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	<title>Schweizer Radio | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
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		<title>Wer liest den Economist?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Aug 2012 10:56:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Der Spiegel]]></category>
		<category><![CDATA[Schweizer Radio]]></category>
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		<category><![CDATA[Kurt Imhof]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Noch nie gab es ein so reichhaltiges und leicht verfügbares Angebot an internationalen Medien. Wir können uns jederzeit und überall umfassend über das Weltgeschehen informieren – und tun das auch: Ausländische Qualitätstitel, etwa der Economist, legen in der Schweiz kräftig zu. Gleichzeitig reisst die Klage über den Niedergang des Auslandjournalismus nicht ab. Ein Widerspruch? Die <a href="https://medienwoche.ch/2012/08/03/wer-liest-den-economist/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/08/03/wer-liest-den-economist/">Wer liest den Economist?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" alt="" src="https://medienwoche.ch/wp_live/wp-content/uploads/2012/08/weltkugel.jpg" class="alignleft" width="120" height="120" />Noch nie gab es ein so reichhaltiges und leicht verfügbares Angebot an internationalen Medien. Wir können uns jederzeit und überall umfassend über das Weltgeschehen informieren – und tun das auch: Ausländische Qualitätstitel, etwa der Economist, legen in der Schweiz kräftig zu. Gleichzeitig reisst die Klage über den Niedergang des Auslandjournalismus nicht ab. Ein Widerspruch?<br />
<span id="more-30516"></span><br />
Die Medienlandschaft wird so intensiv vermessen wie noch nie. Jeder Klick im Netz, jeder Senderwechsel mit der Fernbedienung, jedes neue Zeitungsabonnement findet Eingang in mehr oder weniger verlässliche Statistiken. Dennoch fallen immer wieder Kategorien und Nutzungsformen zwischen Stuhl und Bank. Eine solche Messlücke klafft bei der Nutzung ausländischer Medien. In den für die Branche massgeblichen Auswertungen sucht man vergeblich nach den Schweizer Zahlen von New York Times, Le Monde oder Economist. Damit bleiben die Angaben der Verlage die einzigen einigermassen verlässlichen Quellen. Von Interesse sind die Zahlen deshalb, weil sie zeigen könnten, ob internationale Medien den Rückgang der Auslandberichterstattung in Schweizer Medien zu kompensieren vermögen.</p>
<p>Eine bisher wenig bekannte Erfolgsgeschichte schreibt der Economist in der Schweiz. Die Wochenzeitschrift erreicht mit einer Auflage von 18&#8217;314 Exemplaren die höchste Marktpenetration ausserhalb ihres Heimmarkts in Grossbritannien. Im vergangenen Jahr konnte die gedruckte Auflage in der Schweiz um mehr als tausend Exemplare zulegen. Der Erfolg kommt nicht von Ungefähr. Vor zwei Jahren hat der Economist-Verlag in Genf <a href="http://www.interns.economist.com/europe/geneva" target="_blank">eine Niederlassung eröffnet</a> und betreut von dort aus die Märkte Europas, Afrikas und des Nahen Ostens. «Das Büro in Genf hat uns auch geholfen, die Position in der Schweiz zu stärken», sagt Marina Haydn, Circulation Director in der Genfer Niederlassung. «Wir bearbeiten den Markt aktiv, zum Beispiel mit einer Inseratekampagne in &#8218;Le Temps&#8216; und NZZ, sowie auf ausgewählten Online-Plattformen». Für den Erfolg in der Schweiz hat Haydn zwei Erklärungen. Zum einen zählt sie die grosse Zahl gutqualifizierter, englischsprachiger Ausländer zum Kernpublikum. Zum anderen vermutet sie, dass der Economist in der Schweiz auch deshalb so stark sei, weil es hier keine nationalen Nachrichtenmagazine oder Wochenzeitungen gibt, wie etwa in Deutschland «Der Spiegel» oder «Die Zeit».</p>
<p>Die beiden deutschen Publikationen sind es denn auch, die hinter dem Economist zu den auflagenstärksten internationalen Nachrichtenmedien in der Deutschschweiz zählen. «Der Spiegel» setzt wöchentlich 16&#8217;750 Exemplare ab und «Die Zeit» zwischen 11- und 15&#8217;000. Wie es bei der Online-Nutzung aussieht, lässt sich nicht ganz so einfach eruieren. Die New York Times teilte der MEDIENWOCHE mit, dass sie die Zugriffszahlen nicht nach Ländern aufgeschlüsselt öffentlich zur Verfügung stelle. Von anderen Verlagen erhält man zwar Nutzerzahlen, aber von jedem etwas andere, so dass sie einen Vergleich nicht zulassen.</p>
<p>Eine – wenn auch nur rudimentäre – Möglichkeit, mit einem einheitlichen Massstab zu messen, bietet «Google Insight for Websites». Damit lassen sich die Daily Unique Visitors von Websites nach der Herkunft aus einzelnen Ländern geordnet darstellen. Auch wenn die Zahlen nur beschränkt aussagekräftig sind, lässt sich damit deutlich zeigen, dass die Zugriffe aus der Schweiz auf internationale Nachrichtenseiten mehr als nur Quantité négligeable sind. Als Beispiel <a href="http://trends.google.com/websites?q=spiegel.de%2C+bbc.co.uk%2C+cnn.com%2C+lemonde.fr%2C+nzz.ch&amp;geo=CH&amp;date=all&amp;sort=0" target="_blank">ein Vergleich</a> zwischen BBC, CNN, Le Monde, Der Spiegel und der NZZ als Referenzgrösse für ein Schweizer Medium mit ausgebauter internationaler Berichterstattung (siehe nachfolgende Grafik). Auch wenn die NZZ erwartungsgemäss mit grossem Abstand an der Spitze der Nutzung liegt, erreichen die ausländischen Sites doch beträchtliche Werte. Kumuliert liegen die täglichen Zugriffszahlen dieser vier Sites gar auf dem Niveau der NZZ.</p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" class="aligncenter" src="https://medienwoche.ch/wp_live/wp-content/uploads/2012/08/google-trends-for-websites-spiegel.de-bbc.co_.uk-cnn.com-lemonde.fr-nzz.ch.jpg" alt="" width="475" height="194" /></p>
<p>Was man aus diesen Zahlen herauslesen darf, bleibt indes umstritten. Ist es zulässig, sie in Relation zur Auslandberichterstattung von Schweizer Medien stellen? Oder bleibt ein schweizerischer Blick auf die Weltpolitik unerlässlich um das globale Geschehen in den innenpolitischen Kontext einordnen zu können? Um diese Fragen ging es auch auf einer <a href="http://www.drs4news.ch/www/de/drs4/sendungen/drs4aktuell/5728.sh10227495.html" target="_blank">Podiumsdiskussion</a> beim Treffen der Auslandkorrespondenten vom Schweizer Radio Anfang Juni.</p>
<p>Die Szene kommt einem vertraut vor: Professor Kurt Imhof warnt wortreich und mit einem Hang zur Dramatik vor den fatalen Folgen für die Demokratie, wenn Schweizer Medien ihre Auslandberichterstattung weiter vernachlässigten. Mit seiner Klage hat Imhof im Studio Bern ein Heimspiel. Schliesslich kann sich das gebührenfinanzierte Radio ein weltumspannendes Netz an Berichterstattern leisten und ist damit von der professoralen Kritik ausgenommen. Den Prügelknaben gibt an diesem Juninachmittag Michael Hug. Als Chefredaktor der Berner Zeitung führt er kein Auslandressort mehr. Die internationale Berichterstattung bestreitet die BZ mit pfannenfertig angelieferten Zeitungsseiten von der Nachrichtenagentur SDA. Für Imhof eine Steilvorlage. Der Wegfall unterschiedlicher Perspektiven auf das Weltgeschehen sei ausserordentlich fatal. Und Imhof weiter: «Wenn die Medien nicht mehr selbst Erfahrungen einsammeln über geostrategische Umwälzungen, dann ist die Schweiz weniger dafür gewappnet, sich in dieser Welt zu positionieren.» So weit, so bekannt. Schliesslich ist die Klage über den Niedergang der Auslandberichterstattung in Schweizer Medien nicht ganz neu.</p>
<p>Was sich im heruntergedimmten Konferenzsaal des Radiostudios Bern zunächst als Blockgottesdienst anlässt, erfährt erst eine Irritation, als Nicola Forster bestehende Gewissheiten in Frage stellt. Der Präsident des aussenpolitischen <a href="http://www.foraus.ch/de/" target="_blank">Think-Tanks FORAUS</a> mag nicht in den Chor der Pessimisten einstimmen. Ihm bereitet der Zustand der schweizerischen Auslandberichterstattung keine Sorgen, denn die Schwäche der einen, ist die Stärke der anderen. «Die Möglichkeiten, sich zu einem günstigen Preis über internationale Zusammenhänge zu informieren, war noch nie so gut wie heute», stellt Forster fest. Der junge Jurist sagt das auch deshalb, weil er die oft als glorreich verklärte Vergangenheit des Auslandjournalismus als aktiver Medienkonsument nicht selbst erlebt hat. Als sich sogar Lokalzeitungen eigene Korrespondenten in den Metropolen der Welt leisten konnten, interessierte sich Forster noch nicht für Aussenpolitik. Heute liest er Economist, Guardian oder Huffington Post. «Die Breite des Angebots und seine permanente Verfügbarkeit wiegen den fehlenden Schweizbezug weitgehend auf», findet Forster.</p>
<p>Was dem aussenpolitisch engagierten Juristen als Selbstverständlichkeit erscheint, ist dem Medien- und Öffentlichkeitssoziologen ein Gräuel. Kurt Imhof kann Forsters Sichtweise wenig abgewinnen. Er hält sie für ein Zerrbild der Realität. Von der Verfügbarkeit internationaler Medien dürfe man nicht auf deren Relevanz für die innenpolitische Debatte schliessen, zumal es sich bei der Nutzung ausländischer Informationsmedien um einen «schmalen Elitekonsum» handle. Mit anderen Worten: Economist &amp; Co. vermögen nicht zu kompensieren, was Schweizer Medien vernachlässigen. Für Imhof ist klar: «Relevanz für Publikum und Politik konstituiert sich sozial über die Filterfunktion nationaler Medien.»</p>
<p>Eine spezifische Schweizer Optik ist sicherlich unabdingbar auf den aussenpolitisch bedeutsamsten Korrespondentenposten in Brüssel und Berlin. Bei der EU und in der deutschen Hauptstadt werden Entscheide gefällt, die den Gang der schweizerischen Innenpolitik nachhaltig beeinflussen. Wenn dagegen die x-ten Gespräche zum Atomprogramm des Iran stattfinden und ein Schweizer Radiokorrespondent darüber berichtet, dann ist der einzige Schweizbezug oft nur die Tatsache, dass der Reporter mit einem Schweizer Akzent spricht. Was den Gehalt der Berichterstattung angeht, könnte man aber genauso gut mit einem beliebigen internationalen Qualitätstitel Vorlieb nehmen.</p>
<p>Als diplomatischer Korrespondent vom Schweizer Radio berichtet <a href="http://www.drs.ch/www/de/drs/ueber-uns/team/12395.fredy-gsteiger-information.html" target="_blank">Fredy Gsteiger</a> regelmässig über Vorgänge der globalen Diplomatie. Gsteiger ist sich bewusst, dass nicht in jeden Bericht eine spezifische Schweizer Sicht einfliessen kann, aber das geschehe «doch öfter, als man das auf den ersten Blick vermuten würden». Wieviel Swissness in einem einzelnen Beitrag stecke, sei aber nicht der entscheidende Punkt. Vielmehr gehe es darum, schreibt Gsteiger auf Anfrage der MEDIENWOCHE weiter, dass sich die Schweiz – gerade als reiches und international vernetztes Land – weiterhin oder gar wieder verstärkt einen eigenen Blick auf die Welt leisten muss, um sich eine eigene Deutung der internationalen Geschehnisse vorzubehalten. Das liest sich wie ein frommer Wunsch. Als einzige Schweizer Medien unterhalten die NZZ und Schweizer Radio ein eigenes, weltumspannendes Korrespondentennetz, das eine kontinuierliche Berichterstattung aus aller Welt gewährleistet.</p>
<p>So lange es keine verlässlichen Zahlen und wissenschaftlichen Untersuchungen über die Nutzung internationaler Nachrichtenmedien in der Schweiz gibt, bleiben Aussagen über deren Leistung für den innenpolitischen Diskurs einigermassen spekulativ. Was aber ausser Zweifel steht: Mit dem umfassenden internationalen Medienangebot im Web haben die Möglichkeiten massiv zugenommen, sich kompetent über das Weltgeschehen zu informieren. Wenn Kurt Imhof in diesem Zusammenhang von einem «schmalen Elitekonsum» spricht, dann stellt sich die Frage: war das nicht schon immer so? Nur weil Schweizer Medien früher ausführlicher über das Weltgeschehen berichteten, heisst das noch lange nicht, dass sich damals auch mehr Leute dafür interessiert hatten. Und wenn es tatsächlich nur eine Elite sein sollte (wie schmal oder breit die auch immer sein mag), die sich für eine aussenpolitische Berichterstattung interessiert, dann kann die sich heute ein umfassenderes und differenzierteres Bild des Weltgeschehens machen. Das alleine ist schon ein Gewinn.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2012/08/03/wer-liest-den-economist/">Wer liest den Economist?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Die Stimme zum Znacht</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2011/09/16/die-stimme-zum-znacht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Sep 2011 07:38:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Casper Selg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Casper Selg ist eine der bekanntesten Schweizer Radiostimmen. Nach Jahren als Leiter des «Echo der Zeit» hat der 61-Jährige für die letzten Jahre seines Berufslebens als Korrespondent nach Berlin gewechselt. Die «Medienwoche» hat Selg an seinem neuen Arbeitsort besucht und mit dem Deutschland-Korrespondenten von Radio DRS einen Sonntagnachmmitag lang über Radiojournalismus, Reportagereisen und die Konvergenz <a href="https://medienwoche.ch/2011/09/16/die-stimme-zum-znacht/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Casper Selg ist eine der bekanntesten Schweizer Radiostimmen. Nach Jahren als Leiter des «Echo der Zeit» hat der 61-Jährige für die letzten Jahre seines Berufslebens als Korrespondent nach Berlin gewechselt. Die «Medienwoche» hat Selg an seinem neuen Arbeitsort besucht und mit dem Deutschland-Korrespondenten von Radio DRS einen Sonntagnachmmitag lang über Radiojournalismus, Reportagereisen und die Konvergenz bei der SRG gesprochen. Ausserdem erklärt Selg, wie der «Blick»-Test und der Glossen-Test funktionieren.<br />
<span id="more-28919"></span><br />
Ein schöner Septembersonntagmorgen, 11 Uhr, Casper Selg betritt das Café «Zimt + Zucker», den neuen «Spiegel», im Rest des Landes erst am Montag erhältlich, bereits in der Hand. Noch ahnt niemand, dass wir nicht eine, nicht zwei, nicht drei, nicht vier, sondern fünf Stunden über Journalismus sprechen werden, über Bern und Berlin, über 9/11 und die SRG. Tatsächlich vergeht die Zeit wie im Flug: Casper Selg, nach eigenen Angaben ein «Schnorri», erzählt, ohne zu langweilen. Probleme mit der Ausdauer bei diesem Kaffeehausmarathon haben allenfalls wir Besucher; gegen Schluss kommen sogar Bedenken auf, man könnte das Flugzeug zurück nach Zürich verpassen.</p>
<p>Den ganzen Nachmittag lang denke ich nicht daran, doch kaum höre ich zwei Sekunden der ersten<a href="http://www.drs1.ch/www/de/drs1/themen/zehn-jahre-nach-dem-11-september-2001/289131.292074.chronologie-der-11-september-2001-zum-nachhoeren.html"> Sondernachrichten vom 11. September 2001 um 15:30 Uhr</a>, wird mir sofort wieder bewusst, dass es sich bei Casper Selg um eine der bekanntesten Radiostimmen des Landes handelt. Nach langen Jahren als Redaktionsleiter ist er nun seit rund einem Jahr in Berlin, er wohnt ganz in der Nähe seines Büros an der Reinhardtstrasse, das er mit <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/02/guttenberg-rucktritt-live/">Stefan Reinhart</a> teilt. <a href="http://www.drs4news.ch/www/de/drs4/ueber-uns/team/87706.casper-selg-information.html">Seit 1979</a> ist er als Moderator/Redaktor beim «Echo der Zeit» tätig, über die vielen Reorganisationen der letzten Jahre beim Schweizer Radio und Fernsehen kann er nur schmunzeln. Es sei erstaunlich, wie Altes neu gefeiert werde: «Die Konvergenz ist nichts wirklich Neues. Wenn die wüssten, wie eng wir Fernseh- und Radiokorrespondenten draussen auf den Aussenstationen seit vielen Jahren schon zusammenarbeiten, hätten die alle paar Tage eine Pressemitteilung dazu herausgeben können. Auch hier in Berlin arbeiten Stefan Reinhart und ich sehr eng zusammen.»</p>
<p>Das Entdecken neuer Kieze der Stadt ist der «Begleitauftrag» seiner Frau &#8211; erkundet werden die dann gemeinsam. Selg beeindruckt, wie Berlin an schwierige, gerade geschichtliche Themen mit Stil und Subtilität herangeht und spricht die erfolgreiche Renovation des Reichstags und der Museumsinsel an. Geradezu phänomenal sei, was Deutschland aus dem Osten gemacht habe. Aufgenommen fühlt er sich in Deutschland gut: «Ich dachte, man würde als Schweizer mehr beargwöhnt, aber eigentlich ist man sehr wohlgelitten. Die Schweiz hat bei allen Missetaten, also zum Beispiel beim Bankgeheimnis oder bei Abseitsstehen von der EU, sehr wenig Ressentiments hinterlassen.» Den Vortag verbrachte er an einer Veranstaltung der Berliner Partei «Die Freiheit», an der Oskar Freysinger ein Gedicht vortrug: «Es war im Wesentlichen langweilig.»</p>
<p>Nun ist er aber nicht Berlin-, sondern Deutschland-Korrespondent. Auf Reisen geht er beispielsweise, wenn die DRS-Informationssendungen von ausserordentlichen Ereignissen wie Fukushima zugestellt sind. Für ein <a href="http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/echo-der-zeit/2646.bt10192178.html">fast zehnminütiges Feature</a> über das mehrheitlich von Rechtsradikalen bewohnte Dorf <a href="https://secure.wikimedia.org/wikipedia/de/wiki/Jamel_%28G%C3%A4gelow%29">Jamel</a> nimmt er schon mal mehrfache Reisen durch Mecklenburg-Vorpommern auf sich.</p>
<p>Sein Credo ist, dass man auch mit Respekt sehr kritisch sein kann. Um so mehr ärgert ihn die von Leitmedien angefeuerte Empörungsmaschine: «Jeder Artikel in Deutschland muss anklagen. Bis hin zur Beleidigung. Ich kann diese Artikel und Kommentare bald nicht mehr lesen. Die Fakten sind oft noch nicht klar, schon kommt der vernichtende Kommentar. Es wird nur angeprangert, oder hochgejubelt. Dazwischen ist wenig zu sehen. Für mein Empfinden ist das ein Missverständnis, kein kritischer Journalismus.» Die Kultur des Nur-Anklagens komme auch in die Schweiz, allerdings nicht in der gleichen Schärfe. «Die Aufgabe des Journalismus, erst mal Fakten und Einordnung, Veständnishilfe zu bieten, wird vernachlässigt.»</p>
<p>Wenn er zuhört, senkt Selg seinen Kopf und starrt konzentriert auf die Tischplatte. Er ist ein grosser, schlanker Mann mit langen Fingern, sandfarbenem, angegrautem Haar, Brille und Basler Dialekt. Nach etwa einer Stunde Diskussion dreht er auf, unterstützt seine Worte mit Gesten, parodiert ehemalige Gesprächspartner. Es kommt ein Vollblutjournalist zum Vorschein, der alles andere ist als ein grauer oder langweiliger Gesprächspartner. Schnell zeigt sich die rhetorische Erfahrung des langjährigen Radiomanns: er beherrscht die Debatte mühelos und kommt auch noch Minuten später auf zu kurz gekommene Seitenaspekte der Diskussion zurück. Ich sitze ihm gegenüber, und immer, wenn er etwas sagt, was er nicht publiziert haben möchte, tippt er auf meinen geöffneten Laptop, was öfters vorkommt. Als das Gespräch auf die neuen Medien dreht, vertritt er eine Haltung, die sich als gemeinsames Verständnis unter Menschen fortgeschrittenen Alters etabliert zu haben scheint. «Ich nutze das Netz seit vielen Jahren intensiv, doch ich fange sehr unwillig an, mich mit Sozialen Medien auseinanderzusetzen. Das dort übliche Mass an Selbstdarstellung stört mich. Ich gehe davon aus, dass eine Stimme, wenn sie etwas Relevantes beizutragen hat, irgendwann auch in anderen Medien zu hören ist. Aber mir ist klar, dass das heute eine ungenügende Position ist.»</p>
<p>Ich konfrontiere ihn mit einem «Weltwoche»-Artikel von 2006 über das «Echo» mit dem vielsagenden Titel «Geistige Funkstille». Nach einem Hörtest glaubte Thomas Widmer «einen intellektuell bescheidenen, expertenfixierten, brav-bieder linken Kurs» des Formats zu erkennen. Selg winkt ab, der Text dieses Wandervogels habe ihn damals als Echo-Chef zwar genervt &#8211; aber er habe seinerzeit bewusst nicht reagiert, «weil der offenbar nichts von Radio versteht». Das dort kritisierte Korrespondentengespräch (Widmer: «eine Vervielfältigung ein und derselben Internperspektive») sei keineswegs eitle Selbstbezogenheit, sondern eines der wesentlichen Radio-Formate. «Unsere Inlandredaktion ist absolut nicht links. Die SVP hat bei uns in fast jedem Beitrag ihren Platz, egal, selbst wenn man ihre jeweilige These für plump hält.» Beim Widmer-Satz «Als Stammgäste sind Experten Weltbildbestätiger» räumt Selg dann aber doch ein, diese Gefahr bestehe durchaus. Die Auswahl der Gesprächspartner werde von der «Echo»-Redaktion aber stets sorgfältig vorgenommen: «Wir fragten uns bei jedem Experten, ob er wirklich auch Experte ist. Wir achteten in diesem Sinne stets sehr darauf, wen wir nehmen.»</p>
<p>Wer Selg Engagement vorwirft, muss auch den klaren, nüchternen Denker anerkennen, der gerne empirisch vorgeht. So führt er bei strittigen Entscheidungen Tests durch. «Kann ich mir dieses Vorgehen als öffentlich-rechtlicher Journalist erlauben, wenn ich damit auf der Blick-Titelseite lande?» fragt zum Beispiel der «Blick»-Test, der als simple Richtlinie für heikle Entscheidungen dient. Denn man müsse sich, in allem, was man mache, immer bewusst sein, dass man dem Gebührenzahler verpflichtet sei. Auch die Entscheidung, ob eine Glosse publiziert wird oder nicht, muss durch einen Test: «Vier Leute hören zu, mindestens drei müssen regelmässig schmunzeln. Wenn das nicht so ist, fällt der Beitrag raus.» Bestanden hat diesen Test zum Beispiel <a href="http://www.drs1.ch/www/de/drs1/sendungen/echo-der-zeit/2646.bt10189740.html">diese Glosse</a> zum Kuhschweizer Tatort oder <a href="http://www.drs2.ch/www/de/drs2/sendungen/echo-der-zeit/2646.bt10064102.html">diese</a> über das Branding von Alpiq.</p>
<p>Bei wie vielen Znachts Schweizer Familien hat er zu Schinken, Käse, Tee und Brot auf DRS1 (um 18 Uhr) oder DRS2 (um 19 Uhr) halblaut im Hintergrund wichtige Hintergrundinformationen zum Weltgeschehen erzählt? Man kann es ausrechnen: Eine sehr aufmerksame Familie, die rituell «Echo der Zeit» einschaltet, hat der Sendung in 32 Jahren 375 volle Tage zugehört (325 Minuten pro Woche x 52 Wochen x 32 Jahre = 540.800 Minuten). «Echo der Zeit» wird seit dem 17. September 1945 ausgestrahlt, gegen 600.000 Menschen sollen die Sendungen täglich verfolgen.</p>
<p>Casper Selg ist sich bewusst, dass er als DRS-Mitarbeiter im Vergleich zu anderen Journalisten unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen arbeitet. Man merkt, dass ihm das Öffentlich-Rechtliche am Herzen liegt &#8211; bei der Diskussion um die SRG ist er darum auf Konsens bedacht, einen Kampf mit der Politik will er vermeiden: «Eine Fokussierung auf die Kernaufgabe wäre angebracht. Beim Verzicht auf populäre Formate muss man dann aber – schlimmstenfalls – auch geringere Quoten in Kauf nehmen.»</p>
<p><small>Das Gespräch mit Casper Selg fand am 4. September 2011 in Berlin statt. Mit am Tisch sassen René Worni, Nick Lüthi, Thomas Paszti und Edith Hollenstein.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2011/09/16/die-stimme-zum-znacht/">Die Stimme zum Znacht</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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