von Ronnie Grob

«Une femme de lettre»

Niklaus Meienberg und Aline Graf führten von 1984 bis zu seinem Tod 1993 eine Beziehung, die vor allem aus Sex und Gesprächen bestand. Das Buch von 1998, «Der andere Niklaus Meienberg – Aufzeichnungen einer Geliebten», wieder gelesen.

Die viereinhalb Jahre nach dem Selbstmord von Niklaus Meienberg erschienenen Aufzeichnungen von Aline Graf sind mit Vorsicht zu konsumieren, sie zeigen lediglich die eine Seite einer Beziehung auf. Doch sie wirken authentisch und lösen das Versprechen, einen «anderen Meienberg» zu zeigen, durchaus ein. Ein gieriger, brummliger, ernsthafter, egoistischer, bisweilen auch depressiver Meienberg. Was auch immer das Buch an nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Enthüllungen bereit hält, kleingeistig oder kleinmütig wirkt Meienberg dabei nie. Nie geht es ihm um den Schein, immer um die Sache.

Ein Telefongespräch auf Seite 117 bringt die Beziehung der beiden auf den Punkt:

Und weiter belehre ich ihn: «Moi je suis une femme de lettre, pour ça je ne peux pas te dire ce que je porte», M. lenkt sofort ein.

Meienberg ruft Graf alle paar Tage, paar Wochen wieder an, auch mitten in der Nacht oder frühmorgens, fragt, was sie grade an habe und gibt dann bekannt, er komme in einer halben Stunde vorbei. Dann trinkt man und treibt es miteinander, öfters auch zweimal. Mehrfach zerreisst Meienberg dabei Grafs Unterwäsche, sie notiert ins Tagebuch, wie viel die Dessous jeweils gekostet haben – um sich wenige Seiten später über den Geiz Meienbergs auszulassen, der sie nie zum Essen einlädt und ihr nie etwas mitbringt. Sie konversieren auf Französisch oder Hochdeutsch, manchmal auch auf Englisch, ihm geht es um den Sex, ihr um die Gespräche, die Liebe, die Dichtkunst, das Leben und noch viel mehr, ein Drama zwischen zwei Menschen. Warum Meienberg sie immer wieder anruft? «Weil du so offen bist.» (S. 61).

«M.», wie sie ihn stets vielsagend nennt, will von ihr wissen, welche der Benennungen für den Geschlechtsverkehr sie am besten finden würde: «Bumsen, vögeln, ficken, nehmen etc.»; doch sie findet alle diese Ausdrücke «vulgär, abgegriffen, abgeschmackt und daneben» (S. 186). Aline Graf nutzt tatsächlich keine solchen Begriffe, sie schreibt von «frequentieren», «praktizieren», «Liebes-Angelegenheit», «Liebes-Gerangel» oder schreibt einfach nüchtern: «Nachdem die sexuelle Angelegenheit erledigt ist …» (S. 118).

Das Buch zeugt davon, wie zwei aneinander geraten können, und nicht wieder voneinander loskommen. Aus einer zufälligen Bekanntschaft in einem Nachtzug nach Paris wird für beide mehr, als sie sich selbst eingestehen wollen, eine Art gegenseitiges Suchtverhältnis. Graf über ihn (S. 403): «Mit gebrochener, abgrundtief depressiver Stimme fleht er mich an, ihn doch anzurufen …». Graf über sich (S. 97): «Ich beschliesse, zu einem Psychiater nach Rapperswil zu gehen, um von M. loszukommen». Ein halbes Jahr nach Erscheinen des Buchs beklagt sie bitter:

Na wunderbar: Tote Männer sind also automatisch gute Männer. Nein, ich weigere mich, bei dieser ganzen verlogenen Tabuisierung von Tod und Selbstmord mitzumachen. Und ich halte auch nichts davon, aus Künstlern und Schriftstellern halbe Heilige zu machen, die Anrecht auf eine Sonderbehandlung haben. Meienberg war eine Person der Öffentlichkeit, und wenn eine solche Person moralisch verwerfliche Sachen macht und eine Frau acht Jahre lang in seiner Abhängigkeit hält, darf man das ja wohl schreiben.

Waren die immer neuen Kontaktversuche von Meienberg moralisch verwerflich? Immerhin ist Graf auf diese stets aus freien Stücken eingegangen und hat auch selbst den Kontakt immer wieder aufgenommen. Während er ihr gegenüber bemerkenswert ehrlich war, hat sie ihn mit ihren heimlichen Notizen hintergangen und am Ende aus der Beziehung sogar künstlerisch und finanziell Kapital geschlagen. Ernsthafte Bemühungen, sich von ihm zu lösen, finden sich in den Aufzeichnungen erst 1991. Im Eintrag vom 13. Juni heisst es:

Eigentlich ist mein Leben alles andere als abgeschlossen. Der Aufbruch findet erst statt. Meine Befreiung von M. ist das Grösste für mein Ich, wenn überhaupt etwas wichtig ist. Der bedeutendste Punkt in meinem Dasein.

Ihrer Situation ist sie sich durchaus bewusst (S. 245/246):

Er könnte mit tausend polnischen Krankenschwestern weggehen, ich hätte kein Recht, ihm etwas vorzuwerfen. Meine Eifersucht, die ich anderen immer vorhalte. Ich weiss, dass ich absolut kein Recht auf ihn habe. Trotzdem brennt sich dieses Gefühl wie ein Feuer-Schwert in mein Herz, in meine Eingeweide hinein, zerstört mich, zerstört mein Ich! Mein ganzes Selbstbewusstsein! Es macht mich schlechtweg «mad».

Jedes Mal, wenn sie Konkurrentinnen wittert, gerät sie in eine Krise und reagiert unsouverän. Einer attestiert sie «zerbrechliche Geissen-Beinlein» (S. 167), über eine andere heisst es: «Sie ist so gross wie ich, aber das Unförmige sind bei ihr die Hüften, sie hat keine Hüften» (S. 146).

Um das Thema Selbstmord geht es öfters im Buch: «Ich bin stark suizidgefährdet», sagt Meienberg (S. 139). Und fragt sie (S. 211): «Was macht man gegen Depressionen?»:

Ich frage M., wie sich diese Depressionen bei ihm auswirken würden, er gesteht, er sei dann gedanklich verwirrt, könne keinen klaren Gedanken fassen. Die letzten Tage hätte er als Ablenkung gelesen. Aber das gehe auch nicht endlos so weiter. Man könne nicht immer Zuflucht zum Lesen finden. Natürlich sei er dann zu gelähmt, um zu schreiben, sei zur Untätigkeit verdammt.

Das Problem der Beziehung ist das Gefälle. Er, der immer berühmter werdende Schriftsteller und Journalist, sie, die 17 Jahre jüngere, vor der Öffentlichkeit versteckte, literarisch erfolglose. Meienberg gibt sich tatsächlich Mühe (oder behauptet das zumindest ihr gegenüber), ihre dichterische Arbeit mit seinen Kontakten zu fördern, doch die Redaktionen und Verlage reagieren nur immer mit höflichen Absagen und Ausweichmanövern. Selbst nach den verheerenden Reaktionen auf die Veröffentlichung und einem desaströsen Interview mit Roger Schawinski gibt sich Graf zuversichtlich: «Das war mein erstes, noch relativ harmloses Buch. Aber die Öffentlichkeit wird mit mir rechnen müssen – da kommt noch einiges.» Selbst vom Literaturnobelpreis träumt sie öffentlich.

Veröffentlicht wurde seither nichts mehr, Graf lebt zurückgezogen, zuletzt bekannt wurde 2005, dass sie als Übersetzerin arbeitet. In der Rezension des «Spiegel» («Die Affäre der Einsamen») ist zu lesen, sie sei «bildungshungrig, prominentengeil und schutzbedürftig». Graf sieht diesen Text so:

Vergessen Sie nicht: Sogar der «Spiegel» hat mein Buch wohlwollend besprochen. Das ganze war für mich eine hochinteressante Erfahrung, die mir viel über den Zustand der Schweiz offenbart hat.

Das Ungleichgewicht zwischen Meienberg und ihr, aber auch zwischen den eigenen Vorstellungen und der Realität, muss verarbeitet werden. So entsteht das 800-seitige, handschriftliche Manuskript. Es landet bei Jürg Ramspeck, der es auf die Hälfte kürzt und dabei vor allem die erotischen Stellen kürzt, was erstaunt, strotzt das Tagebuch doch nur so von pikanten Passagen.

Ramspeck befindet sich bei der «Weltwoche» nach 14 Jahren in der Chefredaktion in bereits gekündigtem Zustand und muss noch ein paar Monate absitzen. Also kommt man auf die Idee, dass er das Buch als Lektor betreut. In drei Monaten tippt er das Manuskript druckfertig in den Computer ab und nimmt so auch am Schicksal von Graf teil: «Ich hatte nie das Gefühl, dass sie Meienberg niedermacht. Sie hat ihre Erlebnisse verarbeitet beim Niederschreiben.» Ramspeck betreute Meienberg als Redaktor bei der Weltwoche: «Er wollte ernstgenommen werden als Autor und Historiker und nicht angehimmelt werden von Leuten, die in ihm den Bürgerschreck sahen. Er wollte immer Gegenwind, er wollte jemand, der ihn kritisch liest und ihm auch kritische Rückmeldungen gibt.»

Die Ablehnung des Buchs durch die Medien ist so einhellig (Ausnahme: Yvonne-Denise Köchli in der «Weltwoche») und hämisch nicht gerechtfertigt. Sie entstammt grösstenteils dem Neid auf das eigensinnige Leben Meienbergs einerseits und der Schadenfreude über die «Rache» seiner heimlichen Geliebten andererseits. Oder ging es um echte Solidarität ihm gegenüber, der zur Veröffentlichung nichts mehr sagen konnte? Dann hätte man das Buch nicht herausgeben und diskutieren dürfen. Es scheint fast, als hätten sich damals einige daran ergötzt, des grossen Meienbergs privates Leben so aufgedeckt zu sehen.

Ob das eigenwillig aufgeschriebene und inhaltlich einzigartige Werk literarischen oder dokumentarischen Gehalt hat, ist fraglich. Doch die Literaturwissenschaft täte gut daran, Aline Grafs originale Aufzeichnungen einer Analyse zu unterziehen, sie sind vielleicht wertvoller, als viele glauben. Dem «Tages-Anzeiger» sagte sie 1999:

Das Buch hat bei vielen Wut erzeugt. Der ganze Volkskörper Schweiz hat sich auf mich geworfen. Ein Minimum an Menschlichkeit wäre schön gewesen. Es ist doch gemein, dass Spiesser, die selbst nicht den Mut haben, persönliche Dinge zu nennen, so auf einen losgehen. Der Öffentlichkeit und den Medien fehlen einfach die emotionale Intelligenz, um meinen Fall zu begreifen.

«Der andere Niklaus Meienberg – Aufzeichnungen einer Geliebten» (Weltwoche ABC Verlag, 1998, 422 Seiten).

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Frank Hofmann 22. September 2013, 22:54

Ist der Titel im Original so geschrieben? Dann ist er falsch und deshalb missverständlich. Die Frau hat nichts mit einem Brief oder einem Buchstaben zu tun, sondern mit Geisteswissenschaften, also: … de lettres (Plural).

Antworten...

Ronnie Grob 22. September 2013, 23:59

Hab grade nochmals nachgesehen, das Zitat steht genau so auf Seite 117: «Moi je suis une femme de lettre». Siehe dazu auch den Wikipedia-Artikel «Homme de lettres».

Antworten...

Annabellle Huber 23. September 2013, 18:46

Im Interview mit Roger Schawinski sagte Aline Graf nur M. wenn sie von Niklaus Meienberg sprach. Vielleicht hat sie das im Buch auch so gemacht.
Voilà une femme de lettre (M.) . M für Meienberg, Mann, Maniac…
Danke Ronnie für diesen Beitrag, inspirierend und amüsant.
Schade hat es damals keinen Platz gehabt für eine schweizerische Anais Nin, die Frau ist einfach goldig.
Die Haut eines Engerlings…
Wozu Poesie und intellektuelle Floskeln, das schaft keine Transparenz, vernebelt nur die Tatsachen.
In einem Engerling hat es Potential, vom Berg zum Käfer.
Kaum jemand habe den geistigen Kosmos von Niklaus Meienberg so gut verstanden wie sie, behauptet Aline Graf, das ist gut möglich.

Antworten...

Mara Meier 25. September 2013, 14:30

Es ging “vor allem” um Sex und Gespräche? Krass! Aber mir fällt jetzt auch keine Alternative ein.

Antworten...