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	<title>Suizid | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Thu, 27 Jan 2022 16:46:49 +0000</lastBuildDate>
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		<title>SRF nimmt bei «Wilder» Suizid-Verantwortung nicht wahr</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/01/27/srf-nimmt-bei-wilder-suizid-verantwortung-nicht-wahr/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 27 Jan 2022 16:46:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Serie]]></category>
		<category><![CDATA[Suizid]]></category>
		<category><![CDATA[Wilder]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Experten schlagen Alarm: Suizide sind in der Corona-Pandemie zu einem riesigen Problem geworden. Das lässt die «Wilder»-Serie von SRF kalt. Ein Kommentar.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Experten schlagen Alarm: Suizide sind in der Corona-Pandemie zu einem riesigen Problem geworden. Das lässt die «Wilder»-Serie von SRF kalt. Ein Kommentar.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/01/27/srf-nimmt-bei-wilder-suizid-verantwortung-nicht-wahr/">SRF nimmt bei «Wilder» Suizid-Verantwortung nicht wahr</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Mitarbeitende in Krisen: Vom Mut, Probleme anzusprechen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/02/26/mitarbeitende-in-krisen-vom-mut-probleme-anzusprechen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Eliane Stöckli]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 Feb 2019 08:49:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Beruf & Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Burnout]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitsmanagement]]></category>
		<category><![CDATA[Suizid]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Stress am Arbeitsplatz gehört für viele Mitarbeitende schon fast zur Normalität. Was aber, wenn man nicht mehr aus dem Stress herauskommt und sich eine psychische Erkrankung entwickelt? Vorgesetzte können etwas tun: Prävention und Gesundheitsförderung Kanton Zürich bietet für HR-Fachleute und Führungskräfte Kurse zum Thema «Mitarbeitende in Krisen» an.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/26/mitarbeitende-in-krisen-vom-mut-probleme-anzusprechen/">Mitarbeitende in Krisen: Vom Mut, Probleme anzusprechen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Stress am Arbeitsplatz gehört für viele Mitarbeitende schon fast zur Normalität. Was aber, wenn man nicht mehr aus dem Stress herauskommt und sich eine psychische Erkrankung entwickelt? Vorgesetzte können etwas tun: Prävention und Gesundheitsförderung Kanton Zürich bietet für HR-Fachleute und Führungskräfte Kurse zum Thema «Mitarbeitende in Krisen» an.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/26/mitarbeitende-in-krisen-vom-mut-probleme-anzusprechen/">Mitarbeitende in Krisen: Vom Mut, Probleme anzusprechen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Sterbehilfe als Medienereignis</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/02/21/sterbehilfe-als-medienereignis/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Susanne Wenger]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Feb 2019 14:22:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Suizid]]></category>
		<category><![CDATA[Sterbehilfe]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Über Suizidfälle berichten Medien generell vorsichtig. Geht es aber um Sterbehilfe, legen sie jede Zurückhaltung ab. Tatsache ist: Begleitete Suizide nehmen in der Schweiz zu, das Thema ist öffentlich präsent. Die Rolle der Medien wird dabei noch wenig reflektiert. Eine Schweizerin mit Demenz-Diagnose möchte Suizidbeihilfe beanspruchen, bevor sie den eigenen Namen nicht mehr kennt. Die <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/21/sterbehilfe-als-medienereignis/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Über Suizidfälle berichten Medien generell vorsichtig. Geht es aber um Sterbehilfe, legen sie jede Zurückhaltung ab. Tatsache ist: Begleitete Suizide nehmen in der Schweiz zu, das Thema ist öffentlich präsent. Die Rolle der Medien wird dabei noch wenig reflektiert.</strong><br />
<img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-66439" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-Sterbehilfe_20190222a.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-Sterbehilfe_20190222a.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-Sterbehilfe_20190222a-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-Sterbehilfe_20190222a-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-Sterbehilfe_20190222a-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/02/MW-Sterbehilfe_20190222a-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Eine Schweizerin mit Demenz-Diagnose möchte Suizidbeihilfe beanspruchen, bevor sie den eigenen Namen nicht mehr kennt. Die Zeitschrift «Beobachter» porträtierte kürzlich die Frau, schilderte eindrücklich ihr Ringen um Lebensqualität und Selbstbestimmung. In einem ergänzenden Interview äusserte sich der stellvertretende Leiter der Freitodbegleitung von Exit zum richtigen Zeitpunkt der Suizidbeihilfe. Demenzkranke verpassten diesen oft, stellte er fest, denn wenn jemand nicht mehr urteilsfähig sei, sei ein assistierter Suizid aus rechtlichen Gründen nicht mehr möglich.</p>
<blockquote><p>«Im Vergleich zum Ausland berichten Schweizer Medien heute unaufgeregt über Suizidbeihilfe.»<br />
<small>Heinz Rüegger, Ethiker und Gerontologe</small></p></blockquote>
<p>Medienbeiträge wie dieser zeugen davon, dass Suizidbeihilfe, Tod und Sterben nicht mehr tabu sind. Dem emanzipatorischen Anliegen, über das eigene Lebensende zu bestimmen, verschaffen sie Öffentlichkeit. Es richtet sich gegen eine als paternalistisch empfundene Medizin, eine moralisch bevormundende Kirche. Gleichzeitig könnte man kritisch fragen, ob das Pendel im öffentlichen Diskurs nicht zu sehr auf diese Seite ausgeschlagen ist. Zum Thema Suizidgedanken bei Demenz wären jedenfalls auch Experten denkbar, die nicht in der Sterbehilfe tätig sind. Beispielsweise eine Vertretung der Alzheimervereinigung, die auch die Sicht und die Nöte der Angehörigen einbringen würde.</p>
<p>Der Zürcher Ethiker und Gerontologe Heinz Rüegger beobachtet die Entwicklung beim begleiteten Suizid und die Berichterstattung dazu seit vielen Jahren. Er sagt: «Im Vergleich zum Ausland berichten Schweizer Medien heute unaufgeregt über Suizidbeihilfe.» Die Berichterstattung erfolge vor dem Hintergrund, dass die liberale Gesetzeslage in der Schweiz breit akzeptiert sei. Tatsächlich konnten sich mehrere Versuche in den letzten Jahren, die Suizidbeihilfe ausdrücklich im Strafrecht zu regeln, nicht durchsetzen. Der Bundesrat setzt stattdessen auf Prävention und <a href="https://www.palliative.ch/de/palliative-ch/" target="_blank" rel="noopener">Palliativversorgung</a>. Suizidbeihilfe ist legal, wenn sie nicht aus eigennützigen Motiven erfolgt. Der Sterbewunsch muss autonom gefällt, wohlerwogen und konstant sein, ein Arzt muss die Urteilsfähigkeit bestätigen, ein Diagnoseschreiben ausstellen und das Sterbemittel verschreiben.</p>
<blockquote><p>Jede vierte Suizidbegleitung erfolgt nicht bei tödlichen Erkrankungen, sondern bei sogenannt polymorbiden Älteren.</p></blockquote>
<p>In der Deutschschweiz und im Tessin begleitete Exit letztes Jahr 905 Personen beim Suizid, wie der Verein vor wenigen Tagen bekanntgab. In der Westschweiz schieden 299 Personen mit der Organisation Exit Suisse Romande aus dem Leben. Damit ist ein neuer Höchststand erreicht. Auch der Trend, dass assistierter Suizid in der alternden Gesellschaft zum Seniorenthema wird, setzt sich fort. Oder vielmehr: zum Seniorinnenthema. Mehr Frauen als Männer nehmen sich auf diese Weise das Leben. Die grosse Mehrheit der Begleiteten ist im Rentenalter, bei Exit im Schnitt über 78-jährig. Und schon jede vierte Begleitung erfolgt nicht bei tödlichen Erkrankungen, sondern bei sogenannt polymorbiden Älteren. Dabei gehe es um «mehrere Gebrechen und Gebresten, die der alte Mensch nicht mehr ertragen will», wie Exit-Sprecher Jürg Wiler sagt.</p>
<p>Suizidbeihilfe ist in der Schweiz also eine Realität, und die Medien informieren darüber. Doch wie sollen sie das tun? Die Baselbieter Lokalredaktion der «bz Basel» steht immer wieder vor dieser Frage, weil die Sterbehilfeorganisation Lifecircle in ihrer Region tätig ist. Die Zeitung stellt zu bestimmten Berichten einen Kasten mit Informationen zu Hilfsangeboten bei Suizidgedanken. Ein bewusster Entscheid, sagt Ressortleiter Hans-Martin Jermann: «Von der redaktionellen Haltung her stehen wir der Sterbehilfe offen gegenüber, auch aus einem liberalen Verständnis heraus. Aber wir wollen sie mit unseren Berichten nicht noch promoten.»</p>
<p>Offensiv geht die Westschweizer Zeitung «Le Temps» ans Werk. Auf ihrer Website bietet sie einer französischen Suizidbeihilfe-Aktivistin eine Plattform. Titel des Blogs: «La vieillesse est une maladie incurable.» (Deutsch: Das Alter ist eine unheilbare Krankheit.) Die Frau, sie ist Mitte siebzig, hat angekündigt, sich Anfang nächsten Jahres im Berner Oberland mit Lifecircle das Leben zu nehmen. In Frankreich, wo sie wohnt, ist Suizidbeihilfe verboten. Die Französin will sterben, bevor Altersbeschwerden sie erreichen und solange sie noch «schön» ist («mourir encore belle»).</p>
<blockquote><p>Der nächste laute Tod in der Schweiz ist bereits angekündigt, eine sterbewillige Französin betreibt auf der «Le-Temps»-Website einen Blog.</p></blockquote>
<p>Neben der Begründung löste auch die Mediatisierung des geplanten Suizids – so er denn tatsächlich stattfinden wird – kontroverse Reaktionen aus. Das gehe zu weit, sagte selbst ein Vertreter von Exit Suisse Romande am Westschweizer Fernsehen. Warum das «Le-Temps»-Blog? Die Debatte über das Lebensende verändere sich, das zeige die sterbewillige Autorin, sagt Online-Chefredaktor Gaël Hurlimann zur MEDIENWOCHE: «Sie will eine Diskussion anstossen über das Altern und den Tod. Das sind Themen, die wir nicht verdrängen sollten.» Als Gastautoren seien die «Le-Temps»-Bloggerinnen und- Blogger frei, ihre Meinung zu schreiben, so der Digitalchef. Das Blog sei eingebettet in kritische redaktionelle Berichte über das Vorgehen der Französin und allgemein zum assistierten Suizid und zur Frage, wo dessen Grenzen lägen. Demnächst wird sich der Presserat zur «Le-Temps»-Berichterstattung äussern, denn die Schweizer Bischofskonferenz hat eine Beschwerde eingereicht.</p>
<p>Für das ganze letzte Jahr weist die Schweizer Mediendatenbank SMD über 1200 Beiträge mit den Stichworten «Sterbehilfe» und «Suicide assisté» aus. Zum Vergleich: Fünfzehn Jahre vorher waren es noch nicht einmal halb so viele. Anlässe um zu berichten, gab und gibt es immer wieder. 2018 waren das unter anderem die kontroverse Debatte um die Rolle der Ärzte und die Bestrebungen von Exit, dass alte Menschen erleichterten Zugang zu Suizidbeihilfe erhalten sollten. Greifen die Medien solche umstrittenen Themen auf, üben sie eine gewisse Kontrollfunktion aus und ermöglichen Meinungsbildung. Doch auch über konkrete Suizide wird berichtet. Und spätestens da wird es laut Präventionsfachleuten heikel.</p>
<p>Wie im Mai 2018, als ein 104-jähriger Australier in die Schweiz reiste, um sich hier mit Lifecircle das Leben zu nehmen. Um die Botschaft zu verbreiten, dass älteren Menschen mit Sterbewunsch überall auf der Welt das Recht auf Suzidbeihilfe zustehen sollte, inszenierte er sein Ableben öffentlich. Das Medieninteresse war riesig. Internationale und Schweizer Medien berichteten ausführlich. Bis zu den Vorbereitungshandlungen im Sterbezimmer in Liestal hielten die Kameras drauf. Er sei nicht unheilbar krank, sah man ihn noch den Arzt korrigieren, der ihm das nötige Formular zur Unterschrift vorlegte. Der Suizid eines alten Mannes als globales Medienereignis.</p>
<blockquote><p>Über den begleiteten Suizid eines 104-jährigen Australiers in der Schweiz wurde genau so berichtet, wie Fachleute seit Jahren davon abraten. Weil die Forschung den sogenannten Werther-Effekt kennt.</p></blockquote>
<p>«Das war ein katastrophales Signal», findet Thomas Reisch. Der ärztliche Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen im Kanton Bern forscht zu Suizid und Suizidprävention. Er kritisiert nicht, dass berichtet wurde, sondern wie: schlagzeilenträchtig, in allen Einzelheiten, glorifizierend («neue Ikone der Sterbehilfe», «letzte Mahlzeit wie Jesus Christus»), den Suizid als einzige Lösung darstellend. Also exakt so, wie Fachleute seit Jahren davon abraten. Weil die Forschung den sogenannten Werther-Effekt kennt. Er besagt, dass unbedachte <a href="https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/89094/Werther-Effekt-Dem-Suizid-von-Robin-Williams-folgte-ein-Anstieg-der-Selbstmorde" target="_blank" rel="noopener">Medienberichte zu Nachahmungssuiziden führen</a>. Werther-Effekt wird das Phänomen genannt, weil schon im 18. Jahrhundert der fiktionale Suizid in Goethes Roman junge Intellektuelle reihenweise zum Suizid veranlasst haben soll.</p>
<p>Den Werther-Effekt wies vor mehr als vierzig Jahren der US-Soziologe David Phillips erstmals nach. Seither wurde er mehrfach untersucht. Studien spezifisch zur Wirkung von Berichten über assistierten Suizid fehlen, sowohl auf medienwissenschaftlicher wie auch auf medizinischer Seite. Organisierte Beihilfe ist ein jüngeres Phänomen und in vielen Ländern verboten. Doch für Reisch spricht manches dafür, ebenfalls von einem Werther-Effekt auszugehen. «Gerade bei älteren Menschen setzt sich das im ‹Mindset›, also in der Denkweise, fest und wird hervorgeholt, wenn die Lebensumstände schwierig werden, zum Beispiel, weil eine Pflegebedürftigkeit eintritt», sagt der Suizidforscher. Alternativen zum begleiteten Suizid würden diese dann gar nicht mehr in Erwägung ziehen. Suizidale Personen hätten eine Art Tunnelblick auf sich selbst, sagt Reisch: «Die oft auch von den Medien kolportierte Feststellung, es handle sich um Bilanzsuizid, frei und rational gefällt, ist zu hinterfragen.»</p>
<blockquote><p>Eine Häufung von Berichten kann im Einzelfall die Schwelle senken, Suizidbeihilfe zu beanspruchen.</p></blockquote>
<p>Die Basler Alterspsychiaterin und Wissenschaftlerin Gabriela Stoppe betrachtet die Berichterstattung ebenfalls mit Sorge: «Während es Konsens gibt, über Suizid möglichst nicht zu berichten, um Nachahmungstaten zu verhindern, kann ich das beim assistierten Suizid nicht feststellen, ganz im Gegenteil.» Eine Häufung von Berichten kann laut Stoppe im Einzelfall die Schwelle senken, Suizidbeihilfe zu beanspruchen. Besonders, weil diese medial oft in ein beinahe positives Deutungsraster gestellt werde: die saubere Suizidvariante, friedlich, zu Musik. Beim 104-jährigen Australier war es Beethovens 9. Symphonie, wie die Medien rapportierten.</p>
<p>Die Sterbewilligen würden in den Medien als sehr selbstbestimmt beschrieben, was die Professorin einseitig findet. «Sterbewünsche gehen bei alten Menschen oft mit Ängsten einher: Angst vor Abhängigkeit, vor Würdeverlust, vor den Pflegekosten», sagt Stoppe, die eine Praxis für mentale Probleme im höheren Lebensalter leitet. Sie ist auch Präsidentin von Ipsilon, dem Dachverband für Suizidprävention in der Schweiz. Ipsilon stellt Journalistinnen und Journalisten einen Leitfaden mit <a href="http://www.ipsilon.ch/de/medien/medienguidelines.cfm" target="_blank" rel="noopener">Empfehlungen zur Darstellung von Suizid in den Medien</a> zur Verfügung. Dieser wird jetzt überarbeitet und an die Entwicklungen bei der Suizidbeihilfe und den digitalen Medien angepasst.</p>
<blockquote><p>Der Journalistenkodex sagt: Nur in bestimmten Fällen sei das öffentliche Interesse an Berichten über Suizid gegeben.</p></blockquote>
<p>Die Medienbranche unterwirft sich der freiwilligen Selbstverpflichtung, bestimmte Formen der Suizidberichterstattung aus dem publizistischen Wettbewerb zu nehmen. In der <a href="https://presserat.ch/journalistenkodex/richtlinien/" target="_blank" rel="noopener">Richtlinie 7.9. des Journalistenkodexes</a> mahnt der Schweizer Presserat zu Zurückhaltung. Nur in bestimmten Fällen sei das öffentliche Interesse an Berichten über Suizid gegeben. Die Richtlinie basiert auf einem Leitentscheid des Presserats von 1992, den Medienwissenschaftler Roger Blum ausarbeiten half. Die Stellungnahme sei auf herkömmliche Suizide gemünzt gewesen, erinnert sich der heutige Ombudsmann von Schweizer Radio und Fernsehen: «Die Suizidbeihilfe war damals noch kein grosses Thema.»</p>
<p>Doch seither hat sich der Presserat, die Instanz für medienethische Fragen, mehrmals mit Beschwerden zu Berichten über Suizidbeihilfe befasst. Daraus ist abzulesen, dass das Gebot der Zurückhaltung auch für diese gilt. Eine Zeitung beschrieb die bei der Sterbehilfeorganisation Dignitas verwendete Methode im Urteil des Presserats zu detailliert. Hingegen verletzte ein TV-Dokumentarfilm über einen psychisch kranken Arzt, der mit Exit in den Tod ging, die Branchenregeln nicht. Die Nachahmungsgefahr bestehe grundsätzlich, befand der Presserat, doch der Film sei nicht reisserisch aufgemacht gewesen.</p>
<blockquote><p>Die Medienpräsenz von Promis, die sich öffentlich zu ihrer Mitgliedschaft bei einer Sterbehilfeorganisation bekennen, bringt Exit &amp; Co. jeweils sprunghaft Zulauf.</p></blockquote>
<p>Zu vielbeachteten Mediengeschichten wurden in den letzten Jahren Schweizer Prominente, die ihre Mitgliedschaft bei einer Sterbehilfeorganisation publik machen. Ständerat This Jenny, Fussballtrainer Timo Konietzka und Sportreporter-Legende Karl Erb nahmen sich mit Exit das Leben. Jenny und Konietzka waren unheilbar an Krebs erkrankt. Erb, der mit 92 Jahren starb, war wegen einer Augenkrankheit fast blind und litt an einer Herzkrankheit. Bevor er seine Selbständigkeit ganz verliere, werde er seinem Leben ein Ende setzen, hatte er zuvor im «Blick» angekündigt. Solche Medienpräsenz bringt den Sterbehilfeorganisationen jeweils sprunghaft Zulauf. 2014, als der populäre This Jenny mit Exit ging, traten 12&#8217;000 Neumitglieder bei. Der Verein hat heute über 120&#8217;000 Mitglieder, mehr als je zuvor.</p>
<p>Ob prominent oder nicht, wenn Mitglieder von sich aus an die Öffentlichkeit gelangten, würden sie zu «Botschaftern des selbstbestimmten Sterbens», sagt Exit-Sprecher Jürg Wiler. Auch Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit durch Exit selber sei nötig, weil sich dem Anliegen «leider immer noch Behördenkreise, Teile des Gesundheitswesens und die Kirchen entgegenstellen». Bei Exit glaubt man nicht, dass die öffentliche Präsenz des Themas zu mehr assistierten Suiziden führt. Exit begleite nur nach wohlüberlegtem Entscheid aus schwerwiegenden Gründen: «Falls es bei jemandem einen Nachahmereffekt gäbe, würde das im internen Kontrollverfahren auffallen.»</p>
<blockquote><p>Die Zahl der assistierten Suizide in der Schweiz hat sich zwischen 2003 und 2016 verfünffacht.</p></blockquote>
<p>Eine Mitgliedschaft bedeute nicht, dass Suizidbeihilfe in Anspruch genommen werde, sagt der Sprecher zu den anschwellenden Mitgliederzahlen. Bei den meisten komme es nicht soweit: «Doch allein die Gewissheit, dass der Notausgang bei unerträglichem Leiden bestünde, wirkt entlastend.» Nur 1,5 Prozent aller Sterbefälle in der Schweiz seien auf assistierten Suizid zurückzuführen, fügt Wiler an. Fakt ist aber auch: Die Zahl der assistierten Suizide in der Schweiz hat sich zwischen 2003 und 2016 verfünffacht, <a href="https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/gesundheit/gesundheitszustand/sterblichkeit-todesursachen/spezifische.assetdetail.7008105.html" target="_blank" rel="noopener">von 187 auf 928 Fälle pro Jahr</a>. Und ab 2020 kommen die geburtenstärksten Babyboomer-Jahrgänge ins Rentenalter, eine Generation, die Werte wie Autonomie und Selbstbestimmung besonders hochhält.</p>
<p>Ist es der Zeitgeist, der zu mehr Suizidbeihilfe führt? Die Prägekraft des öffentlichen Diskurses? Da kann schon die Sprache einen Unterschied machen, wie eine letztes Jahr publizierte, gemeinsame <a href="https://www.uni-muenchen.de/forschung/news/2018/arendt_suizid.html" target="_blank" rel="noopener">Studie von Münchner Medienforschern und Wiener Medizinern</a> nachweist. Texte mit dem Begriff «Freitod» führten bei Leserinnen und Lesern zu einem grösseren Verständnis für den Suizid unheilbar Kranker als solche, in denen von «Selbstmord» oder «Suizid» die Rede war. Die Forschenden empfehlen den Medien, neutrale, nichtwertende Begriffe wie Suizid und assistierter Suizid zu verwenden. In der Schweiz wird Suizidbeihilfe medial meist als Sterbehilfe bezeichnet, was den Aspekt des Suizids gänzlich verdeckt. <a href="https://www.bj.admin.ch/bj/de/home/gesellschaft/gesetzgebung/archiv/sterbehilfe/formen.html" target="_blank" rel="noopener">Juristisch unpräzis ist es sowieso</a>.</p>
<blockquote><p>Medienwissenschaftler Roger Blum plädiert dafür, sich bei der Berichterstattung über Suizidbeihilfe auf eine medienethische Perspektive zu konzentrieren.</p></blockquote>
<p>Über die Wirkung von Medien lasse sich ewig streiten, sagt der emeritierte Medienwissenschaftler Roger Blum. Er plädiert dafür, sich bei der Berichterstattung über Suizidbeihilfe auf eine medienethische Perspektive zu konzentrieren. Dazu gehöre, den Persönlichkeitsschutz für Betroffene und Angehörige bei diesem sehr privaten Thema zu wahren und die Suizidbeihilfe vor allem als gesellschaftliches Phänomen darzustellen: die Debatte abzubilden, Pro und Kontra sowie mögliche Folgen aufzuzeigen. Einzelne Suizide «mitzuzelebrieren», hält Blum «medienethisch nicht für opportun».</p>
<p>Auch die anderen Fachleute, mit denen die MEDIENWOCHE sprach, empfehlen eine Öffnung des Blickwinkels. «Der assistierte Suizid ist nur ein kleiner Teil des selbstbestimmten Sterbens», sagt Ethiker Heinz Rüegger. Das moderne Gesundheitswesen fordere uns alle heraus, festzulegen, wie lange die Medizin gegen den Tod ankämpfen solle. In fast sechzig Prozent der Todesfälle in der Schweiz <a href="https://www.media.uzh.ch/de/medienmitteilungen/2016/verzicht-auf-lebensverlaengernde-massnahmen.html" target="_blank" rel="noopener">geht ein Entscheid voraus</a>, das Sterben zuzulassen. Das überfordere viele, weiss Rüegger, der auch als Heimseelsorger tätig war: «Es ist ein neues kulturelles Paradigma des Sterbens, das in den Medien noch kaum Widerhall findet.»</p>
<p>Im Bereich Suizidprävention wird den Medien Verantwortung zugesprochen. Denn neben dem Werther-Effekt ist auch der Papageno-Effekt nachgewiesen: dass umsichtige Berichterstattung <a href="https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/detailseite/2018/news-im-november-2018/papageno-effekt-aufklaerung-durch-andere-menschen-mit-eigenen-suizidalen-erfahrungen-kann-suizidgedanken-verringern/" target="_blank" rel="noopener">Suizide und Suizidgedanken reduzieren kann</a>. Benannt ist der Effekt nach <a href="
https://www.youtube.com/watch?v=lcTR0rZWSGY" target="_blank" rel="noopener">Mozarts Opernfigur Papageno</a>, der dank mitmenschlichem Beistand eine suizidale Krise überwindet. «Berichte über Hilfsangebote für ältere Menschen oder ein Porträt von jemandem, der vom Suizidwunsch abgekommen ist und die Situation gemeistert hat, könnten bei assistierten Suiziden protektiv wirken», sagt Suizidforscher Thomas Reisch.</p>
<p>Für Präventionsexpertin Gabriela Stoppe gehört auch eine stereotype Medienberichterstattung über das Alter und den demografischen Wandel in dieses Kapitel: «Ich lese oft den Begriff ‹Überalterung›, der das Alter abwertet.» Medien sollten nicht zu einem gesellschaftlichen Klima beitragen, in dem die Älteren sich als Last vorkämen, sagt Stoppe. Die Langlebigkeit sei eine historisch neue Situation, den Umgang damit gelte es noch zu erlernen: «Kommen wir doch öffentlich ins Gespräch über Lebenssinn im hohen Alter. Und darüber, wie Unterstützung für alte Menschen gemeinschaftlich organisiert werden kann.» Denn auch als selbstbestimmte Individuen, sagt die Alterspsychiaterin, «leben wir in Beziehungen.»</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/02/21/sterbehilfe-als-medienereignis/">Sterbehilfe als Medienereignis</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Verantwortungsvolle Suizid-Berichterstattung</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2018/09/12/verantwortungsvolle-suizid-berichterstattung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Sep 2018 10:13:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Auf dem Radar]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Suizid]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach dem mutmasslichen Suizid des ehemaligen DSDS-Stars Daniel Kübelböck steht einmal mehr die Frage im Raum, wie sorgfältig die Medien über ein solches Ereignis berichten. Fachleute haben den Eindruck, dass Redaktionen die Suizidberichterstattung heute sorgfältiger angehen, etwa indem sie auf Hilfsangebote hinweisen. Das könnte auch das Ergebnis von Sensibilisierungskampnen sein, vermutet etwa Franco Baumgartner, Geschäftsführer der «Dargebotenen Hand». Christian Beck von persoenlich.com hat sich bei Schweizer Verlagen umgehört und festgestellt, dass die grossen Online-Medien, wie 20min.ch, blick.ch oder watson.ch konsequent Infoboxen zu ihren Berichten über Suizidfälle dazustellen.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/09/12/verantwortungsvolle-suizid-berichterstattung/">Verantwortungsvolle Suizid-Berichterstattung</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Nach dem mutmasslichen Suizid des ehemaligen DSDS-Stars Daniel Kübelböck steht einmal mehr die Frage im Raum, wie sorgfältig die Medien über ein solches Ereignis berichten. Fachleute haben den Eindruck, dass Redaktionen die Suizidberichterstattung heute sorgfältiger angehen, etwa indem sie auf Hilfsangebote hinweisen. Das könnte auch das Ergebnis von Sensibilisierungskampnen sein, vermutet etwa Franco Baumgartner, Geschäftsführer der «Dargebotenen Hand». Christian Beck von persoenlich.com hat sich bei Schweizer Verlagen umgehört und festgestellt, dass die grossen Online-Medien, wie 20min.ch, blick.ch oder watson.ch konsequent Infoboxen zu ihren Berichten über Suizidfälle dazustellen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/09/12/verantwortungsvolle-suizid-berichterstattung/">Verantwortungsvolle Suizid-Berichterstattung</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>TV-Serie erhöht Suizidrisiko</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2018/07/12/tv-serie-erhoeht-suizidrisiko/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Jul 2018 18:19:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Suizid]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Dutzende Jugendliche wurden unter dem Einfluss der Netflixserie «13 reasons why» in den psychiatrischen Notfall eingeliefert.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Dutzende Jugendliche wurden unter dem Einfluss der Netflixserie «13 reasons why» in den psychiatrischen Notfall eingeliefert.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2018/07/12/tv-serie-erhoeht-suizidrisiko/">TV-Serie erhöht Suizidrisiko</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Une femme de lettre»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/09/22/une-femme-de-lettre/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2013/09/22/une-femme-de-lettre/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Sep 2013 09:21:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Weltwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Niklaus Meienberg]]></category>
		<category><![CDATA[Aline Graf]]></category>
		<category><![CDATA[Jürg Ramspeck]]></category>
		<category><![CDATA[Sex]]></category>
		<category><![CDATA[Suizid]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Niklaus Meienberg und Aline Graf führten von 1984 bis zu seinem Tod 1993 eine Beziehung, die vor allem aus Sex und Gesprächen bestand. Das Buch von 1998, «Der andere Niklaus Meienberg &#8211; Aufzeichnungen einer Geliebten», wieder gelesen. Die viereinhalb Jahre nach dem Selbstmord von Niklaus Meienberg erschienenen Aufzeichnungen von Aline Graf sind mit Vorsicht zu <a href="https://medienwoche.ch/2013/09/22/une-femme-de-lettre/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Niklaus Meienberg und Aline Graf führten von 1984 bis zu seinem Tod 1993 eine Beziehung, die vor allem aus Sex und Gesprächen bestand. Das Buch von 1998, «Der andere Niklaus Meienberg &#8211; Aufzeichnungen einer Geliebten», wieder gelesen.<br />
<span id="more-15916"></span><br />
Die viereinhalb Jahre nach dem Selbstmord von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Niklaus_Meienberg">Niklaus Meienberg</a> erschienenen Aufzeichnungen von Aline Graf sind mit Vorsicht zu konsumieren, sie zeigen lediglich die eine Seite einer Beziehung auf. Doch sie wirken authentisch und lösen das Versprechen, einen «anderen Meienberg» zu zeigen, durchaus ein. Ein gieriger, brummliger, ernsthafter, egoistischer, bisweilen auch depressiver Meienberg. Was auch immer das Buch an nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Enthüllungen bereit hält, kleingeistig oder kleinmütig wirkt Meienberg dabei nie. Nie geht es ihm um den Schein, immer um die Sache.</p>
<p>Ein Telefongespräch auf Seite 117 bringt die Beziehung der beiden auf den Punkt:</p>
<blockquote><p>Und weiter belehre ich ihn: «Moi je suis une femme de lettre, pour ça je ne peux pas te dire ce que je porte», M. lenkt sofort ein.</p></blockquote>
<p>Meienberg ruft Graf alle paar Tage, paar Wochen wieder an, auch mitten in der Nacht oder frühmorgens, fragt, was sie grade an habe und gibt dann bekannt, er komme in einer halben Stunde vorbei. Dann trinkt man und treibt es miteinander, öfters auch zweimal. Mehrfach zerreisst Meienberg dabei Grafs Unterwäsche, sie notiert ins Tagebuch, wie viel die Dessous jeweils gekostet haben &#8211; um sich wenige Seiten später über den Geiz Meienbergs auszulassen, der sie nie zum Essen einlädt und ihr nie etwas mitbringt. Sie konversieren auf Französisch oder Hochdeutsch, manchmal auch auf Englisch, ihm geht es um den Sex, ihr um die Gespräche, die Liebe, die Dichtkunst, das Leben und noch viel mehr, ein Drama zwischen zwei Menschen. Warum Meienberg sie immer wieder anruft? «Weil du so offen bist.» (S. 61).</p>
<p>«M.», wie sie ihn stets vielsagend nennt, will von ihr wissen, welche der Benennungen für den Geschlechtsverkehr sie am besten finden würde: «Bumsen, vögeln, ficken, nehmen etc.»; doch sie findet alle diese Ausdrücke «vulgär, abgegriffen, abgeschmackt und daneben» (S. 186). Aline Graf nutzt tatsächlich keine solchen Begriffe, sie schreibt von «frequentieren», «praktizieren», «Liebes-Angelegenheit», «Liebes-Gerangel» oder schreibt einfach nüchtern: «Nachdem die sexuelle Angelegenheit erledigt ist &#8230;» (S. 118).</p>
<p>Das Buch zeugt davon, wie zwei aneinander geraten können, und nicht wieder voneinander loskommen. Aus einer zufälligen Bekanntschaft in einem Nachtzug nach Paris wird für beide mehr, als sie sich selbst eingestehen wollen, eine Art gegenseitiges Suchtverhältnis. Graf über ihn (S. 403): «Mit gebrochener, abgrundtief depressiver Stimme fleht er mich an, ihn doch anzurufen &#8230;». Graf über sich (S. 97): «Ich beschliesse, zu einem Psychiater nach Rapperswil zu gehen, um von M. loszukommen». Ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buchs <a href="http://lukesch.ch/Text98_28.htm">beklagt sie bitter</a>:</p>
<blockquote><p>Na wunderbar: Tote Männer sind also automatisch gute Männer. Nein, ich weigere mich, bei dieser ganzen verlogenen Tabuisierung von Tod und Selbstmord mitzumachen. Und ich halte auch nichts davon, aus Künstlern und Schriftstellern halbe Heilige zu machen, die Anrecht auf eine Sonderbehandlung haben. Meienberg war eine Person der Öffentlichkeit, und wenn eine solche Person moralisch verwerfliche Sachen macht und eine Frau acht Jahre lang in seiner Abhängigkeit hält, darf man das ja wohl schreiben.</p></blockquote>
<p>Waren die immer neuen Kontaktversuche von Meienberg moralisch verwerflich? Immerhin ist Graf auf diese stets aus freien Stücken eingegangen und hat auch selbst den Kontakt immer wieder aufgenommen. Während er ihr gegenüber bemerkenswert ehrlich war, hat sie ihn mit ihren heimlichen Notizen hintergangen und am Ende aus der Beziehung sogar künstlerisch und finanziell Kapital geschlagen. Ernsthafte Bemühungen, sich von ihm zu lösen, finden sich in den Aufzeichnungen erst 1991. Im Eintrag vom 13. Juni heisst es:</p>
<blockquote><p>Eigentlich ist mein Leben alles andere als abgeschlossen. Der Aufbruch findet erst statt. Meine Befreiung von M. ist das Grösste für mein Ich, wenn überhaupt etwas wichtig ist. Der bedeutendste Punkt in meinem Dasein.</p></blockquote>
<p>Ihrer Situation ist sie sich durchaus bewusst (S. 245/246):</p>
<blockquote><p>Er könnte mit tausend polnischen Krankenschwestern weggehen, ich hätte kein Recht, ihm etwas vorzuwerfen. Meine Eifersucht, die ich anderen immer vorhalte. Ich weiss, dass ich absolut kein Recht auf ihn habe. Trotzdem brennt sich dieses Gefühl wie ein Feuer-Schwert in mein Herz, in meine Eingeweide hinein, zerstört mich, zerstört mein Ich! Mein ganzes Selbstbewusstsein! Es macht mich schlechtweg «mad».</p></blockquote>
<p>Jedes Mal, wenn sie Konkurrentinnen wittert, gerät sie in eine Krise und reagiert unsouverän. Einer attestiert sie «zerbrechliche Geissen-Beinlein» (S. 167), über eine andere heisst es: «Sie ist so gross wie ich, aber das Unförmige sind bei ihr die Hüften, sie hat keine Hüften» (S. 146).</p>
<p>Um das Thema Selbstmord geht es öfters im Buch: «Ich bin stark suizidgefährdet», sagt Meienberg (S. 139). Und fragt sie (S. 211): «Was macht man gegen Depressionen?»:</p>
<blockquote><p>Ich frage M., wie sich diese Depressionen bei ihm auswirken würden, er gesteht, er sei dann gedanklich verwirrt, könne keinen klaren Gedanken fassen. Die letzten Tage hätte er als Ablenkung gelesen. Aber das gehe auch nicht endlos so weiter. Man könne nicht immer Zuflucht zum Lesen finden. Natürlich sei er dann zu gelähmt, um zu schreiben, sei zur Untätigkeit verdammt.</p></blockquote>
<p>Das Problem der Beziehung ist das Gefälle. Er, der immer berühmter werdende Schriftsteller und Journalist, sie, die 17 Jahre jüngere, vor der Öffentlichkeit versteckte, literarisch erfolglose. Meienberg gibt sich tatsächlich Mühe (oder behauptet das zumindest ihr gegenüber), ihre dichterische Arbeit mit seinen Kontakten zu fördern, doch die Redaktionen und Verlage reagieren nur immer mit höflichen Absagen und Ausweichmanövern. Selbst nach den verheerenden Reaktionen auf die Veröffentlichung und einem desaströsen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=y9yWFS02VSU">Interview mit Roger Schawinski</a> gibt sich Graf <a href="http://www.lukesch.ch/Text98_28.htm">zuversichtlich</a>: «Das war mein erstes, noch relativ harmloses Buch. Aber die Öffentlichkeit wird mit mir rechnen müssen &#8211; da kommt noch einiges.» Selbst vom Literaturnobelpreis träumt sie öffentlich.</p>
<p><iframe width="460" height="345" src="//www.youtube.com/embed/y9yWFS02VSU" frameborder="0" allowfullscreen></iframe></p>
<p>Veröffentlicht wurde seither nichts mehr, Graf lebt zurückgezogen, zuletzt bekannt wurde <a href="http://www.meienberg.ch/aktuell/ueberbleibsel/archiv-ueberbleibsel/was-macht-eigentlich-aline-graf/index.html">2005</a>, dass sie als Übersetzerin arbeitet. In der Rezension des «Spiegel» (<a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-7892347.html">«Die Affäre der Einsamen»</a>) ist zu lesen, sie sei «bildungshungrig, prominentengeil und schutzbedürftig». Graf sieht diesen Text <a href="http://www.lukesch.ch/Text98_28.htm">so</a>:</p>
<blockquote><p>Vergessen Sie nicht: Sogar der «Spiegel» hat mein Buch wohlwollend besprochen. Das ganze war für mich eine hochinteressante Erfahrung, die mir viel über den Zustand der Schweiz offenbart hat.</p></blockquote>
<p>Das Ungleichgewicht zwischen Meienberg und ihr, aber auch zwischen den eigenen Vorstellungen und der Realität, muss verarbeitet werden. So entsteht das 800-seitige, handschriftliche Manuskript. Es landet bei Jürg Ramspeck, der es auf die Hälfte kürzt und dabei vor allem die erotischen Stellen kürzt, was erstaunt, strotzt das Tagebuch doch nur so von pikanten Passagen.</p>
<p>Ramspeck befindet sich bei der «Weltwoche» nach 14 Jahren in der Chefredaktion in bereits gekündigtem Zustand und muss noch ein paar Monate absitzen. Also kommt man auf die Idee, dass er das Buch als Lektor betreut. In drei Monaten tippt er das Manuskript druckfertig in den Computer ab und nimmt so auch am Schicksal von Graf teil: «Ich hatte nie das Gefühl, dass sie Meienberg niedermacht. Sie hat ihre Erlebnisse verarbeitet beim Niederschreiben.» Ramspeck betreute Meienberg als Redaktor bei der Weltwoche: «Er wollte ernstgenommen werden als Autor und Historiker und nicht angehimmelt werden von Leuten, die in ihm den Bürgerschreck sahen. Er wollte immer Gegenwind, er wollte jemand, der ihn kritisch liest und ihm auch kritische Rückmeldungen gibt.»</p>
<p>Die Ablehnung des Buchs durch die Medien ist so einhellig (Ausnahme: Yvonne-Denise Köchli in der «Weltwoche») und hämisch nicht gerechtfertigt. Sie entstammt grösstenteils dem Neid auf das eigensinnige Leben Meienbergs einerseits und der Schadenfreude über die «Rache» seiner heimlichen Geliebten andererseits. Oder ging es um echte Solidarität ihm gegenüber, der zur Veröffentlichung nichts mehr sagen konnte? Dann hätte man das Buch nicht herausgeben und diskutieren dürfen. Es scheint fast, als hätten sich damals einige daran ergötzt, des grossen Meienbergs privates Leben so aufgedeckt zu sehen.</p>
<p>Ob das eigenwillig aufgeschriebene und inhaltlich einzigartige Werk literarischen oder dokumentarischen Gehalt hat, ist fraglich. Doch die Literaturwissenschaft täte gut daran, Aline Grafs originale Aufzeichnungen einer Analyse zu unterziehen, sie sind vielleicht wertvoller, als viele glauben. Dem «Tages-Anzeiger» sagte sie 1999:</p>
<blockquote><p> Das Buch hat bei vielen Wut erzeugt. Der ganze Volkskörper Schweiz hat sich auf mich geworfen. Ein Minimum an Menschlichkeit wäre schön gewesen. Es ist doch gemein, dass Spiesser, die selbst nicht den Mut haben, persönliche Dinge zu nennen, so auf einen losgehen. Der Öffentlichkeit und den Medien fehlen einfach die emotionale Intelligenz, um meinen Fall zu begreifen.</p></blockquote>
<p><small>«Der andere Niklaus Meienberg &#8211; Aufzeichnungen einer Geliebten» (Weltwoche ABC Verlag, 1998, 422 Seiten).</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/09/22/une-femme-de-lettre/">«Une femme de lettre»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Experten der Ferndiagnose</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/08/01/experten-der-ferndiagnose/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 01 Aug 2013 11:04:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Suizid]]></category>
		<category><![CDATA[Werther-Effekt]]></category>
		<category><![CDATA[Experten]]></category>
		<category><![CDATA[Swisscom]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Le Matin]]></category>
		<category><![CDATA[Carsten Schloter]]></category>
		<category><![CDATA[Experte]]></category>
		<category><![CDATA[Spekulation]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nach dem Tod von Swisscom-Chef Carsten Schloter schlägt die Stunde der Psychologen und Suizid-Experten. Die allerlei vermuten, obwohl nichts bekannt ist – Fachleute empfehlen, solche Mutmassungen zu unterlassen. Mehrheitlich aber berichten die Schweizer Medien angemessen über das überraschende Lebensende des beliebten Managers. Am frühen Nachmittag des 23. Juli verbreitete sich die auf swisscom.ch veröffentlichte Medienmitteilung <a href="https://medienwoche.ch/2013/08/01/experten-der-ferndiagnose/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Nach dem Tod von Swisscom-Chef Carsten Schloter schlägt die Stunde der Psychologen und Suizid-Experten. Die allerlei vermuten, obwohl nichts bekannt ist – Fachleute empfehlen, solche Mutmassungen zu unterlassen. Mehrheitlich aber berichten die Schweizer Medien angemessen über das überraschende Lebensende des beliebten Managers.<br />
<span id="more-15247"></span><br />
Am frühen Nachmittag des 23. Juli verbreitete sich die auf swisscom.ch veröffentlichte <a href="http://www.swisscom.ch/de/ghq/media/mediareleases/2013/07/20130723_MM_Carsten_Schloter.html">Medienmitteilung</a> über den Freitod von Carsten Schloter. Sie hinterliess die allermeisten von uns in Überraschung und Sprachlosigkeit: Dass sich einer der besten und sympathischsten Schweizer Manager, und dazu einer der wenigen, die dem Medienwandel unerschrocken gegenüber standen, umgebracht haben sollte, war kaum zu glauben. Auch wir fragten uns, wie wir damit umgehen sollten. Ist es in Ordnung, unser im März veröffentlichtes <a href="https://medienwoche.ch/2013/03/15/ich-war-noch-nie-relaxed/">Interview</a> in den Fokus zu stellen, damit es Aufmerksamkeit und Klicks erhält? Profitieren wir so etwa von seinem Tod?</p>
<p>Wir haben es gemacht und würden es wieder tun, aber der Freitod ist ein heikles Thema mit unzähligen Stolperfallen, die vielen nicht bewusst sind. In seiner <a href="http://presserat.ch/13050.htm">Richtlinie 7.9</a> empfiehlt der Schweizer Presserat bei der Information über Suizide «grösste Zurückhaltung» und hält nur einige Umstände fest, in denen eine Berichterstattung angebracht ist. Im Fall Schloter treffen diese zu, darum soll berichtet werden. Weiter steht da:</p>
<blockquote><p>In allen Fällen beschränkt sich die Berichterstattung auf die für das Verständnis des Suizids notwendigen Angaben und darf keine intimen oder gar herabsetzenden Einzelheiten enthalten. Um das Risiko von Nachahmungstaten zu vermeiden, verzichten Journalistinnen und Journalisten auf detaillierte, präzise Angaben über angewandte Methoden und Mittel.</p></blockquote>
<p>Details, wie sich Schloter umgebracht hat, sind keine an die Öffentlichkeit gelangt. Zwar teilte die Boulevardzeitung «Le Matin» ihren Leser am Tag danach auf der Titelseite mit, wie sich Schloter umgebracht habe, doch das blieb pure Spekulation, weshalb die Zeitung diese Informationen zurückzog. Inzwischen ist auf <a href="http://www.lematin.ch/">Lematin.ch</a> dazu nichts mehr zu lesen.</p>
<p>Informationen müssen aber frei sein, sagen die einen zum Thema. Andere finden, dass solche Details nicht mehr als eine von Klatschsucht getriebene Neugier befriedigen. Man kann darüber unterschiedlicher Auffassung sein, als «statistisch belegbares Phänomen» jedoch gelten Nachahmungseffekte, die auf sehr detailierte, gar romantisierende Schilderungen von Suiziden folgen, siehe dazu den Wikipedia-Artikel <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Werther-Effekt">Werther-Effekt</a>. Um Nachahmungstaten zu vermeiden, <a href="http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/werther.html">empfehlen</a> Fachleute den Medien, a) Angaben zur biologischen und sozialen Identität zu vermeiden, b) Angaben zu Suizidmethode und Suizidort zu vermeiden und c) nicht über Ursachen und Bewertungen des Suizides zu spekulieren.</p>
<p>Im Fall Schloter kann a) nicht erfüllt werden und ist b) teilweise erfüllt &#8211; c) dagegen wurde von sehr vielen Medien in aller Ausführlichkeit gemacht. Ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, lieferte das «Oltner Tagblatt» in der Ausgabe vom 27. Juli. Chefredaktor Beat Nützi macht sich auf der Titelseite «Gedanken zum Freitod», was eine Ferndiagnose ohne Anhaltspunkte bleibt, also eine «Analyse», die nicht auf der Grundlage von Fakten aufgebaut ist. Nützi schreibt, natürlich ohne selbst irgendwas geahnt zu haben oder gar vor etwas gewarnt zu haben: «Doch eigentlich hätten Schloters Interviewaussagen als Hilferuf wahrgenommen werden müssen. Eigentlich.» Übertitelt ist das Stück mit einem Titel, der exakt so lautet, wie er gemäss den Fachleuten nicht lauten sollte.</p>
<p>Generell stösst die Expertenhörigkeit vieler Medien sauer auf: Obwohl keine Quelle bekannt gemacht hat, weshalb Carsten Schloter aus dem Leben schied, versammeln die Medien allerlei Mutmassungen, die einen bunten Strauss von möglichen Gründen bilden, wie sie jeder nach etwas Nachdenken auch finden könnte. Experten dürfen nicht dazu eingesetzt werden, um die Spekulationen von Journalisten auszusprechen. Wer spekulieren will, soll den Mut aufbringen und mit dem eigenen Namen dazu stehen. Tatsächlich liefern muss der Journalismus aber Fakten, und nicht Mutmassungen.</p>
<p>Verdienen die Medienschaffenden nicht auch etwas Nachsicht? Sie stehen mitten in der Ferienzeit zwischen einem riesigen Informationsbedürfnis seitens der Leserschaft und einer ausgedörrten Quellenlage. Nichts ist bekannt, niemand sagt etwas, nichts darf geschrieben werden. Am Schluss scheint nur noch das Schweigen oder die Spekulation zu bleiben. Auch Felicie Notter, die für MEDIENWOCHE das Interview mit Schloter geführt hatte, wurde von Medien als Expertin angefragt (was sie ablehnte): «So griffen die Journalisten eben nach den irgendwie verfügbaren Experten und kratzten alle vorhandenen Informationen zusammen, gerade auch aus den Interviews, in denen Schloter persönliche Töne angeschlagen hatte. Vieles waren aber sachliche Analysen &#8211; man wusste nur nicht, ob zu der richtigen Frage.»</p>
<p>«Das meiste in den Medien war fair, würdig und angemessen», sagt Swisscom-Sprecher Sepp Huber, der 13 Jahre mit Schloter zusammengearbeitet hatte und auch unzählige Interviews begleitete. Einige lokale Medien seien mit ihren Recherchemethoden jedoch zu weit gegangen und hätten Mitgliedern der Trauerfamilie vor dem Haus von Carsten Schloter aufgelauert. «Le Matin» hat sich im Nachhinein für die deplatzierte Titelzeile schriftlich bei Swisscom entschuldigt. Negative Rückmeldungen erhielt die Zeitung vor allem seitens der eigenen Leser.</p>
<p>Der Deutschschweizer Boulevard berichtet einigermassen ausgewogen. <a href="http://www.20min.ch/finance/news/story/17026632">20min.ch</a> zeigt Fotos sowie unkommentierte (und verwackelte) Aufnahmen, die Keystone bereitgestellt hat. Und <a href="http://www.blick.ch/news/wirtschaft/wie-soll-ich-den-stern-finden-auf-dem-papi-sitzt-id2389435.html">Blick.ch</a> liefert einen Bericht über die Trauerfeier inklusive Videobeitrag &#8211; fragwürdig hierbei sind einige sehr kurze Videosequenzen, die trauernde Gäste zeigen sowie eine Textpassage, die Aussagen weiterverbreitet, welche die Freundin von Schloter zu Bekannten gesagt haben soll.</p>
<p>Von Verwandten und anderen nicht-öffentlichen Personen werden keine Fotos und keine Namen gezeigt, Videoaufnahmen aus der Kirche oder vom Friedhof gibt es keine. Zu Wort und Bild kommen offenkundig nur öffentliche Personen, die für ein Interview bereit sind. Man kann sich fragen, wie angemessen es ist, vielbeschäftige und unter Druck stehende Manager direkt nach einer offensichtlich aufwühlenden Trauerfeier eines vielbeschäftigen und unter Druck stehenden Managers zum Reden zu bringen. Man kann aber auch davon ausgehen, dass nur jene Menschen in die Kamera gesprochen haben, die das auch selbst wollten.</p>
<p>«Der Mediendruck war schon unmittelbar vor Publikation unserer Medienmitteilung sehr hoch», sagt Huber weiter. Er wurde gegen 9 Uhr mit der Meldung konfrontiert, schon um 11:30 Uhr stellten (Westschweizer) Medien erste Anfragen, um 13.30 Uhr ging dann die Medienmitteilung online. «Die Erfahrung in Krisenkommunikation hilft einem, unter höchstem Druck möglichst professionell zu arbeiten. Die Trauer und der Schmerz über den Verlust eines sehr nahestehenden Menschen trifft einen voll, wenn der grösste Druck der Arbeit weg ist. Bei mir persönlich war das abends, nachts und morgens. Während Tagen konnte ich die Tragik morgens beim Aufwachen nicht fassen, es erschien mir wie ein ganz schlimmer Traum, traurige Gewissheit erfuhr ich beim Lesen der neusten Medienberichte. Ich musste mich teils auch zwingen, alles zu lesen.»</p>
<p>Beim Schweizer Presserat sind zum Tod von Carsten Schloter bisher keine Beschwerden eingegangen, wie dessen Sekretär Martin Künzi auf Anfrage mitteilt.</p>
<p><small><a href="http://www.tageswoche.ch/de/2012_46/basel/482051/suizidgedanken-was-tun.htm">«Suizidgedanken – was tun?»</a> &#8211; eine Antwort von Dr. med. Martin Eichhorn.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/08/01/experten-der-ferndiagnose/">Experten der Ferndiagnose</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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