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	<title>Promi | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Fri, 17 Jun 2022 16:32:07 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Amber Heard, Johnny Depp und das mediale Halbwissen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Marko Ković]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 Jun 2022 16:26:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Prozess]]></category>
		<category><![CDATA[Justiz]]></category>
		<category><![CDATA[Promi]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Amber Heard ist eine hinterlistige Psycho-Bitch, die den unschuldigen Johnny Depp ruinieren will: Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer den Prozess der beiden Hollywood-Stars auf Social Media verfolgte. In abgeschwächter Form fand dieses Deutungsmuster auch Einzug in die journalistische Berichterstattung. Wir geben es vielleicht nicht gerne zu, aber es gibt kaum etwas Packenderes als einen richtig <a href="https://medienwoche.ch/2022/06/16/amber-heard-johnny-depp-und-das-mediale-halbwissen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Amber Heard ist eine hinterlistige Psycho-Bitch, die den unschuldigen Johnny Depp ruinieren will: Diesen Eindruck konnte gewinnen, wer den Prozess der beiden Hollywood-Stars auf Social Media verfolgte. In abgeschwächter Form fand dieses Deutungsmuster auch Einzug in die journalistische Berichterstattung.</strong><br />
<a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/06/MW-Heard-Depp-20220616.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/06/MW-Heard-Depp-20220616.jpg" alt="" width="1456" height="976" class="aligncenter size-full wp-image-97954" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/06/MW-Heard-Depp-20220616.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/06/MW-Heard-Depp-20220616-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/06/MW-Heard-Depp-20220616-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/06/MW-Heard-Depp-20220616-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/06/MW-Heard-Depp-20220616-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /></a><br />
Wir geben es vielleicht nicht gerne zu, aber es gibt kaum etwas Packenderes als einen richtig dramatischen Rosenkrieg. Wenn private, intime Konflikte öffentlich ausgefochten werden, springen unsere voyeuristischen Instinkte an. Vor allem, wenn die Protagonist*innen zu den Schönen und Reichen gehören. Wie zum Beispiel bei dem spektakulären Verleumdungsprozess der Hollywood-Stars Johnny Depp und Amber Heard.<br />
</p>
<p>Amber Heard veröffentlichte 2018 einen <a href="https://www.washingtonpost.com/opinions/ive-seen-how-institutions-protect-men-accused-of-abuse-heres-what-we-can-do/2018/12/18/71fd876a-02ed-11e9-b5df-5d3874f1ac36_story.html" rel="noopener" target="_blank">Gastbeitrag in der «Washington Post»</a>, in dem sie sich als Opfer häuslicher Gewalt zu verstehen gibt (ohne Depp namentlich zu nennen). Depp verklagte Heard auf Verleumdung. Nach über sechs Wochen des Prozessierens entschied die Jury Anfang Juni, dass Heard sich der Verleumdung schuldig gemacht habe. In Heards Gegenklage wurde Depp wegen Aussagen seines ehemaligen Anwalts seinerseits auch in einem Punkt der Verleumdung schuldig gesprochen.</p>
<blockquote><p>In vielen Online–Kommentaren hiess es, dass das Urteil ein Wendepunkt für die MeToo-Bewegung sei: Man dürfe Frauen nicht pauschal Glauben schenken.</p></blockquote>
<p>Die Meinungen ausserhalb des Gerichtssaals waren aber schon lange vor der Urteilsverkündung gemacht. Unter Hashtags wie «AmberHeardIsALiar» haben Millionen von Menschen auf Social Media ihren Unmut über die angeblich psychisch labile Lügnerin Amber Heard kundgetan. Sie spiele sich als Opfer auf, aber in Tat und Wahrheit habe nicht Depp sie, sondern umgekehrt sie Depp misshandelt. In vielen Online–Kommentaren hiess es zudem, dass das Urteil ein Wendepunkt für die MeToo-Bewegung sei: Man dürfe Frauen nicht pauschal Glauben schenken. Diese Sicht der Dinge floss teilweise auch in die journalistische Berichterstattung ein. Etwa in der «Weltwoche», wo die Schriftstellerin <a href="https://weltwoche.ch/story/abschied-von-hmetoo/" rel="noopener" target="_blank">Cora Stephan</a> das Gerichtsurteil als «Abschied von #MeToo» und dem damit verbundenen «feministischen Opferkult» deutet.</p>
<p>Der «Weltwoche»-Artikel war nicht der einzige unvollständige Blick auf den Gerichtsprozess. <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/wenn-ideologie-die-sicht-vernebelt-489170998644" rel="noopener" target="_blank">Michèle Binswanger</a> vom «Tages-Anzeiger» bemerkte im Mai, dass Heard ihre angeblichen Misshandlungen viel zu wenig gut fotografisch dokumentiert habe. Als ob es für Menschen, die Opfer körperlicher Gewalt werden, Routine sei, ihre Misshandlungen minutiös fotografisch zu dokumentieren. Im gleichen Text erklärt Binswanger weiter, es sei «auffällig», dass Heard im Gerichtssaal zwar «weinte und schluchzte, aber keine Tränen vergoss» – ein Vorwurf, der suggerieren soll, Heard spiele nur etwas vor.</p>
<p><a href="https://www.watson.ch/international/wissen/649338221-diese-psychischen-stoerungen-soll-amber-heard-haben-wir-erklaeren-sie" rel="noopener" target="_blank">Lara Knuchel</a> griff bei «Watson» die Vorwürfe von Depps Anwaltsteam auf, Amber Heard leide an Persönlichkeitsstörungen. Im Artikel «An diesen Persönlichkeitsstörungen soll Amber Heard leiden – wir erklären sie dir» werden die Krankheitsbilder ausführlich beschrieben, was unweigerlich den Eindruck erweckt, Heard leide tatsächlich an besagten Krankheiten. Dass die Psychologin, die diesbezüglich zugunsten Depps aussagte, Geld damit verdient, bei Gerichtsverfahren für die höchstbietende Seite günstige, klinisch fragwürdige Diagnosen zu erstellen, um damit die Geschworenen zu beeinflussen, wird im Artikel nicht erwähnt.</p>
<blockquote><p>Das Fehlen von Informationen wird zu einer pseudo-skandalösen, verschwörungstheoretisch aufgeladenen Geschichte aufgebauscht.</p></blockquote>
<p>Nach der Urteilsverkündung fragte sich <a href="https://www.nau.ch/people/welt/amber-heard-wer-passte-wahrend-prozess-auf-ihre-tochter-1-auf-66197429" rel="noopener" target="_blank">Aline Klötzli</a> bei «Nau», wer während des Gerichtsprozesses auf Heards einjährige Tochter aufgepasst habe. Heard habe sich während des Prozesses «eine teure Hütte mit Kino, Gym und Spa» gegönnt, aber es sei unklar, ob auch ihre Tochter dabei war. Obwohl – oder gerade weil – jegliche Informationen fehlen, entsteht so eine pseudo-skandalöse, verschwörungstheoretisch aufgeladene Geschichte, die Heard in ein schlechtes Licht rückt.</p>

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<p>Auch die Gestaltung von Überschriften und Bildern in der Berichterstattung hatte stellenweise einen latent Heard-kritischen Einschlag. In einem Artikel (ohne Autorenzeile) von <a href="https://www.20min.ch/story/amber-heard-gibt-zu-johnny-depp-geschlagen-zu-haben-244718649190" rel="noopener" target="_blank">20min.ch</a> beispielsweise steht in der Überschrift «Amber Heard gibt zu, Johnny Depp geschlagen zu haben». In viel kleinerer Schrift ist ergänzt: «Nicht als Erste» – im Artikel wird erwähnt, dass Heard bestreitet, jemals die erste gewesen zu sein, die zuschlug. In Kombination mit einer Fotografie, in der Heard in einer Momentaufnahme das Gesicht zornig zu verzerren scheint, entsteht der Eindruck, Heard sei die Täterin.</p>
<blockquote><p>Die diametral unterschiedlichen Urteile von 2020 und heute hätten journalistisch zu reden geben müssen.</p></blockquote>
<p>Die Anti-Heard-Stimmungslage schlug sich stellenweise also in der journalistischen Berichterstattung nieder, und zwar auf Kosten wichtiger Kontextinformationen. Zum Beispiel wurde nur spärlich diskutiert, dass Depp 2020 mit einer ähnlichen Klage im Vereinigten Königreich scheiterte. Der Richter entschied damals, dass zwölf Fälle, in denen Depp Heard misshandelt haben soll, <a href="https://www.theguardian.com/film/2020/nov/02/johnny-depp-trial-how-the-judge-ruled-on-14-alleged-assaults" rel="noopener" target="_blank">erwiesen seien</a>. Die diametral unterschiedlichen Urteile hätten journalistisch zu reden geben müssen. Hintergründe und kritische Analysen zu diesem Sachverhalt wären wertvoller gewesen als regelmässige oberflächliche Updates zum laufenden Verfahren in Live-Ticker-Manier.</p>
<blockquote><p>Je mehr wir Social Media als Informationsquelle nutzen, desto weniger wissen wir tatsächlich über die Dinge, über die wir uns zu informieren glauben.</p></blockquote>
<p>Die Dynamik der Meinungsbildung zur Heard-Depp-Schlammschlacht ist auch jenseits dieses einen Falles von Bedeutung. Zum einen fand online eine Stimmungsmache gegen Amber Heard statt, die nicht nur faktenfrei war, sondern teilweise <a href="https://www.nytimes.com/2022/05/26/arts/amber-heard-tiktok-johnny-depp.html" rel="noopener" target="_blank">fanatisch-hasserfüllte Züge annahm</a>. Das hat nicht zuletzt mit dem Umgang mit Informationsquellen zu tun. Immer mehr Menschen beziehen ihre Nachrichten oder Informationen über das Weltgeschehen von Social Media. Das Problem dabei: Je mehr wir Social Media als Informationsquelle nutzen, <a href="https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/19331681.2021.1969611" rel="noopener" target="_blank">desto weniger wissen wir</a> tatsächlich über die Dinge, über die wir uns zu informieren glauben. Beste Bedingung, um schnell sehr starke Meinungen zu fassen, ohne sich differenziert mit der Situation auseinanderzusetzen.</p>
<p>Andererseits fanden sich die vorschnellen Deutungsmuster aus der überhitzten Online-Debatte zur Heard-Depp-Situation in leicht abgeschwächter Form in journalistischer Berichterstattung wieder. Teilweise geschah das subtil, teilweise recht explizit.</p>
<p>In der Kombination ergeben diese zwei Komponenten eine Art Kreislauf des Halbwissens. Sehr starke Meinungen werden gebildet und in einem rekursiven, auf sich selbst Bezug nehmenden Prozess verstärkt – weil alle etwas glauben, glaube ich es auch. Die zugrundeliegenden Fakten werden nur am Rande beachtet. In der Summe entsteht damit Schaden, der grösser ist als die Einzelteile des Kreislaufs. Im Fall von Heard und Depp besteht der Schaden vielleicht vor allem in der indirekten Verbreitung des <a href="https://time.com/6183505/amber-heard-perfect-victim-myth-johnny-depp/" rel="noopener" target="_blank">Mythos des «perfekten Opfers»</a>. Wer nicht genug Tränen vergiesst, wer Missbrauch nicht lückenlos audiovisuell dokumentiert, wer Spuren des Missbrauchs wie blaue Flecken und Schwellungen nicht öffentlich zur Schau stellt, wer nach dem ersten Missbrauchsfall die Partnerin oder den Partner nicht verlässt, aber auch, wer irgendwann entscheidet, Missbrauch nicht mehr einfach hinzunehmen und sich wehrt, ist kein «richtiges» Opfer. Eine komplett realitätsferne Sichtweise, die fast alle Opfer häuslicher Gewalt – egal, ob Männer oder Frauen – regelrecht verhöhnt.</p>
<p><small><strong>Update</strong>: In einer früheren Version stand geschrieben, die Psychologin habe eine Ferndiagnose gestellt. Das stimmt nicht. Sie hat 12 Stunden mit Heard verbracht.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/06/16/amber-heard-johnny-depp-und-das-mediale-halbwissen/">Amber Heard, Johnny Depp und das mediale Halbwissen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>«Wie heisst er, Köppel?»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/07/11/wie-heisst-er-koeppel/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Jul 2013 10:12:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Puntas Bernet]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Promi]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin]]></category>
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		<category><![CDATA[Roger Köppel]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Kummer]]></category>
		<category><![CDATA[Das Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Reportagen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Interviewerfinder Tom Kummer beklagt ein seit zehn Jahren andauerndes Schreibverbot, dabei publiziert er immer wieder in Schweizer Medien. Doch statt seine Verfehlungen einzusehen und aufzuarbeiten, verdrängt er sie, nicht mal an Roger Köppel mag er sich erinnern. Der Mythos Tom Kummer lebt und Tom Kummer lebt vom Mythos Tom Kummer. Zu Besuch bei einer Lesung <a href="https://medienwoche.ch/2013/07/11/wie-heisst-er-koeppel/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/07/11/wie-heisst-er-koeppel/">«Wie heisst er, Köppel?»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Interviewerfinder Tom Kummer beklagt ein seit zehn Jahren andauerndes Schreibverbot, dabei publiziert er immer wieder in Schweizer Medien. Doch statt seine Verfehlungen einzusehen und aufzuarbeiten, verdrängt er sie, nicht mal an Roger Köppel mag er sich erinnern. Der Mythos Tom Kummer lebt und Tom Kummer lebt vom Mythos Tom Kummer. Zu Besuch bei einer Lesung in Berlin.<br />
<span id="more-14734"></span><br />
Was ist schon Wahrheit? Das MEDIENWOCHE-Gespräch mit Helmut-Maria Glogger ist übertitelt mit <a href="https://medienwoche.ch/2013/06/26/alle-moechten-mit-mir-befreundet-sein/">«Alle möchten mit mir befreundet sein»</a>. Im Text dann findet sich der Satz «Alle, über die ich geschrieben habe, möchten mit mir mehr befreundet sein als ich mit ihnen». Tatsächlich gesagt hat er wohl einen irgendwie ähnlichen Satz oder auch zwei, vermutlich in Dialekt, womöglich mit Füllwörtern, Pausen oder Ähs. So sprechen wir Menschen. Journalisten haben die Aufgabe, die gefallenen Sätze in eine gefällige Form zu bringen, ohne den Inhalt zu verfälschen. Doch was ist noch eine zulässige Verkürzung und was schon eine unzulässige Verfälschung? Darüber streiten sich Journalisten mit Gesprächspartnern und Pressestellen jeden Tag.</p>
<p>Tom Kummer hat nicht unzulässig verkürzt, er hat unzulässig verlängert oder einfach erfunden. Öffentlich bezweifelte zuerst der <a href="https://www.focus.de/kultur/medien/presse-frei-erfunden-nie-gefuehrt_aid_183541.html">Focus im Mai 2000</a> die Echtheit von Interviews, die er mit Sharon Stone, Kim Basinger, Brad Pitt und Courtney Love geführt zu haben vorgibt. Mit oder ohne Wissen der Redaktion? «Das Verhältnis zwischen uns blieb ungeklärt», sagt Tom Kummer dazu in Berlin, sie seien süchtig gewesen nach dem Stoff, den er geliefert hat, nach den Bändern hätten sie nie gefragt. Roger Köppel, der mehrere Interviews im Magazin des Tages-Anzeigers druckte, bevor er nach einem Jahr misstrauisch wurde, Kummer auf die Schliche kam und die Zusammenarbeit beendete, sagte dazu im <a href="https://medienwoche.ch/2011/11/25/ich-misstraue-der-masse/">MEDIENWOCHE-Interview</a>:</p>
<blockquote><p>«Kummer erzählte danach gerne, dass er seine Stücke mit Wissen der Chefredaktoren als Kunstform verkaufte – das ist eine dreiste Lüge. Schliesslich verrechnete er dafür Spesen – die waren sehr real und kein artistisches Konzept.»</p></blockquote>
<p>Wir sitzen im Freitag-Store in Berlin, ich konfrontiere Kummer mit diesem Zitat, <a href="https://soundcloud.com/ronniegrob/tom-kummer-an-einer-lesung-in">er antwortet so</a> (ab 0:40 Minuten):</p>
<p><iframe width="100%" height="166" scrolling="no" frameborder="no" src="https://w.soundcloud.com/player/?url=http%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F99507439%3Fsecret_token%3Ds-Ubocq&amp;color=ff6600&amp;auto_play=false&amp;show_artwork=false"></iframe></p>
<blockquote><p>«Der Spesen-Vorwurf ist natürlich gravierend [Gelächter im Publikum]. Vergessen wir dabei, dass ich natürlich recherchiert habe für die Interviews (und auch wirklich, wie ich finde, Spesen verdient habe). Es ist ein total bescheuerter Vorwurf, weil … ich habe … ich kann mich auch gar nicht mehr richtig erinnern, wie das ablief eigentlich. Aber, wie heisst er, Köppel? Köppel nimmt das immer wieder auf, ich denke, das ist seine einzige Verteidigungsstrategie in diesem Fall. Er hat immerhin etwa 15 Interviews gedruckt von mir, nie nach Bändern gefragt, nie nach irgendwelchen Beweiselementen &#8211; und er sagt, es habe etwas mit Vertrauen zu tun. Wie ich schon gesagt habe, das Verhältnis mit den Redaktionen war nicht definiert, sie haben die Geschichten auf die Titelblätter gebracht und offenbar hat es für die Chefredaktion auch funktioniert.»</p></blockquote>
<p>Kummer sieht blendend aus an diesem Juniabend, ein braungebrannter California Boy, von dem niemand denken würde, dass er schon 50 Jahre alt ist. Gewisse Sätze spricht er aus wie ein Amerikaner, der gerade deutsch lernt, auch Hollywood kommt als Halliwud aus seinem Mund. Er trägt schwarze Converse, blaue Jeans, später dann auch seine dickrandige schwarze Brille. Und ein ausgewaschenes graues T-Shirt mit dem Schriftzug «Woodstock», über dem ein gelber Vogel auf einer Gitarre steht.</p>
<p>Über seinen Auftritt in Berlin geschrieben wurde einige Artikel, in den Leads dazu heisst es: «Ein Gefallener kehrt zurück» (<a href="http://www.spex.de/2013/07/01/tom-kummer-borderline-reportagen-lesung/">spex.de</a>), «Jetzt hat er wieder eine Reportage geschrieben» (<a href="http://www.tagesspiegel.de/medien/tom-kummer-zu-gast-in-berlin-hey-seid-ihr-bekifft-/8422366.html">tagesspiegel.de</a>), «jetzt ist er wieder da» (<a href="http://berlinergazette.de/tom-kummer-wirklichkeit/">berlinergazette.de</a>). Tatsächlich war er nie weg, seine Rückkehr ist ein Mythos, wie auch seine Abwesenheit: <a href="https://www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2001/01/10/a0177">Schon 2001</a> durfte er wieder Kolumnen schreiben für das inzwischen aufgegebene Post-Portal yellowworld.ch. 2003 verfasste er drei Reportagen für den Trend-Bund der «SonntagsZeitung», von 2007 bis 2009 neun lange Texte für den «Bund» und am 5. Februar 2009 eine Reportage über die Super Bowl in der WOZ. 2005 gründete er übrigens die «School of Borderline Journalism». Bei Borderline-Journalismus, erzählte er damals der Werbewoche, handle es sich um eine «Sonderform des New Journalism».</p>
<p>Mal sagt Kummer, er sei kein Journalist, mal bezeichnet er sich als einer, und das am gleichen Abend. Ein Borderline-Journalist sei er aber keiner, dieser Titel sei ihm von den Medien angehängt worden, auch um ihn zu isolieren:</p>
<blockquote><p>«Ich sehe mich als erzählenden Journalist, vielleicht als Schriftsteller. Das einzig Borderline-ige war das Verhältnis zu den Redaktionen. (&#8230;) Das Spannende am Journalist sein für mich ist, dass man mit einer sehr festgefahrenen Form, dieser Objektivitätserwartung des Lesers, spielen kann. Das mag ein gemeines Spiel sein, für einige ein faszinierendes Spiel. Es gibt viele Leser, die sich genau das wünschen, dieses Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Diese nicht definierte Position des erzählenden Journalisten finde ich spannender als die des Schriftstellers.»</p></blockquote>
<p>Überhaupt, die Leser hätten sich nie beklagt über seine Texte, nur die Journalisten. Das sei heute noch so, bestätigt Daniel Puntas Bernet von «Reportagen». Die im aktuellen Heft abgedruckte Tom-Kummer-Geschichte über den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA habe sehr viele positive Reaktionen ausgelöst: «Wir haben nur zwei negative Rückmeldungen gekriegt, beide von Journalisten.» Der Roadtrip unter dem Titel <a href="http://reportagen.com/content/borderline">«Borderline»</a> wurde mit einem Vorwort als Beipackzettel versehen: Kummers Wort, keine «Anreicherung der Realität» betrieben zu haben, sei «derselbe Grad des Vertrauens, den wir auch allen anderen Autoren zukommen lassen». «Obwohl wir nicht selbst auf seiner Reise mit dabei waren, können wir sie immerhin anhand der Fotos nachvollziehen, die Kummer unterwegs geschossen hat.»</p>
<p>Er habe Personen immer intelligenter gemacht, als sie möglicherweise sind, sagt Kummer, und das könnte ein Grund sein, warum es kaum je zu Protesten gekommen ist &#8211; die Stars, die Agenten, die Redaktoren, die Leser, glauben möchten das alle gerne. Was Wahrhaftigkeit angeht, dürfen sich alle an die eigene Nase fassen, gibt es doch kaum jemanden, der die wahrgenommene Realität noch nie etwas zugespitzt hat, um eine bessere Wirkung zu erzielen. Aus dem Publikum fragt einer, ob er auch schon Protagonisten gecastet habe. Es sei doch durchaus Usus bei grossen Reportagenschreibern, einige für eine Geschichte in Frage kommende Personen zuerst mal zu casten, und dann mit einer von ihnen die Geschichte zu machen. Tom Kummer hat davon noch nie gehört (ich bisher auch nicht).</p>
<p>Nach der Veranstaltung gibt es Biere, auf denen «Bier» steht und Weissweinschorlen auf denen «Weinschorle» steht, ein Besucher, ein Leser, bemerkt, dass Tom Kummer stets Ausflüchte hat, sobald ihn jemand festnageln will. So ist es: In den dreizehn Jahren seit dem Skandal ist ihm nichts besseres als die Verdrängung eingefallen. Statt die Geschichte mal ehrlich aufzuarbeiten, lässt er es bis heute zu, sich von diesen Fragen in unangenehmer Weise löchern zu lassen. Spricht man ihn konkret auf Fakten an, windet er sich, entzieht er sich, blockt er ab. «Ich hatte zehn Jahre lang Schreibverbot, ist das nicht genug?», sagt er dann, «die Entrüstung ist mir auch zehn Jahre danach nicht erklärbar», und: «Es sind nun dreizehn Jahre vergangen seit dieser Affäre, ich mag mich nicht mehr erklären. Das ist jetzt Pressegeschichte.»</p>
<p>Der Mythos Tom Kummer lebt und Tom Kummer lebt vom Mythos Tom Kummer. Jedes Jahr werden journalistische Neueinsteiger mit den Taten bekannt gemacht, von denen sein Ruf lebt und über die er nicht mehr sprechen möchte. «Kummer ist Unterrichtsgegenstand, wenn man Journalismus studiert», bemerkt Puntas. Es überrascht nicht, dass die Lesung rappelvoll ist mit Menschen um die 30, die alle diesen doch sehr sympathischen <a href="http://www.imdb.com/title/tt1692183/">«Bad Boy»</a> sehen wollen. Ein Image, das Kummer selbst und jene, die ihn in ihren Veröffentlichungen aufnehmen, sorgfältig und ausdauernd pflegen.</p>
<p>Diese Marke, dieser Mythos ist nach wie vor stark und zieht verlässlich Aufmerksamkeit an. Seine Story heisst auch 2013 «Borderline», wie kokett, wie vorhersehbar, wie langweilig. Kommt auch noch mal etwas Neues? Will er seinen Lebensabend damit verbringen, den Mythos zu pflegen und ihm auch noch den letzten Cent abzupressen? Werden sich Leute wie ich damit beschäftigen und ihm dabei behilflich sein? Oder hat er die Kraft, sich neu zu erfinden?</p>
<p>Als Schreiber hat Tom Kummer eine Zukunft verdient, denn schreiben kann er sehr gut, und er tut es auch: «Ich schreibe unter Pseudonymen, in Blogs, in den USA, in Kunstkatalogen». Vielleicht ist er ja längst wieder zurück in der Welt des Journalismus. Ein ungeläuterter Tom Kummer bleibt ein guter Schriftsteller, aber Journalist sollte einer, der die Suche nach der Wahrheit als Faktenhuberei belächelt, wohl besser nicht sein, auch nicht unter Pseudonym.</p>
<p>Bei aller berechtiger Kritik nicht vergessen sollte man:</p>
<p>&#8211; Kummer hat stets bestens unterhalten, was man leider von den wenigsten Schweizer Journalisten behaupten kann.</p>
<p>&#8211; Kummer hat ein Motiv für seine Taten, nämlich die unerträgliche Ödnis PR-getriebener «Star»-Interviews.</p>
<p>&#8211; Kummer hat die Herren, die seine Werke druckten und als Journalismus durchgehen liessen, einfach herrlich genarrt, mit oder ohne ihr Wissen.</p>
<p><small>Die Lesung in der Reihe <a href="http://www.freitag.ch/amdonnerstag">&#8222;Freitag am Donnerstag&#8220;</a>, eine Kooperation des Magazins «Reportagen» und der Taschenmanufaktur «Freitag», fand am 27. Juni 2013 im Freitag-Store an der Max-Beer-Strasse 3 in Berlin statt.</small></p>
<p>Siehe dazu auch: <a href="https://medienwoche.ch/2013/07/11/ohne-ruecksicht-auf-verluste/">Tom Kummer &#8211; Ein Blick in das Archiv</a></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/07/11/wie-heisst-er-koeppel/">«Wie heisst er, Köppel?»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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