von Wolfgang Böhler

Die Zukunft sieht anders aus

Nur wenn sich der Journalismus von der Fiktion der Unabhängigkeit und Zweckfreiheit verabschiedet, hat er eine Zukunft. Der erst schwach entwickelte Online-Markt böte dafür die idealen Voraussetzungen, findet Wolfgang Böhler. In seiner Neuerscheinung «Journalismus und Internet» analysiert Böhler vergangene und kommende Veränderungen der Medienwelt.

Zuerst haben die Verleger das Internet ignoriert, dann haben sie darüber gelacht, dann haben sie es schlecht geredet, und jetzt tun sie so, als ob es ihnen schon immer gehört hätte, etwa wenn sie sich über die Aktivitäten von Schweizer Radio und Fernsehen im Web echauffieren. Sie können diesen fatalen Besitzanspruch verteidigen, weil sich niemand dagegen wehrt. Verlagsunabhängiger, innovativer Webjournalismus hat keine Lobby und ist zersplittert in viele kleine, in mancher Hinsicht durchaus erfolgreiche Projekte. Diese operieren in so kleinen oder spezialisierten Märkten, dass sie sich unter dem Radar der Mächtigen der Branche durchhangeln und den Diskurs nicht wirklich anzustossen vermögen.

Auf zwei Gebieten können sie ihre Stärken bereits ausspielen: Entweder entwickeln sie, wie zum Beispiel die Basler Onlinezeitung onlinereports.ch, im überschaubaren lokalen politischen Rahmen eigene Perspektiven, oder sie übernehmen dank spezifischen Branchenkenntnissen kritische Aufgaben für spezifische Themen: Hierzulande etwa das unabhängige Fachmagazin für die IT-Branche  inside-it.ch, das Finanzportal insideparadeplatz.ch mit Geschichten aus dem Innern der Bankenwelt – oder codexflores.ch, das unter meiner Leitung die Klassikszene mit Nachrichten und Kritiken bedient.

Noch haben autonome journalistische Projekte im Web einen entscheidenden Geburtsfehler: Sie werden fast ausschliesslich von Journalisten vorangetrieben. Journalisten haben aber aus historischen Gründen ein relativ schlechtes Gefühl für die (Markt)mechanismen ihrer Branche. Sie sind seit jeher daran gewöhnt, von einer «Chinesischen Mauer» vom Verlagsgeschäft getrennt zu sein, und wissen deshalb kaum, nach welchen Regeln dort tatsächlich gespielt wird.

Viele der Beteiligten, die ins Blickfeld rücken müssten, wirken heute weiterhin im Hintergrund: etwa die mächtigen Werbeagenturen, die Datenlieferanten (in der Schweiz in erster Linie die Wemf AG), die Werbebroker wie Publicitas und die vielen Affilate-Programme. Sie operieren aber heute mit eingespielter Routine. Will man ein wirklich internetgerechtes Publikationsmodell entwickeln, müssten die eingespielten Abläufe hinterfragt und unterlaufen, sowie als Ganzes ausgehebelt werden. Dazu reichen Edelfeder-Kollektive nicht aus.

Gefragt sind Teams aus Journalisten, IT- und Verlagsfachleuten. Letztere müssten sich dazu aus den etablierten Machtstrukturen lösen, was ihnen weitaus schwerer fällt als den Journalisten. Der Existenzdruck ist für sie noch ungleich kleiner. Sie glauben, sich mit Besitzstandswahrung über die Runden bringen zu können und hegen weniger Umsturzgedanken. Das wird sich möglicherweise ändern, wenn auch in den Teppichetagen der Verlage der wirklich dicke Rotstift angesetzt wird.

Der Internetjournalismus bietet zudem die Chance, eine Entwicklung nachzuholen, welche der Wissenschaftsbetrieb schon hinter sich hat. Beide Gebiete haben dem Ideal von Unabhängigkeit und Zweckfreiheit nachgehangen, der Journalismus tut es noch immer. Seit den Interventionen der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend haben die Wissenschaftler gelernt, dass diese Ideale nicht erfüllt werden können und Ziele und Wege der reinen Forschung sowie ihre Motivationen immer neu verhandelt werden müssen, im Dialog mit den eigenen Communities und mit dem Souverän. Vergleichbares gilt für die Unabhängigkeit von Medien, die auch immer nur eine relative ist.

Wo sich Freiräume erarbeiten lassen, wo Abhängigkeiten in einem komplexen Netz aus Checks and Balances auszugleichen sind, wird auch im Journalismus ständig neu auszuhandeln sein. Dazu muss die «Chinesische Mauer» abgetragen werden. Die Zukunft gehört im Internetjournalismus eng zusammenarbeitenden, dynamischen Teams aus Journalisten und Verlagsfachleuten, die Unabhängigkeiten, Abhängigkeiten und Finanzierungsmodelle ständig neu abwägen und auch immer neu darauf aus sind, sich ‒ möglicherweise auch nur partielle ‒ redaktionelle Freiheiten zu erarbeiten.

Die traditionellen Verlage wiederum werden eine Entwicklung durchmachen, welche die Filmstudios Hollywood hinter sich haben. Letztere sind von Firmen, die ein Filmprojekt vom Entwurf bis zur Vermarktung selber realisiert haben, zu Kapitalunternehmen geworden, die Projekte mit wechselnden externen Partnern und Ad-hoc-Teams finanzieren und begleiten. Das Projekt Watson, mitgetragen von AZ-Verleger Peter Wanner, ist in dieser Hinsicht bloss ein exemplarischer Anfang.

Mehr zum Thema: Wolfgang Böhler, «Journalismus und Internet», Verlag Helden, Zürich, 2013.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Heer Grau Charlotte 28. November 2013, 11:26

Kann ich so nicht einfach unterschreiben, auch wenn ich Wolfgang Böhler in vielen Punkten recht geben muss. Insbesondere: »Sie [die Journalisten] sind seit jeher daran gewöhnt, von einer «Chinesischen Mauer» vom Verlagsgeschäft getrennt zu sein, und wissen deshalb kaum, nach welchen Regeln dort tatsächlich gespielt wird.« – Es ist tatsächlich tragisch, wie wenige JournalistInnen sich dieser Mechanismen bewusst sind.

Böhlers Eingangssatz aber wäre die Verabschiedung vom Journalismus und nicht dessen Zukunft. Die journalistische Unabhängigkeit ist keine Fiktion, sondern Grundsatz! Und muss als Herausforderung immer wieder angestrebt werden, allem voran dadurch, dass man sich der eigenen Abhängigkeiten bewusst ist.  Alles andere wäre Kapitulation vor vermeintlichen Sachzwängen.

Böhlers Ausweg ist aber tatsächlich ein möglicher: » Die Zukunft gehört im Internetjournalismus eng zusammenarbeitenden, dynamischen Teams aus Journalisten und Verlagsfachleuten, die Unabhängigkeiten, Abhängigkeiten und Finanzierungsmodelle ständig neu abwägen und auch immer neu darauf aus sind, sich ‒ möglicherweise auch nur partielle ‒ redaktionelle Freiheiten zu erarbeiten.« – Noch einmal fett:  …DIE UNABHÄNGIGKEITEN, ABHÄNGIGKEITEN UND FINANZIERUNGSMODELLE STÄNDIG NEU ABWÄGEN UND AUCH IMMER DARAUF AUS SIND, SICH REDAKTIONELLE FREIHEITEN ZU ERARBEITEN. 
Das ist eine mögliche Zukunft für Journalismus – und auch bereits partiell gelebte. Siehe z.b. Infosperber. Der Rest ist billiger und einträglicher Content-Handel. Der sollte als solcher aber auch deklariert werden. Bist du Journalistin oder CH-Texterin (Content-Handel-Texterin!).  

Antworten...