von Nick Lüthi

Aus zwei mach eins: Tamedia beerdigt das «Berner Modell»

Tamedia plant, die Redaktionen von «Bund» und «Berner Zeitung» zusammenzulegen. Erhalten bleiben sollen die beiden Zeitungsmarken, aber nur noch als Hüllen, die mit identischen Inhalten abgefüllt werden.

Schon heute gleichen sich die beiden Berner Tageszeitungen über weite Strecken. Nun vollzieht Tamedia den nächsten und letzten Integrationsschritt: Auch die Lokalressorts von «Bund» und «Berner Zeitung», die heute noch getrennt und in publizistischer Konkurrenz zueinander geführt werden, verlieren ihre Eigenständigkeit. Die Zeitungen «werden zukünftig organisatorisch enger zusammenarbeiten, um Synergien in der kantonalen und städtischen Berichterstattung zu finden», lautet die offizielle Begründung, die ein Sprecher im Namen der Tamedia-Leitung verbreitet.

Die beiden Redaktionen haben am Mittwoch erstmals von dem radikalen Schritt erfahren. Eigentlich war ein Austausch mit Marco Boselli und Andreas Schaffner vorgesehen. Die Belegschaften wollten die beiden seit Anfang Jahr amtierenden Co-Geschäftsführer mit der Funktionsweise des «Berner Modells» – zwei getrennte Redaktionen unter einem Verlagsdach – vertraut machen.

Doch es sollte anders kommen. Zur Überraschung aller rund 70 Redaktorinnen und Redaktoren, die an der per Video-Chat durchgeführten Veranstaltung teilnahmen, verkündete Boselli das Ende des «Berner Modells». Die Sparvorgaben würden eine Weiterführung zweier getrennter Lokalredaktionen nicht länger ermöglichen. Im August gab Tamedia bekannt, bis in zwei Jahren Betriebskosten in der Höhe von 70 Millionen Franken reduzieren zu wollen.

Die Tamedia-Chefs nannten den gescheiterten «Anzeiger»-Deal explizit als einen Grund für die drastischen Massnahmen.

Noch am 1. Oktober unterstrich «Bund»-Verleger und Tamedia-Präsident Pietro Supino in einem Gastbeitrag anlässlich des 170. Geburtstags des «Bund», die «Ambition, das erfolgreiche Berner Modell weiterzuführen». Dazu sei aber auch «die Politik gefordert». Sie könne «massgeblich zur Bewältigung des Strukturwandels beitragen». Konkret erwartete Supino den Einsatz von Stadt und Kanton Bern dafür, dass der lokale «Anzeiger» künftig von Tamedia mitherausgegeben werden könne – und Tamedia entsprechend die Subventionen für das amtliche Organ kassiert. Diese Hoffnung hat sich in der Zwischenzeit zerschlagen. Die Stadt Bern erteilte Tamedia eine Absage. In der Personalinformation nannten die Verantwortlichen den gescheiterten «Anzeiger»-Deal explizit als einen Grund für die drastischen Massnahmen.

Mit dem erneuten Sparpaket endet eine 17-Jährige Ära. Seinen Anfang nahm das «Berner Modell» im Sommer 2003, als die damalige BZ-Herausgeberin Espace Media Groupe bekannt gab, 40 Prozent am Verlag des Konkurrenzblatts «Bund» von der NZZ zu übernehmen. Auf dem Werbemarkt traten die beiden Zeitung fortan als Einheit auf. Die Redaktion des «Bund» bleib aber unabhängig.

Allzu lange sollte die publizistische Eigenständigkeit jedoch nicht halten. Bereits 2006 legten «Bund» und «Berner Zeitung» das Sport-Ressort zusammen. Der nächste Integrationsschritt folgte drei Jahre später, nachdem die Berner Espace Media ihr Geschäft an die Zürcher Tamedia verkauft hatte. Der «Bund» wurde 2009 zwar nicht eingestellt, wie manche befürchteten, aber mit dem «Tages-Anzeiger» teilfusioniert. Der überregionale Mantelteil lieferte fortan die Redaktion aus Zürich. Die «Berner Zeitung» blieb daneben eine Komplettzeitung. Diese Spielart des «Berner Modells» sollte immerhin acht Jahre halten. 2017 schuf Tamedia dann eine Zentralredaktion für acht Deutschschweizer Tageszeitung, darunter auch «Bund» und «Berner Zeitung». Den beiden Berner Blättern blieb noch je eine eigenständige Lokalredaktion.

Bestenfalls lässt sich der oberflächliche Eindruck einer unterschiedlichen Positionierung der beiden Blätter erwecken.

Mit der Ankündigung vom vergangenen Mittwoch besiegelt Tamedia auch das Ende dieser Phase und beerdigt damit das «Berner Modell» (oder was davon noch übrig geblieben ist). Zwar sollen «Bund» und «Berner Zeitung» als Titel erhalten bleiben, aber mit nur noch einer Redaktion, welche die Inhalte für beide Zeitungen und ihre Online-Plattformen bereitstellt.

Gemäss der offiziellen Verlautbarung will man sich auch weiterhin um Vielfalt bemühen: «Es ist unsere Ambition, beide Titel zu erhalten und sie auch weiterhin unterschiedlich zu positionieren – der ‹Bund› städtisch, die BZ ländlich.» Mit einer zusammengesparten Einheitsredaktion wird das nur schwerlich zu realisieren sein. Mit unterschiedlicher Platzierung und Priorisierung identischer Artikel lässt sich bestenfalls der oberflächliche Eindruck einer unterschiedlichen Positionierung der beiden Blätter erwecken. Doch damit dürfte es kaum gelingen, die sehr unterschiedlichen Informationsbedürfnisse der Publika von «Bund» und «Berner Zeitung» weiterhin zu befriedigen, weil schlicht die Ressourcen fehlen. «Man wird mal die einen, mal die anderen enttäuschen», prognostiziert ein langjähriger Redaktor.

Neben einer Vollzusammenlegung wird im Rahmen des Fusionsprojekts auch die Option einer Teilautonomie diskutiert werden.

Nach den Vorstellungen der Tamedia-Geschäftsleitung braucht es aber ohnehin einen anderen Lokaljournalismus als bisher; einen, der sich besser rechnet, sprich: mehr Zugriffe und Abo-Verkäufe generiert, wie die Herren Boselli und Schaffner an der Personalinfo ausführten. Das gelinge mit einer stärkeren nationalen Perspektive. Als Beispiel nannten sie den jüngst enhüllten Blausee-Umweltskandal. Ein Berner Thema, das auch in Zürich interessiert. Doch solche Lokalgeschichten mit nationaler Ausstrahlung gibt es nicht jeden Tag. Und das Kernpublikum bleibt auch künftig in Stadt und Region Bern.

Hier wird die künftige Monopolredaktion vor der grossen Herausforderung stehen, weiterhin aus verschiedenen Blickwinkeln auf Politik und Gesellschaft zu schauen und alle relevanten Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Die aktuelle Konkurrenzsituation von «Bund» und «Berner Zeitung» garantiert diese Vielfalt der Perspektiven. Neben einer Vollzusammenlegung wird im Rahmen des Fusionsprojekts auch die Option einer Teilautonomie diskutiert werden. Das würde dann etwa heissen, dass die beiden Titel regelmässig eigene Kommentare veröffentlichen können, um noch so etwas wie eine Blattlinie erkennbar zu machen. Klar ist aber auch: Für mehr Autonomie braucht es mehr Personal – und das kostet.

Noch gibt es keinen Beschluss des Tamedia-Verwaltungsrats für eine Zusammenlegung der beiden Berner Redaktionen. Dass es dazu kommen wird, daran bestehen aber kaum Zweifel. Die Sparvorgabe ist so gross, dass zwei unabhängige Lokalredaktionen nicht mehr tragbar sind. Und den Hauptspareffekt erzielt man nur mit einem massivem Stellenabbau. Im kommenden April soll das Projekt starten. Ab dann wird die Umsetzung der Redaktionsfusion ausgearbeitet.