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	<title>Online-Magazin | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Thu, 24 Jan 2019 13:15:18 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Auch Überflieger können abstürzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Jan 2019 20:57:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Magazin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auch wenn der fulminante Start anderes vermuten liess: Die «Republik» ist kein Selbstläufer. Das zeigen die Geschäftszahlen nach einem Jahr. Überhaupt sind die Zukunftsaussichten für Online-Medien schlechter als auch schon. Wieso funktionieren diese Modelle nicht, und: Was funktioniert? Nach dem überwältigenden Erfolg des Crowdfunding und dank einer Millionenspende zweier Brüder konnte die «Republik» schnell verkünden, <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/17/auch-ueberflieger-koennen-abstuerzen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Auch wenn der fulminante Start anderes vermuten liess: Die «Republik» ist kein Selbstläufer. Das zeigen die Geschäftszahlen nach einem Jahr. Überhaupt sind die Zukunftsaussichten für Online-Medien schlechter als auch schon. Wieso funktionieren diese Modelle nicht, und: Was funktioniert?</strong><br />
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Nach dem überwältigenden Erfolg des Crowdfunding und dank einer Millionenspende zweier Brüder konnte die «Republik» schnell verkünden, dass die ersten zwei Jahre durchfinanziert seien. Im <a href="https://www.republik.ch/2019/01/07/unser-plan-ihr-plan" rel="noopener" target="_blank">aktuellen Newsletter</a> hört sich das aber etwas anders an: «Im worst case wären wir im Dezember 2019 pleite.» Gleich wird aber beruhigend nachgeschoben: «Das klingt zwar auf den ersten Blick dramatisch. Auf den zweiten weniger.» Nun kann man auch mit schiefen Sprachbildern fast alles schönschreiben, Zahlen hingegen weniger.</p>
<p>Mit satten 7,7 Millionen in der Kasse startete die «Republik» vor ziemlich genau einem Jahr. Der im Herbst veröffentlichte <a href="https://project-r.construction/newsletter/2018-10-05-geschaeftsbericht" rel="noopener" target="_blank">Geschäftsbericht</a> wies einen Verlust von 2,85 Millionen Franken aus. Grösster Ausgabenposten mit 3,5 Millionen war das Personal, das innert kürzester Zeit auf über 50 Mitarbeiter anschwoll, die sich 36 Vollzeitstellen teilen.</p>
<p>Da am Anfang gleich rund 16&#8217;000 Willige ein Abo lösten, bzw. «Verleger» wurden, müssen im Januar natürlich sehr viele erneuern. Mitte Januar stand der Zeiger auf etwas über 9000. Im Verlauf des Jahres 2018, wenn man den Januar ausklammert, stiessen pro Monat durchschnittlich 430 Neuabonnenten, daneben Schnupperer und Spender, dazu. Also insgesamt rund 22&#8217;000. Nun kostet die «Republik», so wie dasteht, 6,5 Millionen im Jahr, sagt die «Republik». Das wäre finanziert, wenn das Online-Magazin rund 27&#8217;000 zahlende Leser hätte.</p>
<p>Nehmen wir also an, dass wie angepeilt zwei von drei Erstabonnenten erneuern, das wären dann 10&#8217;660 bis Ende Januar. Kämen wie bislang im Schnitt pro Monat 430 Neuabonnenten dazu, stünde die «Republik» Ende 2019 bei 15&#8217;390 «Verlegern». Selbst wenn man noch pro Monat 30&#8217;000 Franken Einnahmen durch Monatsabos und Spenden dazu nimmt, wäre die «Republik» dann nach eigener Aussage spätestens Ende 2019 am Ende, da sie eine Reserve von einer Million halten muss, um bei der Abwicklung allen Verpflichtungen nachzukommen.</p>
<p>Daher sucht sie bereits nach einer Zwischenfinanzierung in der Höhe von mindestens einer Million, am besten noch vor der Sommerpause. Und droht ganz unternehmerisch damit, dass wohl in erster Linie an den Personalkosten gespart werden müsse, also Mitarbeiter rausgeschmissen werden. Pardon, für neue Herausforderungen freigestellt werden. Seibt und Moser wird da sicherlich ein Schönsprech einfallen. Denn mit satten 500&#8217;000 Franken im Monat ist alleine das Budget für Gehälter auf 6 Millionen im Jahr angeschwollen, alle übrigen Kosten für Infrastruktur, Webseite, Spesen usw. noch gar nicht gerechnet. Und das Merkwürdige daran: Um auf diesen Betrag zu kommen, braucht man weder eine Glaskugel noch hellseherische Fähigkeiten.</p>
<p>Bereits vier leitende Mitarbeiter haben <a href="https://www.1815.ch/news/schweiz/news-schweiz/gleich-vier-fuehrungsleute-verlassen-das-medienprojekt-republik/" rel="noopener" target="_blank">im Herbst die «Republik» verlassen</a>, vom Gründerteam sind nur noch die Schreiber <a href="https://www.republik.ch/~cseibt" rel="noopener" target="_blank">Constantin Seibt</a>, <a href="https://www.republik.ch/~cmoser" rel="noopener" target="_blank">Christof Moser</a> und <a href="https://www.republik.ch/~clara" rel="noopener" target="_blank">Clara Vuillemin</a>, verantwortlich für IT und Produktentwicklung, an Bord. Nun dürfte es keine bösartige Unterstellung sein, dass Seibt und Moser eine Finanzflussplanung nicht unbedingt zu ihren Kernkompetenzen und Lieblingsbeschäftigungen zählen. Sonst wäre der von Anfang an absehbare drohende Exitus wohl nicht mit Volldampf angesteuert worden.</p>
<p>Und der Inhalt, ist nicht der entscheidend, hat sich die «Republik» da nicht Grosses vorgenommen? Allerdings, da war vor allem Constantin Seibt in seinem Element: «Ohne Journalismus keine Demokratie», <a href="https://www.republik.ch/manifest" rel="noopener" target="_blank">hiess es im «Manifest»</a>. Guter Journalismus schicke «Expeditionsteams in die Wirklichkeit», wolle dem «Bürger die Fakten und Zusammenhänge liefern». Kleiner machte es die «Republik» nicht, gemessen an ihren Vorgaben ist sie bisher kläglich gescheitert.</p>
<p>Man habe nur Angst vor der Langeweile, hiess es im Manifest noch. Aber genau die stellt sich beim Leser regelmässig ein, wenn er die unendlich langen, oft selbstverliebten Artikel liest. Der <a href="https://www.republik.ch/2018/04/24/das-kartell-teil-1-der-aussteiger" rel="noopener" target="_blank">Bündner Baukartell-Skandal</a>, neu aufgewärmt und ellenlang, ein <a href="https://www.republik.ch/2018/04/20/majestaetsbeleidigung" rel="noopener" target="_blank">mit Bier übergossener Regierungsrat</a> und einer, <a href="https://www.republik.ch/2018/10/01/zuger-justizdirektor-beat-villiger-verhindert-berichterstattung" rel="noopener" target="_blank">der seiner Freundin sein Auto verlieh</a>, das waren die Höhepunkte der Expeditionen in die Wirklichkeit. Diese Schwäche vermögen auch gelungene Formate und Rubriken, die es durchaus gibt, etwa die <a href="https://www.republik.ch/2018/01/17/warum-justiz" rel="noopener" target="_blank">Justiz-Kolumne</a> oder das <a href="https://www.republik.ch/format/briefing-aus-bern" rel="noopener" target="_blank">«Briefing aus Bern»</a>, nicht aufzuwiegen. Es steht zu befürchten, dass die «Republik» nicht am garstigen Umfeld für Medien scheitert, sondern am eigenen Unvermögen, an der Kluft zwischen vollmundigen Ankündigungen und schmalbrüstigen Einlösungen, an der Kluft zwischen fein gedrechselten Sätzen und zu wenig beachteten nackten Zahlen. Das ist kein Anlass zu Häme, sondern zu tiefem Bedauern. Denn jedes gescheiterte Experiment, Qualitätsjournalismus betreiben zu wollen, macht es noch schwieriger, den nächsten Versuch zu starten.</p>
<p><strong><small>Die «Republik» <a href="#update">widerspricht dieser Darstellung</a> in fünf Punkten.</small></strong></p>
<p>Wenn in den USA die Uhren im Internet vorausgehen, also Entwicklungen dort mit Zeitverzögerung in Europa ankommen, ist das keine gute Nachricht. Jenseits des grossen Teichs sprossen zuerst kleine Politblogs, meistens Ein-Mann- oder Eine-Frau-Unternehmen, zu bedeutenden Plattformen heran. Huffington Post, Daily Kos, Politico und andere wurden zu ernstzunehmenden Stimmen in der politischen Debatte. Zuerst angetrieben von Gratisarbeit, sind sie zu Medien geworden, die Honorare zahlen, Recherchen finanzieren, Hintergründe liefern. Aber wie immer geht es im Internet schnell. Nach oben und nach unten. Die Huffington Post wurde 2005 gegründet, von Arianna Huffington, Jonah Peretti und – Andrew Breitbart, der später mit seinem Konfrontationskurs gegen Linke und Liberale bekannt wurde.</p>
<p>Seither wechselte die Huffington Post mehrfach den Besitzer und wird inzwischen mehr nach geschäftsmässigen als publizistischen Kriterien geführt. Es wurden diverse Ableger gegründet, von Kanada über Brasilien bis Indien und Japan. Zudem in diversen europäischen Ländern. Allerdings: Ihre deutsche Ausgabe wird die HuffPost im März einstellen.</p>
<p>2013 wurde sie unter Anwesenheit der Namensgeberin Arianna Huffington mit grossem Brimborium in München vorgestellt. In den USA schafften es diverse Blogger, die als mehr oder minder Einzelmasken gestartet waren, politische und wirtschaftliche Relevanz zu bekommen. Häufig allerdings mit der unermüdlichen Gratisarbeit von Zuträgern, die froh sind, wenigstens eine Plattform mit bedeutender Reichweite für ihre Artikel zu bekommen. In Deutschland erreicht die Huffington Post immerhin eine Reichweite von bis zu 8 Millionen Unique Users pro Monat, sie war damit in der Liga des Online-Auftritts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 14 Mitarbeiter, die sich Ende März einen neuen Job suchen dürfen, waren für den Inhalt zuständig.</p>
<p>Medienmagazine in Deutschland berichten, dass der jüngste Besitzer des Mutterhauses, der US-Telekommunikationskonzern Verizon, trotz einem Umsatz von 126 Milliarden Dollar, in gröberen Schwierigkeiten steckt. Der deutsche Lizenznehmer Burda wollte das Produkt anscheinend weiterführen, aber der Vertrag wurde von US-Seite vorzeitig gekündigt. Dieses Online-Medium ist also nicht unbedingt mangelndem Erfolg, sondern typischem US-Geschäftsgebaren zum Opfer gefallen. Allerdings: Auch die deutsche Huffington Post erreichte nie ein breiteres Zielpublikum, schuf keinen Gesprächsstoff, nahm nicht an öffentlichen Debatten teil.</p>
<p>Nach dem wilden Wuchern und Spriessen ist langsam Konsolidierung oder Sterben angesagt. So denkt Peretti, heute CEO von Buzzfeed, inzwischen <a href="https://meedia.de/2018/11/20/mit-vice-group-nine-vox-media-buzzfeed-ceo-jonah-peretti-denkt-oeffentlich-ueber-mega-fusion-digitaler-us-publisher-nach/" rel="noopener" target="_blank">über eine Mega-Fusion</a> mit Vice, Group Nine und Vox Media nach. Nur so könne man im Werbegebiet der Konkurrenz der grossen Plattformen – Google, Facebook, Amazon und Co. – etwas entgegensetzen. «Mic», ein anderer grosser digitaler Publisher, der sich auf die Millennials als Zielpublikum konzentrierte, hat gerade <a href="https://www.recode.net/2018/11/29/18117787/mic-layoffs-staff-bustle-facebook" rel="noopener" target="_blank">die Mehrheit seiner 100 Angestellten entlassen</a> und sucht Unterschlupf bei einem anderen Verlag.</p>
<p>Zurück in die Vergangenheit, also in die Schweiz. Ins gleiche Kapitel gehört auch die Basler «TagesWoche». Als Hybrid zwischen Online-Portal und Printausgabe mit viel Elan (und viel Geld einer reichen Mäzenin) gestartet, mit vielen abtrünnigen BaZ-Redaktoren, die ein Gegenmodell zur vom Gottseibeiuns Christoph Blocher übernommenen Basler Zeitung BaZ schaffen wollten. Dann lief schief, was schief laufen kann. Ständige Wechsel in den Leitungsgremien, Mobbing, Beschiss bei der Printauflage, Sparmassnahmen, Durchhalteparolen und schliesslich zusammen mit dem Abgang von Markus Somm bei der BaZ <a href="https://medienwoche.ch/2018/11/08/jetzt-kam-die-deadline-vor-der-deadline/" rel="noopener" target="_blank">der Exitus</a>. Relevanz erreichte die «TagesWoche» nie, für Schweizer Polit- und Wirtschaftsthemen sowie für eine Auslandberichterstattung war sie zu schwach auf der Brust, das Lokale bediente sie zu lange nur unzulänglich.</p>
<p>Dem Prinzip der Gratis-Arbeit sind in der Schweiz noch die beiden Online-Magazine <a href="https://www.infosperber.ch/" rel="noopener" target="_blank">«Infosperber»</a> und <a href="https://www.journal21.ch/" rel="noopener" target="_blank">«Journal21»</a> verschrieben. «Infosperber» gibt monatlich 162&#8217;000 Unique Users und ein Jahresbudget von 230&#8217;000 Franken an. «Journal21» verweigert jegliche Auskünfte. Weitere Versuche lokaler Art sind <a href="https://medienwoche.ch/2018/10/25/weil-wir-stadtgeschichten-lieben/" rel="noopener" target="_blank">«Tsüri», eine «lose Gruppe von 20 Menschen»</a> mit einem Jahresbudget von immerhin 287&#8217;000 Franken, sowie <a href="https://www.zentralplus.ch/" rel="noopener" target="_blank">Zentralplus</a>, das sich als «News- und Community-Plattform für Luzern und Zug» versteht. Herausgeber ist der Verein «Medien.Meinungen.Vielfalt» über die MMV Online AG. Rund 200&#8217;000 Unique Users tummeln sich hier pro Monat, über das Jahresbudget wird keine Angabe gemacht. Recht munter gestartet ist zudem <a href="https://www.dieostschweiz.ch/" rel="noopener" target="_blank">«Die Ostschweiz»</a>. Ein Online-Medium mit gelegentlichen Abstechern in Print für St. Gallen, Thurgau und die beiden Appenzell. Herausgegeben wird es von Marcel Baumgartner und Stefan Millius. Es setzt auf eine Mischung von bezahlten Beiträgen, Gönnerbeiträgen und eigenen Recherchen sowie Gastautoren, die hier gratis ihre Meinung vervielfältigen können. (Als Packungsbeilage sei erwähnt, dass ich in der «Ostschweiz» gelegentlich publiziere, wie auch hier in der MEDIENWOCHE, die dank der Finanzierung durch die Stellenplattform <a href="http://medienjobs.ch/" rel="noopener" target="_blank">medienjobs.ch</a> ein gesichertes Auskommen hat.)</p>
<p>Obwohl das Internet die grosse, weite Welt umspannt, liegt die Zukunft für Online-Medien vielleicht wirklich im Lokalen. Hier kann man den Community-Ansatz zum Tragen bringen, also die Leser konsumieren nicht nur, sondern produzieren auch Content. <a href="https://medienwoche.ch/2018/12/20/der-dorfplatz-wird-digital/">«Digitale Dorfplätze» ist hier das Stichwort</a>; sie werden schon von vielen Gemeinden benutzt. Auch Google und Facebook mischen natürlich mit, aber es herrscht hier immer noch Aufbruchsstimmung für Start-ups. Zudem ist man, im allgemeinen Schrumpf- und Sparjournalismus, wo man inzwischen nur noch zwischen der lokalen Ausgabe der CH-Media-Zentralredaktion oder der von Tamedia auswählen kann, mit guter lokaler Verankerung durchaus vorne dabei. Denn das Medienduopol lässt natürlich die Lokalredaktion bestehen, aber ebenfalls gesundgeschrumpft, ohne genügend Power, um das Regionale ausreichend abzubilden. Und ummantelt wird das von der gleichen Einheitssauce, als wäre der Blickwinkel auf Schweizer Innenpolitik in St. Gallen, Luzern, Bern oder Basel der gleiche wie in Zürich oder Aarau.</p>
<p>Schliesslich gibt es noch den tapferen Fast-Einzelkämpfer Lukas Hässig mit seinem Finanz-Blog <a href="https://insideparadeplatz.ch/" rel="noopener" target="_blank">«Inside-Paradeplatz»</a>. Spätestens, seit er den Primeur landete, dass Novartis ihrem ehemaligen Chef 72 Millionen nur dafür zahlen wollte, dass er in den nächsten Jahren nicht bei der Konkurrenz anheuert, ist Hässig allgemein bekannt geworden. Zudem kann er sich die Feder an den Hut stecken, dass er im Alleingang, bis dann nach langer Zeit auch andere Medien aufsprangen, den Niedergang des ehemaligen Raiffeisen-Bosses Pierin Vincenz durch unermüdliche Recherchierarbeit verursachte. Dafür wurde er gerade als «Journalist des Jahres» ausgezeichnet. Immer wieder begibt er sich an die Grenzen des Erlaubten oder sogar darüber hinaus, veröffentlicht wie ein Schweizer Uhrwerk pünktlich kurz vor acht fünf Tage die Woche eine knackig geschriebene Story, manchmal sogar noch ein Bonus-Stück. Obwohl Hässig keine Zahlen bekannt gibt, muss sich sein Geschäftsmodell für ihn als Familienvater rechnen. Auf jeden Fall führt er der versammelten Schweizer Wirtschaftsjournaille immer wieder vor, was hartnäckige Recherche und ein gutes Informantennetz wert ist.</p>
<p>Bevor also wieder viel Geld verbraten wird mit dem nächsten Versuch, ein Online-Medium zu starten (was ja das einzig richtige und Vernünftige ist), sollte man einige Lehren beachten. Die grossen Welterklärungs-Plattformen mit meinungs- und formulierstarken Schreibern sind weniger gefragt. Gut vernetztes Lokales kann funktionieren, wenn man eine Community herstellen kann, weil man bei der Berichterstattung im Mikrokosmos wenig oder sogar keine Konkurrenz hat. Und die mutige Einzelmaske, die sich auf ein Thema, einen Stil konzentriert und unermüdlich liefert, das funktioniert auch. Im Fall von Hässig seit 2011. Wichtig ist ebenfalls, von einer Anfangs- und Startphase, für die man einen gewissen finanziellen Atem brauche, nicht nur zu reden, sondern sie auch zu überstehen.</p>
<p>Vor allem, wenn man auf Werbefreiheit und dadurch Finanzierung einzig durch Abonnenten und Spender setzt. Jedes Mal, wenn ein solches Projekt die Radieschen von unten betrachtet, sind all die gekniffen, die noch kurz zuvor ein Jahresabo lösten oder investierten, in der Hoffnung, das Geld wiederzusehen. Das verdüstert jedes Mal zusätzlich die Chancen eines neuen Versuchs. Dabei ist gerade im Internet überhaupt nicht einzusehen, was gegen Werbung einzuwenden wäre. Google Ads zum Beispiel funktionieren rein nach der Einschaltquote, bei Facebook ist es ähnlich. Wenn die Beine nicht so weit wie bei vielen Print-Organen gespreizt werden, wo heutzutage vornehm Native Ad heisst, was früher eine bezahlte und klar deklarierte Publireportage war, gibt es weder Probleme noch Abhängigkeiten. Und all denen kann man die Inhalte werbefrei anzeigen, die bereit sind, dafür mehr zu zahlen. Kinderleicht.</p>
<p>In Basel scheint ein neuer Versuch auf der Startrampe zu stehen, eigentlich <a href="https://www.srf.ch/news/regional/basel-baselland/neues-basler-medienprojekt-zwei-projekte-in-konkurrenz-um-stiftungsgelder" rel="noopener" target="_blank">zwei sich konkurrierende Projekte</a>, die gerne die von der Stiftung, die bisher die TagesWoche durchfinanziert hatte, ausgelobte Million kassieren möchten. Was man bisher von den beiden Projekten hört, lässt das Beste hoffen – und das Schlimmste befürchten. Die ehemaligen TagesWöchner wollen es nochmal mit einem Printprodukt probieren, andere online. Dafür hat Hansi Voigt mal wieder ein Konzept ausgearbeitet. Er will «ein Medium schaffen, das seine technische Infrastruktur mit anderen Online-Medien teilt». Und so Inhalte austauschen könne. Abgesehen davon, dass existierende Medien bereits eine Infrastruktur haben; was sollten den Basler Lokalnews aus St. Gallen interessieren, oder den Appenzeller ein Bericht über den FCB? Oder gar eine umfangreiche Sammlung der neusten Schnitzelbängg? Man kann schon hören, wie die Million beim Verrösten leise knistert.</p>
<p><a id="update"><small><strong>Update 24. Januar 2019:</strong></a></p>
<p><a href="https://www.republik.ch/~cmoser" rel="noopener" target="_blank">Christof Moser</a>, Mitgründer, Redaktor und Verwaltungsrat der «Republik», widerspricht in fünf Punkten unserer Darstellung des Geschäftsgangs des Online-Magazins:</p>
<p><strong>«Mit satten 7,7 Millionen in der Kasse startete die «Republik» vor ziemlich genau einem Jahr.»</strong><br />
Falsch. Anfang Publikationsjahr 2018 verfügte die Republik über 5,9 Mio. CHF. Ende Geschäftsjahr (Juni 2018) verfügte die Republik über 7,15 Mio. CHF.</p>
<p><strong>«Der im Herbst veröffentlichte Geschäftsbericht wies einen Verlust von 2,85 Millionen Franken aus.»</strong><br />
Ungenau. Im überlangen Geschäftsjahr von Januar 2017 bis Juni 2018 betrug der Aufwand 5,05 Mio. CHF. und der Ertrag 7,15 Mio. CHF. Dass die Erfolgsrechnung einen Verlust von 2,85 Mio. CHF ausweist, liegt daran, dass die Beiträge der Mitglieder direkt ins Eigenkapital verbucht wurden und dadurch technisch keinen Ertrag darstellen.</p>
<p><strong>«Also insgesamt rund 22’000.»</strong><br />
Falsch. Ende 2018 verfügte die Republik über 24&#8217;500 Mitglieder und Abonnenten.</p>
<p><strong>«Kämen wie bislang im Schnitt pro Monat 430 Neuabonnenten dazu, stünde die «Republik» Ende 2019 bei 15’390 ‹Verlegern›.»</strong><br />
Falsch. Die Republik startet im Februar bereits mit 17’000 Mitgliedern und Abonnenten. Der Autor hat die 8000 Mitglieder und Abonnenten nicht eingerechnet, die 2018 übers Jahr dazu gekommen sind. </p>
<p><strong>«Denn mit satten 500’000 Franken im Monat ist alleine das Budget für Gehälter auf 6 Millionen im Jahr angeschwollen, alle übrigen Kosten für Infrastruktur, Webseite, Spesen usw. noch gar nicht gerechnet.»</strong><br />
Falsch. Der Aufwand für Lohnkosten betrug 2018 im Schnitt 366’000 CHF/Monat. Der Gesamtaufwand im Schnitt 467’000 CHF/Monat.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/01/17/auch-ueberflieger-koennen-abstuerzen/">Auch Überflieger können abstürzen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Ein bluttes Füdli – ist das gut für den Kopf?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/06/22/ein-bluttes-fuedli-ist-das-gut-fuer-den-kopf-2/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2017/06/22/ein-bluttes-fuedli-ist-das-gut-fuer-den-kopf-2/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Peter Rothenbühler]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Jun 2017 09:19:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[L'Hebdo]]></category>
		<category><![CDATA[Crowdfunding]]></category>
		<category><![CDATA[Jacques Pilet]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Bon pour la tete]]></category>
		<category><![CDATA[Blattkritik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das neue Westschweizer Online-Magazin «Bon pour la tête» startet verhalten. In der Blattkritik von Peter Rothenbühler schneidet das «widerspenstige» Medium noch zu brav ab, zu beliebig und zu berechenbar. Da hilft auch die Prise Sex nichts, die zur Première eingestreut wurde. «Bon pour la tête» heisst das jüngste Medium der Westschweiz, exakt so wie der <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/22/ein-bluttes-fuedli-ist-das-gut-fuer-den-kopf-2/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/22/ein-bluttes-fuedli-ist-das-gut-fuer-den-kopf-2/">Ein bluttes Füdli – ist das gut für den Kopf?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Das neue Westschweizer Online-Magazin «Bon pour la tête» startet verhalten. In der Blattkritik von Peter Rothenbühler schneidet das «widerspenstige» Medium noch zu brav ab, zu beliebig und zu berechenbar. Da hilft auch die Prise Sex nichts, die zur Première eingestreut wurde.<br />
<span id="more-29396"></span><br />
«Bon pour la tête» heisst das jüngste Medium der Westschweiz, exakt so wie der alte Werbeslogan für «L’Hebdo», das Anfang 2017 eingestellte Wochenmagazin des Ringier Verlags. Der Name ist Programm: eine Gruppe von rund dreissig Hebdo-Nostalgikern rund um Hebdo-Gründer Jacques Pilet, hat am 21. Juni die Nullnummer einer Online-Zeitung präsentiert, die «gut für den Kopf» sein soll, so etwas wie der Phönix aus der Asche von L’Hebdo und nicht weniger als «Der Frühling des Journalismus», wie der Film heisst, den der welsche Regisseur Frédéric Gonseth Ende Jahr vorstellen will. (Hoffentlich gibt’s dann die Internetzeitung noch)</p>
<p>«Bon pour la tête» oder kurz BPLT, will täglich mit neuen Storys überraschen und kann für acht Franken im Monat abonniert werden.</p>
<p>Wer davon ausgeht, dass sich Sex im Kopf abspielt, versteht auch, dass ausgerechnet ein wohlgeformtes nacktes Füdli auf dem ersten Bild des neuen Mediums zu sehen ist – und auch, warum sich gleich drei von zwölf Geschichten zum Start um Sex drehen.</p>
<p>Vielleicht hängt es mit dem zweiten Frühling der durchschnittlich doch etwas älteren Mannschaft zusammen? Jedenfalls soll das Medium «indocile» sein, sagen seine Gründer. Man kann «indocile» mit unbrav, undiszipliniert oder gar rebellisch übersetzen. Und sie jubeln ganz optimistisch, dass in nur fünf Wochen ganze 230&#8217;000 Franken Startkapital per Crowdfunding zusammengekommen sind, «ein Rekord für die Westschweiz», wie sie stolz verkünden. Die überwältigende Summe reicht sicher für ein Trinkgeld für die rund dreissig freiwillig mitarbeitenden Journalisten, würde ich mal sagen.</p>
<p>«»Dessen ungeachtet verspricht Jacques Pilet, Mitgründer von L&#8217;Hebdo und späteres Ringier-Direktionsmitglied auf allen Kanälen frohgemut, dass diese Internet-Zeitung mit ihren Reportagen, Kolumnen und Analysen einen originellen, überraschenden Ort der Debatte, der neuen Ideen schaffen werde, wie es ihn seit dem Untergang von L’Hebdo im Welschland leider nicht mehr gebe. Und wie es von einer ungeduldigen, inspirierenden Leserschaft sehnlichst erwartet werde. Mal sehen.</p>
<p>Eine derart ambitiöse Sache hat nur eine Chance, einen ersten Eindruck zu machen: man muss hoffen, dass sich das Trüppchen um Doyen Pilet noch steigern kann. Die ersten veröffentlichten Beiträge enttäuschen nämlich punkto Originalität und Themenwahl. Sie erinnern an eine dieser beliebigen, mässig interessanten, vorproduzierten Hintergrundseiten bestehender Titel, die nicht wirklich von Belang sind.</p>
<p>Da wird zum Beispiel über die 40 Prozent Boote in 70 Häfen des Lac Léman geschrieben, die nie ausfahren (!), oder die schäbigen Tricks gewisser Anbieter von Online-Dating (stand vorher schon in «20 Minutes»). Über offene Fragen nach der Moutier-Abstimmung wird gerätselt, wie das alle Kommentatoren der Westschweiz schon drei Tagen zuvor taten. Man erfährt vom schönen Brauch, in gewissen Cafés der Rhonestadt für ein Kaffee noch ein zweites zu bezahlen, für den mittellosen Gast. Das Schweizer Krankenkassen-Wesen wird als einmalig in Europa geoutet.</p>
<p>Im Bereich Lifestyle stellt eine ältere Journalistin eine junge Modeschöpferin vor, die Kleider für ältere Damen herstellt mit so originellen Aufdrucken wie «Old is the new black». Drohnenaufnahmen von einem riesigen Friedhof im Irak und das Bild einer Moderatorin des nordkoreanischen Fernsehens runden das Bild ab. Wie gesagt, nichts Bewegendes. Nichts zum Abschreiben.</p>
<p>Wenn das sehr erfolgreiche Medienportal «Médiapart» in Frankreich das Vorbild sein sollte, muss sich «Bon pour la tête» sogleich daran machen, gewisse Dinge aufzudecken, die die andern Medien zwingen, den neuen Fisch im Karpfenteich zu zitieren. Und es muss seine Unabhängigkeit vom Verleger- Establishment beweisen, in dem es beispielsweise mit der durchwegs gouvernementalen, auf Harmonie bedachten Haltung der Regionalzeitungen bricht, Missstände aufdeckt, die Politiker kritisiert, wo ss nötig ist, regelmässig in der Westschweiz eine öffentliche Debatte anreisst, aneckt – «indocile» eben.</p>
<p>Vorläufig schwimmen die Alt-Hebdoler noch im gleichen Wasser wie das von ihnen sehr betrauerte ehemalige Magazin in den letzten Jahren: Man bringt ein bisschen dies und ein bisschen das und geht langsam aber sicher in Selbstgefälligkeit unter.</p>
<p>Man ist nur bisschen witzig, nur ein bisschen klug, nur ein bisschen unbrav. Aber leider auch ein bisschen unnötig. Aber vielleicht täuscht ja dieser erste Eindruck und es wird noch alles ganz anders, viel besser. Lassen wir uns überraschen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/22/ein-bluttes-fuedli-ist-das-gut-fuer-den-kopf-2/">Ein bluttes Füdli – ist das gut für den Kopf?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Alternativen von lechts und rinks</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 06 Apr 2017 14:22:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[politischer Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Alternative Fakten]]></category>
		<category><![CDATA[Daniele Ganser]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Rubikon]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Geisselung von «Lügenpresse» und «Mainstream-Medien» verbindet rechte und linke Kritik an den herrschenden Verhältnissen. So überrascht es auch nicht, wenn sich Publikationen auf beiden Seiten des politischen Spektrums, die sich als Alternative zum real existierenden Journalismus anpreisen, in Ton und Themen gleichen. Ein Blick auf «Rubikon» mit Seitenblicken auf «Tichys Einblicke». In den letzten <a href="https://medienwoche.ch/2017/04/06/alternativen-von-lechts-und-rinks/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Geisselung von «Lügenpresse» und «Mainstream-Medien» verbindet rechte und linke Kritik an den herrschenden Verhältnissen. So überrascht es auch nicht, wenn sich Publikationen auf beiden Seiten des politischen Spektrums, die sich als Alternative zum real existierenden Journalismus anpreisen, in Ton und Themen gleichen. Ein Blick auf «Rubikon» mit Seitenblicken auf «Tichys Einblicke».<br />
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In den letzten Jahren haben sich vor allem viele konservative bis rechtspopulistische Medienangebote im Netz gegründet. Diese werden – vollkommen zu Recht – kritisch beobachtet, unterliegen jedoch zum Teil übertrieben skandalisierenden Beurteilungen. Als auf der Facebook-Seite des «Europäischen Journalismus-Observatoriums» EJO ein Text von «Tichys Einblick» (TE) verlinkt wurde, <a href="https://www.facebook.com/de.EJO.eu/posts/1218043504949409" target="_blank" rel="noopener">hagelte es Proteste </a>. Man dürfe doch einem rechtsradikalen Organ keine derartige Plattform bieten. <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/23/in-den-weiten-des-rechten-raums/" target="_blank" rel="noopener">Tatsächlich sind die Texte auf Tichys Einblick qualitativ äusserst unterschiedlich</a>. Eine Pauschalverurteilung ist demzufolge unzulässig, erleichtert aber scheinbar die politische Orientierung.</p>
<p>Wie stark das Lagerdenken ausgeprägt ist, zeigte sich auch kürzlich anhand der Empörung über die hochdekorierte und als journalistische Ikone mit «Haltung» verehrte ZDF-Moderatorin und Journalistin Dunja Hayali. Sie, die sich aufgrund ihres Engagements mehrfach verbalen rassistischen Übergriffen ausgesetzt sah, gab der rechtskonservativen Wochenzeitung «Junge Freiheit» ein Interview. In der Vergangenheit galt ein solcher Dialogversuch als politischer Selbstmord; bei Hayali <a href="http://uebermedien.de/14079/warum-es-richtig-war-von-dunja-hayali-mit-der-jungen-freiheit-zu-reden/" target="_blank" rel="noopener">übt man Nachsicht</a>. Zahlreiche sich als kritisch verstehende Internetmedien, etwas das Bildblog, verlinken nicht auf Artikel der «Jungen Freiheit».</p>
<p>Aber keine Sorge: Dem linksintellektuellen Spektrum wird vor lauter Ge- und Verboten nicht der Lesestoff ausgehen, denn in den nächsten Tagen wird ein neues Medium aus dieser politischen Richtung starten. Dabei ist schon der Name <a href="https://www.rubikon.news/" target="_blank" rel="noopener">«Rubikon»</a> interessant, weil er an ein historisches Ereignis erinnert, dass einen Bürgerkrieg auslöste. Es wäre allerdings verwegen, wollte man eine ähnliche Absicht den Gründern unterstellen; auf der Seite gibt es denn auch unterschiedliche Interpretationen, die mit dem Namen eher einen Aufbruch signalisieren sollen.</p>
<p><a href="https://www.rubikon.news/beirat" target="_blank" rel="noopener">Im «Beirat» des neuen Magazins</a> findet man aktuell 23 AutorInnen mit einem Durchschnittsalter von 66 Jahren. Einige Namen kennt man von anderen linken Publikationen wie den «Nachdenkseiten» oder «Linksnet». Prominente Mitglieder sind unter anderem der Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser, die Publizistin Daniela Dahn, der Bildungsphilosoph Matthias Burchardt, Medienkritiker Walter van Rossum, der Politikwissenschaftler Jörg Becker sowie der Musiker und Schauspieler Konstantin Wecker. Des Weiteren gehören die linken Journalistinnen und Publizisten Karin Leukefeld, Gaby Weber, Publizisten Werner Rügemer und Hannes Hofbauer dazu, sowie der Kabarettist Arnulf Rating und der Psychologe Rainer Mausfeld. Letzterer erlangte 2015 durch seinen Vortrag «Warum schweigen die Lämmer? &#8211; Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements», der bei Youtube inzwischen mehr als 500&#8217;000 Klicks gerierte (zusammengenommen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Rx5SZrOsb6M" target="_blank" rel="noopener">hier</a> und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=QlMsEmpdC0E&amp;feature=youtu.be" target="_blank" rel="noopener">hier</a>), virale Berühmtheit.</p>
<p>Auch wenn man einige Mitglieder des Autorenkollektivs nicht kennen sollte, kann man an den Vorstellungen auf der entsprechenden «Rubikon»-Seite die Richtung des Magazins «für die kritische Masse» deutlich erkennen. Es brauche «mutigen Journalismus, der ohne politische Scheuklappen gegen die zerstörerischen Kräfte des Kapitals anschreibt», stellt Hannes Hofbauer fest und Gaby Weber weiss, dass in den Medien «systematisch desinformiert wird». «Rubikon» soll, so Rainer Mausfeld, «neue Wege der intellektuellen Selbstverteidigung» aufzeigen und damit der «permanenten Gehirnwäsche durch die Meinungs- und Erziehungsindustrie» (Conrad Schuhler, «Volkswirt») trotzen.</p>
<p>Nicht nur die Bekenntnisse zu «Aufklärung» und «Klartext» erinnern verblüffend an das Selbstverständnis der Autoren von «Tichys Einblick». Wie «Rubikon» versteht sich auch das liberal-konservative Magazin des ehemaligen Wirtschaftswoche-Chefs Roland Tichy als notwendiges Korrektiv innerhalb einer vom Zerfall bedrohten Demokratie. Will sagen: Genau dieses Medium ist notwendig, um diese zu erhalten. Auf einigen Gebieten fallen die Diagnosen zwischen der konservativen und der linken Alternativpublizistik nahezu identisch aus. Man kritisiert Einseitigkeiten und Lückenhaftigkeiten der Leitmedien und will sich gegen den herrschenden Diskurs stellen. Der eigene Journalismus ist natürlich «kritisch» («Rubikon») bzw. «unabhängig» (TE). Öffentlich-rechtliche Medien werden als «Staatsfunk» bezeichnet (TE), die «nachgewiesene[n] regierungstreue[n] Manipulationen, Falschmeldungen, Halbwahrheiten, Tendenzberichte[n] und Meinungsmache» (Rubikon) verbreiten.</p>
<p>Die diagnostischen Übereinstimmungen zwischen beiden Lagern bleiben noch in der Bewertung des deutschen politischen Status quo erhalten. In beiden Medien wird konstatiert, dass das Volk zu wenig an der politischen Willensbildung beteiligt sei. Das eigentlich linke Projekt von «mehr Demokratie» wird auch bei den meisten Autoren von «Tichys Einblick» verfochten. Einig ist man sich auch in der negativen Bewertung der aktuellen politischen Parteien. Hier wie dort ist Angela Merkel mehr als nur eine politische Gegnerin. Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wird lagerübergreifend negativ kommentiert.</p>
<p>In einem der bisher erschienenen Texte auf der «Rubikon» eskaliert dieses Feindbild in einer Dimension, die man bisher eher AfD- oder Pegida-nahen Publikationen zugeschrieben hätte. In seinem Text <a href="https://www.rubikon.news/artikel/die-deutsche-musterschulerin" target="_blank" rel="noopener">«Die deutsche Musterschülerin»</a> berichtet Werner Rügemer von den Treffen Angela Merkels mit Donald Trump in Washington. Merkel, bei Rügemer mal «der sprechende Hosenanzug mit den mechanischen Bewegungen» und an anderer Stelle die «gefakete Flüchtlingsfreundin» sei «noch jedem US-Präsidenten in den Arsch gekrochen, den sie erreichen konnte» und bei Obama, dem «gefaketen Nobelpreisträger», höre es nicht auf. Der Autor war wohl bei den Treffen dabei und besitzt intime Detailkenntnisse, denn anders sind seine Schlussfolgerungen wie «Merkel ist korrupt, dabei sogar zum billigst denkbaren Preis, sie bekommt weniger als ein Mittelstands-Geschäftsführer. Sie ist sozusagen nicht käuflich, ganz und gar unschuldig und schuldlos» nicht zu erklären. «Sachlich» und «präzise» möchte man die Zielgruppe informieren. Nicht nur aus diesem Grund darf man sich wünschen, dass dieses Geschwafel nicht repräsentativ für das neue Medium ist.</p>
<p>Die Gemeinsamkeiten zwischen «Tichys Einblick» und «Rubikon» enden allerdings bei der Bewertung der gesellschaftspolitischen, ökonomischen und geostrategischen Probleme. So sind einige Beirats-Mitglieder über die Medienkritik an der Berichterstattung zum Russland-/Ukraine-/Krimkonflikt hinaus durch dezidiert pro-russische Stellungnahmen aufgefallen. Andere Autoren beschäftigen sich ausgiebig mit den geopolitischen Verfehlungen der USA; von einem dezidierten Antiamerikanismus zu sprechen wäre allerdings zu früh. In bester linker Tradition wird das kapitalistische Wirtschaftsmodell (und besonders der «Neoliberalismus», sowie die Globalisierung) angegriffen. Und naturgemäss beschäftigt sich einer der ersten Artikel mit dem Verhältnis zwischen Israel und Palästina (durchaus mit Schlagseite).</p>
<p>Ein wenig überraschend hingegen ist <a href="https://www.rubikon.news/artikel/demokratie-auf-europaisch-redeverbot-fur-turken" target="_blank" rel="noopener">Hannes Hofbauers Beitrag</a> über die «politisch korrekte Ausländerfeindlichkeit auf EU-Ebene», mit der er die sogenannten Redeverbote für türkische Politiker kritisiert (es handelt sich, wenn überhaupt, um Auftrittsverbote). Hofbauer erkennt hierin eine Schwächung der Demokratie in Deutschland aus. So abwegig man diese These auch finden mag, so interessant sind immerhin die gefundenen Parallelen zu Auftritten westlicher Politiker auf dem Maidan in Kiew Ende 2013.</p>
<p>Der bisherige publizistische Höhepunkt der Seite ist die Veröffentlichung des <a href="https://www.rubikon.news/artikel/kooperation-oder-konfrontation-mit-russland" target="_blank" rel="noopener">Vortrags «Kooperation oder Konfrontation mit Russland» von Daniela Dahn</a> auf der Münchner Friedenskonferenz 2017, die zeitgleich zur ungleich bekannteren Münchner Sicherheitskonferenz stattfand. Dahn lotet hier behutsam sicherheits- und friedenspolitische Aspekte zum Verhältnis des Westens zu und mit Russland aus. Man muss ihren Thesen nicht immer zustimmen, aber die Durchdringung der Materie ist tief und durchaus aufschlussreich.</p>
<p>Es bleibt nach dem ersten Blick auf das neue Magazin abzuwarten, ob «Rubikon» den Parallelweltjournalismus, wie man ihn bisher von rechts kannte, einfach nur auf der linken Seite fortschreibt oder mit pluralistischen Positionen jenseits festgefahrener Doktrin zu überraschen vermag. In der «Selbstverständnis»-Erklärung wird «scharfe[r] Verstand, unzerstörbare Empathie, siedende[r] Spott und gelegentlich eine leidenschaftlich geschwungenen Keule mit der neonknallbunten Aufschrift ‹Moral›» versprochen. Erste Stichproben hinterlassen ein zwiespältiges Gefühl. Manche Autoren sind schlichtweg zu sehr schon eine eigene Marke. Aber so erstrebenswert ein journalistisch-publizistisches Profil auch sein mag – wenn man am Ende schon am Autor die Tendenz eines Artikels erahnen kann, droht ganz schnell die Langeweile.</p>
<p>Das erinnert an meine Expeditionen Mitte der 1970er Jahre auf Kurzwelle. Zugegeben, der Empfang war oft miserabel, es gab häufig Interferenzen mit anderen Sendern und insbesondere das Schwanken der Empfangslautstärke trübte den Hörgenuss. Mehr als 30 Länder sendeten speziell produzierte Auslandsprogramme in deutscher Sprache, neben vielen westlichen Sendern wie der BBC und dem französischen Auslandsdienst (zunächst ORTF, dann Radio France International) eben auch NHK Tokio, Radio Canada International und der südafrikanische Regierungssender RSA. Zunächst am interessantesten waren aber die osteuropäischen vulgo: kommunistischen Sender; von Warschau über Prag, Bukarest, Sofia bis Moskau. Sogar Radio Peking hatte deutschsprachige Programme. Wenn man den fundamental-marxistischen, schnell ungeniessbaren Ismus-Jargon von Radio Tirana einmal ausklammerte, waren die Nachrichten- und Informationssendungen zunächst durchaus interessant, zeigten sie doch teilweise andere politische Sichtweisen als man dies in den gängigen öffentlich-rechtlichen Medien oder der Zeitung zu lesen bekam. Schrieb man die Sender an, erhielt man noch zusätzlich umfangreiches Material (fast alles in Deutsch). Den Begriff «Fake-News» gab es nicht, aber ein anderer Begriff war für diese Art der Berichterstattung schnell gefunden: «Propaganda».</p>
<p>Propaganda, Hetze, Lügen – das betrieben immer nur die anderen. Man selber sprach die Wahrheit. Insofern war das alles nichts Neues. Man konnte hören, dass die Apartheid in Südafrika gar nicht so schlimm, die sowjetische Politik nur den Frieden wollte, die CDU-Opposition in Deutschland quasi faschistisch und der «Grosse Sprung nach vorn» ein grosser Fortschritt für das chinesische Volk gewesen war. So faszinierend diese Welt zu Beginn war, so schnell folgte die Ernüchterung: Als nachrichtliches Korrektiv taugten die Sendungen kaum. Der Versuch, die Wahrheit aufzuspüren in dem man mehrere differierende einseitige Berichterstattungen zur Kenntnis nimmt, war auf diese Weise nicht möglich. Immerhin konnte man lernen, zwischen den Zeilen Nuancen wahrnehmen.</p>
<p>Die unterschiedlichen ideologischen Sichtweisen sind auch nach dem Ende des Kalten Krieges geblieben. Längst haben sich im Internet medial multipolare Informationsströme gebildet, die den Nachrichtenrezipienten vor immer grössere Herausforderungen stellt. Was ist Fakt und was Lüge? Wer interpretiert wie eine Statistik? Und was geschieht eigentlich, wenn es am Ende keine Wahrheit geben soll? Was bedeutet es, wenn «alternative Fakten» aufgestellt werden? Der ehemalige «Spiegel»-Chefredakteur und heutige «Welt»-Herausgeber Stefan Aust warnt inzwischen davor, <a href="http://www.deutschlandfunk.de/stefan-aust-in-mediasres-mit-dem-begriff-wahrheit-habe-ich.2907.de.html?dram:article_id=381847" target="_blank" rel="noopener">den Begriff der «Wahrheit» in Bezug auf Informationen zu einem quasireligiösen Begriff hochzustilisieren</a>. Viele Informationen seien auf unterschiedliche Art interpretierbar. Journalisten sollen verbreiten «was ist und was man sieht» und dabei möglichst transparent machen, «wie man zu diesen Informationen gekommen ist». Die Trennung von Information und Kommentar, einst eine Art Gesetz des Journalismus, würde damit praktisch aufgehoben. «Alternativmedien» wie «Tichys Einblick» oder nun auch «Rubikon» unterlaufen das Trennungspostulat per definitionem, huldigen sie doch einer bestimmten Weltsicht und predigen zu den bereits Bekehrten.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/04/06/alternativen-von-lechts-und-rinks/">Alternativen von lechts und rinks</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Die Zukunft sieht anders aus</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/11/28/die-zukunft-sieht-anders-aus/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Wolfgang Böhler]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Nov 2013 08:48:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Standpunkt]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Böhler]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Nur wenn sich der Journalismus von der Fiktion der Unabhängigkeit und Zweckfreiheit verabschiedet, hat er eine Zukunft. Der erst schwach entwickelte Online-Markt böte dafür die idealen Voraussetzungen, findet Wolfgang Böhler. In seiner Neuerscheinung «Journalismus und Internet» analysiert Böhler vergangene und kommende Veränderungen der Medienwelt. Zuerst haben die Verleger das Internet ignoriert, dann haben sie darüber gelacht, <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/28/die-zukunft-sieht-anders-aus/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/28/die-zukunft-sieht-anders-aus/">Die Zukunft sieht anders aus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Nur wenn sich der Journalismus von der Fiktion der Unabhängigkeit und Zweckfreiheit verabschiedet, hat er eine Zukunft. Der erst schwach entwickelte Online-Markt böte dafür die idealen Voraussetzungen, findet Wolfgang Böhler. In seiner Neuerscheinung «Journalismus und Internet» analysiert Böhler vergangene und kommende Veränderungen der Medienwelt.<br />
<span id="more-16823"></span><br />
Zuerst haben die Verleger das Internet ignoriert, dann haben sie darüber gelacht, dann haben sie es schlecht geredet, und jetzt tun sie so, als ob es ihnen schon immer gehört hätte, etwa wenn sie sich über die Aktivitäten von Schweizer Radio und Fernsehen im Web echauffieren. Sie können diesen fatalen Besitzanspruch verteidigen, weil sich niemand dagegen wehrt. Verlagsunabhängiger, innovativer Webjournalismus hat keine Lobby und ist zersplittert in viele kleine, in mancher Hinsicht durchaus erfolgreiche Projekte. Diese operieren in so kleinen oder spezialisierten Märkten, dass sie sich unter dem Radar der Mächtigen der Branche durchhangeln und den Diskurs nicht wirklich anzustossen vermögen.</p>
<p>Auf zwei Gebieten können sie ihre Stärken bereits ausspielen: Entweder entwickeln sie, wie zum Beispiel die Basler Onlinezeitung <a href="http://www.onlinereports.ch/" target="_blank">onlinereports.ch</a>, im überschaubaren lokalen politischen Rahmen eigene Perspektiven, oder sie übernehmen dank spezifischen Branchenkenntnissen kritische Aufgaben für spezifische Themen: Hierzulande etwa das unabhängige Fachmagazin für die IT-Branche  <a href="http://inside-it.ch" target="_blank">inside-it.ch</a>, das Finanzportal <a href="http://insideparadeplatz.ch" target="_blank">insideparadeplatz.ch</a> mit Geschichten aus dem Innern der Bankenwelt – oder <a href="http://www.codexflores.ch/" target="_blank">codexflores.ch</a>, das unter meiner Leitung die Klassikszene mit Nachrichten und Kritiken bedient.</p>
<p>Noch haben autonome journalistische Projekte im Web einen entscheidenden Geburtsfehler: Sie werden fast ausschliesslich von Journalisten vorangetrieben. Journalisten haben aber aus historischen Gründen ein relativ schlechtes Gefühl für die (Markt)mechanismen ihrer Branche. Sie sind seit jeher daran gewöhnt, von einer «Chinesischen Mauer» vom Verlagsgeschäft getrennt zu sein, und wissen deshalb kaum, nach welchen Regeln dort tatsächlich gespielt wird.</p>
<p>Viele der Beteiligten, die ins Blickfeld rücken müssten, wirken heute weiterhin im Hintergrund: etwa die mächtigen Werbeagenturen, die Datenlieferanten (in der Schweiz in erster Linie die Wemf AG), die Werbebroker wie Publicitas und die vielen Affilate-Programme. Sie operieren aber heute mit eingespielter Routine. Will man ein wirklich internetgerechtes Publikationsmodell entwickeln, müssten die eingespielten Abläufe hinterfragt und unterlaufen, sowie als Ganzes ausgehebelt werden. Dazu reichen Edelfeder-Kollektive nicht aus.</p>
<p>Gefragt sind Teams aus Journalisten, IT- und Verlagsfachleuten. Letztere müssten sich dazu aus den etablierten Machtstrukturen lösen, was ihnen weitaus schwerer fällt als den Journalisten. Der Existenzdruck ist für sie noch ungleich kleiner. Sie glauben, sich mit Besitzstandswahrung über die Runden bringen zu können und hegen weniger Umsturzgedanken. Das wird sich möglicherweise ändern, wenn auch in den Teppichetagen der Verlage der wirklich dicke Rotstift angesetzt wird.</p>
<p>Der Internetjournalismus bietet zudem die Chance, eine Entwicklung nachzuholen, welche der Wissenschaftsbetrieb schon hinter sich hat. Beide Gebiete haben dem Ideal von Unabhängigkeit und Zweckfreiheit nachgehangen, der Journalismus tut es noch immer. Seit den Interventionen der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend haben die Wissenschaftler gelernt, dass diese Ideale nicht erfüllt werden können und Ziele und Wege der reinen Forschung sowie ihre Motivationen immer neu verhandelt werden müssen, im Dialog mit den eigenen Communities und mit dem Souverän. Vergleichbares gilt für die Unabhängigkeit von Medien, die auch immer nur eine relative ist.</p>
<p>Wo sich Freiräume erarbeiten lassen, wo Abhängigkeiten in einem komplexen Netz aus Checks and Balances auszugleichen sind, wird auch im Journalismus ständig neu auszuhandeln sein. Dazu muss die «Chinesische Mauer» abgetragen werden. Die Zukunft gehört im Internetjournalismus eng zusammenarbeitenden, dynamischen Teams aus Journalisten und Verlagsfachleuten, die Unabhängigkeiten, Abhängigkeiten und Finanzierungsmodelle ständig neu abwägen und auch immer neu darauf aus sind, sich ‒ möglicherweise auch nur partielle ‒ redaktionelle Freiheiten zu erarbeiten.</p>
<p>Die traditionellen Verlage wiederum werden eine Entwicklung durchmachen, welche die Filmstudios Hollywood hinter sich haben. Letztere sind von Firmen, die ein Filmprojekt vom Entwurf bis zur Vermarktung selber realisiert haben, zu Kapitalunternehmen geworden, die Projekte mit wechselnden externen Partnern und Ad-hoc-Teams finanzieren und begleiten. Das <a href="http://watson.ch/" target="_blank">Projekt Watson</a>, mitgetragen von AZ-Verleger Peter Wanner, ist in dieser Hinsicht bloss ein exemplarischer Anfang.</p>
<p><small>Mehr zum Thema: Wolfgang Böhler, <a href="http://www.helden.ch/978-3-905748-14-7-boehler-journalismus-und-internet-detail" target="_blank">«Journalismus und Internet»</a>, Verlag Helden, Zürich, 2013.</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/11/28/die-zukunft-sieht-anders-aus/">Die Zukunft sieht anders aus</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Journalismus ohne Geschäftsmodell</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2011/03/29/journalismu-ohne-geschaftsmodell/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Mar 2011 09:29:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Stiftung]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Urs P. Gasche]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Müller]]></category>
		<category><![CDATA[Flattr]]></category>
		<category><![CDATA[Hanspeter Guggenbühl]]></category>
		<category><![CDATA[journal 21]]></category>
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		<category><![CDATA[Robert Ruoff]]></category>
		<category><![CDATA[Christof Moser]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Journalist und Publizist Urs P. Gasche (Ex-«Kassensturz»; «Schluss mit dem Wachstumswahn») startet den bisher ambitioniertesten Versuch, abseits der etablierten Verlagskanäle im Internet Journalismus zum Blühen zu bringen. Das Magazin «Infosperber» bietet zwar kein vollständiges Nachrichtenangebot, ergänzt aber die Themenpalette punktuell und versteht sich als Navigationshilfe durch die Informationsflut. Das Gründungsfieber grassiert weiter. Der jüngste <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/29/journalismu-ohne-geschaftsmodell/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/29/journalismu-ohne-geschaftsmodell/">Journalismus ohne Geschäftsmodell</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Journalist und Publizist <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Urs_P._Gasche" target="_blank">Urs P. Gasche</a> (Ex-«Kassensturz»; «Schluss mit dem Wachstumswahn») startet den bisher ambitioniertesten Versuch, abseits der etablierten Verlagskanäle im Internet Journalismus zum Blühen zu bringen. Das Magazin <a href="http://www.infosperber.ch/" target="_blank">«Infosperber»</a> bietet zwar kein vollständiges Nachrichtenangebot, ergänzt aber die Themenpalette punktuell und versteht sich als Navigationshilfe durch die Informationsflut.<br />
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Das Gründungsfieber grassiert weiter. Der jüngste Schub hat die Nachrichtenplattform «Infosperber» hervorgebracht. Wie bereits bei der Gründung von <a href="http://journal21.ch/" target="_blank">journal 21</a> hat eine Gruppe altgedienter Journalisten selbst ein Online-Magazin gegründet, anstatt über den Zustand der Medien zu lamentieren. «Infosperber», das heute offiziell das Licht der Online-Welt erblickt, will nach eigenen Angaben das Augenmerk auf «vergessene Zusammenhänge und vernachlässigte Perspektiven» richten. Aber: «Bei Infosperber gibt es keinen Pflichtstoff», sagt Urs P. Gasche, der das Projekt als treibende Kraft mit an den Start gebracht hat. Ein Blick auf die ersten Artikel widerspiegelt die allgemeine Nachrichtenlage: Prominent vertreten sind zum Start Artikel zu Atom- und Energiefragen und zur Lage in Libyen. Der Aufmacher im Wirtschaftsressort besteht überraschenderweise nur aus eine  <a href="http://www.infosperber.ch/Artikel/Wirtschaft/In-Libyen-werden-die-Erdol-Reserven-neu-verteilt" target="_blank">Anreisser für einen Artikel im journal 21</a> zu den Begehrlichkeiten rund um das Erdöl in Libyen. Mit Links auf Angebote von Dritten und Zweitverwertungen hat Urs P. Gasche kein Problem. Es ist Teil der Redaktionspolitik, auf vorhandenes Textmaterial zurückzugreifen. Aus einfachen Gründen: «Bei uns können die Autoren ein zusätzliches Publikum ansprechen.» Ausserdem hoffe er, dass freie Journalistinnen und Journalisten Artikel zur kostenlosen Zweitverwertung zur Verfügung stellen. Das Angebot zum Start ist beeindruckend: Von den neun Ressorts sind die meisten bereits reich bestückt.</p>
<p>In der Redaktionsleitung befinden sich neben Gasche altbekannte Figuren aus der Schweizer Medienlandschaft mit an Bord des neuen Nachrichtenmagazins. Zum Beispiel Hanspeter Guggenbühl, der zusammen mit Gasche mehrere<a href="http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2004/nr40/Wirtschaft/10574.html" target="_blank"> konsumkritische Bücher</a> verfasst hat. Der langjährige freie Journalist ist ein ausgewiesener Spezialist für Energiefragen und deshalb gerade in diesen Tagen eine interessante Stimme. Ebenfalls in die Kategorie «alter Fuchs» fällt <a href="https://medienwoche.ch/wp_live/wp-content/uploads/2011/03/portraet_ramseyer.pdf">Niklaus Ramseyer</a>. Der frühere Bundeshauskorrespondent der Basler Zeitung hat nach seiner Pensionierung den Arbeitsplatz in Bundesbern behalten und arbeitet seither als freier Journalist, unter anderem als <a href="http://www.radio1.ch/team/experten/niklaus-ramseyer/" target="_blank">Korrespondent für Roger Schawinskis Radio 1</a> und die Gewerkschaftszeitung Work. Mit <a href="http://www.bakom.admin.ch/themen/infosociety/02030/02034/03019/index.html?lang=de" target="_blank">Robert Ruoff </a>(Ex-Moderator und Produzent Schweizer Fernsehen) und <a href="http://www.commwork.ch/d/portrait/index.php" target="_blank">Christian Müller</a> (Ex-Verlagsleiter Vogt/Schild-Medien, Solothurn) befinden sich zwei weitere Pensionäre mit einschlägiger Vergangenheit in der Redaktionsleitung. «Es ist naheliegend, dass bei einem solchen Projekt Leute im Ruhestand mitmachen. Aber die Redaktion besteht nicht nur aus Rentnern. Eine Durchmischung finde ich wichtig. Denn ein 30-Jähriger sieht die Welt anders an als ein 60-Jähriger.» Dreissig Jahre jünger als die Altherren in der Redaktionsleitung ist Christof Moser, 31, Bundeshausredaktor vom «Sonntag»; und er ist nicht nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt. In der rund 30-köpfigen Redaktion sind Alter und Geschlecht bunter gemischt als in der Leitung.</p>
<p>Getragen wird Infosperber von der eigens zu diesem Zweck gegründeten <a href="http://ssui.ch/" target="_blank">«Schweizerischen Stiftung zur Förderung unabhängiger Information» SSUI</a>. Wer beim Stichwort Stiftung an viel Geld denkt, liegt in diesem Fall falsch. «Hinter der SSUI steckt weder ein potenter Stifter noch ein Mäzen. Lediglich unser Gründungskapital von 150&#8217;000 Franken befindet sich in der Stiftung», sagt Urs P. Gasche. Man habe bewusst das Modell einer Stiftung als Trägerin von «Infosperber» gewählt. Damit ist garantiert, dass niemand den Zweck ändern und auch niemand die Plattform kaufen kann. Ein Geschäftsmodell gibt es für «Infosperber» keines. Man nimmt einfach das Geld, das kommt. Wenn es denn kommt. Zum Beispiel über Spenden, wofür es unter einem Teil der Artikel einen Paypal-Button gibt. Auch über Flattr kann man als Leser das Projekt unterstützen. «Infosperber»-Gründer Gasche hält dies das derzeit beste Spendensystem: «Flattr ist besonders geeignet, weil praktisch der ganze Betrag den Begünstigten zukommt.»</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/29/journalismu-ohne-geschaftsmodell/">Journalismus ohne Geschäftsmodell</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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