kaum noch Überraschung in sich trägt; man kann es sich jeweils am Montag in der Radio1-Sendung <a href="http://www.radio1.ch/de/podcasts/podcast-roger-gegen-roger.html">«Roger gegen Roger»</a> anhören. Das Problem sei nicht, so Köppel, dass er anders schreibe als die meisten Journalisten. Das Problem sei, dass die anderen Journalisten nicht so schreiben wie er. «Ich habe nichts gegen Leute wie Frank A. Meyer, ich kam mit dem sehr gut aus! Doch in dem Moment, als ich meine Sichtweise präsentiert habe, war ich nicht mehr erwünscht. Werde ich nun anders schreiben, damit der mich wieder mal zum Abendessen einlädt? No fucking way!»</p>
<p>Sein Weg geht hin zur Ehrlichkeit, so jedenfalls sieht er es selbst: «Das, was die Würde meines Jobs ausmacht, ist die Frage: Bin ich wirklich ehrlich? Stimmt mein Motiv? Schreibe ich das, was ich wirklich, nach bestem Wissen und Gewissen, denke? Es ist mein höchstes Ziel, dass die Weltwoche DIE Plattform des freien Denkens ist. Klar, auch ich kann mit einer Weltwoche nicht beliebig Inserenten verstören. Aber ich kann Ihnen versichern: In der Weltwoche, wie sie heute ist, können Sie zu 85 bis 90 Prozent ganz frei schreiben, was Sie denken. Bei allen anderen Zeitungen, wo ich bisher war: höchstens 50 Prozent.» Das klingt grossartig. Aber Fifa-Präsident Sepp Blatter, der «für eine breite Öffentlichkeit zum Inbegriff für Korruption geworden» ist (Zitat <a href="http://www.nzz.ch/sport/fussball/keine-gute-bilanz-1.18477761">NZZ</a>), sagt auch solche Sätze (Direktor Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit der Fifa: Walter de Gregorio, Ex-Redaktor der Weltwoche und dem Haus nach wie vor <a href="http://www.weltwoche.ch/ueber-uns/sommerfest-2014.html">freundschaftlich</a> <a href="http://www.weltwoche.ch/uploads/pics/0006_CDX_7562.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title="">verbunden</a>). Gefragt nach dem «wichtigsten Überlebensprinzip in der Fifa» <a href="http://www.weltwoche.ch/weiche/hinweisgesperrt.html?hidID=552967">antwortete er Köppel</a>: «Erstens: die fundamentale Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Zweitens: der fundamentale Glaube daran, dass meine Mission die richtige ist.»</p>
<p>Auch der zweite Satz könnte für Köppel gelten. Als das <a href="https://medienwoche.ch/2011/11/25/ich-misstraue-der-masse/">MEDIENWOCHE-Interview 2011</a> von ihm gegengelesen zurückkam, folgte kurz darauf noch ein weiteres E-Mail. Er schrieb mir:</p>
<blockquote><p>Irgendwo hinten heisst es im Abschnitt über Keller-Sutter: «Wir machten nur unseren politischen Job». Es müsste heissen «journalistischen Job».</p></blockquote>
<p>Ein freudscher Verschreiber der besseren Sorte, aber die Frage ist evident: Geht es um einen politischen oder um einen journalistischen Job, um eine Mission, einen Auftrag gar? Denn in Teilen der Öffentlichkeit hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass die Weltwoche ein SVP-Kampfblatt ist, das blind nachbetet, was die Führung vorbetet. Das ist zwar nur teilweise der Fall, und meist kommt der Vorwurf von Leuten, die seit Jahren keine Weltwoche mehr gelesen haben. Dennoch haben sich die Übereinstimmungen zu den Positionen der SVP nach blocherscher Prägung 100 Prozent angenähert, was den <a href="https://medienwoche.ch/2014/11/12/politiker-der-redaktion/">Verdacht einer Parteipropaganda</a> immer wieder nährt. Der «Einsatz für die Schweiz», sagt Köppel, sei für ihn eben immer bedeutsamer geworden. «Ich habe vielleicht erst im Ausland richtig realisiert, wie wichtig unsere Staatssäulen, wie wichtig Unabhängigkeit und Selbstbestimmung für die Schweiz sind. Diese Säulen sind die entscheidende Voraussetzung für den Wohlstand und den Erfolg unseres Landes. Nennen Sie es Mission, nennen Sie es Kampfblatt, ich habe gar nichts dagegen. Ich kämpfe für diese unabhängige, freiheitliche, selbstbestimmte und weltoffene Schweiz, die heute politisch gefährdeter ist denn je.» Was ist der Zusammenhang zum kürzlich vorgestellten <a href="https://www.credit-suisse.com/at/de/about-us/corporate-responsibility/news/barometer/identity-barometer.article.html/article/pwp/news-and-expertise/2014/12/de/national-pride-is-at-a-peak.html">CS-Sorgenbarometer</a>, das vermeldet, dass 90 Prozent der befragten Schweizer «sehr oder zumindest eher stolz» sind, Schweizer zu sein? Hat Köppel hier einen Trend erkannt oder einen erschaffen? Die Antwort ist die: Zwischen SVP und Weltwoche, zwischen Blocher und Köppel bestehen starke Wechselwirkungen. Es sind zwei Männer, die die Schweiz prägen möchten und sich gegenseitig beeinflussen.</p>
<h3>Parallelen zu Rudolf Augstein</h3>
<p>Köppel hat in den letzten Jahren das Nationale so betont wie das Liberale, und bei dieser Kombination fällt einem natürlich der Gründer des «Spiegel» ein, Rudolf Augstein, den Ralf Dahrendorf <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-19060270.html">1993</a> den «letzten Nationalliberalen» nannte. Köppel und Augstein teilen schwierige junge Jahre, frühe Führungserfahrungen, den Drang, einer politischen Meinung Ausdruck zu geben, eine gewisse Geneigtheit zur Ehrfurchtsverweigerung, die Sympathie für die Radikal-Liberalen der FDP / (SVP) sowie die Abneigung für übertriebene Politische Korrektheit und für die Vereinigungsbestrebungen der Länder in Europa. Während Augstein 1962/1963 von der Regierung für 103 Tage inhaftiert wurde, wurde Köppel auch schon belästigt und bedroht: 2006 wurde ein mit einem Messer bewaffneter <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Amir_Abdur_Rehman_Cheema">Student</a> vor der «Welt»-Redaktion abgefangen. Köppel nimmt es in Kauf und geht unbeirrt seinen Weg: «Wenn du eine unbequeme, unkonventionelle Zeitung aufbauen willst, dann musst du auch bereit sein, unten durch zu gehen.» <a href="http://www.persoenlich.com/news/medien/wir-sind-ein-segen-f%C3%BCr-die-schweiz-292954#.VNXX73b_CJY">2010</a> nannte Köppel den «‹Spiegel› der frühen sechziger Jahre» als Vorbild für die Weltwoche, und das gilt augenscheinlich für die mitunter fragwürdigen und verunglückten Titelbilder. Als Augstein so alt war wie Köppel heute, stand er vor einem Einstieg in die Politik, hier ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=mHAWuhZXaVk">Gespräch</a> kurz vor dessen 50. Geburtstag:</p>
<p><iframe loading="lazy" width="450" height="338" src="//www.youtube.com/embed/mHAWuhZXaVk?rel=0" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Stellt man die Annahme, Köppel orientiere sich an den Tugenden von Augstein, ohne seine Laster zu übernehmen, so wäre es angesichts des unglücklichen Ausflugs von Augstein in die praktische Politik jetzt an der Zeit, sich von der Politik und auch von der Wirtschaft zu emanzipieren und den Verlockungen der Macht und des Geldes vermehrt zu widerstehen. Denn trotz gebetsmühlenartiger Betonung der eigenen Unabhängigkeit konnte er seine Gegner bisher nicht überzeugen, dass seine Weltwoche stets unvoreingenommen und von der Machtelite unabhängig vorgeht. Was nicht nur ein journalistisches, sondern auch ein kommerzielles Problem ist, und damit sind nicht prioritär die in den Anzeigenabteilungen der Zeitungsbranche üblich gewordenen Bedingungen für geschaltete Inserate gemeint. Die Leser wollen Informationen, nicht Propaganda, und Leute, die glauben, er betreibe Propaganda, meiden seine Publikationen und werden das auch zukünftig tun.</p>
<p>Köppel hat nun einen anderen Weg eingeschlagen &#8211; statt sich von der Politik zu distanzieren, will er sie selbst gestalten. Am 26. Februar 2015 verkündete an einer <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BrYYlfwrRJc">Pressekonferenz</a>, er sei in die SVP eingetreten und wolle für die Partei kommenden Oktober in den Nationalrat einziehen. Doch wie ist es Rudolf Augstein ergangen, als er mit 50 für die FDP in den Bundestag einzog? Es ist in der Biografie von Peter Merseburger nachzulesen: «Freunde und Mitarbeiter, die sich in der politischen Alltagspraxis besser auskennen als er, melden alle ihre Zweifel an, aber geradezu störrisch beharrt Augstein darauf, eine Position in der Regierung oder die Macht in der Fraktion zu übernehmen.» Trotz vorheriger Zusicherung wird dem Parlamentsneuling der Fraktionsvorsitz verwehrt, statt in den Ausschuss für Aussenpolitik wird er in den für Medienpolitik geschickt. Und bald schon ist er immer häufiger «weder in Fraktionssitzungen noch im Bundestagsplenum zu finden, sondern im Bonner ‹Spiegel›-Büro». Augsteins Zeit im Bundestag dauert lediglich von November 1972 bis zum Januar 1973, danach legt er sein Mandat nieder. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=eKmcWQH6OV4">Rückblickend sagte Augstein über seinen Ausflug in die Politik</a>: «Ein Mensch wie ich, was soll der im Bundestag, letztendlich?»</p>
<p><iframe loading="lazy" width="450" height="253" src="https://www.youtube.com/embed/eKmcWQH6OV4?rel=0" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Und ein Mensch wie Roger Köppel? Es wird sich herausstellen, ob sein Einstieg in die Politik ein langfristiges Engagement ist, das in einer Führungsrolle innerhalb der Partei mündet &#8211; oder ob es sich dabei nur um einen Publicity-Stunt für seine Zeitschrift handelt. Tatsächlich ist er ein herausragender Journalist und eine Bereicherung für die manchmal allzu brave, allzu harmoniesüchtige, gar feige Schweiz. Und er tut gut daran, prioritär einer zu bleiben, auch wenn seine Bekanntheit und sein Redetalent inzwischen problemlos grössere Säle füllen. In einem Betätigungsfeld wie der Politik könnten journalistische Qualitäten wie geistige Flexibilität, Provokationslust und Mut zum Umbruch in gefährlichen Wankelmut, unmotivierte Aggression und unnötige Änderungen umschlagen. Oder einfach ins Nichts verpuffen, wie bei Augstein. Köppel kontert: «Ich habe ganz andere Motive als Augstein, der mit 50 eine neue Herausforderung suchte. Ich habe ein echtes politisches Anliegen: Ich muss mich für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Schweiz einsetzen.» Auch wenn sich Köppel gerne <a href="https://www.facebook.com/profile.php?id=1208734700&#038;sk=photos&#038;pnref=lhc">wie ein Politiker</a> neben seine <a href="https://www.facebook.com/DIE.WELTWOCHE/photos/t.1208734700/10152611131622050/">Leser</a>, <a href="https://www.facebook.com/DIE.WELTWOCHE/photos/t.1208734700/10152218974217050/">Zuhörer</a> und <a href="https://www.facebook.com/DIE.WELTWOCHE/photos/t.1208734700/10151942902207050/">Fans</a> stellt &#8211; von einem Journalismus von unten ist sein Blatt nach wie vor weit entfernt. Will Köppel tatsächlich einen echten Kontrapunkt setzen zur im Journalismus so verbreiteten elitistischen Sichtweise, wie sie ein Frank A. Meyer exemplarisch vertritt, dann muss er zukünftig echte Distanz schaffen zu den Mächtigen. Auch zu jenen von der anderen Seite. Also wenn er es ernst meint mit seiner ganz persönlichen Emanzipation.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/02/28/die-gegenposition-zum-mainstream-ist-immer-richtig/">«Die Gegenposition zum Mainstream ist immer richtig»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Markus Somm war auch schon Hausbesetzer</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2014/12/14/markus-somm-war-auch-schon-hausbesetzer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Dec 2014 19:38:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Hausbesetzer]]></category>
		<category><![CDATA[Chefredaktor]]></category>
		<category><![CDATA[NZZ]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Spillmann]]></category>
		<category><![CDATA[tagesanzeiger.ch]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Somm]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Markus Somm soll NZZ-Chefredaktor werden. Er gilt als Sprachrohr von Christoph Blocher, hat in seinem Leben aber schon manchen Wandel vollzogen.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/12/14/markus-somm-war-auch-schon-hausbesetzer/">Markus Somm war auch schon Hausbesetzer</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Markus Somm soll NZZ-Chefredaktor werden. Er gilt als Sprachrohr von Christoph Blocher, hat in seinem Leben aber schon manchen Wandel vollzogen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/12/14/markus-somm-war-auch-schon-hausbesetzer/">Markus Somm war auch schon Hausbesetzer</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Die Journalisten der Kanzlerin: Sie sind ihre beste Truppe</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2014/11/29/die-journalisten-der-kanzlerin-sie-sind-ihre-beste-truppe/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 29 Nov 2014 21:41:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Angela Merkel]]></category>
		<category><![CDATA[New Yorker]]></category>
		<category><![CDATA[Hauptstadtjournalisten]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Journalisten]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im neuen «New Yorker» kann man ein beeindruckendes Porträt von Angela Merkel lesen. Es ist auch ein Text über die Deutschen und, in atemberaubender und schockierender Weise, über Merkels beste Truppe &#8211; die deutschen Hauptstadtjournalisten.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/11/29/die-journalisten-der-kanzlerin-sie-sind-ihre-beste-truppe/">Die Journalisten der Kanzlerin: Sie sind ihre beste Truppe</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Im neuen «New Yorker» kann man ein beeindruckendes Porträt von Angela Merkel lesen. Es ist auch ein Text über die Deutschen und, in atemberaubender und schockierender Weise, über Merkels beste Truppe &#8211; die deutschen Hauptstadtjournalisten.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/11/29/die-journalisten-der-kanzlerin-sie-sind-ihre-beste-truppe/">Die Journalisten der Kanzlerin: Sie sind ihre beste Truppe</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Wie ich zum «verdammten, huren Landesverräter» wurde</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2014/05/26/wie-ich-zum-verdammten-huren-landesverraeter-wurde/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2014/05/26/wie-ich-zum-verdammten-huren-landesverraeter-wurde/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Antonio Fumagalli]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 26 May 2014 09:14:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Standpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Blickwinkel]]></category>
		<category><![CDATA[Standpunkt>Blickwinkel]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Bürgerkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Kommentare]]></category>
		<category><![CDATA[Syrien]]></category>
		<category><![CDATA[Leser]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Aargauer Zeitung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Was man in Online-Kommentaren an Unflat zu Gesicht kriegt, ist nur die Spitze des Müllbergs. Die übelsten Absonderungen werden schliesslich herausgefiltert. Doch der besonders erregte Wutleser greift zum Telefonhörer und beschimpft den Journalisten höchstpersönlich. Ein irritierender Moment, wie unser Kolumnist kürzlich selbst erfahren musste. Kaum war ich am vergangenen Freitag im Büro, klingelte das Telefon. <a href="https://medienwoche.ch/2014/05/26/wie-ich-zum-verdammten-huren-landesverraeter-wurde/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Was man in Online-Kommentaren an Unflat zu Gesicht kriegt, ist nur die Spitze des Müllbergs. Die übelsten Absonderungen werden schliesslich herausgefiltert. Doch der besonders erregte Wutleser greift zum Telefonhörer und beschimpft den Journalisten höchstpersönlich. Ein irritierender Moment, wie unser Kolumnist kürzlich selbst erfahren musste.<br />
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Kaum war ich am vergangenen Freitag im Büro, klingelte das Telefon. Dass der Herr am anderen Ende der Leitung nicht guter Laune war, verriet schon sein Tonfall. «Jetzt muss ich Sie mal etwas fragen, Herr Fumagalli», brüllte er in den Hörer. «Haben Sie in Ihrem Leben auch schon mal gearbeitet?» Ich wusste nicht recht, ob ich lachen sollte – schliesslich hielt er ja ganz offensichtlich das Produkt meiner Arbeit in den Händen.</p>
<p>Das Produkt war in diesem Fall eine Reportage über die Al Husnis, eine achtköpfige syrische Flüchtlingsfamilie aus der Bürgerkriegshölle Homs. Sie entschlossen sich, die Heimat zu verlassen, als die Regierungstruppen dem Vater Leichenteile seiner vermeintlichen Schwester präsentierten. Über Umwege gelangten sie in die libanesische Hauptstadt Beirut und mithilfe des Roten Kreuzes schliesslich ins Bernische Schwarzenburg. Zusammen mit einer Übersetzerin habe ich sie dort besucht und <a href="http://www.aargauerzeitung.ch/schweiz/der-buergerkriegs-hoelle-entkommen-wir-waren-weniger-wert-als-tiere-127984181" target="_blank">ein Porträt geschrieben</a>.</p>
<p>Den älteren Herr aus Dietikon, der seine Rufnummer unterdrückte, schien es emotional ziemlich aufgewühlt zu haben. Aber nicht in der Weise, die ich erwartet hatte. «Wissen Sie, was Sie sind?», fragte er. Die Antwort lieferte er gleich selbst nach: «Ein verdammter, huren Landesverräter». Spätestens dann wusste ich, dass ich es mit einem dieser Zeitgenossen zu tun hatte, die wir unter Journis gerne als Amok betiteln. Was er mir an den Kopf warf, war so grotesk, dass ich tatsächlich etwas schmunzeln musste.</p>
<p>Doch Mister Hass hatte es nicht in erster Linie auf mich abgesehen. Die nächsten zwei Minuten fluchte er in schlicht nicht zitierbaren Worten über die Familie Al Husni, die er selbstverständlich nicht kannte und über die «Schweinerei», dass wir sie in der Schweiz «durchfüttern». Irgendwann mochte ich der Schimpftirade nicht mehr zuhören und legte auf.</p>
<p>Gibt es doch schwachsinnige Menschen, dachte ich und erzählte meinen Bürokollegen, die die Szenerie so halb miterlebt hatten, die Details des Anrufs. Ich versuchte mir den Herrn vorzustellen und irgendwie tat er mir fast ein bisschen leid. Ich tat es als Einzelfall ab &#8211; in dieser Heftigkeit ist mir dies schliesslich noch nie passiert &#8211; und liess einen Kaffee aus der Maschine.</p>
<p>Eine halbe Stunde später klingelte das Telefon erneut. Diesmal war es die Lokalredaktion aus dem Limmattal, die sich erkundigte, ob ich auch schon Anrufe von empörten Lesern erhalten habe. Bei ihnen hätten sich seit dem Morgen schon mehrere Personen gemeldet und sich in unflätiger Weise über den Artikel beklagt. Es kam mir bekannt vor.</p>
<p>Ich verstand die Welt nicht mehr. Weder hatte ich ein Plädoyer für die bedingungslose Aufnahme sämtlicher Flüchtlinge verfasst, noch die Schweizer Politik angeschwärzt &#8211; auch wenn es angesichts der katastrophalen Lage in Syrien durchaus Gründe dafür gäbe. Woher also der Hass? Klar ist Migration ein Reizthema. Aber wer sollen &#8222;echtere&#8220; Flüchtlinge sein als eine Familie aus dem zerbombten Homs, deren Haus in Schutt und Asche liegt?</p>
<p>Ich fühlte mich an meine Zeit als Redaktor bei 20 Minuten Online erinnert. Da habe ich manchen Kommentar freigeschaltet &#8211; und dabei die Illusion eines einigermassen gepflegten Umgangs zwischen den Lesern schnell verloren. Ein beträchtlicher Teil wird gar nie erst veröffentlicht. Denn was da beleidigt, geflucht und orthographisch misshandelt wird, präsentiert man dem Publikum besser nicht, will man sich nicht strafbar machen. Es gibt auch unter den freigeschalteten Kommentaren noch genügend, die die Grenzen des Anstands strapazieren.</p>
<p>Dass das Verfassen eines Online-Kommentars sowohl kinderleicht wie auch in vielen Fällen anonym erfolgt, animiert ganz offensichtlich viele User überhaupt zu einer Reaktion. Das ist ja an und für sich erfreulich und &#8211; wie es beispielsweise 20 Minuten bei vieldiskutierten Themen macht &#8211; immer wieder auch Ursprung eines Folgeartikels, der den Tenor der Leser aufnimmt. Im Idealfall nimmt die Geschichte aufgrund eines Leserhinweises gar einen ganz neuen Dreh.</p>
<p>Doch bis anhin bin ich davon ausgegangen, dass es genau die Einfachheit des Onlinekommentars ist, die eine emotionale &#8211; und oftmals grobschlächtige &#8211; Reaktion überhaupt ermöglicht. Nicht, dass der traditionelle Zeitungsleser sich nicht empören würde, aber es kostet ihn mehr Aufwand und Überwindung, das Mailprogramm zu öffnen oder gar zum Telefonhörer zu greifen, um seinen Unmut (oder auch seine Freude) zu äussern. Ein Aufwand, der auch als Filter funktioniert. In der Tendenz gilt das wohl weiterhin. Wie mir der vergangene Freitag zeigte, aber nur in der Tendenz.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/05/26/wie-ich-zum-verdammten-huren-landesverraeter-wurde/">Wie ich zum «verdammten, huren Landesverräter» wurde</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Ohne Groll ausgestiegen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/10/25/ohne-groll-ausgestiegen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Stephanie Rebonati]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Oct 2012 08:18:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
		<category><![CDATA[Sportjournalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sport]]></category>
		<category><![CDATA[New York]]></category>
		<category><![CDATA[Eishockey]]></category>
		<category><![CDATA[Jürg Federer]]></category>
		<category><![CDATA[Klaus Zaugg]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jürg Federer arbeitete begeistert als Sportjournalist, bis er gemerkt hat, dass er den Protagonisten zu nahe steht. Deshalb stieg er aus und auf seinen erlernten Beruf um. Heute kocht Federer in New York. Am 11. Juni 2012 sass ein Schweizer Sportjournalist im Mediensektor des Staples Centers in Downtown Los Angeles und sah zu, wie die <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/25/ohne-groll-ausgestiegen/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/25/ohne-groll-ausgestiegen/">Ohne Groll ausgestiegen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Jürg Federer arbeitete begeistert als Sportjournalist, bis er gemerkt hat, dass er den Protagonisten zu nahe steht. Deshalb stieg er aus und auf seinen erlernten Beruf um. Heute kocht Federer in New York.<br />
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Am 11. Juni 2012 sass ein Schweizer Sportjournalist im Mediensektor des Staples Centers in Downtown Los Angeles und sah zu, wie die L.A. Kings den Stanley Cup zum ersten Mal in die Luft stemmten. Es war ein schöner Abschluss. Vier Monate zuvor hatte sich der Schweizer NHL-Korrespondent gefragt, auf welcher Seite der Garderobe er stehe. Er entschied sich für die Seite der Spieler. Über die letzten acht Jahre wurden einige der Protagonisten seiner Geschichten gute Freunde und die journalistische Distanz wurde gefährdet. Dazu steht er offen.</p>
<p>In den Sportjournalismus zu kommen, ist einfach, sagt Jürg Federer. Er nennt ihn auch «Einsteigerjournalismus» – und meint das überhaupt nicht abwertend, sondern spricht aus eigener Erfahrung. Aus einer einzigen Quelle oder der Beobachtung eines Wettkampfs lässt sich ein ganzer Bericht aufbauen. Zudem sind viele Berichterstatter jung, die Protagonisten sowieso. Die Herausforderung als Sportjournalist? «Das Stadion ist deine Leserschaft. Von den Jugendlichen auf den Stehplätzen bis zu den Besitzern in den VIP-Lounges; du musst sie alle abholen», sagt Federer, der vor einigen Monaten entschied, dies künftig nicht mehr zu tun.</p>
<p>«Es ist kein Entscheid gegen den Journalismus», sagt der 39-Jährige und lehnt an die Backsteinwand mit den Wiegemessern und Bastkörben. Wir sitzen in der «Buvette», einem Stück Provence im New Yorker West Village. Die Tische sind kleine Quadrate, eng bestuhlt und auf weissen, ovalen Tellern werden knusprige Tartinettes mit Haselnuss-Organgen-Pesto serviert. Jürg Federer fährt fort: «Es ist ein Entscheid für neue Erfahrungen.» Der ehemalige Eishockeyjournalist spricht vom Privileg Schweizer zu sein, von der guten Ausbildung und dem dualen Bildungssystem: «In der Schweiz haben wir Optionen und kriegen Chancen», sagt er.</p>
<p>Das ist mitunter ein Grund, um Ende dreissig den Beruf zu wechseln. Der andere ist genauso wahr wie ehrlich: Als Sportjournalist kam Federer einigen Eishockeyspielern zu nahe, weil man sich so gut verstand und dadurch Freunde wurde. Das gefährdet die journalistische Distanz und hemmt die Kritik. Jürg Federer verliess deshalb die Gilde, was ihm hoch anzurechnen ist. Es ist ein ehrlicher und mutiger Entscheid, den viele andere Journalisten so nie treffen würden, obwohl auch sie zu nahe an den Akteuren dran sind. Das wird vor allem im Sport- und Lifestyle-Journalismus vorkommen.</p>
<p>Als 16-jähriger schmiss Federer das Gymnasium, absolvierte die kaufmännische Lehre in einer Büromöbelfirma, zog nach Elm, um die Lehre zum Koch zu durchlaufen und gewann am Genfersee einen Michelin-Stern, bevor er an Pazifik zog. Während drei Jahren managte er die Speisen und Getränke in einem Restaurant in San Francisco, studierte nebenbei Soziologie und kehrte mit 27 in die Schweiz zurück. Das war 2000. Dann baute er in Bern ein Catering-Unternehmen auf, verkaufte es und rutschte irgendwie in den Eishockeyjournalismus.</p>
<p>Martin Merk, CEO von <a href="http://www.hockeyfans.ch/index.php" target="_blank">hockeyfans.ch</a>, rief an. «Federer, du verstehst doch etwas von Eishockey?», klang es etwa. In Rapperswil aufgewachsen, stand Federer in der Juniorenabteilung des NLA-Clubs Rapperswil-Jona-Lakers bis 17-jährig selbst auf dem Eis. Und so kam es, dass er das Wiegemesser zur Seite legte und stattdessen Notizblock und Mikrofon zur Hand nahm. <a href="http://www.20min.ch/sport/dossier/timeout/" target="_blank">20-Minuten-Sportkolumnist Klaus Zaugg</a>, aber auch der damalige BZ-Sportchef Werner Haller, unterstützten ihn dabei: «Während der gemeinsamem Zeit beim Hockeymagazin Slapshot lernte ich puncto Interviewtechnik, Themengestaltung und Interessengeneration viel von Chläus und Werner», sagt Federer heute.</p>
<p>In den folgenden acht Jahren schrieb Federer für diverse Sporttitel, Tages- und Wochenzeitungen, wurde NHL-Korrespondent für das Schweizer Fernsehen und produzierte im Fixumsvertrag Hintergrundgeschichten aus der amerikanischen Eishockeywelt für <a href="http://www.20min.ch/sport/eishockey/story/25742387" target="_blank">«20 Minuten Online»</a>. Unzählige Male flog er nach Nordamerika und wieder zurück – vor allem nach New York, weil  NHL-Schweizer wie Mark Streit, Luca Sbisa, Martin Gerber und Jonas Hiller regelmässig mit oder gegen einen der drei Clubs im Grossraum New York spielten.</p>
<p>Es war eine rationale und nicht emotionale Entscheidung, definitiv nach New York auszuwandern», sagt Federer. Es machte strategisch Sinn. 2010 packte er seine Koffer und lebt seither in Brooklyn, nimmt die Fähre nach Manhattan und nennt die Stadt seine. In dieser Stadt, so weit vom heimischen Rapperswil, fand er wieder nach Hause – «nach Hause in die Gastronomie». Federer baute <a href="http://www.sexonthetable.tv/New_York_Aphrodisiac_Cooking_Classes/Aphrodisiac_Cooking_Classes.html" target="_blank">eine Kochschule auf</a>, wo er zwei Mal wöchentlich unterrichtet, schreibt an einem Kochbuch und <a href="http://www.sexonthetable.tv/New_York_Aphrodisiac_Cooking_Classes/Sex_on_the_Table.html" target="_blank">feilt an einem Restaurantkonzept</a>.</p>
<p>Am 11. Juni 2012 sass Jürg Federer im Staples Center in Downtown Los Angeles und sah zu wie die L.A. Kings die New Jersey Devils besiegten und zum ersten Mal in ihrer Clubgeschichte die Meisterschaft gewannen. Der Schweizer Journalist wusste damals bereits, dass er die Fronten wechseln würde. Über die letzten acht Jahre wurden einige seiner Protagonisten gute Freunde und es lockte ihn sowieso wieder in die Küche. Den Journalismus verliess Federer bewusst und ohne Groll.</p>
<p>Nur: «Ich stehe an einem Point of no return – es gibt kein Zurück», sagt der 39-jährige Patchworker. Sein Lebenslauf ist derart unkonventionell, kein Unternehmen wird ihn anstellen. Denn, was ist er genau? New Yorker. Und das heisst multidisziplinär und selbstständig. «New York ist die beste Ausbildung, die ich je geniessen durfte», sagt er grinsend. Er bestellt die Rechnung, schwingt seine Tasche über die Schulter und verschwindet in den Strassen New Yorks.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/25/ohne-groll-ausgestiegen/">Ohne Groll ausgestiegen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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