von Ronnie Grob

Abschied von der Zeitungswelt

Wie ticken die Banker? Wie die Bergbauern? Wie die Sozialarbeiter? Über fast jede Berufsgruppe gibt es von Journalisten erstellte Porträts, Hintergrundberichte, Reportagen. Nur die Berufsgruppe der Journalisten bleibt der Bevölkerung ein Rätsel.

Der in London geborene Journalist Tom Rachman hat den Akteuren der Medienbranche nachgespürt und ihnen in seinem Romanerstling «Die Unperfekten» ein Gesicht gegeben. In elf in sich abgeschlossenen Kapiteln erzählt der Autor aus dem Leben der Menschen rund um eine englischsprachige Zeitung in Rom.

Wie ist denn so ein Journalist? Ein neugieriger, etwas nerviger Schnüffler wie Tim von Tim & Struppi? Ein biederer, stiller Schaffer wie Clark Kent (Superman)? Oder ein schmieriger Typ wie Horst Schlämmer? Die originellste Figur im Buch ist keine Journalistin, sondern eine Leserin: Ornella de Monterecchi, die 1976 in Saudi-Arabien aus purer Langeweile die besagte Zeitung zu lesen begonnen hatte. Und weil ihr niemand je erklärt hat, wie man das macht, las sie stets jeden einzelnen Artikel, wie ein Buch, von vorne bis hinten. Allerdings geriet sie in Rückstand, weshalb sie 2007 noch immer mit Ausgaben von 1994 beschäftigt war.

«Heute ist überall draussen Sonntag, der 18. Februar 2007. In Ornellas Wohnung ist noch immer der 23. April 1994.»

Weiter treten auf: Eine ehrgeizige Chefredaktorin, die sich nicht entscheiden kann zwischen ihrem Freund, einem fremdgehenden Hausmann und einem Ex-Freund, inzwischen ein PR-Mann von Berlusconi. Ein überforderter Korrespondentenneuling, der in Kairo Besuch von einem tolldreisten Kriegsreporter mit fragwürdigen Methoden erhält. Oder eine Frau aus dem Wirtschaftsressort, die nicht hören will, was sie von allen gesagt bekommt: Dass sie von ihrem Freund, einem irischen Hippie, ausgenutzt wird.

An- und abgeführt wird das Buch mit Figuren, die sehr allein sind: Dem immer noch ohne Computer arbeitenden Korrespondenten in Paris, Lloyd Burko, der von seinen Kindern auf Distanz gehalten wird und zu guter Letzt bei seinem Sohn einzieht. Und dem per Erbe zum Verleger gewordenen Oliver Ott, der sich kein bisschen für die Zeitung interessiert, sondern nur für Schönheit und seinen Hund.

Am Ende jedes Kapitels, jeweils in kursiver Schrift auf wenigen Seiten, erzählt Rachman fortlaufend die Geschichte der nie mit Namen genannten Zeitung, beginnend 1954 mit der Einrichtung der Redaktion am Corso Vittorio Emanuele II bis zu ihrer endgültigen Auflösung 2007. Was mit Holzdrehstühlen, lasierten Schreibtischen, Bankierslampen aus Messing, schimmernden schwarzen Telefonapparaten und achtunddreissig Underwood-Schreibmaschinen beginnt, endet mit verärgerten Redakteuren, Kündigungen und einem versifften Redaktionsteppich, der angeblich zuletzt 1977 gereinigt wurde.

Der 1974 geborene Tom Rachman arbeitete vier Jahre lang als Auslandskorrespondent für Associated Press in Rom, was ihm als Grundlage für das Buch gedient haben dürfte. Falls es Rachmans Wunsch war, Journalisten realistisch darzustellen, dann ist ihm das gelungen. Wer die Zeitung und den Journalismus liebt, wird wohl auch dieses Buch lieben. Man muss es ja nicht gleich zweimal lesen, wie dieser Kritiker von der «New York Times».

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