von Ronnie Grob

Die Stimme zum Znacht

Casper Selg ist eine der bekanntesten Schweizer Radiostimmen. Nach Jahren als Leiter des «Echo der Zeit» hat der 61-Jährige für die letzten Jahre seines Berufslebens als Korrespondent nach Berlin gewechselt. Die «Medienwoche» hat Selg an seinem neuen Arbeitsort besucht und mit dem Deutschland-Korrespondenten von Radio DRS einen Sonntagnachmmitag lang über Radiojournalismus, Reportagereisen und die Konvergenz bei der SRG gesprochen. Ausserdem erklärt Selg, wie der «Blick»-Test und der Glossen-Test funktionieren.

Ein schöner Septembersonntagmorgen, 11 Uhr, Casper Selg betritt das Café «Zimt + Zucker», den neuen «Spiegel», im Rest des Landes erst am Montag erhältlich, bereits in der Hand. Noch ahnt niemand, dass wir nicht eine, nicht zwei, nicht drei, nicht vier, sondern fünf Stunden über Journalismus sprechen werden, über Bern und Berlin, über 9/11 und die SRG. Tatsächlich vergeht die Zeit wie im Flug: Casper Selg, nach eigenen Angaben ein «Schnorri», erzählt, ohne zu langweilen. Probleme mit der Ausdauer bei diesem Kaffeehausmarathon haben allenfalls wir Besucher; gegen Schluss kommen sogar Bedenken auf, man könnte das Flugzeug zurück nach Zürich verpassen.

Den ganzen Nachmittag lang denke ich nicht daran, doch kaum höre ich zwei Sekunden der ersten Sondernachrichten vom 11. September 2001 um 15:30 Uhr, wird mir sofort wieder bewusst, dass es sich bei Casper Selg um eine der bekanntesten Radiostimmen des Landes handelt. Nach langen Jahren als Redaktionsleiter ist er nun seit rund einem Jahr in Berlin, er wohnt ganz in der Nähe seines Büros an der Reinhardtstrasse, das er mit Stefan Reinhart teilt. Seit 1979 ist er als Moderator/Redaktor beim «Echo der Zeit» tätig, über die vielen Reorganisationen der letzten Jahre beim Schweizer Radio und Fernsehen kann er nur schmunzeln. Es sei erstaunlich, wie Altes neu gefeiert werde: «Die Konvergenz ist nichts wirklich Neues. Wenn die wüssten, wie eng wir Fernseh- und Radiokorrespondenten draussen auf den Aussenstationen seit vielen Jahren schon zusammenarbeiten, hätten die alle paar Tage eine Pressemitteilung dazu herausgeben können. Auch hier in Berlin arbeiten Stefan Reinhart und ich sehr eng zusammen.»

Das Entdecken neuer Kieze der Stadt ist der «Begleitauftrag» seiner Frau – erkundet werden die dann gemeinsam. Selg beeindruckt, wie Berlin an schwierige, gerade geschichtliche Themen mit Stil und Subtilität herangeht und spricht die erfolgreiche Renovation des Reichstags und der Museumsinsel an. Geradezu phänomenal sei, was Deutschland aus dem Osten gemacht habe. Aufgenommen fühlt er sich in Deutschland gut: «Ich dachte, man würde als Schweizer mehr beargwöhnt, aber eigentlich ist man sehr wohlgelitten. Die Schweiz hat bei allen Missetaten, also zum Beispiel beim Bankgeheimnis oder bei Abseitsstehen von der EU, sehr wenig Ressentiments hinterlassen.» Den Vortag verbrachte er an einer Veranstaltung der Berliner Partei «Die Freiheit», an der Oskar Freysinger ein Gedicht vortrug: «Es war im Wesentlichen langweilig.»

Nun ist er aber nicht Berlin-, sondern Deutschland-Korrespondent. Auf Reisen geht er beispielsweise, wenn die DRS-Informationssendungen von ausserordentlichen Ereignissen wie Fukushima zugestellt sind. Für ein fast zehnminütiges Feature über das mehrheitlich von Rechtsradikalen bewohnte Dorf Jamel nimmt er schon mal mehrfache Reisen durch Mecklenburg-Vorpommern auf sich.

Sein Credo ist, dass man auch mit Respekt sehr kritisch sein kann. Um so mehr ärgert ihn die von Leitmedien angefeuerte Empörungsmaschine: «Jeder Artikel in Deutschland muss anklagen. Bis hin zur Beleidigung. Ich kann diese Artikel und Kommentare bald nicht mehr lesen. Die Fakten sind oft noch nicht klar, schon kommt der vernichtende Kommentar. Es wird nur angeprangert, oder hochgejubelt. Dazwischen ist wenig zu sehen. Für mein Empfinden ist das ein Missverständnis, kein kritischer Journalismus.» Die Kultur des Nur-Anklagens komme auch in die Schweiz, allerdings nicht in der gleichen Schärfe. «Die Aufgabe des Journalismus, erst mal Fakten und Einordnung, Veständnishilfe zu bieten, wird vernachlässigt.»

Wenn er zuhört, senkt Selg seinen Kopf und starrt konzentriert auf die Tischplatte. Er ist ein grosser, schlanker Mann mit langen Fingern, sandfarbenem, angegrautem Haar, Brille und Basler Dialekt. Nach etwa einer Stunde Diskussion dreht er auf, unterstützt seine Worte mit Gesten, parodiert ehemalige Gesprächspartner. Es kommt ein Vollblutjournalist zum Vorschein, der alles andere ist als ein grauer oder langweiliger Gesprächspartner. Schnell zeigt sich die rhetorische Erfahrung des langjährigen Radiomanns: er beherrscht die Debatte mühelos und kommt auch noch Minuten später auf zu kurz gekommene Seitenaspekte der Diskussion zurück. Ich sitze ihm gegenüber, und immer, wenn er etwas sagt, was er nicht publiziert haben möchte, tippt er auf meinen geöffneten Laptop, was öfters vorkommt. Als das Gespräch auf die neuen Medien dreht, vertritt er eine Haltung, die sich als gemeinsames Verständnis unter Menschen fortgeschrittenen Alters etabliert zu haben scheint. «Ich nutze das Netz seit vielen Jahren intensiv, doch ich fange sehr unwillig an, mich mit Sozialen Medien auseinanderzusetzen. Das dort übliche Mass an Selbstdarstellung stört mich. Ich gehe davon aus, dass eine Stimme, wenn sie etwas Relevantes beizutragen hat, irgendwann auch in anderen Medien zu hören ist. Aber mir ist klar, dass das heute eine ungenügende Position ist.»

Ich konfrontiere ihn mit einem «Weltwoche»-Artikel von 2006 über das «Echo» mit dem vielsagenden Titel «Geistige Funkstille». Nach einem Hörtest glaubte Thomas Widmer «einen intellektuell bescheidenen, expertenfixierten, brav-bieder linken Kurs» des Formats zu erkennen. Selg winkt ab, der Text dieses Wandervogels habe ihn damals als Echo-Chef zwar genervt – aber er habe seinerzeit bewusst nicht reagiert, «weil der offenbar nichts von Radio versteht». Das dort kritisierte Korrespondentengespräch (Widmer: «eine Vervielfältigung ein und derselben Internperspektive») sei keineswegs eitle Selbstbezogenheit, sondern eines der wesentlichen Radio-Formate. «Unsere Inlandredaktion ist absolut nicht links. Die SVP hat bei uns in fast jedem Beitrag ihren Platz, egal, selbst wenn man ihre jeweilige These für plump hält.» Beim Widmer-Satz «Als Stammgäste sind Experten Weltbildbestätiger» räumt Selg dann aber doch ein, diese Gefahr bestehe durchaus. Die Auswahl der Gesprächspartner werde von der «Echo»-Redaktion aber stets sorgfältig vorgenommen: «Wir fragten uns bei jedem Experten, ob er wirklich auch Experte ist. Wir achteten in diesem Sinne stets sehr darauf, wen wir nehmen.»

Wer Selg Engagement vorwirft, muss auch den klaren, nüchternen Denker anerkennen, der gerne empirisch vorgeht. So führt er bei strittigen Entscheidungen Tests durch. «Kann ich mir dieses Vorgehen als öffentlich-rechtlicher Journalist erlauben, wenn ich damit auf der Blick-Titelseite lande?» fragt zum Beispiel der «Blick»-Test, der als simple Richtlinie für heikle Entscheidungen dient. Denn man müsse sich, in allem, was man mache, immer bewusst sein, dass man dem Gebührenzahler verpflichtet sei. Auch die Entscheidung, ob eine Glosse publiziert wird oder nicht, muss durch einen Test: «Vier Leute hören zu, mindestens drei müssen regelmässig schmunzeln. Wenn das nicht so ist, fällt der Beitrag raus.» Bestanden hat diesen Test zum Beispiel diese Glosse zum Kuhschweizer Tatort oder diese über das Branding von Alpiq.

Bei wie vielen Znachts Schweizer Familien hat er zu Schinken, Käse, Tee und Brot auf DRS1 (um 18 Uhr) oder DRS2 (um 19 Uhr) halblaut im Hintergrund wichtige Hintergrundinformationen zum Weltgeschehen erzählt? Man kann es ausrechnen: Eine sehr aufmerksame Familie, die rituell «Echo der Zeit» einschaltet, hat der Sendung in 32 Jahren 375 volle Tage zugehört (325 Minuten pro Woche x 52 Wochen x 32 Jahre = 540.800 Minuten). «Echo der Zeit» wird seit dem 17. September 1945 ausgestrahlt, gegen 600.000 Menschen sollen die Sendungen täglich verfolgen.

Casper Selg ist sich bewusst, dass er als DRS-Mitarbeiter im Vergleich zu anderen Journalisten unter vergleichsweise komfortablen Bedingungen arbeitet. Man merkt, dass ihm das Öffentlich-Rechtliche am Herzen liegt – bei der Diskussion um die SRG ist er darum auf Konsens bedacht, einen Kampf mit der Politik will er vermeiden: «Eine Fokussierung auf die Kernaufgabe wäre angebracht. Beim Verzicht auf populäre Formate muss man dann aber – schlimmstenfalls – auch geringere Quoten in Kauf nehmen.»

Das Gespräch mit Casper Selg fand am 4. September 2011 in Berlin statt. Mit am Tisch sassen René Worni, Nick Lüthi, Thomas Paszti und Edith Hollenstein.

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