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	<title>True Story Award | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Wed, 05 Feb 2020 13:04:25 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Auf der Suche nach der besten Reportage der Welt</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/09/12/auf-der-suche-nach-der-besten-reportage-der-welt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Daniel Puntas Bernet]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 12 Sep 2019 13:31:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[True Story Award]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>924 Texte aus 98 Ländern in 21 Sprachen nahmen an der ersten Austragung des True Story Award teil. Ende August kämpfte eine siebenköpfige Jury in Bern während sieben Stunden mit Argumenten und kürte die drei besten Reportagen. Einblicke in den Entscheidungsprozess von Daniel Puntas Bernet, Initiator des True Story Award. Es ist morgens um neun, <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/12/auf-der-suche-nach-der-besten-reportage-der-welt/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/12/auf-der-suche-nach-der-besten-reportage-der-welt/">Auf der Suche nach der besten Reportage der Welt</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>924 Texte aus 98 Ländern in 21 Sprachen nahmen an der ersten Austragung des True Story Award teil. Ende August kämpfte eine siebenköpfige Jury in Bern während sieben Stunden mit Argumenten und kürte die drei besten Reportagen. Einblicke in den Entscheidungsprozess von Daniel Puntas Bernet, Initiator des <a href="https://truestoryaward.org/" target="_blank" rel="noopener">True Story Award</a>.</strong><br />
<img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72425" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-True_Story_Award_Jury_201909.jpg" alt="" width="1456" height="970" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-True_Story_Award_Jury_201909.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-True_Story_Award_Jury_201909-300x200.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-True_Story_Award_Jury_201909-768x512.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-True_Story_Award_Jury_201909-1024x682.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-True_Story_Award_Jury_201909-728x485.jpg 728w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Es ist morgens um neun, noch kühlt die Morgenfrische des Spätsommertages den Sitzungsraum im Herzen Berns. Im historischen Haus wird sich gleich Historisches ereignen: <a href="https://truestoryaward.org/jury" target="_blank" rel="noopener">Sieben Jurorinnen und Juroren aus aller Welt</a> sind Tausende von Kilometern angereist, um an diesem 30. August die drei besten der 39 nominierten Reportagen zu bestimmen.</p>
<p>Die meisten Jurorinnen und Juroren kannten sich vorher nur aus dem Internet: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Margrit_Sprecher" target="_blank" rel="noopener">Margrit Sprecher</a> (Schweiz), <a href="https://www.derbund.ch/ausland/amerika/ich-riskiere-es-dass-auf-mich-geschossen-wird/story/27590846" target="_blank" rel="noopener">Jon Lee Anderson</a> (USA), <a href="https://www.nzz.ch/feuilleton/die-lehren-eines-gescheiterten-mediengruenders-ld.1405294" target="_blank" rel="noopener">Patrick de Saint-Exupéry</a> (Frankreich), <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Guo_Xiaolu" target="_blank" rel="noopener">Xiaolu Guo</a> (China/UK), <a href="https://de.qantara.de/inhalt/rania-abouzeid-sachbuch-no-turning-back-einblicke-in-ein-kriegsgebeuteltes-land" target="_blank" rel="noopener">Rania Abouzeid</a> (Libanon/AUS), <a href="http://www.literaturhaus.ch/literaturhaus/veranstaltungen/die-wirklichkeit-schreibt-die-besten-geschichten-leila-guerriero-und" target="_blank" rel="noopener">Leila Guerriero</a> (Argentinien) und <a href="https://reportagenfestival.ch/event/2019-40" target="_blank" rel="noopener">Suthichai Yoon</a> (Thailand). Aber auch für uns von der Organisation war es ein Abenteuer. Konnten so viele verschiedenartige Menschen aus so verschiedenen Kulturkreisen wirklich auf Anhieb zusammenarbeiten? Zwar hatten wir die Preis-Kriterien vorgegeben – ausgiebige Recherche, handwerkliches Können, gesellschaftliche Relevanz. Aber versteht man in Südamerika wirklich das Gleiche unter einer gelungenen Reportage wie in Indien oder China?</p>
<p>Ein Jurystuhl freilich bleibt leer. Wenige Tage vor dem Festival hatte mich der Schriftsteller <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nuruddin_Farah" target="_blank" rel="noopener">Nuruddin Farah</a> aus dem Sudan angerufen und in formvollendeter afrikanischer Höflichkeit gefragt, ob er wohl statt ans Berner Festival nach Südkorea reisen dürfe, um einen hochdotierten Buchpreis entgegenzunehmen. Er bleibt trotzdem präsent. Seine Meinung hatte er mir schriftlich und in langen Telefongesprächen zukommen lassen.</p>
<blockquote><p>Keine Chance hatten Geschichten, deren minutiöser investigativer Wert zwar kaum zu übertreffen war, denen aber der erzählerische Schwung fehlte.</p></blockquote>
<p>Während der Sommermonate hatten die Jurymitglieder die 39 nominierten Reportagen entweder auf Englisch oder in ihrer Muttersprache gelesen – der gesamte Textumfang entsprach rund zehn Büchern. Anfangs August bat ich sie um eine Vorauswahl ihrer sieben Favoriten. Es blieben 19 Texte im Rennen. Keine Chance hatten Geschichten, deren minutiöser investigativer Wert zwar kaum zu übertreffen war, denen aber der erzählerische Schwung fehlte, der die Leserin über den im Vordergrund stehenden Faktenreichtum trägt und fesselt. Andere Geschichten blieben zu sehr im konventionellen Mainstream gefangen. Gerade Umweltthemen, über die derzeit viel geschrieben wird, sollten besser und überzeugender erzählt werden, um das anfängliche Desinteresse des Lesers – «Nicht schon wieder!» – zu durchbrechen.</p>
<p>Als Sitzungsleiter ohne Stimmrecht stand ich vor einer Wandtafel und machte Striche. Jedes Jurymitglied durfte fünf Beiträge nennen, die seine Favoriten waren und fünf, die es, umgekehrt, keinesfalls unter den Gewinnern sehen wollte. Bei dieser Runde wurden die Urteile gnadenloser. Auf einmal waren es nur noch zwölf Texte.</p>
<blockquote><p>Die gestellten Kriterien – geleisteter Rechercheaufwand, handwerkliches Können und globale Relevanz – reichten zur Beurteilung nicht aus. Viel wichtiger ist die Kraft der Erzählung.</p></blockquote>
<p>Alle anfänglichen Bedenken hatten sich als grundlos erwiesen. Was eine gute Reportage war, darüber herrscht von Europa über Asien bis Amerika Einigkeit. Aber es zeigten sich auch mit jeder Stunde deutlicher: Die gestellten Kriterien – geleisteter Rechercheaufwand, handwerkliches Können und globale Relevanz – reichen zur Beurteilung nicht aus. Viel wichtiger ist die Kraft der Erzählung, die Zeitlosigkeit der Geschichte, der ungewöhnliche Zugang und die globale Relevanz. Hat die Story auch etwas mit mir als Leser und unserer Zeit zu tun? Bleibt sie in Kopf und Herzen zurück?</p>
<p></p>
<p>Bislang hatte sich die Jury mehr oder weniger friedfertig verhalten. Zu schön das Wetter, zu angenehm das Picknick in einem nahen Park. Am Nachmittag verschärfte sich der Tenor. <a href="https://truestoryaward.org/story/76" target="_blank" rel="noopener">«The rise and fall of the most bizarre Art Club in the world»</a> war für die einen ein hervorragendes Porträt russischer Kunst-Aktivisten. Für die andern bestand die Leistung der Reporterin lediglich im Nacherzählen skurriler Schandtaten. <a href="https://truestoryaward.org/story/12" target="_blank" rel="noopener">«Dry, the beloved Country»</a>: «Dieser Text aus Südafrika hat etwas Kolonialistisches. Hier wird die Mikro-Bewegung einiger weissen Gutmenschen zum Ende der Apartheid heraufstilisiert.» – «Ach was! Ein stark geschriebener, hoffnungsvoller und positiver Text mit einer überraschenden Wendung. Hinterlässt bei mir ein ausgezeichnetes Gefühl und lässt mich an das Gute im Menschen glauben.»</p>
<blockquote><p>«A Template of Hate» und «Prisoners of the Fourth Floor» bleiben bei aller Zuneigung auf der Strecke – die anderen sind schlicht noch besser geschrieben.</p></blockquote>
<p>Top-Favorit bis zum Schluss bleibt <a href="https://truestoryaward.org/story/18" target="_blank" rel="noopener">«A Template of Hate»</a>, eine Reportage über Indiens Religionskonflikte. «Dieser wichtige Text zeigt an einem vermeintlich ‹nur› religiös motivierten Mordfall auf, zu was ein rechtsnationalistischer Mob fähig ist – und damit auch noch davonkommt. Wenn ich in diese indischen Hinterhöfe blicke, merke ich, dass dies leider auch mein Hinterhof sein könnte.» Auch <a href="https://truestoryaward.org/story/43" target="_blank" rel="noopener">«Prisoners of the Fourth Floor»</a>, bleibt bis zum Schluss bei den Überfliegern. Dies auch, weil die Geschichte den Mainstream der Umwelt- und Flüchtlingskatastrophen meidet und eine ganz alltägliche, nicht minder katastrophale Geschichte erzählt: die Geschichte Hunderttausender von alten Polinnen und Polen, die aufgrund fehlender Lifte ihre Wohnung nicht mehr verlassen können. «Ein wunderbar geschriebenes, feinfühliges Stück über etwas, das uns zunehmend alle angeht.» Beide Texte bleiben bei aller Zuneigung auf der Strecke – die anderen sind schlicht noch besser geschrieben.</p>
<p>Am meisten zu reden und zu streiten gab <a href="https://truestoryaward.org/story/7" target="_blank" rel="noopener">«A Kingdom from Dust»</a>. Eine umfassende Erzählung über den wohl grössten Pistazienbauern der Welt aus Kalifornien und gleichzeitig «ein Portrait des menschlichen Zustandes selbst». Die Reportage erschien anfangs 2018 erst im «California Sunday Magazin» und ein Jahr später als Kapitel in einem Buch. «Das können wir nicht zulassen», so ein Teil der Jury: «Der Autor hatte viel mehr Zeit für die Recherche zur Verfügung als der Durchschnittsreporter.» – «Ja schon. Aber aufgrund prekärer ökonomischer Bedingungen der Medien arbeiten weltweit immer mehr Journalisten an Buchprojekten und veröffentlichen vorab Teile davon in Magazinen.» – «Wäre es nicht angebrachter, wenn wir die ‹Lonely Wolfs› belohnen würden, die keine Publikationsmaschinerie im Rücken haben und auf eigenes Risiko monatelang in unwirtlichen und mitunter gefährlichen Gegenden recherchieren?» – «Woher wissen Sie, dass der Autor nicht genau so viel Entbehrungen auf sich nimmt? Nur weil er Amerikaner ist?» Am Schluss siegt schlicht die Qualität des Textes: «Ein grossartiges Gemälde mit allen Zutaten der Zeit, in der wir leben; und erst noch aufgeschrieben im Stile von John Steinbeck.» Mit deutlicher Mehrheit der Jury landet «A Kingdom from Dust» auf dem zweiten Platz.</p>
<blockquote><p>Am Ende siegt das Ungewohnte, Überraschende im Text über Chinas Tagelöhner knapp gegenüber dem vielleicht eine Spur zu oft gelesenen Schicksal afrikanischer Migranten.</p></blockquote>
<p>Ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern sich die Migrationsreportage <a href="https://truestoryaward.org/story/59" target="_blank" rel="noopener">«The Missing»</a>, eine Rekonstruktion der Flüchtlingsroute von Westafrika nach Italien anhand einer Handynummer, und die Undercover-Reportage <a href="https://truestoryaward.org/story/57" target="_blank" rel="noopener">«The Vagabond Club»</a>, dem Porträt einer rebellischen und nihilistischen Subkultur am Rande eines chinesischen Industriegürtels. Am Ende siegt das Ungewohnte, Überraschende im Text über Chinas Tagelöhner knapp gegenüber dem vielleicht eine Spur zu oft gelesenen Schicksal afrikanischer Migranten.</p>
<p>Letztlich klarer und bei allen Juroren unumstrittener Gewinner ist <a href="https://truestoryaward.org/story/63" target="_blank" rel="noopener">«Monitor 1»</a>: «Auf unerwartete und überraschende Weise versammelt der Autor Shura Burtin eine schier unendliche Vielfalt an Stimmen und zeichnet so ein feinfühliges Porträt des tschetschenischen Menschenrechtsaktivisten Oyub Titiev. Die Reportage ist in vielerlei Hinsicht äusserst mutig. Der Autor schafft es, ein Licht auf einen vergessenen Krieg der Postsowjetunion zu werfen.» Sein plädoyerartiger Text hat dazu beigetragen, dass Titiev im Juni 2019 aus dem Gefängnis entlassen wurde.</p>
<blockquote><p>Es gab auch keine Trostpreise. Es siegten die drei Besten. Dem unerschrockenen Gewinner verschlug es bei der Preisübergabe buchstäblich die Sprache.</p></blockquote>
<p>Wer schon an einer Jurysitzung teilgenommen hat, weiss: Nach dem Entscheid folgt oft der Zweifel. Sind alle Geschlechter, Sprachen und Regionen berücksichtigt? Hat man jemanden übergangen, der es doch besonders verdient hätte? Bei der ersten Vergabe des True Story Award gab es kein nachträgliches Korrigieren. Es gab auch keine Trostpreise. Es siegten die drei Besten. Dem unerschrockenen Shura Burtin verschlug es anderntags bei der <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/03/aufwaendiger-journalismus-im-scheinwerferlicht-reportagenfestival-und-true-story-award/">Preisübergabe im Berner Stadttheater</a> buchstäblich die Sprache, als er von seinem 1. Platz erfuhr. Wortlos und glücklich nahm er seine Auszeichnung entgegen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/12/auf-der-suche-nach-der-besten-reportage-der-welt/">Auf der Suche nach der besten Reportage der Welt</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Aufwändiger Journalismus im Scheinwerferlicht: Reportagenfestival und True Story Award</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/09/03/aufwaendiger-journalismus-im-scheinwerferlicht-reportagenfestival-und-true-story-award/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Eva Hirschi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Sep 2019 15:06:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[True Story Award]]></category>
		<category><![CDATA[Reportagenfestival]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In intimen Lokalen in der Berner Altstadt ging am ersten internationalen Reportagenfestival vom letzten Wochenende das Publikum mit Medienschaffenden aus aller Welt auf Tuchfühlung, bevor dann auf der grossen Theaterbühne erstmals der True Story Award verliehen wurde. Wäre man in der Schweiz nicht so höflich und zurückhaltend, man hätte sich die Nase platt gedrückt an <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/03/aufwaendiger-journalismus-im-scheinwerferlicht-reportagenfestival-und-true-story-award/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/03/aufwaendiger-journalismus-im-scheinwerferlicht-reportagenfestival-und-true-story-award/">Aufwändiger Journalismus im Scheinwerferlicht: Reportagenfestival und True Story Award</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In intimen Lokalen in der Berner Altstadt ging am ersten internationalen <a href="https://reportagenfestival.ch/" target="_blank" rel="noopener">Reportagenfestival</a> vom letzten Wochenende das Publikum mit Medienschaffenden aus aller Welt auf Tuchfühlung, bevor dann auf der grossen Theaterbühne erstmals der <a href="https://truestoryaward.org/" target="_blank" rel="noopener">True Story Award</a> verliehen wurde.</strong><br />
<img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72136" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Reportagefestival-Bern_20190903-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Wäre man in der Schweiz nicht so höflich und zurückhaltend, man hätte sich die Nase platt gedrückt an den frisch geputzten Fensterscheiben an der Gerechtigkeitsgasse in Bern, um das ungewöhnliche Bild dahinter genauer zu studieren. Stattdessen bleiben die Passantinnen und Passanten an diesem sonnigen Spätsommertag höchstens kurz stehen und spähen verstohlen durch die grossflächigen Schaufenster: In einem Inneneinrichtungsfachgeschäft in der Berner Altstadt sitzen 85 Personen auf zusammengewürfelten Designmöbelstücken und nackten Treppenstufen, die Blicke gebannt auf zwei Frauen gerichtet.</p>
<p>Hätten die Passantinnen und Passanten die Diskussion auf der anderen Seite der Scheibe gehört, ihre Gesichter wären wohl noch verwirrter gewesen, sprechen doch die indische Reporterin und die Schweizer Radioproduzentin von heiligen Kühen, genauer der gesellschaftspolitischen Bedeutung von Rindfleisch im Gliedstaat Uttar Pradesh, und Tatmotiv eines von Hindus verübten Totschlags an einem Muslimen. Als wäre die Stimmung zwischen Seidenkissenbezügen und Herrenlederstiefeln umrahmt von modularen USM-Möbelbausystemen nicht schon bizarr genug, zieht just in diesem Moment draussen in der Gasse eine hinduistische Prozession anlässlich des Wagenfestivals Ratha Yatra mit lauten Trommeln und Glocken vorbei.<br />
<img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72137" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092.jpg" alt="" width="1534" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092.jpg 1534w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092-300x191.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092-768x489.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/Reportage-Festival-Bern-2019_DSC4092-1024x652.jpg 1024w" sizes="(max-width: 1534px) 100vw, 1534px" /><br />
Die grosse Welt im kleinen Bern. Genau das hatte Daniel Puntas, Chefredaktor des <a href="https://reportagen.com/" target="_blank" rel="noopener">Magazins «Reportagen»</a>, versprochen, als er im letzten November das erste Reportagenfestival im deutschsprachigen Raum unter dem Titel «Erzählte Welt» ankündigte. Am vergangenen Wochenende reisten 60 Reporterinnen und Reporter aus der ganzen Welt in die Bundesstadt, um zu erzählen, was die Menschen in ihren Herkunftsländern bewegt: Exorzismus in Polen, Social Media in Thailand, Zigarettenschmuggel in Ägypten, Rohstoffabbau im Kongo und in Kolumbien, Menschenhandel in Mauretanien.</p>
<p>Nicht in sterilen Konferenzräumen und anonymen Hörsälen fanden die 52 Veranstaltungen statt, sondern im Ladenlokal, im Kellertheater, in einem Kulturzentrum oder in einem Zunftgesellschaftssaal. Und so kam es, dass unter goldgerahmten Gemälden ehrwürdiger Patrizier vier Journalistinnen über Frauen im Reporterberuf diskutierten, im Bernischen Historischen Museum auf Farsi die Zukunft des Irans besprochen wurde, und hoch oben im Käfigturm, dem ehemaligen Stadtgefängnis, hinter vergitterten Fenstern zwei Autoren vom Schreiben im Exil erzählten.</p>
<blockquote><p>Das Reportagenfestival wollte bewusst keine Nischenveranstaltung sein und nicht in erster Linie Medienschaffende ansprechen.</p></blockquote>
<p>Ganz ohne Ablenkung durch digitales Rauschen, ohne Bildschirme mit Botschaften oder Tablets mit Tweets: Im Zentrum stand das Wort. Die Räumlichkeiten fassten in der Regel nur um die 80 Besuchende. Kein Wunder, bildete sich vor der Veranstaltung mit der <a href="https://truestoryaward.org/jury/member/jon-lee-anderson" target="_blank" rel="noopener">Reporterlegende Jon Lee Anderson</a> eine lange Schlange auf der Kramgasse; nicht alle erhielten Einlass. Das Reportagenfestival wollte bewusst keine Nischenveranstaltung sein und nicht in erster Linie Medienschaffende ansprechen, und so trafen an den Diskussionen und Workshops wissbegierige Reporterinnen und Reporter auf neugierige Betriebsanleitungsschreiber und Gymnasiallehrerinnen.</p>
<p></p>
<p>Anlässlich von individuellen Speed Dates konnte ein interessiertes Publikum gar im tête-à-tête preisgekrönte Medienleute zu ihrer Arbeit ausfragen. Auf Bänken und an Bistrotischen draussen in der Sonne entstanden so 15-minütige Gespräche: Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan erzählte etwa vom Alltagsleben in Teheran, die Reporterin Margrit Sprecher von den guten alten Zeiten im Journalismus.</p>
<p>Ein junges Paar aus dem Festivalpublikum – sie mit Wurzeln in Ägypten, er mit Wurzeln in Kolumbien – hatte sich entschieden, Veranstaltungen mit Medienschaffenden aus den beiden Ländern zu besuchen. «Wir verschlingen das Magazin ‹Reportagen› regelrecht. Nun auch mal die andere Seite zu sehen, also wie solche Texte überhaupt entstehen und die Reporterinnen und Reporter dahinter kennenzulernen, hat uns sehr gereizt.» Ein Beruf, der fasziniert – vor allem, wenn er in anderen Ländern unter schwierigen Arbeitsbedingungen ausgeübt wird.</p>
<blockquote><p>Lügenpresse, Fake News, Fact Checking waren denn auch Themen, die am Festival immer wieder auftauchten, wie auch der ehemalige «Spiegel»-Redaktor Claas Relotius und seine gefälschten Reportagen.</p></blockquote>
<p>Es gab aber auch kritische Stimmen. So meinte ein Grafiker nach der Veranstaltung über Tschetschenien: «Ich fühlte mich nicht richtig abgeholt. Ich hatte den Eindruck, ich hätte die entsprechende Reportage vorher lesen müssen.» Dass diejenige wie auch andere Reportagen von den Referentinnen und Referenten online auf der Website zu lesen waren, hatten in der Tat die wenigsten Besuchenden mitgekriegt. Überhaupt erst von der Veranstaltung erfahren hatte eine ältere Psychotherapeutin, als sie das <a href="https://www.srf.ch/sendungen/tagesgespraech/daniel-puntas-bernet-das-festival-ist-ein-transparenz-angebot" target="_blank" rel="noopener">«Tagesgespräch» mit Daniel Puntas</a> auf Radio SRF hörte. Spontan habe sie beschlossen, das Reportagenfestival zu besuchen. «Gerade in Zeiten von Fake News ist es wichtig, gutem und seriösem Journalismus eine Plattform zu geben», sagte sie.</p>
<p>Lügenpresse, Fake News, Fact Checking waren denn auch Themen, die am Festival immer wieder auftauchten, wie auch der ehemalige «Spiegel»-Redaktor Claas Relotius und seine gefälschten Reportagen. An einer der vielen Diskussionen fragte SRF-Journalist Franz Fischlin die Anwesenden, wer überhaupt vom Fall Relotius gehört hatte. Alle Hände gingen in die Höhe. Und wer von ihnen im Medienbereich arbeitete, wollte Fischlin weiter wissen. Nur vereinzelte Arme wurden hochgestreckt. Das Thema war also definitiv nicht in der Journalistenbubble steckengeblieben. Solche Veranstaltungen hätten denn auch zum Ziel, das Vertrauen in den Journalismus zu stärken – auch wenn es nie eine hundertprozentige Wahrheitsgarantie gebe, sagte Fischlin. Dass so viele Nicht-Journalisten sich für eine Veranstaltung wie diese interessierten, rührten ihn sichtlich.</p>
<blockquote><p>«Den feinen Unterschied machten die Geschichten, die einem im Herzen blieben, an die man sich auch noch nächste Woche, in einem Jahr oder vielleicht sein ganzes Leben lang erinnern wird.»<br />
<small>Margrit Sprecher, Reporterin</small></p></blockquote>
<p>Zusammen mit der Reporterikone Margrit Sprecher bot Fernsehmann Fischlin an dieser Veranstaltung Einblick, was guten Journalismus überhaupt ausmacht. Sie beide waren Mitglieder der Jury, die den ersten True Story Award verleihen würden. Auch darum waren so viele Reporterinnen und Reporter nach Bern gereist. Von über 900 eingereichten Artikeln aus 98 Ländern und in 21 Sprachen nominierte die Jury 39 Arbeiten für drei mit insgesamt 60&#8217;000 Franken dotierten Preise.</p>
<p>Wie man aus so einer Menge die besten Geschichten auswählt? Ausführlich recherchiert, gesellschaftlich relevant, handwerklich gut geschrieben seien schliesslich alle Reportagen gewesen. «Doch den feinen Unterschied machten die Geschichten, die einem im Herzen blieben, an die man sich auch noch nächste Woche, in einem Jahr oder vielleicht sein ganzes Leben lang erinnern wird», sagte Jury-Präsidentin Margrit Sprecher.</p>
<blockquote><p>Shura Burtin, Reporter aus Russland, der eben den ersten Preis des True Story Awards überreicht erhalten hatte, schien der ganze Rummel etwas zu viel zu sein.</p></blockquote>
<p>Von den mit rotem Samt bezogenen Stühlen blickten die Gäste am Samstagabend im Berner Stadttheater denn auch gespannt auf die Bühne, wo Schauspielschüler Szenen aus den nominierten Texten inszenierten. Den Inhalt so zu vermitteln, gelang zwar nicht wirklich, doch die erzeugte Stimmung und die Dramatik verliehen der Preisverleihung des True Story Award etwas Würdevolles.</p>
<p>Ganz im Kontrast dazu stand die Figur des grossen Gewinners: Auf die hohe Bühne unter den goldenen Stuckverzierungen trat ein hagerer, glatzköpfiger Mann in dunkelgrauen Funktionshosen und weissem T-Shirt mit hellgrünem Aufdruck, und schaute die SRF-Moderatorin Susanne Wille etwas verdutzt an, während er seine zitternden Hände in den Hosentaschen versteckte. Shura Burtin, Reporter aus Russland, der eben den ersten Preis des True Story Awards überreicht erhalten hatte, schien der ganze Rummel etwas zu viel zu sein – ob aus Überraschung, aus mangelnder Sprachkenntnis, oder beidem.<br />
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Zwar eilte schnell ein russischer Journalist für die Übersetzung herbei, doch der Gewinner, der <a href="https://truestoryaward.org/story/63" target="_blank" rel="noopener">auf 75&#8217;000 Zeichen ein feinfühliges Porträt</a> eines im Gefängnis sitzenden Menschenrechtsaktivisten aus Tschetschenien geschrieben hatte, blieb dann doch erstaunlich wortkarg und taute erst später etwas auf, als ihn Daniel Puntas ein zweites Mal auf die Bühne bat, nachdem drei Schauspieler Auszüge seines Textes szenisch vorgelesen hatten.</p>
<blockquote><p>Das Reportagenfestival hinterlässt ein Gefühl von Dringlichkeit, auch weil es zeigte, dass Journalismus mehr ist, als nur schöne Geschichten zu erzählen.</p></blockquote>
<p>Das Experiment, Journalismus auf die Bühne zu bringen, funktionierte am Folgetag dann doch etwas besser. Zum Abschluss des Festivals gab es im Theater am Käfigturm «Reportagen live» zu sehen und hören. Sieben Journalistinnen und Journalisten berichteten von der Arbeit an einer ihrer Reportagen. Etwa Urszula Jabłońska aus Polen, die von einem Chefredaktor angefragt wurde, ob sie für einen Artikel über Exorzismus sich den inneren Satan austreiben lassen könnte, oder der Grieche Daniel Howden, der sich in Fukushima plötzlich mit einem nicht japanisch-sprechenden Fixer an der Grenze der Kontaminationszone befand und sich fragte, was er hier eigentlich mache.</p>
<p>Diese Anekdoten vermochten die Stimmung etwas aufzulockern, denn ansonsten waren die meisten Themen des Reportagenfestivals doch eher düster; von Kriminalität über Repression bis hin zu Gewalt und Mord. Insbesondere der investigative Journalismus war prominent vertreten; Ansätze von konstruktivem Journalismus waren, mit wenigen Ausnahmen, nicht viel zu hören. Das Reportagenfestival hinterlässt aber ein Gefühl von Dringlichkeit. Doch, und vielleicht war dies den Organisatoren ein Anliegen, sollte damit unterstrichen werden, dass Journalismus eben mehr ist, als nur schöne Geschichten zu erzählen.</p>
<p><small>Bilder: zvg und Eva Hirschi</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/03/aufwaendiger-journalismus-im-scheinwerferlicht-reportagenfestival-und-true-story-award/">Aufwändiger Journalismus im Scheinwerferlicht: Reportagenfestival und True Story Award</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Reporter-Preis macht russischen Journalisten sprachlos</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/09/01/reporter-preis-macht-russischen-journalisten-sprachlos/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Sep 2019 09:54:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[True Story Award]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Reportagen Festival erlebte mit der Preisverleihung am Samstagabend seinen Höhepunkt. Der russische Journalist Shura Burtin gewann den True Story Award mit einem langen Text über einen «guten Tschetschenen».</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Reportagen Festival erlebte mit der Preisverleihung am Samstagabend seinen Höhepunkt. Der russische Journalist Shura Burtin gewann den True Story Award mit einem langen Text über einen «guten Tschetschenen».</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/01/reporter-preis-macht-russischen-journalisten-sprachlos/">Reporter-Preis macht russischen Journalisten sprachlos</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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