von Eva Hirschi

Aufwändiger Journalismus im Scheinwerferlicht: Reportagenfestival und True Story Award

In intimen Lokalen in der Berner Altstadt ging am ersten internationalen Reportagenfestival vom letzten Wochenende das Publikum mit Medienschaffenden aus aller Welt auf Tuchfühlung, bevor dann auf der grossen Theaterbühne erstmals der True Story Award verliehen wurde.

Wäre man in der Schweiz nicht so höflich und zurückhaltend, man hätte sich die Nase platt gedrückt an den frisch geputzten Fensterscheiben an der Gerechtigkeitsgasse in Bern, um das ungewöhnliche Bild dahinter genauer zu studieren. Stattdessen bleiben die Passantinnen und Passanten an diesem sonnigen Spätsommertag höchstens kurz stehen und spähen verstohlen durch die grossflächigen Schaufenster: In einem Inneneinrichtungsfachgeschäft in der Berner Altstadt sitzen 85 Personen auf zusammengewürfelten Designmöbelstücken und nackten Treppenstufen, die Blicke gebannt auf zwei Frauen gerichtet.

Hätten die Passantinnen und Passanten die Diskussion auf der anderen Seite der Scheibe gehört, ihre Gesichter wären wohl noch verwirrter gewesen, sprechen doch die indische Reporterin und die Schweizer Radioproduzentin von heiligen Kühen, genauer der gesellschaftspolitischen Bedeutung von Rindfleisch im Gliedstaat Uttar Pradesh, und Tatmotiv eines von Hindus verübten Totschlags an einem Muslimen. Als wäre die Stimmung zwischen Seidenkissenbezügen und Herrenlederstiefeln umrahmt von modularen USM-Möbelbausystemen nicht schon bizarr genug, zieht just in diesem Moment draussen in der Gasse eine hinduistische Prozession anlässlich des Wagenfestivals Ratha Yatra mit lauten Trommeln und Glocken vorbei.

Die grosse Welt im kleinen Bern. Genau das hatte Daniel Puntas, Chefredaktor des Magazins «Reportagen», versprochen, als er im letzten November das erste Reportagenfestival im deutschsprachigen Raum unter dem Titel «Erzählte Welt» ankündigte. Am vergangenen Wochenende reisten 60 Reporterinnen und Reporter aus der ganzen Welt in die Bundesstadt, um zu erzählen, was die Menschen in ihren Herkunftsländern bewegt: Exorzismus in Polen, Social Media in Thailand, Zigarettenschmuggel in Ägypten, Rohstoffabbau im Kongo und in Kolumbien, Menschenhandel in Mauretanien.

Nicht in sterilen Konferenzräumen und anonymen Hörsälen fanden die 52 Veranstaltungen statt, sondern im Ladenlokal, im Kellertheater, in einem Kulturzentrum oder in einem Zunftgesellschaftssaal. Und so kam es, dass unter goldgerahmten Gemälden ehrwürdiger Patrizier vier Journalistinnen über Frauen im Reporterberuf diskutierten, im Bernischen Historischen Museum auf Farsi die Zukunft des Irans besprochen wurde, und hoch oben im Käfigturm, dem ehemaligen Stadtgefängnis, hinter vergitterten Fenstern zwei Autoren vom Schreiben im Exil erzählten.

Das Reportagenfestival wollte bewusst keine Nischenveranstaltung sein und nicht in erster Linie Medienschaffende ansprechen.

Ganz ohne Ablenkung durch digitales Rauschen, ohne Bildschirme mit Botschaften oder Tablets mit Tweets: Im Zentrum stand das Wort. Die Räumlichkeiten fassten in der Regel nur um die 80 Besuchende. Kein Wunder, bildete sich vor der Veranstaltung mit der Reporterlegende Jon Lee Anderson eine lange Schlange auf der Kramgasse; nicht alle erhielten Einlass. Das Reportagenfestival wollte bewusst keine Nischenveranstaltung sein und nicht in erster Linie Medienschaffende ansprechen, und so trafen an den Diskussionen und Workshops wissbegierige Reporterinnen und Reporter auf neugierige Betriebsanleitungsschreiber und Gymnasiallehrerinnen.

Anlässlich von individuellen Speed Dates konnte ein interessiertes Publikum gar im tête-à-tête preisgekrönte Medienleute zu ihrer Arbeit ausfragen. Auf Bänken und an Bistrotischen draussen in der Sonne entstanden so 15-minütige Gespräche: Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan erzählte etwa vom Alltagsleben in Teheran, die Reporterin Margrit Sprecher von den guten alten Zeiten im Journalismus.

Ein junges Paar aus dem Festivalpublikum – sie mit Wurzeln in Ägypten, er mit Wurzeln in Kolumbien – hatte sich entschieden, Veranstaltungen mit Medienschaffenden aus den beiden Ländern zu besuchen. «Wir verschlingen das Magazin ‹Reportagen› regelrecht. Nun auch mal die andere Seite zu sehen, also wie solche Texte überhaupt entstehen und die Reporterinnen und Reporter dahinter kennenzulernen, hat uns sehr gereizt.» Ein Beruf, der fasziniert – vor allem, wenn er in anderen Ländern unter schwierigen Arbeitsbedingungen ausgeübt wird.

Lügenpresse, Fake News, Fact Checking waren denn auch Themen, die am Festival immer wieder auftauchten, wie auch der ehemalige «Spiegel»-Redaktor Claas Relotius und seine gefälschten Reportagen.

Es gab aber auch kritische Stimmen. So meinte ein Grafiker nach der Veranstaltung über Tschetschenien: «Ich fühlte mich nicht richtig abgeholt. Ich hatte den Eindruck, ich hätte die entsprechende Reportage vorher lesen müssen.» Dass diejenige wie auch andere Reportagen von den Referentinnen und Referenten online auf der Website zu lesen waren, hatten in der Tat die wenigsten Besuchenden mitgekriegt. Überhaupt erst von der Veranstaltung erfahren hatte eine ältere Psychotherapeutin, als sie das «Tagesgespräch» mit Daniel Puntas auf Radio SRF hörte. Spontan habe sie beschlossen, das Reportagenfestival zu besuchen. «Gerade in Zeiten von Fake News ist es wichtig, gutem und seriösem Journalismus eine Plattform zu geben», sagte sie.

Lügenpresse, Fake News, Fact Checking waren denn auch Themen, die am Festival immer wieder auftauchten, wie auch der ehemalige «Spiegel»-Redaktor Claas Relotius und seine gefälschten Reportagen. An einer der vielen Diskussionen fragte SRF-Journalist Franz Fischlin die Anwesenden, wer überhaupt vom Fall Relotius gehört hatte. Alle Hände gingen in die Höhe. Und wer von ihnen im Medienbereich arbeitete, wollte Fischlin weiter wissen. Nur vereinzelte Arme wurden hochgestreckt. Das Thema war also definitiv nicht in der Journalistenbubble steckengeblieben. Solche Veranstaltungen hätten denn auch zum Ziel, das Vertrauen in den Journalismus zu stärken – auch wenn es nie eine hundertprozentige Wahrheitsgarantie gebe, sagte Fischlin. Dass so viele Nicht-Journalisten sich für eine Veranstaltung wie diese interessierten, rührten ihn sichtlich.

«Den feinen Unterschied machten die Geschichten, die einem im Herzen blieben, an die man sich auch noch nächste Woche, in einem Jahr oder vielleicht sein ganzes Leben lang erinnern wird.»
Margrit Sprecher, Reporterin

Zusammen mit der Reporterikone Margrit Sprecher bot Fernsehmann Fischlin an dieser Veranstaltung Einblick, was guten Journalismus überhaupt ausmacht. Sie beide waren Mitglieder der Jury, die den ersten True Story Award verleihen würden. Auch darum waren so viele Reporterinnen und Reporter nach Bern gereist. Von über 900 eingereichten Artikeln aus 98 Ländern und in 21 Sprachen nominierte die Jury 39 Arbeiten für drei mit insgesamt 60’000 Franken dotierten Preise.

Wie man aus so einer Menge die besten Geschichten auswählt? Ausführlich recherchiert, gesellschaftlich relevant, handwerklich gut geschrieben seien schliesslich alle Reportagen gewesen. «Doch den feinen Unterschied machten die Geschichten, die einem im Herzen blieben, an die man sich auch noch nächste Woche, in einem Jahr oder vielleicht sein ganzes Leben lang erinnern wird», sagte Jury-Präsidentin Margrit Sprecher.

Shura Burtin, Reporter aus Russland, der eben den ersten Preis des True Story Awards überreicht erhalten hatte, schien der ganze Rummel etwas zu viel zu sein.

Von den mit rotem Samt bezogenen Stühlen blickten die Gäste am Samstagabend im Berner Stadttheater denn auch gespannt auf die Bühne, wo Schauspielschüler Szenen aus den nominierten Texten inszenierten. Den Inhalt so zu vermitteln, gelang zwar nicht wirklich, doch die erzeugte Stimmung und die Dramatik verliehen der Preisverleihung des True Story Award etwas Würdevolles.

Ganz im Kontrast dazu stand die Figur des grossen Gewinners: Auf die hohe Bühne unter den goldenen Stuckverzierungen trat ein hagerer, glatzköpfiger Mann in dunkelgrauen Funktionshosen und weissem T-Shirt mit hellgrünem Aufdruck, und schaute die SRF-Moderatorin Susanne Wille etwas verdutzt an, während er seine zitternden Hände in den Hosentaschen versteckte. Shura Burtin, Reporter aus Russland, der eben den ersten Preis des True Story Awards überreicht erhalten hatte, schien der ganze Rummel etwas zu viel zu sein – ob aus Überraschung, aus mangelnder Sprachkenntnis, oder beidem.

Zwar eilte schnell ein russischer Journalist für die Übersetzung herbei, doch der Gewinner, der auf 75’000 Zeichen ein feinfühliges Porträt eines im Gefängnis sitzenden Menschenrechtsaktivisten aus Tschetschenien geschrieben hatte, blieb dann doch erstaunlich wortkarg und taute erst später etwas auf, als ihn Daniel Puntas ein zweites Mal auf die Bühne bat, nachdem drei Schauspieler Auszüge seines Textes szenisch vorgelesen hatten.

Das Reportagenfestival hinterlässt ein Gefühl von Dringlichkeit, auch weil es zeigte, dass Journalismus mehr ist, als nur schöne Geschichten zu erzählen.

Das Experiment, Journalismus auf die Bühne zu bringen, funktionierte am Folgetag dann doch etwas besser. Zum Abschluss des Festivals gab es im Theater am Käfigturm «Reportagen live» zu sehen und hören. Sieben Journalistinnen und Journalisten berichteten von der Arbeit an einer ihrer Reportagen. Etwa Urszula Jabłońska aus Polen, die von einem Chefredaktor angefragt wurde, ob sie für einen Artikel über Exorzismus sich den inneren Satan austreiben lassen könnte, oder der Grieche Daniel Howden, der sich in Fukushima plötzlich mit einem nicht japanisch-sprechenden Fixer an der Grenze der Kontaminationszone befand und sich fragte, was er hier eigentlich mache.

Diese Anekdoten vermochten die Stimmung etwas aufzulockern, denn ansonsten waren die meisten Themen des Reportagenfestivals doch eher düster; von Kriminalität über Repression bis hin zu Gewalt und Mord. Insbesondere der investigative Journalismus war prominent vertreten; Ansätze von konstruktivem Journalismus waren, mit wenigen Ausnahmen, nicht viel zu hören. Das Reportagenfestival hinterlässt aber ein Gefühl von Dringlichkeit. Doch, und vielleicht war dies den Organisatoren ein Anliegen, sollte damit unterstrichen werden, dass Journalismus eben mehr ist, als nur schöne Geschichten zu erzählen.

Bilder: zvg und Eva Hirschi

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Leserbeiträge

Michael von Graffenried 05. September 2019, 10:54

Lang lebe das Reportagen Festival, wir wünschen nur das Beste, danke Eva Hirschi

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Eva Hirschi 05. September 2019, 12:38

Merci Michael – war schön, dich wiederzusehen! Bis bald und liebe Grüsse, Eva

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