von Ronnie Grob

Schwedenrätsel

Ein Feuilletonzampano schreibt, ein anderer Feuilletonzampano ermorde einen dritten Feuilletonzampano – in einem noch nicht erschienenen Buch. Man mag es nicht recht glauben, aber so löst man in deutschen Medien eine Grossdebatte aus. Dem Leser wird die übliche Rolle zugewiesen: Dem Bestaunen von selbstgestrickten Skandalen.

I, 14. August:
Ein Krimi von einem bisher unbekannten schwedischem Autor wird angekündigt für Ende August. Die Debatte dazu beginnt mit einem Artikel von Richard Kämmerlings, der wie ein Detektiv verschiedene Indizien ordnet und zu ganz eigenen Schlüssen kommt. Schon die Schlagzeile zeigt an, wie dramatisch alles ist: Rufmord! Vergeltung! Grausiger Tod! Und natürlich: Grossjournalisten! Abgebildet dazu sind die schmallippigen Konterfeis zweier vorgeblich verfeindeter Feuilletonisten: Frank Schirrmacher von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Thomas Steinfeld von der Süddeutschen Zeitung. Der eine soll Mordopfer, der andere Autor des Buchs sein. Dass die Debatte in der sonst gerne rechts liegengelassenen «Welt» beginnt, ist kein Zufall, denn sie ist die Nummer drei nach den zwei Zeitungen, die Partei sind in der Auseinandersetzung. Irgendjemand muss Kämmerlings mit Informationen versorgt haben, nur wer bloss?

II, 14. August:
Christian Meier ist stellvertretender Chefredaktor des Mediendienstes Meedia.de – und stellt mit Schrecken fest, dass er den gleichen Namen trägt wie der arme Journalist, der so grausig gemeuchelt wird im «Schlüsselroman»: Christian Meier! Er schreibt: «Der Name des Mordopfers macht mich schon mal nicht besonders glücklich.»

III, 15. August:
Thomas Steinfeld, einer der zwei Feuilleton-Chefs der «Süddeutschen Zeitung», gibt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa folgende Erklärung ab: «Hinter dem Autoren-Pseudonym Per Johansson verbirgt sich ein Autoren-Duo, zu dem der Kulturjournalist und Autor Thomas Steinfeld gehört». Nun ja, schon Cäsar beschrieb seine Handlungen in den Büchern über den Gallischen Krieg in der 3. Person, «um den Anschein von Objektivität und Bescheidenheit zu erwecken». Und schon sind wir einen Schritt weiter im gestellten Schwedenrätsel, «sein Mitautor soll dem Verlag S. Fischer zufolge Martin Winkler sein». Doch warum bilden zwei Autoren ein Pseudonym? Es bleibt dramatisch, denn «Spiegel Online» hält die Aufregung mit «Steinfelds Geständnis» hoch: «Frank Schirrmacher als Mordopfer», «Kulturbetrieb in Aufregung», «neue, überraschende Wendung im irrsten Feuilleton-Schauspiel des Sommers».

IV, 15. August:
In einem Interview mit Deutschlandradio Kultur streitet Thomas Steinfeld gleichermassen entschieden und entnervt die Unterstellungen, er habe Meier geschrieben und Schirrmacher gemeint, ab: «Das ist doch völliger Blödsinn. (…) Was für ein Unsinn! (…) Was ist das für ein Tunnelblick, was ist das für eine radikale Verschwörungsfantasie, [diese Figur] einem Mann zuzuschreiben. Der Mann hat ein Problem, würd ich sagen!» (…) Deutschlandradio: «Sie würden sagen, sie haben wirklich Schirrmacher nicht im Hinterkopf gehabt, als Sie dieses Buch geschrieben haben?» – «Für was für einen Kindskopf halten Sie mich? (…) Was mich in den vergangen zwei Tagen diese Geschichte schon an Nerven gekostet hat, da bin ich mir gar nicht so sicher, ob ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte, das hätte machen wollen.»

V, 16. August:
«Freitag»-Herausgeber Jakob Augstein herzt Frank Schirrmacher, das in der realen Welt zum Glück noch lebende «Mordopfer»: «An der wahren Identität des Opfers kann es kaum Zweifel geben: Hier wurde Frank Schirrmacher getötet. Und mehr als das: zerlegt.» «Eine hübsche Sommergeschichte!», frohlockt Augstein, und wirft Pfeilchen gegen Steinfeld: «Ein ‹großartiges intellektuelles Spielzeug› hat Schirrmacher das Feuilleton einmal genannt. Wie sehr müssen ihn all jene dafür hassen, die das Spielen vor langer Zeit verlernt haben.»

VI, 23. August:
Der Roman «Der Sturm» erscheint. Autor: Per Johansson Thomas Steinfeld und Martin Winkler. Übersetzer: Alexandra Grafenstein. Ab diesem Zeitpunkt werden nun auch die Leser die Möglichkeit haben, sich eine Meinung zu bilden zu all diesen geheimnisumwitterten Fragen. Und ja, vielleicht werden sie dieses Buch kaufen und Thomas Steinfeld wird sich darüber freuen.

VII, möglicherweise in der Zukunft:
Es müsste fast ein Wunder geschehen, wenn nicht in den nächsten Wochen oder Monaten die NZZ auf die Debatte reagiert, mahnend zur Ernsthaftigkeit und gelangweilt natürlich vom oberflächlichen Geplänkel. Roman Bucheli könnte schreiben: «Vor drei Wochen geschah das Ungeheuerliche: (…)»

Foto: CC Flickr/85mm.ch

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Leserbeiträge

Fred David 20. August 2012, 18:01

Der Witz am Ganzen: Es ist eine gelungene Verkaufsstrategie zu einem noch gar nicht erschienen Buch. Insofern geht die Rechnung wohl auf. Für die Medien, die hinterher stapfen – bis zu newsnet – wohl nicht. Da schreibt einfach mal wieder einer dem andern nach und ab.

Ich denke, Leser, wenn sie es denn überhaupt zur Kenntnis nehmen, schlürfen sowas als leichten, Sommerdrink mit fadem Abgang – und vergessen es sofort wieder. Deutsche Feilletons darf man nicht so Ernst nehmen, wie sie sich selber sehen: Viel Quirl, und manchmal ist das ja auch amüsant zu lesen, denn bunte Wortgirlanden kleben können sie wirklich, und das mit erstaunlicher Beflissenheit.

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