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	<title>Süddeutsche Zeitung | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Wie mache ich mir ein Feindbild?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Jan 2017 21:32:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Norddeutscher Rundfunk]]></category>
		<category><![CDATA[Die Zeit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Porträt ist eine der anspruchsvollsten Formen im Journalismus. «Die Zeit», die «Süddeutsche Zeitung», der Norddeutsche Rundfunk, «Der Spiegel» und zuletzt der «Blick» versuchten sich im Laufe der letzten Jahre am grossen Köppel-Porträt. Doch kommt auch Köppel raus, wo Köppel drauf steht? Der Vergleichstest ergibt einen überraschenden Sieger. Es gibt nur einen richtigen Ansatz für <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/11/wie-mache-ich-mir-ein-feindbild/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Porträt ist eine der anspruchsvollsten Formen im Journalismus. «Die Zeit», die «Süddeutsche Zeitung», der Norddeutsche Rundfunk, «Der Spiegel» und zuletzt der «Blick» versuchten sich im Laufe der letzten Jahre am grossen Köppel-Porträt. Doch kommt auch Köppel raus, wo Köppel drauf steht? Der Vergleichstest ergibt einen überraschenden Sieger.<br />
<span id="more-33098"></span><br />
Es gibt nur einen richtigen Ansatz für Literaturkritik: Das besprochene Werk muss aus sich selbst heraus verstanden und kritisiert werden. Es macht keinen Sinn, einem Roman vorzuwerfen, dass er weder ein Gedicht noch ein Sachbuch sei. Ähnlich verhält es sich mit Porträts, vor allem über eine Person wie Roger Köppel, der – gelinde gesagt – polarisiert. Erschwerend kommt hinzu, dass er selbst Journalist ist, wie der Porträtist. Dessen Aufgabe wäre es, dem Porträtierten gerecht zu werden und dem Publikum ein Bild abzuliefern, in dem man den Porträtierten wiedererkennt. Das Porträt kann realistisch, abstrakt, kubistisch, klassisch oder als Karikatur geschrieben sein. Aber wenn ein Porträt Kunst sein soll, dann kommt die immer noch von können. Eine Überprüfung in fünf Akten.</p>
<p><strong><a href="http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Roger-Koeppel-Seine-Dreifaltigkeit,koeppel116.html" target="_blank">1. NDR-Medienmagazin «Zapp»: Nachgefragt und nachgetreten</a></strong><br />
Ein TV-Porträt in sechs Minuten ist anspruchsvoll. Es entsteht aus mehreren Stunden Aufnahmen, die anschliessend zusammengeschnitten werden müssen. Also Szenen und Interview-Passagen mit dem Porträtierten. Dem werden Fragen gestellt, wie zum Beispiel: «Sind Sie Chefredakteur oder Verleger?» Köppel repliziert, dass er einfach sich selbst sei, ein «wandelndes Multifunktionsgebilde». Darauf wird im Kommentar nachgetreten: «Er hat die ‹Weltwoche› umgekrempelt von einem liberalen Blatt zu einem rechtspopulistischen Magazin.» Nächste Frage der «Zapp»-Reporterin: «Sind Sie eine rechte Kampfpresse?» Köppel repliziert, dass alle Medien Kampfblätter seien, wobei die Frage einen «despektierlichen Beigeschmack» habe. Nachtreten im Kommentar: «Ein Kampfblatt. Wo gibt es denn das, dass der Chefredakteur im Parlament sitzt?» Man erkennt das Muster, letztes Beispiel: «Politiker und Chefredakteur, sind Sie da nicht ein Beispiel für die Lügenpresse?» Köppel repliziert, dass die «Weltwoche» keine Lügen verbreite. Nachtreten im Kommentar: «Als einzige, alle anderen verbreiten Lügen. Da liegt Köppel nahe bei der AfD. Vereinfachung sieht er bei anderen als Problem, nicht bei sich.»</p>
<p>Mit Fug und Recht kann man analysieren, dass die Hersteller dieses TV-Porträts das gleiche Problem nicht bei sich selbst erkannt haben. Insofern ist das Kriterium erfüllt, werkimmanent zu porträtieren. Denn Köppel neigt unbestreitbar zu Vereinfachungen im Dienst der Unterscheidung, was für ihn richtig, was falsch ist. Allerdings besteht doch zumindest ein Widerspruch darin, ihm das zum Vorwurf zu machen, was man selbst anwendet. Zudem öffnet Köppel in seinem Blatt immer wieder auch ihm widersprechenden Meinungen die Spalten. Ohne nach jedem Absatz der gegnerischen Meinung einen kritischen Kommentar einzufügen. Also ist dieses Porträt zumindest unvollständig. Hinzu kommt: Bei allem Verständnis für die Reduzierung auf sechs Minuten Sendezeit: Kritische Fragen stellen, Antworten abholen, dann nachtreten, das ist keine Art. Gesamtnote: 2,5 (wobei 6 die beste wäre).</p>
<p><a href="http://www.sueddeutsche.de/leben/schweizer-rechtspopulist-alles-roger-1.3212531" target="_blank"><strong>2. «Süddeutsche Zeitung»: Das Porträt als Karikatur</strong></a><br />
Unter dem Titel «Alles Roger» nimmt die SZ für ein Porträt zum Anlass, dass der «Rechtspopulist Köppel» seit «einem Jahr im Schweizer Parlament sitzt». So wie es im TV auf den Schnitt des Materials ankommt, ist es in einem geschriebenen Porträt die Entscheidung des Autors, welche Elemente seiner Reportage er zu einem Text verdichtet. Welche Beobachtungen, welche Szenen wählt der Journalist aus, um vorangehende Recherche und persönliches Erleben, dazu Gespräche mit dem Porträtierten, zu einem Artikel zusammenzufügen? Ein Element für die SZ ist das traditionelle Sommerfest, das die «Weltwoche» veranstaltet: «Dafür ist Jörg Kachelmann erschienen. Sein Outfit für den Abend: rote Hosenträger mit Schweizer Kreuzen. Sepp Blatter trägt Sechstagebart, SVP-Patriarch Christoph Blocher hat seine Ehefrau dabei. Roger Köppel spricht Hochdeutsch. Immer mehr deutsche Autoren schreiben für das Magazin. Sie sind es auch, die Köppel im Blick hat, wenn er seinen Gästen zuruft, heute Abend dürfe man ‹alles denken› und auch ‹alles sagen›, was man wolle.» Helfen die Hosenträger, der Sechstagebart oder die Bemerkung, dass Christoph Blocher von seiner Ehefrau begleitet wurde, Köppel zu porträtieren? Wohl kaum. Aber dann die Beobachtung, dass er «eine Rolex trägt»? Das Zitat vom Hörensagen: «Weggefährten sagen, Köppel habe im SVP-Patriarchen Christoph Blocher ‹den Vater gefunden, den er nie hatte› Vermutlich ist auch das nur ein Versuch, den Mann aus den Talkshows fassbar zu machen.»? Oder die Behauptung der Autorin: «Wenn er jemanden haben will, kann Köppel unerbittlich charmant sein. Wer die Weltwoche verlässt, bekommt das Gegenteil zu spüren. Außenseiter wie er brauchen uneingeschränkte Loyalität.»?</p>
<p>Letzte Frage: Kommt man der Person Köppels näher, wenn ihr Werdegang so dargestellt wird: «Vor kaum etwas graute es den Redaktionen so wie vor den selbsternannten Volksverstehern. Jenen, die die Welt in Gut und Böse teilen, ungeniert mit Angst, Unsicherheit und Unwissenheit ihrer Zuhörer jonglieren. Die etablierten Medien schrieben, zunehmend verzweifelt, so einfach dürfe man es sich nicht machen. Roger Köppel, leidenschaftlicher Historiker, oft bis in die Nacht in heroische Schlachten vertieft, sah, dass hier seine Zukunft liegen könnte: Die Dinge ganz einfach machen. So einfach, dass man sie als Schlachtparole in die Nacht rufen könnte.»? Oder indem die Person Köppel am Schluss des Porträts an den Reaktionen einer Schulklasse, die ihn im Bundeshaus besuchen durfte, gespiegelt wird: «So ganz können die Schüler nicht fassen, was passiert ist. ‹Am Anfang war er mir sympathisch, aber dann hat er absurde Beispiele gebracht und uns nicht mehr drangenommen›, sagt einer. Wer noch dieser Meinung ist? 20 von 25 Händen gehen nach oben. ‹Für uns war es total frustrierend, und er genießt es so richtig›, fasst eine Schülerin zusammen. ‹Du findest einfach, er ist ein Arschloch, und jetzt bist du sauer, weil er dich fertiggemacht hat›, tönt es aus der letzten Reihe. Ob es jemanden gibt, der Köppel-Gegner war und überzeugt wurde? Niemand meldet sich.»?</p>
<p>Dieses Porträt zeichnet das Bild eines Rechtspopulisten, der durch die Begegnung mit einem Ersatzvater vom Journalisten zum terrible simplificateur geworden ist, aber damit nicht einmal Schüler überzeugen kann. Umgeben von merkwürdigen Gestalten wie Kachelmann, Blatter und deutschen Autoren, die loyal seine Meinung vertreten. Also das Porträt als Karikatur, nicht wirklich gelungen. Gesamtnote 3.</p>
<p><a href="http://www.lu-wahlen.ch/uploads/media/spi_20160213_10853_1_1.pdf" target="_blank"><strong>3. «Der Spiegel»: Ein berechenbares Bemühen</strong></a><br />
Auf über fünf Seiten will das deutsche Nachrichtenmagazin seinen Lesern erklären, «wie aus dem begabtesten Blattmacher Zürichs ein Rechtspopulist wurde, der sein Land verändern will.» Schon der launige Titel lässt erahnen, was der Autor davon hält: «Köppel aus dem Sack», lautet er, und mit leichtem Bedauern schildert der «Spiegel», wie es mit dem Begabten abwärts ging: «Früher stand Köppel für einen unkonventionellen Blick auf die Welt. Er ließ ihn zu einem angesehenen Journalisten werden, neugierig, eloquent. Und in diesen Tagen schreibt er Sätze wie: ‹Dass in Deutschland die Asylheime brennen, hat mit der Weigerung der Regierung und der Medien zu tun, die berechtigten Sorgen der Leute aufzunehmen.›» Falls der Leser nicht wissen sollte, was er davon zu halten hat, der «Spiegel» ordnet ein: «Das ist hinterhältig und falsch, und trotzdem ist Köppel kein stumpfer Spießer wie das freakhaft wirkende Personal der AfD. Mit roten Wangen und der Unbeirrbarkeit eines Marathonläufers spult Köppel in deutschen Talkshows seine Thesen herunter. Für Schwarzgeld, für Sepp Blatter, aussichtsloses Zeug. Ein Verrückter?»</p>
<p>Der «Spiegel» zeichnet den Werdegang Köppels nach und gibt drei Köppel-Kennern die Möglichkeit zur Ferndiagnose. Dem Autor Martin Suter: «‹Ich bin nicht sicher, ob der Roger rechts ist. Er ist mehr rechthaberisch als rechts. Man kennt solche Leute aus dem Konfirmationsunterricht. Die steigern sich in irgendetwas rein aus reiner Debattiersucht.›» Dem Radiopionier Roger Schawinski: «‹Köppel ist sehr gefährlich. Es fehlt ihm ein gewisses moralisches Fundament.› Köppel, sagt Schawinski, sei ein traumatisierter Mensch. Aufgewachsen in Kloten, der Einflugschneise von Zürich, die Eltern seien früh gestorben, die Mutter, als Köppel 13 Jahre alt war, durch Selbstmord. In dem Waisen hätte sich das Gefühl ausgebreitet: ‹Entweder ich gehe unter, oder ich gehe ganz nach oben.›» Und dem ehemaligen Mitarbeiter Bruno Ziauddin, der über seine Erlebnisse ein Werk geschrieben hat: «Ziauddin sitzt in einem Café am Zürichsee, er wirkt bedrückt. Natürlich sagt Ziauddin, ‹Bad News› sei ein fiktiver Schlüsselroman, aber er gibt zu, dass viele Parallelen zu Köppel existieren. Er spricht vom Verlust der ‹Diskurshoheit der Linken›, wie sich das ‹Provokationspotenzial nach rechts gewandt› habe und wie es bei den Rechtspopulisten einen höheren Drang gebe, die Dinge zu ändern.» Dann nimmt sich der «Spiegel» den «Weltwoche»-Titel mit den kriminellen Ausländern zur Brust: «In Deutschland würde man sich mit solch einem Cover in der Tradition des ‹Stürmer› aus der seriösen Welt verabschieden.»</p>
<p>Aber in der Schweiz ist alles offenbar ein wenig anders, besonders, wenn sich SVP-Mitglieder mit Köppel vor dem Bundeshaus versammeln: «Es ist politisches Theater von der groben Sorte, das da betrieben wird. Es passt zu Brunner, der Bauer ist und immer gut für einen Schenkelklopfer, und es passt auch zu den wenigen Parteimitgliedern, die mit Goldkettchen, trübem Blick und Zigarette um ihn herumstehen und aussehen, als könnten sie bei der Mafiaserie ‹The Sopranos› mitspielen.» Und der Pate ist natürlich Christoph Blocher, dessen «politisches Engagement liest sich wie eine Top-Ten-Liste gegen die Vernunft des späten 20. Jahrhunderts». Dem aber Köppel verfallen ist: «Köppel ist kein Mensch, den man einfach kaufen kann. Man muss ihn füttern und ihm die Möglichkeit zur Selbsthypnose geben. So ähnlich muss es Blocher angestellt haben.» Und falls noch jemand Zweifel haben sollte, wo das hinführt, dem hilft das «Spiegel»-Porträt mit seiner Schlusspointe: «Das Anything-Goes seiner früheren Blattmacherjahre hat er umgewandelt: Alles geht, ohne Tempolimit, aber nur auf der rechten Spur. Für einen Intellektuellen wie ihn gibt es dort viel Raum. Wenn man ihn aber von früher kennt, wirkt der Roger Köppel von heute wie ein Geisterfahrer.»</p>
<p>Aber immerhin, eine lange Strecke im «Spiegel», und das Bemühen des Autors ist erkennbar, die Gründe für den Werdegang Köppels nachzuzeichnen. Allerdings ist es sonnenklar, dass es vom früheren Köppel zum aktuellen ein Weg nach unten ist, vom begabten Blattmacher zum Geisterfahrer auf der rechten Spur. Gesamtnote: 3,5.</p>
<p><a href="http://www.zeit.de/2015/43/schweiz-roger-koeppel-parlament" target="_blank"><strong>4. «Die Zeit»: Die pointillistische Version</strong></a><br />
Das gepflegte Organ nachdenklicher Schreibe, personifiziert im Elder Statesman und Herausgeber Helmut Schmidt selig, nahm sich unter dem Titel «Die Wut der Worte» des «Schweizer Publizisten Roger Köppel» an, der «gegen Flüchtlinge polemisiert» und nun «im Parlament sitzt». Da dieses Porträt kurz nach Köppels Wahl in den Nationalrat geschrieben wurde, zeichnet es nur das Erweckungserlebnis des Neupolitikers nach: «Am Anfang dieser Karriere stand ein Interview mit Christoph Blocher, dem Multimilliardär und Volkstribun. Im Jahr 2000 diskutierten die beiden über militärische Führungstechniken. Köppel, Sohn einer Sekretärin und eines Bauunternehmers, hat ein Faible für erfolgreiche alte Männer. Da wird der sonst so laute Köppel leise, regelrecht unterwürfig. Typen wie Putin und Berlusconi faszinieren ihn.» Die «Zeit» konzediert Köppel rhetorische Brillanz, indem sie einen Auftritt in der «Arena» beschreibt: «Was als nette Plauderei gedacht ist, menscheln sollte, nutzt Köppel. Er reißt das Ruder an sich. Greift den Sozialdemokraten Guldimann an, rattert seine Parolen herunter. In der direkten Konfrontation lebt Köppel auf. Dabei beweist er oft Humor, manchmal auch Selbstironie – immer wieder untermalt von diesem Lachen, das ihn spontan überfällt. Vor allem aber schafft es Köppel, seine Argumentation mit Werten zu verbinden, die viele teilen, im Grunde auch die meisten seiner Gegner: Selbstbestimmungsrecht der Völker, Asyltradition der Schweiz, Europa der Nationen, Demokratie, Unabhängigkeit und ein Schuss Anarchie. Köppel dreht das einfach anders. Er spricht bildhaft, in giftigen Wortkonstrukten. Die deutsche Bundeskanzlerin wird bei ihm zur ‹Schlepperkönigin Merkel›. Er sagt: ‹Wir können nicht ganz Afrika in Europa aufnehmen.› Über das Bild eines überfüllten Flüchtlingsbootes, das als Symbolbild für Europas Versagen durch die Medien ging, setzt er in seinem Blatt die Schlagzeile: ‹Afrikas Schuld›.»</p>
<p>Es ist nicht wirklich ein Porträt von Mensch und Werk, sozusagen die pointillistische Version mit einigen hingehauchten Tupfern. Dafür gibt es Abzug in der Inhaltsnote, aber dennoch die Gesamtnote 4,5.</p>
<p><a href="http://www.blick.ch/storytelling/2017/koeppel/" target="_blank"><strong>5. «Blick»: Klischeefreie Annäherung</strong></a><br />
Unter dem Titel «Der Köppel» tut der «Blick» etwas Unerhörtes: Er produziert ein üppig bebildertes und ausgestattetes Lesestück, das er in seiner Print-Ausgabe auf vollen zwei Seiten ausrollt und im Internet als Longform laufen lässt. Genügend Platz, um Biographie, Werdegang und aktuelles Wirken zu porträtieren: «Vom Journalisten zum Politiker, der auch eine Zeitschrift herausgibt.» Hier dürfen sogar namentlich genannte Mitarbeiter der «Weltwoche» ihren Chef kritisieren, dem auch die Möglichkeit eingeräumt wird, darauf zu replizieren. Beschreibungen wie «ohne intellektuelles Blutvergiessen geht es nicht» oder «Köppel mag es aggressiv, spitz und fulminant» sind durchaus akzeptabel, die Häme des Ringier-Verlags gegen seinen Konkurrenten hält sich in Grenzen: «Für Köppel ist das Parlament eher Bühne denn Wirkungsort. Er nächtigt während der Session oft im Fünfsternehotel Bellevue, dem besten Haus am Platz. First Class politique.»</p>
<p>Richtig spitz wird der «Blick» nur an einer Stelle: «Seine Weltsicht hat sich verengt, die Provokationen werden plumper. Anfang 2016 verharmloste Köppel in einem Editorial Reichsfeldmarschall Hermann Göring, die Nummer 2 in Nazi-Deutschland. Er zitierte leicht bewundernd aus einer 40 Jahre alten Biografie, ohne Görings Befehle zur «Endlösung der Judenfrage» zu erwähnen. Diese Huldigung war kein «Soufflieren des intelligenten Tischgesprächs», wie er den Anspruch der «Weltwoche» gern anpreist. Seine Abneigung gegenüber dem sogenannten «Mainstream» führte da den einstigen Studenten der Politischen Philosophie in die Sackgasse der Geschichtsvergessenheit.» Aber: Im umfangreichen «Blick»-Lesestück, moderner als «Storytelling» verkauft, fehlen drei Begriffe, die sonst untrennbar mit Köppel-Porträts verbunden sind: Rechtspopulist, Hetzer, Fremdenfeind. Hier wurde offensichtlich versucht, dem Porträtierten näherzukommen, ihn facettenreich darzustellen oder ganz einfach: ihm gerecht zu werden und das Urteil dem Leser zu überlassen. Wird kritisiert, bekommt Köppel fast immer Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen. Wird auf Widersprüche bei ihm hingewiesen, darf er widersprechen.</p>
<p>So ist durchaus auch die abschliessende Bilanz des Artikels erlaubt: «Würde der Journalist Köppel von einst über den Politiker Köppel von heute ein Porträt schreiben – er könnte es sich nicht verkneifen, den Begriff des «politischen Aktivdienstes» an sein Ende zu formulieren: Auf dem Schlachtfeld der Ideologien werden auch die klugen Köpfe zu Soldaten. Roger Köppel war der verheissungsvollste von ihnen.» Das reicht immer noch für eine Gesamtnote von 5,5. Begleitet vom Wunsch, dass die Autoren des Artikels ihn im Hause Ringier mit seinem Vordenker und Strippenzieher Frank A. Meyer, der Roger Köppel fast so sehr verabscheut wie den «Führer aus Herrliberg», überleben mögen.</p>
<p><strong>Epilog</strong><br />
Der Autor dieses Meta-Porträts veröffentlicht ab und an Artikel in der «Weltwoche». Ich schätze an Roger Köppel, dass er mir diese Plattform bietet. Zumal ich ihn mehrfach öffentlich auf das schärfste kritisierte und im Zusammenhang mit der Hildebrand-Affäre seinen Rücktritt forderte.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/11/wie-mache-ich-mir-ein-feindbild/">Wie mache ich mir ein Feindbild?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gefährliche Umarmung</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/12/15/gefaehrliche-umarmung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Dec 2016 14:10:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Lorenz Matzat]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Google]]></category>
		<category><![CDATA[Content Marketing]]></category>
		<category><![CDATA[Digital News Initiative]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Google wird zu einem immer gewichtigeren Spieler in der Medienlandschaft, sei es mit Innovationsförderung, aber auch mit eigenen Inhalten. So bringt der Internetkonzern zusammen mit der «Süddeutschen Zeitung» neu ein Magazin zur digitalen Bildung heraus. Kritische Stimmen gegen das wachsende Google-Engagement in den Medien gibt es nur wenige. Die aber warnen vor der ungleichen Partnerschaft. Wer am <a href="https://medienwoche.ch/2016/12/15/gefaehrliche-umarmung/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Google wird zu einem immer gewichtigeren Spieler in der Medienlandschaft, sei es mit Innovationsförderung, aber auch mit eigenen Inhalten. So bringt der Internetkonzern zusammen mit der «Süddeutschen Zeitung» neu ein Magazin zur digitalen Bildung heraus. Kritische Stimmen gegen das wachsende Google-Engagement in den Medien gibt es nur wenige. Die aber warnen vor der ungleichen Partnerschaft.<br />
<span id="more-28536"></span><br />
Wer am Sonntag die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» aus dem Briefkasten holte oder beim Bäcker kaufte, dem fiel spätestens bei der Lektüre am Frühstückstisch auf, dass der Zeitung zwei Magazine beigelegt waren: Die Zeitschrift «The Red Bulletin», das Content-Marketing-Magazin des Getränkeherstellers Red Bull sowie eine weitere Publikation, die dem geneigten Leser bislang eher unbekannt war: «Aufbruch Lernen – Ein Magazin zur digitalen Bildung». So hat Google sein neues Magazin überschrieben. Auf dem Cover ist eine Mutter abgebildet, die ihrem Kind auf dem Hausaufgabentisch etwas am Laptop erklärt. Auf Seite 3 grüßt Google-Chef Sundar Pichai, der sich «für mehr digitale Bildung in Deutschland» einsetze. «Liebe Leserin, lieber Leserin», begrüßt «Ihr Team von Google» die Leserschaft – eine Redaktion ist auch im Impressum nicht vermerkt – «das Internet verändert die Art, wie wir leben und lernen. Weit über 80 Prozent aller Deutschen sind inzwischen online, 45 Millionen Menschen rufen täglich Inhalte aus dem Netz ab.» «Dieses Magazin», erfährt der Leser, «erklärt so praktisch wie möglich, welche Chancen zu Ihrer persönlichen Weiterentwicklung bereithält Wir versprechen Ihnen: Es lohnt sich!». Die Werbebotschaft ist unverhohlen, die Inhalte in das Gewand des Journalismus gekleidet.</p>
<p>Das 30-seitige Heft beginnt mit einem zweiseitigen Interview mit der Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wirtschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WSB), die unwidersprochen über ihre Vision eines «zweiten Bildungssystems» fabulieren darf, ohne genauer zu präzisieren, was damit gemeint ist. Darauf folgt eine längliche Reportage mit dem werblichen Titel «Wischen erlaubt» über eine Familie im schwäbischen Krumbach, die das Hohelied von Lern-Apps und Online-Games singt («Sie ist fasziniert von den Welten, die ihre Tochter baut, und davon überzeugt, dass Spiele wie Minecraft die Kreativität fördern»). Der weitere Heftinhalt umfasst ein Stück über das Google-finanzierte Open Roberta Lab, Interviews mit Lehrkräften sowie ein Gastbeitrag von Google-Chef Sundar Pichai.</p>
<p>Das Magazin bespielt die gesamte Bandbreite journalistischer Darstellungsformen: Reportagen, Features, Berichte, Interviews, Kommentare. Die Texte stammen aus der Feder freier Journalisten, die zum Teil Erfahrung im Content-Marketing mitbringen. Autor Christoph Henn arbeitete drei Jahre beim eBay-Magazin, das von Gruner und Jahr herausgegeben wurde. Das Heft ist ansprechend gestaltet und im Google-Corporate-Design gehalten, die Optik fällt zuweilen etwas grell aus. In der Gestaltung erinnert «Aufbruch Lernen» an das evangelische Magazin «Chrismon», das einer Reihe überregionaler Tageszeitungen wie der «FAZ» und dem «Tagesspiegel» beiliegt, mit dem Unterschied, dass die Inhalte nicht so bieder und altbacken sind. Doch beim Google-Magazin steckt der Teufel im Detail.</p>
<p>Im Info-Kasten zu Tipps und Links wird unter dem Stichwort «Anregungen zum Jugendschutz und zur Förderung der Medienkompetenz» auf Googles englischsprachiges Safety Center verwiesen. In praktisch jedem Text findet sich ein mehr oder weniger versteckter Hinweis auf eine Google-finanzierte Einrichtung. Die Seite «YES, WE CODE», bei der zwei Schüler ihre Begeisterung fürs Programmieren zum Ausdruck bringen, ist mit einem Link auf die Veranstaltung «Jugend hackt» versehen, ein von Google-finanziertes Programm zur Förderung des Programmiernachwuchses. Dieses Engagement wird dem Leser jedoch nicht transparent gemacht. Die Autorin Charlotte Haunhorst, die unter anderem für jetzt.de, das junge Magazin der Süddeutschen Zeitung, schreibt, gibt sich schon gar keine Mühe, eine differenzierte Geschichte über Virtual Reality in Museen zu schreiben, ob wohl es dazu reichlich Stoff gäbe. Stattdessen wird in jedem Absatz eine Google-Einrichtung erwähnt. Das ganze Heft plädiert dafür, Programmieren an Schulen zu lehren, ein Lernziel, für das Google auf diversen Plattformen, zuletzt auf dem Bildungsgipfel in Saarbrücken und mit der Vorfeldorganisation «Code for Germany», erfolgreich lobbyiert. Eingebettet in diese werblichen Texte sind Anzeigen für Google, gewissermaßen Werbung in der Werbung.</p>
<p>Im Impressum tauchen lediglich die Google-Vorstände Christine Flores und Jim Campbell auf. Gibt es keine Redaktion, welche die Seiten layoutet und Texte redigiert? Kaum vorstellbar, dass der Vorstand eines Internet-Konzerns auch noch als Blattmacher einspringen muss. Der entscheidende Satz kommt zum Schluss. «Dies ist eine Anzeigenveröffentlichung von Google. Danke an das Team von Süddeutsche Zeitung Publishing.» Die Tochter der Magazin Verlagsgesellschaft Süddeutsche Zeitung ist offensichtlich für die Produktion der Google-Postille verantwortlich. Seltsam nur, dass der Launch der Zeitschrift nirgends annonciert wurde – wobei die Nichtmeldung an sich schon eine Meldung ist.</p>
<p>Die Süddeutsche Zeitung Publishing hat bereits im Juni für Google Deutschland die Magazin-Reihe «Aufbruch» zur Digitalisierung des Mittelstands entwickelt und produziert. Wie der Branchendienst «WUV» meldete, erschien «Aufbruch München» in einer Auflage von 550.000 Exemplaren in der «SZ am Wochenende». Zur Eröffnung des Münchner Google-Trainingszentrums lag der «Süddeutschen Zeitung» das 36-seitige Magazin erstmals bei. In welcher Auflage und Regelmäßigkeit das neue Google-Magazin erscheint und ob ein Interessenkonflikt zwischen der Publikation und der Berichterstattung in der «Süddeutschen Zeitung», die ja durchaus Google-kritisch ist, besteht, wollte der Verlag nicht mitteilen. Eine Anfrage der «Medienwoche» an Pressesprecherin Angela Kesselring blieb unbeantwortet. Es scheint ein neuer Trend zu sein, dass Verlage bisherige Agenturdienstleistungen ins Haus zurückholen und eigene Content-Marketing-Abteilungen gründen.</p>
<p>Dabei ist das Verhältnis zwischen Medien auf der einen und Google, Facebook &amp; Co. auf der anderen Seite, wo die Internet-Giganten aus Sicht der Medien als «Frenemy» figurieren – als Freund und Feind in einem –, durchaus spannungsgeladen. Einerseits lassen sich mit diesen Plattformen Reichweitengewinne erzielen. Andererseits kontrollieren Tech-Konzerne zunehmend die Verbreitungskanäle oder werden selbst zum Publisher wie etwa bei Facebook Instant Articles, einem Format, bei dem die Markendifferenz zunehmend verschwimmt.</p>
<p>Google und Co. avancieren zu einem immer wichtigeren Spieler in der Medienlandschaft. In Berlin hat Google ein eigenes News-Lab gegründet das die Zukunftsfragen des Journalismus klären soll und ein mit bis zu 8200 Euro dotiertes Stipendium an Nachwuchsjournalisten vergibt. «Das Google News Lab Fellowship Programm bietet Absolventen und Young Professionals mit ersten journalistischen Erfahrungen sowie Entwicklern, die eine Begeisterung für digitalen Journalismus und neue Storytelling-Formen teilen, die Möglichkeit, besondere Einblicke in 16 Medienorganisationen aus Deutschland, Österreich, und der Schweiz zu gewinnen und spannende journalistische Projekte umzusetzen.» Nach dem Streit um das Leistungsschutzrecht, bei dem die Schiedsstelle des Deutschen Patent- und Markenamts (DPMA) entschied, dass Suchmaschinenbetreiber für die Verwertung von Printerzeugnissen bezahlen müssen, hat Google einen mit 150 Millionen Euro ausgestatteten Fonds (Digital News Initiative) aufgelegt, bei dem für die Umsetzung von Projekten Geld an europäische Verlage ausgeschüttet wird. In der neunköpfigen Jury, die über die Vergabe der Fördermittel entscheidet, sitzen unter anderen die Mozilla-Innovationschefin und ehemalige Spiegel-Online-Geschäftsführerin Katharina Borchert sowie Veit Dengler, CEO der Neuen Zürcher Zeitung. Im Rahmen der Digital News Initiative (DNI) werden auch zwei Schweizer Projekte gefördert, u.a. ein Bot der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» (Ringier Axel Springer) sowie eine Petitionsplattform der AZ Medien.</p>
<p>Die Millionen aus Googles prall gefülltem Fördertopf sind für die klammen Verlage eine Verlockung. Andererseits begeben sich die Medienhäuser dadurch auch in Abhängigkeiten. Kritik dazu wird kaum laut. Doch wenn, dann geht sie mit dem Verhalten der Verlage hart ins Gericht. Der Datenjournalist Lorenz Matzat hält nüchtern fest: «Google benötigt das ‹news ecosystem› als Nährboden für sein auf Werbung basierendes Geschäftsmodell.» Auch darum könne Google für Journalisten kein Partner sein. Matzat beschreibt das subtile Lobbying von Google: «Die deutsche Journalisten- und Verlagsszene ist offensichtlich ein wichtiges Feld der DNI: Kaum eine Journalismustagung in letzter Zeit im Land, die nicht von Google mitgesponsert wurde; meist bedeutet das dann einen Slot für ein Referat oder eine Panelteilnahme für einen Vertreter/eine Vertreterin des DNI. Schleichend gehört Google selbstverständlich dazu.»</p>
<p>So überrascht es denn auch nicht, dass Google auf eigene Inhalte setzt. Auch wenn sich «Aufbruch Lernen» im Vergleich zu aufwendiger produzierten Content-Magazinen wie «The Red Bulletin» oder Coca Colas «Journey» eher wie eine Werbebroschüre ausnimmt, bedient sich Google derselben Strategie. Durch Content-Marketing schafft sich der Tech-Gigant sein eigenes Medium und damit einen zusätzlichen Verbreitungskanal, über den er direkten Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung nehmen kann. Für die Leser ist «Aufbruch Lernen» eine Mogelpackung. Es gaukelt vor, ein Magazin zur digitalen Bildung zu sein. Dabei sind die Inhalte nichts als durch Journalismus bemäntelte Werbung. Vor dem Hintergrund von Googles zunehmender Einflussnahme in der Presselandschaft wirkt das neue Magazin wie ein trojanisches Pferd in der Zeitung.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/12/15/gefaehrliche-umarmung/">Gefährliche Umarmung</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Blocker und Keule</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/11/07/blocker-und-keule/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2016/11/07/blocker-und-keule/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Anne-Friederike Heinrich]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Nov 2016 14:15:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Financial Times]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Verlage]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Werbung]]></category>
		<category><![CDATA[Adblocker]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie bringt man den mit Kostenlosmedien verwöhnten Nutzern bei, dass Journalismus etwas kostet? Mit sanftem Druck oder mit dem Holzhammer? Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass die freundliche Aufforderung, doch bitte den Adblocker ausschalten durchaus auf offene Ohren stossen. Wer mit einem Adblocker surft, ist nicht bei allen beliebt – und ähnelt darin Eltern kleiner <a href="https://medienwoche.ch/2016/11/07/blocker-und-keule/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wie bringt man den mit Kostenlosmedien verwöhnten Nutzern bei, dass Journalismus etwas kostet? Mit sanftem Druck oder mit dem Holzhammer? Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass die freundliche Aufforderung, doch bitte den Adblocker ausschalten durchaus auf offene Ohren stossen.<br />
<span id="more-28378"></span><br />
Wer mit einem Adblocker surft, ist nicht bei allen beliebt – und ähnelt darin Eltern kleiner Kinder und Hundehaltern. Vor allem Medienhäuser haben Probleme mit Adblocker-Nutzern – finanzieren sie ihr journalistisches Angebot doch zu einem Grossteil durch Werbung. Wenn sie diese nicht an potenzielle Konsumenten ausspielen können, sind bald auch die letzten Werbeeinnahmen perdu.</p>
<p>Während man um Familien mit Kleinkindern und Hund mit Herrchen einen grossen Bogen machen kann, ist der Umgang mit Adblocker-Usern für Medienhäuser schwierig: Zwar gibt es fast so lange, wie es Software zur Unterdrückung von Onlinewerbung gibt, auch technische Gegenmassnahmen, um Adblocker-Nutzer von Angeboten auszusperren. Doch wer möchte seine Kunden, seine Leser schon gern so behandeln? Noch schätzen <a href="http://www.schweizermedien.ch/artikel/news/ad-blocker-eine-grosse-herausforderung-fur-die-publisher" target="_blank">IAB Schweiz und Adello</a> die Situation in der Schweiz als unproblematisch ein. Aber wenn Leser sich weiter benehmen wie Kinder, die im Supermarkt Süssigkeiten aus den Regalen direkt in den Mund befördern, ohne einen Gedanken daran, dass man diese erst einmal bezahlen muss, könnte sich das schnell ändern.</p>
<p>Seit vergangener Woche setzt die Süddeutsche Zeitung auf ihrer Webseite eine Anti-Adblock-Massnahme ein: Wer auf <a href="https://netzpolitik.org/2016/sueddeutsche-zeitung-fuehrt-adblock-verbot-ein/" target="_blank">Sueddeutsche.de</a> einen Artikel lesen möchte, kann entweder seinen Adblocker ausschalten, ein Abonnement abschliessen oder einen kostenlosen Account anlegen; wer sich kostenlos registriert, kann die Internetseite mit eingeschaltetem Adblocker benutzen – öffnet damit aber vermutlich die Tür für Marketingmassnahmen. Auch Bild.de und Gruner + Jahr, Europas zweitgrösstes Druck- und Verlagshaus mit Publikationen wie Geo, Stern und Brigitte sowie Eltern (!) und Dogs (!), haben bereits ein Adblock-Verbot eingeführt. Doch das Blocker-Geblocke verbreitet schlechte Stimmung zwischen Lesestoffproduzenten und Lesern. Geht es nicht anders?</p>
<p>Die <a href="http://derstandard.at/2000046399639/Financial-Times-Mit-drei-Strategien-gegen-Adblocker" target="_blank">Financial Times</a> hat im Sommer einen Schulterschluss mit ihren Lesern mit Werbeantipathie versucht. Dafür teilte die Wirtschaftszeitung ihre registrierten Nutzer in drei Gruppen auf: Bei einer Gruppe von Adblocker-Nutzern wurden in den Texten einzelne Wörter weggelassen, um zu verdeutlichen, wie wichtig die Werbeerlöse für die Produktion eines vollständigen journalistischen Angebots sind. Die zweite Gruppe wurde auf die Bedeutung der Werbung für die Finanzierung hingewiesen, konnte die Website aber weiter ohne Einschränkung nutzen. Die Adblocker-Nutzer in der dritten Gruppe wurden komplett ausgesperrt und bekamen einen Hinweis angezeigt, der das Vorgehen erklärte.</p>
<p>Die Ergebnisse des Experiments sind erstaunlich und ermutigend: 47 Prozent der Nutzer, bei denen einzelne Wörter in Artikeln fehlten, setzten die «Financial Times»-Website auf ihre Whitelist. 40 Prozent der Nutzer, die das Angebot zwar ohne Einschränkungen nutzen konnten, aber einen Appell zu lesen bekamen, deaktivierten ihren Adblocker. Und von den Nutzern, die komplett ausgesperrt wurden, deaktivierten stolze 69 Prozent ihren Adblocker. Auch bei Bild.de war die Bilanz der Adblocker-Blockade positiv. Zwei Drittel der betroffenen Nutzer hätten ihre Adblocker ausgeschaltet und seien damit wieder für Werbung auf Bild.de erreichbar, sagte Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner bei einer Pressekonferenz.</p>
<p>Also doch die Keule? Das muss jedes Medium, jedes Verlagshaus zunächst für sich selbst entscheiden: Was passt zum Produkt? Was ist unser Stil? Was können wir uns leisten? Was können wir finanzieren? Ist die eigene Linie klar, sollten Medienanbieter kooperieren: in Vertrieb, Vermarktung, Marketing, Marktforschung und Technologie.</p>
<p>Wichtig ist die Einsicht, dass wir unsere Leser ins Boot holen müssen; wir müssen ihnen die Bedeutung von Abonnements und Werbung für den Stoff, den sie gerne lesen möchten, plausibel machen. Wer bisher alles kostenlos bekam, muss das Zahlen erst wieder lernen. Und wer nichts bezahlt, kann auch keine rundum zufriedenstellende Leistung erwarten. Das ist nicht nur im Journalismus so.</p>
<p><small>Dieser Text erschien zuerst als Editorial in der Werbewoche 18/2016 vom 4.11.2016</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/11/07/blocker-und-keule/">Blocker und Keule</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>War da mal was?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/08/26/war-da-mal-was/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Aug 2016 13:38:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Panama Papers]]></category>
		<category><![CDATA[Leaks]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaftsjournalismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die öffentliche Aufmerksamkeit ist flüchtig. Fünf Monate nach dem grossen Paukenschlag um die Publikation der sogenannten Panama Papers ist klar, dass auch dieses «Leak», wie schon seine Vorgänger «Offshore Leaks» und «Swiss Leaks», nach sehr kurzer Halbwertszeit ins Nirwana von «war da mal was?» verschwand. Wem hat die Übung genützt? Der Gerechtigkeit und der Aufdeckung <a href="https://medienwoche.ch/2016/08/26/war-da-mal-was/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/08/26/war-da-mal-was/">War da mal was?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die öffentliche Aufmerksamkeit ist flüchtig. Fünf Monate nach dem grossen Paukenschlag um die Publikation der sogenannten <a href="https://panamapapers.icij.org/" target="_blank">Panama Papers</a> ist klar, dass auch dieses «Leak», wie schon seine Vorgänger «Offshore Leaks» und «Swiss Leaks», nach sehr kurzer Halbwertszeit ins Nirwana von «war da mal was?» verschwand. Wem hat die Übung genützt? Der Gerechtigkeit und der Aufdeckung ungeheuerlicher Straftaten offenbar nicht.<br />
<span id="more-27932"></span><br />
An Superlativen wurde nicht gespart. <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/dossiers/wirtschaft/dossier2.html?dossier_id=3260" target="_blank">«Das bisher grösste Datenleck deckt schmutzige Geschäfte auf»</a>, «Blutiges Offshore-Geld im Syrien-Krieg», «Präsidenten und Premiers», 2,6 Terabyte Daten, 11,5 Millionen Dokumente, 214 488 Firmen, das gesamte Archiv einer panamaischen Kanzlei von 1977 bis 2015, das hatte die Welt noch nicht gesehen. Am 3. April veröffentlichten 109 Redaktionen in 76 Ländern erstmals Erkenntnisse aus der Auswertung der sogenannten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Panama_Papers" target="_blank">Panama Papers</a>.</p>
<p>Aber schon nach wenigen Tagen gähnte die Welt gelangweilt, weil sie nur wenige Bruchstücke zu sehen bekam. Beim «Tages-Anzeiger», in der Deutschschweiz zusammen mit der «SonntagsZeitung» führend im Ausschlachten dieses gestohlenen Datenschatzes, standen unter einem düsteren Foto des bösen Buben Putin und seiner «Geldspur in die Schweiz» schnell keine neuen «Enthüllungen» mehr. Dass der Whistleblower Bradley Birkenfeld im US-TV behauptete, die CIA stünde hinter den «Panama Papers», war dagegen noch eine grosse Meldung wert. Er tat das aber genau so beweisfrei wie der Verdachtsjournalismus der 376 internationalen Journalisten, die ein Jahr lang das Datenmeer durchpflügt hatten.</p>
<p>Darunter folgte die Randnotiz, dass die panamaische Staatsanwaltschaft die Büros von Mossack Fonseca durchsucht habe. Die «Kooperationsbereitschaft» dieser Kanzlei, der die Daten gestohlen wurden, lasse «Medienberichten zufolge zu wünschen übrig. Die Kanzlei widerspricht.» Das nennt man in Fachkreisen eine No-News, das schafft es höchstens als Verzweiflungstat in nachrichtenarmen Zeiten in die Medien.</p>
<p>Der ursprüngliche Empfänger des Datenraubs, die «Süddeutsche Zeitung», flüchtet sich unter dem Titel «Gestatten, Goldfinger», in Bond-Kitsch, da Firmennamen wie «Goldfinger», «Moonraker», «Spectre» und natürlich «Blofeld» verwendet wurden. Interessanterweise wurde dieser ursprüngliche Titel dann auf ein neutraleres <a href="http://meedia.de/2016/04/12/die-panama-papers-der-mega-skandal-mit-der-mini-halbwertzeit/" target="_blank">«Agenten nutzten Panama-Firmen für CIA»</a> heruntergenommen, der in der ursprünglichen Illustration unten liegende Geheimagent mit gezückter Waffe und gewisser <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/panama-papers-agenten-nutzten-panama-firmen-fuer-cia-1.2945241" target="_blank">Ähnlichkeit mit Daniel Craig</a> wurde entfernt.</p>
<p>Die letzte grosse «Enthüllung» fand vor vielen Wochen statt; auch das IKRK sei fiktiv als «beneficial owner», also als Nutzniesser bei Briefkastenfirmen, eingesetzt worden. Natürlich ohne dessen Wissen und die Neutralität, Unabhängigkeit sowie den guten Ruf des IKRK gefährdend. Ohne das herunterspielen zu wollen: Das ist alles, was sich nach der ersten Welle aus den «Panama Papers» herausdestillieren liess? Wo sind die Tausende von Namen, Personen, Firmen, gerne auch aus Deutschland oder der Schweiz, denen illegales Handeln zumindest vorgeworfen werden könnte? Wo sind die Drogenkartelle, Blutgelder, die Finanzflüsse von geraubten Reichtümern? Hier ein Tropfen, dort ein Tropfen, aber kein Meer, nicht einmal ein Tümpel. Und selbst der ist inzwischen verdampft.</p>
<p>Von Argentinien bis Uruguay nahmen staatliche Behörden Untersuchungen auf, die aber bis heute in keinem einzigen Fall zu einer Strafanklage führten. Es gab Kollateralschäden, so trat der Chef von Transparency International Chile zurück, weil sein Name mit Briefkastenfirmen in Verbindung gebracht wurde. Dazu der isländische Premierminister und ein spanischer Minister. Wohlgemerkt ohne dass ihnen strafbare Handlungen nachgewiesen worden wären. Und Putins «Geldspur in die Schweiz» verlor sich ebenfalls im Nirgendwo. 11,5 Millionen Dokumente, rund 300&#8217;000 Firmenkonstrukte wurden «enttarnt». Im Endergebnis führte das zu wohlwollend geschätzten 1000 Untersuchungen weltweit. Das ist also in 0,3 Prozent aller Fälle Anlass für einen Anfangsverdacht auf illegale Tätigkeiten unter Verwendung einer Briefkastenfirma, die von Mossack Fonseca hergestellt wurde. Die panamaische Kanzlei selbst ist bis heute, wie in den 40 Jahren ihrer Existenz, kein Ziel einer Strafuntersuchung. Man kann also im Umkehrschluss sagen, dass es wohl kaum einen Bereich in der internationalen Finanzwelt gibt, in dem es so gesittet und gesetzestreu zu und her geht wie bei Offshore-Firmen.</p>
<p>Man könnte das alles leicht belustigt zur Kenntnis nehmen, wenn hier nicht dem Investigativjournalismus ein weiteres Mal schwerer Schaden zugefügt würde. Der zu Tode gesparte Wirtschaftsjournalismus rafft sich zu einer vermeintlichen Grosstat auf. Wenn’s denn stimmt, haben 376 Journalisten ein Jahr lang hauptamtlich einen Datenberg zu handlichen Stücken zermahlen, wurde von der US-NGO ICIJ das Know-how, die Software und Hardware zur Verfügung gestellt, um Big Data überhaupt bewirtschaftbar zu machen. Es wurden Diagramme erstellt, Daten verknüpft, Marker gesetzt, PDFs, Excel-Tabellen, E-Mails, Dokumente, Urkunden, Telefonprotokolle so aufbereitet, dass man sich in ihnen bewegen konnte, ohne zu ertrinken.</p>
<p>Aber selbst dahinter ist ein Fragezeichen zu setzen, da niemand weiss, ausser den beteiligten Journalisten, in welcher allenfalls aufbereiteter Form die 2,6 Terabyte von der anonymen Quelle zur Verfügung gestellt wurden. Es erscheint plausibel, dass sicherlich weder lastwagenweise Papier aus der panamaischen Kanzlei herausgeschafft wurde, noch in deren Archiv unbemerkt ein Scanner Überstunden machte. Aber da laut eigenen Aussagen der Eingeweihten der Datendieb (oder die Diebe) bis heute unbekannt ist, weiss auch niemand, ob und in welcher Form allenfalls eine Vorselektion der Daten stattfand. Oder ob sie bereits fingerfertig angeliefert wurden.</p>
<p>Also bleibt die Frage: Wer war das? Logik und Plausibilität gebieten, dass es doch sehr unglaubwürdig ist, dass eine kleine private Gruppe oder gar ein Einzelner mit nicht unbeachtlichem technischem Aufwand, in monatelanger Vorbereitungsarbeit und mit nicht unerheblichen Unkosten diesen elektronischen Einbruch verübte, auf eine Goldmine an Erpressungsmöglichkeiten stiess und das dann als «John Doe» aus moralischer Entrüstung ausgerechnet der «Süddeutschen Zeitung» gratis anbot. Aber wenn man nicht die Methoden dieser «Enthüllungsjournalisten» verwenden will, handelt es sich bei der Vermutung von Birkenfeld, wonach die CIA die Finger mit im Spiel hatte, um eine zwar plausible, aber völlig beweis- und indizienfreie Spekulation.</p>
<p>Die Kamera-Teams sind längst von dem Eingang der panamaischen Kanzlei abgezogen, weder die Beraubten noch die lokalen Strafverfolgungsbehörden haben bislang auch nur ein Fitzelchen einer neuen Erkenntnis geliefert, wer denn nun der Datendieb gewesen sein könnte. Die Journalisten der SZ halten ebenfalls dicht, wer sie denn als «John Doe» angefüttert hat. Perverserweise sind weder der Bestohlene noch die an der Ausbeute des Diebesguts beteiligten Medien an einer Fortsetzung der Story über die Panama Papers interessiert. Die letzte Medienmitteilung von Mossack Fonseca stammt vom 10. Mai 2016. Die letzte Meldung in der «Süddeutschen» vom 21. August. Die Finanzaufsicht des Bundesstaats New York habe einer taiwanesischen Bank eine Busse von 180 Millionen Dollar aufgebrummt, weil sie «verdächtige Konten» geführt habe, in «Zusammenarbeit mit der Kanzlei Mossack Fonseca».</p>
<p>Man kann sich ein leichtes Grinsen nicht verklemmen, dass ausgerechnet das grösste Geldwäschereiparadies und der grösste Hersteller von Briefkastenfirmen der Welt, die USA, mal wieder eine ausländische Bank zur Kasse bitten. Vielleicht ist das auch eine Strafe für Dummheit, denn hätte die taiwanesische Bank einen Briefkasten im US-Bundesstaat Delaware gewählt, hätte gar kein «Verdacht» entstehen können. Dort muss bekanntlich der «beneficial owner», also der eigentlich wirtschaftliche Berechtigte an einer Briefkastenfirma, gar nicht bekannt gegeben werden.</p>
<p>Was bleibt? «Much Ado About Nothing», möchte man mit Shakespeare sagen. Allerdings handelt es sich hier nicht um eine Komödie, sondern um eine Farce, mit der sich wieder einmal der moderne Investigativjournalismus blamiert hat, unter Benützung von Raubgut haltlose Anschuldigungen in den Raum stellte. Allerorten wurden, wie bei den vorherigen «Leaks», Untersuchungen von nationalen Strafverfolgungsbehörden in wenigen Fällen eingeleitet. Wieder einmal führte keine einzige bislang zu einer Anklage, höchstens zu einer US-typischen Busse.</p>
<p>Nachdem das Feuerwerk «Panama Papers» abgebrannt ist und sich der Rauch verzogen hat, kann eine weitere Frage klarer beantwortet werden: Cui bono, wem nützt es? Der Gerechtigkeit und der Aufdeckung ungeheuerlicher Straftaten offenbar nicht. Aber es gibt auf der Welt sieben Finanzzentren, die sich um den möglichst grossen Anteil an der Lagerung und Verwaltung von Vermögen und Kapital balgen. Die Schweiz, Grossbritannien, USA, Panama, Karibik, Hongkong und Singapur. In dieser Reihenfolge. Es kann natürlich reiner Zufall sein, dass in kurzem Abstand das Bankgeheimnis des Kleinstaats Schweiz, das auch als Schutzwall für die Lagerung von unversteuerten Geldern diente, geknackt und die Position des Kleinstaats Panama als wichtiger Hersteller von Offshore-Konstrukten schwer beschädigt wurde. Während die wirklichen Big Player in diesen beiden Geschäften, die USA und Grossbritannien, sich über den Zufluss von Neugeschäften freuen können. Auf der anderen Seite geht es hier um einen dermassen lukrativen Markt, alleine bei den weltweit verwalteten privaten Kundenvermögen sprechen wir von rund 10 Billionen (10&#8217;000 Milliarden) US-Dollar, dass beim Kampf um grössere Marktanteile wohl nichts reiner Zufall ist.</p>
<p>Aber immerhin, Mossfon selbst und die zuständige panamaische Staatsanwaltschaft haben höchstes Interesse, den Straftäter ausfindig zu machen. Es ist allerdings die Frage, ob sie selbst über die nötige Technologie fürs Dingfestmachen des Datendiebs verfügen. Da könnte die NSA leicht aushelfen. Womit sich die Schlange allerdings möglicherweise in den Schwanz beissen würde.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/08/26/war-da-mal-was/">War da mal was?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Um Aufklärung wird gebeten</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/04/06/um-aufklaerung-wird-gebeten/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Apr 2016 12:11:41 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Tages-Anzeiger]]></category>
		<category><![CDATA[Transparenz]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Investigativer Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Panama Papers]]></category>
		<category><![CDATA[Rercherche]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es ist die Aufgabe des Journalismus, in Dunkelkammern zu leuchten, Mächtigen und Einflussreichen auf die Finger zu schauen. Aber ein paar Standards sollten schon eingehalten werden. Offene Fragen zu den «Panama Papers», Teil 2. Der isländische Premierminister ist halbwegs zurückgetreten, nachdem im Zusammenhang mit den «Panama Papers» sein Name auftauchte. Der «Tages-Anzeiger» titelte: «Der Erste ist <a href="https://medienwoche.ch/2016/04/06/um-aufklaerung-wird-gebeten/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/04/06/um-aufklaerung-wird-gebeten/">Um Aufklärung wird gebeten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist die Aufgabe des Journalismus, in Dunkelkammern zu leuchten, Mächtigen und Einflussreichen auf die Finger zu schauen. Aber ein paar Standards sollten schon eingehalten werden. <a href="https://medienwoche.ch/2016/04/05/die-blinden-flecken-der-panama-papers">Offene Fragen</a> zu den «Panama Papers», Teil 2.<br />
<span id="more-27146"></span><br />
Der isländische Premierminister ist halbwegs zurückgetreten, nachdem im Zusammenhang mit den «Panama Papers» sein Name auftauchte. Der «Tages-Anzeiger» titelte: «Der Erste ist gefallen.» Manchmal, wie hier, schimmert in einer Formulierung die Geisteshaltung durch. Es handelt sich also um eine Hetzjagd, bei der es darum geht, möglichst viele zu erledigen, zu Fall zu bringen, abzuschiessen. Das ist nicht die einzige Fragwürdigkeit.</p>
<p>Zitieren wir Ziffer 3, Satz 1 der <a href="http://presserat.ch/21690.htm" target="_blank">Erklärung der Pflichten der Journalistinnen und Journalisten</a>, dem sich auch die «SonntagsZeitung» und der «Tages-Anzeiger», Mitglieder des Medienverbundes, der die «Panama Papiere» bewirtschaftet, verpflichtet haben:</p>
<blockquote><p>Sie veröffentlichen nur Informationen, Dokumente, Bilder und Töne, deren Quellen ihnen bekannt sind.</p></blockquote>
<p>Da die gestohlenen Daten von einem anonymen Dieb zugespielt wurden, ist das ein eklatanter Verstoss gegen Standesregeln.</p>
<p>Schönfärberisch wird, wie in den vorangehenden Fällen, von einem «Datenleak» gesprochen. Nein, da tropft nichts aus einem Leck und die Journalisten stellen einfach ein Auffanggefäss drunter. Es handelt sich um ein Verbrechen, einen Diebstahl, einen Straftatbestand, der mit Gefängnis sanktioniert wird. In Panama, in der Schweiz, weltweit. Und wer Diebesgut verwendet, unwissentlich oder wie in diesem Fall wissentlich, ist ein Hehler und muss ebenfalls bestraft werden. Sonst wird der Rechtsstaat ausgehebelt, das einzige Bollwerk gegen Barbarei und Willkür.</p>
<p>Ein Blick in das geltende Schweizer Strafgesetzbuch genügt, <a href="https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19370083/index.html#a143" target="_blank">Art. 143.1</a>: «Wer in der Absicht, sich oder einen andern unrechtmässig zu bereichern, sich oder einem andern elektronisch oder in vergleichbarer Weise gespeicherte oder übermittelte Daten beschafft, die nicht für ihn bestimmt und gegen seinen unbefugten Zugriff besonders gesichert sind, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft.» Eine Bereicherungsabsicht ist bei den publizierenden Organen einwandfrei vorhanden, schliesslich fördern diese Artikel ungemein den Verkauf. Der Datendieb selbst würde zudem <a href="https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19370083/index.html#a143bis" target="_blank">nach Art. 143bis bestraft</a>: «Wer auf dem Wege von Datenübertragungseinrichtungen unbefugterweise in ein fremdes, gegen seinen Zugriff besonders gesichertes Datenverarbeitungssystem eindringt, wird, auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.» Haben diese Handlungen Auswirkungen im Rechtsstand Schweiz, kämen noch die einschlägigen Gesetze bezüglich Bankkundengeheimnis zur Anwendung.</p>
<p>Der anonyme Datendieb (oder die Organisation), der in den Server der Kanzlei eingebrochen ist, hätte seine Sore auch den zuständigen Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung stellen können, wenn es ihm um die Aufdeckung von Verbrechen ginge. Auch Panama ist, im Gegensatz zu vielen Behauptungen in der Presse, keine Bananenrepublik (mehr). Erst im Februar dieses Jahres wurde es vom OECD-Arbeitskreis für Massnahmen zur Bekämpfung der Geldwäsche (GAFI) <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/panama-papers/Panamaische-Regierung-will-kooperieren/story/17591784" target="_blank">von einer «grauen Liste» gestrichen</a>, auf denen Länder figurieren, die diesbezüglich Defizite aufweisen. Unglaublich, dass der OECD-Generalsekretär Angel Gurría nun handkehrum Panama beschuldigt, das Land sei «der letzte grosse Verweigerer, der es weiterhin erlaubt, dass Offshore-Fonds vor Steuer- und Strafverfolgungsbehörden versteckt werden». Ein Vorwurf, den Panama umgehend <a href="http://www.manager-magazin.de/politik/weltwirtschaft/panama-weist-kritik-der-oecd-als-respektlos-zurueck-a-1085656.html" target="_blank">als «respektlos» zurückwies</a>. Wohlweislich richtete Gurría die gleiche Kritik nicht an die USA oder England, die wahren Weltmeister im verborgenen Offshore-Geschäft.</p>
<p>Mossack Fonseca, die Anwaltskanzlei, der diese Daten gestohlen wurden, hat <a href="http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/steuervermeidung/panama-papers-datenleak-fuehrt-zu-anzeige-von-mossack-fonseca-14163057.html" target="_blank">inzwischen Strafanzeige gestellt</a>. «Ein Hackerangriff ist eine Straftat», sagt der Mitbesitzer Ramón Fonseca Mora völlig richtig, «ein schweres Verbrechen, das mit Gefängnis bestraft wird.» Er fügt hinzu: «Bislang war man solange unschuldig, bis die Schuld bewiesen war. Heute leben wir in einer Welt, in der man solange schuldig ist, bis man das Gegenteil beweisen kann. Das gefällt mir überhaupt nicht.» Das kann niemandem gefallen, der nicht bereit ist, rechtsstaatliche Grundsätze über Bord zu werfen.</p>
<p>Der panamaischen Anwaltskanzlei wurde in ihrer 40-jährigen Existenz noch nie eine Straftat nachgewiesen, sie wurde nicht einmal angeklagt. Daher turnen die internationalen Medien auch um den Begriff «kriminell» herum, denn selbst im modernen Journalismus sind die Gazetten nicht gegendarstellungs- und haftungsfrei. Aber stilbildend geht der «Tages-Anzeiger» soweit an die Grenze, wie es der Hausjurist gerade noch zulässt: <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/panama-papers/Das-Suendenregister-der-Kanzlei/story/12814126" target="_blank">«Das Sündenregister der Kanzlei»</a>, titelt er, und fährt im Lead fort: «Kriegstreiber, Terroristen, Drogenbarone. Sie alle konnten auf die Dienste der Kanzlei zählen.» Die Wahrheit ist: Es ist möglich, dass Verbrecher von der Kanzlei hergestellte Finanzvehikel benützten und die Zwischenhändler, an die sie verkauft wurden, ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachgingen. Was noch strafrechtlich zu beweisen wäre. Aus dem Artikel geht dann hervor, dass die Kanzlei jeweils, wenn ihr das bekannt wurde, die nötigen Massnahmen ergriff. Aber wieso soll man sich von der Wahrheit eine knackige Schlagzeile kaputt machen lassen.</p>
<p>Eine weitere Fragwürdigkeit bei der Publikation ausgewählter Fälle aus dem Datenmeer von über 11 Millionen Dateien: Rund 400 Journalisten weltweit sollen Zugang zu diesen Informationen haben. Sie hüten sie wie einen Schatz und haben sie bislang nicht an die allenfalls zuständigen Strafverfolgungsbehörden übergeben. Nach welchen Kriterien wird entschieden, welche Benützer an die Öffentlichkeit gezerrt werden? Und welche nicht? Intransparenz unter dem Banner, hier Transparenz in einer Dunkelkammer schaffen zu wollen.</p>
<p>Und ausserdem: Wer bietet Gewähr dafür, dass einer der vielen Journalisten mit Zugang zu den gestohlenen Daten nicht auf die naheliegende Idee kommt, ein vermögendes Individuum, dessen Privatsphäre hier verletzt wurde, anzurufen. Um ihm ein Angebot zu machen, das der Betroffene nicht ablehnen kann. Man könne von einer Veröffentlichung absehen, seine Daten könnten im riesigen Meer einfach untergehen. Der damit vermiedene Schaden an Reputation oder gar an Strafzahlungen stellt unbezweifelbar einen Wert dar. Wie wäre es mit einer entsprechenden Überweisung auf das Konto der Briefkastenfirma, die der Journalist extra zu diesem Zweck eröffnet hat? Nein, nicht bei Mossack Fonseca, sondern in Delaware, denn der Journalist ist ja nicht blöd.</p>
<p>Auch die Arbeit von Strafverfolgungsbehörden ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Aber sind wir wirklich im Sinne der Aufklärung und der Anwendung der Macht der Vierten Gewalt einen Schritt weiter, wenn sich Journalisten unter Verwendung von Diebesgut, das ihnen von einer anonymen Quelle zugespielt wurde, zu Anklägern und Richtern in einer Person aufspielen, die nach völlig intransparenten Kriterien entscheiden, welche Betroffene an den öffentlichen Pranger gestellt werden? Nur ein Prinzip ist bislang erkennbar: Erregungsbewirtschaftung.</p>
<p>Und welch ein Trauerspiel bietet mal wieder die Reaktion der überwältigenden Mehrheit der Wirtschaftsjournalisten. So <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/panama-papers-bundesregierung-sollte-hart-reagieren-a-1085617.html" target="_blank">schreibt immerhin «Spiegel Online»</a>: «Es mag Menschen geben, die ihr ehrlich verdientes Geld über eine Briefkastenfirma im fernen Panama laufen lassen. Es fällt einem allerdings kaum ein Grund ein, warum sie das tun sollten.» Die «Kernzielgruppe» seien «Steuerbetrüger und Geldwäscher, korrupte Diktatoren und bestechliche Beamte, Drogenhändler, Waffenschieber, Mafiosi und Terroristen.» Welch ein inkompetenter Unfug. Die Kernzielgruppe sind in Wirklichkeit alle international tätigen Firmen der Welt und auch vermögende Individuen, die ein juristisches Gefäss brauchen, um rechtsraumüberschreitende Aktivitäten administrieren zu können. Mit solchem Unsinn verspielt die versammelte Wirtschaftspresse die letzten Reste ihrer Reputation. Nach der alten Devise: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s ungeniert.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/04/06/um-aufklaerung-wird-gebeten/">Um Aufklärung wird gebeten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Die blinden Flecken der «Panama Papers»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/04/05/die-blinden-flecken-der-panama-papers/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Apr 2016 09:13:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Investigativer Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Panama Papers]]></category>
		<category><![CDATA[Lincoln Steffens]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wer ist die Quelle? Wie ist sie an die Informationen gelangt? Woher weiss ich, dass das alles echt ist? Und vor allem: cui bono? Essenzielle Recherchefragen, welche die Hundertschaften von Journalisten im Fall der «Panama Papers» bisher nur ungenügend oder gar nicht beantwortet haben. Lincoln Steffens (1866 – 1936) gilt neben Upton Sinclair als der <a href="https://medienwoche.ch/2016/04/05/die-blinden-flecken-der-panama-papers/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wer ist die Quelle? Wie ist sie an die Informationen gelangt? Woher weiss ich, dass das alles echt ist? Und vor allem: cui bono? Essenzielle Recherchefragen, welche die Hundertschaften von Journalisten im Fall der «Panama Papers» bisher nur ungenügend oder gar nicht beantwortet haben.<br />
<span id="more-27135"></span><br />
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lincoln_Steffens" target="_blank">Lincoln Steffens (1866 – 1936)</a> gilt neben Upton Sinclair als der Urvater des investigativen Journalismus. Als «<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Muckraker" target="_blank">Muckraker</a>» (Nestbeschmutzer) verleumdet, deckte der US-Journalist Bestechung und Korruption in Politik, Wirtschaft und in staatlichen Organen auf. Der Sammelband mit Steffens Recherchen «<a href="http://www.amazon.de/Skandalbericht-Hintergr%C3%BCnde-Korruption-den-USA/dp/3760802370" target="_blank">Skandalbericht. Hintergründe der Korruption in den USA.</a>» ist längst vergriffen, sein Name vergessen.</p>
<p>Früher bestand investigativer Journalismus aus zeit- und kostenintensiven Recherchen, dem Zusammenpuzzeln von Dokumenten, Aussagen und Schlussfolgerungen. Zentral wichtig dabei war, dass jede noch so skandalträchtige Information erst dann publiziert werden kann, wenn sie von einer unabhängigen zweiten Quelle bestätigt wurde. Denn nur so konnte man sicher sein, als Journalist nicht angefüttert oder instrumentalisiert zu werden.</p>
<p>Heute läuft das vielfach ganz anders. Der Journalist sitzt in seiner Verrichtungsbox im Grossraumbüro, googelt und telefoniert so vor sich hin, durchforstet die Weiten des Internet, ob es irgendwo eine Meldung gibt, die er per copy/paste der eigenen Leserschaft als brandneu servieren kann. Da trudelt plötzlich eine Nachricht ein: «Interessiert an Daten? Ich teile gerne.» Und hoppla, das Angebot wächst sich zu <a href="http://panamapapers.sueddeutsche.de/articles/56ff9a28a1bb8d3c3495ae13/" target="_blank">2,6 Terabyte Daten aus mit 11,5 Millionen Dateien</a>. Ein modernes Märchen? Keineswegs, so soll es einem Redaktor der «Süddeutschen Zeitung» widerfahren sein.</p>
<p>Früher hätte sich der investigative Journalist, nach oberflächlicher Sichtung des Materials, ein paar Fragen gestellt. Wer ist diese Quelle? Wie ist sie an diese Informationen gelangt? Woher weiss ich, dass das alles echt ist? Und vor allem: cui bono? Wem nutzt das, werde ich instrumentalisiert, soll ich der Lautsprecher für Absichten werden, deren Motive und Hintergründe ich nicht kenne? Auch nicht unwichtig: Welche Implikationen hat die Tatsache, dass die mir zugespielten Unterlagen offensichtlich durch eine Straftat erlangt wurden? Mache ich mich bei einer allfälligen Veröffentlichung zum Komplizen eines Verbrechers; sollte ich das Diebesgut nicht besser den zuständigen Strafbehörden übergeben?</p>
<p>Heute stellt sich der moderne Journalist nur eine einzige Frage: Wie kann ich diesen Datenberg bewirtschaften? 11,5 Millionen Dateien sprengen meine Möglichkeiten und die Ressourcen meines Mediums. Aber schön, dass es das «<a href="https://www.icij.org/" target="_blank">International Consortium of Investigative Journalists</a>» (ICIJ) gibt. Diese spendenfinanzierte US-NGO bietet jeweils ein Netzwerk von Medienorganen aus der ganzen Welt auf und stellt die Software zur Verfügung, mit der solche gigantischen Informationshaufen katalogisiert werden können. In der Schweiz gehören ihm unter anderen die <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/panama-papers/" target="_blank">«SonntagsZeitung» und der «Tages-Anzeiger»</a> an.</p>
<p>Früher hätte sich ein investigativer Journalist überlegt, mit welchen Hilfstruppen er sich einlässt. Eine Recherche der Finanzquellen des ICIJ, darunter die Ford Foundation, eine Stiftung der Kellog-Familie oder der Milliardär George Soros, hätte ihm zu denken gegeben. Auch die Tradition des ICIJ hätte ihn befremdet, mit den «Offshore Leaks» oder den «Swiss Leaks» jeweils skandalträchtige Einblicke in die Abgründe von Steueroasen, Offshore-Paradiesen, asozialen Superreichen, gar kriminellen Geldwaschmaschinen von Drogen-, Waffen- und Menschenhändlern sowie die Finanzströme von Terrororganisationen zu versprechen – und <a href="http://www.nzz.ch/schweiz/offshore-leaks-laeuft-auf-grund-1.18105651" target="_blank">nichts strafrechtlich Relevantes zu liefern</a>. Er hätte auch darüber nachgedacht, ob die mit einer Publikation verbundene Verletzung der Privatsphäre oder der ruinierte Ruf von Tausenden von Menschen durch die Aufdeckung eines angeblichen Skandals gerechtfertigt ist.</p>
<p>Heute weiss der moderne Journalist, dass die Verwendung der Begriffe Briefkastenfirma, Steueroase, reiche Steuerhinterzieher und kriminelle Machenschaften genügt, um die Unschuldsvermutung oder die Tatsache, dass die völlig legale Errichtung eines Trusts oder vieler anderer Finanzvehikel jedem problemlos erlaubt ist, zu überstrahlen. Wozu da den kleinen Rechercheaufwand betreiben, der erweisen würde, dass im angelsächsischen Recht ein Trust einfach ein Rechtsinstitut ist, dessen Geschichte in der Feudalzeit Englands beginnt, und Briefkastengesellschaften völlig legal überall auf der Welt existieren, auch in der Schweiz.</p>
<p>Früher wäre es einem investigativen Journalisten aufgefallen, dass in allen bisherigen «Leaks» wie auch in den «Panama Papieren» alle üblichen Verdächtigen auftauchen: kleine Inseln in der Karibik und im Pazifik, Panama natürlich, solche Konstrukte verwendende Banken, darunter Schweizer natürlich – <a href="http://www.srf.ch/news/international/augenschein-im-steuerparadies-delaware" target="_blank">aber die grösste Steueroase der Welt, die USA, nicht</a>. Genauso wenig wie England, der weltweit grösste Verkäufer von Briefkastenfirmen und ähnlichen Vehikeln. Ihm wäre auch aufgefallen, dass sich unter den bösen Buben, Geschäftsleuten und PEPs (political exposed persons) – also staatliche Amtsträger – kein einziger US-Parlamentarier oder Geschäftsmann befindet.</p>
<p>Heute genügt es dem modernen Journalisten, dass die «Umgebung» des bösen Buben Putin, ein saudischer Kronprinz, der Ex-Geheimdienstchef von Ruanda und viele «Verwandte und Vertraute von Politikern und hohen Beamten» in den gestohlenen Unterlagen auftauchen. Haben die sich dadurch strafbar gemacht, Dreck am Stecken? Das ist dem modernen Journalisten egal, der sich zum Ankläger und Richter in einer Person aufschwingt.</p>
<p>Früher hätte sich ein investigativer Journalist vertieft mit der Firma beschäftigt, der dieses Datenmeer gestohlen wurde. Die panamaische Kanzlei Mossack Fonseca existiert seit über 40 Jahren und hat sich laut eigenen Angaben darauf spezialisiert, Finanzvehikel herzustellen und sie an Zwischenhändler weiterzuverkaufen, also unabhängige Vermögensverwalter, Finanzinstitute und Banken. Mit der Endverwendung dieser Produkte habe man nichts zu tun, sagt Ramón Fonseca Mora, einer der beiden Gründer, deshalb sei es in der jahrzehntelangen Geschichte der Kanzlei noch nie zu einer einzigen Anklage oder gar Verurteilung gekommen. Es handle sich bei diesem Verbrechen offensichtlich um einen Angriff auf den Finanzplatz Panama.</p>
<p>Heute nimmt das der moderne Journalist nicht wirklich zur Kenntnis, denn Fonseca machte diese <a href="http://www.tvn-2.com/nacionales/Fonseca-Mora-Red-Delitos-Financieros-PanamaPapers_0_4452304801.html" target="_blank">Aussagen auf Spanisch</a>, und wer beherrscht schon diese Sprache. Stattdessen wird das «unauffällige Bürogebäude» in Panama-Stadt von aussen beschrieben, «nichts weist hier auf die illustre Klientel hin, die mithilfe von Mossack Fonseca <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/panama-papers/die-milliardenjongleure-von-panama/story/19051711" target="_blank">offenbar Milliardensummen am Fiskus vorbeischleuste</a>». Man beachte das Wort «offenbar», ein Platzhalter für «völlig beweisfreie Behauptung». Der moderne Journalist stellt lieber genealogische Forschungen an. Der zweite Besitzer heisst Jürgen Mossack, offenbar mit deutschen Wurzeln. Laut ICIJ war dessen Vater «Nationalsozialist und Angehöriger der Waffen-SS». Aha, alles klar: wie der Vater, so der Sohn.</p>
<p>Niemand will behaupten, dass Finanzkonstrukte wie Briefkastenfirmen nicht für alle möglichen Schweinereien, von Steuerhinterziehung bis zu schwerstkriminellen Machenschaften, verwendet werden. Es muss aber festgehalten werden, dass das ICIJ und alle seine Hilfstruppen im Journalismus dem Ruf und der Bedeutung der Vierten Gewalt einen Bärendienst erweisen. Wenn auch die «Panama Papers», wie ihre Vorgänger, nach kurzzeitiger Erregungsbewirtschaftung nicht zu Strafuntersuchungen, Anklagen und Verurteilungen führen, sollte man den Begriff «investigativer Journalismus» dafür nicht mehr verwenden dürfen. Schon alleine aus Respekt vor Lincoln Steffens.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/04/05/die-blinden-flecken-der-panama-papers/">Die blinden Flecken der «Panama Papers»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Warum wollt ihr mein Geld nicht?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/03/18/warum-wollt-ihr-mein-geld-nicht/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Mar 2016 16:26:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Abonnement]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn sich heute jemand bereit zeigt, für Medien Geld auszugeben, dann dürfte man erwarten, dass Verlage diese Kunden entsprechend zuvorkommend behandeln. Doch gefehlt. Erfahrungen bei der Süddeutschen Zeitung, Die Zeit und Tamedia zeigen etwas anderes. Aber es gibt auch Ausnahmen (welche die Regel bestätigen). Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht vierteljährlich eine Auswahl ihrer längeren Artikel als <a href="https://medienwoche.ch/2016/03/18/warum-wollt-ihr-mein-geld-nicht/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn sich heute jemand bereit zeigt, für Medien Geld auszugeben, dann dürfte man erwarten, dass Verlage diese Kunden entsprechend zuvorkommend behandeln. Doch gefehlt. Erfahrungen bei der Süddeutschen Zeitung, Die Zeit und Tamedia zeigen etwas anderes. Aber es gibt auch Ausnahmen (welche die Regel bestätigen).<br />
<span id="more-26995"></span><br />
Die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht vierteljährlich eine Auswahl ihrer längeren Artikel als sogenannte <a href="http://langstrecke.sueddeutsche.de/" target="_blank">«SZ Langstrecke»</a> in Taschenbuchform und digital. Für unregelmässige SZ-Leser das ideale Format: ein Best-of, das Zeitungsartikeln, die den Tag überdauern, ein zweites Leben einhaucht.</p>
<p>Die ersten vier gedruckten Ausgaben fanden ihren Weg problemlos in die Schweiz. 2016 soll das nicht mehr möglich sein. Irgendwo habe ich das aufgeschnappt, aber nicht mehr weiter verfolgt. Bis ich schliesslich Mitte März realisierte, dass die nächste Ausgabe fällig wäre, ich aber keine Post mehr aus München erhielt.</p>
<p>Also E-Mail an den Kundendienst: Liefert ihr die «Langstrecke» wirklich nicht mehr in die Schweiz und wie komme ich an die E-Book-Ausgabe? Einfache Frage, keine Antwort. Auch nach zehn Tagen stellt sich der SZ-Shop in München stumm. Zum Glück gibt es Twitter und die «Langstrecke» hat <a href="https://twitter.com/SZ_Langstrecke" target="_blank">sogar ein eigenes Konto</a>. Also gleiche Frage dort:</p>
<blockquote class="twitter-tweet" data-lang="en">
<p dir="ltr" lang="de">Hallo <a href="https://twitter.com/SZ_Langstrecke">@SZ_Langstrecke</a>, wenns via Mail keine Antwort gibt, dann so: Liefert ihr in die Schweiz? Wenn nicht, wie und wo kriege ich Kindle-Abo?</p>
<p>— Nick Lüthi ✎ (@nick_luethi) <a href="https://twitter.com/nick_luethi/status/709848462020452352">March 15, 2016</a></p></blockquote>
<p><script charset="utf-8" type="text/javascript" src="//platform.twitter.com/widgets.js" async=""></script><br />
Und gleiche Reaktion wie beim Kundendienst: Keine. Möglicherweise lautet die unausgesprochene Botschaft: Macht dich gefälligst selber schlau und stell keine dummen Fragen! Tatsächlich findet sich inzwischen im Online-Bestellprozess ein Hinweis zu Bestellungen aus Österreich und der Schweiz:</p>
<blockquote><p>Wegen uneinheitlicher Versandkosten und Mehrwertsteuerregelungen können diese Bestellungen nicht verarbeitet werden.</p></blockquote>
<p>Und für die Bestellung der gedruckten Ausgabe solle man sich an die Buchhandlung des Vertrauens wenden. Das entspricht durchaus einer Branchenlogik: Zeitung unterstützt Buchhandel oder der Blinde hilft dem Lahmen.</p>
<p><strong> Strategie zur Kundenabwehr</strong><br />
Nicht viel anders als beim Kundendienst der «Süddeutschen Zeitung» ergeht es einem bei der Wochenzeitung «Die Zeit». Simple Fragen bleiben entweder unbeantwortet oder es dauert so lange, bis sich doch noch irgendjemand der Anfrage annimmt, dass sich das Problem in der Zwischenzeit von selbst erledigt hat. Auch das ist natürlich eine Strategie zur Kundenabwehr: Auf den Faktor Zeit setzen und darauf hoffen, dass sich das Problem von selbst erledigt oder der Kunde Wichtigeres zu tun hat.</p>
<p>Nun ist es kein Privileg der Medienbranche, einen Kundendienst anzubieten, der seinen Namen nicht verdient. Das können auch andere ganz schlecht. Gleichwohl irritiert es, wenn ausgerechnet Unternehmen, die mit Kommunikation ihr Geld verdienen den Kundendialog nicht besser beherrschen. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass für sie ein Abonnement mehr oder weniger keine Rolle spielt. Der Geschäftsgang spricht aber eine andere Sprache: Printabos brechen weg und die Bereitschaft, Online für Medien zu zahlen, hält sich in bescheidenen Grenzen.</p>
<p>Darum erstaunt auch die Erfahrung mit einem Probeabonnement einer Tageszeitung des Zürcher Verlagshauses Tamedia. Weder kurz vor, noch nach Ablauf der Zustelldauer meldete sich der Kundendienst und erkundigte sich, ob man an der getesteten Zeitung Gefallen gefunden habe und sich für den Erwerb eines regulären Abonnements entscheiden könne. Solche Ignoranz muss man sich leisten können. Aber Tamedia verdient ja ganz gutes Geld ausserhalb des klassischen Mediengeschäfts.</p>
<p>Vielleicht sind das alles nur Ausnahmen und eine unglückliche Häufung von Zufällen. Schliesslich stützt sich mein Urteil auf gerade mal drei negative Erfahrungen ab. Zu einem vollständigeren Bild zählt darum auch ein positives Beispiel. Vorbildlich verhält sich der Kundendienst der Neue Zürcher Zeitung: schnelle Reaktionszeit, freundliche Ansprache, Kulanz und Kompetenz. Wer sich über die ausgebliebene Zustellung der gedruckten Zeitung beschwert, erhält innert weniger Stunden eine Antwort mit der Zusicherung, das Abonnement um die fehlende Ausgabe zu verlängern. Als ob es für dessen Qualität noch eine Bestätigung bräuchte, trifft im Moment als ich diese Zeilen schreibe, eine Umfrage ein, die sich nach der Zufriedenheit mit dem NZZ-Leserservice erkundigt. Es geht doch.</p>
<p><strong>Nachtrag 24. März:</strong> Irgendwann wurde meine Bitte in München dann doch noch erhört und die aktuelle Ausgabe der «SZ Langstrecke» fand den Weg in die Schweiz. Und sogar ein Abo soll möglich sein. Das klingt gut – oder auch nicht. Denn damit signalisiert der Verlag, dass nur wer hartnäckig genug auf allen Kanälen nachhakt, in den Genuss einer einigermassen unbürokratischen Aboabwicklung kommt. Für alle anderen gilt weiterhin der Weg über die Buchhandlung, die für den Kunden bei der SZ die «Langstrecke» bestellen soll.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/03/18/warum-wollt-ihr-mein-geld-nicht/">Warum wollt ihr mein Geld nicht?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Geballte Wut auf die Medien</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/10/09/geballte-wut-auf-die-medien/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Stefan Winterbauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Oct 2012 13:15:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
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		<category><![CDATA[Bild-Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Miriam Kachelmann]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jörg Kachelmann hat zusammen mit seiner Frau Miriam seine Sicht auf seine Verhaftung und den spektakulären Prozess gegen ihn nach einem Vergewaltigungsvorwurf  aufgearbeitet. Das Buch «Recht und Gerechtigkeit» ist in dieser Woche erschienen. Darin rechnet Kachelmann gnadenlos ab, mit der Justiz, mit der Polizei und nicht zuletzt auch mit Medien und Journalisten. Stefan Winterbauer von meedia.de <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/09/geballte-wut-auf-die-medien/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/09/geballte-wut-auf-die-medien/">Geballte Wut auf die Medien</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Jörg Kachelmann hat zusammen mit seiner Frau Miriam seine Sicht auf seine Verhaftung und den spektakulären Prozess gegen ihn nach einem Vergewaltigungsvorwurf  aufgearbeitet. Das Buch «Recht und Gerechtigkeit» ist in dieser Woche erschienen. Darin rechnet Kachelmann gnadenlos ab, mit der Justiz, mit der Polizei und nicht zuletzt auch mit Medien und Journalisten. Stefan Winterbauer von meedia.de hat die Medienschelte gelesen.<br />
<span id="more-30545"></span><br />
Dass Jörg Kachelmann vor allem der Bild-Zeitung und den Burda-Zeitschriften Bunte und Focus vorhält, eine Vorverurteilungskampagne gegen ihn gefahren zu haben, ist nicht neu. Der Furor und Hass, mit dem er in seinem Buch mit den Medien abrechnet, überrascht dann aber doch an der einen oder anderen Stelle. Bereits auf Seite 48 heisst es: «Der Inhalt der Bild-Zeitung einerseits, der auf Menschenverachtung beruht und diesen Rechtsstaat mit Füssen tritt, und andererseits die Heuchelei der Verlegerin Friede Springer, die ein philanthropes öffentliches Leben vortäuscht, das aber auf dem Kot ihrer Produkte aufgebaut ist: Was für eine Kombination!» Die Bild-Zeitung und ihre Verantwortlichen, so Kachelmann weiter, seien eine «Gefahr für die Demokratie in Deutschland».</p>
<p>Auf Gerichtsreporter ist Kachelmann (bis auf zwei Ausnahmen) nicht gut zusprechen: «Mir scheint, die Medienvertreter vor Gericht sind halt eben die, bei denen die Redaktionen froh sind, wenn sie aus dem Haus sind und keinen grösseren Schaden anrichten.» Kachelmanns kritische Sicht auf den Journalismus begann laut seinen Schilderungen schon lange vor seiner Verhaftung. Auf Seite 48f schreibt er: «Gleichzeitig war die Verachtung für viele Journalisten gewachsen, weil sie auch einfachste Zusammenhänge bei Wettergeschichten entweder nicht korrekt wiedergeben konnten oder wollten &#8211; sogar korrektes Zitieren schien in den letzten Jahren ein Ding der Unmöglichkeit geworden zu sein.»</p>
<p>Später, auf Seite 62, schreibt Kachelmann, dass «jeder Amateurblogger besser recherchieren kann als die Angestellten der so genannten Qualitätszeitungen, geschweige denn die örtlichen Springer-Pressevertreter». Zeitungen und auch TV-Sender hätten während seiner Zeit in U-Haft beispielsweise u.a. angebliche Zellennachbarn interviewt, die gar keine waren. Auch mit der Süddeutschen Zeitung geht Kachelmann hart ins Gericht. Die «vermeintlichen Spitzenrechercheure in der fälschlicherweise als Qualitätszeitung betrachteten Papiersammlung» hätten ungefiltert die Sichtweise der Mannheimer Staatsanwaltschaft übernommen. Kachelmann: «Ich kann nur aus meiner Erfahrung berichten, dass die Geschichten der Süddeutschen in Sachen Seriosität mit dem Elend in Focus, Bild und Bunte gleichzusetzen waren. Es lohnt sich nicht, Geld für solche Blätter auszugeben; Sachen einwickeln kann man auch mit billigeren Zeitungen.» (S.70)<br />
Dass er kurz nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft ein grosses Interview im «Spiegel» gab und ein selbst produziertes Video-Interview ins Internet stellte, bezeichnet Kachelmann in seinem Buch rückblickend als Fehler, bzw. «Gaga-Idee»: «Dass damit nun auch all die anderen, auch die Vorverurteilungsmedien, ein Interview einfach so bekamen, war schlicht blöd.» Kachelmann-Interviews waren bei Medien trotzdem noch begehrt. So dokumentiert er auch E-Mails von Bunte Chefreporterin Tanja May, die mit diversen Ex-Freundinnen von ihm Kontakt aufnahm und ihn auch  selbst für ein Interview anfragte (S.144): «Da mein Kollege und ich bereits so viele ihrer reizenden Frauen kennengelernt haben, würden wir uns sehr gern  auch einmal mit Ihnen unterhalten. Interesse?» Man wird sich bei Bunte wohl gedacht haben, dass sich das «Interesse» in Grenzen hält.</p>
<p>Kachelmann schildert auch eine Begegnung mit dem Bild-Journalisten Martin Heidemanns (S. 205): «Heidemanns machte kein Geheimnis daraus, dass er fast über jeden Promi und Politiker eine volle Schublade hat und dass es kein Zufall ist, wenn ein Star, der bisher eher zurückhaltend in der Öffentlichkeit agiert hat, plötzlich ‘freiwillig’ Heim oder Weinberg herzeigt. Auch, so liess Heidemanns durchblicken, würde man in Zukunft über den Politiker Wulff noch einiges hören.»</p>
<p>Die einzigen beiden Medien, die bei Kachelmann gut wegkommen, sind «Der Spiegel» und «Die Zeit»: «Gisela Friedrichsen vom Spiegel und Sabine Rückert von der Zeit waren die beiden einzigen Gerichtsreporter vor Ort, die diesen Namen verdienten, aber sie repräsentierten Medien, die wegen ihrer wöchentlichen Erscheinungsweise keine laufende Berichterstattung pflegen können.» Die anderen Medienvertreter hätten «mehr oder weniger alle nichts verstanden von dem, was einen deutschen Strafprozess ausmacht.» Und weiter: «Journalismus ist mehr, als dem Knabensopran von Staatsanwalt Oltrogge und andererseits Johann Schwenn zuzuhören, um dann ratlos zusammenzuschwurbeln, dass man nichts genaues wisse und die Wahrheit wohl nie herauskommen werde.»</p>
<p>Kachelmanns Medien-Fazit: «Es ist schwierig, nach alldem das hohlste und dreisteste Blatt zu küren. Burdas Bunte oder Focus, Springers Bild, die Süddeutsche, der Stern, der Tagesspiegel sind sicher die Blindesten unter den Einäugigen, aber wir wollen nicht die staatstreuen Medienhäuser in Baden-Württemberg vergessen, wo noch alles strammsteht, wenn es Obrigkeit gebietet, sei es noch so sinnlos und abseitig.» Mit letzterer Bemerkung meint Kachelmann die Stuttgarter Nachrichten, die in einem Kommentar dem Mannheimer Gericht vorgeworfen hatten, Johann Schwenn zu viele Eskapaden vor Gericht durchgehen zu lassen.</p>
<p>Das Buch der Kachelmanns liefert tatsächlich einige interessante Einblicke in das Innenleben des Skandalprozesses. Kachelmann hätte sich und seiner Sache womöglich einen grösseren Dienst erwiesen, hätte er auf die ständigen Beschimpfungen und Pauschalurteile («Alles Schwachsinn», «Alles Lüge») verzichtet. Das Buch ist dann am besten, wenn ausführlich aus den verschiedenen Gerichtsgutachten zitiert wird. Für eine objektive Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte steckt Jörg Kachelmann einfach zu tief drin.</p>
<p><small><a href="http://meedia.de/print/kachelmanns-geballte-wut-auf-die-medien/2012/10/09.html" target="_blank">Die Medienwoche veröffentlicht diesen Text mit freundlicher Genehmigung von meedia.de</a></small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/10/09/geballte-wut-auf-die-medien/">Geballte Wut auf die Medien</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Schwedenrätsel</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/08/17/schwedenraetsel/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Aug 2012 07:29:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Meier]]></category>
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		<category><![CDATA[Thomas Steinfeld]]></category>
		<category><![CDATA[Frank Schirrmacher]]></category>
		<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Feuilletonzampano schreibt, ein anderer Feuilletonzampano ermorde einen dritten Feuilletonzampano &#8211; in einem noch nicht erschienenen Buch. Man mag es nicht recht glauben, aber so löst man in deutschen Medien eine Grossdebatte aus. Dem Leser wird die übliche Rolle zugewiesen: Dem Bestaunen von selbstgestrickten Skandalen. I, 14. August: Ein Krimi von einem bisher unbekannten schwedischem <a href="https://medienwoche.ch/2012/08/17/schwedenraetsel/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Feuilletonzampano schreibt, ein anderer Feuilletonzampano ermorde einen dritten Feuilletonzampano &#8211; in einem noch nicht erschienenen Buch. Man mag es nicht recht glauben, aber so löst man in deutschen Medien eine Grossdebatte aus. Dem Leser wird die übliche Rolle zugewiesen: Dem Bestaunen von selbstgestrickten Skandalen.<br />
<span id="more-9799"></span><br />
<strong>I, 14. August:</strong><br />
Ein Krimi von einem bisher unbekannten schwedischem Autor wird angekündigt für Ende August. Die Debatte dazu beginnt mit einem <a href="http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article108599900/Vergeltung-Der-grausige-Tod-eines-Grossjournalisten.html">Artikel von Richard Kämmerlings</a>, der wie ein Detektiv verschiedene Indizien ordnet und zu ganz eigenen Schlüssen kommt. Schon die Schlagzeile zeigt an, wie dramatisch alles ist: Rufmord! Vergeltung! Grausiger Tod! Und natürlich: Grossjournalisten! Abgebildet dazu sind die schmallippigen Konterfeis zweier vorgeblich verfeindeter Feuilletonisten: Frank Schirrmacher von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Thomas Steinfeld von der Süddeutschen Zeitung. Der eine soll Mordopfer, der andere Autor des Buchs sein. Dass die Debatte in der sonst gerne rechts liegengelassenen «Welt» beginnt, ist kein Zufall, denn sie ist die Nummer drei nach den zwei Zeitungen, die Partei sind in der Auseinandersetzung. Irgendjemand muss Kämmerlings mit Informationen versorgt haben, nur wer bloss?</p>
<p><strong>II, 14. August:</strong><br />
Christian Meier ist stellvertretender Chefredaktor des Mediendienstes Meedia.de &#8211; und <a href="http://meedia.de/background/meedia-blogs/christian-meier/christian-meier-post/article/der-sturm--ein-romantod-als-racheakt_100041828.html">stellt mit Schrecken fest</a>, dass er den gleichen Namen trägt wie der arme Journalist, der so grausig gemeuchelt wird im «Schlüsselroman»: Christian Meier! Er schreibt: «Der Name des Mordopfers macht mich schon mal nicht besonders glücklich.»</p>
<p><strong>III, 15. August:</strong><br />
Thomas Steinfeld, einer der zwei Feuilleton-Chefs der «Süddeutschen Zeitung», gibt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa <a href="http://www.spiegel.de/kultur/literatur/krimi-affaere-um-frank-schirrmacher-steinfeld-outet-sich-als-sturm-autor-a-850258.html">folgende Erklärung</a> ab: «Hinter dem Autoren-Pseudonym Per Johansson verbirgt sich ein Autoren-Duo, zu dem der Kulturjournalist und Autor Thomas Steinfeld gehört». Nun ja, schon Cäsar beschrieb seine Handlungen in den Büchern über den Gallischen Krieg in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/De_bello_Gallico#Stil_und_Darstellungsabsicht">3. Person</a>, «um den Anschein von Objektivität und Bescheidenheit zu erwecken». Und schon sind wir einen Schritt weiter im gestellten Schwedenrätsel, «sein Mitautor soll dem Verlag S. Fischer zufolge Martin Winkler sein». Doch warum bilden zwei Autoren ein Pseudonym? Es bleibt dramatisch, denn «Spiegel Online» hält die Aufregung mit «Steinfelds Geständnis» hoch: «Frank Schirrmacher als Mordopfer», «Kulturbetrieb in Aufregung», «neue, überraschende Wendung im irrsten Feuilleton-Schauspiel des Sommers».</p>
<p><strong>IV, 15. August:</strong><br />
In einem <a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1840717/">Interview mit Deutschlandradio Kultur</a> streitet Thomas Steinfeld gleichermassen entschieden und entnervt die Unterstellungen, er habe Meier geschrieben und Schirrmacher gemeint, ab: «Das ist doch völliger Blödsinn. (&#8230;) Was für ein Unsinn! (&#8230;) Was ist das für ein Tunnelblick, was ist das für eine radikale Verschwörungsfantasie, [diese Figur] einem Mann zuzuschreiben. Der Mann hat ein Problem, würd ich sagen!» (&#8230;) Deutschlandradio: «Sie würden sagen, sie haben wirklich Schirrmacher nicht im Hinterkopf gehabt, als Sie dieses Buch geschrieben haben?»  &#8211; «Für was für einen Kindskopf halten Sie mich? (&#8230;) Was mich in den vergangen zwei Tagen diese Geschichte schon an Nerven gekostet hat, da bin ich mir gar nicht so sicher, ob ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte, das hätte machen wollen.»</p>
<p><strong>V, 16. August:</strong><br />
«Freitag»-Herausgeber Jakob Augstein <a href="http://www.freitag.de/autoren/jaugstein/wir-toeten-was-wir-lieben">herzt</a> Frank Schirrmacher, das in der realen Welt zum Glück noch lebende «Mordopfer»: «An der wahren Identität des Opfers kann es kaum Zweifel geben: Hier wurde Frank Schirrmacher getötet. Und mehr als das: zerlegt.» «Eine hübsche Sommergeschichte!», frohlockt Augstein, und wirft Pfeilchen gegen Steinfeld: «Ein ‹großartiges intellektuelles Spielzeug› hat Schirrmacher das Feuilleton einmal genannt. Wie sehr müssen ihn all jene dafür hassen, die das Spielen vor langer Zeit verlernt haben.»</p>
<p><strong>VI, 23. August:</strong><br />
Der Roman «Der Sturm» erscheint. Autor: <del datetime="2012-08-16T16:09:51+00:00">Per Johansson</del> Thomas Steinfeld und Martin Winkler. <del datetime="2012-08-16T17:37:15+00:00">Übersetzer: Alexandra Grafenstein.</del> Ab diesem Zeitpunkt werden nun auch die Leser die Möglichkeit haben, sich eine Meinung zu bilden zu all diesen geheimnisumwitterten Fragen. Und ja, vielleicht werden sie dieses Buch kaufen und Thomas Steinfeld wird sich darüber freuen.</p>
<p><strong>VII, möglicherweise in der Zukunft:</strong><br />
Es müsste fast ein Wunder geschehen, wenn nicht in den nächsten Wochen oder Monaten die NZZ auf die Debatte reagiert, mahnend zur Ernsthaftigkeit und gelangweilt natürlich vom oberflächlichen Geplänkel. Roman Bucheli <a href="http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/tant-de-bruit-1.15435544">könnte schreiben</a>: «Vor drei Wochen geschah das Ungeheuerliche: (&#8230;)»</p>
<p><small>Foto: <a href="https://secure.flickr.com/photos/thomasleuthard/4979031586/">CC Flickr/85mm.ch</a></small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/08/17/schwedenraetsel/">Schwedenrätsel</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Schlechter Stil</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/08/02/schlechter-stil/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 02 Aug 2012 08:42:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[René Pfister]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Handwerk]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Heribert Prantl]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Detailreich hat Heribert Prantl in einem Zeitungsartikel eine Szene beschrieben, die er nur vom Hörensagen kannte. Ein Fehler? Prantl, der Journalist gewordene Jurist, meint klar: nein. Das trägt ihm Spott und Häme ein. Es sind Sätze wie diese, die den Eindruck erwecken könnten, dass sich der Journalist tatsächlich in der Küche von Andreas Vosskuhle aufgehalten <a href="https://medienwoche.ch/2012/08/02/schlechter-stil/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" class="alignleft" src="https://medienwoche.ch/wp_live/wp-content/uploads/2012/08/prantl_klein.jpg" alt="" width="120" height="122" /> Detailreich hat Heribert Prantl in einem Zeitungsartikel eine Szene beschrieben, die er nur vom Hörensagen kannte. Ein Fehler? Prantl, der Journalist gewordene Jurist, meint klar: nein. Das trägt ihm Spott und Häme ein.</p>
<p>
<span id="more-30515"></span><br />
Es sind Sätze wie diese, die den Eindruck erwecken könnten, dass sich der Journalist tatsächlich in der Küche von Andreas Vosskuhle aufgehalten hatte: «Bei Vosskuhles setzt man sich nicht an die gedeckte Tafel und wartet, was aufgetragen wird. Eine Einladung bei dem kinderlosen Juristenpaar (&#8230;) beginnt in der Küche.» Doch Prantl war nie Gast beim Präsidenten des deutschen Bundesverfassungsgerichts. Was er schreibt, kennt er nur vom <a href="http://www.fr-online.de/medien/klage-gegen-sueddeutsche-sz-autor-faelscht-vosskuhle-portraet,1473342,16754242.html" target="_blank">Hörensagen</a>. In seinem Porträt vom 10. Juli hat das Prantl das aber nirgends deklariert.</p>
<p>Solche Unterlassung kann mitunter gravierende Folgen haben. Vor einem Jahr musste das «Spiegel»-Reporter René Pfister erfahren. Weil er – ähnlich wie jetzt auch Prantl – den Einstieg zu seinem preisgekrönten Porträt des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer ohne eigenen Augenschein verfasst hatte, wurde ihm der zuvor verliehene Henri-Nannen-Preis für die beste Reportage <a href="http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/in-eigener-sache-unverstaendnis-ueber-aberkennung-des-egon-erwin-kisch-preises-a-761579.html" target="_blank">aberkannt</a>. Ein harter Entscheid, der umso unverständlicher ist, weil die Jury den Text gar nicht in den Wettbewerb hätte aufnehmen müssen, wenn sie so strenge Massstäbe anlegen will.</p>
<p>Die Journalisten Prantl und Pfister haben nicht das Publikum getäuscht mit fabrizierten Fakten und frei erfundenen Begebenheiten. Mit ihren Schilderungen, die auf Beobachtungen Dritter basieren, kommen sie der Realität vielleicht sogar näher, weil sie sich nicht nur und auf ihre eigene subjektive Wahrnehmung abstützen. Die Krux: Je plausibler sich eine solche Schilderung liest, desto stärker geht der Leser von der Anwesenheit des Reporters am Schauplatz aus – und reagiert irritiert bis empört, wenn er das Gegenteil erfährt.</p>
<p>Dessen war sich wohl auch die Redaktion der Süddeutschen Zeitung bewusst. Sie bedauere diesen «Fehler», schreibt die Redaktion. Derweil verteidigt Prantl sein Vorgehen: Aus dem Text gehe hervor, dass er nicht selbst in der Küche des Gerichtspräsidenten anwesend gewesen sei. Schliesslich habe er seine Person an keiner Stelle eingeführt. Das stimmt. Wobei Journalisten grundsätzlich nur ungern in der ersten Person schreiben. Insofern könnte das «man» in Prantls Schilderungen durchaus als Platzhalter für das verpönte «ich» gelesen werden.</p>
<p>Aber ist das ein Fehler? Oder nur schlechter Stil? Gemessen an den öffentlichen Reaktionen muss Prantl etwas ganz Schlimmes gemacht haben. Aus vielen Kommentaren trieft die Schadenfreude nur so. Ätsch-bätsch, jetzt hats ihn erwischt, selber schuld! Oder im O-Ton: «Verdiente Häme für seinen Narzismus.» Dieser Unterton ist auch in der <a href="http://www.welt.de/kultur/article108427979/Auf-ein-Gulasch-mit-Heribert-Prantl.html" target="_blank">satirischen Retourkutsche in der «Welt»</a> nicht zu überlesen, wo der Autor eine Küchenszene im Hause Prantl schildert – vom Hörensagen. Das liest sich lustig, bringt aber die Diskussion nicht weiter. Vielleicht eignet sich der Fall Prantl auch gar nicht, um die einwandfreie Machart der Reportage zu verhandeln, weil die Prominenz des mutmasslichen Missetäters einer sachlichen Debatte im Weg steht.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/08/02/schlechter-stil/">Schlechter Stil</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Leidenschaft statt Larmoyanz</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2012/06/05/leidenschaft-statt-larmoyanz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Jun 2012 13:59:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Heribert Prantl]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Zukunft]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Journalismus hat eine grosse Zukunft vor sich, ist Heribert Prantl überzeugt. Doch steht er sich dabei selbst im Weg, als die grösste Bedrohung für die Pressefreiheit. Der Inlandchef der Süddeutschen Zeitung und frühere Staatsanwalt hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Zeitung der Zukunft – ob sie auf Papier oder im Netz erscheint, ist ihm <a href="https://medienwoche.ch/2012/06/05/leidenschaft-statt-larmoyanz/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" alt="" src="https://medienwoche.ch/wp_live/wp-content/uploads/2012/06/prantl_quadrat.jpg" class="alignleft" width="120" height="120" /> Der Journalismus hat eine grosse Zukunft vor sich, ist Heribert Prantl überzeugt. Doch steht er sich dabei selbst im Weg, als die grösste Bedrohung für die Pressefreiheit. Der Inlandchef der Süddeutschen Zeitung und frühere Staatsanwalt hält ein leidenschaftliches Plädoyer für die Zeitung der Zukunft – ob sie auf Papier oder im Netz erscheint, ist ihm einerlei.<br />
<span id="more-30488"></span><br />
<img fetchpriority="high" decoding="async" alt="" src="https://medienwoche.ch/wp_live/wp-content/uploads/2012/06/prantl_buch.jpg" class="alignright" width="200" height="372" /> Wo «Zukunft des Journalismus» draufsteht, ist oft nur Science-Fiction drin: Fantastische Wunderwelten, viel Technik, schreibende Roboter und künstliche Intelligenz. Wenn Heribert Prantl von der «Zukunft des Journalismus» spricht, dann meint er zuerst die Gegenwart. Drei Vorlesungen, die der Redaktor der Süddeutschen vor einem Jahr an der Uni Wien gehalten hatte, sind nun als Buch erschienen.</p>
<p>Prantls Diagnose liest sich wenig erbaulich. Nicht, weil er schwarzmalt, sondern weil Prantl den Finger dorthin legt, wo es wehtut. Nur: Wer spürt das noch? Eine grössere Bedrohung als staatliche Gängelung, stellten «die geistigen Zwangsjacken» dar, «die sich der Journalismus selbst anzieht.» Die Liste der hausgemachten Hindernisse ist altbekannt, aber deshalb nicht minder aktuell: Vermischung von Journalismus und PR, fehlende Ressourcen, Generalisten ersetzen Spezialisten, Exklusiveritis und Indiskretionsjournalismus.</p>
<p>Damit verspiele der Journalismus den verfassungsmässig garantierten Schutz durch das Grundrecht der Pressefreiheit – und dann «verlieren Zeitungen ihre Zukunft.» Nicht die technologische Entwicklung, nicht das Internet sieht Prantl als Bedrohung für die Zeitung, sondern der Journalismus selbst. Wobei Prantl «Zeitung» nicht als bedrucktes Papier begreift, sondern als Periodikum und publizistische Plattform mit der noblen Aufgabe eine «demokratische Mittlerrolle» zu spielen, unabhängig von seiner physischen Erscheinungsform. Auf die ewige Debatte Papier vs. Online lässt sich Prantl gar nicht erst ein. Er sagt nur: «Es gibt guten und schlechten Journalismus, in allen Medien. So einfach ist das.»</p>
<p>Anders als manche Zeitungsmacher über 50 pflegt Prantl überhaupt ein sehr entspanntes Verhältnis zum Internet, ja sogar Blogs findet er eine ganz gute Sache, da sie dort einspringen können, wo der Journalismus versagt. Bezeichnenderweise nennt er hier aber kein Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum, sondern eines aus den USA: Als die Zeitungen in der Bush-Ära «fast komplett versagt» hätten, seien Blogs «als eine demokratische Not- und Selbsthilfe» eingesprungen.</p>
<p>Für die wirtschaftliche Herausforderung von Medienunternehmen hält Prantl eine simple Regel parat: «Wenn die journalistische Bilanz (..) stimmt, dann stimmt langfristig auch die ökonomische.» Denn Qualität schaffe Vertrauen und damit «kommen auch Klicks, Reichweiten und Auflage.» Doch ganz so einfach verhält es sich mit dem Vertrauen nicht. Ein Teil des verloren gegangenen Vertrauens in die Medien lässt sich nicht mehr zurückgewinnen. Zu Fragen der praktischen Lebensgestaltung hat der Journalismus die Lufthoheit verloren. Welche Musik wir hören, wohin wir in die Ferien verreisen, für solchen Rat vertrauen wir vermehrt online vermittelten «Freunden» und algorithmisch generierten Geschmacksempfehlungen. Dagegen hat selbst der beste und integerste Journalismus einen schweren Stand.</p>
<p>Umso wichtiger, dass der Journalismus in seinen Kerngeschäft, dort wo er «systemrelevant» ist, nicht versagt. Voraussetzung dafür sei Haltung und die Bereitschaft, in einem Kommentar oder Leitartikel Partei zu ergreifen, «nicht für eine politische Partei, sondern für eine Sache.» Das erfordert Sachkunde und die Fähigkeit zu formulieren. Prantl geht hier mit gutem Beispiel voran. Seine Kritik am Journalismus der Gegenwart ist radikal und fundiert, ohne dabei in Larmoyanz oder Kulturpessimismus zu verfallen. Zu fest ist er von der Zukunft des Journalismus überzeugt. Der Optimismus, den er versprüht, wirkt ansteckend und motivierend, was auch der Eloquenz des früheren Staatsanwalts geschuldet ist. Dass es sich beim vorliegenden Bändchen um drei Reden und nicht um eine Schreibe handelt, ist bei der Lektüre nicht zu überhören.</p>
<p><small>Heribert Prantl: Die Welt als Leitartikel: Zur Zukunft des Journalismus. Theodor-Herzl-Vorlesung, Picus Verlag, Wien 2012.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/06/05/leidenschaft-statt-larmoyanz/">Leidenschaft statt Larmoyanz</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Wahlhelfer ohne Mandat</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2011/09/30/wahlhelfer-ohne-mandat/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Torsten Haeffner]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 30 Sep 2011 14:15:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Standpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[SVP]]></category>
		<category><![CDATA[Heribert Prantl]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Tages-Anzeiger]]></category>
		<category><![CDATA[Lukas Reimann]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Knellwolf]]></category>
		<category><![CDATA[Islamismus]]></category>
		<category><![CDATA[Doris Leuthard]]></category>
		<category><![CDATA[Spiegel Online]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Immer mehr Medien definieren ihren Auftrag neu: Sie betreiben politische Beeinflussung statt Informationsvermittlung. Die Journalisten verlassen den Pfad der Berichterstattung und machen aus ihren (partei)politischen Präferenzen keinen Hehl. Aktuelle Beispiele aus der Schweiz und Deutschland. Am 13. September kritisierte Bundesrätin Doris Leuthard die Medien: «… und man erlebt immer wieder, dass Sachverhalte falsch wiedergegeben werden. <a href="https://medienwoche.ch/2011/09/30/wahlhelfer-ohne-mandat/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2011/09/30/wahlhelfer-ohne-mandat/">Wahlhelfer ohne Mandat</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft" src="https://medienwoche.ch/wp_live/wp-content/uploads/2011/09/798_5_Wahlurne.jpg" alt="" width="120" height="114" /> Immer mehr Medien definieren ihren Auftrag neu: Sie betreiben politische Beeinflussung statt Informationsvermittlung. Die Journalisten verlassen den Pfad der Berichterstattung und machen aus ihren (partei)politischen Präferenzen keinen Hehl. Aktuelle Beispiele aus der Schweiz und Deutschland.<br />
<span id="more-28923"></span><br />
Am 13. September kritisierte Bundesrätin Doris Leuthard <a href="http://www.persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=97341&amp;criteria=Leuthard&amp;display_search=true " target="_blank">die Medien</a>: «… und man erlebt immer wieder, dass Sachverhalte falsch wiedergegeben werden. Nicht zuletzt schreiben Journalistinnen und Journalisten voneinander ab, gerade wegen der schnellen Online-Konkurrenz, die vertiefende Recherchen kaum mehr zulässt.»</p>
<p>Die Bundesrätin betreibt, was sie den Journalisten selbst vorwirft: Sie verkürzt. Die qualitative Verluderung vieler Medien mag zwar dem Kosten- oder Zeitdruck geschuldet sein, aber sie kommt manchen Medien durchaus gelegen. Längst machen sie aus der vermeintlichen Not (Kostendruck) eine Tugend und sehen ihr Kerngeschäft nicht mehr in der aufwändigen Vermittlung und Interpretation von Information, sondern in der oft billigen Demagogie und in der Emotionalisierung der Leser. Das bringt Aufmerksamkeit und Klickraten. Die Werbebranche wirds freuen, wie die Medienmacher auch.</p>
<p>Beispiel Weltwoche: In Ausgabe 38 veröffentlichte die Wochenzeitung auf Seite 39 ein Essay von Nikolaus Blome, stellvertretender Bild-Chefredaktor. Titel: «Warum ich die Schweiz hasse» (leider nur <a href=" http://www.weltwoche.ch/weiche/hinweisgesperrt.html?hidID=542668" target="_blank">auszugsweise online</a>). Auf drei Spalten breitet sich Blome aus. Erst mag man angesichts der inhaltlichen wie sprachlichen Provokationen an einen Scherz glauben. Schliesslich aber wird klar, was die Weltwoche mit so einem Beitrag will: den Leser angesichts der dargebotenen deutschen Arroganz das Grausen lehren, damit er im Oktober der rechten Partei seine Stimme gibt. Die Woche zuvor übrigens besorgte dieses Geschäft kein geringerer als der ehemalige bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber.</p>
<p>Beispiel Tages-Anzeiger und «Newsnetz»: Am 26. September publizierte Thomas Knellwolf einen Beitrag mit dem Titel «Reimanns Geheimauftritt bei den Islamophoben». In seinem Artikel versucht der Journalist den SVP-Politiker Lukas Reimann mit allen Tricks und Kniffen in <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Reimanns-Geheimauftritt-bei-den-Islamophoben/story/10598704" target="_blank">die Ecke rechtsradikaler Islamgegner</a> zu stellen. Gleichzeitig unterstellt er ihm, einen Auftritt bei den «Islamophoben» vor einem Jahr verheimlichen zu wollen. Welche Absicht der Tagesanzeiger mit diesem Bericht verfolgt: den Leser aufwiegeln, damit er im Oktober einer Partei links von der Mitte seine Stimme gibt.</p>
<p>Weltwoche und Tages-Anzeiger sind harmlose Demagogen. Wer wissen will, wie richtiger Kampagnenjournalismus funktioniert, muss nur nach Deutschland schauen. Dort zeigen neben «Bild» auch Medien wie «Der Spiegel», dass Journalisten ihre Kernkompetenzen neu definiert haben.</p>
<p>Beispiel «Spiegel Online» SPON: Der Internet-Ableger des Nachrichtenmagazins ist längst zur führenden News-Entertainment- und Kampagnen-Plattform verkommen. Seit Monaten schreiben die Hamburger gegen die auf Bundesebene mitregierende FDP an. Nachdem Westerwelle als Parteivorsitzender zu Fall gebracht wurde, betreiben die Spiegel-Leute hartnäckig auch <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,783054,00.html" target="_blank">dessen Sturz als Aussenminister</a>. Damit die Kampagne nicht abreisst, luden sie gleich auch gegen den kaum ins Amt gewählten neuen FDP-Chef Philipp Rösler die Büchsen. Als dieser sich vor kurzem Denkverbote im Kontext mit der drohenden Griechenland-Insolvenz verbat, wurde er in etlichen SPON-Artikeln regelrecht geschlachtet, währenddessen Wirtschaftsexperten, die sich ähnlich oder gleichlautend wie Rösler äusserten, von SPON wohlwollend zu Super-Experten emporgeschrieben wurden.</p>
<p>«Dürfen Journalisten Politik machen?», lautete die Frage, die Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung», im Medienmagazin <a href="http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/media/prantl121.html" target="_blank">«Zapp» des NDR</a> gestellt bekam. Eine klare Antwort blieb Prantl leider schuldig. Dafür zog der renommiert Journalist gegen seine Kollegen vom Leder und offenbarte, dass da und dort ein eigenartiges Demokratieverständnis herrscht: «Die Online-Dienste hacken über Tage in die gleiche Kerbe und hauen die Kerbe immer tiefer, auch aus Lust am Zuschlagen. Und vielleicht auch deswegen (..), weil das kritische Umgehen mit Personen sehr viel einfacher ist als die kritische Auseinandersetzung mit komplexen Sachthemen. Vielleicht ist es auch ein Stück weit Erholung von den Komplexitäten der Finanzkrise, der Euro-Krise, dass man mal wieder ein klassisches Thema hat, eine Personalie, eine Person, an der man sich mit Lust abarbeiten kann.»</p>
<p>Doch auch Prantl selbst ist nicht davor gefeit, im Trüben zu fischen und zu behaupten, statt zu belegen; etwa in seinem Artikel vom 19. September 2011 <a href="http://www.sueddeutsche.de/politik/union-und-fdp-nach-der-berlin-wahl-gelb-vergilbt-1.1145603" target="_blank">«Gelb vergilbt»</a>, wo er kundtut: «Immer mehr Bürger erwarten daher das Ende dieser Regierung wie ein Weihnachtsfest.» Woher Prantl das weiss, schreibt er nicht.</p>
<p>Man kann, wie Bundesrätin Leuthard dies tut, die «Verarmung der Medienlandschaft» beklagen. Der CVP-Politikerin hätte es indes gut zu Gesicht gestanden, die Dinge gleich beim Namen zu nennen: Nicht die verarmende Medienlandschaft ist das Problem, sondern die Tatsache, dass Journalisten heute mitunter selbst Politik betreiben und politische Prozesse aktiv mitgestalten. Ein Mandat dafür haben sie freilich keines.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2011/09/30/wahlhelfer-ohne-mandat/">Wahlhelfer ohne Mandat</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>«Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2011/03/23/eigentlich-geht-es-den-zeitungen-in-deutschland-prachtig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Mar 2011 11:53:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Köppel]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
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		<category><![CDATA[Thierry Chervel]]></category>
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		<category><![CDATA[Necla Kelek]]></category>
		<category><![CDATA[Journalisten]]></category>
		<category><![CDATA[Perlentaucher]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Für Kulturjournalisten und Feuilletoninteressierte ist der Perlentaucher seit vielen Jahren die Adresse, um sich online zu informieren, was in den Feuilletons der drei oder fünf wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen steht, die man nicht täglich liest. Geschäftsführer des kleinen Berliner Unternehmens ist der 53-jährige Thierry Chervel. Wir haben ihn gefragt, was er selbst am liebsten liest, wie <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/23/eigentlich-geht-es-den-zeitungen-in-deutschland-prachtig/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Für Kulturjournalisten und Feuilletoninteressierte ist der <a href="http://www.perlentaucher.de/">Perlentaucher</a> seit vielen Jahren die Adresse, um sich online zu informieren, was in den Feuilletons der drei oder fünf wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen steht, die man nicht täglich liest.</p>
<p>Geschäftsführer des kleinen Berliner Unternehmens ist der 53-jährige Thierry Chervel. Wir haben ihn gefragt, was er selbst am liebsten liest, wie er die Zeitungsredaktionen einschätzt und was er von Schweizer Medien und Medienschaffenden denkt.</p>
<p><span id="more-28766"></span><em>Die Website Perlentaucher.de gibt es seit 2000, also schon 11 Jahre lang. Wie geht es dem Unternehmen Perlentaucher derzeit?</em><br />
So lala. Wir mussten ja einen Aufruf an die Leser lancieren, weil die Werbesituation im letzten Jahr recht unangenehm war für uns, besonders durch den Verfall der Preise bei der Displaywerbung.</p>
<p><em>Hat das etwas eingebracht?</em><br />
Ja. Nicht nur, dass uns viele, auch Schweizer Leser, sehr motiviert haben, weiterzumachen, sondern auch konkret etwa 22.000 bis 23.000 Euro. Wir haben nun auch einige Leser, die uns regelmässig Geld überweisen, was wir als eine Art informelles Honorar für unsere Leistungen betrachten, die ja kostenlos sind. Wir sind unseren Lesern sehr dankbar und werden dieses Jahr mit Sicherheit durchstehen.</p>
<p><em>Ist es richtig, den Perlentaucher als kleines Familienunternehmen zu bezeichnen?</em><br />
Eigentlich ja, wir sind sozusagen eine Currywurstbude: vier feste Leute, drei in der Redaktion, ein Techniker. Als Geschäftsführer bin ich für die Werbeakquise verantwortlich.</p>
<p><em>Welche Werbekunden hat denn der Perlentaucher?</em><br />
Die wichtigsten Werbekunden sind die klassischen Qualitätsbuchverlage.</p>
<p><em>Wir sind ja zwei der wenigen Frühaufsteher der Branche. Wann geht’s denn los am Morgen?</em><br />
Wir fangen um 7 Uhr an, zu dritt. Zuweilen arbeiten wir abends vor.</p>
<p><em>Welche Perlentaucher-Rubrik wird am meisten gelesen?</em><br />
Das Zentralstück ist schon die <a href="http://www.perlentaucher.de/Feuilletons/aktuell_liste.html">Feuilletonrundschau</a>, auch, weil sie täglich aktuell ist. Wenn wir Artikel von Autoren publizieren, dann wird das auch gut angeklickt. Auch die <a href="http://www.perlentaucher.de/teaserliste/2_Buecher.html">Buchseiten</a> haben gute Zugriffszahlen, das liegt aber auch an den Zugriffen über Suchmaschinen.</p>
<p><em>Lest ihr die Zeitungen im E-Paper oder auf Papier?</em><br />
Die FAZ lesen wir aus Tradition auf Papier, sonst lesen wir PDFs oder E-Paper. Es ist ja ein Irrtum, zu glauben, dass alle Zeitungen komplett im Netz stehen: Nur die taz ist komplett online.</p>
<p><em>Wie geht die Zeitungsauswertung konkret vor sich? Hat jeder seine festen Zeitungen?</em><br />
Feste Zeitungen ja, es kann aber jeder alles. Die Zuteilungen hängen von der Situation ab.</p>
<p><em>Die Feuilleton-Rundschau verweist in den letzten Jahren mehr und mehr auch auf Blogs und andere Online-Quellen. Warum?</em><br />
Die Öffentlichkeit hat sich verändert durch das Internet. Sie hat ihre Kristallisationspunkte verloren, was ja eigentlich begrüssenswert ist. Als Beispiel: Gerhard Schröder hat kürzlich in der «Peiner Allgemeinen Zeitung» ein Interview gegeben, wo er &#8211; vorsichtig gesagt &#8211; den Genozid an den Armeniern etwas milde beurteilt. Auch wenn die Quelle etwas abgelegen ist, wird das dann doch über die sozialen Netzwerke und Blogs weiterverbreitet und findet seinen Widerhall. Früher hätte ja niemand die «Peiner Allgemeine Zeitung» wahrgenommen.</p>
<p><em>Mit dem <a href="http://www.perlentaucher.de/blog/">«Ententeich»</a> hat der Perlentaucher ja seit einiger Zeit auch ein eigenes Blog. Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?</em><br />
Die Erfahrung ist, dass ein Blog Arbeit bedeutet. Trotzdem ist es gut, eines zu haben, weil man, wenn man etwas zu sagen hat, ein Forum hat. Über die Zeit verdichtet sich dann schon was.</p>
<p><em>Du hast einen gut bezahlten und vergleichsweise sicheren Job bei der «Süddeutschen Zeitung» aufgegeben. Hast Du das je bereut?</em><br />
Nein. Insgesamt arbeitete ich fünf Jahre für das Feuilleton der «Süddeutschen Zeitung». Vier Jahre in Paris als Kulturkorrespondent, und dann ein Jahr lang als Feuilletonredakteur im Berliner Büro. Damals gab es eine Berlin-Seite, die wurde später eingestellt.</p>
<p><em>Wie ist der aktuelle Stand im nicht enden wollenden Prozess, der die FAZ und die SZ gegen Euch führt?</em><br />
Die FAZ und die SZ haben uns verklagt wegen den Resümees von Buchkritiken, die wir auf dem Perlentaucher veröffentlichen. Sie behaupten, darin sei zu wenig Eigenes &#8211; und wir bestreiten das. Die Zeitungen wehren sich vor allem dagegen, dass wir diese Notizen an Internetbuchhändler weitervertreiben. Im schlimmsten Fall müssten wir sie aus der Datenbank entfernen.</p>
<p><em>Wie sehr belastet das Euer Unternehmen?</em><br />
Das sind auch jetzt wieder Kosten, die auf uns zukommen. Insgesamt ist das nervend und behindernd. Die FAZ hat parallel uns sowohl juristisch als auch journalistisch attackiert. Wie weit das koordiniert war, kann ich nicht beurteilen. Die SZ hat nur juristisch angegriffen.</p>
<p><em>Was rätst Du Journalisten, die sich selbständig machen möchten?</em><br />
Ich kann nur jedem, der anfängt, raten, sich mit dem Internet auseinander zu setzen. Er sollte sich ein Blog zulegen und sei es, dass er es nur nutzt, um auf seine anderswo erscheinenden Artikel hinzuweisen und eine Kontaktmöglichkeit anzubieten.</p>
<p><em>Wie siehst Du den aktuellen Zustand der Zeitungsredaktionen?</em><br />
Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig. Erst kürzlich war ja zu lesen, dass der Axel-Springer-Verlag 2010 über 500 Millionen Euro Gewinn gemacht hat. Aber klar, die Zeitungen sind immer noch traumatisiert von der Zeitungskrise 2003, die damals zu den ersten grösseren Entlassungen führte. Was gerne vergessen wird: Die grossen Profiteure des New-Economy-Booms waren ja die alten Medien, die sich mit Anzeigen von Internet-Startups dumm und dämlich verdient haben.</p>
<p><em>Und wie steht es mit dem geistigen Zustand?</em><br />
Natürlich sind die deutschen Kulturseiten publizistisch sehr wichtige Produkte und im internationalen Vergleich auch sehr gute. Ich kenne kein anderes Land, in dem so viele Bücher besprochen werden. Gut, die Feuilletons sind nicht mehr zehn oder elf Seiten dick wie in den goldenen Zeiten. Man darf dabei aber auch nicht vergessen, dass Feuilletons noch nie etwas zur wirtschaftlichen Situation einer Zeitung beigetragen haben.</p>
<p>Ein Problem der Redaktionen ist zudem die mangelnde Fluktuation. Auch die Devise, möglichst wenige Leute von aussen schreiben zu lassen, ist inhaltlich kontraproduktiv. Wir mochten die Feuilletons früher vor allem, weil sie Stimmen von aussen zuliessen, also Debattenraum waren.</p>
<p><em>Wie siehst Du die Homogenität in den Redaktionen?</em><br />
In der Islamdebatte gibt es eine grosse Homogenität der kulturellen Öffentlichkeit. Rund 80 Prozent der publizistischen Stimmen stehen auf der Seite der Kritiker der Islamkritik. Immerhin lassen die FAZ und die Zeit und die taz auch Gegenstimmen zu, während die SZ sehr dogmatisch verfestigt ist. Die Debatte zum Islam ist die derzeit wohl kontroverseste. Beim Medienwandel sind die Fronten eher Print gegen Internet.</p>
<p><em>Was sagst Du zur Debatte über Thilo Sarrazin?</em><br />
Ich fühle mich Sarrazin überhaupt nicht nah. Diskurse, die selber wieder kulturalistisch werden, lehne ich ab. Man braucht keinen neuen Populismus, sondern einen neuen Liberalismus. Wir müssen darüber nachdenken, warum es gut ist, in einem säkularen Staat zu leben, warum es ohne Kapitalismus nun mal nicht geht, warum Konsum nicht an sich etwas schlechtes ist. Die Moderne sollte sich gegenseitig befruchten und nicht in ihre kulturalistischen Lager zerfallen. Deswegen lehne ich Sarrazin mit seiner Tendenz zur genetischen Argumentation zutiefst ab.</p>
<p>Allerdings bin ich für weite Grenzen der Meinungsfreiheit und verteidige natürlich Sarrazins Recht, aufzutreten. Es muss in einer freien Öffentlichkeit hart zugehen können und man muss auch mal über die Stränge schlagen dürfen. Sonst ist die Öffentlichkeit nicht frei. Ich selber sympathisiere eher mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Henryk_M._Broder">Broder</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Necla_Kelek">Necla Kelek</a> als mit Sarrazin.</p>
<p><em>Was sind die besten Publikationen im deutschsprachigen Raum? Und weltweit?</em><br />
Die Wirtschaftsseiten der FAZ sind grossartig, das ist mein Lieblingsmedium in Deutschland. International finde ich den Guardian und die New York Times online vorbildlich. Alles in allem kann man sehr froh sein, dass das Internet den Radius erweitert hat.</p>
<p>Auch wenn einige jetzt das Gesicht verziehen werden: Ich finde <a href="http://gawker.com/">Gawker</a> toll, das ist wunderbarer, moderner, frecher, schneller Boulevardjournalismus. Und Technikblogs wie <a href="http://techcrunch.com/">TechCrunch</a>. Ich mag aber auch abseitigeres, wie <a href="http://www.openculture.com/">Open Culture</a> oder <a href="http://www.3quarksdaily.com/">Three Quarks Daily</a>, was übrigens ein wunderbares Blog ist, um Essays zu finden. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ich im Wesentlichen Englischsprachiges empfehle, im deutschsprachigen Bereich findet wenig Innovation statt. Gut, ich könnte sagen, der Spiegel ist ein wichtiges Institut &#8211; aber das hätte ich vor zwanzig Jahren auch schon sagen können.</p>
<p>Man muss wohl inzwischen konstatieren, dass eine Entwicklung, die in den USA stattgefunden hat, in Deutschland offenbar nicht stattfindet. Man sagt ja immer, die Entwicklung komme später, aber es ist in Deutschland keine <a href="http://www.huffingtonpost.com/">Huffington Post</a> entstanden, es gibt kein <a href="http://www.thedailybeast.com/">Daily Beast</a>, kein Gawker, kein Tech Crunch. Das ist schon schade.</p>
<p><em>Was denkst Du denn über deutschsprachige Blogs?</em><br />
Es ist gut, dass es sie gibt. Würde die Debatte über den Medienwandel nur von etablierten Medien bestritten werden, hätte sie eine Schlagseite. <a href="http://carta.info/">Carta</a> hat publizistisch viele Zeichen gesetzt, <a href="http://www.netzpolitik.org/">Netzpolitik</a> ist ein wichtiges Blog, auch das <a href="http://blog.zeit.de/joerglau/">Blog von Jörg Lau</a> find ich gut. <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/">Die Achse des Guten</a> könnte ein Beispiel sein, wie ein politisches Blog aussehen könnte. Schade ist, wie wenige etablierte Journalisten Blogs führen. Die meisten Zeitungsredakteure lassen sich das Internet offensichtlich noch ausdrucken.</p>
<p>Und auch sehr schade ist, dass sich die Blogosphäre so sehr selbstbezüglichen Themen wie dem Medienwandel zuwendet. Ich würde gerne mehr themenspezifische Blogs lesen, zum Beispiel über klassisches Ballett, Theater oder Gesundheitspolitik. Ich glaube, dass jeder, der anfängt, ein Blog zu führen und sich ernsthaft mit einem Thema auseinandersetzt, von den Pressestellen auch wahrgenommen und beliefert wird, also Rezensionsexemplare oder Freikarten bekommt.</p>
<p>Schwieriger ist natürlich, überhaupt Geld zu verdienen. Am ehesten gelingt das wohl, in dem man sich thematisch spezialisiert und bei den Formen diversifiziert. Man sollte sich auch nicht zu schade sein, mal eine Powerpoint-Präsentation zu machen und einen Vortrag oder ein Seminar zu halten. Bei Seminaren werden in der Regel ja immerhin Tagessätze von 600 bis 800 Euro anerkannt. Freie Journalisten dagegen werden bekanntlich äusserst schlecht bezahlt.</p>
<p><em>Was denkst Du von den Schweizer Medien?</em><br />
Die Medienseite der NZZ ist eine der lesenswertesten. Wir mögen die NZZ sowieso gerne, andere Zeitungen beobachten wir nicht so intensiv. Was ich an der NZZ insgesamt schätze, ist ein gewisser Kosmopolitismus. Dieses natürlicherweise nach aussen Geöffnete schätze ich sehr, das haben viele kleinere Länder. Die grösseren Öffentlichkeiten in Europa, also die deutsche oder französische, sind zu stark auf sich selbst bezogen.</p>
<p><em>Welche zeitgenössischen Schweizer Medienschaffenden und Intellektuellen sind relevant?</em><br />
Das ist eine gute Frage. Ich könnte jetzt einige Redakteure der NZZ nennen, die ich gerne lese, aber ich weiss nicht recht. Man darf es ja kaum zugeben, aber ich habe eine gewisse Sympathie für Roger Köppel, allein, weil er die Mohammed-Karikaturen in der Welt abgedruckt hat. Von den anderen Zeitungen hat das ja sonst niemand gemacht.</p>
<p>Die eine Stimme der Schweiz könnte ich jetzt nicht nennen, doch das gilt auch für Deutschland. Wer sind denn heute die grossen Intellektuellen aus Deutschland, auf deren Äusserungen man wartet? Mal abgesehen von den ganzen alten Herren von Grass über Enzensberger bis Habermas, die seit 50 Jahren den Diskurs regieren (und jetzt am Ende doch auch etwas nachlassen)?</p>
<p>Wer ist denn da? Es gibt einige Professoren: Peter von Matt, Herfried Münkler oder Gerhard Schulze. Auch in Frankreich nennt man Leute, die man seit Jahrzehnten kennt, zum Beispiel André Glucksmann oder Alain Badiou. In ganz Europa sind keine repräsentativen Stimmen nachgewachsen. Die letzte Generation der bekannten und wichtigen Intellektuellen ist die 68er-Generation.</p>
<p><em>Kann es objektiven Journalismus geben? Also Journalisten, die es schaffen, ihre Haltung nicht in ihre Stücke zu tragen?</em><br />
Nein. Es muss keine Objektivität geben, sondern Nachvollziehbarkeit der Argumentation, Belegen der Quellen, Fairness, Einbezugnahme der Person. Was heisst schon Objektivität? Ich weiss nicht, ob das ein Kriterium sein kann.</p>
<p><em>In Deutschland gibt es viele Publikationen, die klar linke Positionen einnehmen, zum Beispiel die Taz oder die Jungle World. Welche Publikationen positionieren sich klar rechts, ohne dabei radikal zu sein?</em><br />
Ich wüsste gar nicht, was eigentlich links und rechts ist in diesem Spektrum. Ist die Jungle World eine linke Zeitung, auch wenn sie pro-israelisch ist, was unter vielen Linken ja als unanständig angesehen wird? Mein Eindruck ist: Linke können immer sagen, was links und rechts ist. Ich selber kann das nur schwer sagen. Wahrscheinlich gibt es nur pro- und anti-demokratisch.</p>
<p>Auch wenn die Linken traditionell als säkular und fortschrittlich gelten, stehen sie heute in vielen Punkten für konservative und kulturalistische Positionen ein. Eigentlich gibt es keinen Unterschied mehr zwischen der Linken und der Konservativen. Die Linke ist ein Teil des konservativen Lagers.</p>
<p>Meiner Meinung nach rechts ist zum Beispiel das aktuelle Buch von FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Patrick_Bahners#Die_Panikmacher">«Die Panikmacher &#8211; Die deutsche Angst vor dem Islam»</a>). Darin sind klassisch reaktionäre Positionen zu lesen: Verteidigung von Religion. Lob des Kopftuchs, weil es die Kostbarkeit und Sittlichkeit der Frau ausstellt. Aber auch Sorge um den Status von Religion jenseits von Islam in Deutschland. Festhalten am unklaren Verhältnis zwischen Religion und Staat in Deutschland. Das ist eine klassisch konservative, rechte Position &#8211; und gleichzeitig eine, die heute von den meisten Linken geteilt wird. Es ist kompliziert.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/23/eigentlich-geht-es-den-zeitungen-in-deutschland-prachtig/">«Eigentlich geht es den Zeitungen in Deutschland prächtig»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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