DOSSIER mit 68 Beiträgen

Satire

JOURNALISMUS

Die Lesetipps dieses Themenbereichs werden kuratiert von Nick Lüthi. Haben Sie einen lesenswerten Beitrag entdeckt und möchten diesen hier empfehlen? Die Redaktion freut sich auf Ihren Linktipp: redaktion@medienwoche.ch

 

Ist Cervelat-Gate ein Cervelat-Fake?

SVP-Nationalrat Andreas Glarner hatte die Schlagzeilen der Medien auf sicher, als er in einem seiner berüchtigten Facebook-Postings davon berichtete, wie ihn eine Mutter aus dem Aargau anrief und sich beschwerte, dass ihr Kind keine Cervelat-Wurst am Schulfest auf den Grill legen dürfe – aus Rücksicht auf muslimische Mitschüler. Ob es diese Mutter wirklich gibt, weiss bis heute niemand. Nun kommt das Online-Satire-Format «Beta-Show Deluxe» und behauptet: Wir haben Glarner angerufen! Cervelat-Gate als Cervelat-Fake. Überprüfen lässt sich freilich auch das nicht. Es liegt darum genauso die Vermutung auf der Hand, dass die Satiriker als Trittbrettfahrer aufgesprungen sind, zumal sie den Fake-Anruf nirgends dokumentiert haben.

Weitere Beiträge aus diesem Dossier

Jessica Gmür erklärt die SRG-Standortpolitik

Sie sind zurück, und wie: Die beiden Westschweizer Satiriker und Parodisten Vincent Veillon und Vincent Kucholl kommentieren das Zeitgeschehen in alter neuer Frische im wöchentlichen Radioformat «120 Secondes», das sie nach einer kreativen Schaffenspause mit mehreren Bühnenprogrammen, wiederbelebt haben. Ob Armee, Politik oder Medien – alle kriegen sie ihr fett weg. Und jetzt sogar der eigene Arbeitgeber. In der jüngsten Folge von «120 Secondes» nimmt eine Jessica Gmür, mit verstellter Stimme gespielt von Vincent Kucholl, die als Projektverantwortliche Rationalisierung Infrastruktur und Gebäude bei der Generaldirektion der SRG vorgestellt wird, zum Entscheid der SRG Stellung, das Radiostudio Bern nach Zürich zu verlegen. Gmür begründet das so: «Das Rationalisierungsprojekt Gebäude und Infrastruktur besteht darin, die Infrastruktur und die Gebäude zu rationalisieren, um sie rationeller zu machen.»

Wenn aus «Postillon»-Satire Ernst wird

«Der Postillon» ist ein Satiremagazin. Doch Satire verstehen bekanntlich nicht alle. So auch die bayrische Polizei nicht. Sie ermittelt gegen einen Mann, der auf Facebook einen «Postillon»-Beitrag gelikt hat, auf dem neben AfD-Mann Bernd Höcke ein Hitler-Porträt zu sehen ist. «Und weil es sich bei dem ‹Like›-Klick für den ‹Postillon›-Hitler um einen möglichen Verstoss gegen den Paragrafen 86a des Strafgesetzbuches (‹Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen›) handelt», schreibt Martin Bernstein in der «Süddeutschen Zeitung», ermittle nun die Polizei. Die Sache ist doppelt absurd. Gegen den gleichen Mann läuft bereits ein Verfahren, weil er verbotenerweise die Flagge der Kurdenmiliz YPG auf seinem privaten Facebook-Profil gezeigt hatte. Das tat er, indem er einen Beitrag des Bayrischen Rundfunks mit einem entsprechenden Bild teilte. Medien dürfen das nach Gesetz, Privatpersonen aber nicht. Im Zuge dieser Ermittlungen stiess die Polizei auf den Hitler-Like, aus dem sie dem 27-Jährigen nun einen weiteren Strick zu drehen versucht.

Ad Content

Zeitkritik mit Zitterstrich

Der Winterthurer Ruedi Widmer gehört zu den profiliertesten Karikaturisten der Schweiz. Nun hat er ein Buch mit Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht.

Das Ende der komischen Kunst

Die Süddeutsche Zeitung hat jüngst ihren langjährigen Zeichner Dieter Hanitzsch geschasst, weil dieser den israelischen Premier Benjamin Netanjahu unvorteilhaft dargestellt hatte. Vorwurf: Antisemitismus. Wobei es auch prominente und politisch unverdächtige Gegenstimmen gab. In einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung «Der Freitag» nimmt der Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Jürgen Roth den Vorgang zum Anlass, den «inquisitorischen Wahn» zu geisseln, der letztlich der politischen Karikatur den Garaus mache. «Es wütet, ausgehend von einer über ihrem Diversity-Mantra verrückt gewordenen, ungebildeten, moralpolitisch verhärteten, feindfixierten postmodernen Linken, ein regressiv-antiaufklärerischer, antiliberaler Opferkult, der die wechselseitige Infantilisierung aller forciert.» Einen Beleg für diese Tendenz sieht Roth in der Forderung eines Feuilleton-Journalisten der Süddeutschen Zeitung, Karikaturen hätten «künftig ganz auf das Stilmittel der Überzeichnung zu verzichten». Damit wäre die komische Kunst in jeglicher Spielart aus der Welt, für immer, so Roth.

Wilder Ritt durch die Medienmisere

Das kann nur «Die Anstalt»: Das Satireformat des ZDF mit Max Uthoff, Claus von Wagner und Gästen – diesmal u.a. Hazel Brugger – bringt ebenso unterhaltsam wie auch faktentreu die real existierende Misere der Medien auf den Punkt. Dabei scheut die öffentlich-rechtliche Sendung auch nicht vor Kollegenschelte zurück. Gleich eingangs der aktuellen Sendung bekommt «Hart aber fair» mit Frank Plasberg ihr Fett weg. Bei der «Anstalt» heisst der Polit-Talk «Hart aber leer» und moderiert wird er von Frank Blasbalg. Und so geht es fünfzig Minuten weiter mit bissiger Satire quer durch die Medienlandschaft.

Ad Content

Satirischer Mordaufruf hat keine juristischen Folgen

Das deutsche Satiremagazin «Titanic» veröffentlichte im letzten Herbst eine Tweet, wo der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz mit einem Fadenkreuz auf der Brust abgebildet war. Dazu der Text: «Zeitreise in Österreich – Endlich möglich: Baby-Hitler töten!» Das ist keine öffentliche Aufforderung zu Straftaten, befand nun ein Gericht in Berlin. Ob es sich um eine Beleidigung handelt, klärten die Gerichte nicht, weil Kurz keinen entsprechenden Strafantrag gestellt hatte.

So wird die Schweiz pressefrei

Es gibt ihn noch, den guten alten Nebelspalter! Das traditionsreiche Satireblatt fiel in den letzten Jahren immer wieder mit originellen Mediensatiren auf. So auch diesmal zum Tag der Pressefreiheit. Chefredaktor Marco Ratschiller blickt in die Glaskugel und sieht, wo sich die Schweizer Medien bis 2020 hinbewegen: Markus Somm wird Tamedia-Hyperchefredaktor, Watson verzichtet auf Buchstaben und SDA/Keystone wird Parkplatzvermieter, um nur einige Schlagzeilen dieser «vorgezogenen Presseschau» zu nennen. Am Ende bleibt eine pressefreie Schweiz.