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	<title>Roman | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Thu, 20 May 2021 08:46:54 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Journalismus im Roman: Fallstricke der Fiktion</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/05/11/journalismus-im-roman-fallstricke-der-fiktion/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 May 2021 19:04:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Artur K. Vogel]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn Journalisten ihre eigene Berufswelt zum Roman-Thema machen, sorgt das regelmässig für Irritation. Zum einen meint das Publikum reale Figuren zu sehen und vergisst, dass die Erzählungen fiktiv sind. Zum anderen spielen die Autoren mit der Ambivalenz zwischen Erlebtem und Erfundenem. – Anmerkungen anlässlich der Veröffentlichung von «Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging» (Artur <a href="https://medienwoche.ch/2021/05/11/journalismus-im-roman-fallstricke-der-fiktion/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wenn Journalisten ihre eigene Berufswelt zum Roman-Thema machen, sorgt das regelmässig für Irritation. Zum einen meint das Publikum reale Figuren zu sehen und vergisst, dass die Erzählungen fiktiv sind. Zum anderen spielen die Autoren mit der Ambivalenz zwischen Erlebtem und Erfundenem. – Anmerkungen anlässlich der Veröffentlichung von «Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging» (Artur Kilian Vogel).</strong><br />

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Was bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch Usus war, feiert seit einiger Zeit eine Renaissance: Journalisten, die neben ihren Artikeln, Reportagen und Kommentaren auch noch Romane und Erzählungen schreiben. Einige sind irgendwann für immer ins schriftstellerische Fach gewechselt (wie etwa Christian Kracht oder Tom Kummer). Andere dienen beiden Gattungen. Da schreibt der «Spiegel»-Politikjournalist Dirk Kurbjuweit seit Jahren Bestsellerromane, bevorzugt Krimis. Alexander Osang, Monika Held, Peter Wensierski und Takis Würger sind weitere Journalisten, die sich gelegentlich vom <a href="https://www.halem-verlag.de/die-reportage/" rel="noopener" target="_blank">«Ballast des Tatsächlichen»</a> (Michael Haller) durch das Schreiben belletristischer Werke «befreien».<br />
</p>
<p>Auch Literaturkritiker schreiben wieder Romane, häufig autobiographisch oder dokufiktional vermischt wie einst <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_J._Raddatz" rel="noopener" target="_blank">Fritz J. Raddatz</a>, jetzt <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/neue-liebesromane-es-ist-mein-erstes-mal-1.2654179" rel="noopener" target="_blank">Ursula März, Hajo Steinert</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hildegard_Elisabeth_Keller" rel="noopener" target="_blank">Hildegard E. Keller</a> oder <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Drees" rel="noopener" target="_blank">Jan Drees</a>. Bedingt durch ihre Nähe zum Journalismus wird in den Medien die Prosawerke von Kollegen mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht. Das Wohlwollen schwindet allerdings in dem Masse, in dem der Medienbetrieb in dem eigentlich fiktiven Roman zum Gegenstand erhoben wird. Wenn Journalisten über Journalisten schreiben, beginnen die Alarmsirenen zu läuten. So war es schon <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/schlechter-schwedenkrimi.950.de.html?dram:article_id=219271" rel="noopener" target="_blank">ein Skandal</a>, als Thomas Steinfeld, Feuilleton-Chef der «Süddeutschen Zeitung», 2012 unter Pseudonym an einem Kriminalroman mitgeschrieben hatte, in dem ein Journalist ermordet wurde, der Eigenschaften eines lebenden Herausgebers gehabt haben soll.</p>
<blockquote><p>Je stärker der Roman verspricht, ein sogenannter Schlüsselroman zu sein, desto kritischer wird er betrachtet.</p></blockquote>
<p>In Schlüsselromanen nehmen die fiktiven Personen Anleihen bei realen Persönlichkeiten. So wird der Leser zu Spekulationen eingeladen, wem diese Personen in der Realität entsprechen. Die Verfremdung beispielsweise durch einen anderen Namen wird zwar noch notdürftig vorgenommen, aber ansonsten sollen die Personen nach Möglichkeit sogar dekodiert werden. Bisweilen geschieht dies absichtsvoll – dann wird in den Medien oft von «Abrechnung» oder gar «Rache» geschrieben. </p>
<p>Als 1998 Hellmuth Karasek, der Feuilletonchef des «Spiegel», nach mehr als zwanzig Jahren Zugehörigkeit sozusagen zum Abschied seinen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Magazin_(Roman)" rel="noopener" target="_blank">Roman «Das Magazin»</a> publizierte, schlugen die Wellen hoch. So begierig man glaubte, einzelne Charaktere realen Figuren zuweisen zu können, so pikiert war man doch über einige vermeintliche Indiskretionen. Das Buch wurde mehrheitlich verrissen, womöglich auch, weil man eine Beschädigung des «Spiegel» als «Flaggschiff» fürchtete, jenes Magazins, das einst zum «Sturmgeschütz der Demokratie» (v)erklärt wurde. Und jetzt bekam man mit, wie dort auf den Herrentoiletten Witze gemacht und Intrigen geschmiedet wurden. Karasek bezeichnete seinen Roman als Satire, tat unschuldig, erläuterte in Interviews, wie er Charaktere vermischt habe und bestritt allzu eindeutige Zuweisungen. </p>
<p>Als neulich Benjamin Fredrich, der Gründer und Herausgeber des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Katapult_(Magazin)" rel="noopener" target="_blank">Magazins «Katapult»</a>, einen <a href="https://www.katapult-shop.de/buecher/99/die-redaktion-roman-ueber-die-entstehung-von-katapult" rel="noopener" target="_blank">Schlüsselroman</a> über die Anfänge der Gründung seiner Zeitschrift geschrieben hatte, wurde er vom <a href="https://uebermedien.de/58018/katapult-gruender-dichtet-kollegen-fiese-geschichten-an/" rel="noopener" target="_blank">Medienmagazin «Übermedien»</a> dahingehend angegriffen, dass Personen in seinem Roman unvorteilhaft dargestellt und kaum bis gar nicht verfremdet worden seien. Es wurde behauptet, dass eine sehr negativ dargestellte Person im Buch durch ein bisschen Suchmaschineneinsatz rasch auch für Aussenstehende erkennbar sei. Später gab der Schreiber zu, dass er nicht über Google an die Namen gekommen sei, sondern dass diese Personen sich bei ihm gemeldet hatten.</p>
<blockquote><p>Es scheint manchen Journalisten schwer vermittelbar zu sein, dass Romane fiktive Erzeugnisse sind und Figuren weder im Guten noch im Schlechten mit der Realität übereinstimmen müssen.</p></blockquote>
<p>Was, wenn Personen im Roman nur, aber immerhin von «Insidern» zuzuordnen sind? Und wenn tatsächlich Eigenschaften – negative Eigenschaften – hinzugedichtet wurden: Ist das noch erlaubt? Als zu Beginn der 2000er Jahre ein Roman von Maxim Biller nicht erscheinen durfte, weil sich seine Geliebte hier unvorteilhaft dargestellt sah, ging die Frage nach den Persönlichkeitsrechten in Romanen bis vor das deutsche Bundesverfassungsgericht. Dort wurde dann 2007 <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2007/bvg07-099.html" rel="noopener" target="_blank">entschieden</a>: «Je mehr die künstlerische Darstellung die besonders geschützten Dimensionen des Persönlichkeitsrechts berührt, desto stärker muss die Fiktionalisierung sein, um eine Persönlichkeitsrechtsverletzung auszuschliessen.» </p>
<p>Journalisten, die vermeintliche Insider-Romane über ihre Branche und die handelnden Protagonisten schreiben, befinden sich also mindestens in einer Grauzone: Zum einen ist die Sensibilisierung der Öffentlichkeit, was die Persönlichkeitsrechte von handelnden Personen angeht, stark gewachsen. Und Journalistenkollegen, die sich unvorteilhaft dargestellt sehen, können schnell ihre publizistische Macht einsetzen. Zum anderen ist die Bedienung eines Schlüssellocheffekts für den «normalen» Leser durchaus attraktiv und verspricht damit Bestsellerpotential. </p>
<p>Ob diese Dilemmata der Grund dafür sind, dass es verhältnismässig wenig Romane von Journalisten über Journalismus gibt? Immerhin, mit <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/juergen-bertram-der-story-jaeger-9783596314089" rel="noopener" target="_blank">«Der Story-Jäger»</a> legte 2004 der langjährige «Spiegel»-Reporter und Auslandskorrespondent der ARD, Jürgen Bertram, einen, wie der Verlag schrieb, «schockierenden Enthüllungsroman aus der Welt der TV-News» vor. Bertrams fiktiver 27-jähriger Reporter Lutz Hösch war fünf Jahre Polizeireporter bei der Zeitung, bevor er sich beim Fernsehsender «Flash TV» bewarb. Im stark überzeichneten Roman, der satirische Züge trägt, entwickelt sich Hösch zum «Starreporter» eines Privatfernsehsenders, dessen Eigentümer obsessiv auf Einschaltquoten fixiert sind; nur sie zählen. Unter grossem Druck entwickelt er ein erstaunliches Talent für Kitsch-Geschichten, die gute Quoten erzielen und Fortsetzungsstorys ermöglichen. Als er in Kambodscha vergeblich auf einen Bürgerkrieg wartet, bezahlt er eine Familie dafür, dass er filmen darf, wie deren sechsjähriges Kind bewusst auf eine Mine tritt und schwer verletzt wird. Mit grosser Geste wird das Kind anschliessend nach Deutschland gebracht, behandelt und «auf Tournee» geschickt.</p>
<blockquote><p>Es ist ein Gruselszenario über eine vollkommen verwahrloste Medienwelt. Selbst für hartnäckige Medienkritiker ist das eine Spur zu übertrieben.</p></blockquote>
<p>Für Aufsehen insbesondere in den USA sorgte Ende der 2000er-Jahre der Roman <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/11/abschied-von-der-zeitungswelt/" rel="noopener" target="_blank">«Die Unperfekten»</a> des damals 35jährigen britisch-kanadischen Journalisten Tom Rachman. In neun Kapiteln charakterisiert Rachman Leser, Herausgeber und Redakteure einer fiktiven amerikanischen Zeitung, die in der italienischen Hauptstadt Rom gemacht wird und erscheint. Die Kernaussage dieses Romans: <a href="https://books.google.ch/books?id=RcFdkOhK_e4C&#038;lpg=PT248&#038;ots=M49U3O6Qpy&#038;dq=%22Mit%20den%20Printmedien%20ging%20es%20spiralf%C3%B6rmig%20abw%C3%A4rts%22&#038;hl=de&#038;pg=PT248#v=onepage&#038;q=%22Mit%20den%20Printmedien%20ging%20es%20spiralf%C3%B6rmig%20abw%C3%A4rts%22&#038;f=false" rel="noopener" target="_blank">«Mit den Printmedien ging es spiralförmig abwärts.»</a> Dennoch ist der Niedergang der Zeitung nur die Kulisse für Portraits der Protagonisten, die stark stereotyp geschildert werden, etwa abgehalfterte Journalisten, die ihre Ideale verloren haben, Newsjunkies, die Tag und Nacht vor dem Computer oder Telex-Apparat sitzen oder Verlegererben, die nur in der Lage sind, mit ihrem Hündchen spazieren zu gehen. Am Ende wird die Zeitung aus ökonomischen Gründen eingestellt und die arbeitslos gewordenen Journalisten finden mehr oder weniger (eher weniger) alternative Tätigkeiten – in den USA. </p>
<p>Und soeben ist <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artur_K._Vogel" rel="noopener" target="_blank">Artur Kilian Vogels</a> Roman mit dem leicht pathetischen Titel <a href="https://cameo-verlag.com/product/der-zeitungsmann-dem-die-sprache-verloren-ging/" rel="noopener" target="_blank">«Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging»</a> erschienen. Vogel, 1953 geboren, war 20 Jahre Korrespondent und Reporter für den Zürcher «Tages Anzeiger» bevor er acht Jahre Chefredaktor des «Bund» in Bern war. Er verfasste zahlreiche politische Sachbücher. Seit 2014 konzentriert er sich auf Erzählungen und Romane. Im neuesten Roman wird von Pirmin Strittmatter erzählt, einem langjährigen Auslandskorrespondenten und Reporter, der zuletzt einige Jahre als Chefredaktor bei der «Neuen Zeitung» gearbeitet hatte. Strittmatter, im Buch 63 Jahre alt, rekapituliert in dem Roman in einer Nacht seinen Lebens- und Berufsweg, nachdem er am Nachmittag der Belegschaft mitgeteilt hatte, dass die Zeitung aufgelöst und in das bisherige Konkurrenzblatt integriert werde. </p>
<blockquote><p>Das mag nach einem perfekten Timing aussehen. In Bern werden im Oktober die Redaktionen der beiden Lokalblätter «Bund» und «Berner Zeitung» <a href="https://medienwoche.ch/2020/10/30/aus-zwei-mach-eins-tamedia-beerdigt-das-berner-modell/">zusammengelegt</a>.</p></blockquote>
<p>Vogel leitete von 2007 bis 2014 als Chefredaktor den «Bund». Der Publikationszeitpunkt sei aber nicht Absicht, sondern Zufall, versichert Vogel. Das Manuskript habe er schon vor drei Jahren seinem damaligen Verlag vorgelegt.</p>
<p>Im Roman erinnert sich Strittmatter an seine Anfänge mit 19 Jahren. Der damalige Chef des Lokalblatts erkannte sein Talent und beauftragte ihn mit kleineren Reportagen. Schliesslich brachte er es zur Königsdisziplin des Journalismus: Zum Auslandskorrespondenten und Kriegsreporter. Aber wo war es geblieben, das Engagement für den Journalismus, wie er ihn versteht? Die Leidenschaft?</p>
<blockquote><p>«Ich bin Journalist. Ich versuche, mich der Wahrheit zumindest anzunähern und nicht einseitig Partei für die einen oder anderen zu ergreifen.»</p></blockquote>
<p>Das erklärt Strittmatter einem Arzt in Ramallah, der ihn nach einem Streifschuss gerade behandelt. Dieser antwortet kühl: «Das wird ihnen nicht gelingen. Jede Wahrheit ist eine Frage der Sichtweise, der Interpretation und der individuellen Rezeption.»</p>
<p>Strittmatter wühlt an diesem Abend «in den Massengräbern seiner jahrzehntelangen Arbeit», blickt zurück auf sein Lebenswerk: 40 Ordner mit, wie häufig betont wird, gelb gewordenem Zeitungspapier und verblasster Druckschrift. Und ein USB-Stick am Schlüsselanhänger mit den Texten aus den letzten Jahren. </p>
<p>Er nimmt sich seine Reportage aus Beirut von 1990 vor und zerpflückt sie Absatz für Absatz. Sein Urteil fällt vernichtend aus: Er habe «versagt», schreibe «Geklimper», berichte vom «Hörensagen» statt zu recherchieren, zu viele Floskeln und Adjektive. Die Sudan-Reportage – «blutleer und oberflächlich». Das sei alles nur «Altpapier», nichts davon für die Ewigkeit. Im Laufe des Abends, der Nacht, nimmt nicht nur der Rotweinkonsum zu, sondern auch die Sentimentalität. Nachträglich weiss er:</p>
<blockquote><p>«Journalismus ist ein Beruf, der Eitelkeit wecken und jene, die ihn ausüben, zur Überschätzung ihrer selbst verführen kann. Viele Journalisten verwechseln Dabeisein mit Dazugehören.»</p></blockquote>
<p>Der Journalist muss einen kühlen Kopf behalten, nicht die Probleme der Welt lösen, sondern darüber berichten. Das, was man «Haltungsjournalismus» nennt, lehnt Strittmatter ab. «An die Stelle des Recherchierens tritt das Moralisieren. Statt dem Leser die Informationen zu liefern, die es ihm ermöglichen, sich eine eigene Meinung zu bilden, textet man ihn mit überheblichen Belehrungen zu.»</p>
<p>Dazu passt Strittmatters Erinnerung an ein Gespräch mit dem Literatur- und Theaterkritiker seiner Zeitung. Woher der eigentlich das Recht nehme, «über andere zu richten». Sie, die Kritiker, die «letzten Verkünder der unumstösslichen Wahrheit, seit die Pfarrer nichts mehr zu verkünden haben». Ausser dem Verweis auf die Pressefreiheit fiel dem Kritiker kein richtiges Argument ein. Aber Strittmatter, der Reporter, der der Wahrheit verpflichtet ist, ärgern die Freiräume des Feuilletons, der (scheinbaren) Subjektivität. Oder ist es Neid?</p>
<p>Im Gegensatz zu Bertrams stakkatohaftem, hektischen Erzählstil oder dem süffigen Unterhaltungston bei Rachman ist Vogels Sprache ambitioniert literarisch. Mal gibt es Strittmatter, den Ich-Erzähler (insbesondere wenn es um die Liebschaften geht), dann wieder wird die allwissende Erzählperspektive gewählt. Man sucht im Roman nach Parallelen zu realen Personen, wird jedoch bei einer Internetrecherche nicht fündig. Am Schluss die Bemerkung, dass es die Reportage «Bye bye Beirut» tatsächlich gibt. Hier wird also deutlich, dass es Übereinstimmungen zwischen dem fiktiven Strittmatter und der realen Person Vogel gibt – und sei es nur durch diese Reportage.</p>
<p>Dennoch verleitet der Roman Leser nicht unbedingt dazu, andere Entsprechungen zu recherchieren, etwa wer im realen Leben die renommierte Fotografin und Geliebte Sidonie, der intrigante stellvertretende Chefredakteur oder die liebestolle amerikanische Journalistin gewesen sein könnte. Auch die zum Teil wenig schmeichelhaft geschilderten Kollegen sind für einen Leser, der das Umfeld des Autors nicht kennt, schwer zu eruieren.</p>
<blockquote><p>Vogel dekonstruiert auf eine seriöse, bisweilen leicht melodramatische Weise die Heldenaura des Reporters, des Auslands- und Kriegskorrespondenten.</p></blockquote>
<p>Das tut er, indem er die Grenzen dieser Form des Journalismus aufzeigt. Der Grundton ist hier eine hoffnungslose Vergeblichkeit. «Zum Verzweifeln ist es zu spät», heisst es am Ende, wenn aus dem «Magma der Erinnerungen» eine Kaskade von Selbstmitleid wird, die in einer blindwütigen und selbstmörderischen Aktionismus, dem Niederbrennen des gesamten Gebäudes endet, weil selbst der eingeübte Sarkasmus nicht mehr weiterhilft.</p>
<p>Die Reiseerlebnisse Strittmatters, seine Begegnungen und Einschätzungen, werden dagegen fast reportagehaft vorgetragen. Die Schilderungen der Leichenstrassen, ob im Irak, dem Südsudan oder Myanmar, beeindrucken. Von einer «verlorenen Sprache» wie im Titel angedeutet wird – dem Alptraum der Literaten der Moderne seit Beginn des 20. Jahrhunderts –, kann keine Rede sein. </p>
<p>Die Erinnerungen Strittmatters an den Bürgerkrieg im Libanon lassen an Nicolas Borns Roman «Die Fälschung» von 1979 denken, in dem ein Reporter vor Ort von den Fallstricken der Propaganda der unterschiedlichen Kriegsparteien erzählt, die für den aussenstehenden Europäer nur sehr schwer zu entwirren waren. Die meiste Zeit sitzen die Journalisten in Hotels und warten auf arrangierte Ausflüge.</p>
<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joris_Luyendijk" rel="noopener" target="_blank">Joris Luyendijk</a>, Arabist und Korrespondent des niederländischen Fernsehens von 1998 bis 2003, schrieb in seinem Sachbuch <a href="https://www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Wie_im_echten_Leben/5755" rel="noopener" target="_blank">«Wie im echten Leben»</a> (2015 neu aufgelegt unter dem Titel <a href="https://www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Von_Bildern_und_Luegen_in_Zeiten_des_Krieges/48944" rel="noopener" target="_blank">«Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges: Aus dem Leben eines Kriegsberichterstatters»</a>) eher desillusioniert von den Möglichkeiten einer auch nur halbwegs objektiven Berichterstattung, was auch damit zu tun habe, dass von seinen Auftraggebern immer weniger Raum für die ausführliche Darstellung von Konfliktlinien blieb und sie stattdessen die schnelle, knallige Schlagzeile forderten. Über diese Problematiken liest man in den Romanen von Rachman und Vogel wenig, sie werden allenfalls angedeutet. </p>
<p>Beim Vergleich zwischen den Büchern von Rachman und Vogel kann man – neben dem Generationenunterschied – sehr gut die unterschiedlichen Mentalitäten zwischen angelsächsischer und deutschsprachiger Literatur beobachten:</p>
<blockquote><p>Vogel verknüpft Strittmatters Leben mit dem Schicksal der Zeitung, die für ihn mehr war als nur Tradition, sondern Lebensinhalt, Ethos.</p></blockquote>
<p>Das bittere Resultat: «Zukunft war gestern; heute ist Vergangenheit.» Zumindest was die Zeitung angeht, die im Gegensatz zu öffentlich-rechtlichen Sendern stehen, die mit der Erhebung ihrer «Zwangsgebühren» noch überleben können. </p>
<p>Rachmans allwissender Erzähler bilanziert die Schicksale der Protagonisten und das Ende der immerhin mehr als 50 Jahre existierenden Zeitung nüchtern: Nachrichten wurden «in immer kleinere Häppchen zerhackt. Die ständigen Aktualisierungen im Internet steigerten die Geringschätzung für Druckerfarbenschlagzeilen vom Vortag.» Im Grossen und Ganzen wird dem Internet, das zum Verlust von Anzeigenkunden führt, und der Gratiskultur die Schuld gegeben. Die kleine Pointe bei Rachman: Die Zeitung hat bis zu ihrer Einstellung – 2007 – keine Webseite. Während Rachman mehrheitlich ökonomische Zwänge anfügt, trägt bei Vogel auch der Journalist selber seinen Anteil am sukzessiven Niedergang des Zeitungsjournalismus.</p>
<p>Während Rachman mehrheitlich ökonomische Zwänge anfügt, trägt bei Vogel auch der Journalist selber seinen Anteil am sukzessiven Niedergang des Zeitungsjournalismus. Romane über diese Thematik, die von Journalisten geschrieben werden, bieten im besten Fall einen Einblick aus erster Hand. Aber die Komplexität der Entwicklungen im Zeitungsjournalismus können sie nicht umfassend aufzeigen. Hierzu bedarf es Fachbücher und Studien.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/05/11/journalismus-im-roman-fallstricke-der-fiktion/">Journalismus im Roman: Fallstricke der Fiktion</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ein Märchen aus nicht ganz so guten Zeiten</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2015/10/07/ein-maerchen-aus-nicht-ganz-so-guten-zeiten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Oct 2015 15:10:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Umberto Eco]]></category>
		<category><![CDATA[1992]]></category>
		<category><![CDATA[Italien]]></category>
		<category><![CDATA[Nullnummer]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitungskrise]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Von wegen «gute alte Zeiten»: Umberto Eco führt in seinem neuen Roman «Nullnummer» zurück in eine frühere Phase der Zeitungskrise und zeigt, dass es auch ohne Internet um die gedruckten Nachrichten nicht zum besten gestanden hatte. Als Medienkritik bleibt das Buch indes zu komödiantisch-oberflächlich. Einer Legende nach nannten die Einwohner Samoas den Schriftsteller Robert Louis <a href="https://medienwoche.ch/2015/10/07/ein-maerchen-aus-nicht-ganz-so-guten-zeiten/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Von wegen «gute alte Zeiten»: Umberto Eco führt in seinem neuen Roman «Nullnummer» zurück in eine frühere Phase der Zeitungskrise und zeigt, dass es auch ohne Internet um die gedruckten Nachrichten nicht zum besten gestanden hatte. Als Medienkritik bleibt das Buch indes zu komödiantisch-oberflächlich.<br />
<span id="more-25870"></span><br />
Einer Legende nach nannten die Einwohner Samoas den Schriftsteller Robert Louis Stevenson, der 1890 bis zu seinem Tod vier Jahre später auf ihrer Insel lebte «Tusitala» &#8211; Geschichtenerzähler. In Umberto Ecos neuestem Buch «Nullnummer» wird der Ich-Erzähler Colonna von seiner Geliebten ebenfalls Tusitala genannt. Ansonsten sind die Nachnamen der Protagonisten, wie Eco in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung erklärt, Namen von Schriften älterer italienischer «Word»-Versionen.</p>
<p>Colonna ist 50 Jahre alt und fühlt sich mit seinem «monströsen Wissen» «heimatlos». Ihm fehlt ein akademischer Grad. Vom universitären Betrieb Italiens in den 1950er Jahren sowohl ver- als auch abgestoßen schlägt er sich zunächst recht gut mit Übersetzungsarbeiten aus dem Deutschen durch, verdingt sich dann, als das Deutsche nicht mehr angesagt ist, als Privatlehrer, bewertet danach für einen Verlag unverlangt eingesandte Manuskripte, revidiert Lexikonartikel und liest Fahnen Korrektur und schreibt bedeutungslose Artikel und Rezensionen. Bis ihn ein gewisser Simei anspricht. Dieser soll im Auftrag des Medienunternehmers «Commendatore» Vimercate eine neue, boulevardeske Zeitung entwerfen. Simei zieht Colonna ins Vertrauen: Erscheinen soll die Zeitung in Wirklichkeit nie. Sie dient ausschließlich dazu, Vimercate den Zugang zu wichtigen politischen Entscheidungsträgern und Strippenziehern zu erpressen. Dies wissend, plant Simei danach ein Enthüllungsbuch, welches ihm Colonna schreiben soll. Damit will er seinerseits Vimercate erpressen.</p>
<p>Colonna wirft seine Skrupel über Bord – die erwartete Summe (Schwarzgeld natürlich) ist zu verlockend. In der Redaktionskonferenz, die die erste von mehreren Nullnummern gestalten sollen, sitzen sechs Journalisten, die alle mehr oder weniger aus dem Boulevard- und Klatschjournalismus stammen. Bis auf eine Maia sind es allesamt «Männer ohne Eigenschaften». Maia bekommt früh Skrupel und hält nur durch, weil Colonna mit ihr ein Verhältnis anfängt und beide mit dem Geld eine neue Existenz aufbauen wollen. Abseits der Sitzungen kommt Colonna mit Braggadocio näher in Kontakt. Braggadocio beargwöhnt alles («Argwohn ist nie übertrieben»), kennt die Tricks der Medien  («Die Zeitungen lügen, die Historiker lügen, heute lügt das Fernsehen») und ist stets auf der Suche nach Verschwörungen und Komplotten, was durchaus skurrile Züge annimmt, etwa wenn es darum geht ein neues Auto zu kaufen welches seinen Anforderungen entspricht, er aber laufend Lügen und Auslassungen in der Autowerbung entdeckt.</p>
<p>Nach und nach wird Colonna in eine unglaubliche Geschichte gezogen. Demnach sei der faschistische Diktator Benito Mussolini 1945 nicht hingerichtet worden, sondern nur sein Doppelgänger. Seitenlang werden im Buch Braggadocios Indizien hierfür zitiert, unter anderem in allen Details der Obduktionsbericht des «falschen» Mussolini. Tatsächlich habe man den «Duce» mit oder auch ohne Hilfe des Vatikan nach Argentinien verbracht. In den 1950er Jahren entstanden mit Hilfe des CIA in vielen westeuropäischen Ländern paramilitärische, sogenannte «Stay-behind»-Organisationen, die im Falle einer feindlichen (kommunistischen) Besatzung den Widerstand und Sabotageakte organisieren sollten. In Italien hiess diese Organisation <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gladio">«Gladio»</a>. Braggadocios Recherchen gehen dahin, dass «Gladio» 1970 die Zeit in Italien für gekommen sah, mit einem Putsch die demokratische Struktur zu beseitigen und durch ein rechts-faschistisches Regime zu ersetzen. Mussolini sollte die Spitze der neuen Regierung übernehmen. Zum Putsch sei es dann nicht gekommen, weil Mussolini unmittelbar vor der Aktion mit 87 Jahren in Argentinien verstorben sei. Immer konspirativer werden die Gespräche zwischen Colonna und Braggadocio. Es ist eine Eigenart des Autors Umberto Eco, dass er der Faszination seiner Komplottgeschichten und Verschwörungstheorien fast selber zu erliegen scheint. So schlüssig erscheint die Indizienkette über die Causa Mussolini, dass alle möglichen Verstrickungen von «Gladio» in die italienische Politik (bis hin zu den Attentaten der «Roten Brigaden») wie logische Folgen daherkommen.</p>
<p>Parallel hierzu stehen die eher öden Redaktionssitzungen. Simei charakterisiert zu Beginn die potentielle Zielgruppe der neuen Zeitung mit dem Arbeitstitel «Domani» («Der Morgen»): «Sie haben die Fünfzig hinter sich, sind gute, ehrenwerte Bürger, die Wert auf Gesetz und Ordnung legen, aber sie sind begierig auf Klatsch und Enthüllungen über diverse Formen von Unordnung. Gehen wir davon aus, dass sie nicht das sind, was man starke Leser nennt, im Gegenteil, viele von ihnen haben kein einziges Buch im Hause.»</p>
<p>Und es gibt Einblicke in der das kleine Einmaleins des tendenziösen Journalismus. Etwa wenn es darum geht, Meinungen als Tatsachen auszugeben. Damit nicht allzu plump die Meinung des Journalisten wiedergeben wird, werden Aussagen anderer (z. B. Augenzeugen oder, immer mehr, sogenannter Experten) herangezogen. Diese setzt man in Anführungszeichen und dadurch erhalten «diese Aussagen und Behauptungen den Charakter von Tatsachen, soll heißen, es ist eine Tatsache, dass der Betreffende die und die Meinung geäußert hat.» Indem mehrere solcher «Tatsachen» publiziert werden, entsteht der Eindruck der Vielstimmigkeit und Repräsentativität. Kaum spürbar wird die vorherrschende Meinung des Journalisten übermittelt: Zuerst wird «eine banale Meinung in Anführungszeichen gesetzt  und dann eine andere, besser begründete, die der des Journalisten sehr ähnlich ist. So gewinnt der Leser den Eindruck, über zwei Tatsachen informiert worden zu sein, ist aber dazu gebracht worden, nur eine Meinung als die überzeugendere zu akzeptieren.»</p>
<p>Es gehe nicht darum, das zu schreiben was war (der Leser weiss dies aus dem Fernsehen längst), sondern Voraussagen zu machen, zu spekulieren. Zwar werden dabei Wörter wie «womöglich» oder «vielleicht» verwendet, am Ende soll jedoch der Eindruck einer unumstösslichen Tatsache entstehen  Simei und Colonna vergattern die Redakteure «Artikel voller Hypothesen und Spekulationen, ruhig auch Insinuationen» zu schreiben. Dabei soll nicht der Journalist die erwünschte Behauptung aufstellen, sondern der Schluss, das Urteil, soll beim Leser entstehen. Es wird vom Journalisten allerdings derart aufbereitet, dass es zwingend ist. Harmlose Tatsachen werden aneinander gereiht, so dass sie in eine bestimmte Richtung interpretiert werden können. Als Beispiel wird ein Untersuchungsrichter genannt, der in einer Korruptionsaffäre ermittelt, die unangenehme Folgen für den Commendatore haben könnte. Der Untersuchungsrichter wird in einem chinesischen Restaurant mit Stäbchen essend gesehen. Simei triumphiert: «Unsere Leser gehen nicht oft in chinesische Restaurants, womöglich gibt es gar keine da, wo sie wohnen, und sie würden sich niemals träumen lassen, mit Stäbchen zu essen wie die Wilden. Wieso geht dieser Typ zum Chinesen essen, werden die Leser sich fragen? Wieso isst er, wenn er ein seriöser Untersuchungsrichter ist, nicht Spaghetti oder Tagliatelle wie wir alle?» (Eco ist genau das passiert: Er ist zum Gegenstand in der italienischen Presse geworden, weil er in einem chinesischen Restaurant mit einem «Unbekannten» [ein Freund von ihm] gegessen hatte.)</p>
<p>«Eine Insinuation ist wirksam, wenn sie mit Fakten operiert, die an sich keinen Wert haben, aber unbestreitbar wahr sind», so die Doktrin. Weiterhin geht es um die die Benutzung sogenannter stehender Redewendungen und Phrasen, die so lange verwendet werden, bis sie dem Leser gar nicht mehr als solche auffallen. Auch den richtigen Umgang mit Richtigstellungen und Gegendarstellungen bekommen die Redakteure vermittelt.</p>
<p>«Nicht die Nachrichten machen die Zeitung, sondern die Zeitung macht die Nachrichten». Dies ist die Maxime, unter der diese Zeitung stehen soll. Aber Simei muss einige Initiativen der Redakteure bremsen. Einige Themen sind entweder «irrelevant» (zu kompliziert bzw. zu intellektuell) oder einfach «zu heiß». Mit der Polizei oder der Mafia will man es sich dann doch nicht verscherzen. Auch ein anderer Widerspruch wird deutlich. Zum einen wird gegen die Intellektuellen gewettert, «die uns immer sagen wollen, wo’s langgeht». Zum anderen lautet eine Devise Simeis: «Die Zeitungen lehren die Leute wie sie denken sollen».</p>
<p>Am Ende präsentiert Eco noch einen Krimi. Braggadocio wird ermordet aufgefunden. Kurz vorher hatte er Simei mit seinen Recherchen über Mussolini und Gladio ins Vertrauen gezogen. (Vielleicht, so die Vermutung des Lesers, war genau dies sein Fehler.) Der Polizei wird von Nachforschungen im Rotlichtmilieu erzählt. Das Zeitungsprojekt wird auf Anordnung des Commendatore sofort eingestellt, die Redakteure ausbezahlt. Colonna und Maia verlassen überstürzt Mailand und verschanzen sich auf dem Land. Sie haben Angst um ihr Leben.</p>
<p>Eco bietet in «Nullnummer» Einblicke in das Geschäft des Zeitungsmachens im Jahr 1992. Damals gab es kein Internet, kaum Mobiltelefone (Simei erklärt sogar, dass diese keine Zukunft hätten), keine sozialen Netzwerke. Der Satz Simeis «Die Leute wissen zuerst nicht, was sie wollen, dann sagen wir’s ihnen, und sie merken, dass sie es längst gewollt hatten» schlägt die Brücke zur Gegenwart; den Schluss überlässt Eco dem Leser – gute Journalistentradition – selber.</p>
<p>In einigen Besprechungen wird «Nullnummer» als Persiflage oder gar <a href="http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article139135610/Umberto-Eco-ueberrascht-mit-Berlusconi-Krimi.html">Abrechnung mit dem System Berlusconi</a> gesehen. Der Commendatore in dem Buch hat zweifellos Züge von Berlusconi. Übersehen wird dabei allerdings, dass Berlusconi erst 1994 an die Macht kam. Die Verwerfungen im Journalismus haben ihre Ursachen tief im «alten» politischen System. Der Zeitpunkt 1992 ist von Eco aus zwei anderen Gründen gewählt. Zum einen befand sich Italien Anfang der 1990er Jahre in einem politischen Umbruch. Viele traditionelle politischen Parteien – allen voran die jahrzehntelang regierende und heillos in Korruptions- und Staatsaffären verstrickte  <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Democrazia_Cristiana">«Democrazia Cristiana»</a> – zeigten Auflösungserscheinungen. Das politische Umfeld erodierte. Berlusconi stieß mit seinem Medienimperium und den «richtigen» Kontakten in dieses Vakuum. Der zweite Grund ist, dass im Sommer 1992 in der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=GGHXjO8wHsA">BBC ein über zweieinhalbstündiger Dokumentarfilm</a> ausgestrahlt wurde, der detailliert und glaubwürdig die Verstrickungen von Politik und Geheimdiensten mit der Organisation «Gladio» dokumentierte. Der Film rettet Colonna und Maia, da alles außer der Mussolini-Geschichte bestätigt und publik geworden ist. Sie brauchen keine Anschläge mehr zu fürchten und können ein neues Leben anfangen.</p>
<p>So endet der Roman wie ein Märchen. Aber es ist ein in vielerlei Hinsicht gescheitertes Buch. Als Medienkritik ist es zu komödiantisch-oberflächlich. Das Komplott über «Gladio» wird durch die Realität eingeholt. Das (von Eco frei erfundene) Mussolini-Anhängsel wirkt aufgesetzt. Die Kriminalgeschichte um Braggadocio ist lieblos erzählt. Literarisch ist es vollkommen anspruchslos und gleicht eher einer Reportage. Aber es zeigt einen Aspekt, den man sich durchaus in das Gedächtnis zurückrufen kann: Der Zeitungsjournalismus ist nicht durch das Internet befragt oder gar zerstört worden. Die Zeitungskrise, so Eco im SZ-Interview «begann schon in den frühen Fünfzigerjahren, mit der Ankunft des Fernsehens. Bis dahin erzählte die Zeitung am Morgen, was bis zum Abend des Vortages geschehen war. Danach erzählte sie, was die Leute bereits seit dem Vorabend wussten.» Immerhin wird deutlich, dass die «gute alte Zeit», die inzwischen in Redaktionen so sehnsüchtig wie inbrünstig beschworen wird, schon damals nicht mehr existierte. </p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/10/07/ein-maerchen-aus-nicht-ganz-so-guten-zeiten/">Ein Märchen aus nicht ganz so guten Zeiten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Abschied von der Zeitungswelt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Ronnie Grob]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Mar 2011 08:41:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Roman]]></category>
		<category><![CDATA[Tom Rachman]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wie ticken die Banker? Wie die Bergbauern? Wie die Sozialarbeiter? Über fast jede Berufsgruppe gibt es von Journalisten erstellte Porträts, Hintergrundberichte, Reportagen. Nur die Berufsgruppe der Journalisten bleibt der Bevölkerung ein Rätsel. Der in London geborene Journalist Tom Rachman hat den Akteuren der Medienbranche nachgespürt und ihnen in seinem Romanerstling «Die Unperfekten» ein Gesicht gegeben. <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/11/abschied-von-der-zeitungswelt/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wie ticken die Banker? Wie die Bergbauern? Wie die Sozialarbeiter? Über fast jede Berufsgruppe gibt es von Journalisten erstellte Porträts, Hintergrundberichte, Reportagen. Nur die Berufsgruppe der Journalisten bleibt der Bevölkerung ein Rätsel.</strong></p>
<p>Der in London geborene Journalist <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Rachman">Tom Rachman</a> hat den Akteuren der Medienbranche nachgespürt und ihnen in seinem Romanerstling «Die Unperfekten» ein Gesicht gegeben. In elf in sich abgeschlossenen Kapiteln erzählt der Autor aus dem Leben der Menschen rund um eine englischsprachige Zeitung in Rom.</p>
<p>Wie ist denn so ein Journalist? Ein neugieriger, etwas nerviger Schnüffler wie Tim von Tim &amp; Struppi? Ein biederer, stiller Schaffer wie Clark Kent (Superman)? Oder ein schmieriger Typ wie Horst Schlämmer?  Die originellste Figur im Buch ist keine Journalistin, sondern eine Leserin: Ornella de Monterecchi, die 1976 in Saudi-Arabien aus purer Langeweile die besagte Zeitung zu lesen begonnen hatte. Und weil ihr niemand je erklärt hat, wie man das macht, las sie stets jeden einzelnen Artikel, wie ein Buch, von vorne bis hinten. Allerdings geriet sie in Rückstand, weshalb sie 2007 noch immer mit Ausgaben von 1994 beschäftigt war.</p>
<blockquote><p>«Heute ist überall draussen Sonntag, der 18. Februar 2007. In Ornellas Wohnung ist noch immer der 23. April 1994.»</p></blockquote>
<p>Weiter treten auf: Eine ehrgeizige Chefredaktorin, die sich nicht entscheiden kann zwischen ihrem Freund, einem fremdgehenden Hausmann und einem Ex-Freund, inzwischen ein PR-Mann von Berlusconi. Ein überforderter Korrespondentenneuling, der in Kairo Besuch von einem tolldreisten Kriegsreporter mit fragwürdigen Methoden erhält. Oder eine Frau aus dem Wirtschaftsressort, die nicht hören will, was sie von allen gesagt bekommt: Dass sie von ihrem Freund, einem irischen Hippie, ausgenutzt wird.</p>
<p>An- und abgeführt wird das Buch mit Figuren, die sehr allein sind: Dem immer noch ohne Computer arbeitenden Korrespondenten in Paris, Lloyd Burko, der von seinen Kindern auf Distanz gehalten wird und zu guter Letzt bei seinem Sohn einzieht. Und dem per Erbe zum Verleger gewordenen Oliver Ott, der sich kein bisschen für die Zeitung interessiert, sondern nur für Schönheit und seinen Hund.</p>
<p>Am Ende jedes Kapitels, jeweils in kursiver Schrift auf wenigen Seiten, erzählt Rachman fortlaufend die Geschichte der nie mit Namen genannten Zeitung, beginnend 1954 mit der Einrichtung der Redaktion am Corso Vittorio Emanuele II bis zu ihrer endgültigen Auflösung 2007. Was mit Holzdrehstühlen, lasierten Schreibtischen, Bankierslampen aus Messing, schimmernden schwarzen Telefonapparaten und achtunddreissig Underwood-Schreibmaschinen beginnt, endet mit verärgerten Redakteuren, Kündigungen und einem versifften Redaktionsteppich, der angeblich zuletzt 1977 gereinigt wurde.</p>
<p>Der 1974 geborene Tom Rachman arbeitete vier Jahre lang als Auslandskorrespondent für Associated Press in Rom, was ihm als Grundlage für das Buch gedient haben dürfte. Falls es Rachmans Wunsch war, Journalisten realistisch darzustellen, dann ist ihm das gelungen. Wer die Zeitung und den Journalismus liebt, wird wohl auch dieses Buch lieben. Man muss es ja nicht gleich zweimal lesen, wie <a href="http://www.nytimes.com/2010/05/02/books/review/Buckley-t.html?_r=1">dieser Kritiker von der «New York Times»</a>.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2011/03/11/abschied-von-der-zeitungswelt/">Abschied von der Zeitungswelt</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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