von Ronnie Grob

Guttenberg-Rücktritt live

Eigentlich wollte ich mit Stefan Reinhart, dem Berlin-Korrespondenten des Schweizer Fernsehens, ein Interview führen. Doch dazu kam es nicht, denn gerade als wir beginnen wollten, trat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zurück.

Das Protokoll des Dienstagmorgens:

10:30 Uhr: Stefan Reinhart begrüsst mich in seinem Büro an der Berliner Reinhardtstrasse. Ich sehe einen Schreibtisch mit vielen Zeitungen, Büchern und anderen Papieren. Einen Windows-Computer, einen Drucker, ein Radiogerät, ein Festnetztelefon, einen Fernseher und ein DVD/HDD-Gerät. Zwei gut gefüllte Regale mit Videokassetten. In der Ecke eine rote Couch. Und an der Wand eine Deutschlandkarte, eine Berlinkarte sowie ein grosses CDU-Wahlplakat mit Angela Merkel, auf dem «Wir haben die Kraft» steht.

10:35 Uhr: Ich klappe meinen Laptop auf, starte die Tonaufnahme und will gerade meine erste Frage stellen, da piepst Stefan Reinharts Handy: News-Alert. Verteidigungsminister zu Guttenberg bittet die Presse um 11:15 Uhr in den Bendlerblock, seinen offiziellen Dienstsitz. Auf bild.de prangt riesig die Ankündigung einer Mitteilung von Guttenberg auf schwarzem Hintergrund, als wäre jemand gestorben, flankiert von einer Werbung des «Circus Roncalli».

10:37 Uhr: Sofort greift Reinhart zum Telefonhörer. Er bestellt sich Termine im Studio für die «Tagesschau»-Sendungen von 12:45 Uhr und 19:30 Uhr. Und bittet die Redaktion in Zürich, ihm das inzwischen auch per E-Mail vom Verteidigungsministerium angekündigte Pressestatement um 11:15 Uhr aufzunehmen.

10:39 Uhr: Reinhart grinst: «Jetzt muss ich mich rasieren.» Ausgerechnet heute morgen sei bei ihm zuhause das Wasser abgestellt worden. Kein Grund, um besorgt zu sein: «Ich habe immer alles hier, auch die Uniform» – er zeigt auf ein weisses Hemd, das vor einem längsgestreiften Sakko an einem Haken an der Wand hängt. Um den Kleiderbügel geschlungen ist eine violette «Versace»-Krawatte.

10:41 Uhr: «Ich bin auf sehr vielen E-Mail-Verteilern. Das kann im Alltag sehr mühsam sein, dafür erhält man in solchen Situationen die wichtigen Informationen.»

10:44 Uhr: «Wenn ich jetzt gleich losrasen würde, könnte ich es noch schaffen, live an der Pressekonferenz mit dabei zu sein. Aber es lohnt sich fast nicht: Abgesehen davon, dass ich nicht sehen kann, wie er sich persönlich hinstellt, verpasse ich nichts. Ansonsten gehe ich gerne selber hin, weil man so ein besseres Gefühl für die Situation erhält.»

10:50 Uhr: Reinhart erzählt, dass er gestern an der Präsentation einer Guttenberg-Biografie von zwei FAZ-Journalisten war. Die nun natürlich ziemlich unvollständig ist – ein aktualisierter Nachdruck ist bereits in Arbeit.

10:55 Uhr: Weitere Telefongespräche wechseln sich ab mit Zigarettenpausen am Fenster. Reinhart beobachtet dabei fortlaufend zahlreiche Medien: ZDF, Phoenix, n-tv, N24. Und bild.de, spiegel.de, faz.net, tagesanzeiger.ch, nzz.ch.

11:15 Uhr: Auf dem Fernseher flimmert eine Duplex-Schaltung auf Phoenix, dem Ereigniskanal von ARD und ZDF. Reinhart bemitleidet die beiden Journalisten: «Die müssen jetzt Fläche machen. Und reden, reden, reden, bis es anfängt …»

11:16 Uhr: Guttenberg tritt im Bendlerblock vor die Mikrofone. Die TV-Sender dürfen nichts live bringen, nur n-tv bringt den Live-Stream der Audioaufnahme und unterlegt sie mit Archivbildern (siehe dazu meedia.de). Reinhart: «Was für eine simple Idee. Einfach das Handy hinhalten.»

11:30 Uhr: Stefan Reinhart schnappt sich den Rasierapparat vom Regal und verschwindet ins Badezimmer. «Es ist widerlich, mit Elektro zu rasieren!»

11:35 Uhr: Phoenix zeigt die Rücktrittsrede re-live. Sie endet pathetisch: «Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.» Auf bild.de ist bereits jetzt die Rede im Wortlaut zu lesen.

11:55 Uhr: Reinhart macht sich auf der ausgedruckten Meldung von bild.de erste handschriftliche Notizen. Und bearbeitet die SF-Redaktionsplattform, wo die gesamte Planung der einzelnen Beiträge festgehalten wird.

12:01 Uhr: Er lehnt sich über den Tisch und sortiert Papiere: «Jetzt kann ich wohl die Termine mit Guttenberg, die ich mir für die Wahl in Baden-Württemberg ausgedruckt habe, wegschmeissen.»

12:13 Uhr: Ein Telefongespräch mit der Redaktion per Handy. Drei Fragen für die Tagesschau um 12:45 Uhr werden einzeln abgesprochen.

12:25 Uhr: Probleme mit dem Drucker, die drei Fragen wollen nicht aufs Papier! Über den Copy-Paste-Umweg und mit Word klappt es dann doch noch.

12:27 Uhr: Bettina Schausten nennt im ZDF Christian Schmidt als möglichen Nachfolger. Die Quelle: «Unionskreise».

12:28 Uhr: Reinhart zieht das Hemd an.

12:30 Uhr: Wir wechseln ins Studio, das nur eine Treppe höher ist.

12:33 Uhr: Ich setze mich in den abgedunkelten Regieraum: Monitore, Mischpult, Stille.

12:35 Uhr: Reinhart ist auf mehreren Bildschirmen zu sehen. Auf einem sieht man, dass er vor einem grünen Hintergrund sitzt. Auf den anderen sitzt er im Vordergrund der Reichstagskuppel, neben der Deutschland-Flaggen wehen. So sehen das auch die Zuschauer zuhause.

12:37 Uhr: Er richtet sich die Frisur und bereitet sich mit Sprechübungen auf den Auftritt vor. Immer wieder probiert er verschiedene Sätze aus, die er nachher live sagen will. Trinkt ein Glas Wasser. Macht Grimassen, um das Gesicht zu lockern. Richtet die Brille. Warten auf den Anruf aus der Schweiz. Auf einem Monitor blinkt das Schweizer Fernsehen auf. Werbung. Dann Meteo.

12:40 Uhr: Die Redaktion aus Zürich ruft an.

12:45 Uhr: Die Tagesschau beginnt, die Themen: Guttenberg-Rücktritt, Interview mit Gaddafi, Tod der Schauspielerin Jane Russell. Reinhart hustet.

12:46 Uhr: Die Rücktrittsrede wird eingespielt, Guttenberg erzählt vom «schmerzlichsten Schritt seines Lebens.»

12:47 Uhr: Das Livegespräch beginnt.

12:55 Uhr: Reinhart ist nur bedingt zufrieden, denn die Antwort auf die zweite Frage ist nicht ganz geglückt. Der Durchschnittzuschauer zuhause wird es kaum bemerken.

13:00 Uhr: Wir verabschieden uns, vielleicht klappt das Interview ja das nächste Mal.

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Leserbeiträge

Leisi 02. März 2011, 10:10

«…, flankiert von einer Werbung des «Circus Roncalli». Sehr schön. Aufmerksamkeiten dieser Art machen einfach Spass 🙂

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