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	<title>Stefan Zweifel | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Weniger Kritik, mehr Emotionen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Nov 2014 09:20:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach den Wirren um den Abgang von Stefan Zweifel als Moderator befindet sich der «Literaturclub» unter der Leitung von Nicola Steiner auf dem Weg zu einer Neupositionierung. Nach drei Sendungen zeichnet sich ab, dass die eigentliche Literaturkritik in der neuen Runde einen schweren Stand haben dürfte. Vielleicht kann man die Streitigkeiten aus dem Frühsommer des <a href="https://medienwoche.ch/2014/11/21/weniger-kritik-mehr-emotionen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nach den Wirren um den Abgang von Stefan Zweifel als Moderator befindet sich der «Literaturclub» unter der Leitung von Nicola Steiner auf dem Weg zu einer Neupositionierung. Nach drei Sendungen zeichnet sich ab, dass die eigentliche Literaturkritik in der neuen Runde einen schweren Stand haben dürfte.<br />
<span id="more-22156"></span><br />
Vielleicht kann man die Streitigkeiten aus dem Frühsommer des Jahres um den damaligen <a href="https://medienwoche.ch/tag/literaturclub/" target="_self">«Literaturclub»-Moderator Stefan Zweifel</a> auf eine einfache Formel reduzieren: Zweifel verstand den «Literaturclub» als Raum, in dem Literaturkritik angewandt werden sollte. Die Redaktion wollte stattdessen Literaturjournalismus.</p>
<p>Das neue <a href="http://www.srf.ch/sendungen/literaturclub/kritikerteam-2" target="_blank">Kritikerteam des «Literaturclub»</a> besteht aus acht Personen, die im Wechsel um die Moderatorin Nicola Steiner über literarische Bücher (meist Neuerscheinungen) diskutieren sollen. Dabei waren Hildegard E. Keller, Rüdiger Safranski und Elke Heidenreich bereits bei Stefan Zweifel dabei. Neu hinzu gekommen sind Philipp Tingler (Philosoph und Autor), die Kritiker Martin Ebel und Julian Schütt und die Literaturwissenschaftler Thomas Strässle und Christine Lötscher.</p>
<p>Die Frage, ob der «Literaturclub» im neuen Gewand noch ein «Literatur»-Club oder nicht doch eher eine Art Buchclub mit einem Überhang von teilweise lieblos vorbereiteten Literaturjournalisten ist, kann man auch nach drei Sendungen noch nicht abschliessend beantworten. Im nachfolgenden versuche ich, die sich mir aufzeigende Tendenz zu skizzieren.</p>
<p>Der Unterschied zwischen Kritik und Journalismus ist deutlich: Literaturkritik beschäftigt sich zunächst originär mit einem vorliegenden Text, analysiert dessen Sprache, ordnet eventuell das Werk in die Literaturgeschichte ein und gibt ein begründetes Urteil ab. Kritiker haben – so sollte es wenigstens sein – das Buch aufmerksam und vollständig gelesen, und nicht nur <a href="http://www.uni-bielefeld.de/erziehungswissenschaft/scs/pdf/leitfaeden/studierende/lesetechniken.pdf " target="_blank">«diagonal»</a>. Kritik abstrahiert tunlichst von ausserliterarischen Umständen wie Biographie, medialer Präsenz, kommerziellem Erfolg und politischer Gesinnung des Autors, der Autorin. Der Literaturjournalismus, der die Buchberichterstattung auch in den Print-Feuilletons längst zu dominieren beginnt, verwertet mit Vorliebe ausserliterarische Kriterien, orientiert sich an der Person des Autors, Bestsellerlisten, Preisen und kleinen und grossen Skandalen.</p>
<p>Literaturjournalisten bedienen sich für ihre Urteilsbildung gerne mit den von Verlagen herausgebrachten sogenannten Waschzetteln und anderer Kritiken. Sie lesen häufig nur noch ausschnittweise. Sibylle Lewitscharoffs Katzenkrimi oder Martin Heideggers Notizbuch muss man, so die unausgesprochene These, nicht zwingend vollständig gelesen haben um sie abzulehnen. Ausserliterarische Kriterien genügen; zur Not werden Zitate herbeimanipuliert. Das Bestehen auf korrektes Zitieren wird als Erbsenzählerei bewertet.</p>
<p>Eines der beliebtesten Spiele von Literaturjournalisten ist das Suchen nach Übereinstimmungen zwischen Text und Biographie des Autors; das erspart eine tiefergehende literarische Auseinandersetzung beispielsweise mit der Sprache des Werkes. Sympathie oder Antipathie mit dem jeweiligen Autor, der Autorin, genügen. Im Fall von Thomas Pynchon (17.11.) thematisiert man zur Not das Gegenteil &#8211; dessen vollständige mediale Absenz. Die Suche nach Übereinstimmungen zwischen Fiktion und Realität lässt Literaturjournalisten häufig vergessen, dass Literatur per se fiktional ist, auch wenn sie noch so «realistisch» daherkommt.</p>
<p>Dies war sehr gut in der September-«Literaturclub»-Sendung zu beobachten. Charles Lewinskys «Kastelau» ist zwar ein Roman, ist jedoch teilweise aufgemacht als eine Art Doku-Fiction mit (scheinbar) lexikalischen und dokumentarischen Einschüben. Nicole Steiner sah sich in der Diskussion veranlasst auf die «Pointe des Buches» hinzuweisen, «die man auch verraten darf»:<br />
«Das alles ist erfunden!» Perplex über dieses investigative Postulat bekundete Julian Schütt immerhin, dass er «überhaupt keine Mühe damit» habe. Zurück blieb ein etwas verstörter Philipp Tingler, der den fiktionalen Status des Buches niemals in Zweifel gezogen hatte.</p>
<p>Es gibt keine Scheu mehr, das Etikett «Bestseller» als Kriterium heranzuziehen. Insgeheim fungiert die Bezeichnung «Bestsellerautor» als Qualitätsmerkmal. Mindestens schwingt Bewunderung mit, als sei durch die Anzahl der verkauften Exemplare ein ästhetisches Urteil gesprochen). So verblüffte Nicola Steiner in ihrer ersten Sendung als «Literaturclub»-Moderatorin mit einer Äusserung über einen so genannten Bestsellerautor: «Was Charles Lewinsky anfasst wird zu Gold». Überhaupt formulieren Literaturjournalisten gerne in Schlagworten und verwenden – sowohl im Verriss wie auch im Lob &#8211; häufig übertriebene Superlative. So wird eine gelungene Familiensaga sofort mit Thomas Manns «Buddenbrooks» verglichen (wie «Tiefland» von Jhumpa Lahiri am 21.10.). Der Grund liegt darin, dass der potentielle Leser vielleicht noch Manns Buch (namentlich) kennt, während andere, sich besser eignende Vergleichsbücher beim breiten Publikum unbekannt sind und somit die empfehlende Wirkung verfehlt würde. So greift der Vergleich fast immer weit über das tatsächliche Niveau eines zu besprechenden Textes hinaus und wird zum Superlativ. Nähme man diese Vergleiche Ernst, müssten überall Nachfolger von Franz Kafka, Patricia Highsmith, Virginia Woolf oder James Joyce schreiben. Die Realität sieht anders aus.</p>
<p>Da Literaturjournalisten ihre persönlichen Befindlichkeiten bei der Lektüre absolut setzen, wirken ihre subjektiven Urteile «authentisch». Das ist gewollt, denn längst ist es ein Merkmal des Literaturjournalismus geworden, dass die eigene Person als Marke im «Betrieb» installiert und, das ist wichtig, inszeniert wird. Literaturjournalisten werden damit das Öl in der Maschinerie des Buchbetriebs, sie mutieren häufig (vielleicht ungewollt) zu PR-Managern von Verlagen.</p>
<p>Dabei dominieren zwei Kategorien von Urteilen: Geschmacksurteile und emotionale Bewertungen. Geschmacksurteile sind immun gegen Kritik, denn über einen persönlichen Geschmack kann man nicht diskutieren. Für die Emotionalisierung des Leseeindrucks gilt ähnliches: «Die Urteile des Gefühls können niemals irren. Dass mir etwas angenehm sei, wenn ich es fühle, ist jederzeit wahr.» (Immanuel Kant, aus: «Köche ohne Zunge», Steidl-Verlag 2014, ). Um beiden Urteilskategorien Relevanz einzuhauchen, gibt man sich gerne «postmodern», in dem Kriterien für literarische Texte rundheraus als nicht existent abgelehnt bzw. als gestrig denunziert werden. Fundierte Kritik bekommt dabei noch das Etikett «elitär».</p>
<p>Wie Literaturjournalismus funktioniert, zeigte Thomas Strässle in der Sendung vom 21. Oktober an einem Beispiel. In der Diskussion um Robert Seethalers Buch «Ein ganzes Leben» wurde über den Artikel des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» gesprochen, der auf die Gerüchte Bezug nahm, Teile von Seethalers Buch seien ein Plagiat aus Denis Johnsons «Train Dreams» . Die Überschrift (im gedruckten «Spiegel») lautete: «Ein Plagiat?» &#8211; zwar versehen mit einem Fragezeichen, aber dennoch suggestiv. Am Ende kam der Artikel allerdings zu dem Schluss, dass es sich nicht um ein Plagiat Seethalers handelt, aber die effekthascherische Überschrift empörte Strässle. Immerhin: <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-129211334.html" target="_blank">In der Online-Version</a> wählte man einen anderen Titel.</p>
<p>Zwei der acht Personen des neuen Kritikerteams kamen in den ersten drei Sendungen noch nicht zum Einsatz. Hildegard E. Keller und Martin Ebel  greifen erst im Dezember ein. Christine Lötscher wurde von der Moderatorin als «Expertin für Fantasy» vorgestellt, was hoffentlich nicht bedeutet, dass bald Vampirschmonzetten verhandelt werden. Rüdiger Safranski (mit Rotweinglas!) schien bei seinem Auftritt am 17.11. ein bisschen über den Dingen zu schweben. Sein Verriss von Thomas Pynchons «Bleeding Edge» hatte durchaus Grandezza. Er fand die Sprache «ranschmeisserisch», den Roman «bildungshuberisch» und attestierte Pynchon «juveniles Getue». Leider ging niemand auf die Übersetzung ein, die vielleicht eine Aufklärung ob der Sprache hätte geben können. Julian Schütt fiel vor allem dadurch auf, dass er in einer Minute den neuen Roman des frisch ausgerufenen Nobelpreisträgers Patrick Modiano verriss:_«dieser Modiano kann mir gestohlen bleiben». Hierzu hätte ich gerne mehr von ihm gehört, aber die Zeit war vorher mit anderem vertan worden (unter anderem mit einer überflüssigen Zwischenmoderation nach ungefähr der Hälfte der Sendung).</p>
<p>Philipp Tingler gab in den ersten beiden Sendungen sein Bestes, um einen literaturkritik-ähnlichen Diskurs zu implementieren. An Leidenschaft fehlte es ihm dabei nicht. So forderte er zweimal eine ertappte Elke Heidenreich auf, die Bücher auch zu lesen. Einmal entzündete sich der Streit bei der Frage, ob sich der Protagonist des Buches «Ein ganzes Leben» von Robert Seethaler freiwillig zum Krieg gemeldet hatte (Tingler) oder eingezogen worden sei (Heidenreich). Die anderen beiden Diskutanten schwiegen. Richtig ist, dass er sich zunächst freiwillig meldete und abgewiesen, später dann jedoch eingezogen wurde (sagte mir ein Leser).</p>
<p>Bei derart kontroversen Diskussionen (auch Tingler mit Julian Schütt in der ersten Sendung) bleiben die anderen Diskutanten ein wenig im Hintergrund, was bei Thomas Strässle in der zweiten Sendung schade war, denn er erfüllte noch am ehesten die Kriterien des sachorientierten, uneitlen Kritikers. Wobei dies nicht als Plädoyer für dröge Statementabsonderungen zu verstehen ist, sondern für strukturiert-sachlichen Streit. Hierfür eignet sich die neue Moderatorin Steiner übrigens ähnlich wenig wie Stefan Zweifel, wobei man bei Zweifel wenigstens das Gefühl hatte, dass er wusste, worüber man hätte kontrovers diskutieren müssen.</p>
<p>Die Debatte um Seethalers Buch in der Sendung vom 21.10. war dafür exemplarisch: Tingler griff frontal die Qualität des Buches an und entdeckte eine «Lawine des Kitsches». Prompt kam dann die Retourkutsche von Heidenreich zu Tinglers Vorschlag, Bernhard Schlinks «Die Frau auf der Treppe». Aus diesem Streit hätte sich eine erhellende Diskussion ergeben können, was Kitsch ist bzw. wie Tingler und Heidenreich Kitsch in der Literatur definieren. Steiner wich dem aus, thematisierte das nicht. Als sich beide ineinander verhakten, schrie sie schliesslich «Halt! Ich möchte auch mal was sagen!» – und griff den Gesprächsfaden nicht auf. Was blieb, war ein dampfendes Schlachtfeld; der Nebel für den Zuschauer undurchdringlich.</p>
<p>Nicola Steiner verstand sich nicht nur als Moderatorin, die eine Diskussion strukturiert, sondern beteiligte sich – wie alle ModeratorInnen des «Literaturclub» inklusive Stefan Zweifel – aktiv an den Debatten. So stellte sie Dave Eggers Buch «The Circle» als «das Buch der Stunde» vor. Es sei wahrlich «keine Dystopie, keine Zukunftsvision», sondern dicht an der Gegenwart. Tinglers Einwände («flach», «haarsträubend», «literarisch belanglos»)  insbesondere was die literarischen Qualitäten des Romans angehen, kontrastierte sie mit Empörung: «Jetzt könnte man behaupten, es muss literarisch belanglos sein, weil die Welt, die abgebildet wird, literarisch belanglos ist», so lautete ihre Replik. Die Einwände perlten an ihr ab, weil sie emotional argumentierte. Regelrecht ertappt fühlte sie sich – weil sie auch Bücher im Internet bestelle und Serien anschaue. Leider ist keinem der Diskutanten eingefallen, eine viel interessantere und vor allem auch literarisch gelungenere Prosa zum Thema «Big Data» und dessen Kommerzialisierung zu erwähnen: <a href="http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/s/benjamin_stein.htm" target="_blank">Benjamin Steins «Replay» von 2012</a>.</p>
<p>Eine der schlimmsten Auswüchse des Literaturjournalismus ist die pädagogisch daherkommende Bevormundung des Lesers. So posaunte Elke Heidenreich, ein Prototyp dieser Spezies, in ihrer ZDF-Sendung «Lesen!» jahrelang ihre Mission in das durch Zigtausende von Neuerscheinungen verunsicherte Publikum. Da passt es wohl, dass Nicola Steiner in ihren Moderationen zu Beginn gelegentlich fragt, «ob man das Buch [X] lesen muss» und am Ende der Diskussion häufiger die «Lesen?»-Frage in die Runde stellt – so, als erkundige sich die Richterin bei ihren Geschworenen nach Schuld oder Unschuld des Angeklagten. Aus dem Ausrufezeichen ist ein Fragezeichen geworden. Geblieben ist die Attitüde, den Rezipienten zum Glück zwingen bzw. vom Bösen abhalten zu wollen. Wer das dauerhaft aushält, muss ein gehöriges Mass an Ekel überwinden.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/11/21/weniger-kritik-mehr-emotionen/">Weniger Kritik, mehr Emotionen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Diskurs im Mittelmass</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 26 Jun 2014 10:16:06 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die erste Ausgabe des «Literaturclub» ohne Moderator Stefan Zweifel bleibt mittelmässig und reibt sich in gegenseitigen Unterbrechungen auf. Es fragt sich, welcher renommierte Kritiker die Leitung dieser Sendung übernehmen wollen wird. Es ist schon ein Elend. Da gibt es seit Jahren eine eigentlich wunderbare Literatursendung im deutschsprachigen Fernsehen, in der von klugen Menschen über vier, <a href="https://medienwoche.ch/2014/06/26/diskurs-im-mittelmass/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die erste Ausgabe des «Literaturclub» ohne Moderator Stefan Zweifel bleibt mittelmässig und reibt sich in gegenseitigen Unterbrechungen auf. Es fragt sich, welcher renommierte Kritiker die Leitung dieser Sendung übernehmen wollen wird.<br />
<span id="more-20403"></span><br />
Es ist schon ein Elend. Da gibt es seit Jahren eine eigentlich wunderbare Literatursendung im deutschsprachigen Fernsehen, in der von klugen Menschen über vier, fünf Bücher jenseits der ansonsten üblichen, marktschreierischen Attitüden seriös gesprochen wird. Und dann sind die Haare von Elke Heidenreich Aufmacher für einen <a href="http://www.blick.ch/people-tv/tv/schwere-vorwuerfe-ans-schweizer-fernsehen-elementarste-regeln-werden-nicht-ernst-genommen-id2935931.html">Bericht im «Blick»</a> zur Aufzeichnung der <a href="http://www.srf.ch/player/tv/literaturclub/video/literaturclub-vom-24-06-2014?id=dd75f8fd-53d8-4bb8-ad8b-daca3867472c">aktuellen Sendung</a>:</p>
<p><iframe src='https://www.srf.ch/player/tv/literaturclub-vom-24-06-2014/videoembed/literaturclub-vom-24-06-2014?id=dd75f8fd-53d8-4bb8-ad8b-daca3867472c&#038;mode=embed' width='450' height='253' frameborder='0' name='Literaturclub vom 24.06.2014'></iframe></p>
<p>Nach dem spektakulären wie lächerlichen <a href="https://medienwoche.ch/2014/05/23/chancenlos/">Rauswurf von Stefan Zweifel</a> als Moderator des «Literaturclub» schaut also der Boulevard auf diese Sendung. Ein Boulevard, für den Literatur ein Appendix des Marktes ist, der sich nach dessen Regeln zu fügen hat. So ist es auch logisch, dass ein Rummelplatzdirektor wie Roger Schawinski die vermeintlich elitären Elemente, die Stefan Zweifel und seine Form von Literaturkritik unterstützen, <a href="http://www.persoenlich.com/beitrag/der-aufstand-der-literaturkritiker-318365">in den Orkus verbannen möchte</a>. Wo Qualität aus An- und Abschaltquoten definiert wird, ist kein Platz für unnütze Sachen wie Literatur.</p>
<p>Also jetzt Sendung 1 nach Zweifel. Rainer Moritz war als «Gast-Moderator» eingesprungen. Schon in den ersten beiden Sendungen unter Zweifels Ägide, im Herbst 2012, übernahm Moritz für den an den Stimmbändern erkrankten Rüdiger Safranski, was Moritz&#8216; launige Vorstellung von Safranski erklärt, er sei «heute bei bester Stimme». Fein säuberlich ausgewogen verteilte er seine Spitzen in der Einleitung. Alle Zitate seien dem Moderator «vorgelegt» worden und «zweifach geprüft». Und die «Disziplin des Bücherweitwurfs werden wir nicht ausüben heute Abend». Die Literatur stehe im Mittelpunkt und es ginge nicht darum, die Diskussion der letzten Wochen weiter zu «zerreden».</p>
<p>Dann begann die Runde mit einer Neuauflage von Erich-Maria Remarques «Im Westen nichts Neues». Als Heidenreich eine Passage aus dem Buch vorlesen wollte, begann sie mit: «Ich zitiere wörtlich». Vielleicht sagt man der studierten Germanistin mal, dass Zitate immer    «wörtlich» sind.</p>
<p>Schliesslich wandte man sich dann drei Neuerscheinungen zu. Die Diskussionen verliefen auf eher mittelmässigem Niveau. Als es bei Tomas Espedals «Wider die Natur» um einen älteren Mann ging, der ein Verhältnis mit einer wesentlich jüngeren Frau hatte, wurde Heidenreich schnell ein bisschen zotig. In der ganzen Sendung gelang es auch Rainer Moritz es nicht, Elke Heidenreich auf elementarste Dinge der Gesprächsführung zu vergattern. Sie unterbrach immer wieder Ausführungen ihrer Mitdiskutanten, besonders von Rüdiger Safranski. Die schüchterne Hildegard Keller wurde häufig einfach übersprochen. Moritz verfuhr mit Heidenreich gelegentlich ähnlich, um überhaupt einen Punkt zu machen.</p>
<p>Einmal allerdings, bei einer Lesung aus Georgi Gospodinovs «Physik der Schwermut» gab es einen schalkhaften Moment in der Lesung. Der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart las eine kurze Geschichte von zwei Freunden, die kein Geld haben, sich eine Eintrittskarte für einen Kinofilm zu kaufen. Dafür bieten sie auf der Strasse ein «Kino für Arme» an. Für zehn Prozent des Eintrittspreises erhalten denjenigen, die ebenfalls kein Geld für die Karte haben, die Zusammenfassung des Films in schriftlicher Form. Aus den Vorankündigungen zitierend und mit etwas Phantasie gehe das leicht, so einer der Protagonisten. Mit den Einnahmen könnte man danach dann ins Kino gehen und endlich den Film schauen. Wer auch immer diese Stelle ausgesucht hat – eine wunderbare Parabel auf den Betrieb im allgemeinen und eine teilnehmende Person in der Runde im speziellen.</p>
<p>Moritz hat seine Rolle als «Gast»-Moderator zu oft betont, als das dies die Lösung für den «Literaturclub» ab September sein könnte. Die Parität würde einen Moderator/eine Moderatorin aus der Schweiz fordern. Spontan fallen einem hier einige Namen ein, die dieser Sendung guttun würden, zum Beispiel Barbara Villiger Heilig, die schon in der Ära Radisch ab und an Gast war, oder Roman Bucheli. Aber ob sich ein renommierter Kritiker, eine renommierte Kritikerin nach dem aktuellen Desaster in diese «Schlangengrube» (Stefan Zweifel) begeben und mit einer <a href="https://medienwoche.ch/2014/06/10/nicht-oeffentlich-sprachlos-namenlos/">abgeschotteten, klandestinen Redaktion</a> zusammenarbeiten möchte, bleibt die Gretchenfrage.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/06/26/diskurs-im-mittelmass/">Diskurs im Mittelmass</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Nicht öffentlich, sprachlos, namenlos</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Jun 2014 08:43:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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		<category><![CDATA[Elke Heidenreich]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Vier Personen teilen sich eine Vollzeitstelle für die Redaktion des Literaturclubs. Wer dort was und in welchem Umfang tut, soll nach Ansicht des Schweizer Fernsehens nicht öffentlich werden. Tatsächlich kann die Redaktion ersatzlos gestrichen werden, denn sie produziert konkret nichts, sie ist verantwortlich für den Konflikt um ein Falschzitat, im schlechtesten Fall hält sie die <a href="https://medienwoche.ch/2014/06/10/nicht-oeffentlich-sprachlos-namenlos/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/06/10/nicht-oeffentlich-sprachlos-namenlos/">Nicht öffentlich, sprachlos, namenlos</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vier Personen teilen sich eine Vollzeitstelle für die Redaktion des Literaturclubs. Wer dort was und in welchem Umfang tut, soll nach Ansicht des Schweizer Fernsehens nicht öffentlich werden. Tatsächlich kann die Redaktion ersatzlos gestrichen werden, denn sie produziert konkret nichts, sie ist verantwortlich für den Konflikt um ein Falschzitat, im schlechtesten Fall hält sie die Diskutanten vom Lesen der Bücher ab.<br />
<span id="more-20152"></span><br />
Ein seit längerem schwelender Konflikt zwischen dem bisherigen Literaturclub-Moderator Stefan Zweifel und dem Schweizer Fernsehen hat letzten Monat seinen Höhepunkt erreicht und eine Trennung herbeigeführt, seit der sich beide Seiten mit Anwälten bekriegen. Zum Bruch kam es, weil Stefan Zweifel, der in der <a href="http://www.srf.ch/player/tv/literaturclub/video/mccann-reza-lewitscharoff-mosebach-und-heidegger?id=61dee10c-dfe6-4003-9efd-102f1b55da64">Sendung vom 22. April 2014</a> ein Heidegger-Zitat, das Elke Heidenreich ausdrücklich als so gefallen verteidigte, anzweifelte und danach von der Redaktion keinerlei Rückhalt erhielt. Statt seine berechtigten, höflich und zum richtigen Zeitpunkt vorgetragenen Zweifel am Zitat (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=mcX6qTA6GUI">Video</a>) zu verteidigen, wurde er dafür auch noch kritisiert; so von SRF-Kulturchefin Natalie Wappler, die ihm <a href="http://www.nzz.ch/aktuell/schweiz/rainer-moritz-springt-fuer-stefan-zweifel-ein-1.18312022">nachträglich vorwarf</a>, nicht auch noch Rüdiger Safranski darauf angesprochen zu haben.</p>
<p>Die meisten Medien stellten den Konflikt dar als eine unüberbrückbare Differenz zwischen Heidenreich und Zweifel. Tatsächlich aber begehrte Zweifel gar keine Absetzung von Heidenreich. <a href="http://bazonline.ch/kultur/fernsehen/Zweifel-verliert-Machtkampf-gegen-Heidenreich/story/11472507">Er verlangte</a>, dass Esther Schneider die operative Leitung des Literaturclubs abgibt, weil sie trotz seiner schriftlichen Bitte, das fragliche Zitat zu prüfen, untätig blieb. Weiter wollte er, dass SRF den Sachverhalt abklärt. Sind das ungebührliche Forderungen von Zweifel? Nein, es wäre die Funktion einer Redaktionsleitung, Klarheit zu schaffen und die Mitarbeiter zu schützen, und zwar in erster Linie jene, die korrekt arbeiten.</p>
<p>Auf Zweifels Forderungen wurde nicht eingegangen, die Öffentlichkeit wurde mit einem dürren <a href="http://www.srf.ch/medien/news/klarstellung-zum-abgang-von-stefan-zweifel-beim-literaturclub/">Statement</a> abgespeist, Falschzitate sind offenbar problemlos. Wer vom Schweizer Fernsehen wissen will, wer für diese Redaktion arbeitet, die sich mit Falschzitaten nicht beschäftigen will, erhält dazu ganz ernsthaft keine Antwort. SRF-Mediensprecherin Nadine Gliesche: «Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes können wir dazu keine Angaben machen. Im Gegensatz zu Moderationspersonen sind Mitarbeitende der Redaktionen keine Personen des öffentlichen Interesses.» Auch auf ausdrückliche Anfrage will die SRF-Medienstelle keinerlei Informationen über diese Personen herausrücken, der Öffentlichkeit bekannt werden soll lediglich dies: «Der Literaturclub wird von vier Personen betreut, dies mit einem Aufwand von total einer Vollzeitstelle. Dies umfasst sowohl Sekretariat, Produktion, Redaktion, als auch die Betreuung der Kritiker und des Moderators. Das ist möglich, weil die Redaktion Literatur trimedial arbeitet, Synergien nutzt und ein sehr gut eingespieltes Team ist.»</p>
<p>In einer Redaktion beschäftigte Personen (Journalisten?) sind also nicht Personen des öffentlichen Interesses, auch wenn sie im Zentrum einer öffentlichen Debatte stehen? Die unverständliche Weigerung, transparent zu sein und Fakten richtigzustellen, blamiert das Schweizer Fernsehen, und das nicht etwa bei den boulevardesken, sondern bei den seriösen Medien: «Schweizer Fernsehen blamiert sich im Streit um den Literaturclub», <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literaturclub-streit-geht-weiter-das-heidegger-zitat-der-elke-heidenreich-12965190.html">schrieb die FAZ</a>. «SRF macht sich zur Lachnummer» <a href="http://medienblog.blog.nzz.ch/2014/05/27/heidenreich-und-heidegger-srf-macht-sich-laecherlich/">die NZZ</a>. <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/sendung-literaturclub-eklat-um-heidenreichs-heidegger-faelschung-1.1973423">In der Süddeutschen Zeitung stand</a>: «Unerfindlich bleiben die Gründe des SRF für die Degradierung Stefan Zweifels, der &#8211; was die Aufgabe eines Kritikers nun mal ist &#8211; ein falsches Zitat als solches kenntlich machte.»</p>
<p>Die Lösung des Problems ist simpel: Nicht ein Stefan Zweifel muss gehen, der mit seinen klugen Gedanken, seinem Urteil und seiner Fachkenntnis in Literaturfragen eine wahre Oase ist in der grossen Wüste des Durchschnitts. Sondern die namen- und sprachlos bleiben wollende Redaktion, die sich in der SRF-Bürokratie an überflüssigen Arbeiten festhält und ansonsten nutzlos ist, wie sie bewiesen hat: Als sie einmal gefordert war, hat sie versagt.</p>
<p>Es braucht schlicht keine vier Personen in einer Literaturclub-Redaktion, die konkret gar kein Produkt erschaffen. Die gesamte im Literaturclub zu leistende Arbeit wird von den vier Diskutanten verrichtet, in dem sie die zu besprechenden Bücher lesen und sich im Studio treffen, um über ihre Leseerlebnisse zu reden &#8211; dafür werden sie ja auch bezahlt. Die Auswahl der Bücher könnte problemlos online abgestimmt werden oder aber in einer kurzen Sitzung nach dem Aufzeichnungstag. «Betreut» werden müssen diese Menschen nicht, es handelt sich um vernünftige Erwachsene.</p>
<p>Das Zitatproblem von Elke Heidenreich geht direkt auf die Arbeit der Redaktion zurück. Das fragliche Wort «entbergen» fand Heidenreich nämlich «im Dossier, das uns die Redaktion für die Sendung zur Verfügung stellte», wie sie in einer ausladenden Verteidigungsschrift in eigener Sache <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Wie-es-zum-HeideggerZitat-im-Literaturclub-kam/story/24590554">im Tages-Anzeiger notierte</a>. Wer braucht denn Dossiers über Bücher? Menschen, die keine Zeit haben, Bücher vollständig zu lesen. Doch genau das ist doch eigentlich das Konzept des Literaturclubs: Vier Personen lesen Bücher von der ersten bis zur letzten Seite, im Idealfall sogar mehrmals, und diskutieren danach ihre Leseerlebnisse.</p>
<p>Die Arbeit der Literaturclub-Redaktion, den Diskutanten Auszüge und Dossiers der besprochenen Bücher vorzulegen, führt im schlechtesten Fall dazu, dass diese die Bücher gar nicht mehr vollständig lesen. Und wenn die Diskutanten die Bücher nicht mehr vollständig lesen, kann die Sendung auch einfach abgesetzt werden. Es wäre nur noch ein Reden von Blinden über die Farbe, eine lausige PR-Veranstaltung der Buchbranche, ein Stammtisch der Pseudoelite. Angebliche Literaturspezialisten, die das Buch, das sie besprechen, gar nicht gelesen haben, sind obsolet. Sie sollten ihren Kritikersessel Leuten überlassen, welche die Bücher tatsächlich gelesen haben, dem Redaktionspraktikanten zum Beispiel oder Frau Moser aus Huttwil. Das wäre womöglich interessanter.</p>
<p>Ohne die Einmischung oder die Existenz der Redaktion hätte es wohl auch gar keinen Konflikt gegeben. Heidenreich und Zweifel hätten sich öffentlich gefetzt, die Öffentlichkeit hätte darüber diskutiert, und dann wäre es in der nächsten Sendung weitergegangen, mit anderen Büchern oder indem man die Debatte nochmals kurz angesprochen hätte. Wie das SRF verheimlicht und versucht, den Skandal auszusitzen, ist einfach nur peinlich. Es hört sich hart an, aber man setzt ganz offenbar darauf, dass der durchaus streitbare Stefan Zweifel nicht ausreichend öffentliche Solidarität erhält.</p>
<p>Ohne Stefan Zweifel wird die Diskussionsrunde auf jeden Fall ärmer. Holt ihn also zurück und entlässt stattdessen die Redaktion. Ohne sie wird der Literaturclub nicht nur kostengünstiger, er wird auch an Format und Substanz gewinnen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/06/10/nicht-oeffentlich-sprachlos-namenlos/">Nicht öffentlich, sprachlos, namenlos</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Chancenlos</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2014/05/23/chancenlos/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 May 2014 08:28:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturclub]]></category>
		<category><![CDATA[Stefan Zweifel]]></category>
		<category><![CDATA[SRF]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[Elke Heidenreich]]></category>
		<category><![CDATA[Esther Schneider]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit Elke Heidenreich und der SRF-Literaturredaktion gegen sich, hatte Stefan Zweifel keine Chance, sich als Moderator des «Literaturclubs» zu halten. Ohne Zweifel verliert das Schweizer Fernsehen eine wichtige Möglichkeit, sachkundig und niveauvoll über Literatur zu sprechen. Der «Literaturclub» droht zur anspruchslosen Büchersendung zu verkommen. «Ach, Herr Zweifel!» Es war dieser Stossseufzer, der irgendwann fast in <a href="https://medienwoche.ch/2014/05/23/chancenlos/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/05/23/chancenlos/">Chancenlos</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Mit Elke Heidenreich und der SRF-Literaturredaktion gegen sich, hatte Stefan Zweifel keine Chance, sich als Moderator des «Literaturclubs» zu halten. Ohne Zweifel verliert das Schweizer Fernsehen eine wichtige Möglichkeit, sachkundig und niveauvoll über Literatur zu sprechen. Der «Literaturclub» droht zur anspruchslosen Büchersendung zu verkommen.<br />
<span id="more-19775"></span><br />
«Ach, Herr Zweifel!» Es war dieser Stossseufzer, der irgendwann fast in jeder Sendung aufkam. Meistens dann, wenn es ein bisschen ins Detail zu gehen drohte oder Stefan Zweifel die Qualität einer Übersetzungen thematisierte. Er kam von Elke Heidenreich, die mit diesem herablassend-tantigen Ausruf zielsicher immer das sich gerade aus dem Boden reckende Pflänzchen des aufkommenden Niveaus niedertrampelte.</p>
<p>Es geht um den «Literaturclub», jene Sendung die einst als Gegenstück zum «Literarischen Quartett» im ZDF entstand. Übrigens ganz lange mit Elke Heidenreich als Moderatorin. Während Marcel Reich-Ranicki, den man heute noch «Literaturpapst» verklärt, in seiner Diskussionssendung über literarische Neuerscheinungen als «Fälle» sprach wie ein Richter, der über ihnen zu Gericht sitzt, ging es im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens immer ein bisschen ruhiger, gediegener und auch sachlicher zu. Wer den Klamauk des «Quartetts» schätzte, fand die Sendung eher langweilig. Für alle anderen war sie eher aufregend. Was übrigens auch unter der Moderation des genrefremden Daniel Cohn-Bendit blieb.</p>
<h3>Etwas engstirnige Vermittlerin</h3>
<p>Mit Stefan Zweifel als Moderator schien im Herbst 2012 der Neuanfang gemacht. Während die Vorgängerin Iris Radisch die Sendung zwanghaft verjüngen wollte und stattdessen <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/fernsehen/Alles-unter-Kontrolle/story/18048587" target="_blank">«mit Trailern und anderen Sperenzchen» (Martin Ebel im «Tagesanzeiger»)</a> nur verwässerte, schien diese Gefahr mit Stefan Zweifel als Moderator und Rüdiger Safranski und Hildegard Keller als Mitdiskutanten gebannt. Als populäres Aushängeschild wurde dann noch Elke Heidenreich verpflichtet. Die hatte sich einige Jahre vorher durch illoyale Aussagen über ihren damaligen Arbeitgeber ZDF um ihren Job gebracht, galt und gilt als populäre, aber etwas engstirnige Vermittlerin.</p>
<p>Stefan Zweifel ist ein Kritiker mit hoher Kompetenz und fast penibler Akribie. Man folgt ihm gerne, auch wenn man nicht immer zustimmen mag. Unvorstellbar, dass er ein Buch bespricht, das er nicht vollständig mindestens ein Mal gelesen hat. Handelt es sich um eine Übersetzung, vergleicht er sie mit dem Original und entdeckt zuweilen Erstaunliches. Das ist, wenn man die Branche kennt, heutzutage schon ziemlich ungewöhnlich. Bei Zweifel steht zuallererst der jeweilige Text im Vordergrund, der mit einem analytischen Besteck untersucht wird. Dabei fällt er keine einfachen Urteile, wie sie in der inzwischen längst banalisierten Literaturkritik, die zuweilen nur Daumen hoch oder Daumen runter zu kennen scheint, an der Tagesordnung sind. Dass ihm dies gelegentlich den Vorwurf der Abgehobenheit eingebringt, wirft mehr ein Licht auf diejenigen, die ihm dies vorhalten als auf Zweifel selber.</p>
<h3>Kritik aus dem Bauch heraus</h3>
<p>Aber hierin lag der Hauptteil des Konflikts mit Elke Heidenreich, die fast immer Kritik «aus dem Bauch heraus» oder aus Sympathie für einen Autor/eine Autorin (mehrfach bei ihr als «Begründung» angegeben) übt. Dabei konnte man gelegentlich beobachten, dass sie Bücher, die ihr nicht gefallen haben, nicht oder mindestens nicht genau gelesen hatte. In <a href="http://www.srf.ch/sendungen/literaturclub/mccann-reza-lewitscharoff-mosebach-und-heidegger" target="_blank">der Sendung vom 22.4.2014</a> holte sie zu einer Tirade gegen die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff aus, die dies schön illustriert. Lewitscharoff war kurz vorher mit einer kontrovers diskutierten Rede über die moderne Reproduktionsmedizin aufgefallen und fast überall für ihre Bemerkung, im Reagenzglas gezeugte Menschen seien «Halbwesen», angegriffen worden.</p>
<p>Heidenreich nutze nun die Besprechung über Lewitscharoffs neues Buch «Killmousky» um das Buch und schliesslich auch die Autorin, die immerhin 2013 den Büchner-Preis erhalten hatte, als «dusselig», «blöde» und «dämlich» abzukanzeln (ab 32:30). Sie schreibe «Groschenromane» und die «deutsche Literaturszene» sei «krank» eine solche Autorin zu loben und auszuzeichnen. Schon in den Klappentexten würde sie über Gebühr gefeiert. Stefan Zweifel bemerkte daraufhin, dass auch schon Heidenreichs Sprüche auf Klappentexten Verwendung gefunden hätten, was sie als «billige Retourkutsche» bezeichnete. Entlarvend dabei, dass Heidenreich zwar bemerkte, noch nie ein Buch von Lewitscharoff zu Ende gelesen zu haben, sich dennoch aber doch ein derartiges Urteil anmasste. Auf diese Suada in einigen Interviews angesprochen, <a href="http://www.tt.com/home/8416820-91/sibylle-lewitscharoff-im-gespr%C3%A4ch-ich-ein-kampfbereiter-terrier.csp" target="_blank">bemerkte Lewitscharoff</a>, <a href="http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/sendung/04052014-sibylle-lewitscharoff100.html" target="_blank">dass Heidenreich sie vor zwei Jahren gebeten hatte für einen Katzenanthologie einen Text beizusteuern</a> (04:50). Wer oder was da wohl «krank» ist?</p>
<h3>Die Sache mit Heidegger</h3>
<p>Die Sendung am 22.4. hatte noch in einem anderen Punkt ein hohes Konfliktpotenzial. Als es um die Diskussion um Martin Heideggers sogenannte «Schwarze Hefte» ging, in denen dem Philosophen nun dezidiert (erneut) eine Gedankennähe zum Nationalsozialismus und sogar antisemitische Denkmuster nachgewiesen werden, setzte Heidenreich wiederum zu einem umfangreichen Monolog an, in dem sie indirekt zugab, die entsprechenden Bücher nicht gelesen zu haben (ab 1:00:04; «keine Lust, das ganz lesen»). Ihr Urteil stand trotzdem fest. Dabei zitierte sie einen Satz, von dem Zweifel sofort erwiderte, dass er nicht in den zur Diskussion stehenden Büchern aufgeführt sei. Mit einem mehrmals giftigen «Doch!» schmiss Heidenreich schliesslich das Buch auf den Tisch.</p>
<p>Das Zitat war eine Lüge. Wer jemals etwas von Heidegger gelesen hat, weiss, dass der von Heidenreich vorgelesene Satz niemals in dieser Form von ihm geschrieben worden sein kann: «Die verborgene Deutschheit müssen wir entbergen und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.» Der Halbsatz, der mit «indem» beginnt, ist eine Schlussfolgerung von Heidenreich, die sie aus Heideggers Schriften ableitet bzw. erfunden hat. Inzwischen hat Heidenreich auch zugegeben, das Zitat erfunden zu haben. <a href="http://bazonline.ch/kultur/fernsehen/Zweifel-verliert-Machtkampf-gegen-Heidenreich/story/11472507"target="_blank">«Das Wort ‹entbergen›…habe sie einem Artikel der Süddeutschen Zeitung entnommen, der im Dossier war, das ihr SRF für die Sendung zusammenstellte»</a>, heisst es bei Benedict Neff in der «Basler Zeitung».</p>
<p>Das Wort «entbergen» ist bei Heidegger ein wichtiger Begriff. Dass sie ihn in einem Dossier findet, spricht dafür, dass sie sich mit dem Philosophen für die Sendung nicht ausreichend auseinandergesetzt hat. Das ist nicht schlimm, sollte aber zur Folge haben, sich darüber dann nicht zu äussern. Genau dies hatte Heidenreich aber getan.</p>
<h3>Korrektes Zitieren</h3>
<p>Es ist kein Wunder, dass eine von zwei Bedingungen, die Stefan Zweifel an die Redaktion des «Literaturclub» stellte, die Zurücknahme dieses sogenannten Zitates von Heidenreich ist. Es sollte essentiell für eine solche Sendung sein, dass Zitate richtig und korrekt wiedergegeben und nicht willkürlich aus Satzfetzen zusammengemischt werden. Heidenreich als Germanistin weiss das. Ihre Verblüffung um diese Diskussion muss daher geheuchelt sein.</p>
<p>Offensichtlich hatte Zweifel die zuständige Redaktionsleiterin Esther Schneider aufgefordert, das Zitat zu überprüfen, was diese ablehnte. Diese Ablehnung ist mit einer Parteinahme für Heidenreich gleichzusetzen. Dass Zweifel in seiner zweiten Bedingung auf die Absetzung von Schneider insistierte, verwundert nicht.</p>
<p>Elke Heidenreich war von Beginn an das Problem in dieser neuen Zusammenstellung der Diskussionsrunde, <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/23/ein-lob-auf-den-literaturclub/">was ich bereits nach den ersten beiden Sendungen andeutete</a>. Im <a href="https://medienwoche.ch/2013/01/14/ich-konnte-bis-9-nicht-lesen/#more-12037">Gespräch mit Ronnie Grob</a> beschrieb Stefan Zweifel seinen Moderationsstil: «Ich möchte eigentlich eine Moderation machen, die fast eine Nicht-Moderation ist» und sprach von einem «gemeinsamen Spaziergang».</p>
<h3>Fehlende Gruppendynamik</h3>
<p>Dieser kollaborative Stil, der sich jenseits festgezurrter Hierarchien bewegt, verlangt ein Höchstmass an Vertrautheit und Vertrauen innerhalb des Teams. Die Zeichen hierzu standen jedoch schlecht. In den ersten Sendungen unter Zweifels Ägide war Rüdiger Safranski krank (und wurde gut von Rainer Moritz vertreten). Später fehlte Hildegard Keller mehrfach; ihre Tätigkeit in den USA nahm sie wohl mehr in Anspruch als man dachte. Eine gruppendynamische Eingespieltheit konnte so nicht aufkommen. Einzig Elke Heidenreich war bei allen 17 Sendungen, die Zweifel moderierte, anwesend.</p>
<p>Und so schön sich der «gemeinsame Spaziergang» anhört – er setzt voraus, dass man mindestens ungefähr in die gleiche Richtung geht, das gleiche Ziel verfolgt. Mit Heidenreich war dies nur eingeschränkt möglich. Zum einen lässt sie mit Vorliebe andere Mitdiskutanten nicht ausreden und hat die Moderatorenrolle, die sie in dieser Sendung einmal hatte und später in «Lesen!» im ZDF in anderer Weise fortführte, niemals abgelegt. Heidenreich liess es dabei auch an Respekt vor der Rolle des (viel jüngeren) Stefan Zweifel in seiner Funktion als Moderator mangeln. Zum anderen verabscheut Heidenreich tiefergehende, am Text sich orientierende Analysen.</p>
<p>Natürlich ist eine solche Sendung keine literaturwissenschaftliche Vorlesung, aber etwas mehr als «Bauchgefühl» und die Aussage, sie habe einen Schriftsteller immer schon gemocht, sollten doch möglich sein. Zweifel, der versuchte eine Synthese zwischen dieser trivialen Sicht auf Literatur und der zuweilen tatsächlich abgehobenen Literaturwissenschaft anzubieten, musste gleichzeitig auch noch eine plappernde Heidenreich sanft bändigen, was dann wiederum seinem kollaborativen Moderationsansatz widersprach.</p>
<p>Der Austausch von Argumenten ist schwer, wenn der andere ausser Geschmacksurteilen und Gesinnungskritik nichts zu bieten hat. Hinzu kam, dass Heidenreich durch zuweilen arg volkstümliche, intellektuell eher bescheidene Phrasen um Beifall beim Publikum buhlte. Erschreckend war beispielsweise, dass die Wutrede auf Lewitscharoff mit Applaus belegt wurde, den Heidenreich auch noch als wohltuend für sich wertete und als Zustimmung auffasste. Hatten eigentlich die Applaudierenden die inkriminierten Bücher von Lewitscharoff gelesen und konnten daher Heidenreichs Philippika einschätzen? Was ist das für eine Literaturkritik, die sich für Affekte des Publikums hergibt?</p>
<h3>Heidenreich als hektische Lehrerin</h3>
<p>Spätestens seit <a href="http://www.srf.ch/sendungen/literaturclub/wallace-handke-gustafsson-und-coetzee" target="_blank">der Dezember-Sendung im letzten Jahr</a> knirschte es zwischen Heidenreich und Zweifel. Dieser hatte in einer Besprechung über J. M. Coetzees Buch «Die Kindheit Jesu» unvermittelt von einem Besuch in einer Schule erzählt (ab 49:50), in der er eine Deutsch-Lehrerin getroffen habe, die ihren Schülern Urteile über Gedichte und Prosa nach «richtig» und «falsch» abfragte und immer genau die Bedeutung des Textes wusste. Was nur wenige ahnten, mir aber später bestätigt wurde: Der Moderator hatte eine Allegorie verwendet. Mit der hektischen Lehrerin, die ihre Schüler nicht ausreden lässt und nur nach ihren eigenen Gewissheiten benotet, war Heidenreich gemeint.</p>
<p>Tatsächlich prallen mit Zweifel und Heidenreich zwei Welten aufeinander. Insofern ist die Ablösung Zweifels nicht nur eine Entscheidung gegen die Person des Moderators. Es ist auch eine Entscheidung wie man den «Literaturclub», wie man Literatur im Fernsehen positionieren will: Hier das lustige, harmlose Leseempfehlungsgequatsche ohne besonderen Tiefgang. Dort die interessierte, neugierige, nicht immer sofort in ein Klischee einsetzbare Rede über ein Buch. Hier Facebook-Plauderei und Kaffeekränzchen, dort der Versuch, Texten und ihrer Komplexität (sofern vorhanden) gerecht zu werden.</p>
<p>Die Degradierung Zweifels ist ein eklatanter Fehlgriff. Er ist vielleicht nicht für die Rolle des Moderators geboren, aber die Respektlosigkeit Heidenreichs nicht nur Zweifel gegenüber sondern auch der Sache, diese Aufgabe jeglicher der intellektuellen Redlichkeit (Falschzitat) hätte man auch nicht mit einem cholerischen Moderator verhindern können. Wenn man Zweifel jetzt mangelnde Durchsetzungsfähigkeit ankreidet, und gleichzeitig seinem Wunsch der Zitatverfolgung nicht nachkommt, ist dies ziemlich bigott. Die zuweilen erwähnte Wandlung Zweifels <a href="http://www.aargauerzeitung.ch/kultur/buch-buehne-kunst/knatsch-im-lesezirkel-warum-das-srf-moderator-zweifel-absetzt-128004449" target="_blank">vom «leidenschaftlichen Mitstreiter» zum «umsichtigen Moderator«</a> (Anna Kardos) hat weniger mit Zweifel als mit der Konfrontationsstrategie Heidenreichs zu tun.</p>
<h3>Sie wird bleiben</h3>
<p>Heidenreichs Engagement für den «Literaturclub» ist durchaus langfristig angelegt. Im Januar 2013 kündigte sie <a href="http://www.boersenblatt.net/590553/" target="_blank">ihre Herausgeberschaft bei der «Edition Elke Heidenreich» beim Bertelsmann-Verlag (gehört zur Random House-Gruppe) auf</a>. Sie wird bleiben, zumal sie offensichtlich die Rückendeckung in der Redaktion besitzt. Stefan Zweifel hat erkennen lassen, dass er nicht ins zweite Glied zurücktreten möchte, zumal ja unter Umständen Elke Heidenreich jetzt als Moderatorin eingesetzt werden könnte. Damit verlöre der «Literaturclub» fast die letzte Möglichkeit, sachkundig im Rahmen des Mediums Fernsehen niveauvoll über Literatur zu sprechen, da ihm in dieser Situation womöglich die willigen ModeratorInnen respektive TeilnehmerInnen ausgehen. Nicht Stefan Zweifel hat die Sendung gesprengt, sondern Unvermögen auf Seiten des Schweizer Fernsehens und das bösartige Intrigantentum von Elke Heidenreich.</p>
<p>Wer die Sendung am 23. Juni moderieren wird und wie die Besetzung aussieht, ist vollkommen offen. Frau Heidenreich ist es vermutlich egal, wer unter ihr Chef sein wird. Der «Literaturclub» wird zur Buchsendung. Ich bin dann mal weg.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/05/23/chancenlos/">Chancenlos</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>«Ich konnte bis 9 nicht lesen»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/01/14/ich-konnte-bis-9-nicht-lesen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Jan 2013 08:28:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
		<category><![CDATA[Elke Heidenreich]]></category>
		<category><![CDATA[Hildegard Keller]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturclub]]></category>
		<category><![CDATA[Rüdiger Safranski]]></category>
		<category><![CDATA[Stefan Zweifel]]></category>
		<category><![CDATA[SRF]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit Herbst 2012 leitet Stefan Zweifel die Sendung «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. Im MEDIENWOCHE-Interview spricht der 45-jährige Journalist, Übersetzer und Philosoph über das Prekäre einer Live-Sendung, das Zeitalter der femininen Männer und wie er einmal beinahe Michel Houellebecq aus einem fahrenden Auto gestossen hätte. Führte er ein Medienunternehmen, liesse er den Autoren viel mehr Freiheit <a href="https://medienwoche.ch/2013/01/14/ich-konnte-bis-9-nicht-lesen/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/01/14/ich-konnte-bis-9-nicht-lesen/">«Ich konnte bis 9 nicht lesen»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Seit Herbst 2012 leitet Stefan Zweifel die Sendung «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. Im MEDIENWOCHE-Interview spricht der 45-jährige Journalist, Übersetzer und Philosoph über das Prekäre einer Live-Sendung, das Zeitalter der femininen Männer und wie er einmal beinahe Michel Houellebecq aus einem fahrenden Auto gestossen hätte. Führte er ein Medienunternehmen, liesse er den Autoren viel mehr Freiheit – «so dass die Texte wirklich individuell sind, und auch aus dem Rahmen fallen».<br />
<span id="more-31154"></span><br />
<em>Freitagnachmittag, ich klingle an der Haustür, nichts passiert. Etwas später kommt ein älterer Herr heraus, ich gehe hinein, klingle an der Wohnungstür, nichts zu hören. Dann klopfe ich, Stefan Zweifel öffnet und fragt, wer ich sei. Wir haben doch einen Termin um 14 Uhr, sage ich, oh, ist das heute? Das Handy ist kaputt, die Termine verloren gegangen, wir verschieben den Termin auf den Montag. Drei Tage später sind um 14 Uhr die Türen geöffnet. Ich betrete ein aus Büchern bestehendes Wohnungsbüro mit einem Macbook Air auf dem Tisch. Zweifel sucht gerade nach einem Buch. Wir trinken Coca-Cola Light.</em></p>
<p><strong>Der erste Literaturclub unter Deiner Leitung bleibt mir als unschweizerisch exzentrisch und als fast schon ikonenhaft stilvoll in guter Erinnerung. Safranski krächzte aus dem Publikum (aufgrund einer Stimmbandentzündung), Keller hatte diese glamouröse Sonnenbrille auf (aufgrund einer Augenentzündung). Und Du trugst diesen babyblauen Anzug. Eine kurze Google-Bildersuche ergibt, dass Du mit Elvis, David Hasselhoff und Wayne Rooney in bester Gesellschaft bist. Wo hast Du den her?</strong><br />
Ich glaube, der wurde von der Stilberatung des Schweizer Fernsehens bevorzugt, vielleicht, weil ich auch blaue Augen habe. Vielleicht auch, weil ich eine etwas infantile Ader besitze, die man unterstreichen muss.</p>
<p><strong>Wie bist Du mit Deinen ersten Sendungen zufrieden?</strong><br />
Die erste Sendung hat mir sehr gefallen, weil sie so prekär war. In der Live-Sendung machte ich zweimal eine lange Schweigepause. Das wurde dann aber herausgeschnitten, weil ich das Schweigen, das ich selbst inszenierte, nicht so gut ausgehalten habe &#8211; die Bilder waren etwas hektisch, ich griff auch zur Cola, so war der Effekt nicht ganz der von mir beabsichtigte. An sich wird ja diese Sendung nicht geschnitten, es sei denn, jemand sagt einen Markennamen oder macht Werbung für eine politische Partei. Es ist live, und danach kann man nichts mehr daran ändern. Dieses leicht prekäre Abserbeln hat mir persönlich sehr gut gefallen. Ob es als Zeichen nach Aussen das Richtige war für eine erste Sendung, entzieht sich meinem Wissen.<br />
Über die zweite Sendung war ich enorm glücklich, fast schon euphorisch. In meiner Erinnerung war die Sendung harmonisch, aber auch spontan, ein Sachgespräch mit wenig vorbereiteten Pointen (das merkt der Zuschauer ja sofort, wenn jemand eine Pointe abliest). In der dritten Sendung ist dann Safranski dazugestossen, der ja wie ich einen philosophischen Hintergrund hat. Da muss ich aufpassen, bei der Literatur zu bleiben und nicht zu sehr auf philosophische Vorgaben von Safranski einzusteigen. Ich kam mir da teilweise intellektuell gehemmt vor.</p>
<p><strong>Die «Basler Zeitung» hat die «Zweifelhafte Bücher-Sendung» arg verrissen. Nach dem Urteil von Christine Richard hast Du weder «Auftrittsqualität noch persönliche Ausstrahlung».</strong><br />
Das ist natürlich schrecklich, debakulös. Es ist aber wahrscheinlich auch einfach etwas, das man hat oder nicht hat, offenbar hab ich es nicht. Es gibt aber schon Leute mit einem tollen Auftritt. Ich erinnere mich an einem Abend in der Zürcher Kronenhalle: Im Raum sassen Christoph Marthaler, Bruno Ganz, Daniel Schmid mit einem italienischen Filmstar, Günter Netzer, und dann kam jemand herein, und hat die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen: Boris Becker. Das war in meinen Live-Erlebnissen der beste Auftritt.<br />
Ich möchte eigentlich eine Moderation machen, die fast eine Nicht-Moderation ist. In der die Gruppe als intelligentes Tier eine höhere Intelligenz entwickelt als ich oder derjenige, der die Rolle des Moderators designt. Ich glaube, in der zweiten Sendung gab es solche Momente, in der wir als Gruppe sehr gut gedacht haben, und in der ich auch nicht mehr lenken musste. Ich möchte ja die Diskussion über ein Buch nicht mit einer pseudofrechen Frage beginnen. Vielmehr stelle ich mir einen gemeinsamen Spaziergang vor, den man macht durch verschiedene Bücher hindurch. Bei einem solchen Spaziergang kann es sein, wie bei jedem Spaziergang einer Familie, dass ein Kind etwas überstellig ist und das andere noch etwas kränkelt. Ideal ist, wenn man so zum Ziel kommt, ohne es zu merken.</p>
<p><strong>In der <a href="http://www.srf.ch/sendungen/literaturclub/illies-muschg-gasdanow-und-marcus">Sendung vom 20. November 2012</a> beherrschten, ganz anders als in den meisten Diskussionsrunden, zwei resolute Frauen zwei zurückhaltende Männer, sprachen oft dazwischen, liessen sie wenig zu Wort kommen.</strong><br />
Wir sind im Zeitalter der femininen Männer angelangt, die babyblaue Anzüge tragen, und das nächste Mal vielleicht einen rosaroten Pullover. Ich habe in der Sendung gar nicht so gemerkt, dass wir uns in Schweigeinseln bewegten als Männer, während draussen das Meer tobte.</p>
<p><strong>Unser Kritiker Lothar Struck stellte als «Achillesferse der neuen Besetzung» Elke Heidenreich fest &#8211; sie beherrsche die Runde mit Superlativen. <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/23/ein-lob-auf-den-literaturclub/">Er schrieb</a>: «Der Moderator wollte oder konnte der Phrasendreschmaschine (‹Männer haben Angst vor Lyrik›) oft nicht ausreichend Paroli bieten».</strong><br />
Ich glaube einen Satz wie «Männer haben Angst vor Lyrik» kann man einfach unkommentiert im Raum stehen lassen, weil er sich selbst vernichtet. Es ist aber natürlich so, dass Elke Heidenreich unglaublich originell ist und wahnsinnig schnell. Wenn sie mich unterbricht, ist mir das oft dienlich, sie wirkt dann wie ein Antrieb, ein Motor. Sie hat ja die Sendung vor zwanzig Jahren geleitet, und ich nahm an, sie sei inzwischen ruhiger geworden, doch weit gefehlt.</p>
<p><strong>Safranski hat Dich in der letzten Sendung gesiezt, Keller sprach Heidenreich mit «Elke» an. Wer ist mit wem per Du?</strong><br />
Es ist ein «Sie» mit Vornamen. Wenn wir uns alle duzen würden, was auch in der Realität nicht der Fall ist, hätte das etwas Kumpelhaftes, das die Zuschauer ausschliesst, denn die duze ich ja auch nicht.</p>
<p><strong>Wissen die Diskussionsteilnehmer schon im Voraus die Positionen der Anderen?</strong><br />
Nein. Man weiss nur, dass jemand, der ein Buch vorschlägt, dieses gut findet.</p>
<p><strong>In den 1990er-Jahren schriebst Du für die Weltwoche bürgerlich-ernsthaft über Theater, Musik, Literatur, Philosophie und Tanz. Um das Jahr 2000 kamen dann plötzlich andere Themen hoch: Drogen mit Rainald Goetz, Sex mit Michel Houellebecq, Rosa von Praunheim, Sartre und de Beauvoir. Was war passiert?</strong><br />
Da ist eigentlich nichts passiert, ich habe schon 1986 in der NZZ über Marquis de Sade geschrieben. Im Alter über 30 werden gewisse Sachen historisch, das Ausgehen zum Beispiel und die Partys. Da ist man vorher so nah drin, dass man gar nicht merkt, dass es ein Thema ist. Wenn man rausfällt, kommt man dann plötzlich drauf, dass es ein Thema ist.</p>
<p><strong>Als Leser grossen Spass hatte ich mit Deinem 2005 im «Magazin» publizierten Text «Houellebecqs Alptraum». Du verbrachtest drei Tage mit Michel Houellebecq im Ruhrpott und notiertest Dir dabei: «Fantasie, auf Autobahn Autotür aufzureissen und Autor sanft rauszukippen / wäre Erlösung für alle / und danach vielleicht gleich nachspringen».</strong><br />
Monsieur Schreckelbeck schlief gerade auf dem Vordersitz seinen Rausch aus, und da haben wir anderen im Auto wirklich kurz überlegt, den Sicherheitsgurt zu öffnen, und ihn ins Jenseits zu befördern.</p>
<p><strong>Stimmt denn alles, was im Text steht?</strong><br />
Ja, das stimmt alles. Sein Buch «Ausweitung der Kampfzone» finde ich ganz grossartig, «Elementarteilchen» auch, mit Vorbehalten, und danach werden die Vorbehalte immer grösser. Ich war ja da nicht als Literaturkritiker oder Übersetzer vor Ort, sondern als namenloser Dolmetscher. So konnte ich beobachten, wie jemand, den man als unkontrolliert betrachten würde, als exzessiven Rockstar, sehr stark nach Etikett geht. Wenn man Dolmetscher ist, dann ist man Dolmetscher. Mich hat sein Bewusstsein des Hierarchischen erschreckt, das Instinktive seines Machthungers überrascht.</p>
<p><strong>Warum erscheinen solche Texte heute kaum mehr in Schweizer Medien?</strong><br />
Es gibt überhaupt wenig Texte, die irgendwie aus dem Rahmen fallen. Was mich eigentlich verwundert, denn alle möchten ja Aufmerksamkeit erregen. Und anstatt über ein Buch zu schreiben, über das noch niemand geschrieben hat, schreiben immer alle über die gleichen. Sie haben die gleiche Pressemappe bekommen, lesen die gleichen «New Yorker» und Gott weiss was für andere englischsprachige Magazine. Ganz schlimm ist das im Filmjournalismus, wo die Stücke nur noch Endprodukte einer von weiter Hand geplanten Medienkampagne sind.</p>
<p><strong>Was sind die Alternativen?</strong><br />
Es gibt den Weg der kalkulierten Gegenposition zur herrschenden Meinung, wie ihn Roger Köppel teilweise begangen hat, doch das ist auch nicht wirklich interessant.<br />
Wenn ich ein Medienimperium führen würde, dann würde ich den Leuten viel mehr Freiheit einräumen, so dass die Texte wirklich individuell sind, und auch aus dem Rahmen fallen. Ich würde eine Gruppe von Autoren versammeln, die nicht unbedingt eine Meinung vertreten, sondern deren Blick auf die Dinge mich interessiert. Es braucht sicher ein paar Redaktoren, die mit solchen, schwierigen Leuten auch umgehen können, doch ich würde sie einfach schreiben lassen. So könnte man vielleicht wirklich etwas Aufsehen erregenderes machen, als das die Meisten tun. Wer konsequent auf Autoren setzt, sagt: Der Autor ist dann gut, wenn er so ist, wie er ist, und man lässt ihn frei. Das sind dann vielleicht Texte, die journalistisch völlig falsch aufgebaut sind, doch von einem Autor, wie vielleicht Niklaus Meienberg, der eine bestimmte Art hat, zu schreiben.<br />
Die Professionalisierung der Szene, die natürlich auf eine Uniformisierung hinausläuft, ist zu bedauern. Eine «unprofessionelle» Herangehensweise führt nämlich oft zu guten Ergebnissen. Kürzlich sprach ich am Burgtheater in Wien mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Seidl">Ulrich Seidl</a> und ich begann das Gespräch mit der Schilderung, wie ich am Morgen einen totalen Zusammenbruch hatte beim Duschen, Sachen herumwarf und den Duschvorhang zerreissen wollte, nachdem ich mir in drei Tagen zehn seiner Filme angeschaut hatte. Weil ich zeigte, wie stark mich diese Filme affiziert haben, ist es ein richtig gutes Gespräch geworden.</p>
<p><strong>Rolf Dobelli hat sich kürzlich als Nichtleser von News geoutet, er liest lieber Bücher.</strong><br />
Mein Zeitungskonsum beschränkt sich auf täglich 20 Minuten: ich schau mir den Kulturteil des Tages-Anzeigers an sowie in der NZZ das Ausland, die Wirtschaft, das Feuilleton und den Matchbericht des FCZ. Hinzu kommt das FAZ-Feuilleton und je nach dem sowas wie den «New Yorker» auf dem Handy.</p>
<p><strong>Wo hört Journalismus auf, wo fängt Literatur an?</strong><br />
Ich würde keine klare Grenze ziehen, es ist immer die grosse Frage von Regel und Freiheit. Die absolute Freiheit ist ja der Tod, also braucht man gewisse Regeln. Die Frage ist, ob es nicht auch Regeln gibt, die kreativ machen. Wenn die Regeln sehr gross sind, kann sehr viel kreative Freiheit entstehen, weil man die Regeln unterwandern, umlaufen muss, mit ihnen spielt. Die absolute Freiheit mit einem eigenen Text zu füllen, ist relativ schwierig, und auch eine falsche Vorstellung von Leuten. Die meisten Autoren, die schreiben, kennen die Regeln, mit denen Texte gebaut werden, recht genau, und wissen, was sie machen, ob sie wie Balzac oder wie Flaubert schreiben. Wenn man einfach drauflosschreibt, erhält man nicht selten einen langweiligen, unstrukturierten Text. Wiederum wird es rasch langweilig, wenn alles nach Regeln gemacht wird. Man muss immer wieder gegen sie verstossen.</p>
<p><strong>Wunderst Du Dich auch manchmal über die Gewichtung der Schweizer Medien? Die Skandalisierung von Figuren wie Blocher, Mörgeli, Rickli, Köppel, Somm oder Berlusconi füllt halbe Zeitungen.</strong><br />
Ich finde es fragwürdig, weil das ja alles Ablenkungsmanöver sind. Selbst wenn man diese Figuren angreift, ist es ja nicht das, was die Politik lenkt, dazu liest man besser die Wirtschaftsseiten der NZZ. Mir kommt es oft vor wie Scheingefechte mit Schiessbudenfiguren &#8211; ob die jetzt links oder rechts stehen, ist völlig egal. Die Leute haben dann das Gefühl, sie partizipieren an einem Diskurs oder an einem Entscheid, doch das sind ja nicht die Sachen, die wirklich wichtig sind. Es ist doch nicht wichtig, welche grossen Auftritte ein Blocher hat, sondern wen er empfängt in seinem Schloss an gewissen Abenden. Personalisierte Berichte lese ich eher nicht, lieber Hintergrundberichte.</p>
<p><strong>Mit 17 Jahren hast Du zusammen mit Michael Pfister begonnen, «Justine» und «Juliette» zu übersetzen, die Hauptwerke von Marquis de Sade. Ein doch eher ungewöhnliches Teenager-Hobby.</strong><br />
Das hatte damit zu tun, dass ich extrem schlecht in Französisch war. Jemand sagte mir, die beste Übung, um besser Französisch zu sprechen, sei es, einen Text auswendig zu lernen, später dann kam ich auf das Übersetzen. Einerseits ist 17 ein Alter, in dem das Sexuelle sehr interessant ist, die Pubertät. Andererseits ging es um eines der wenigen «absoluten» Werke der Weltliteratur, das noch nicht übersetzt war.</p>
<p><strong>Der ganz grosse Publikumshit des Jahres 2012 war doch «Fifty Shades of Grey» von E.L. James. Warum wurde das bisher nicht besprochen im Literaturclub? Weil es keine Literatur ist?</strong><br />
Ich hab noch nie im Leben ein Buch gelesen, was vom Handwerk her so schlecht ist. Wenn ich an den Kiosk gehe und einen Arztroman kaufe, ist der schon mal rein handwerklich besser geschrieben als dieses Buch. Mich erstaunt der Masochismus von Millionen von Lesern, sich diese Anti-Sprache über sich ergehen zu lassen, um dann im Gegenzug nicht mal erotische Stellen zu erhalten. Mehrfach ist im Buch von einer «beachtlichen Erektion» die Rede, was auch immer das sein soll, und immer wieder werden «glühende Blicke» ausgetauscht, einfach entsetzlich. Wir wollten es eigentlich in der ersten Sendung besprechen, doch dann kam es nicht dazu. Eigentlich müsste man die Leser vor der Lektüre bewahren.</p>
<p><strong>Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Dir aus?</strong><br />
Oft verbringe ich den Morgen mit meinem Kind, dann lese ich Zeitung und meistens bis Mittag ein erstes Buch.</p>
<p><strong>Wie schnell liest Du?</strong><br />
Etwa hundert Seiten pro Stunde, ich kann auch 800 Seiten in 8 Stunden lesen. An einem Tag schaffe ich so gut ein oder auch zwei Bücher. Bei schwierigen Romanen oder Philosophie muss ich natürlich langsamer lesen. Bücher, über die ich schreibe oder über die wir in der Sendung diskutieren, lese ich aber auch gerne ein zweites oder drittes Mal.</p>
<p><strong>Kann man das lernen?</strong><br />
Ich glaube, es ist ein Trauma, denn ich konnte bis 9 nicht lesen. Ich war an der freien Volksschule, wo man nicht lesen musste, wenn man nicht wollte, man konnte auch rechnen. Als ich in die dritte Klasse der normalen Schule kam, konnten alle lesen und schreiben, und ich natürlich nicht. In der vierten Klasse dann erhielt jener, der in einem Monat am meisten Bücher gelesen hatte, eine Belohnung von der Lehrerin &#8211; was für mich als Kind aus eher bescheidenen Verhältnissen durchaus ein Anreiz war. So lernte ich sehr schnell, pro Tag ein Buch zu lesen.</p>
<p><strong>Hat sich Dein Lesen mit dem Aufkommen des Internets verändert?</strong><br />
Ich lese nach wie vor meistens auf Papier. Das Suchen nach Sekundärliteratur hat sich sehr vereinfacht. Und fast alles aus dem 18. Jahrhundert ist auf dem Netz verfügbar. Es gibt eine Website, auf der alle Manuskriptseiten von Flauberts «Madame Bovary» verfügbar sind, das ist natürlich eine unglaubliche Erleichterung &#8211; wir mussten damals noch nach Paris reisen. Soziale Medien meide ich, weil ich fürchte, dass mich das süchtig machen würde.</p>
<p><strong>Drei Schweizer Intellektuelle unter 45?</strong><br />
Lukas Bärfuss, Michel Mettler, &#8230; &#8211; ich glaube, es ist symptomatisch, dass mir nicht sofort jemand Drittes einfällt. Könnte man Constantin Seibt als Intellektuellen bezeichnen?</p>
<p><strong>Ich würde sagen: Ja.</strong><br />
Also sagen wir Constantin Seibt.</p>
<p><strong>Drei Bücher aus den 2010er-Jahren, die man lesen muss?</strong><br />
«Die Parallelgeschichten» von Péter Nádas. Falls man gerne von Martin Suter «Die Zeit, die Zeit» gelesen hat, wäre es gut, von Tom McCarthy «8 1/2 Millionen» zu lesen, ein grossartiger Experimentalroman aus, sagen wir es mal sanft ausgedrückt, ähnlichen Motiven. Von 2009 zu empfehlen sind «2666» von Roberto Bolaño und «Unendlicher Spass» von David Foster Wallace.</p>
<p><strong>Ist das, was Du gerade machst, Dein Traumjob?</strong><br />
Ziemlich nah an einem Traumjob.</p>
<p><strong>Wann warst Du zuletzt Spazieren am Zürcher Bellevue?</strong><br />
Heute mittag.</p>
<p><strong>Das wundert mich, schriebst Du doch 2003 unter dem Titel «Wie die Ideale der 68er baden gehen» im Magazin, «das Flanieren vom Bellevue zum Zürichhorn» sei «für einen geschmacks- und vernunftbegabten Menschen unmöglich geworden.»</strong><br />
Im Winter geht das, da hat es weniger Menschen. Schlimm finde ich die totale Kapitalisierung jedes Laufmeters. Strassenkünstler, die früher ein Ereignis waren, bilden heute eine Stafette. Und dann dieser Zwang von jedem Individuum, dass es ganz speziell sein und sich verwirklichen muss. Das führt zu einer uniformierten Verschiedenheit, die in der Masse dann auch unangenehm wird.</p>
<p><small>Das Gespräch mit Stefan Zweifel wurde am 3. Dezember 2012 in Zürich geführt. Die Zuschauerzahlen des Literaturclubs waren die letzten Jahre auf tiefen Niveau bemerkenswert stabil: 66&#8217;000 (2010), 62&#8217;000 (2011), 69&#8217;000 (2012).</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/01/14/ich-konnte-bis-9-nicht-lesen/">«Ich konnte bis 9 nicht lesen»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Ein Lob auf den «Literaturclub»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/10/23/ein-lob-auf-den-literaturclub/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Oct 2012 08:56:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Iris Radisch]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturclub]]></category>
		<category><![CDATA[SF]]></category>
		<category><![CDATA[Schweizer Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[Stefan Zweifel]]></category>
		<category><![CDATA[Literaturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Willemsen]]></category>
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		<category><![CDATA[Daniel Cohn-Bendit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sie gehören zum Inventar öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme, die Literatursendungen. Im Vergleich mit seinen deutschen Pendants fällt dabei der «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SF seit je her positiv auf. Anstatt dem Feuilleton-Mainstream hinterherzulaufen, nehmen sich die «Club»-Kritiker regelmässig auch sperrige Stoffe vor. Mit Stefan Zweifel als neuem Gastgeber setzt SF auf Kontinuität. Vier Menschen reden 75 Minuten <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/23/ein-lob-auf-den-literaturclub/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Sie gehören zum Inventar öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme, die Literatursendungen. Im Vergleich mit seinen deutschen Pendants fällt dabei der «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SF seit je her positiv auf. Anstatt dem Feuilleton-Mainstream hinterherzulaufen, nehmen sich die «Club»-Kritiker regelmässig auch sperrige Stoffe vor. Mit Stefan Zweifel als neuem Gastgeber setzt SF auf Kontinuität.<br />
<span id="more-11005"></span><br />
Vier Menschen reden 75 Minuten über vier, fünf zumeist neu erschienene Bücher: 1990 wurde innerhalb der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Club_(Fernsehsendung)" target="_blank">«Club»-Sendungsreihe</a> der «Literaturclub» im Schweizer Fernsehen eingerichtet. Nicht nur von Ferne grüsste das «Literarische Quartett» vom ZDF das gegen jede Erwartung zu einem Erfolg (was zumeist bedeutet: Quotenerfolg) wurde, was insbesondere durch den polternden Marcel Reich-Ranicki erklärbar war.</p>
<p>Im Gegensatz zum Quartett, in dem zunächst alle vier, später dann drei Mitglieder einen Stamm bildeten (hinzu kam dann ein Gast), hatte sich das Schweizer Fernsehen für ein rollierendes System von fünf, sechs Kritikern unter einem festen Moderator entschieden. Später ging man dann dazu über, einen Gast zu integrieren. Es gab zwar einen Moderator, aber keinen Zirkusdirektor wie Reich-Ranicki; die zuweilen klamaukhaften Szenen des Quartetts unterblieben glücklicherweise. Dies führte dazu, dass die Gespräche zumeist Substantieller und stärker am jeweiligen Buch orientiert geführt wurden (Lyrik und dramatische Texte wurden höchstens in den «Tips» berücksichtigt; Besprechungen über Sachbücher blieben die Ausnahme).</p>
<p>Die Literaturkritik im Fernsehen schien in den 1990er Jahren in der Annäherung an das Talkshow-Wesen ihre neue Form gefunden zu haben. Vorher fanden zumeist nur lange dialogische Gespräche mit Autoren statt. Das Kathederhafte des Zeitungsfeuilletons war eh nie die Sache des Fernsehens. Jetzt sass man in einer Runde und diskutierte und dies unter Umständen auch kontrovers. Unterschiede gab es nur dahingehend ob gegebenenfalls mit (wie weiland Martin Lüdke in «Literatur im Foyer») oder ohne Autoren («Quartett»). Eine kreative Ausnahme bildete zwischen 1998 und 2002 eine 60minütige Sendung, die sich an der <a href="http://www.swr.de/bestenliste" target="_blank">«Bestenliste» des Südwestrundfunks</a> orientierte. Hier vergeben Kritiker allmonatlich Bewertungspunkte für neu erschienene Bücher. So entsteht eine Liste, die neben aktuellen Romanen und Erzählungen auch Lyrik, Sach- und Tagebücher, aber auch Neueditionen und Neuübersetzungen von Klassikern enthalten kann. In jeder Sendung wurden vom Moderator (Hubert Winkels) einige dieser Bücher vollkommen unprätentiös und in unterschiedlicher Form vorgestellt, sei es als Autorengespräch, kurzer Lesung, Kritikergespräch, engagierter Pro- und Contra-Rede oder einfach nur einem einführenden Film. So wurden die Bücher entsprechend ihrer Charakteristik präsentiert, wobei auch literaturkritische Wertungen vorgenommen werden konnten und wurden. Die Sendung war jedoch leider aufgrund des Sendetermins (entweder spät in der Nacht oder &#8211; auf 3sat &#8211; sonntags gegen 11 Uhr) dem schleichenden Untergang geweiht (dass sie sich vier Jahre gehalten hatte, muss als Erfolg gelten). Sie besteht als Diskussionsrunde noch im Radio fort.</p>
<p>Als das ZDF-Quartett auf dem Höhepunkt stand, wurde der «Literaturclub» zunächst von Elke Heidenreich und vor allem zwischen 1995 und 2003 von Daniel Cohn-Bendit moderiert (bis auf ein kleines Intermezzo 1999 von Jürg Acklin). Das Kritikerteam bestand u. a. aus Andreas Isenschmid, Hardy Ruoss, Iso Camartin, Peter Hamm, Gunhild Kübler und Gabriele von Arnim &#8211; durchgängig arrivierte und bekannte Kritiker. Die Moderation von Cohn-Bendit, der als Politiker keine direkten Berührungspunkte mit Literatur hatte, tat der Sendung gut. Die Gegensätze zwischen dem apodiktischen Quartett und dem eher offenen Literaturclub mit seinem suchenden Moderator, der sich zuweilen heillos verirrte und von seinen Kritikerfreunden «eingefangen» wurde, hätten nicht grösser sein können. So mutete Cohn-Bendit dem Team u. a. auch die Lektüre von <a href="http://www.welt.de/print-welt/article392070/Der-Literaturpapst.html" target="_blank">Susanna Tamaros «Geh, wohin dein Herz dich trägt»</a> zu oder organisierte nach dem Gewinn der Fussball-Weltmeisterschaft durch das französische Team einen Spezial-Literaturclub über Fussball und Frankreich.</p>
<p>Auf Cohn-Bendit folgte Roger Willemsen, der auf gediegenes Mobiliar nebst Stehlampen setzte und zu häufig durch intellektuell brillante aber schwer verständliche Monologe auffiel. Knapp zwei Jahre später übernahm Iris Radisch, Literaturkritikerin der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und eine Mitstreiterin aus dem zwischenzeitlich eingestellten ZDF-Quartett, die Sendung. Das Team veränderte und verjüngte sich fast unmerklich. Stefan Zweifel, Corinna Caduff und Urs Steiner rückten nach, Isenschmid und Ruoss hörten auf. 2010 versuchte man aufgrund sinkender Zuschauerzahlen noch einmal so etwas wie einen Befreiungsschlag. Das bedeutete jedoch nicht, den jahrelang gepflegten 3sat-Ausstrahlungstermin sonntags vormittags (es beginnt meist zwischen 10.00 und 10.45 Uhr) zu verändern. Bloss nicht attraktiv werden! Man wechselte den Ort der Ausstrahlung, bastelte am Interieur, redete jetzt im Stehen und verjüngte sich nochmals mit Traudl Bünger und Juri Steiner, die sich mit Stefan Zweifel, Barbara Villiger Heilig und Altmeister Peter Hamm abwechselten. Die Bücher wurden nicht mehr von einem Diskutanten vorgestellt, sondern es gab Einführungsfilme und ab und an eine kurze Lesung aus einem Buch. Leider sank gelegentlich die Qualität der Kritik, was Iris Radisch trotz grossen Einsatzes nicht immer verbergen konnte. So mag es zur Promotion in Germanistik inzwischen nicht mehr zwingend notwendig sein, Heinrich von Kleist gelesen zu haben, ob dies jedoch im Rahmen eines Kritikerteams als Petitesse abgetan werden kann, darf man bezweifeln. Der Club drohte in das Fahrwasser allzu oberflächlicher Rezeption zu verfallen, da man in vorauseilendem Gehorsam dem potentiellen Fernsehzuschauer möglichst wenig zumuten wollte – ohne ihn hierzu überhaupt befragt zu haben. Statt literarischer Kritik wurden zunehmend Geschmacksurteile abgegeben.</p>
<p>Den Rücktritt Radischs im Sommer dieses Jahres (nach fast sechs Jahren) verband man mit erneuten, sanften Veränderungen. Moderator ist nun Stefan Zweifel, der mit einem festen Team (Hildegard E. Keller, dem durch das abgesetzte «Philosophische Quartett» freigewordenen Rüdiger Safranski und Elke Heidenreich) diskutieren soll. Zweifels Nervosität bei <a href="http://www.videoportal.sf.tv/video?id=fa32f650-8a17-442f-a76b-8c4068a9993ctarget=">seiner Premiere am 18. September</a> war spürbar und die Achillesverse der neuen Besetzung zeigte sich unfreiwillig bereits bei der Vorstellung von Elke Heidenreich, die er mit einer gewissen Ehrfurcht und «ein bisschen ängstlich» als ehemalige Moderatorin des «Literaturclubs» («habe ich immer geguckt»), die inzwischen «viele Abenteuer hinter sich gebracht» habe, vorstellte.</p>
<p>Heidenreich hatte 2003 im ZDF eine halbstündige Sendung mit dem apodiktischen Titel <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Lesen!target=">«Lesen!»</a> begonnen. Die Sendung bestritt sie alleine, lediglich gegen Ende durfte ein Prominenter ebenfalls ein Buch vorstellen. Heidenreichs persönliche Sympathien wurden zum alleinigen Massstab. Ästhetische Kriterien wurden, wenn überhaupt, nur noch als gesinnungsästhetische Urteile herangezogen, d. h. das jeweilige Buch wird im Zusammenhang mit der Person und der Moral des Autors bewertet und in Übereinstimmung mit dem eigenen Weltbild gebracht. Da Heidenreich sich als Lese-Missionarin verstand (und versteht), wurde fast ausschliesslich gelobt. Die Superlative dröhnten. Als die Sendung infolge eines vermeintlich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Elke_Heidenreich#Kontroverse_um_Programmqualit.C3.A4t_und_Absetzung_von_.E2.80.9ELesen.21.E2.80.9C target=">illoyalen Verhaltens Heidenreichs dem ZDF gegenüber 2008</a> eingestellt wurde, <a href="http://www.zeit.de/2008/45/Glosse-Littarget=">bemerkte Christof Siemes süffisant, «Lesen!» sei zur «kostenlosen Werbesendung» für die Verlage geworden</a>. Heidenreich führte das Format noch einige Monate im Internet weiter, gab dann jedoch nach stetig sinkendem Zuschauerzuspruch auf; das Fernsehpublikum war nicht auf die Internetplattform umzustellen gewesen.</p>
<p>Zwar wurde Zweifels rhetorische Ergebenheitsadresse mit einem schnodderigen «Ach was» weggewischt, aber die beiden bisherigen Sendungen lassen deutlich erkennen, dass der forsch vorgetragene «Brigitte»-Feuilletonismus Heidenreichs, der jegliche ernsthafte Aussprache über Literatur niederwalzt, zum Problem werden wird. Denn von der Rolle der alles bestimmenden Literaturbelehrerin hat sie sich nicht verabschiedet. Als in der Diskussion um Richard Fords «Kanada» Stefan Zweifel anmerkte, dass das englischsprachige Original wesentlich umfangreicher sei als die deutsche Übersetzung und bei einer Überprüfung grosse Auslassungen und sogar Fehler feststellte, fiel Heidenreich nichts anderes als ein «aber es liest sich gut» ein und schuhriegelte den Moderator mit dem Wortspiel «Sie Zweifler, Sie». Nun ist Stefan Zweifel selbst ein renommierter und sehr erfahrener Übersetzer (de Sade; Boris Vian) und weiss, wovon er redet. Daher hätte ich hierzu gerne Genaueres über die ausgelassenen Stellen und die übertriebene Eile, mit der Verlage Übersetzungen in Auftrag geben, erfahren.</p>
<p>Diese Szene zeigt exemplarisch das Problem einer solchen Sendung: Der Hang einer Person zur übertriebenen Selbstdarstellung, die sich jenseits dessen bewegt, worum es eigentlich geht, also das gerade zu besprechende Buch. Hinzu kommt das zumeist mit Superlativen versetzte Vokabular Heidenreichs. Dahinter steckt womöglich eine signifikante Geringschätzung des Publikums, welches nur auf Schlagworte dressiert werden soll. Da ist etwas «sensationell gut», gefällt «wahnsinnig» oder jemand schreibt «besser als Joyce». Albert Cohens Buch «Die Schöne des Herren» wird dann das «schönste Buch, das ich jemals gelesen habe». Die Figur in Emmanuel Carrères Buch «Limonow» bezeichnet Heidenreich als «Kotzbrocken» und «Arschloch», findet dann doch ein gewisses Vergnügen daran «wie der das hinkriegt», um dann den Hinweis anzubringen, dass im Buch ein «Kleinkrimineller hochgeschrieben» wird und mahnt mit einem mütterlichen «Vorsicht Jungs» vor einer «gefährlichen Lektüre». Immer wieder verallgemeinert sie ihre Eindrücke, in dem sie mit einem «wir» ungefragt für die anderen Teilnehmer spricht. Bisweilen wird sie zur Moderatorin, «verzeiht» Rainer Moritz seinen Buchvorschlag und mahnt Stefan Zweifel, endlich damit «aufzuhören» französische Bücher im Original zu lesen. Beide Herangehensweisen &#8211; der schnell zum stumpfen Messer werdende, permanent gesetzte Superlativ einerseits und die subjektiv-moralisierende Lesart von Literatur, die am Ende nur noch einem festgefügten Weltbild verpflichtet ist &#8211; ist nicht sehr weit entfernt von dem, was man salopp formuliert als den Kitsch eines Kritikers nennen könnte.</p>
<p>Der Moderator wollte oder konnte der Phrasendreschmaschine («Männer haben Angst vor Lyrik») oft nicht ausreichend Paroli bieten; ein Weiterreden wie er und Rainer Moritz es <a href="http://www.videoportal.sf.tv/video?id=40dba006-9e0e-4920-be09-2dd86c6e1166target=">in der Oktober-Sendung</a> teilweise praktizieren, hilft nicht weiter. Vollkommen unterzugehen droht die eher bedächtige Hildegard Keller. Insofern vermisste man den wegen einer Stimmbanderkrankung in beiden Sendungen fehlenden Rüdiger Safranski, der nur im September krächzend <a href="http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/b/bohrer-granatsplitter.htmtarget=">Bohrers «Granatsplitter»</a> als Tip vorstellte. Er wurde zwar durch Rainer Moritz fachlich sehr gut vertreten, aber einen Komplizen zum Moderator braucht es unbedingt.</p>
<p>Nicht unwichtig für die Sendung ist auch die Auswahl der Bücher. Der «Literaturclub» zeichnete sich vor allem darin aus, dem üblichen Feuilleton-Mainstream nicht blind hinterherzulaufen. Zwar wurden durchaus die gängigen Amerikaner wie auch gelegentlich Walser und Grass und auch kontrovers diskutierte Bücher wie «Die Wohlgesinnten» oder das Harry-Potter-Phänomen diskutiert. Aber es gab auch immer Hinweise auf weitgehend Unbekanntes, neu zu Entdeckendes. Muss man wirklich das in nahezu jedem Feuilleton ausgiebig besprochene «Kanada» von Richard Ford oder, noch fragwürdiger (würdig zu fragen), das gehypte Buch von J. K. Rowling («Ein plötzlicher Todesfall») präsentieren? Ist dies notwendig, um auch denen, die die Radio- und Zeitungsfeuilletons nicht kennen, diese Bücher vorzustellen? Oder sollte man vielleicht weniger «Betrieb» wagen?</p>
<p>Die Sache ist durchaus Ernst. Auf anderen Kanälen geht man mehr und mehr dazu über, sich bei Autoren durch servil gestaltete Interviews in extraordinär gestalteter Dekoration wie beispielsweise auf <a href="http://dasblauesofa.zdf.de/target=">blauen Sofas</a> einzuschmeicheln. Vernebelt wird diese zuweilen turtelnde Distanzlosigkeit bei <a href="http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/index.htmltarget=">«Druckfrisch» mit Denis Scheck</a> lediglich in der sogenannten Besprechung der «Spiegel»-Beststellerliste, deren publikumswirksamer Effekt vor allem darin besteht, ob der Kritiker das Buch nach rund dreissigsekündigem Urteilsspruch nun auf einen Stapel legt («gutes» Buch) oder in hohem Bogen über ein Förderband in einen Mülleimer befördert («schlechtes» Buch). Mit sichtlichem Vergnügen würzt Scheck seine Ausführungen mit einer Prise bildungsbürgerlich-hochnäsigen Skeptizismus dem Massengeschmack gegenüber.</p>
<p>Abgesehen von gelegentlichen Kritikergesprächen in der 3sat-Sendung «Kulturzeit» ist der «Literaturclub» in puncto anspruchsvoller Literaturkritik im deutschsprachigen Fernsehen fast singulär. Mit Stefan Zweifel als Moderator hat man die Voraussetzungen geschaffen, das Niveau zu erhalten. Die Bewährung für die Runde steht noch aus, weil Rüdiger Safranski bisher noch nicht eingreifen konnte. Ich hoffe, dass es dann die notwendigen gruppendynamischen Prozesse geben wird. Es wäre schade, wenn mit dem «Literaturclub» die letzte Bastion anspruchsvoller Literaturkritik im Fernsehen verschwinden würde.</p>
<p><small>Vom Autor ist kürzlich erschienen: <a href="http://www.ilri.de/ilri-bibliothek-wissenschaft/lothar-struck-handke/" target="_blank">«Der mit seinem Jugoslawien»</a> über Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik.  Verlag Ille &amp; Riemer, Leipzig/Weissenfels 2012.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/23/ein-lob-auf-den-literaturclub/">Ein Lob auf den «Literaturclub»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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