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	<title>Framing | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Schiefer Rahmen: Medien diskutieren lieber über Tierversuche als über Medikamentenverbot</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/02/02/schiefer-rahmen-medien-diskutieren-lieber-ueber-tierversuche-als-ueber-medikamentenverbot/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Servan Grüninger]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 02 Feb 2022 08:04:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Framing]]></category>
		<category><![CDATA[Tierversuche]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die bisherige Berichterstattung zur Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot», über die am 13. Februar 2022 abgestimmt wird, ist krass irreführend. Eine Annahme der Vorlage brächte mit einem Medikamentenverbot Menschenleben in Gefahr, doch die Medien diskutieren lieber über Tierversuche. Analyse eines Medienversagens. Der Autor ist Präsident von «Reatch! Research. Think. Change.», einer Ideenschmiede für Wissenschaft, <a href="https://medienwoche.ch/2022/02/02/schiefer-rahmen-medien-diskutieren-lieber-ueber-tierversuche-als-ueber-medikamentenverbot/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die bisherige Berichterstattung zur Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot», über die am 13. Februar 2022 abgestimmt wird, ist krass irreführend. Eine Annahme der Vorlage brächte mit einem Medikamentenverbot Menschenleben in Gefahr, doch die Medien diskutieren lieber über Tierversuche. Analyse eines Medienversagens.</strong><br />
<a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/MW-Tierversuche-Medikamentenverbot-20220102.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-94508 size-large" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/MW-Tierversuche-Medikamentenverbot-20220102-1024x686.jpg" alt="" width="1024" height="686" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/MW-Tierversuche-Medikamentenverbot-20220102-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/MW-Tierversuche-Medikamentenverbot-20220102-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/MW-Tierversuche-Medikamentenverbot-20220102-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/MW-Tierversuche-Medikamentenverbot-20220102-470x315.jpg 470w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/MW-Tierversuche-Medikamentenverbot-20220102.jpg 1456w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /></a></p>
<p><small><em>Der Autor ist Präsident von «Reatch! Research. Think. Change.», einer Ideenschmiede für Wissenschaft, Technik und Gesellschaft. Reatch engagiert sich im Abstimmungskampf gegen die Initiative für ein Mensch- und Tierversuchsverbot.</em></small></p>
<p>Eine Volksinitiative verlangt, dass Schmerztabletten wie Aspirin und Paracetamol verboten werden. Auch Impfungen und Antibiotika sollen mehrheitlich vom Markt verschwinden. Und wer ein Arzneimittel gegen Diabetes, Herzinfarkt oder Krebs braucht, würde in Schweizer Spitälern und Arztpraxen künftig nicht mehr fündig werden. Die Initiative würde auch viele biologische Feld- und Beobachtungsstudien verbieten, die Ausbildung von Veterinärmediziner:innen erschweren und zahlreiche Projekte in Ökonomie, Sportwissenschaften oder Psychologie verhindern. Faktisch unmöglich würde auch Forschung am Menschen in der Medizin – egal ob klinische Forschung für die Entwicklung von neuen Medikamenten oder nicht-invasive Grundlagenforschung, um den menschlichen Körper zu entschlüsseln.<br />
</p>
<p>Die Rede ist von der Vorlage, die landauf landab unter dem Namen «Tierversuchsverbotsinitiative» bekannt ist. Viele wird das überraschen, denn das Verbot von Humanforschung und Arzneimitteln, das die Initiant:innen in die Verfassung schreiben möchten, ist in den meisten Medienberichten – wenn überhaupt – nur in einem Nebensatz erwähnt. Man stelle sich vor, eine Initiative würde fordern, der Schweiz den Strom abzustellen, und die Medien würden bloss die Frage behandeln, ob man Wasserkraftwerke brauche. Das wäre so absurd wie irreführend, doch genau das geschieht gegenwärtig bei der Berichterstattung zur Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot». Die mediale Verzerrung der Sachlage hat ein derart beängstigendes Ausmass angenommen, dass viele Stimmbürger:innen im Glauben an die Urne gehen werden, sie würden ausschliesslich über ein Verbot von Tierversuchen abstimmen.</p>
<p>Nun ist «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot – Ja zu Forschungswegen mit Impulsen für Sicherheit und Fortschritt», wie die <a href="https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/abstimmungen/20220213/volksinitiative-ja-zum-tier-und-menschenversuchsverbot.html" target="_blank" rel="noopener">Initiative</a> mit vollständigem Namen heisst, zugegebenermassen ein Zungenbrecher. Den Medienschaffenden sei deshalb verziehen, dass sie einen knackigen Titel bevorzugen. Dennoch ist die inhaltliche Fixierung auf Tierversuche sachlich kaum zu begründen.</p>
<blockquote><p>Wesentliche Aspekte der Initiative blenden Medien schlicht aus. Der Rahmen, das «Framing», der Medien, ist irreführend eng und hängt gefährlich schief.</p></blockquote>
<p>Schon vor zwei Jahren hatte ich an dieser und anderer Stelle kritisiert, dass die Initiative in den Medien massiv verharmlost wird. Ein Verbot von Tierversuchen hätte zwar auch existenzbedrohende Konsequenzen für die biomedizinische Forschung, die Tiermedizin und die pharmazeutische Industrie. Doch der Schaden, den ein solches Verbot anrichten würde, wäre nichts im Vergleich zu den Auswirkungen, die das Verbot von Humanforschung und Arzneimitteln hätten: Die medizinische Grundversorgung in der Schweiz bräche zusammen. Unzählige Patient:innen verlören den Zugang zu überlebenswichtigen Medikamenten. Menschen würden sterben.</p>
<p>Manch einer wird dies als polemischen Angriff eines Forschenden im Abstimmungskampf wegwischen. Als Biostatistiker arbeite ich schliesslich in einem Bereich der Forschung, der direkt von der Initiative betroffen wäre. Ebenso bringe ich mich gemeinsam mit anderen jungen Forschenden aktiv in die <a href="https://reatch.ch/events/wirschaffenwissen" target="_blank" rel="noopener">Abstimmungsdiskussion</a> ein. Ich bin also offensichtlich Partei in dieser Sache.</p>
<blockquote><p>Es ist nachvollziehbar, wenn Medienschaffende vor allem über das Verbot von Tierversuchen berichten. Aber abgestimmt wird über eine Initiative, die viel weiter geht.</p></blockquote>
<p>Ich werfe den Medienschaffenden jedoch nicht vor, dass sie Tierversuche thematisieren – im Gegenteil: Ich finde es richtig und wichtig, dass die damit zusammenhängenden Fragen diskutiert werden und beteilige mich schon seit fast einem Jahrzehnt an solchen Debatten. Ebenso erachte ich die gegenwärtige Berichterstattung darüber als ausgewogen und fair. Ich kritisiere vielmehr, dass wesentliche Aspekte der Initiative von Journalist:innen totgeschwiegen werden. Der Rahmen, das «Framing», der Medien, ist irreführend eng und hängt gefährlich schief – und für die Print- und Onlinemedien kann ich es auch systematisch belegen.</p>
<p>&#8212;<br />
							<h3 style="margin-bottom:20px;display:block;width:100%;margin-top:10px">Auswertung der Berichterstattung </h3>
						<style>
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									Menschenversuchs- und Medizinverbot spielen kaum eine Rolle								</span>
							</a>
						  </h4>
						</div>
						<div id="ac_94510_collapse1" class="wpsm_panel-collapse collapse "  >
						  <div class="wpsm_panel-body">
							Insgesamt 249 Originalpublikationen sind zwischen dem 27. November und 28. Januar 2022 im Zusammenhang mit der Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» erschienen und in der Schweizer Mediendatenbank gespeichert worden. Von den 122 Artikeln, die sich spezifisch um die Initiative oder die davon angestossenen Themen drehen, legen 102 den Fokus auf das Thema Tierversuche – das entspricht einem Anteil von knapp 85%. 17 Artikel fokussierten primär auf das Verbot von Medikamenten und lediglich 2 Artikel machen das Verbot von Menschenversuchen zum Schwerpunktthema.

Wenn man die Auswahl auf diejenigen Texte beschränkt, bei denen die Journalist:innen eine grosse Kontrolle über das gewählte Framing haben, akzentuieren sich die Unterschiede: Von den 77 Artikeln, die in diese Kategorie fallen, fokussieren knapp 90% auf Tierversuche. Dem Medikamentenverbot und dem Menschenversuchsverbot widmen sich lediglich 6 bzw. 2 Texte schwerpunktmässig. Zum Vergleich: Von den 23 Artikeln, die aus Medienmitteilungen oder von Pressekonferenzen von Befürwortern und Gegnern der Initiative entstanden sind, legen bloss 60% den Schwerpunkt auf das Thema Tierversuche. Die Medienschaffenden geben dem Thema also beträchtlich mehr Gewicht in der Berichterstattung.

Auch ein Blick darauf, wie oft Tierversuchs-, Menschenversuchs- und Medikamentenverbot in Titeln und Texten vorkommen bzw. darin ausführlich behandelt werden, ist aufschlussreich (siehe Grafik 1). Über alle 249 Texte gesehen werden «Tierversuche» oder «Tierversuchsverbot» in allen Texten mindestens einmal erwähnt und kommen in den meisten Titeln vor. Das «Menschenversuchsverbot» taucht demgegenüber fast nie in einem Tiel und auch nur in zwei Dritteln der Texte auf, wobei ein wesentlicher Teil der Erwähnungen auf den Titel der Initiative zurückzuführen ist. Und: Es bleibt meist bei der blossen Erwähnung: Das Menschenversuchsverbot ist kaum je ein Thema in einem Text. Ähnlich sieht es beim Verbot von Medikamenten aus: Im Titel praktisch inexistent, wird es bloss in der Hälfte der Texte erwähnt und ist in weniger als einem Viertel der Texte ein Thema.

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Schränkt man die Analyse auf diejenigen Texte ein, welche sich ausschliesslich um die Initiative und die davon angestossenen Diskussionen drehen, bestätigt sich das Bild. Zwar kommen nun Menschenversuchs- und Medizinverbot in einem grösseren Teil der Texte vor, doch das Missverhältnis verstärkt sich mit Blick auf Titel und Themensetzung: Der Fokus liegt ganz klar auf den Tierversuchen, der Rest ist nebensächlich. Zudem zeigt sich auch hier, dass Journalist:innen selber für das verzerrende Framing sorgen: Menschenversuche und Medikamentenverbot werden in eigenständigen journalistischen Arbeiten seltener erwähnt als in Texten basierend auf Medienmitteilungen und Pressekonferenzen und werden auch viel weniger oft thematisiert (siehe Grafik 2 und 3).

<a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/2_EigTexte.png" data-rel="lightbox-image-2" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img decoding="async" class="alignnone wp-image-94513 size-full" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/2_EigTexte.png" alt="" width="1000" height="500" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/2_EigTexte.png 1000w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/2_EigTexte-300x150.png 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/02/2_EigTexte-768x384.png 768w" sizes="(max-width: 1000px) 100vw, 1000px" /></a>

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<strong>Der Ablauf der Auswertung im Detail</strong>

Ich habe 833 Artikeln untersucht, die zwischen dem 27. November 2021 und dem 28. Januar 2022 in Online- und Printmedien erschienen und in der Schweizer Mediendatenbank SMD untersucht. Die Artikel mussten einen der Begriffe «Tierversuch», «Menschenversuch», «Medikament» oder «Humanforschung» und gleichzeitig einen der beiden Begriffe «Initiative» oder «Abstimmung» in einer der drei Sprachen Deutsch, Französisch oder Italienisch enthalten, um in der Auswahl zu landen. Verwandte Begriffe wurden ebenfalls mitgesucht.

226 Artikel waren falsch positive Ergebnisse, die zwar die Suchbegriffe enthielten, aber nichts mit der kommenden Abstimmung zu tun hatten. Diese habe bei der Analyse ebenso unberücksichtigt gelassen wie die die 31 Suchergebnisse mit Leserbriefen.

Von den verbleibenden 576 Artikeln handelte es sich bei über der Hälfte der Artikel um vollständig oder überwiegend inhaltsgleiche Mehrfachpublikationen. Diese kamen beispielsweise zustande, weil derselbe Artikel sowohl in einer Online- wie auch in einer Printversion veröffentlicht worden war; weil derselbe Artikel in mehreren verschiedenen Zeitungen oder in mehreren Sprachen erschienen war; oder weil verschiedene Zeitungen dieselben Agenturmeldungen oder Medienmitteilung weitgehend unverändert übernommen hatten. Schon in dieser Hinsicht ist die Berichterstattung nicht gerade ein Paradebeispiel für Vielfalt.

Übrig blieben 249 Artikel, die ich als Originaltexte gewertet hatte. Diese habe ich in fünf Kategorien unterteilt:
<ul>
 	<li>• Eigenständige journalistische Texte, zum Beispiel Interviews, Porträts, Hintergrundanalysen (114 Artikel).</li>
 	<li>• Vorschau- und Teasertexte, d.h. Texte, die keinen eigenständigen Inhalt darstellen, sondern auf diesen verwiesen. In den meisten Fällen handelt es sich um Texte, welche zum Teilnehmen an Abstimmungsvorlagen aufrufen (20 Texte).</li>
 	<li>• Kommentare, sowohl von Journalist:innen wie auch von Gastautor:innen (23 Texte).</li>
 	<li>• Parteiparolen, d.h. Berichte über Beschlussfassungenvon Parteien (60 Artikel)</li>
 	<li>• Berichte über Pressekonferenzen und Medienmitteilungen (32 Texte)</li>
</ul>
Die Idee dahinter war, besser zwischen Texten unterscheiden zu können, bei den die Journalist:innen eine grosse Kontrolle über das Framing hatten (eigenständige journalistische Erzeugnisse &amp; Vorschautexte), und Texten, bei denen das Framing stärker vorgegeben waren (Parteiparolen und Berichte über Pressekonferenz und Medienmitteilungen). Die Kategorie «Kommentare» nimmt in dieser Hinsicht eine Sonderposition ein, weil darin sowohl Kommentare von Journalist:innen wie auch von Gastautor:innen enthalten waren. In einer vertieften Analyse liesse sich das noch feiner unterscheiden.

Basierend auf dem Inhalt habe ich jedem Text einen von fünf Schwerpunkten zugewiesen:
<ul>
 	<li>• Tierversuchsverbot/Tierversuche (102 Artikel)</li>
 	<li>• Menschenversuchsverbot/Menschenversuche (17 Artikel)</li>
 	<li>• Medikamentenverbot/Medikamentenentwicklung (2 Artikel)</li>
 	<li>• Abstimmungen Allgemein (110 Artikel)</li>
 	<li>• Anderes (18 Artikel)</li>
</ul>
Texte, deren Schwerpunkt «Abstimmungen Allgemein» oder «Anderes» ist (128), habe ich gesondert analysiert von jenen Texten, welche sich spezifisch um die Initiative bzw. eines der drei Initiativthemen drehten (121 Artikel). Bei allen Texten habe ich untersucht, ob die drei von der Initiative geforderten Verbote («Tierversuchsverbot», «Menschenversuchsverbot», «Medikamentenverbot») bzw. die damit zusammenhängenden Themen («Tierversuche», «Menschenversuche», «Medikamentenentwicklung») im Titel und im Text erwähnt wurden, wobei auch verwandte Begriffe zählten (beispielsweise «Forschung am Menschen» anstelle von «Menschenversuche»). Auch das Nennen des Namens der Initiative zählte als Erwähnung, sodass «Ja zum Menschen- und Tierversuchsverbot» sowohl als Erwähnung des Tierversuchsverbots wie auch des Menschenversuchsverbots gewertet wurde. Ebenso habe es als Erwähnung von «Medizinverbot» gezählt, wenn ein Artikel erwähnte, dass «Produkte» verboten werden sollen. Bei Texten, denen es um alle vier Abstimmungsvorlagen ging, habe ich auch eine Nennung im Zwischentitel als Titelnennung gezählt.

Schliesslich habe ich die Texte danach untersucht, ob die drei Verbote bzw. Themen nicht nur erwähnt werden, sondern ob es im Text in irgendeiner Weise zusätzliche Informationen oder eine Auseinandersetzung damit gibt. Die Schwelle dafür habe ich bewusst sehr tief angesetzt. Schon einen zusätzlichen erläuternden Satz habe ich gelten lassen. Alle Texte sowie die Rohdaten der Kategorisierung finden sich <a href="https://drive.google.com/drive/folders/1_7MBv_DqsbHlSP-ljQUVfZevHbd7TLm7" target="_blank" rel="noopener">unter diesem Link</a>.						  </div>
						</div>
					</div>
					<!-- Inner panel End -->
					
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</script>	<br />
Das Hauptanliegen der Initiant:innen ist das Verbot von Tierversuchen. Deutlich wird das nicht nur beim Betrachten ihrer Webseite, sondern auch beim Lesen, Hören und Schauen ihrer Voten in den Medien. Auch die Gegenseite verwendet deshalb viel Zeit und Energie darauf, die Relevanz und Notwendigkeit von Tierversuchen aufzuzeigen. Es ist also nachvollziehbar, dass Medienschaffende diesem Aspekt der Initiative einen wesentlichen Teil der Berichterstattung widmen.</p>
<blockquote><p>Überall auf der Welt wird mit Mensch und Tier geforscht, um neue Therapien zu entwickeln, und auch für die Marktzulassung sind Versuche an Mensch und Tier zwingend vorgeschrieben.</p></blockquote>
<p>Abgestimmt wird jedoch nicht über die Motivation der Initiant:innen, sondern über den Initiativtext. Und dieser enthält auch die Forderung, Menschenversuche und Arzneimittel zu verbieten. Das ist keine Frage der Auslegung, das steht schwarz auf weiss im <a href="https://www.bk.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis477t.html" target="_blank" rel="noopener">Initiativtext</a>: «Tierversuche und Menschenversuche sind verboten». Und weiter: «Handel, Einfuhr und Ausfuhr von Produkten aller Branchen und Arten sind verboten, wenn für sie weiterhin Tierversuche direkt oder indirekt durchgeführt werden.» Das gilt auch für Versuche am Menschen, denn die Initiative hält ebenso fest: «Dies und alles Nachfolgende gelten sinngemäss für Tier- und Menschenversuche».</p>
<p>Wenn also in den USA eine neue Therapie gegen Darmkrebs entwickelt wird oder europäische Forschende neue Antibiotika entdecken, wären die Patient:innen in der Schweiz davon ausgeschlossen – zumindest jene, die sich keine Behandlung im Ausland leisten können. Denn überall auf der Welt wird mit Mensch und Tier geforscht, um neue Therapien zu entwickeln, und auch für die Marktzulassung sind Versuche an Mensch und Tier zwingend vorgeschrieben.</p>
<p>Man könnte nun einwenden, dass bereits zugelassene Arzneimittel doch ausreichen würden, um die Gesundheitsversorgung sicherzustellen. Abgesehen davon, dass dieser Einwand die über 500’000 Menschen <a href="https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/krankheiten-im-ueberblick/viele-seltene-krankheiten.html" target="_blank" rel="noopener">mit seltenen Krankheiten</a> sowie die über zwei Millionen Menschen <a href="https://www.obsan.admin.ch/sites/default/files/obsan_bulletin_2016-09_d_0.pdf" target="_blank" rel="noopener">mit bis anhin unheilbaren Gebrechen</a> ausblendet, ist er auch für den Rest der Bevölkerung faktisch falsch – und zwar aus zwei Gründen.</p>
<blockquote><p>Mit der Ausnahme einer kleinen Handvoll von Artikeln legten alle journalistisch eigenständigen Texte den Schwerpunkt auf das Tierversuchsverbot.</p></blockquote>
<p>Erstens gleicht das Entwickeln von Arzneimitteln einem «Wettrüsten», vor allem bei infektiösen Erregern. Ob Viren, Bakterien oder andere Mikroorganismen: Wegen Mutationen im Erbgut dieser Erreger können bestehende Arzneimittel über die Zeit hinweg ihre Wirksamkeit verlieren. Exemplarisch zeigt sich das an den kontinuierlich mutierenden Grippe- und Coronaviren und vor allem am besorgniserregenden Anstieg von Antibiotikaresistenzen bei einer Vielzahl von Bakterien. Ohne Zugang zu neuen Arzneimitteln wären Schweizer Patient:innen solchen Erregern künftig schutzlos ausgeliefert.</p>
<p>&#8212;<br />
							<h3 style="margin-bottom:20px;display:block;width:100%;margin-top:10px">Ein Rennen gegen die Zeit </h3>
						<style>
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									Warum heutige Antibiotika ohne zusätzlich Forschung ihre Wirkung verlieren								</span>
							</a>
						  </h4>
						</div>
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							<p>Multiresistente Keime, also Bakterien, die gegen eine Vielzahl von Antibiotika resistent sind, stellen eine enorme Bedrohung für einzelne Patient:innen und für das Gesundheitssystem als Ganzes dar. Eine <a href="https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0140673621027240" rel="noopener" target="_blank">systematische Analyse</a> schätzte jüngst, dass 2019 weltweit zwischen 900’000 und 1.8 Millionen Menschen an multiresistenten Bakterien gestorben sind – das sind mehr Todesfälle als beispielsweise AIDS oder Malaria verursachen. Aus diesem Grund werden weltweit sogenannte «Reserveantibiotika» gehütet, welche nur dann bei einem Patienten zum Einsatz kommen, wenn die normalerweise eingesetzten Medikamente nicht mehr anschlagen – die Weltgesundheitsorganisation unterhält dafür eigens <a href="https://www.who.int/groups/expert-committee-on-selection-and-use-of-essential-medicines/essential-medicines-lists" rel="noopener" target="_blank">eine Liste</a>. So soll verhindert werden, dass diese Reserveantibiotika allzu schnell ihre Wirkung verlieren. Doch das ist ein Rennen gegen die Zeit, denn die Erreger hören nicht auf zu mutieren und dadurch Resistenzen zu erwerben.</p>

<p>Es braucht also kontinuierliche Anstrengungen, auch in Form von Forschung und Entwicklung an <a href="https://reatch.ch/topics/tierversuche-in-der-schweiz-faq" rel="noopener" target="_blank">Tier</a> und <a href="https://reatch.ch/publikationen/wie-l%C3%A4uft-die-entwicklung-eines-arzneimittels-bei-menschen-ab" rel="noopener" target="_blank">Mensch</a>, um neue Therapien gegen bakterielle Infektionen zu finden. Laut Initiativtext würden Schweizer Patient:innen aber genau von diesen künftig entwickelten Antibiotika ausgeschlossen werden und wären multiresistenten Keimen damit schutzlos ausgeliefert.</p>						  </div>
						</div>
					</div>
					<!-- Inner panel End -->
					
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</script>	<br />
Zweitens will die Initiative explizit auch <a href="https://reatch.ch/publikationen/wieso-gef%C3%A4hrdet-die-initiative-ja-zum-tier--und-menschenversuchsverbot-die-medizinische-versorgungssicherheit" target="_blank" rel="noopener">bereits zugelassene Medikamente verbieten</a>. Zwar steht im Text, dass «bisherige Produkte vom Verbot ausgenommen [blieben], wenn für sie keinerlei Tierversuche mehr direkt oder indirekt durchgeführt» würden, wobei die Passage sinngemäss auch für Menschenversuche gilt. Doch diese Einschränkung könnte die wenigsten Arzneimittel vor einem Verbot bewahren, da auch Wirkstoffe, die bereits seit Jahrzehnten auf dem Markt sind, weiterhin an Mensch und Tier erforscht werden. Das ist beispielsweise dann nötig, wenn man die Wirkung eines bestimmten Medikaments auf eine andere Krankheit testen möchte. Ob rezeptfreie Kopfschmerztabletten wie Aspirin oder Paracetamol oder potente Medikamente gegen Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebs: Gemäss Initiativtext müssten sie verboten werden, sobald sie irgendwo auf der Welt in einem Versuch mit Mensch oder Tier eingesetzt werden – und das geschieht bei der Mehrheit der Medikamente irgendwann einmal.</p>
<p>&#8212;<br />
							<h3 style="margin-bottom:20px;display:block;width:100%;margin-top:10px">Aspirin ade </h3>
						<style>
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									Warum die Initiative auch bestehende Medikamente verbieten würde								</span>
							</a>
						  </h4>
						</div>
						<div id="ac_94503_collapse1" class="wpsm_panel-collapse collapse "  >
						  <div class="wpsm_panel-body">
							<p>Arzneimittel werden stets nur für die Anwendung einer bestimmten Krankheit <a href="https://reatch.ch/publikationen/unter-welchen-voraussetzungen-erhalten-medikamente-impfstoffe-und-andere-medizinische-produkte-eine-marktzulassung" rel="noopener" target="_blank">zugelassen</a>. Das ist deshalb der Fall, weil man sichergehen will, dass die Medikamente richtig verwendet werden und dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis stimmt. Denn die Wirkung eines Arzneimittels ist immer ins Verhältnis zu setzen mit dessen Nebenwirkungen. Bei der Behandlung einer lebensbedrohlichen und der Lebensqualität stark abträglichen Krankheit wie Krebs wäre häufige Übelkeit als Nebenwirkung eher vertretbar als bei der Behandlung von leichten Rückenschmerzen. Den Entscheid über die Marktzulassung treffen die Behörden unter anderem basierend auf Daten aus Tier- und Menschenversuchen.</p>

<p>Nach der Marktzulassung für eine bestimmte Krankheit wird jedoch weiter mit solchen Arzneimitteln an Mensch und Tier geforscht, zum Beispiel um herauszufinden, ob es auch zur Behandlung anderer Krankheiten infrage kommen könnte. Sobald sich die Hinweise darauf verdichten, muss der Wirkstoff erneut ein Zulassungsverfahren für die neu zu behandelnde Krankheit durchlaufen. Zwar ist das Zulassungsverfahren bei bereits bekannten Substanzen vereinfacht, doch auch ein vereinfachtes Zulassungsverfahren bedingt <a href="https://reatch.ch/publikationen/wie-l%C3%A4uft-die-entwicklung-eines-arzneimittels-bei-menschen-ab" rel="noopener" target="_blank">Forschung mit Mensch und Tier</a>.</p>

<p><a href="https://www.nature.com/articles/nrd.2018.168" rel="noopener" target="_blank">«Drug Repurposing»</a>, zu deutsch: «Umnutzung von Medikamenten», nennt man diesen Prozess. So liessen Gesundheitsdaten von Patient:innen vermuten, dass das Krebsmedikament «Rituximab» auch gegen rheumatische Arthritis <a href="https://www.nature.com/articles/nrd.2018.168" rel="noopener" target="_blank">wirken könnte</a>, weil sich bei einigen Krebspatient:innen auch die Arthritisbeschwerden verbesserten. Um herauszufinden, ob sich diese Beobachtung tatsächlich auf «Rituximab» zurückführen liess, brauchte es jedoch gezielte Studien an <a href="https://www.nature.com/articles/ncprheum0424" rel="noopener" target="_blank">Tier</a> und <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s10067-019-04699-8" rel="noopener" target="_blank">Mensch</a>, um die Sicherheit und Wirksamkeit von «Rituximab» zur Behandlung von Arthritis-Patienten zu testen und – ebenso wichtig – den Wirkungsmechanismus besser zu verstehen. Das Medikament wurde schliesslich zugelassen zur Behandlung von Arthritis.</p>

<p>Tests, um bekannte medizinische Substanzen umzunutzen, gibt es viele. 2018 zeigte eine systematische Untersuchung von klinischen Studien an Menschen, dass über 60 Prozent der getesteten Substanzen schon einmal für eine andere Erkrankung <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29330123/" rel="noopener" target="_blank">am Menschen getestet worden sind</a>. Da der Initiativtext verlangt, dass alle Produkte verboten werden sollen, für die «direkt» oder «indirekt» Tier- oder Menschenversuche durchgeführt werden, müsste man sogar rezeptfrei erhältliche Medikamente wie Kopfschmerztabletten verbieten. So wird beispielsweise Aspirin regelmässig <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7327595/" rel="noopener" target="_blank">zur Behandlung von verschiedenen Krankheiten getestet</a> – und bei <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamaoncology/fullarticle/2775175" rel="noopener" target="_blank">Darmkrebs auch zur Behandlung empfohlen</a>.</p>

<p>Auch das Lieblingsbeispiel aller Tierversuchsgegner – «Thalidomid» bzw. «Contergan» - hat eine solche <a href="https://www.nature.com/articles/nrd.2018.168/tables/1" rel="noopener" target="_blank">«Repurposing»-Geschichte hinter sich</a>. Es wurde vor einem halben Jahrhundert zuerst für die Behandlung von Morgenübelkeit zugelassen und dabei insbesondere auch Schwangeren verschrieben – mit katastrophalen Auswirkungen, denn Thalidomid stört die Entwicklung des Kindes im Mutterleib. In der Folge kamen tausende von Babies mit Missbildungen auf die Welt. Das Medikament wurde vom Markt genommen, feierte aber schon bald eine Renaissance als Behandlung gegen Krankheiten wie Lepra oder Krebs im Knochenmark.</p>

<p>Tierversuchsgegner nehmen Thalidomid gerne als Beleg für ihre Behauptung, dass Tierversuche unnütz seien. Doch weil Nebenwirkungen damals noch nicht routinemässig an schwangeren Tieren und an verschiedenen Tierarten getestet worden sind, konnte diese <a href="https://reatch.ch/publikationen/wieso-bleiben-gewisse-nebenwirkungen-von-medikamenten-in-studien-mit-tierversuchsfreien-methoden-tieren-und-menschen-unentdeckt-sodass-sie-erst-nach-der-marktzulassung-erkannt-werden" rel="noopener" target="_blank">Nebenwirkungen gar nicht entdeckt werden</a>. Aus dem gleichen Grund hat man diese Nebenwirkung auch nicht in klinischen Versuchen am Menschen erkannt, denn aus ethischen Gründen wurde Thalidomid auch nicht an schwangeren Frauen getestet. Auch heute ist es nur in Ausnahmefällen erlaubt, medizinische Substanzen an Schwangeren zu testen – nämlich dann, wenn diese direkt davon profitieren. Auch bei Kindern und anderen besonders schützenswerten Personengruppen sind klinischen Versuchen enge Grenzen gesetzt, weshalb die Marktzulassung eines Medikaments zuerst nur für gewisse Teile der Bevölkerung gilt. Auch deswegen kann es sein, dass Tier- und Menschenversuche für bereits zugelassene Arzneimittel zum Einsatz kommen – womit sie laut der Initiative verboten werden müssten. Ein Beispiel ist der Corona-Impfstoff, der erst nach zusätzlichen Daten aus wissenschaftlichen Studien mit Mensch und Tier für Kinder zugelassen wurde.</p>						  </div>
						</div>
					</div>
					<!-- Inner panel End -->
					
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</script>	<br />
Medienberichte, die solche Zusammenhänge aufzeigen, gibt es kaum. Eine Ausnahme ist das <a href="https://web.archive.org/web/20220130203414/https://zofingertagblatt.ch/in-den-letzten-40-jahren-gingen-die-tierversuche-um-70-prozent-zurueck/" target="_blank" rel="noopener">Interview von Remo Wyss mit Peter Gehler</a>, dem Vizepräsidenten des pharmazeutischen Unternehmens «Siegfried AG» im «Zofinger Tagblatt». Es ist einer der wenigen Artikel, der den inhaltlichen Schwerpunkt auf das Medizinverbot legt. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist das <a href="https://web.archive.org/web/20220128123107/https://www.24heures.ch/lexperimentation-animale-permet-de-proteger-les-humains-358658241906" target="_blank" rel="noopener">Interview von Lisa Bailat mit der Bioethikerin Samia Hurst</a> in «24 heures», welches zwar den Schwerpunkt auf das Thema Tierversuche legt, aber dem Verbot von Humanforschung und Arzneimitteln ebenfalls viel Platz einräumt und insbesondere die enge Verbindung zwischen Tierversuchen, Forschung am Menschen und Medikamentenentwicklung aufzuzeigen vermag. Auch <a href="https://web.archive.org/web/20220130203518/https://www.higgs.ch/die-wichtigsten-fakten-zum-verbot-von-tier-und-menschenversuchen/48877/" target="_blank" rel="noopener">Ramona Nock im Online-Magazin «Higgs»</a>, <a href="https://web.archive.org/web/20220130202516/https://www.20min.ch/story/darum-geht-es-beim-verbot-von-tier-und-menschenversuchen-419341719501" target="_blank" rel="noopener">Claudia Blumer auf «20 Minuten online»</a>, Maria-R<a href="https://web.archive.org/web/20220131060951/https://www.nebelspalter.ch/initiative-zum-tier-und-menschenversuchsverbot" target="_blank" rel="noopener">ahel Cano auf «nebelspalter.ch»</a> und <a href="https://web.archive.org/save/https://www.nzz.ch/schweiz/die-volksinitiative-fuer-ein-tierversuchs-verbot-auf-einen-blick-ld.1662304" target="_blank" rel="noopener">Daniel Gerny in der «Neuen Zürcher Zeitung»</a> haben es geschafft, bei der Berichterstattung eine gute Balance zu finden zwischen den drei Hauptforderungen der Initiative.</p>
<blockquote><p>Das Tierversuchsverbot wird in fast allen Titeln erwähnt, das Menschenversuchs- und Medizinverbot in fast keinem.</p></blockquote>
<p>Ansonsten sind positive Beispiele rar gesät. Mit Ausnahme einer Handvoll Artikeln legten alle journalistisch eigenständigen Texte, die zwischen dem 27. November 2021 und dem 28. Januar 2022 zur Initiative erschienen und in der Schweizer Mediendatenbank SMD publiziert wurden, den Schwerpunkt auf das Tierversuchsverbot oder das Thema Tierversuche. Auch die Titel sprechen eine klare Sprache: Das Tierversuchsverbot kommt in fast allen Titeln vor, das Menschenversuchs- und Medikamentenverbot in fast keinem. Auch in den Texten selbst bleiben die beiden Verbote häufig unerwähnt – und wenn sie erwähnt werden, dann meist im Vorbeigehen: Mehr als den Hinweis, dass Menschenversuche und Medikamente verboten werden sollen, findet selten. Eine journalistische Auseinandersetzung mit der Forderung, Schweizer Patient:innen (und auch Tiere) den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten abzuschneiden, fehlt damit grossmehrheitlich. Das Verbot der Forschung am Menschen wird in noch einmal weniger Artikeln thematisiert.</p>
<blockquote><p>Die Initiant:innen können die mediale Aufmerksamkeit dazu nutzen, ihre zumeist anti- und unwissenschaftlichen Botschaften weitgehend unwidersprochen zu verbreiten.</p></blockquote>
<p>Stattdessen werden <a href="https://web.archive.org/web/20220112044654/https://www.swissinfo.ch/ger/wirtschaft/schweiz-abstimmung-initiative-tierversuchsverbot-13--februar-2022_-argumente-initianten/47194972" target="_blank" rel="noopener">unkritische Interviews geführt</a> und Porträts verfasst, die <a href="https://web.archive.org/web/20220106211602/https://www.blick.ch/politik/renato-werndli-ist-der-kopf-hinter-der-tierversuchsverbots-initiative-radikal-veganer-pragmatiker-id17121152.html" target="_blank" rel="noopener">an Verklärung grenzen</a>. Ein Artikel versteigt sich sogar dazu, die Argumentation eines der Köpfe der Initiative <a href="https://web.archive.org/web/20220130222707/https://www.tagblatt.ch/ostschweiz/ressort-ostschweiz/portraet-unerbittlich-und-unermuedlich-ein-rheintaler-arzt-und-veganer-ist-die-treibende-kraft-hinter-der-tierversuchsverbots-initiative-ld.2241532?reduced=true" target="_blank" rel="noopener">als «wissenschaftsbasiert» zu bezeichnen</a> – entgegen der Tatsache, dass alle wissenschaftlichen Organisationen in der Schweiz <a href="https://web.archive.org/web/20220130224110/https://www.blick.ch/politik/forschende-schlagen-alarm-tierversuchs-verbot-gefaehrdet-gesundheitsversorgung-id17142371.html" target="_blank" rel="noopener">die Initiative geschlossen ablehnen</a>. Gewisse Texte verbreiten auch irreführende Falschinformationen. So behauptet ein Artikel von «20 minutes» vom 24. Januar in der Printversion, dass der Text der Initiative die Forschung am Menschen nicht verbieten würde. Auch online ist <a href="https://web.archive.org/web/20220130220647/https://www.20min.ch/fr/story/experimentation-animale-entre-protection-des-especes-et-progres-medical-941683854583" target="_blank" rel="noopener">die falsche Darstellung leicht abgewandelt nachzulesen</a>, obwohl das Gegenteil im Initiativtext steht.</p>
<blockquote><p>Es ist noch keine «falsche Ausgewogenheit», wenn man in einem Artikel Befürworter und Gegner von Tierversuchen zu Wort kommen lässt.</p></blockquote>
<p>So können die Initiant:innen die mediale Aufmerksamkeit dazu nutzen, ihre zumeist anti- und unwissenschaftlichen Botschaften weitgehend unwidersprochen zu verbreiten. Darum – und nicht ums Gewinnen – scheint es ihnen auch zu gehen: «Die Initiative wird nicht durchkommen», lässt sich Renato Werndli, einer der Treiber hinter der Initiative, in einem Porträt zitieren. Und weiter: «‹Eine eigene Initiative ist super, um unsere Botschaft zu verbreiten›. Mittlerweile bekomme er so viele Medienanfragen, dass er gar nicht mehr allen zusagen könne. ‹Und das ohne jegliches Werbebudget›». Angesichts solcher Aussagen sollten sich viele Journalist:innen fragen, ob sie sich nicht gemein gemacht haben mit einer Sache, die Menschenleben aufs Spiel setzt.</p>

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                </div>
            </div>
            [rml_read_more]
<p>Vor weniger als einem halben Jahr gab es im deutschsprachigen Raum eine ausführliche Diskussion über sogenannte «False Balance», bzw. «falsche Ausgewogenheit» in den Medien, vor allem im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Themen wie Corona oder Klimaerwärmung. Bemängelt wurde damals, dass Medienschaffende wegen ihres durchaus berechtigten Anspruchs an eine ausgewogene Berichterstattung über das Ziel hinausschiessen und dadurch wissenschaftliche Tatsachen untergraben. Ich fand die Kritik der «False Balance» damals <a href="https://medienwoche.ch/2021/07/28/false-balance-in-den-medien-was-wissenschaftlich-stimmt-ist-keine-frage-der-mehrheitsmeinung/" target="_blank" rel="noopener">mehrheitlich schwach</a>, weil schlecht begründet: Sobald eine wissenschaftliche Minderheitenmeinung medial Gehör bekam, konstatierten einige eine falsche Ausgewogenheit. Das ist weder journalistisch noch wissenschaftlich überzeugend, dürfen doch auch wissenschaftliche Minderheitenmeinungen – sofern sie gut begründet werden – medial verhandelt werden.</p>
<p>Auch im vorliegenden Fall ist die Sache komplexer. Es ist noch keine «falsche Ausgewogenheit», wenn man in einem Artikel Befürworter und Gegner von Tierversuchen zu Wort kommen lässt. Das ist eine berechtigte Diskussion und sie ist auch durch die Forderungen der Initiative begründet. Auch wäre es aus demokratischer Sicht inakzeptabel, die Initiant:innen nicht zu Wort kommen zu lassen, weil sie unrealistische und unwissenschaftliche Haltungen vertreten. Sie haben über 100’000 Unterschriften gesammelt und eine Initiative eingereicht. Das berechtigt sie zweifellos zur Teilnahme an der medialen Debatte.</p>
<p>Die Initiant:innen hantieren zwar mit einer Reihe von wissenschaftlichen <a href="https://reatch.ch/topics/faktencheck-tierversuche" target="_blank" rel="noopener">Falschbehauptungen und Halbwahrheiten</a>, die in dieser oder ähnlicher Form schon seit Jahren und Jahrzehnten in tierversuchskritischen Kreisen herumgereicht werden. Doch an sich wäre auch das kein Problem, wenn Medienschaffende dies kritisch hinterfragen und einordnen würde. <a href="https://web.archive.org/web/20220127190817/https://www.tagesanzeiger.ch/gefaehrdet-das-tierversuchsverbot-die-medizinische-versorgung-der-schweiz-703692847485" target="_blank" rel="noopener">Von einigen Ausnahmen abgesehen</a> bleibt das jedoch aus. Die meisten Journalist:innen scheinen sich auch nicht die Frage gestellt zu haben, ob es neben der vertieften Auseinandersetzung mit dem Tierversuchsverbot nicht auch eine Diskussion zum Verbot von Forschung an Menschen und zum Verbot von Medikamenten bräuchte. Oder sie haben sich die Frage durchaus gestellt und sind zum Schluss gekommen, dass sich darüber nicht wirklich eine Debatte führen lässt – womit wir wieder bei der falschen Ausgewogenheit wären.</p>
<blockquote><p>Oft haben Journalist:innen die Rollenverteilung mental bereits festgelegt, bevor auch nur ein Satz geschrieben ist.</p></blockquote>
<p>Ob Tierversuche zulässig sind, darüber lässt sich trefflich streiten. <a href="https://www.nzz.ch/karriere/studentenleben/der-mensch-geht-vor-tierversuche-ein-dilemma-das-bleibt-ld.135638" target="_blank" rel="noopener">Tierversuche sind ein Dilemma</a>, das bleibt und es gibt gute Gründe dafür und dagegen. Ebenso ist Debatte darüber so geläufig wie emotional, wie <a href="https://web.archive.org/web/20220131150402/https://twitter.com/metamythos/status/1480644093319553031" target="_blank" rel="noopener">Philipp Meier</a>, Community Developer bei Swissinfo, auf Twitter bemerkt. Journalist:innen können damit vergleichsweise leicht für «echte» Ausgewogenheit sorgen, indem sie so bekannte wie rigide Erzählmuster bemühen: Hier die rationale, aber auch etwas kühl wirkende Forscherin, die selber Tierversuche durchführt und deren Bedeutung für Wissenschaft und Medizin betont. Dort der von der guten Sache überzeugte Tierversuchsgegner, der den wissenschaftlichen Nutzen von Tierversuchen abstreitet und in seinem Kampf für das Tierwohl vollkommen aufgeht. Oft haben Journalist:innen diese Rollenverteilung mental bereits festgelegt, bevor auch nur ein Satz geschrieben ist. Sie suchen gezielt nach Menschen, welche die gewünschten Merkmale aufweisen und stutzen all jenes zurecht, was nicht ins vorgefertigte Narrativ passt.</p>
<p>Die Forderung, lebenswichtige Medikamente zu verbieten, wirkt demgegenüber fremd und abstrakt. Es gibt auch keine pfannenfertige Geschichten, die sich aufkochen lassen. Ebenso wenig löst das Thema unmittelbare emotionale Assoziationen aus. Die meisten von uns haben schlicht nie erlebt, wie es ist, keinen Zugang zu Medikamenten zu haben. Zudem ist die Forderung derart extrem, dass sie Journalist:innen vor ein Dilemma stellt: Entweder sie versuchen, auch diese Frage ausgewogen zu behandeln, und riskieren damit, eine «falsche» Ausgewogenheit herzustellen. Oder sie bezeichnen die Forderung als das, was sie offensichtlich ist – wirklichkeitsfremd und unmenschlich – und handeln sich damit den Vorwurf ein, zu wenig ausgewogen zu berichten. Da scheint es ungefährlicher, die Forderung gar nicht erst behandeln, sondern sich auf die Debatte über Tierversuche zu konzentrieren. Für das mediale Versagen könnte das eine Erklärung sein – eine Entschuldigung ist es nicht.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/02/02/schiefer-rahmen-medien-diskutieren-lieber-ueber-tierversuche-als-ueber-medikamentenverbot/">Schiefer Rahmen: Medien diskutieren lieber über Tierversuche als über Medikamentenverbot</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>SRF und die Reichen: Ein Musterbeispiel in Sachen Framing</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/12/07/srf-und-die-reichen-ein-musterbeispiel-in-sachen-framing/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marko Ković]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 07 Dec 2020 08:40:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[SRF Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Framing]]></category>
		<category><![CDATA[Das Monokel]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=84054</guid>

					<description><![CDATA[<p>In einer «Kontext»-Sendung und einem dazugehörigen Online-Beitrag kommt SRF Kultur zum Schluss, dass Reiche unser aller Wohlstand erhöhen – und wir Reiche darum nicht mit höheren Steuern «vertreiben» dürfen. Zu Wort kommen dabei nur Economiesuisse und eine Milliardärin. Über diese sonderbar einseitige Darstellung diskutieren Christian Caspar und Marko Kovic in der neuen Folge unseres Podcasts <a href="https://medienwoche.ch/2020/12/07/srf-und-die-reichen-ein-musterbeispiel-in-sachen-framing/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/12/07/srf-und-die-reichen-ein-musterbeispiel-in-sachen-framing/">SRF und die Reichen: Ein Musterbeispiel in Sachen Framing</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In einer «Kontext»-Sendung und einem dazugehörigen Online-Beitrag kommt SRF Kultur zum Schluss, dass Reiche unser aller Wohlstand erhöhen – und wir Reiche darum nicht mit höheren Steuern «vertreiben» dürfen. Zu Wort kommen dabei nur Economiesuisse und eine Milliardärin. Über diese sonderbar einseitige Darstellung diskutieren Christian Caspar und Marko Kovic in der neuen Folge unseres Podcasts «Das Monokel».</strong></p>
<p><iframe loading="lazy" src="https://anchor.fm/dasmonokel/embed/episodes/Folge-9-Wie-SRF-die-Reichen-umgarnt-end134" width="600px" height="153px" frameborder="0" scrolling="no"></iframe><br />
Wenn wir in eine Gemälde-Ausstellung gehen, interessieren wird uns für die Bilder und nicht für die Rahmen. Die Bilderrahmen sind einfach da. Aber auch wenn wir sie nicht bewusst wahrnehmen, beeinflusst die Bilderrahmen unsere Wahrnehmung des Gemäldes stark. Ein üppiger goldener Rahmen suggeriert vielleicht Gefühle wie Stolz und Status, während ein schlichter Holzrahmen unseren Blick direkt aufs Bild lenkt.<br />
</p>
<p>Im Journalismus verhält es sich ähnlich wie bei Gemälden. Auch hier wird der Inhalt immer auf eine bestimmte Art und Weise, gewissermassen auch in einem Rahmen, präsentiert. Das journalistische Aufbereiten und Präsentieren von Inhalten ist als «Framing», von Englisch «Frame» für Rahmen, bekannt.</p>
<p>Der Kommunikationswissenschaftler <a href="https://academic.oup.com/joc/article-abstract/43/4/51/4160153?redirectedFrom=fulltext" target="_blank" rel="noopener">Robert Entman beschreibt Framing</a> als das Auswählen gewisser Aspekte der Realität, um sie anschliessend im journalistischen Beitrag mit einer Problemdefinition, einer kausalen Interpretation, einer moralischen Bewertung und einer Handlungsempfehlung zu versehen. Angenommen, Minister XY tritt zurück. Ein Artikel ganz ohne Framing würde lediglich verkünden, dass Minister XY zurückgetreten ist. Mit Framing könnte ein Artikel aber zusätzlich erklären, dass der Minister in eine Korruptionsaffäre verstrickt ist (Problemdefinition); dass der Minister XY seine teuren Hobbys finanzieren wollte (kausale Interpretation); dass Korruption ganz allgemein eine grosse Herausforderung sei (moralische Bewertung); und, dass strengere Antikorruptionsgesetze notwendig seien (Handlungsempfehlung).</p>
<blockquote><p>Mit Framing lässt sich ein «Spin», ein bestimmter Dreh reinbringen, der nicht offensichtlich als solcher erkennbar ist.</p></blockquote>
<p>Framing ist im Journalismus durchaus wünschenswert, denn erst dank eines solchen «Rahmens» können wir die Welt halbwegs sinnvoll verstehen. Mit einer reinen Ansammlung willkürlicher, zusammenhangloser Informationen können wir nichts anfangen. Gleichzeitig kann des Framing aber dazu führen, dass Sachverhalte aus einer verzerrten oder gar irreführenden Perspektive dargestellt werden, die dank der Subtilität des Framings nicht als solche wahrgenommen wird. Mit Framing lässt sich ein «Spin», ein bestimmter Dreh reinbringen, der nicht offensichtlich als solcher erkennbar ist.</p>
<p>Ein Fall fragwürdigen Framings findet sich im Artikel <a href="https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/wochenende-gesellschaft/wie-viel-steuern-reiche-zahlen-ohne-reiche-gaebe-es-fuer-alle-weniger-wohlstand" target="_blank" rel="noopener">«Ohne Reiche gäbe es für alle weniger Wohlstand»</a>, der am 24. November auf srf.ch/kultur veröffentlicht wurde. Der Artikel ist eine Auskopplung der <a href="https://www.srf.ch/audio/kontext/reiche-warum-sie-faszinieren-warum-sie-irritieren?id=11876823" target="_blank" rel="noopener">«Kontext»-Sendung «Reiche – warum sie faszinieren, warum sie irritieren»</a>. Im Artikel wird die Frage von Reichtum und Ungleichheit thematisiert, mit Fokus auf Einkommensungleichheit. Das ist eine wichtige Thematik – doch das Framing, das zur Anwendung kommt, ist reichlich zugunsten der Reichen verzerrt.</p>
<blockquote><p>Ein wirksames Mittel für Framing sind selektive Expertenstimmen. Es kommt auch im Fall der «Kontext»-Sendung zur Anwendung.</p></blockquote>
<p>Bereits Titel und Lead des Artikels zeigen die Stossrichtung des Framings. Dank der Reichen hätten wir alle mehr Wohlstand: «Unsere Gesellschaft hat viel von den Reichen.» Diese Grundtonalität, gemäss der die Reichen fast eine Art Wohltäter sind, zieht sich durch den gesamten Artikel. Zum Beispiel wird beschrieben, dass die reichsten 1 Prozent der Bevölkerung mehr Steuern zahlen als die ärmsten 50 Prozent. Das stimmt, könnte aber auch umgekehrt gerahmt werden: Die Einkommen sind derart ungleich verteilt, dass die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung weniger Steuern zahlt als die oberen 1 Prozent.</p>
<p>Ein wirksames Mittel für Framing sind selektive Expertenstimmen. Im Beitrag bei SRF kommen lediglich ein Ökonom von Economiesuisse sowie im ergänzenden Audio-Beitrag eine Milliardärin zu Wort. Der Ökonom Christian Frey warnt, dass der Mittelstand viel mehr Steuern zahlen müsste, wenn es die Reichen nicht gäbe – und vergisst zu erwähnen, dass in einem solchen Szenario der Mittelstand die höheren Steuern eben auch zahlen könnte, weil die Einkommen gleicher verteilt wären. Die Milliardärin Karin Stüber ihrerseits warnt vor Erbschaftssteuern, weil das für Familienunternehmen wie das ihrige Probleme schaffen könne.</p>
<blockquote><p>Ein Beispiel für irreführendes Framing: Nicht die Reichen ermöglichen den Wohlstand – der Wohlstand ermöglicht die Reichen.</p></blockquote>
<p>Das Framing zugunsten der Reichen im Beitrag von SRF wird mit dem Argument gekrönt, dass allzu hohe Steuern für Grossverdiener zu vermeiden seien, weil diese dadurch «vertrieben» würden. Sind die Steuern zu hoch, ziehen die Reichen also weg – und mit ihnen verschwindet dann auch der Wohlstand, den sie uns bescheren. Denkt man dieses Argument aber zu Ende, zeigt sich rasch, wie unsinnig es ist. Topverdiener können nämlich durchaus aus der Schweiz wegziehen, wenn sie sich an Steuern stören. Aber die Jobs, mit denen sie ja so viel verdienen, bleiben in der Schweiz. Es sind nicht die Reichen, die uns grosszügig und gütig mit Wohlstand beschenken, den sie selber aus dem Nichts erschaffen haben. Ganz im Gegenteil: Wohlstand wird kollektiv von uns allen als Gesellschaft erwirtschaftet. Nicht die Reichen ermöglichen den Wohlstand – der Wohlstand ermöglicht die Reichen.</p>
<p>Vielleicht sieht das Bild anders aus, wenn man nicht nur den kritisierten Artikel anschaut, sondern die komplette «Kontext»-Sendung. Dem ist leider nicht so. Nebst einem ausführlicheren Porträt der Milliardärin Karin Stüber und einigen O-Tönen des Ökonomen Christian Frey fokussiert die restliche «Kontext»-Ausgabe vor allem auf ein Gespräch mit dem Historiker und Millionär <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Zitelmann" target="_blank" rel="noopener">Rainer Zitelmann</a>, der damit eine Bühne für seine Thesen über Reiche erhält. Zitelmann hat für sein Buch «Psychologie der Superreichen» mit Dutzenden Multimillionären gesprochen und daraus die Eigenschaften abgeleitet, die Menschen reich machen (die Reichen seien tatkräftig und fleissig). Das ist aber nur schon darum Junk Science, weil Zitelmann hier einfach dem sogenannten sogenannten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Survivorship_Bias" target="_blank" rel="noopener">Überlebensirrtum</a> erliegt: Zitelmann spricht nur mit Reichen und leitet einen kausalen Zusammenhang zwischen den Charakterzügen der Reichen und ihrem Reichtum ab. Hätte er aber auch mit Menschen, die nicht reich sind, gesprochen, wäre schnell klar geworden, dass auch unter den Normalos ziemlich viele Menschen tatkräftig, verantwortungsvoll und so fort sind.</p>
<p>Ein Gemälde lässt sich ohne Rahmen nur schwer aufhängen. Genauso kann Journalismus ohne Framing, also ohne Selektion und Aufbereitung, nicht richtig funktionieren. Es lohnt sich aber, einen kritischen Sinn für das Decodieren von Framing zu entwickeln. Die Frage, über was berichtet wird, ist zwar wichtig, aber wie über etwas berichtet wird, ist nicht selten viel folgenschwerer.</p>
<p><iframe loading="lazy" src="https://anchor.fm/dasmonokel/embed/episodes/Folge-9-Wie-SRF-die-Reichen-umgarnt-end134" width="600px" height="153px" frameborder="0" scrolling="no"></iframe></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/12/07/srf-und-die-reichen-ein-musterbeispiel-in-sachen-framing/">SRF und die Reichen: Ein Musterbeispiel in Sachen Framing</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Wie man Frames erkennt</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/02/20/wie-man-frames-erkennt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Dominik Allemann]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 20 Feb 2020 06:50:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Storytelling]]></category>
		<category><![CDATA[Manipulation]]></category>
		<category><![CDATA[Berufsethik]]></category>
		<category><![CDATA[Framing]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Frames bestimmen, wie Menschen die Welt interpretieren. Kommunikatoren nutzen solche erlernten Denkmuster und geben ihnen bewusst eine neue Richtung. Kritiker sehen in Framing vor allem eins: Manipulation.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Frames bestimmen, wie Menschen die Welt interpretieren. Kommunikatoren nutzen solche erlernten Denkmuster und geben ihnen bewusst eine neue Richtung. Kritiker sehen in Framing vor allem eins: Manipulation.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/02/20/wie-man-frames-erkennt/">Wie man Frames erkennt</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>ARD Framing Manual: Manipulative Propaganda oder letzte Rettung?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/02/25/ard-framing-manual-manipulative-propaganda-oder-letzte-rettung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Thomas Paszti]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Feb 2019 09:04:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kommunikation]]></category>
		<category><![CDATA[Framing]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=66488</guid>

					<description><![CDATA[<p>In diesem Video gebe ich meine Meinung zum ARD Framing Manual Leak preis und erkläre euch, warum Framing so wichtig ist.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>In diesem Video gebe ich meine Meinung zum ARD Framing Manual Leak preis und erkläre euch, warum Framing so wichtig ist.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/25/ard-framing-manual-manipulative-propaganda-oder-letzte-rettung/">ARD Framing Manual: Manipulative Propaganda oder letzte Rettung?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>«Framing-Manual» der ARD: ein Dokument der Hilflosigkeit</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/02/21/framing-manual-der-ard-ein-dokument-der-hilflosigkeit/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2019/02/21/framing-manual-der-ard-ein-dokument-der-hilflosigkeit/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Feb 2019 13:48:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[ARD]]></category>
		<category><![CDATA[Framing]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=66432</guid>

					<description><![CDATA[<p>Das sogenannte «Framing Manual», das die deutsche ARD bei einem Ein-Personen-Institut bestellt hat, liest sich wie schlechte Satire. Als Argumentationshilfe für die Verteidigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eignet sich das Dokument nicht. Fachliche und sachliche Kritik soll mit rhetorisch drittklassigen Formulierungshilfen gekontert werden. «Wenn Sie Ihre Mitbürger dazu bringen wollen, den Mehrwert der ARD zu begreifen <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/21/framing-manual-der-ard-ein-dokument-der-hilflosigkeit/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das sogenannte «Framing Manual», das die deutsche ARD bei einem Ein-Personen-Institut bestellt hat, liest sich wie schlechte Satire. Als Argumentationshilfe für die Verteidigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eignet sich das Dokument nicht. Fachliche und sachliche Kritik soll mit rhetorisch drittklassigen Formulierungshilfen gekontert werden.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-66434" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-ARD-Framing_20190222a.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-ARD-Framing_20190222a.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-ARD-Framing_20190222a-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-ARD-Framing_20190222a-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-ARD-Framing_20190222a-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-ARD-Framing_20190222a-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
«Wenn Sie Ihre Mitbürger dazu bringen wollen, den Mehrwert der ARD zu begreifen und sich hinter die Idee eines gemeinsamen, freien Rundfunks ARD zu stellen – auch und <em>gerade</em> in Zeiten, in denen Gegner der ARD deren Relevanz in Frage stellen und orchestrierte Kampagnen fahren, die die ARD in starken Bildern und Narrativen abwerten – dann muss Ihre Kommunikation immer in Form von moralischen Argumenten stattfinden.» Und kurz darauf heisst es: «Denken und sprechen Sie zunächst immer über die moralischen Prämissen.»</p>
<p>Das Zitat stammt aus dem «Framing Manual – Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD», herausgegeben von einem «Berkeley International Framing Institute». Ein Blick auf die Webseite zeigt, dass dieses «Institut» aus einer einzigen Person besteht: <a href="https://www.framinginstitute.org/new-page-4/" target="_blank" rel="noopener">Elisabeth Wehling</a>. Sie wird als «leading expert for cognitive science framing in Europe» vorgestellt. 2016 erschien ihr Buch «Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht». <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/politisches_framing_bpb.pdf" target="_blank" rel="noopener">Eine 35-seitige Leseprobe des Buches kann man auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung nachlesen.</a> Frames seien, so schreibt sie im Vorwort, «immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen. Frames bewerten und interpretieren also. Und sind sie erst einmal über Sprache – etwa jener in öffentlichen Debatten – in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken und Handeln an, und zwar ohne dass wir es merkten.» (sic!)</p>
<p>Gemäss Wikipedia bedeutet Framing, «einige Aspekte einer wahrgenommenen Realität auszuwählen und sie in einem Text so hervorzuheben, dass eine bestimmte Problemdefinition, kausale Interpretation, moralische Bewertung und/oder Handlungsempfehlung für den beschriebenen Gegenstand gefördert wird.» Frames sind mehr als die stereotypen Attribute und Zuweisungen wie «umstritten» oder «renommiert», «populistisch» oder «demokratisch», mit denen der Journalismus schon lange operiert.</p>
<p>Frames sind raffinierter. Sie werden zwar gezielt gesetzt, sollen aber unbewusst wirken. Der Empfänger darf die Manipulation nicht bemerken. «Framing» ist also nicht nur platte Propaganda, sondern umfasst alle Arten von Sprachspielen, um suggestiv Meinungen im Diskurs zu steuern. Es geht dabei auch und vor allem um das gezielte Ausblenden bzw. Umschreiben von unangenehmen Dingen. «Framing» ist somit immer manipulativ.</p>
<blockquote><p>Man hat das Gefühl, da schreibe jemand im Stil der «Sendung mit der Maus». Die Redundanzen sind beträchtlich.</p></blockquote>
<p>Das Papier, das jetzt kursiert und durch <a href="https://netzpolitik.org/2019/wir-veroeffentlichen-das-framing-gutachten-der-ard/" target="_blank" rel="noopener">«netzpolitik.org» dankenswerterweise endlich der Allgemeinheit</a> zugängig gemacht wurde, ist zwei Jahre alt. Es wurde jetzt durch Berichte und teilweises Zitieren in diversen Zeitungen bekannt. Die Autorin hat auf ihrer <a href="http://www.elisabethwehling.com/klarstellungzuraktuellendebatte" target="_blank" rel="noopener">Webseite in einer «Klarstellung»</a> die Arbeit an der Studie beschrieben: «Die vorgegebenen Themen und Einordnungen zu Auftrag und Bedeutung der öffentlich-rechtlichen ARD wurden in Workshops (bei meiner Anwesenheit) diskutiert und im finalen Dokument auch entsprechend abgebildet», schreibt sie. Dies widerspricht dem, was die <a href="http://www.ard.de/home/die-ard/presse-kontakt/pressearchiv/Klarstellung_Was_hat_es_mit_dem_Framing_Manual_auf_sich_/5314070/index.html" target="_blank" rel="noopener">ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab in ihrer «Klarstellung» mitteilte</a>. Die Studie sei «eine Unterlage, die Teilnehmenden ARD-interner Workshops im Vorfeld als Diskussionsgrundlage und Denkanstoss zur Verfügung gestellt» wurde.</p>
<p>Obwohl sie nur 90 Seiten aufweist, ist die Lektüre des Textes schnell ermüdend. Zunächst denkt man, dass es sich um Satire handelt und ist amüsiert über die zuweilen holperig-kindliche Sprache, mit der sie verfasst ist. Man hat das Gefühl, da schreibe jemand im Stil der «Sendung mit der Maus». Die Redundanzen sind beträchtlich. Es ist spürbar, wie die neuen, sperrigen Formulierungen, mit denen die ARD sich präsentieren soll, mittels unablässiger Wiederholungen in die Hirne der Rezipienten eingehämmert werden. Wichtige Elemente sind kursiv und fettgedruckt – auch hier hat man das Gefühl, man möchte störrische Esel erziehen, den richtigen Weg zu gehen. Am Ende gibt es Schaubilder, die alles noch einmal zusammenfassen.</p>
<blockquote><p>Die Autorin verfällt in ihrem Handlungsanweisungen im Laufe der Studie immer mehr in den Duktus einer religiösen Sekte.</p></blockquote>
<p>Einiges ist wirklich originell. So gibt es kein «Programm» mehr, sondern «Beiträge, Sendungen und Inhalte». Die ARD macht auch kein «Angebot» mehr, das mit einer «Gebühr» bezahlt werden soll, sondern es es handelt sich um eine «<strong><em>Beteiligung</em></strong> am <strong><em>gemeinsamen Rundfunk ARD</em></strong>», der sich für eine «<strong><em>monatliche Beteiligung die freie mediale Infrastruktur ARD</em>» </strong>sichert (nicht leistet!). Der Rezipient ist «Bürger», kein «Kunde» oder «Konsument». Dies würde das Angebot, pardon: «die Anliegen und Handlungen der ARD», als «unmoralisch» quantifizieren, weil, das wird immer betont, alles kommerziell ausgerichtete, eben unmoralisch sei.</p>
<p>Die Autorin verfällt in ihrem Handlungsanweisungen im Laufe der Studie immer mehr in den Duktus einer religiösen Sekte: «Der gemeinsame Rundfunk ARD gibt uns die Freiheit, uns <strong><em>weitflächig</em></strong> vollkommen <strong><em>selbstbestimmt </em></strong>und <strong><em>mündig zu bewegen</em></strong> – abseits von <strong><em>Barrieren </em></strong>und <strong><em>verschlossenen Türen</em></strong> der Kommerzmedien, jenseits vom <strong><em>Zugriff auf unsere Daten durch Internetriesen</em>, </strong>abseits des<strong><em>Eingriffs in unser Denken durch werbedurchzogene Formate</em></strong> und <strong><em>wirtschaftlich </em></strong>oder <strong><em>politisch abhängige Redaktionen</em></strong>… » Am Ende münden die Anweisungen in die Parole «Demokratie statt Profit».</p>
<blockquote><p>Wehlings Text ist vollkommen begründungsfrei und kann mit wenig Aufwand ins Gegenteil verkehrt werden.</p></blockquote>
<p>Hier wird längst nicht mehr wissenschaftlich beschrieben, wie Framing funktioniert. Hier wird es gemacht. Es juckt einem förmlich in den Fingern mit den Frames dieses Framings, also den Worthülsen dieser Worthülsenprosa, ein Handbuch für die private Medienwirtschaft zu schreiben. Es wären nur kleinere Veränderungen notwendig, denn Wehlings Text ist vollkommen begründungsfrei und kann mit wenig Aufwand ins Gegenteil verkehrt werden.</p>
<p>Die ARD soll als unverzichtbarer gesellschaftlicher Bindungskitt definiert werden. «Sprechen Sie immer vom <strong><em>gemeinsamen</em></strong>Rundfunk oder der <strong><em>gemeinsamen Organisation des Rundfunks</em></strong>.» Wichtig ist es, eine Gemeinschaft zu konstruieren: «Jeder ist gleich wichtig, jeder ist gleich viel wert, jeder wird ernst genommen in seinen Bedürfnissen in unserer gemeinsamen medialen Infrastruktur ARD.» Es wird zum «starken moralischen Claim» geraten, der den Gegnern des öffentlich-rechtlichen, pardon: «gemeinsamen Rundfunks ARD» geantwortet werden soll: «Wer <strong><em>die demokratisch kontrollierte Rundfunkinfrastruktur beschneiden </em></strong>oder <strong><em>abschmelzen</em></strong> will, gefährdet damit unmittelbar unsere demokratische Pluralität und Freiheit.» Die Conclusio: Wer die ARD in der bestehenden Form, mit ihrem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/ARD" target="_blank" rel="noopener">Budget von 6,3 Milliarden Euro für 11 Fernsehsender und 55 Radioprogramme</a> in irgendeiner Form kritisiert, gefährdet die Demokratie.</p>
<p>Man könnte ohne Unterlass weitere Zitate einflechten. Aber muss man über die Absurdität solcher Aussagen, die als Diskursmaxime für ARD-Mitarbeiter gedacht sind, noch ein Wort verlieren? Denn spätestens jetzt wechselt es von der heiteren Lektüre in ein hochgefährliches Gebiet. Aus der systematischen Zusammenstellung dieser Argumentationsprothesen wird ein Diffamierungsleitfaden. Aus den oben skizzierten semantischen Hütchenspielereien schlägt einem plötzlich der autoritäre Duktus von Diktaturen entgegen.</p>
<blockquote><p>Warum glaubt eine der Moral verpflichtete Anstalt wie die ARD sich mit einer solchen Argumentationshilfen ausstatten zu müssen?</p></blockquote>
<p>Kann es also sein, dass gezielte Indiskretionen diesen blasierten, als wissenschaftlich deklarierten, teilweise gefährlichen Unsinn stoppen wollten? Warum glaubt eine der Moral verpflichtete Anstalt wie die ARD sich mit einer solchen Argumentationshilfen ausstatten zu müssen? Die Attacken gegen die Werbewirtschaft sind zahnlos – denn auch in der ARD gibt es Werbung und Product-Placement. Insofern könnte man das dürftige Argument der Einflussnahme von Werbeindustrie auf den Programminhalt des «Kommerzrundfunks» auch für ARD und ZDF anwenden. Der Gedanke einer von kommerziellen Einflüssen losgelösten Insel ist absurd.</p>
<p>Natürlich ist auch der öffentliche Rundfunk ein Marktteilnehmer, muss man Ein- und Ausgaben gewichten und hängt dem Diktat von Einschaltquoten nach, platziert Sendungen nach vermeintlichen Zustimmungen. Denn permanent stellen die Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks die Legitimationsfrage. Leider hat man sich zu früh auf diese Argumentationskette eingelassen. Hierüber schweigt aber das Handbuch.</p>
<p>Warum werden denn anspruchsvolle Produktionen, Dokumentarfilme oder Fernsehspiele entweder in Nischenkanäle verbracht oder nachts gesendet? Dem Bildungsauftrag ist damit vielleicht Genüge getan; später werden dann noch Preise eingesammelt, die ausserhalb der Blase der Medienschaffenden kaum jemanden interessieren. Der Rezipient hat diese Preisprogramme kaum gesehen, weil er am nächsten Tag um 6 Uhr aufstehen musste und nachts nicht aufbleiben konnte. Oder weil er den Nischenkanal nicht empfangen kann. Nach aussen hat man aber mit der Volksmusiksendung oder dem xten Regionalkrimi das Quotenrennen des 20.15 Uhr-Angebots mit der Volksmusiksendung dem «Dschungelcamp» oder «Bachelor» getrotzt.</p>
<p>Über die «Freiheit» des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wäre einiges zu sagen. Das <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2014/03/fs20140325_1bvf000111.html" target="_blank" rel="noopener">Bundesverfassungsgericht reklamierte immer wieder, zuletzt 2014</a>, dass «die Organisation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks […] als Ausdruck des Gebots der Vielfaltsicherung dem Gebot der Staatsferne genügen [muss]. Danach ist der Einfluss der staatlichen und staatsnahen Mitglieder in den Aufsichtsgremien konsequent zu begrenzen.» Der Urteilsspruch hatte einen neuen Rundfunk-Staatsvertrag für das ZDF zur Folge. Statt 44 Prozent musste der Anteil der Politik im wichtigen Verwaltungsrat des Senders auf ein Drittel reduziert werden. Auch in den Rundfunkräten der ARD-Anstalten dominieren Politiker. Letzte Zahlen liegen von 2015 vor. Demnach sind es rund 30 Prozent.</p>
<blockquote><p>Fachliche und sachliche Kritik mit rhetorisch drittklassigen Formulierungshilfen gekontert werden.</p></blockquote>
<p>Die Veröffentlichung des Framing-Handbuchs ist für die ARD ein Desaster. Dabei ist es durchaus legitim, wenn die ARD nach Argumentationen für ihre Existenz sucht. Fatal dabei ist jedoch, dass dies ausschliesslich auf dem Gebiet der Sprache erfolgt. Über Verbesserungen am Programm gibt es im Manual keinen Vorschlag. Das ist auch nicht gemeint, wenn es um Framing geht. Gemäss dem Handbuch soll jegliche fachliche und sachliche Kritik mit rhetorisch drittklassigen Formulierungshilfen gekontert werden.</p>
<p>Der Glaubwürdigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien korrodiert weiter. Bereits Anfang des Jahres wurde <a href="https://meedia.de/2019/01/17/vertrauensverhaeltnis-zur-autorin-zerstoer-wdr-zieht-konsequenzen-aus-fehlern-in-der-doku-menschen-hautnah/" target="_blank" rel="noopener">ein kleines Skandälchen beim WDR enthüllt</a>. Eine Dokumentarfilmerin gab Ungenauigkeiten zu und castete Komparsen für geringfügige Rollen in ihren Filmen über Beziehungsprobleme von Paaren. Man trennte sich von der freien Mitarbeiterin, berief sich auf die journalistischen Standards. Als Nebeneffekt wurde die Welt der Komparsenbeschaffung ans Licht der Öffentlichkeit gebracht.</p>
<p>Eine absehbare Folge der Veröffentlichung des Handbuchs: Verschwörungstheorien , die ähnliche Anleitungen auch für redaktionellen Prozess vermuten, erhalten Nahrung. Werden Nachrichten und Informationsangebote nach dem gleiche Strickmuster manipuliert? Das Moralisieren – Bestandteil der Argumentationspropaganda von Wehlings Handbuch – ist schliesslich auch längst im Bereich des Journalismus eingezogen, in dem politische «Haltung» als Tugend ausgegeben wird.</p>
<p>Nach Belustigung und Zorn stellt sich nach der Lektüre Mitleid ein. Das Machwerk Wehlings ist in Wirklichkeit ein Dokument der Hilflosigkeit; teuer bezahlt. Es stellt auch die ehrlichen Befürworter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vor grosse Probleme. Schliesslich ist nicht ganz auszuschliessen, dass Teile der ARD-Administration dieses Framing tatsächlich internalisiert haben und inzwischen glauben.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/21/framing-manual-der-ard-ein-dokument-der-hilflosigkeit/">«Framing-Manual» der ARD: ein Dokument der Hilflosigkeit</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Das ist das «Framing-Gutachten» der ARD</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/02/17/das-ist-das-framing-gutachten-der-ard/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 Feb 2019 14:43:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Framing]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die ARD hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die eigene Kommunikation zu verbessern. Das Gutachten wurde bisher nicht veröffentlicht, ist aber bereits Teil einer öffentlichen Debatte. Wir veröffentlichen das Gutachten, damit sich alle Beitragszahlende aus der Originalquelle informieren können und an der Debatte informierter teilhaben können.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die ARD hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die eigene Kommunikation zu verbessern. Das Gutachten wurde bisher nicht veröffentlicht, ist aber bereits Teil einer öffentlichen Debatte. Wir veröffentlichen das Gutachten, damit sich alle Beitragszahlende aus der Originalquelle informieren können und an der Debatte informierter teilhaben können.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/17/das-ist-das-framing-gutachten-der-ard/">Das ist das «Framing-Gutachten» der ARD</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Neues deutsches Sendungsbewusstsein: Die ARD will mit Moral das Publikum einseifen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/02/13/neues-deutsches-sendungsbewusstsein-die-ard-will-mit-moral-das-publikum-einseifen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 Feb 2019 13:56:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Framing]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein internes Manual vom «Berkeley International Framing Institute» soll dabei helfen, dass ARD-Zuschauer ihre Gebühren weniger als Pflichtbeitrag, sondern als eine Art Spende für den guten Zweck betrachten.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/13/neues-deutsches-sendungsbewusstsein-die-ard-will-mit-moral-das-publikum-einseifen/">Neues deutsches Sendungsbewusstsein: Die ARD will mit Moral das Publikum einseifen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein internes Manual vom «Berkeley International Framing Institute» soll dabei helfen, dass ARD-Zuschauer ihre Gebühren weniger als Pflichtbeitrag, sondern als eine Art Spende für den guten Zweck betrachten.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/13/neues-deutsches-sendungsbewusstsein-die-ard-will-mit-moral-das-publikum-einseifen/">Neues deutsches Sendungsbewusstsein: Die ARD will mit Moral das Publikum einseifen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Frames prüfen, nicht nur Fakten</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2018/09/11/frames-pruefen-nicht-nur-fakten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Sep 2018 13:00:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Auf dem Radar]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Framing]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>«Es gibt keinen objektiven Sinn von Wörtern, wir schöpfen aus unserer Erfahrung, was wir damit verbinden – nicht nur aus unserer individuellen, sondern aus unserer kollektiven Erfahrung als Gruppe, die sich unterhält», schreibt Radiomacher Stefan Fries zu einem Referat von Friederike Herrmann (Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt) an den Tutzinger Radiotagen. Herrmann untersucht dabei sogenannte Frames und formuliert in sechs Thesen, wie sich solche Deutungsraster auf die öffentliche Debatte auswirken. Dem Journalismus kommt dabei die hehre und anspruchsvolle Aufgabe zu, Aussagen auf Frames abzuklopfen. Denn: «Wird ein Frame erkannt und beschrieben, kann man sich seiner Deutungsmacht entziehen.» Herrmann fordert darum, dass Journalisten solche Frames genauso routiniert überprüfen sollten wie sie das mit Fakten tun.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/09/11/frames-pruefen-nicht-nur-fakten/">Frames prüfen, nicht nur Fakten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>«Es gibt keinen objektiven Sinn von Wörtern, wir schöpfen aus unserer Erfahrung, was wir damit verbinden – nicht nur aus unserer individuellen, sondern aus unserer kollektiven Erfahrung als Gruppe, die sich unterhält», schreibt Radiomacher Stefan Fries zu einem Referat von Friederike Herrmann (Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt) an den Tutzinger Radiotagen. Herrmann untersucht dabei sogenannte Frames und formuliert in sechs Thesen, wie sich solche Deutungsraster auf die öffentliche Debatte auswirken. Dem Journalismus kommt dabei die hehre und anspruchsvolle Aufgabe zu, Aussagen auf Frames abzuklopfen. Denn: «Wird ein Frame erkannt und beschrieben, kann man sich seiner Deutungsmacht entziehen.» Herrmann fordert darum, dass Journalisten solche Frames genauso routiniert überprüfen sollten wie sie das mit Fakten tun.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/09/11/frames-pruefen-nicht-nur-fakten/">Frames prüfen, nicht nur Fakten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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