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	<title>Aktuell | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Wed, 10 Apr 2019 15:38:50 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Ein bluttes Füdli – ist das gut für den Kopf?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/06/22/ein-bluttes-fuedli-ist-das-gut-fuer-den-kopf-2/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Peter Rothenbühler]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Jun 2017 09:19:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[L'Hebdo]]></category>
		<category><![CDATA[Crowdfunding]]></category>
		<category><![CDATA[Jacques Pilet]]></category>
		<category><![CDATA[Online-Magazin]]></category>
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		<category><![CDATA[Blattkritik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das neue Westschweizer Online-Magazin «Bon pour la tête» startet verhalten. In der Blattkritik von Peter Rothenbühler schneidet das «widerspenstige» Medium noch zu brav ab, zu beliebig und zu berechenbar. Da hilft auch die Prise Sex nichts, die zur Première eingestreut wurde. «Bon pour la tête» heisst das jüngste Medium der Westschweiz, exakt so wie der <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/22/ein-bluttes-fuedli-ist-das-gut-fuer-den-kopf-2/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das neue Westschweizer Online-Magazin «Bon pour la tête» startet verhalten. In der Blattkritik von Peter Rothenbühler schneidet das «widerspenstige» Medium noch zu brav ab, zu beliebig und zu berechenbar. Da hilft auch die Prise Sex nichts, die zur Première eingestreut wurde.<br />
<span id="more-29396"></span><br />
«Bon pour la tête» heisst das jüngste Medium der Westschweiz, exakt so wie der alte Werbeslogan für «L’Hebdo», das Anfang 2017 eingestellte Wochenmagazin des Ringier Verlags. Der Name ist Programm: eine Gruppe von rund dreissig Hebdo-Nostalgikern rund um Hebdo-Gründer Jacques Pilet, hat am 21. Juni die Nullnummer einer Online-Zeitung präsentiert, die «gut für den Kopf» sein soll, so etwas wie der Phönix aus der Asche von L’Hebdo und nicht weniger als «Der Frühling des Journalismus», wie der Film heisst, den der welsche Regisseur Frédéric Gonseth Ende Jahr vorstellen will. (Hoffentlich gibt’s dann die Internetzeitung noch)</p>
<p>«Bon pour la tête» oder kurz BPLT, will täglich mit neuen Storys überraschen und kann für acht Franken im Monat abonniert werden.</p>
<p>Wer davon ausgeht, dass sich Sex im Kopf abspielt, versteht auch, dass ausgerechnet ein wohlgeformtes nacktes Füdli auf dem ersten Bild des neuen Mediums zu sehen ist – und auch, warum sich gleich drei von zwölf Geschichten zum Start um Sex drehen.</p>
<p>Vielleicht hängt es mit dem zweiten Frühling der durchschnittlich doch etwas älteren Mannschaft zusammen? Jedenfalls soll das Medium «indocile» sein, sagen seine Gründer. Man kann «indocile» mit unbrav, undiszipliniert oder gar rebellisch übersetzen. Und sie jubeln ganz optimistisch, dass in nur fünf Wochen ganze 230&#8217;000 Franken Startkapital per Crowdfunding zusammengekommen sind, «ein Rekord für die Westschweiz», wie sie stolz verkünden. Die überwältigende Summe reicht sicher für ein Trinkgeld für die rund dreissig freiwillig mitarbeitenden Journalisten, würde ich mal sagen.</p>
<p>«»Dessen ungeachtet verspricht Jacques Pilet, Mitgründer von L&#8217;Hebdo und späteres Ringier-Direktionsmitglied auf allen Kanälen frohgemut, dass diese Internet-Zeitung mit ihren Reportagen, Kolumnen und Analysen einen originellen, überraschenden Ort der Debatte, der neuen Ideen schaffen werde, wie es ihn seit dem Untergang von L’Hebdo im Welschland leider nicht mehr gebe. Und wie es von einer ungeduldigen, inspirierenden Leserschaft sehnlichst erwartet werde. Mal sehen.</p>
<p>Eine derart ambitiöse Sache hat nur eine Chance, einen ersten Eindruck zu machen: man muss hoffen, dass sich das Trüppchen um Doyen Pilet noch steigern kann. Die ersten veröffentlichten Beiträge enttäuschen nämlich punkto Originalität und Themenwahl. Sie erinnern an eine dieser beliebigen, mässig interessanten, vorproduzierten Hintergrundseiten bestehender Titel, die nicht wirklich von Belang sind.</p>
<p>Da wird zum Beispiel über die 40 Prozent Boote in 70 Häfen des Lac Léman geschrieben, die nie ausfahren (!), oder die schäbigen Tricks gewisser Anbieter von Online-Dating (stand vorher schon in «20 Minutes»). Über offene Fragen nach der Moutier-Abstimmung wird gerätselt, wie das alle Kommentatoren der Westschweiz schon drei Tagen zuvor taten. Man erfährt vom schönen Brauch, in gewissen Cafés der Rhonestadt für ein Kaffee noch ein zweites zu bezahlen, für den mittellosen Gast. Das Schweizer Krankenkassen-Wesen wird als einmalig in Europa geoutet.</p>
<p>Im Bereich Lifestyle stellt eine ältere Journalistin eine junge Modeschöpferin vor, die Kleider für ältere Damen herstellt mit so originellen Aufdrucken wie «Old is the new black». Drohnenaufnahmen von einem riesigen Friedhof im Irak und das Bild einer Moderatorin des nordkoreanischen Fernsehens runden das Bild ab. Wie gesagt, nichts Bewegendes. Nichts zum Abschreiben.</p>
<p>Wenn das sehr erfolgreiche Medienportal «Médiapart» in Frankreich das Vorbild sein sollte, muss sich «Bon pour la tête» sogleich daran machen, gewisse Dinge aufzudecken, die die andern Medien zwingen, den neuen Fisch im Karpfenteich zu zitieren. Und es muss seine Unabhängigkeit vom Verleger- Establishment beweisen, in dem es beispielsweise mit der durchwegs gouvernementalen, auf Harmonie bedachten Haltung der Regionalzeitungen bricht, Missstände aufdeckt, die Politiker kritisiert, wo ss nötig ist, regelmässig in der Westschweiz eine öffentliche Debatte anreisst, aneckt – «indocile» eben.</p>
<p>Vorläufig schwimmen die Alt-Hebdoler noch im gleichen Wasser wie das von ihnen sehr betrauerte ehemalige Magazin in den letzten Jahren: Man bringt ein bisschen dies und ein bisschen das und geht langsam aber sicher in Selbstgefälligkeit unter.</p>
<p>Man ist nur bisschen witzig, nur ein bisschen klug, nur ein bisschen unbrav. Aber leider auch ein bisschen unnötig. Aber vielleicht täuscht ja dieser erste Eindruck und es wird noch alles ganz anders, viel besser. Lassen wir uns überraschen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/22/ein-bluttes-fuedli-ist-das-gut-fuer-den-kopf-2/">Ein bluttes Füdli – ist das gut für den Kopf?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>20 Punkte für einen Skandal: Aufregung um «Sachbuchliste»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/06/15/20-punkte-fuer-einen-skandal/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Jun 2017 15:47:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Sachbücher]]></category>
		<category><![CDATA[Süddeutsche Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[NDR]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Weil ein «Spiegel»-Redaktor das Juryreglement ausreizte und ein neurechtes Pamphlet in die «Sachbuchliste» von NDR und Süddeutscher Zeitung gehievt hat, läuft das deutsche Feuilleton Sturm. Davon profitiert der Verlag des geschmähten Werks. Ausser den üblichen Verdächtigen des Betriebs – Journalisten, Verleger, Buchhändler, Autoren – dürfte die seit knapp 15 Jahren monatlich publizierte «Sachbuchliste» von Süddeutscher <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/15/20-punkte-fuer-einen-skandal/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Weil ein «Spiegel»-Redaktor das Juryreglement ausreizte und ein neurechtes Pamphlet in die «Sachbuchliste» von NDR und Süddeutscher Zeitung gehievt hat, läuft das deutsche Feuilleton Sturm. Davon profitiert der Verlag des geschmähten Werks.</strong></p>
<p>Ausser den üblichen Verdächtigen des Betriebs – Journalisten, Verleger, Buchhändler, Autoren – dürfte die seit knapp 15 Jahren monatlich publizierte «Sachbuchliste» von Süddeutscher Zeitung und Norddeutschem Rundfunk NDR bisher eher weniger interessant für die breite Leserschaft gewesen sein. Hier bewerten Juroren unabhängig voneinander nach einem Punktesystem literarische Neuerscheinungen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Die Differenz zu gängigen Bestsellerlisten ist beabsichtigt: Qualität statt Quantität soll in den Fokus rücken. Die «Sachbuchliste» praktiziert dies mit Sachbüchern.</p>
<p>Mit der Liste vom Juni 2017 rückt nun diese Einrichtung durch einen Skandal in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit. Auf Platz 9 der Juni Liste steht ein Buch des 2016 verstorbenen Autors Rolf Peter Sieferle, mit dem Titel «Finis Germania». Es ist im «Antaios Verlag» erschienen, der dem neurechten Publizisten Götz Kubitschek gehört. Kritiker stellen nun heraus, dass das Buch rechtsradikale These vertrete und somit auf einer Empfehlungsliste nichts zu suchen habe. Sieferles Buch besteht aus 30 lose miteinander verbundenen Texten auf nur 104 Seiten, in denen ein eher düsteres Bild der Zukunft der deutschen Gesellschaft entworfen wird.</p>
<p>Losgetreten wurde der Skandal von einem <a href="http://www.taz.de/!5416892/" target="_blank" rel="noopener">Artikel in der taz</a>. Der Autor begnügte sich nicht mit dem Hinweis, sondern stellt sofort das gesamte deutschsprachige Feuilleton auf den Prüfstand. Mit den blumigen Worten «Das Sag- und Wählbare hat sich in der Bundesrepublik nach weit rechts verschobenen» beginnt er seinen Text. Unklar bleibt dabei, ob er überhaupt nur einen einzigen Satz des Buches gelesen hat.</p>
<p>Marc Reichwein rückt <a href="https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article165468083/So-landete-rechtes-Gedankengut-auf-der-Bestenliste.html" target="_blank" rel="noopener">in der «Welt»</a> das Verfahren in den Fokus nachdem die Bücher für die «Sachbuchliste» bewertet werden. Die Jury besteht aus 25 Personen, überwiegend aus den Redaktionen überregionaler Zeitungen und des öffentlichen Rundfunks. Jurysitzung gibt es keine, kommuniziert wird per E-Mail. Die Juroren sind offensichtlich frei in der Bestimmung der Bücher; auf eine Short- oder Longlist wird verzichtet. Stattdessen vergibt jeder Punkte für die von ihm favorisierten Bücher. Hieraus wird dann eine Reihenfolge ermittelt. In der Auswertung wird dann die Punktzahl genannt.</p>
<p>«Jeder der 25 Juroren kann monatlich vier Bücher eigener Wahl mit 8, 6, 4 oder 2 Punkten versehen», so Reichwein. Das Problem ist, dass Juroren ihre Punkte auch kumulieren können. Im vorliegenden Fall hat dies ein Juror gemacht: er hatte die ihm zur Verfügung stehenden 20 Punkte einem einzigen Buch vergeben.</p>
<p>Theoretisch könnte ein Buch so maximal 200 Punkte erreichen. Was beim Studium der vergangenen Listenresultate auffällt ist die Punktzahl für den Sieger und die grosse Punktdichte. So genügen für Platz 1 häufig zwischen 28 und 30 Punkte; Platz 10 bekommt dann immer noch 18 oder 19 Punkte. Bei 25 Juroren sind 30 Punkte für den Sieger relativ wenig. Wenn dann ein Juror seine Punkte «aufheben» kann, ist schnell eine Platzierung unter den Top Ten möglich.</p>
<p>Die Nachteile dieses Verfahrens liegen auf der Hand. Zum einen können wenige Juroren mit ihren Voten ein Buch weit nach vorne bringen. Zum anderen bleibt sowohl für das Publikum als auch für die Jury selber unkenntlich, wer für welches Buch gestimmt hat.</p>
<p>Der Abstimmungsmodus war jedoch nur ein Aspekt der Behandlung des Skandalons. Wie immer begann sofort das übliche Distanzierungsspielchen; als sei plötzlich die Verbindung zu dieser «Sachbuchliste» ehrenrührig. Obwohl er mit der Auswahl des Buches nichts zu tun hatte, trat Jens Bisky, Feuilletonredaktor der Süddeutschen Zeitung, aus der Jury aus. Das half immerhin ein wenig den Medien aus der SZ/NDR-Liste eine NDR-Liste zu machen. Alle anderen Jurymitglieder distanzieren sich natürlich ebenfalls von dieser Empfehlung.</p>
<p>Zum Zeitpunkt von Biskys Demission war noch nicht bekannt, wer für Sieferles Buch gestimmt hatte. Als sich herausstellte, dass es der «Spiegel»-Redaktor Johannes Saltzwedel war, trat auch dieser ebenfalls sofort aus der Jury aus. Er rechtfertigte zwar noch die Nominierung dahingehend «bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen [zu] wollen», aber für einen Redaktor, der seit Jahrzehnten mit den Gepflogenheiten der Branche vertraut ist, klingt dies sehr naiv. Natürlich rückte auch der «Spiegel»-Chefredaktor Klaus Brinkbäumer, Saltzwedels Chef, von seinem Redaktor ab. «Ich habe nach der Lektüre der wesentlichen Kapitel kein Verständnis dafür, dass der Kollege Saltzwedel dieses Buch empfohlen hat», gab er zu Protokoll. Immerhin hat Brinkbäumer einige Kapitel gelesen; woher er weiss, dass es die «wesentlichen» sind, bleibt ungeklärt.</p>
<p>Mit dem Rücktritt Saltzwedels aus der Jury war die Angelegenheit jedoch noch nicht geklärt. So erklärte der NDR, die «Sachbuchliste» «bis zur vollständigen Aufklärung der Frage, wie es zu dieser gravierenden Fehleinschätzung der Jury kommen konnte» auszusetzen und sich von der Jury – zu distanzieren. Um dies noch besonders deutlich zu machen wurde – und das ist kein Scherz – wird jetzt die Punktzahl des Buches nicht mehr veröffentlicht.</p>
<p>Dies Formulierung des NDR mutet sehr beflissen an, denn die Frage, wie es zu der Entscheidung kommen konnte, war zu diesem Zeitpunkt längst geklärt: Juror Saltzwedel hatte das Verfahren derart verwendet, dass er alle verfügbaren 20 Punkte für ein Buch vergab. Der NDR suggeriert jedoch, dass es sich um eine Fehlentscheidung der Jury handelt und führt eine Kollektivhaftung ein, obwohl die anderen 24 Juroren vor der Publikation der Liste von Saltzwedels Votum nichts wissen konnten.</p>
<p>Und wie verträgt sich eigentlich die immer wieder vollmundig angepriesene Unabhängigkeit von Jurys, wenn dann Voten für strittige und schwierige Bücher derart hysterisierend kommentiert werden? Warum kann ein politisch abwegiges Buch nicht als Diskussionsgrundlage dienen und sei es denn auch nur um die hierin verwendeten Thesen argumentativ zu widerlegen?</p>
<p>Wer hat das Buch überhaupt in Gänze gelesen? In <a href="http://www.deutschlandfunkkultur.de/sz-literaturkritiker-gustav-seibt-ueber-finis-germania-ein.1008.de.html?dram:article_id=388580" target="_blank" rel="noopener">Deutschlandfunk Kultur bekennen die Moderatoren ihr Unwissen</a>, haben aber immerhin schon «viel drüber gelesen». Als Kronzeuge der Anklage fungiert dort Gustav Seibt. Er hatte nach Sieferles Freitod im September 2016 diesen als «unerschrockenen, immer rationalen Denker, der sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen liess, wenn er apokalyptische Möglichkeiten erwog» <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/nachruf-der-unerschrockene-1.3196935" target="_blank" rel="noopener">gewürdigt</a>. Auch im Gespräch mit dem Deutschlandfunk fand Seibt noch milde Worte für den Autor, aber «Finis Germania» sei eine wüste Schimpferei und primitiv. Er findet zahlreiche Stellen, benennt sie auch, aber die Moderatoren können natürlich mangels Kenntnis des Inhalts nicht widersprechen oder einhaken.</p>
<p>Das Buch sei nichts für den «Gabentisch» und auch nicht als Flugzeug-Lektüre geeignet, so Seibt. Warum ich ein solches womöglich polemisch triefendes und politisch abstruses Buch nicht im Flugzeug lesen soll, bleibt unklar. Und warum davon eine «Störung des öffentlichen Gesprächs» ausgeht auch. Es sei denn, die oberste Priorität wäre, generell unbelästigt bleiben zu wollen mit sehr unbequemen oder gar hässlichen Thesen. Ist denn Ruhe wieder die erste Bürgerpflicht? Dann sollte man vielleicht besser ein paar Regionalkrimis ins Flugzeug nehmen.</p>
<p>Wie immer in solchen Fällen profitiert das skandalisierte Medium. «Finis Germania» ist aktuell auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste «Bücher». Im Moment werde, so der Verlag, nachgedruckt. Und wie fast immer wird in zwei Jahren kaum noch jemand wissen, wie dieses «Skandalbuch» geheissen hat.</p>
<p><em>Bildquelle:</em> By Gregor Julien Straube (Own work) [CC BY-SA 3.0 (<a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0</a>)], via Wikimedia Commons</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/15/20-punkte-fuer-einen-skandal/">20 Punkte für einen Skandal: Aufregung um «Sachbuchliste»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Brexit als Lebenselixier des britischen Boulevards</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/05/09/brexit-als-lebenselixier-des-britischen-boulevards/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Peter Stäuber]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 May 2017 12:37:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[GB]]></category>
		<category><![CDATA[Rupert Murdoch]]></category>
		<category><![CDATA[The Sun]]></category>
		<category><![CDATA[Boulevard]]></category>
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		<category><![CDATA[Brexit]]></category>
		<category><![CDATA[Daily Mail]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als wäre nichts gewesen: Sechs Jahre nach dem grossen Abhörskandal mischen die britischen Boulevardmedien wieder munter in der Politik mit. Im Prozess zum EU-Austritt Grossbritanniens fanden Blätter wie The Sun oder Daily Mail zur alten Form zurück und befeuern den Brexit. «Crush the Saboteurs», titelte das rechtskonservative Klatschblatt The Daily Mail, als die britische Premierministerin <a href="https://medienwoche.ch/2017/05/09/brexit-als-lebenselixier-des-britischen-boulevards/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Als wäre nichts gewesen: Sechs Jahre nach dem grossen Abhörskandal mischen die britischen Boulevardmedien wieder munter in der Politik mit. Im Prozess zum EU-Austritt Grossbritanniens fanden Blätter wie The Sun oder Daily Mail zur alten Form zurück und befeuern den Brexit.<br />
<span id="more-33130"></span><br />
«Crush the Saboteurs», titelte das rechtskonservative Klatschblatt The Daily Mail, als die britische Premierministerin Theresa May vor wenigen Wochen Neuwahlen ankündigte: All jene, die den Brexit zu verhindern suchen, sollen «zerdrückt» werden. Subtile Headlines entsprechen nicht dem Stil des britischen Boulevards, aber diese derbe Aufforderung ging dann doch etwas weit: Linke und liberale Politiker und Kommentatoren, vom Schattenfinanzminister John McDonnell bis zur Fussballlegende Gary Lineker, beklagten die Aggression, zu der sich die Zeitung hatte hinreissen lassen. Angesichts der verbreiteten Empörung hielt die Daily Mail <a href="http://www.dailymail.co.uk/debate/article-4427192/DAILY-MAIL-COMMENT-saboteurs-simmer-down.html" target="_blank" rel="noopener">eine Klarstellung für angebracht</a>: «Um jede Zweifel aus dem Weg zu räumen, weder die Premierministerin noch diese friedliebende Zeitung schlägt einen Genozid vor.»</p>
<p>Dass kein Völkermord angeraten wird, wird die Leser beruhigen, aber der überbordende Eifer, mit dem sich manche britischen Boulevardblätter dem Thema Brexit nähern, ist – vorsichtig ausgedrückt – befremdend. Die New York Times nahm kürzlich <u><a href="https://www.nytimes.com/2017/05/02/world/europe/london-tabloids-brexit.html?_r=0" target="_blank" rel="noopener">die dominante Rolle unter die Lupe</a></u>, welche die «tabloid press», also der Boulevard, in der EU-Debatte spielt. Die Autorin hat sich auf ein Rendezvous mit dem wohl einflussreichsten Chefredakteur Grossbritanniens eingelassen, Tony Gallagher von The Sun. Seit 1969 gehört die Zeitung zum Medienimperium Rupert Murdochs, der die politische Konversation im Land seither in entscheidender Weise prägt – und sie stramm nach rechts drückt.</p>
<p>In den 1980er-Jahren leistete die «Sun» der Premierministerin Margaret Thatcher patriotische Schützenhilfe, als sie auf die Falklandinseln in den Krieg zog oder sich der fortschreitenden europäischen Integration verweigerte. Die eingängigen und zuweilen vulgären Schlagzeilen («Up Your Junta») wurden legendär. Beim Besuch der New York Times erzählt Gallagher genüsslich von den jüngsten Erfolgen seiner Zeitung: Er führte eine Kampagne gegen die geplante Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge von Freiberuflern. Es war das erste Mal, dass sich die Klatschpresse (auch die «Daily Mail» wetterte gegen die Steuererhöhung) seit Theresa Mays Amtsantritt gegen sie stellte – und die Premierministerin fügte sich ihrem Wunsch: Die Pläne wurden zurückgezogen. «Es dauerte weniger als eine Woche», sagt Gallagher.</p>
<p>In Bezug auf das EU-Referendum gibt sich der Chefredakteur vorsichtig: «Wir haben uns für den Brexit eingesetzt, aber ich glaube nicht, dass wir ihn verursacht haben.» Allerdings sandte er kurz nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses eine SMS an einen Reporter des linksliberalen Guardian, in der er die tatkräftige Mithilfe des Boulevards begrüsst: «So viel zur schwindenden Macht der Printmedien», lautete die ironische Nachricht.</p>
<p>Damit hat er wohl recht: Der politische Einfluss der Klatschpresse scheint ungebrochen – auch knapp sechs Jahre nach dem Abhörskandal. Die öffentliche Empörung darüber, dass massgeblich Mitarbeiter von News of the World und anderer Murdoch-Blätter illegal Mobiltelefone abgehört hatten, schien dem Konzern zunächst einen schweren Schlag zu versetzen. Die Enthüllung des Abhörskandals führte zur Schliessung der Sonntagszeitung News of the World und zum Rücktritt mehrerer prominenter Führungspersonen, darunter Rebekah Brooks, der Geschäftsführerin der Murdoch-Medien in Grossbritannien. Der Fall hatte auch strafrechtliche Konsequenzen. Andy Coulson, der frühere Chefredaktor von News of The World und spätere Berater von Premier Cameron, wurde zu 18 Monaten Haft verurteilt. Als Rupert Murdoch selbst vor einem Parlamentsausschuss auftrat, sagte er reuig, es sei der «demütigste Tag» seines Lebens.</p>
<p>Das mag man Murdoch abkaufen oder nicht,. Im Rückblick ist klar, dass die Episode weder seinem Konzern grösseren Schaden zufügte noch den breiteren Niedergang der britischen Revolverpresse eingeleitet hatte. Die News of the World wurde kurzerhand ersetzt durch die Sun on Sunday, die zur meistverkauften Sonntagszeitung im Land wurde, und News International änderte seinen Namen in News UK – mit Rebekah Brooks als Geschäftsführerin. Mit einer Auflage von über 1.6 Millionen ist die Sun auch heute noch die beliebteste Zeitung im Land, noch vor der Daily Mail. Und die Beziehung zur Politik wird weiterhin sorgfältig gepflegt: Laut einer Analyse der Kampagnen Media Reform Coalition und 38 Degrees hatten Führungsleute des Murdoch-Konzerns innerhalb eines Jahres <u><a href="https://www.theguardian.com/media/2017/feb/05/rupert-murdoch-access-to-downing-street-theresa-may-david-cameron" target="_blank" rel="noopener">zehn Unterredungen mit der Regierung</a></u>, entweder mit der Premierministerin selbst, ihrem Vorgänger David Cameron, oder mit dem ehemaligen Finanzminister George Osborne. Keine andere Medienorganisation geniesst ein solch intimes Verhältnis zur Downing Street.</p>
<p>So kommt den grössten britischen Zeitungen nach wie vor eine entscheidende Rolle zu in der politischen Debatte: «Es ist eine Tatsache, dass Printzeitungen […] die Tagesordnung hier weit effektiver bestimmen als Fernseh- und Radiosender, die grundsätzlich reaktive Medien sind», sagt «Sun»-Chefredaktor Gallagher gegenüber der New York Times.</p>
<p>Dass TV-Nachrichten zu einem grossen Teil von der Berichterstattung in den Printmedien beeinflusst sind, lässt sich auch statistisch belegen: <u><a href="https://orca.cf.ac.uk/88825/7/Cushion%20et%20al%202016.pdf" target="_blank" rel="noopener">Eine Studie der Fachzeitschrift Journalism Studies</a></u> kam zum Schluss, dass Fernsehsender im Wahlkampf 2015 zu einem erheblichen Teil Themen aufgriffen, die zuerst in Printmedien behandelt wurden; besonders die konservativen Zeitungen The Daily Telegraph und die Times, die zum Murdoch-Konzern gehört, sind laut den Autoren tonangebend. Robert Peston, der früher die Wirtschaftsredaktion der BBC leitete und heute für ITV News arbeitet, <u><a href="https://www.theguardian.com/media/2014/jun/06/bbc-obsessed-agenda-daily-mail-robert-peston-charles-wheeler" target="_blank" rel="noopener">beklagte sich vor einigen Jahren</a></u>, dass die BBC geradezu «besessen» sei von der Berichterstattung der Daily Mail und des Daily Telegraph.</p>
<p>Das EU-Referendum gab dem britischen Boulevard eine einmalige Gelegenheit, auf ihren zwei Steckenpferden herumzureiten: der Einwanderung und der vermeintlich überbordenden Macht Brüssels. Gallagher ist sich völlig bewusst, dass eine Aussage – auch wenn sie nachweislich falsch ist – durch die ständige Wiederholung wahr erscheint: «Wenn man als Zeitung grosses Aufsehen macht um die Tatsache, dass alle unsere Gesetze in Europa gemacht werden, dann dringt das schlussendlich ins nationale Bewusstsein.»</p>
<p>Der Historiker <u><a href="https://www.theguardian.com/media/2016/oct/27/revenge-of-the-tabloids-brexit-dacre-murdoch" target="_blank" rel="noopener">Andy Beckett schrieb im Herbst</a></u>, dass mit dem Brexit-Votum «einer der grössten, ältesten Träume der Boulevardblätter auf spektakuläre Weise Wirklichkeit wurde». Und ihr Einfluss ist durch das Resultat noch gestärkt worden. Die Revolverpresse habe die Politik heute fest im Griff, schreibt Beckett: Der rechte Flügel der Konservativen arbeite heute so eng mit dem Boulevard zusammen wie zuletzt in den frühen 1990er-Jahren; man sehe es etwa bei der täglichen Obsession mit Immigranten, der Verunglimpfung von liberalen Briten als Vertreter der Elite sowie dem gemeinsamen Ziel des «harten Brexit». Der ehemalige Sun-Chefredakteur David Yelland sieht es genauso: Brexit stelle den bisherigen Höhepunkt der Macht des Boulevards dar.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/05/09/brexit-als-lebenselixier-des-britischen-boulevards/">Brexit als Lebenselixier des britischen Boulevards</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wie viel Meinungspluralismus verträgt eine Redaktion?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/05/05/wie-viel-meinungspluralismus-vertraegt-eine-redaktion/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2017/05/05/wie-viel-meinungspluralismus-vertraegt-eine-redaktion/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 05 May 2017 12:33:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
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		<category><![CDATA[Bret Stephens]]></category>
		<category><![CDATA[Klimaleugner]]></category>
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		<category><![CDATA[New York Times]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit der Verpflichtung des Pulitzer-Preisträgers Bret Stephens hat die «New York Times» bei ihren Lesern einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Nicht seine Meriten sind das Problem, sondern seine Haltung zum Klimawandel. Enttäuschte Wissenschaftler wenden sich ab, Abo-Kündigungen gingen ein, weil nun ein «Klimaleugner» für das Weltblatt schreibt Der Start einer neuen Kolumne wird meist mit <a href="https://medienwoche.ch/2017/05/05/wie-viel-meinungspluralismus-vertraegt-eine-redaktion/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Mit der Verpflichtung des Pulitzer-Preisträgers Bret Stephens hat die «New York Times» bei ihren Lesern einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Nicht seine Meriten sind das Problem, sondern seine Haltung zum Klimawandel. Enttäuschte Wissenschaftler wenden sich ab, Abo-Kündigungen gingen ein, weil nun ein «Klimaleugner» für das Weltblatt schreibt<br />
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Der Start einer neuen Kolumne wird meist mit der üblichen publizistischen Politur begangen: Man findet ein paar lobende Worte für den Autoren und vergewissert sich seines eigenen pluralen Meinungsspektrums. So war das auch bei der Vorstellung des neuen «New York-Times»-Kolumnisten Bret Stephens. Leitartikler James Bennet <a href="https://www.nytimes.com/2017/04/28/opinion/introducing-our-new-columnist.html?_r=0" target="_blank" rel="noopener">präsentierte den neuen Kollegen</a> mit dessen Maxime, wonach «Meinungsjournalismus Journalismus und kein Agitprop sei» und rief das publizistische Erbe des legendären Times-Reporters Adolph Ochs in Erinnerung, der die Meinungsseiten zu einem Forum für «intelligente Diskussion mit allen Meinungsschattierungen» machen wollte.</p>
<p>In diesen «turbulenten und suchenden Zeiten in den USA und auf der Welt», gab sich Bennet bescheiden, «sollten wir die Demut haben zu erkennen, dass wir nicht in allem richtig liegen und den Mut besitzen, unsere eigenen Annahmen und Argumente auf den Prüfstand zu stellen». Stephens‘ Referenzen sind durchaus beachtlich: Redaktor beim «Wall Street Journal», später Kolumnist, 2013 der Pulitzer-Preis für den besten Kommentar. Die Chefredaktion wusste um Stephens‘ kontroverse Ansichten. Bei einem Gespräch zwischen ihm und Leitartikler Nick Kristof wurden die aussenpolitischen Differenzen sichtbar. Dass Stephens‘ erste Kolumne zum Lackmustest für die Blattlinie geriet, war offensichtlich auch den Strategen im Verlag nicht bewusst.</p>
<p>Unter der Überschrift <a href="https://www.nytimes.com/2017/04/28/opinion/climate-of-complete-certainty.html" target="_blank" rel="noopener">«Climate of Complete Certainty»</a> (Klima kompletter Sicherheit) stellte Stephens Ende April die Modelle und Simulationen der Klimaforschung in Frage und streute Zweifel am Bericht des Weltklimarats von 2014, worin vor den globalen Folgen der Erderwärmung gewarnt wird. Stephens argumentiert durchaus differenziert, konnte in der einseitigen Tonlage («Glaubt nicht alles, was die Wissenschaft sagt!») aber auch als Vorlage für Klimaleugner gelesen werden. Entsprechend wütend waren die Reaktionen der überwiegend linksliberalen Leserschaft der «Times». Im Netz brach ein Sturm der Entrüstung aus, 600 Leserbriefe und Abo-Kündigungen gingen ein.</p>
<p>Zu den prominentesten Lesern, die ihr Times-Abo gekündigt haben, gehört der renommierte deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Auf Twitter veröffentlichte er einen gepfefferten Protestbrief an die Redaktion, in dem er Stephens‘ Klimalügen entlarvte und die Redaktion scharf kritisierte. «Die «Times» argumentierte, dass Millionen mit Stephens übereinstimmen. Ich fragte mich, was als nächstes kommt – wann stellen Sie einen Kolumnisten ein, der behauptet, dass sich die Sonne und die Sterne um die Erde drehen, weil Millionen damit übereinstimmen?» Das Schreiben wurde inzwischen auf Twitter 9500 Mal geteilt und 16‘000 Mal gelikt worden.</p>
<p>Um den Flurschaden zu ermessen, muss man wissen, dass die Op-Ed-Seite so etwas wie ein Weltforum ist. Wer hier schreibt, gehört zur globalen Elite. Die «Times» ist eine Autorität. Entsprechend gross ist nun der Reputationsverlust. Die Chemikerin Christine Maria Rose schrieb stellvertretend für viele ihrer Kollegen: «Klimaleugner haben schon genug Einfluss in der Regierung, ich bin enttäuscht, dass Sie ihnen auch eine Stimme in der NYT geben.» Sarah Jones formulierte in der «New Republic» eine generelle Kritik an den Meinungsspalten der NYT. Die Op-Ed-Seite sei mehrheitlich weiss und männlich, in der letzten Zeit habe eine «anti-intellektualistische Feigheit» Platz gegriffen. So drehte sich eine der letzten Kolumnen von Thomas L. Friedman um <a href="https://www.nytimes.com/2017/04/26/opinion/on-a-par-5-in-dubai-good-humor-and-a-respite-from-all-things-trump.html?rref=collection%2Fcolumn%2Fthomas-l-friedman&amp;action=click&amp;contentCollection=opinion&amp;region=stream&amp;module=stream_unit&amp;version=latest&amp;contentPlacement=1&amp;pgtype=collection&amp;_r=0" target="_blank" rel="noopener">eine Golf-Partie mit einem Yogi</a> in Dubai. Intern soll es dem Vernehmen nach recht ruhig geblieben sein, ganz anders, als Verleger Arthur O. Sulzberger 1973 den ehemaligen Redenschreiber von Richard Nixon und PR-Mann William Safire anheuerte und es am Redaktionssitz der Times an der Upper West Side kräftig rumorte.</p>
<p>Normalerweise waren die Positionen der Op-Ed-Seite klar bestimmt. Hier die liberale Fraktion um Thomas L. Friedman, den Keynesianer und Nobelpreisträger Paul Krugman und Reporter Nicholas Kristof, dort die Konservativen um David Brooks. Dass eine liberale Zeitung konservativen Kolumnisten Platz freiräumt, ist in der publizistischen Landschaft keine Seltenheit. So schreibt Jan Fleischhauer, der mit dem Buch «Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde» einen Bestseller landete, eine erfolgreiche Kolumne für «Spiegel Online» («Der Schwarze Kanal»), was ihn vom «Welt»-Journalisten Alan Posener den spöttischen Vorwurf eintrug, er sei in Wahrheit nur ein «Hofkonservativer». Die wöchentliche Chronik des Nationalkonservativen Eric Zemmour im «Figaro» ist näher am Front National als an den gaullistischen «Republikanern», die die Eigentümer des Blatts aufgrund diverser Verstrickungen im Präsidentschaftswahlkampf unterstützten.</p>
<p>Auch Harald Martenstein vertritt in seiner Kolumne im «Zeit Magazin» eher konservative Positionen, zumindest weiter rechts als jene im Politik-Teil. Die «taz» ätzte einmal über ihn: «Martenstein versöhnt die Stimme des Stammtischs mit dem Stil des Feuilletonisten – was zur Meinungsspreizerei unangenehmster Ausmasse führt.» Viele Leser lesen das «Zeit Magazin» aber nur wegen seiner Kolumne. Insofern dient eine Kolumne auch dazu, das eigene Profil zu schärfen und ein möglichst breites Meinungsspektrum abzubilden. Das war auch das Kalkül der «New York Times», die mit der Verpflichtung von Stephens einen meinungsstarken Autoren gewinnen wollte, der die Leserschaft rechts der Mitte ansprechen sollte. Die Frage ist nur, ob man mit einem Klimaskeptiker anschlussfähig an das rechtskonservative Publikum bleiben will, das ohnehin eher zur «Washington Post» oder dem «Wall Street Journal» greift, oder um den Preis der Meinungsvielfalt die eigene, liberale Leserschaf vergrault. Dass die Personalie zum Politikum werden würde, hätte den Verantwortlichen klar sein müssen.</p>
<p>Bereits mit seinem ersten Text wirft Stephens die grundsätzliche erkenntnistheoretische Frage auf, was Wahrheit ist und was man als Fakten anerkennt. Das steht im Kontrast zur allgemeinen Blattlinie. So hat sich die «Times» in einer aktuellen Image-Kampagne mit grossflächigen Plakaten die «Wahrheit» auf die Fahnen geschrieben. Die Werbeaktion wurde als Reaktion auf die aggressive Rhetorik Donald Trumps lanciert, der einen offenen «Krieg gegen die Medien» führt und die «New York Times» neben anderen Medien als «Volksfeinde» denunzierte. Stephens’ erste Kolumne läuft diesem Anspruch zuwider.</p>
<p>Der Autor schreibt wörtlich: «Es gibt eine Lektion hier. Wir leben in einer Welt, in der Daten Autorität vermitteln. Doch Autorität verkommt zur Gewissheit, und Gewissheit gebiert Hybris.» Das klingt fast wie die postfaktische Behauptung, es gebe keine Fakten mehr. Die Grenzen zwischen Publizistik und Propaganda verschwimmen. Ironischerweise betreibt Stephens mit der Dekonstruktion von Fakten, die nicht postmodern, sondern destruktiv ist, das Geschäft der Trump-Administration, die die «Times» so vehement bekämpft. An die kontroverse Kolumne brachte die Redaktion den dezenten faktischen Hinweis an, dass die vom Weltklimarat festgestellte Erderderwärmung von 0,85 Grad Celsius das globale Mittel und nicht nur die nördliche Hemisphäre meint. Die Faktenchecker der NYT müssen künftig auch ihr eigenes Blatt prüfen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/05/05/wie-viel-meinungspluralismus-vertraegt-eine-redaktion/">Wie viel Meinungspluralismus verträgt eine Redaktion?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Rechtsbruch bleibt Rechtsbruch</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/04/11/rechtsbruch-bleibt-rechtsbruch/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Apr 2017 13:29:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Medienrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Buch]]></category>
		<category><![CDATA[Anhörung]]></category>
		<category><![CDATA[Hugo Stamm]]></category>
		<category><![CDATA[Jürg Jegge]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Wogen nach der Publikation des Buchs «Jürg Jegges dunkle Seite» schlagen hoch. Handelt es sich um die gerechtfertigte Anklage eines Missbrauchsopfers oder um publizistische Selbstjustiz? In dem Werk «Jürg Jegges dunkle Seite» wird ein Brief zitiert, den der Pädagoge an seinen ehemaligen Schutzbefohlenen schrieb. Ohne dass Jegge zuvor um Erlaubnis gefragt wurde, ob er <a href="https://medienwoche.ch/2017/04/11/rechtsbruch-bleibt-rechtsbruch/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Wogen nach der Publikation des Buchs «Jürg Jegges dunkle Seite» schlagen hoch. Handelt es sich um die gerechtfertigte Anklage eines Missbrauchsopfers oder um publizistische Selbstjustiz?<br />
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In dem Werk «Jürg Jegges dunkle Seite» wird ein Brief zitiert, den der Pädagoge an seinen ehemaligen Schutzbefohlenen schrieb. Ohne dass Jegge zuvor um Erlaubnis gefragt wurde, ob er einer Publikation zustimmen würde. Das ist unschön, aber erlaubt, weil es «nur» einen Verstoss gegen primitivste Anstandsregeln darstellt.</p>
<p>Mit demselben Rechtsverständnis wie bei Jegge erlaubt sich Stamm, entgegen meiner Auflage aus dem privaten Mailverkehr mit ihm mich in der BaZ in seiner Replik zu zitieren. Er sieht nicht ein, dass es ein Recht am eigenen Wort gibt, er kennt nur sein Recht auf das letzte Wort. Zum Hintergrund: Herr Stamm meldete sich schriftlich bei mir, nachdem mein erster Kommentar online <a href="http://bazonline.ch/schweiz/standard/ein-drecksbuch/story/22797733" target="_blank" rel="noopener">in der «Basler Zeitung» erschien</a>. Darauf entwickelte sich ein kleiner Meinungsaustausch. Ist das von Bedeutung, geht es nicht um ein ganz anderes Thema? Nein. Man kann in der öffentlichen Debatte über das Fehlverhalten von Jegge und über die Verwendung der Öffentlichkeit als Richtstätte geteilter Meinung sein. Man muss allerdings konstatieren, dass eine argumentative Debatte über ein dermassen aufgeladenes Thema wie sexueller Missbrauch von minderjährigen Pflegebefohlenen nicht möglich ist. Umso wichtiger wäre es, dass wenigstens Grundregeln der Rechtsstaatlichkeit und des Anstands eingehalten würden.</p>
<p>Die Veröffentlichung einer Anklageschrift, ohne dass der Betroffene vorab mit den massiven Vorwürfen konfrontiert worden wäre, ist unter keinem Titel zu rechtfertigen. Darin sind sich auch eigentlich alle Medienrechtler einig. Kein seriöses Medium hätte einen entsprechenden Artikel publiziert, wäre die Bedingung gewesen, dass der Betroffene nicht die Gelegenheit erhält, Stellung zu nehmen. Der Umweg über einen Buchverlag ändert daran nichts.</p>
<p>In seiner öffentlichen Replik, aus der zitiert werden darf, führt Stamm unter anderem aus: «In einem Rechtsstaat ist es essenziell, darüber zu diskutieren, wie wir mit den Fragen zu einer allfälligen Vorverurteilung, einem Recht auf Vergessen und dem Anhören der Gegenseite umgehen. Wir müssen aber auch Opfern das Recht zugestehen, ihre Stimme zu erheben und das Unrecht zu benennen, ohne ihnen dabei unüberwindbare Hindernisse in den Weg zu legen.»</p>
<p>Genau da liegt der Hund begraben. Nein, es ist essenziell, dass darüber nicht diskutiert werden darf, eben nicht das Recht in die eigene Hand genommen werden darf, mit welcher Begründung auch immer. Zu den Begriffen Vorverurteilung, Unschuldsvermutung, Recht auf Vergessen und Anhörung der Gegenseite gibt es klare Regeln und Artikel, Punkt. Es kann doch nicht sein, dass jeder daherkommen kann und sagen, mit welcher Begründung auch immer: «Mag sein, dass ich hier einen klaren Rechtsbruch begehe, aber diskutieren wir mal darüber.» Ausserdem sei dieser Rechtsbruch durch das Leiden eines Opfers legitimiert, und Volkes Stimme ist auch auf dieser Seite.</p>
<p>Ich mache mich weder mit dem Verhalten von Jürg Jegge gemein noch mit dem Vorgehen seines Opfers noch mit dem Handeln des Journalisten Stamm. Ich habe auch kein grosses Problem mit dem Shitstorm in den Kloaken der Kommentarfunktion, der sich über mich ergiesst und in der Anschuldigung gipfelt, dass meine angebliche Verteidigung eines Grüsels doch Anlass zum Verdacht böte, dass ich selbst pädophile Neigungen hätte. Umso abartiger ist es, dass Stamm genau diese Publikumsreaktion als Argument verwendet, dass er mit seiner Teilnahme an der Publikation dieses Buchs Recht getan hätte.</p>
<p>Wer meint, das Leiden eines Opfers legitimiere Rechtsbruch; Begriffe wie Unschuldsvermutung, Persönlichkeitsschutz, Anhörung, Recht auf Vergessen, Recht am eigenen Wort und Schutz der Privatsphäre seien öffentlich von Fall zu Fall zu diskutieren und zu interpretieren, tritt den Rechtsstaat in den Kübel und ersetzt ihn durch den mittelalterlichen Pranger. Durch Faustrecht, durch den Volksgerichtshof unseligen Angedenkens. Was Jegge eingestanden hat, ist verabscheuungswürdig und durch nichts zu rechtfertigen. Hat er es deswegen übergesetzlich verdient, dass Jahrzehnte nach seinen Untaten seine Reputation und sein Lebenswerk vernichtet werden? Darf jeder, der nichts weiter tut, als den Rechtsstaat zu verteidigen und auf die Einhaltung primitivster Regeln des Anstands zu bestehen, begleitet vom Applaus eines erfahrenen Journalisten, vom «Volksempfinden», wie das ein Kommentator formulierte, niedergemacht werden? Ist damit dem Opfer gedient, wenn auf Kosten des Täters der Rechtsstaat beschädigt wird, unser wichtigster Wall gegen Barbarei und «jeder hat das Recht, er muss es sich nur nehmen»? Meine Antwort ist Nein, auch wenn ich damit öffentlich ziemlich einsam auf weiter Flur stehe.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/04/11/rechtsbruch-bleibt-rechtsbruch/">Rechtsbruch bleibt Rechtsbruch</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Die Story hinter der Story-Mania (es geht um Geld)</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/04/04/die-story-hinter-der-story-mania-es-geht-um-geld-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Apr 2017 09:41:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Snapchat]]></category>
		<category><![CDATA[Instagram]]></category>
		<category><![CDATA[Facebook]]></category>
		<category><![CDATA[Multimedia]]></category>
		<category><![CDATA[WhatsApp]]></category>
		<category><![CDATA[Messenger]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Aneinandergereihte Multimedia-Häppchen wecken die Hoffnung, junge Leute mit journalistischen Inhalten zu erreichen. Snapchat ging mit dem Story-Format voran, Facebook zieht nun auf breiter Front nach. Für die Medien, die fleissig mitmachen, bedeutet das vor allem ein weiterer Kontrollverlust über die Distributionswege – und das grosse Geld streichen sowieso die Plattformen ein. Es ist eine dieser <a href="https://medienwoche.ch/2017/04/04/die-story-hinter-der-story-mania-es-geht-um-geld-2/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Aneinandergereihte Multimedia-Häppchen wecken die Hoffnung, junge Leute mit journalistischen Inhalten zu erreichen. Snapchat ging mit dem Story-Format voran, Facebook zieht nun auf breiter Front nach. Für die Medien, die fleissig mitmachen, bedeutet das vor allem ein weiterer Kontrollverlust über die Distributionswege – und das grosse Geld streichen sowieso die Plattformen ein.<br />
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Es ist eine dieser Geschichten, wie sie nur das Silicon Valley schreiben kann: Irgendwann im Jahr 2011 diskutieren der junge Stanford-Student Evan Spiegel und sein Verbindungsbruder Reggie Brown im Haus der Studentenverbindung Sigma Kappa zu vorgerückter Stunde über das Thema Sexting, das Versenden anzüglicher Bilder auf fremde Handys. Es ist schon der eine oder andere Drink geflossen, und die beiden Kommilitonen nahmen die Sache nicht sonderlich ernst. Brown formulierte die Idee einer App, die kompromittierende Fotos auf Mobilfunkgeräte schickt, die – und das ist der Clou der Killer-App – nach ein paar Sekunden wieder verschwinden. Spiegel fand die Idee so faszinierend, dass er sein Studium des Produktdesigns abbrach und in seiner Studierstube in Palo Alto die App Snapchat gründete. Was dann passierte, ist eine der eindrucksvollsten Erfolgsgeschichten überhaupt. Heute hat der Mitteilungsdienst mit Selbstzerstörungsmechanismus für die versendeten Botschaften einen Börsenwert von über 30 Milliarden Dollar und 150 Millionen aktive Nutzer. Der Börsengang vor wenigen Wochen war der grösste seit dem chinesischen Online-Riesen Alibaba.</p>
<p>Es versteht sich von selbst, dass auch Medien von dieser enormen Reichweite profitieren wollen, gerade weil die App die werberelevante Zielgruppe der Millennials anspricht. Mit «Discover» hat Snapchat 2015 eine Plattform für redaktionelle Inhalte geschaffen, den der Dienst bewusst als Angriff auf Facebook und das Geschäftsmodell algorithmischer Priorisierung verkaufte. «Soziale Netzwerk-Konzerne sagen uns, was wir lesen sollen auf Grund dessen, was am neuesten oder populärsten ist», teilte das Unternehmen auf seinem Blog mit. «Wir zählen auf Redakteure und Künstler, nicht Klicks und Shares, um zu bestimmen, was wichtig ist.»</p>
<p>Man darf bezweifeln, dass das nun eine journalistische Selbstverpflichtung oder gar ein Ethos ist, was da formuliert wurde, aber der entscheidende Satz, der das ganze disruptive Potenzial markiert, folgte einen Absatz weiter: «Jede Ausgabe wird nach 24 Stunden erneuert – weil was heute News ist, ist morgen schon Geschichte». So pathetisch und gleichsam radikal hat noch kein Unternehmen das Nachrichtengeschäft beschrieben. In den Innovationsabteilungen grosser Medienhäuser verfangen solche griffigen Formeln, und deshalb waren mit CNN, Yahoo News und Daily Mail gleich von Beginn prominente Nachrichtenanbieter mit von der Partie.</p>
<p>Die Plattform «Discover» innerhalb von Snapchat dient den Medienmarken als Schaufenster. CNN, Cosmopolitan oder National Geographic und andere Medienmarken zeigen dort einen Text-Bild-Anreisser im Stil einer Magazin-Cover-Miniatur. Einmal angetippt, lässt sich mit der eingeübten Fingerwischbewegung durch die mehrteilige Story navigieren Jede einzelne Seite ist im Grunde ein «Snap», ein Foto- und Videoschnipsel, wie ihn jeder Snapchat-Nutzer erstellt. Wischt man nach oben, gibt es weitere Informationen zum Thema, etwa einen verlinkten Artikeltext oder ein Video.</p>
<p>Konkurrenz erwächst Snapchat derweil von Facebook. Gleich vier seiner Plattformen hat der blaue Riese in den letzten Monaten um eine Story-Funktion erweitert; zuerst Instagram, dann die Mitteilungsdienste Facebook-Messenger und Whatsapp und zuletzt auch noch die Facbook App selbst. Die Story-Funktion bei Facebook besteht wie bei Snapchat aus einer Reihe von Bildern und Videos, die mit Emojis und Stickers verziert werden können. Dabei übernimmt Facebook immer mehr Funktionen seines Konkurrenten, wie etwa die animierten Linsen und Masken.</p>
<p>Völlig zurecht ist von «Snapchat-Klonen» die Rede. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, weil Facebook Snapchat 2013 übernehmen wollte, Mark Zuckerberg mit seiner Milliarden-Offerte aber damals bei Evan Spiegel abblitzte. Nun versucht Facebook den Rivalen mit seinen eigenen Waffen zu schlagen – und dreist zu kopieren. Snapchat spiesste den Plagiarismus auf und bot in seiner App als Aprilscherz einen Filter an, der seine Snaps in der Optik von Instagram-Posts erscheinen liess. Was man einerseits als souverän, andererseits auch als Galgenhumor bezeichnen könnte, weil Facebook mit seiner Story-Offensive dem Erfinder und Konkurrenten schon entscheidende Markanteile abringen konnte.</p>
<p>Doch zwischen Original und Kopie gibt es auch Unterschiede. Während Snapchat die Medienangebote auf «Discover» gegen Geld in ein prominentes Schaufenster stellt, bietet Facebook bisher keine solche Möglichkeit. Auf Instagram sieht der Nutzer die Storys von BBC, CNN, SRF und anderen Medien im gleichen Stream wie die Multimedia-Geschichten der Privatpersonen, denen er folgt.</p>
<p>Die neuen Plattformen verlangen einerseits nach neuen Erzählweisen («Storytelling») und bedeuten andererseits einen (weiteren) Kontrollverlust über die Distribution der Medieninhalte. Wer seine Geschichten auf Snapchat oder Facebook erzählt, muss nach den Regeln dieser Plattformen spielen. «Newsroom-Entscheidungen und Ressourcen orientieren sich zunehmend nach den Bedürfnissen externer Plattformen – von der Bestellung von Geschichten bis zur Integration einer Reihe technischer Standards», konstatieren die Autoren Emily Bell und Taylor Owen in einer aktuellen Bestandesaufnahme zur Bedeutung von Facebook &amp; Co. für den Journalismus.</p>
<p>Ökonomisch profitieren die Medienunternehmen nur wenig von Kooperationsmodellen mit Plattformanbietern wie Snapchat oder Facebook. Das grosse Geld verdienen die Plattformen – mit Werbung. Gemäss dem Fachmagazin Adweek verlangte Snapchat bereits 2015 bis zu 750&#8217;000 Dollar am Tag für eine Werbeeinblendung – hier bewegt man sich in Dimensionen einer ganzseitigen Annonce in überregionalen Tageszeitungen. Instagram hat Anfang Jahr ein Werbeformat eingeführt, das Unternehmen ähnlich wie bei Snapchat ermöglicht, Anzeigen zwischen zwei Stories zu schalten. Zu den exklusiven gehören neben Nike, Airbnb und Bacardi auch Zalando.</p>
<p>Die Story hinter der Story-Mania ist weniger ein kultureller Wandel, zu dem ihn die Entwickler gerne verklären – die Rhetorik von der «Kamera als neuer Tastatur» wird von den Tech-Blogs nur allzu gern aufgegriffen – sondern schlicht die Erschliessung einer neuen Einnahmequelle. Mit Stories haben die Internet-Konzerne ein Format geschaffen, das ihr bereits heute pralles Konto weiter füllen soll.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/04/04/die-story-hinter-der-story-mania-es-geht-um-geld-2/">Die Story hinter der Story-Mania (es geht um Geld)</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Sturm über Google oder nur im Wasserglas?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/04/04/sturm-ueber-google-oder-nur-im-wasserglas-2/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Markus Gabriel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Apr 2017 22:00:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Programmatic Advertising]]></category>
		<category><![CDATA[Google]]></category>
		<category><![CDATA[Werbung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=28973</guid>

					<description><![CDATA[<p>Zahlreiche Firmen haben ihre Budgets gestrichen oder blockiert, die für Werbung im Google Werbenetzwerk gesprochen waren. Damit reagieren sie mit PR-trächtiger Empörung auf den Umstand, dass ihre Werbeanzeigen in die Nähe von hetzerischen Webseiten und radikalen YouTube-Videos gebracht wurde, ohne ihr Wissen. Das Problem ist kleiner als nun der Eindruck entstanden sein könnte in Folge <a href="https://medienwoche.ch/2017/04/04/sturm-ueber-google-oder-nur-im-wasserglas-2/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Zahlreiche Firmen haben ihre Budgets gestrichen oder blockiert, die für Werbung im Google Werbenetzwerk gesprochen waren. Damit reagieren sie mit PR-trächtiger Empörung auf den Umstand, dass ihre Werbeanzeigen in die Nähe von hetzerischen Webseiten und radikalen YouTube-Videos gebracht wurde, ohne ihr Wissen. Das Problem ist kleiner als nun der Eindruck entstanden sein könnte in Folge der ganzen Aufregung.<br />
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Der Aktienkurs von Googles Muttergesellschaft Alphabet ist um 4,5 Prozent gesunken, nominell um immerhin 22 Mrd. Franken. Offenbar sehen viele Investoren das Werbeflaggschiff Google bereits am Sinken, während klassische Medien die Gelegenheit nutzen, sich als saubere Werbeträger zu profilieren.</p>
<p>Jetzt ist Google in der Pflicht, heisst es unisono. Und Google verspricht Besserung. Die so genannte Brand Safety soll durch griffigere Filter und mehr Transparenz gewährleistet werden. So lange in Mountain View daran geschraubt wird, bleibt das milliardenschwere Unbehagen seitens der Werbetreibenden bestehen. Das ist ziemlich viel Aufregung für ein Problem, das real betrachtet keines ist.</p>
<p>Denn ausserhalb der Medienberichterstattung, die den erwähnen Unternehmen in der Tat schaden kann, gibt es eigentlich keine direkten Opfer. Weder muss man Konsumenten von Neonazi-Videos, Besucher von Hassseiten und Anhänger von Gruselplattformen vor der Begegnung mit Werbeanzeigen unbescholtener Firmen bewahren. Noch muss man Werbebanner vor den bösen Blicken übler Menschen schützen.</p>
<p>Kein Mensch ohne entsprechenden Gesinnungshintergrund gelangt einfach so auf unerträgliche Internetseiten. Dieses Unglück «passiert» nur Journalisten, die darüber berichten wollen und digitalen Katastrophentouristen, die sich das ganze mal aus der Nähe anschauen wollen. Das Image-Problem für die Firmen manifestiert sich erst durch den rapportierten und kommentierten Screenshot in den gesellschaftsfähigen Massenmedien.</p>
<p>Darum müssen sich die Firmen jetzt öffentlich distanzieren, und darum will Google das Problem schnellstens bekämpfen. Der Werbegigant ist mit seiner Reichweite beileibe nicht darauf angewiesen, aus den finsteren Ecken des Internets Profit zu schlagen; auf eine gute Reputation dagegen schon. An dieser Stelle ist zu erwähnen, das Google seinen Werbetreibenden bereits einschlägige Filter zur Verfügung stellt, um Werbebanner vor unpassendem Umfeld zu schützen, und dass der eine oder andere Éclat damit zu vermeiden gewesen wäre. Schämen sollten sich die Agenturen und Inhouse-Spezialisten, die sich den lästigen Mehraufwand lieber sparen.</p>
<p>Die Frage, die viele Werbetreibende nun beschäftigt lautet, ob Google das Problem überhaupt in den Griff kriegen kann. Was Texte auf Webseiten angeht, ist es für Google wohl ein Leichtes, problematische Inhalte zu identifizieren und automatisch für ihr Werbenetzwerk zu sperren oder einem Ausschlussfilter zuzuordnen. Die linguistischen Fähigkeiten und KI-Algorithmen von Google sind so weit fortgeschritten, dass problematische Inhalte mit höchster Treffsicherheit erkannt werden.</p>
<p>Anders sieht es aus bei Video-Inhalten. Auch hier ist die maschinelle Mustererkennung in Bild und Ton auf Youtube erstaunlich. Und doch ist es schwierig bis unmöglich, zum Beispiel marschierende Springerstiefel von pazifistischen Laufschuhen zu unterscheiden, oder Schüsse auf einen Schauspieler von der Erschiessung eines Ungläubigen. Hier hilft allein die menschliche Kontrolle. Aber auf Youtube werden pro Minute rund 300 Stunden Videomaterial hochgeladen. Wer soll sich das alles ansehen?</p>
<p>Darum bietet Google wie die meisten Social-Media-Plattformen den Usern die Möglichkeit, fragliche Inhalte zu melden. Von allen Filtertechnologien gehört ein solcher Wisdom-of-the-Crowd-Filter sicher zu den effektivsten. Vielleicht müsste Google diese Möglichkeit stärker hervorheben und die Werbezufuhr auf gemeldete Seiten automatisch stoppen, bis die manuelle Überprüfung erfolgt ist. Auf keinen Fall wünschenswert ist es aber, dass Sachbearbeiter bei Google zur Moralinstanz werden und eigenmächtig Grenzen ziehen, die der freien Meinungsäusserung entgegen laufen.</p>
<p>Google steht nicht vor einer unlösbaren Aufgabe. Und sobald die entsprechenden technologischen und prozessualen Änderungen implementiert sind, werden die Werbetreibenden ihr Budgets wieder freischalten. Zu gross ist der kommerzielle Nutzen des Programmatic Advertisings im Google Universum. Vereinzelt werden vermutlich weiterhin algorithmische Entgleisungen ruchbar werden, aber es wird für eine Skandalbewirtschaftung in den Medien nicht mehr ausreichen. Und damit ist das Problem für die Werbetreibenden gelöst.</p>
<p>Digital-Profis zumindest sind sich einig: Bevor die klassischen Medien den Untergang des Programmatic Advertisings feiern können, wird eher das klassische Media Planning aussterben.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/04/04/sturm-ueber-google-oder-nur-im-wasserglas-2/">Sturm über Google oder nur im Wasserglas?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Mar 2017 23:11:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Crowdfunding]]></category>
		<category><![CDATA[Huffington Post]]></category>
		<category><![CDATA[Krautreporter]]></category>
		<category><![CDATA[Tageswoche]]></category>
		<category><![CDATA[Project R]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Jetzt gilt es ernst: Project R geht im Mai auf Geldsuche. 3000 Leserinnen und Leser sollen 750&#8217;000 Franken vorschiessen. Das ist kein unrealistisches Ziel. Für einen nachhaltigen Betrieb wird’s dann aber eng. Unser Autor hat gerechnet. Es hat sich in der Branche herumgesprochen: Constantin Seibt, Christof Moser und inzwischen sieben weitere Mitglieder der «Aufbau-Crew» wollen <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/16/wer-soll-das-bezahlen-wer-hat-soviel-geld/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Jetzt gilt es ernst: Project R geht im Mai auf Geldsuche. 3000 Leserinnen und Leser sollen 750&#8217;000 Franken vorschiessen. Das ist kein unrealistisches Ziel. Für einen nachhaltigen Betrieb wird’s dann aber eng. Unser Autor hat gerechnet.<br />
<span id="more-33116"></span><br />
Es hat sich in der Branche herumgesprochen: Constantin Seibt, Christof Moser und inzwischen sieben weitere Mitglieder der «Aufbau-Crew» wollen ein neues Medienorgan in die Welt setzen. Wunderbar. «Journalismus unabhängig von den Grossverlagen», Analyse, Vertiefung, die grosse Reportage, also einfach all das, was der Journalismus mal war, bevor das Internet über ihn hereinbrach. Bevor die Verlage begannen, ihr journalistisches Angebot zu Tode zu sparen und sich in Content Provider zu verwandeln, die Profit wenn schon in erster Linie über Verkaufs- und Dienstleistungsplattformen zu machen, um den dramatischen Schwund an Printinseraten wenigstens teilweise auszugleichen. Wunderbar. Frühstarter wie die Huffington Post und andere US-Blogs wuchsen schnell zu einer ernsthaften Konkurrenz der klassischen Printmedien heran und sind längst etabliert sowie profitabel. Wunderbar.</p>
<p>Nur: Im gesamten deutschen Sprachraum fällt einem kein vergleichbares Beispiel ein, auch die mit grossem Trara gestartete deutsche Ausgabe der Huffington Post dümpelt in weitgehender Bedeutungslosigkeit vor sich hin. Auch die Krautreporter eignen sich schlecht als Vorbild. Die Autorenplattform startete fulminant mit fast einer Million Euro aus einem Crowdfunding und 15&#8217;000 zahlenden Lesern. Binnen eines Jahres sprangen aber zwei Drittel der Abonnenten wieder ab. Und in der Schweiz schaffen es auch die Millionen einer spendablen Pharma-Erbin nicht, aus der als Gegenmodell zur bürgerlich gewordenen «Basler Zeitung» geplanten Tageswoche mehr als ein Organ zu machen, das in erster Linie durch Skandale bei der Manipulation der Auflagenhöhe, ständige Wechsel auf den Chefstühlen und Sparmassnahmen durch Entlassungen auffällt.</p>
<p>Umso bewundernswerter ist es, dass nicht nur Constantin Seibt sein beneidenswertes Plätzchen als Edelfeder mit weitgehender Schreibfreiheit beim Tages-Anzeiger aufgab, um sich in ein Abenteuer zu stürzen. Selbst wenn man ihm unterstellte, dass es keine hellseherischen Fähigkeiten braucht, um zu prognostizieren, dass er als 51-Jähriger dort in dieser Position seine Pensionierung wohl nicht erlebt hätte: Chapeau.</p>
<p>Von Intelligenz zeugt auch, dass die Crew von Project R nicht mit der üblichen Blauäugigkeit an die Sache herangeht. Die besteht normalerweise darin, dass vor allem gute Journalisten felsenfest überzeugt sind, dass es doch für exzellente Analysen, rasant gut geschriebene Reportagen, geniale Kommentare, für Hintergründe und Einordnung genügend Leser geben muss, die bereit sind, dafür auch zu bezahlen. Dass dieser Markt sich angesichts des heutigen Elends-Journalismus aus «copy and paste», das Übernehmen von Agentur-Meldungen, also dem Verwursten von zugeliefertem Material, täglich und massiv vergrössert. Mit diesen unschlagbaren Argumenten muss man nur noch Financiers, Investoren, warum nicht auch Mäzene finden, die die handelsüblichen 10 Millionen vorstrecken. Damit werden dann die ersten drei Jahre vorfinanziert, bis das Projekt garantiert den Break-Even erreicht, zumindest selbsttragend ist, um anschliessend Return on Investment zu generieren. Was bislang, im gesamten deutschen Sprachraum, aber noch nie geklappt hat.</p>
<p>Project R macht das anders. Obwohl anscheinend Investoren und Mäzene vorhanden sind, die mit 3,5 Millionen «exakt die Hälfte der sieben Millionen, die wir in fünf Jahren bis zu dem Moment brauchen, in dem das digitale Magazin selbsttragend sein soll», zugesagt haben, soll mit einem Crowdfunding der Markt getestet werden. Konkret: «Damit diese Gelder ausgelöst werden, müssen wir das drittgrösste Crowdfunding überleben, das in der Schweiz je stattgefunden hat. Wir müssen mindestens 3000 Leserinnen und Leser von uns überzeugen und 750&#8217;000 Franken sammeln.» Ab Ende April, innerhalb von fünf Wochen. Dazu hätte ich als rechnender Journalist ein paar Fragen. Selbst wenn 3000 potenzielle Leser bereit sein sollten, im Schnitt pro Nase 250 Franken in ein bislang aus einer eher inhaltsleeren Webseite, einer netten Party, zwei Newslettern und einer durchaus kompetenten Crew bestehendes Projekt zu stecken: dann wären laut eigenen Angaben erst der «Aufbau einer Redaktion und die ersten zwei Jahre finanziert». Aber immerhin: «Schaffen wir die Dreiviertelmillion gemeinsam nicht, wird das Projekt liquidiert.»</p>
<p>Ich wage mal die Prognose: Die schaffen das. In der reichen Schweiz gibt es genügend Linke und Alternative, die nicht mal auf den Ausbau ihrer Weinkeller in der Toskana oder in der Provence verzichten müssen, um sich für eine gute Sache von 250 Franken oder mehr zu trennen. Notfalls verzichtet man auf einen Restaurantbesuch, der angesichts der Tatsache, dass man sich die aktuelle Welt kräftig schöntrinken muss, zu zweit auch nicht mit weniger zu Buche schlägt. Soweit also alles im grünen Bereich. Aber mangels anderer schriftlicher Äusserungen muss man sich den Inhalt der Newsletter zur Brust nehmen. Der aktuelle umfasst immerhin knapp 15&#8217;000 Anschläge, also eine wohlgefüllte Seite einer Printzeitung. Das kann man natürlich als klares Signal verstehen: kurz und knapp ist dumm, wer hier nach dem ersten Drittel aufgibt, hat sich bereits als potenzieller Leser verabschiedet. Und wer nicht versteht, wieso der Newsletter mit einem gebildeten Ausflug in das Verhör des grossartigen US-Schriftstellers Dashiell Hammett vor dem McCarthy-Ausschuss in den Fünfziger Jahren beginnt, ist entweder ein Banause oder ein übellauniger Kritiker, wenn er darauf hinweist, dass Hammett noch mehr als Hemingway der Meister der kurzen, geraden, schnörkellosen Sätze war. Die noch viel schwerer zu schreiben sind als Thomas Mann&#8217;sche Wortgirlanden.</p>
<p>Aber lassen wir die Form, gehen wir zum Inhalt und zu den Zahlen. Project R rechnet also mit mindestens 3000 Lesern, die bereit sind, zu zahlen. Und natürlich vielen mehr, die bereit sind, die Inhalte vollständig oder teilweise gratis zu konsumieren, also höchstens mit Aufmerksamkeit bezahlen. Wenn nun nach den ersten zwei Jahren, die inklusive Aufbau 4,25 Millionen kosten, die nächsten drei Jahre bis zum angepeilten Break-Even mit weiteren 2,75 Millionen finanziert werden müssen, braucht es immerhin genau 11&#8217;000 zusätzliche Zahler von 250 Franken. Oder 3700 Leser, die bereit sind, jedes Jahr diesen Betrag zu zahlen. Immer vorausgesetzt, die budgetierten 7 Millionen reichen und die Finanzflussrechnung ergibt nicht, dass man zwar bis Ende Jahr gesehen liquide, aber morgen zwischendurch pleite ist.</p>
<p>Wenn also das geplante Redaktionsbudget, nach Startkosten, aus rund einer Million pro Jahr besteht, bedeutet das, dass neben einigermassen erträglichen Salären der Mannschaft in der Höhe von mindestens einer halben Million plus Kosten der Infrastruktur (ein umfangreicher Webauftritt ist nicht gratis) inklusive Büro von weiteren 100&#8217;000 Franken noch 400&#8217;000 pro Jahr für den Inhalt übrig bleiben. Also etwas mehr als 33&#8217;000 Franken pro Monat. Und wir haben noch gar nicht von den Kosten der Eigenwerbung gesprochen, die bekanntlich im Web auch nicht gratis ist. Eine klassische Reportage, Schreiber und Fotograf, Spesen und Honorar, kostet im Kleinformat mindestens 10&#8217;000 Franken, geht’s ins wildere Ausland und dauert es länger als eine Woche, verdoppelt sich der Betrag. Wenn man den lachhaften BR-Ansatz nimmt aus dem Regulativ des längst nicht mehr gültigen Gesamtarbeitsvertrags und auf das Überlebensnotwendige für einen freien Journalisten von 800 Franken pro Tag aufrundet, kostet eine einigermassen seriös recherchierte und weitgehend am Schreibtisch geschriebene Story mindestens 1600 Franken; sind es mehr als eineinhalb Tage Recherche, was bei einem komplizierteren Thema ohne weiteres auf vier oder fünf Tage ansteigen kann, sprechen wir von 4400 Franken, immer unter der Voraussetzung, dass der Journalist in einem halben Tag einen Artikel in der sprachlichen Oberliga schreiben kann.</p>
<p>Damit ergibt sich ein monatlicher Output von vielleicht einem Artikel pro Woche, plus natürlich all das, was den festangestellten Journalisten aus der Feder fliesst. Als ich mich vor vielen Jahren mal einem ähnlichen Traumprojekt hingab, rechnete ich mit einem monatlichen Redaktionsbudget von mindestens 500&#8217;000 Franken, aus dem zehn Reportagen und zehn Essays entstehen sollten, nicht mehr und nicht weniger. Kleine Workforce, Infrastruktur und Werbung natürlich extra. Mit Werbeeinnahmen rechnete ich nicht, ebenso wenig schätze ich diese beim Project R; zumindest am Anfang wird der Traffic sowieso viel zu klein sein, um im Werbemarkt attraktiv zu werden. Und ich nehme nicht an, dass Project R Schweinereien wie «Native Advertising» und Ähnliches mitmachen wird.</p>
<p>Umfangreich beschreibt der aktuelle Newsletter auch die juristische Form, die das Project R gefunden hat. Ein kleiner Konzern in Form einer AG und einer Genossenschaft, nicht unähnlich der SRG mit ihrer Trägerschaft und den Sendeunternehmen. Die Genossenschaft soll gemeinnützig sein und nichts weniger als «dem Journalismus seine Rolle in der Demokratie sichern», sie ist «mitglieder-, spenden- und stiftungsfinanziert». Die AG soll das digitale Magazin herstellen und Marketing betreiben. Mit dieser Struktur soll natürlich in erster Linie die Machtfrage gelöst werden. Wer zahlt, befiehlt, das gilt überall. In diesem Modell hat die Genossenschaft das übliche Prinzip «ein Genossenschafter, eine Stimme», unabhängig von seinen Einlagen. Diese Genossenschaft, als Sammlung der Leser verstanden, hält «etwas über 40 Prozent» der AG, die Mitarbeitenden «halten knapp unter 40 Prozent der Aktien». Die Investoren «kontrollieren rund 20 Prozent des Aktienkapitals. Sie werden jedoch, im Falle eines Gewinns, bei der Ausschüttung finanziell bevorzugt». Damit soll eine «Machtbalance» zwischen Publikum, Mitarbeitern und Investoren hergestellt werden. Aber das ausgeklügelte Modell löst natürlich das Problem nicht, dass kein normaler Investor bereit ist, für aktuell 3,5 Millionen nur 20 Prozent der Aktien zu erhalten, während die Genossenschafter für geplante 750&#8217;000 Franken mehr als 40 Prozent bekommen, und die Mitarbeiter für einen unbekannten Betrag ebenfalls knapp 40 Prozent. Und wenn dann noch das Aktienkapital durch die Ausgabe von neuen Aktien (für neue Mitarbeiter oder zur Kapitalaufnahme) verwässert wird, ginge jedem normalen Investor sowieso der Hut hoch. Da das Problem der Machtbalance innerhalb von «wer zahlt, befiehlt» nicht für alle Beteiligten befriedigend gelöst werden kann, geschieht es hier schlichtweg auf Kosten des Investors. Kann man machen, wenn man Geldgeber findet, die sich darauf einlassen, dass sie zwar kräftig abdrücken, aber faktisch nichts zu bestimmen haben.</p>
<p>Wir fassen zusammen: Meine Mitarbeit habt Ihr auf sicher, wenn gewünscht. Ansonsten alles Glück der Welt, Ihr werdet’s brauchen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/16/wer-soll-das-bezahlen-wer-hat-soviel-geld/">Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Leider nur gut gemeint</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/03/15/leider-nur-gut-gemeint/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Mar 2017 10:39:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Korrigendum]]></category>
		<category><![CDATA[Verband Schweizer Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Fehlerkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Verleger]]></category>
		<category><![CDATA[Fake-News]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Verband Schweizer Medien setzt zur Ehrenrettung der Branche an und behauptet einfach mal: «Fake News? Nicht in der Schweizer Presse». Eine unnötige und kontraproduktive Kampagne. Das Gegenteil von gut ist bekanntlich nicht schlecht, sondern gut gemeint. Gut gemeint ist auch eine aktuelle Kampagne des Verbands Schweizer Medien gegen «Fake News». Die Kernbotschaft, welche der <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/15/leider-nur-gut-gemeint/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/15/leider-nur-gut-gemeint/">Leider nur gut gemeint</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Verband Schweizer Medien setzt zur Ehrenrettung der Branche an und behauptet einfach mal: «Fake News? Nicht in der Schweizer Presse». Eine unnötige und kontraproduktive Kampagne.</strong><br />
<img fetchpriority="high" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/03/kampagne-gegen-fake-news-lanciert-2710.jpg" alt="" width="940" height="528" class="alignnone size-full wp-image-58072" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/03/kampagne-gegen-fake-news-lanciert-2710.jpg 940w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/03/kampagne-gegen-fake-news-lanciert-2710-300x169.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2017/03/kampagne-gegen-fake-news-lanciert-2710-768x431.jpg 768w" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" /><br />
Das Gegenteil von gut ist bekanntlich nicht schlecht, sondern gut gemeint. Gut gemeint ist auch eine aktuelle Kampagne des Verbands Schweizer Medien gegen «Fake News». Die Kernbotschaft, welche der Verlegerverband auf Inseraten vermitteln will, lautet: «Fake News? Nicht in der Schweizer Presse». In der penetranteren Variante prangt der Slogan prominent auf Inseraten mit einer Ergänzung im Kleingedruckten, wonach Glaubwürdigkeit an erster Stelle stehe und die Schweizer Medien dafür sorgten, dass man Lügen von Fakten unterscheiden könne. In der diskreteren Version stehen die Aussagen prominenter Personen im Zentrum, welche «die Wichtigkeit einer funktionierenden Medienlandschaft darlegen» sollen.</p>
<p>Zwar gibt es nichts dagegen einzuwenden, wenn sich eine Branchenorganisation für die Sache ihrer Mitglieder stark machen will, das ist ihre Aufgabe. Aber die Glaubwürdigkeit und Professionalität der Medien verteidigen zu wollen unter Verwendung eines dermassen breitgetretenen Reizbegriffs wie «Fake News», grenzt an grobe Fahrlässigkeit. Als «Fake News» geht heute alles durch von politischer Propaganda bis Flüchtigkeitsfehler. Anstatt eine positive Botschaft ins Zentrum zu rücken, nämlich das Bemühen um Faktentreue und Wahrhaftigkeit, prangt nun unter einem Vergrösserungsglas der abgelutschteste aller Schmähbegriffe.</p>
<p>Richtig problematisch wird es mit dem zweiten Teil des Slogans: «Fake News? Nicht in der Schweizer Presse». Heisst: Wir sind fehlerfrei. Nun braucht niemand eine Lupe zu nehmen, um tagtäglich kleinere und grössere Verfehlungen in Schweizer Medien zu finden. So verkommt die gut gemeinte Kampagne zum Bumerang. So lange nur schon ein simples Korrigendum zu viel verlangt scheint, wirft das ein schlechtes Licht auf das Qualitätsverständnis. Und irgendwo ruft bestimmt einer: Fake News!</p>
<p>Zielführender wäre es, die Arbeitsweise der Medien zu erklären, zum Beispiel Tage der offenen Redaktionstür zu organisieren, Making-of von – verunglückten – Recherchen zu publizieren und grundsätzlich eine aktivere Fehlerkultur zu pflegen. Aber das lässt sich halt nicht auf einen simplen Slogan reduzieren und kostet ein bisschen mehr als ein paar Füllerinserate zu texten. Vom klammen Verlegerverband darf man nicht mehr erwarten. Der Ball liegt bei den Redaktionen. Als erster Schritt könnten sie darauf hinwirken, dass die Inserate in ihren Medien nicht veröffentlicht werden.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/15/leider-nur-gut-gemeint/">Leider nur gut gemeint</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>«Deville» machts vor</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/03/08/deville-machts-vor/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Mar 2017 15:53:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Deville]]></category>
		<category><![CDATA[Hallo SRF!]]></category>
		<category><![CDATA[Ombudsstelle]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Rieder]]></category>
		<category><![CDATA[Tristan Brenn]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Blum]]></category>
		<category><![CDATA[Arena]]></category>
		<category><![CDATA[UBI]]></category>
		<category><![CDATA[Ombudsmann]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Ombudsstelle und die Unabhängige Beschwerdeinstanz wünschen eine prominentere Sichtbarkeit ihrer Arbeit in den Programmen von Schweizer Radio und Fernsehen. SRF signalisiert Bereitschaft, mit «Hallo SRF» eine Plattform zu bieten. Eigentlich ist die Situation gar nicht so schlecht. Aber sie könnte besser sein, zumal das Programm des öffentlichen Radios und Fernsehens auch in Sachen Fehlertransparenz <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/08/deville-machts-vor/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/08/deville-machts-vor/">«Deville» machts vor</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Ombudsstelle und die Unabhängige Beschwerdeinstanz wünschen eine prominentere Sichtbarkeit ihrer Arbeit in den Programmen von Schweizer Radio und Fernsehen. SRF signalisiert Bereitschaft, mit «Hallo SRF» eine Plattform zu bieten.<br />
<span id="more-33113"></span><br />
Eigentlich ist die Situation gar nicht so schlecht. Aber sie könnte besser sein, zumal das Programm des öffentlichen Radios und Fernsehens auch in Sachen Fehlertransparenz höchsten Ansprüchen genügen sollte. Rügt der <a href="https://www.srgd.ch/de/uber-uns/ombudsstelle/" target="_blank">Ombudsmann</a> eine Redaktion von Schweizer Radio und Fernsehen SRF oder heisst die <a href="https://www.ubi.admin.ch/de/ubi-startseite/" target="_blank">unabhängige Beschwerdeinstanz UBI</a> eine Beschwerde gut, erfährt heute das Publikum nicht zwingend in den beanstandeten Sendungen davon.</p>
<p><iframe src='//tp.srgssr.ch/p/srf/embed?urn=urn:srf:ais:video:c42947e4-1fd5-4485-8b8d-50bf630933a9&#038;start=' width='400' height='225' frameborder='0' name='Dominic Deville rügt den Ombudsmann'></iframe></p>
<p>Vorbildlich handelte jüngst «Deville». Die Spätabendsendung verstiess Ende November gegen das redaktionelle Vielfaltsgebot und verkam in den Augen von Ombudsmann Roger Blum streckenweise zu einer <a href="https://www.srgd.ch/de/aktuelles/news/2017/01/03/aussagen-uber-atomausstiegsinitiative-late-night-show-deville-beanstandet/" target="_blank">«Propagandasendung für die Atomausstiegsinitiative»</a>. Gastgeber Dominic Deville reagierte umgehend nach der Veröffentlichung der Rüge und lieferte in seiner nächsten Sendung – ganz der Satiriker – ein paar witzig gemeinte Statements pro Kernenergie, damit die politische Ausgewogenheit wieder ins Lot kommt. So erfuhr das Publikum an Ort und Stelle von der Fehlleistung und von der Kritik des Ombudsmanns.</p>
<p>Auch andere Redaktionen informieren über festgestellte Fehlleistungen. Noch lieber aber, wenn der Ombudsmann eine Beanstandung nicht unterstützt. In der Regel geschieht dies auf der Website der gerügten Sendung. Es kommt aber auch immer wieder vor, dass SRF-Redaktionen nur am Verfahren mitwirken und ihren Standpunkt dem Ombudsmann gegenüber erklären ohne später in der eigenen Sendung darüber zu informieren. Wer sich für das Ergebnis interessiert, muss dann <a href="https://www.srgd.ch/de/aktuelles/news/2017/01/31/dok/" target="_blank">die Website der Ombudsstelle konsultieren</a>.</p>
<p>Falls ein Thema grössere Wellen wirft, berichten auch die privaten Medien darüber und erreichen so ein breiteres Publikum, wie etwa aktuell im Zusammenhang mit der <a href="http://www.srf.ch/play/tv/arena/video/trumps-krieg?id=30f37af8-785f-4b5c-85e1-61039c6838c2" target="_blank">«Arena»-Sendung vom 24. Februar</a>. Bei der Ombudsstelle sind dazu bisher <a href="http://www.blick.ch/news/politik/ueber-250-beanstandungen-wegen-arena-eingegangen-projer-knackt-beschwerde-rekord-id6319763.html" target="_blank">250 Beanstandungen eingetroffen</a>. Aufgrund des grossen öffentlichen Interesses darf man davon ausgehen, dass SRF in der einen oder anderen Form auch den Schlussbericht von Ombudsmann Roger Blum thematisieren wird. Wie das geschehen soll, will die «Arena»-Redaktion zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Wenn es nicht die «Arena» selber macht, dann gibt es noch die Möglichkeit, dass die News-Redaktion von SRF <a href="http://www.srf.ch/news/schweiz/ombudsmann-ruegt-srf-wegen-thiel-gespraech" target="_blank">den Fall thematisiert</a>. Das war auch der Fall nach der Rüge an der «Schawinski»-Sendung mit Andreas Thiel.</p>
<p>Eine rechtliche oder reglementarische Verpflichtung, in der betroffenen Sendung über eine Beanstandung zu informieren, gibt es nicht. Der amtierende Ombudsmann würde eine solche Regelung aber begrüssen. Roger Blum findet, dass «die Stellungnahmen der Ombudsstelle wie auch die Entscheide der Unabhängigen Beschwerdeinstanz UBI eigentlich in den jeweiligen Programmen und auf deren Websites mitgeteilt werden müssten».</p>
<p>Ähnlich sieht es die UBI, an die sich wenden kann, wer mit der Stellungnahme der Ombudsstelle nicht zufrieden ist. Auch sie fände es angebracht, wenn Sendungen die Kritik der Programmaufsicht aktiv und kontinuierlich thematisierten. Man diskutiere gegenwärtig darüber, wie das besser zu erreichen wäre, teilt Pierre Rieder auf Anfrage mit. Der Jurist und Leiter des UBI-Sekretariats weist aber auf eine hohe Hürde hin: Eine gesetzliche Verpflichtung, die Entscheide der Programmaufsicht zu veröffentlichen, käme einem Eingriff in die Sendetätigkeit gleich und wäre deshalb schwierig zu rechtfertigen. Darum wird es wohl auch künftig den betroffenen Redaktionen selbst überlassen sein, wie transparent sie es mit der Fehlerkultur halten.</p>
<p>Bei SRF zeigt man sich nicht abgeneigt, systematischer über die Arbeit von Ombudsstelle und UBI zu berichten. «Tatsächlich sind wir daran, im Rahmen von ‹Hallo SRF› die Schlussberichte des Ombudsmannes miteinzubeziehen», erklärt TV-Chefredaktor Tristan Brenn auf Anfrage. Die Sendung für den Publikumsdialog könnte damit an Profil gewinnen, <a href="https://www.srf.ch/sendungen/hallosrf" target="_blank">behandelte «Hallo SRF»</a> doch bisher mehrheitlich Detailfragen zur Programmgestaltung. Genaueres ist heute über die angedachte Neuerung noch nicht zu erfahren. Auch steht kein Sendetermin fest für eine nächste Ausgabe der Sendung.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/08/deville-machts-vor/">«Deville» machts vor</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Jetzt wäre erst recht Präzision gefragt</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/02/26/jetzt-waere-erst-recht-praezision-gefragt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Feb 2017 10:06:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Donald Trump]]></category>
		<category><![CDATA[Fakten]]></category>
		<category><![CDATA[Historiker]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Kagan]]></category>
		<category><![CDATA[Washington Post]]></category>
		<category><![CDATA[Tages-Anzeiger]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Realität wäre eigentlich schon düster genug. Doch manche Medien meinen die Verfehlungen des US-Präsidenten umso dramatischer erscheinen zu lassen. Zwei aktuelle Beispiele von Washington Post und Tages-Anzeiger unter der Lupe. «Die Wahrheit ist konkret», sagte Bertolt Brecht ganz richtig. Gerade hat sich die «Washington Post» die Mühe gemacht, alle Aussagen von Donald Trump seit seinem <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/26/jetzt-waere-erst-recht-praezision-gefragt/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/26/jetzt-waere-erst-recht-praezision-gefragt/">Jetzt wäre erst recht Präzision gefragt</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Realität wäre eigentlich schon düster genug. Doch manche Medien meinen die Verfehlungen des US-Präsidenten umso dramatischer erscheinen zu lassen. Zwei aktuelle Beispiele von Washington Post und Tages-Anzeiger unter der Lupe.</strong><br />
<span id="more-33110"></span><br />
«Die Wahrheit ist konkret», sagte Bertolt Brecht ganz richtig. Gerade hat sich die «Washington Post» die Mühe gemacht, alle Aussagen von Donald Trump seit seinem Amtsantritt von Faktencheckern überprüfen zu lassen. Sie kam, Stand 25. Februar, <a href="https://www.washingtonpost.com/graphics/politics/trump-claims/" target="_blank">auf 140 «falsche oder irreführende Behauptungen»</a> (Stand 26.2.). Unbestreitbar eine beeindruckende Zahl, die gerade die Runde macht in vielen Medien. Schauen wir sie uns genauer an: Wenn wir das Kriterium «falsch» nehmen, das in der Auflistung zusätzlich mit vier Pinocchio-Köpfen ausgezeichnet ist, schrumpft die Gesamtzahl bereits auf bescheidene 10 – , Mehrfachzählungen ausgenommen. Dabei wird Trumps Behauptung, er habe bereits Milliarden an Staatsausgaben eingespart, insbesondere bei der Bestellung einer neuen Air Force One, vier Mal gezählt, seine Behauptung, illegale Einwanderer hätten mitgewählt, drei Mal. Bei ganz genauer Betrachtung ist lediglich Trumps Aussage, die Mordrate sei in den USA auf einem neuen Höchststand, einwandfrei falsch. Für alle anderen ihm als Fake unterstellten Aussagen, beispielsweise dass er schon immer gegen den Irak-Krieg gewesen sei, dass er Auszeichnungen für Beiträge zum Umweltschutz bekommen habe, wurden einfach keine ausreichenden Belege gefunden und sie deshalb als falsch qualifiziert.</p>
<p>Damit bleiben 130 «irreführende Behauptungen», also schlichtweg Äusserungen, die innerhalb des breiten Spektrums der Interpretation, dem Zurechtbiegen von Darstellungen der Wirklichkeit sind. Wie es überall Gang und Gebe ist, wenn beispielsweise ein Unternehmen einen Verlust bekanntgeben muss, aber in erster Linie darauf hinweist, dass sein Gewinnrückgang kleiner als bei vergleichbaren Konkurrenten ausgefallen sei und man daher grossartig gewirtschaftet habe. Weil sich aber die meisten Journalisten, die diese Meldung der «Washington Post» weiterverbreiteten, nicht die Mühe genommen haben, die Beweislage genauer anzuschauen, kann sich Trump leider nicht zu Unrecht darüber beschweren, dass Fake News über ihn verbreitet werden. Es ist unbestreitbar, dass er selbst es mit der Wahrheit nicht allzu genau nimmt. Es ist aber genau so unbestreitbar, dass neben unsäglichen Verunglimpfungen als Faschist, Diktator und Wahnsinniger die Medien auf der Faktenebene ebenfalls den Bereich der erlaubten Interpretation verlassen – oder zu wenig kritisch nachfragen, wenn es Experten mit den Fakten nicht so genau nehmen.</p>
<p>Aktuelles Beispiel dafür ist das <span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/amerika-ist-unter-trump-nicht-faschistisch-geworden-noch-nicht/story/27834635" target="_blank">Interview des «Tages-Anzeiger»</a></span> mit dem US-Historiker Robert Kagan. Kagan ist eine einflussreiche konservative Stimme, Mitbegründer von Think Tanks und ehemaliges Mitglied der Republikanischen Partei, deren Präsidentschaftskandidaten er lauthals unterstütze, bis er sich gegen Donald Trump aussprach.</p>
<p>Mit der Wahl Trumps ist nun ein «Alptraum» für ihn Realität geworden. Als Begründung führt Historiker Kagan unter anderem an, dass Trump, was die Aussenpolitik betrifft, ignoriere, «dass sich die USA 70 Jahren lang für eine liberale Weltordnung stark gemacht haben». Nicht nur Länder wie Guatemala, Chile oder Vietnam dürften das etwas anders sehen, weil sich hier die USA für eine militärisch-imperialistische Politik im Kampf gegen den Kommunismus und was sie dafür hielten stark gemacht haben, mit schmutzigen Methoden demokratisch gewählte Regierungen stürzten oder im Fall Vietnams zahllose Kriegsverbrechen begangen. Nebenbei Kambodscha in die Steinzeit bombten und in Laos Hunderttausende von Minen zurückliessen, ohne sich bis heute der Verantwortung für begangene Taten zu stellen.</p>
<p>Im Interview wird Kagan seine Aussage im Präsidentschaftswahlkampf vorgehalten, dass «der Faschismus nach Amerika komme», sollte Trump gewählt werden. Ob das nun der Fall sei, wird Kagan gefragt, und kommt mit der Antwort davon, Originalübersetzung «Tages-Anzeiger»: «Amerika sind nicht faschistisch geworden unter Trump – noch nicht.» Weiter wird Kagan mit seiner damaligen Unterstützung des Einmarschs der USA in den Irak konfrontiert, ob das nicht ein Fehler gewesen sei? Kagans launige Antwort: «Als Historiker weigere ich mich, die Geschichte rückwärts zu schreiben. Tatsächlich hatte der Krieg negative Folgen, er wurde schlecht geführt und basierte auf falschen Annahmen der Geheimdienste. Aber ich bin dankbar, dass Saddam Hussein nicht mehr an der Macht ist.» Warum? «Saddam Hussein war nicht nur ein schrecklicher Diktator, er hatte bereits zwei Nachbarländer angegriffen, den Iran und Kuwait.»</p>
<p>Was Kagan in seiner «alternativen» Geschichtsschreibung zu erwähnen vergisst: den Jahre dauernden und grausamen Krieg gegen den Iran führte Hussein mit Einwilligung und mit militärischer Unterstützung (Stichwort Irangate) durch die USA. Und vor dem Einmarsch Saddams in Kuwait signalisierten ihm die USA, dass sie weder eine Meinung zu innerarabische Streitigkeiten hätten noch ein Verteidigungsabkommen mit Kuwait. Was der Diktator als Carte Blanche für die Invasion nahm. Eine frühe Sternstunde «alternativer Fakten» war dann die sogenannte Brutkastenlüge. Eine junge Kuwaiterin erzählte vor dem US-Kongress unter Tränen, dass sie eine Hilfsschwester in einem kuwaitischen Spital gewesen sei und gesehen habe, wie irakische Soldaten eindrangen und Neugeborene aus den Brutkästen gerissen hätten. Erst nach der «Befreiung» Kuwaits wurde bekannt, dass das Mädchen in Wirklichkeit die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA war und der Propaganda-Coup von der PR-Agentur Hill &amp; Knowlton, bezahlt von der kuwaitischen Exil-Regierung, inszeniert worden war.</p>
<p>Getoppt werden diese «alternativen Fakten» nur noch durch die Erfindung von «Massenvernichtungswaffen» im Besitz des irakischen Diktators, deren Existenz vom damaligen US-Aussenminister Colin Powell vor dem Weltsicherheitsrat der UNO mit höchster Autorität vorgetragen wurde, um die Notwendigkeit einer Invasion des Iraks zu begründen. Eine der grössten Fake-News dieses Jahrtausends. Später bezeichnete Powell diese Lügengeschichte als «Schandfleck» in seiner Karriere.</p>
<p>Natürlich machen diese Beispiele und der zumindest selektive Umgang Kagans mit historischen Tatsachen Trumps Umgang mit der Wahrheit nicht besser. Aber die Erregung darüber, dass er eins ums andere Mal lügt oder zumindest irreführende Behauptungen aufstellt, ist reine Heuchelei. Das war und ist ein normaler Bestandteil der Politik. Dagegen wäre es die Aufgabe der Presse, in diesem konkreten Beispiel Aufgabe des «Tages-Anzeiger», einen einflussreichen Historiker damit zu konfrontieren, dass er tatsächlich die Geschichte rückwärts umschreibt, verantwortungslos die Faschismus-Keule geschwungen hat und sehr «alternative Fakten» bei der Beschreibung historischer Ereignisse verwendet. Aber das stillschweigende Einverständnis zwischen Interviewer und Interviewtem, dass Trump ganz furchtbar ist, verhindert das. Und gibt Trump, sehr bedauerlich, einmal mehr recht, wenn er sich über die Berichterstattung vieler Medien beschwert.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/26/jetzt-waere-erst-recht-praezision-gefragt/">Jetzt wäre erst recht Präzision gefragt</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Doppelt daneben: Das falsche Bild für die falsche Sache</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/02/21/doppelt-daneben-das-falsche-bild-fuer-die-falsche-sache/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2017/02/21/doppelt-daneben-das-falsche-bild-fuer-die-falsche-sache/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Reto Camenisch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Feb 2017 15:17:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[World Press Photo]]></category>
		<category><![CDATA[Bildjournalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Attentat]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>World Press Photo leistet dem Bildjournalismus einen Bärendienst. Mit der Auszeichnung des «Attentats in Ankara» rückt die Organisation von den eigenen Prinzipien ab, sich um die Geschichte hinter den Bildern kümmern zu wollen. Das Gegenteil tut sie, wenn sie einem Attentäter eine zweite Plattform bietet. Der diesjährige Hauptpreis ging an den türkischen AP-Fotografen Burhan Özbilici, <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/21/doppelt-daneben-das-falsche-bild-fuer-die-falsche-sache/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>World Press Photo leistet dem Bildjournalismus einen Bärendienst. Mit der Auszeichnung des «Attentats in Ankara» rückt die Organisation von den eigenen Prinzipien ab, sich um die Geschichte hinter den Bildern kümmern zu wollen. Das Gegenteil tut sie, wenn sie einem Attentäter eine zweite Plattform bietet.<br />
<span id="more-33108"></span><br />
Der diesjährige Hauptpreis ging an den türkischen AP-Fotografen Burhan Özbilici, welcher mehr zufällig als geplant am 19.  Dezember 2016 auf jener Galerievernissage in Ankara aufkreuzte, wo der russische Botschafter Andrej Karlow während einer Ansprache erschossen werden sollte. Der 59-jährige Fotograf wird gleichzeitig mit anderen anwesenden Fotografen und Videojournalisten, unmittelbar nachdem der Attentäter den russischen Botschafter erschiesst, seine Kamera zücken und das Grauenhafte dokumentieren. Wie Herr Özbilici dann später heroisch zu verstehen gab, tat er das unter Lebensgefahr. Auch erwähnt Kollege Özbilici, dass er zumindest für «guten Journalismus» gestorben wäre, wenn dieses Schicksal ihn ereilt hätte.</p>
<p>Ob man dieses Bild publizieren darf, sollte oder muss, darüber kann man geteilter Meinung sein. Der «innere Gerichtshof», wie Immanuel Kant die Moral einst nannte, bedeutet nicht für jeden Menschen und jeden Kulturkreis das gleiche. Der Schweizerische Presserat hat diesbezügliche Bilder und deren Publikationsmöglichkeiten klar definiert und sich dazu fallbezogen und mehrmals geäussert. Mit Verweis auf die Menschenwürde, sowie das Leid der Betroffenen und die Gefühle ihrer Angehörigen, mahnt der Presserat zu einem äusserst zurückhaltenden Umgang.</p>
<p>World Press Photo sieht das anders und zeichnete das Bild vom Attentat in Ankara aus. World Press Photo ist eine Non-Profit Organisation. Was aber nicht heisst, dass in dieser Firma nicht auch Geld verdient wird. Dieser Aspekt scheint mir von Bedeutung zu sein, wissen wir doch alle, dass kontinuierliche Medienpräsenz mittel- und langfristig auch ökonomische Faktoren sind. Im Weiteren interessiert mich das Bild nicht zwingend in Bezug auf moralische-ethische Beurteilungen, sondern viel mehr, ob dieses Bild den mitgelieferten Konditionierungen und inhaltlichen Argumenten standhalten kann.</p>
<p>World Press Photo lässt uns wissen, dass dieses Pressefoto die Verkörperung dessen sei, «was das Weltfoto des Jahres ist und sein muss», und dass genau dieses Bild die brutale, rücksichtslose und krude Gegenwart reflektiere. Die trump’sche Genauigkeit dieser Behauptung und die Präzision dieser Gegenwartsanalyse ist ebenso verstörend, wie das Bild, respektive der Inhalt des prämierten Bildes.<br />
 <br />
Wir sehen auf diesem einen triumphierenden, um sich schreienden Mörder neben dem am Boden liegenden, sterbenden russischen Botschafter. Raum und Plattform erhält in diesem Bild nicht der gewaltsame Tod eines Menschen, sondern die verwerflich rohe Tat eines Verblendeten. Es geht in dieser Fotografie nicht um das Opfer oder die Tat, sondern um den Täter und seine Bühne. Das ist es also, was ein gutes journalistisches Bild ist und zu sein hat?</p>
<p>Die Frage steht im Raum, ob World Press Photo solche Haltungen und Positionen tatsächlich als richtig, gar förderungswürdig betrachtet. Offensichtlich oder zumindest nicht alle Jurymitglieder, denn der Juryvorsitzende und Magnum-Fotograf Stuart Franklin distanzierte sich öffentlich mit den Worten, dass es moralisch problematisch sei, ein Bild zu zeigen, das ausschliesslich Plattform für einen Schlächter und Mörder sei. Vergleichbar verächtlich, wie das Zeigen von Enthauptungen durch IS-Terroristen.<br />
 <br />
Mit dieser Meinung, dieser Einschätzung steht Franklin nicht alleine. So etwa positionieren sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung gegen das Bild und verweigern eine Publikation. Tristan Brenn, Chefredaktor Fernsehen SRF findet die internationale Kritik berechtigt: «Der Mörder hatte seine Bühne – und man gibt sie ihm posthum gleich wieder!» Dominique Eigenmann, Deutschland-Korrespondent des Tages-Anzeigers, nennt das Bild das «pornographischste Mörderbild des Jahres».<br />
 <br />
Phil Corbett, bei der New York Times für die Einhaltung ethischer Standards verantwortlich, antwortete auf die Frage, warum er für die Publikation dieses Bildes gewesen sei mit den sonderbaren Worten, «dass das Bild die schockierende Natur der Attacke viel eindrücklicher zeige, als es eine blosse Beschreibung getan hätte». Als Fotograf bin ich komplett gegenteiliger Meinung, denn ich weiss aus tiefer Erfahrung, dass Bilder eben nicht alles können. Die geschriebene Sprache kann gewisse Vorgänge viel präziser und feinstofflicher wiedergeben. Braucht es das Bild eines aus 10’000 Meter abgestürzten Flugzeugpassagiers um zu beschreiben, was sich hier Schreckliches zugetragen hat? Die Kernfrage ist und bleibt die journalistische Relevanz.<br />
 <br />
Es geht auch in keinster Weise darum, bildliche Darstellungen von Gewalt oder Tod im Absoluten zu verhindern. Wenn man solches Bildmaterial publiziert, müsste man aber genau wissen, warum und wieso. Wem oder was nützten solche Publikationen? Oder wer erfährt einen Mehrwert, wer profitiert tatsächlich?<br />
 <br />
Um auf Burhan Özbilicis Bild zurückzukommen: Es ist schlicht und ergreifend das falsche Bild, weil es inhaltlich nicht der richtigen Sache dient. Es beschäftigt sich nicht mit dem Opfer, sondern ausschliesslich mit dem Täter und zwar in einen Ausmass, das unangemessen und empörend ist; das Motiv verherrlicht das Attentat. Aus formaler Sicht ist das prämierte Bild eher simpel und weist eine «Präzision» auf, welche man heute von jedem durchschnittlich geübten Fotografen erwarten darf. Um es aber in andere Höhen zu hieven, werden dieser Art Bilder Kräfte, Lesearten und – was ich noch peinlicher finde – Intentionen des Autors angedichtet, welche noch dünner sind, als das eigentliche Bild selber. Es ist die Eigenschaft der Dummheit, dass sie sich selber als das Mass aller Dinge begreifen will und somit selber nicht merken kann, wie sie sich selber deklassiert.<br />
 <br />
Beispielsweise sagte Burhan Özbilici in einem Interview, dass er «beim Fotografieren sehr darauf bedacht war, die lange Tradition von gutem, unabhängigen Journalismus und News Photos zu repräsentieren». Zwei Sätze später antwortet er auf die Folgefrage der Journalistin, was ihm denn während des Attentats durch den Kopf gegangen sei: Nichts!<br />
 <br />
Oder Lars Boering, Executive Director von World Press Photo, sagte in einem Interview mit Paris Match am 7. September 2015 über zeitgenössischen Bildjournalismus: «Wir werden jeden Tag mehr und mehr von Bildern überflutet. Um so mehr müssen wir uns um die Geschichte hinter den Bildern kümmern». Offensichtlich hat er seine eigene Aussage vergessen, nimmt diese selber nicht ernst oder hat schlicht und ergreifend keine Ahnung, wovon er redet. Da wird schneller geschnattert, als sorgfältig betrachtet.<br />
 <br />
Bilder wie jenes von Burhan Özbilici dienen nicht der exakten journalistischen Darstellung und schon gar nicht der Weiterentwicklung und Förderung journalistischer Fotografie. Dieses hier mit einer der bekanntesten Auszeichnungen geförderte fotografische Niveau ist sowas von abgelaufen und von vorgestern. Diese Art Bilder haben wir tausendfach gesehen, sie vermitteln loopmässig immer wieder dieselben stumpfen und leeren Inhalte.<br />
 <br />
Als bigott erweist sich auch die Haltung der Bildindustrie, welche nicht den Mut hat, sich als eigentlicher Nutzniesser solcher Vulgaritäten zu outen. Sie behaupten vehement, dass diese Bildwelten einer grösseren Sache diene. Oh Boy!</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/21/doppelt-daneben-das-falsche-bild-fuer-die-falsche-sache/">Doppelt daneben: Das falsche Bild für die falsche Sache</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Hunde, die bellen, beissen nicht</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/02/20/hunde-die-bellen-beissen-nicht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Feb 2017 15:48:56 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[Donald Trump]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Recherche]]></category>
		<category><![CDATA[Investigativer Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Leaks]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zurzeit konzentriert sich die globale Medienaufmerksamkeit auf den 45. Präsidenten der USA. Manche meinen darin bereits eine Renaissance des kritischen Journalismus zu erkennen. Doch gefehlt. Die lautstarke «Entlarvung» präsidialer Misstritte sind Teil des Problems und übertönen die strukturellen Mängel einer ganzen Profession. Es gehört zum Einmaleins der Kommunikation, wie Henryk M. Broder richtig schrieb, zuerst <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/20/hunde-die-bellen-beissen-nicht/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/20/hunde-die-bellen-beissen-nicht/">Hunde, die bellen, beissen nicht</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zurzeit konzentriert sich die globale Medienaufmerksamkeit auf den 45. Präsidenten der USA. Manche meinen darin bereits eine Renaissance des kritischen Journalismus zu erkennen. Doch gefehlt. Die lautstarke «Entlarvung» präsidialer Misstritte sind Teil des Problems und übertönen die strukturellen Mängel einer ganzen Profession.<br />
<span id="more-33107"></span><br />
Es gehört zum Einmaleins der Kommunikation, wie Henryk M. Broder richtig schrieb, zuerst die Laub- und sehr viel später die Kettensäge hervorzunehmen. Es ist eine Verhöhnung aller Opfer des Faschismus, jeden missliebigen Politiker als Faschisten zu beschimpfen. Es entwertet die nötige Kritik an Autokraten wie Erdogan oder an astreinen Diktaturen wie in China oder in vielen Staaten der Dritten Welt, einen einwandfrei demokratisch gewählten Präsidenten als Diktator zu denunzieren.</p>
<p>Als Gegenargument wird angeführt, dass es jetzt Zeit sei, auf den grossen Alarmknopf zu drücken. Die Darstellung von Trump als fundamentalistischen Wahnsinnigen, der das blutende Haupt der Freiheitsstatue in der einen und ein ebenfalls blutiges Messer in der Hand hält, sei eben keine Abbildung der Realität, sondern eine Warnung vor einer möglichen.</p>
<p>Schliesslich – das Heranziehen dieser historischen Parallele erfolgt so sicher wie das Amen in der Kirche – hätten schon spätestens ab 1933 viele – wobei nicht gesagt wird, dass die meisten Kommunisten waren –, klar gewarnt, dass Hitler Krieg bedeute. Allerdings: genutzt hat das offensichtlich damals auch nichts. Die Medien, die Publizistik ganz allgemein, überschätzt ihre Wirkung gewaltig.</p>
<p>Vor und nach Zolas «J’accuse», eines der wenigen Male in der jüngeren Geschichte, dass der flammende Appell eines berühmten Schriftstellers tatsächlich Folgen hatte. Inzwischen wird «ich klage an» auch für die Kritik an Unregelmässigkeiten bei der Müllabfuhr missbraucht. An jeden Pipifax wird das Wort «gate» angehängt. In Erinnerung an Watergate, wo tatsächlich die Recherche von zwei Journalisten, gedeckt von der mutigen Herausgeberschaft einer Zeitung, einen bedeutenden Beitrag zum bislang einzigen unfreiwilligen Rücktritt eines US-Präsidenten leistete.</p>
<p>Heutzutage ist das Mittel der hartnäckigen Recherche, unterstützt (und finanziert!) von Medien weitgehend durch «Leaks» ersetzt worden. Also die Auswertung von gestohlenen Datenbergen, die von meist anonymen Quellen an die Medien herangetragen werden, ohne dass genauer abgeklärt werden kann, durch welche Hintermänner sie instrumentalisiert werden. Auch wenn es hier gelegentlich zu Rücktritten oder in ganz seltenen Fällen zu Strafverfolgung kommt: Die Enthüllung der weltweiten Bespitzelungen durch US- und andere Geheimdienste, wobei sogar die Quelle in Gestalt von Edward Snowden Namen und Gesicht hat, bewirkte Aufklärung und Debatte. Es wäre aber eine Illusion anzunehmen, dass die sogenannte «Vierte Gewalt» damit verändernd in die Wirklichkeit eingegriffen hätte; bespitzelt und überwacht wird weiterhin. Noch viel weniger trifft das auf all die Finanzdatenleaks zu, die jeweils mit grossem Brimborium angekündigt wurden und dann sang- und klanglos verröchelten.</p>
<p>Es ist Jahre, wenn nicht Jahrzehnte her, dass ein deutschsprachiges Medium durch eigene Recherchen einen Riesenskandal aufdeckte; nur ältere Semester erinnern sich dunkel an die Causa «Neue Heimat» oder die deutsche Parteispendenaffäre. Daraus lassen sich vier Schlussfolgerungen ziehen:</p>
<ol>
<li>Die unangemessene und frühzeitige Verwendung aller denkbaren Superlative wie «Faschismus», «Diktator» oder «Ende der Welt» entkräftet wirkungslos diese Begriffe und macht sie untauglich für die Bezeichnung von Zuständen, die sie wirklich verdienen würden. Das ist so wie beim alten Beispiel des Schwimmers, der ein ums andere Mal «Hilfe, ich ertrinke» schreit, und wenn er dann wirklich untergeht, kommt niemand zur Rettung.</li>
<li>Die durch technologische Veränderungen bewirkte Finanzkrise der Medien, also das Wegbrechen von Inserateeinnahmen, ein fehlenden Geschäftsmodell für ihren Ersatz, die Granulierung von Informationen durch unzählige Plattformen im Internet und das Leben in einer von der Realität abgekoppelten Echoblase des Mainstream-Journalismus, das ihn nicht zuletzt zu krachenden Fehlanalysen führt, ergeben einen dramatische Bedeutungsverlust bei der Lenkung des öffentlichen Diskurses.</li>
<li>Der Ersatz eigener Recherchen durch das Anfüttern mit Datenbergen verhindert Wiederholungen von Glanztaten wie die Aufdeckung des Watergate-Skandals. Indem jedem Skandälchen zur Aufplusterung das Suffix «gate» angehängt wird, entwertet man dieses Symbol, analog zum inflationären Gebrauch der Wörter Faschismus oder Diktatur, von Hetzer, Populist, Demagoge und Rechtsnationaler ganz zu schweigen.</li>
<li>Es ist zwar psychologisch verständlich, dass ein dramatischer Bedeutungsverlust der Einflussmöglichkeiten der Medien mit einer übersteigerten Haltung kompensiert wird, dass das Drücken aller publizistischen Alarmknöpfe nicht nur nötig, sondern wirksam sei. Es ist aber realitätsfremd.</li>
</ol>
<p>«Tempora mutantur, nos et mutamur in illis», könnte man in gepflegtem Latein sagen, die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen. Die Medien verlieren in offenen und zivilisierten Gesellschaften ihre Bedeutung als korrektive Gewalt in gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsprozessen.</p>
<p>Es entstehen halt neue Formen der Meinungsbildung, kleine Lagerfeuer um Blogs und in sozialen Plattformen, Entwicklungen von Schwarmintelligenz wie Wikipedia, neue Wirklichkeitswahrnehmungen via Web, wo eigentlich alles abrufbar ist, man muss nur wissen, wie man es findet. Wer sich über die Welt informieren will, dem wurde es noch nie so leicht gemacht wie heute. Wer es schon früher nicht tat, ist auch heute selber schuld. Was die Rezeptionsmöglichkeiten betrifft, ist das alles wahr und richtig.</p>
<p>Aber: Informationsaufnahme, Einordnung, Analyse und Gewichtung zur Beförderung der Meinungsbildung ist nur die Hälfte der Miete. Genauso wichtig ist, dass zumindest der Staatsbürger, der in einer partizipativen Demokratie lebt, in der er Mitbestimmungsmöglichkeiten über sein eigenes Schicksal hat, eben nach seiner Meinungsbildung entscheiden darf und soll.</p>
<p>Und wenn hier die Bedeutung der Medien bei der Entscheidungsfindung schwindet, sie nicht nur an mangelnden finanziellen Ressourcen leiden, sondern auch an einem dramatischen Verlust von Glaubwürdigkeit – bei Umfragen schneiden Medien hier regelmässig noch schlechter als Politiker ab –, wenn sie neben ihrem Beitrag zu Meinungsbildung auch die Fähigkeit zu Aufdeckung, Analyse und Aufklärung verlieren, dann muss wirklich der Alarmknopf gedrückt werden. Besonders in den aktuellen Zeiten, wo sich wirtschaftliche Probleme, ein massiver Vertrauensverlust des politischen Establishments und als Folge davon das Entstehen neuer politischer Bewegung zu einem perfekten Sturm vereinen.</p>
<p>Problem erkannt, Problem gebannt? Keinesfalls. Und was wäre die Lösung des Problems? Der Wunsch, dass letzte Leuchttürme der Publizistik, sei das mit allen Einschränkungen «Der Spiegel», «Wall Street Journal», «Financial Times», «New York Times», «Economist», «Guardian», auch «Le Canard enchainé», NZZ, FAZ, öffentlich-rechtlichen Medien und ein paar anderen weiter ein langes Leben beschieden sei? Während sie sich zumindest teilweise selbst in die Bedeutungslosigkeit schreiben und senden? Ist das Klagen über diese Phänomene einfach einer falschen Perspektive geschuldet, wo es in den USA doch neben Fox-News immerhin noch weitere bedeutende Networks, nicht zuletzt den Public Broadcasting Service gibt, dazu eine Unzahl grossartiger Zeitschriften wie «New Yorker», «Vanity Fair», «Mother Jones», um nur einige zu nennen, die einen Recherchierjournalismus betreiben, der im deutschen Sprachraum nicht existiert?</p>
<p>Der Diagnostiker ist überfordert, wenn man von ihm Therapievorschläge erwartet. Aber es ist immerhin schon ein nötiges Stück Denkarbeit, diese Diagnose zu erstellen. Ob die Rückkehr zu einem aufklärerischen Recherchierjournalismus, der durch Aufdeckung, Einordnung und Analyse die nötigen Elemente zur Meinungsbildung und zur Entscheidungsfindung des Bürgers in den wenigen demokratischen Staaten der Welt liefert, die richtige Antwort wäre – keine Ahnung. Wahrscheinlich schon, aber wie? Es bleibt die Hoffnung, und der Alarmknopf sei gedrückt. Selbstverständlich im Wissen um die Wirksamkeit solcher Aktionen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/20/hunde-die-bellen-beissen-nicht/">Hunde, die bellen, beissen nicht</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Schweizer Medien  gehen mit Alexa, Jana und Nino in die Zukunft</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/02/10/mit-alexa-und-janino-in-die-zukunft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 10 Feb 2017 14:50:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuell]]></category>
		<category><![CDATA[NZZ]]></category>
		<category><![CDATA[Chatbot]]></category>
		<category><![CDATA[Alexa]]></category>
		<category><![CDATA[Nic Newman]]></category>
		<category><![CDATA[Reuters Institute]]></category>
		<category><![CDATA[SRF]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Reuters Institute for the Study of Journalism zeigt in einer neuen Studie Anwendungsmöglichkeiten von Zukunftstechnologien wie Augmented Reality und Chatbots im Journalismus an. Die Potenziale sind gross, die Konkurrenz unter den Anbietern aber auch. In der Schweiz experimentieren NZZ und SRG mit den neuen Technologien. Alexa ist überall. Im Kühlschrank. Im Auto. Im Wohnzimmer. <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/10/mit-alexa-und-janino-in-die-zukunft/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Reuters Institute for the Study of Journalism zeigt in einer neuen Studie Anwendungsmöglichkeiten von Zukunftstechnologien wie Augmented Reality und Chatbots im Journalismus an. Die Potenziale sind gross, die Konkurrenz unter den Anbietern aber auch. In der Schweiz experimentieren NZZ und SRG mit den neuen Technologien.<br />
<span id="more-33104"></span><br />
Alexa ist überall. Im Kühlschrank. Im Auto. Im Wohnzimmer. Die Autobauer Ford und VW haben Amazons virtuelle Assistentin in ihre Fahrzeuge integriert. Samsungs Roboter-Staubsauger unterstützt Sprachbefehle mit Alexa. Und nun hat auch die NZZ ein sogenanntes Nachrichten-Skill für Amazons Netzwerklautsprecher lanciert. <a href="https://www.nzzmediengruppe.ch/2017/02/10/alexa-liest-ab-sofort-nachrichten-der-neuen-zuercher-zeitung-vor/" target="_blank">Vorerst in Deutschland und Österreich</a> kann man sich mit der entsprechenden Soft- und Hardware von Amazon ausgestattet die Nachrichten der NZZ auf Zuruf von Alexa vorlesen lassen.</p>
<p>Sprachsteuerung ist ein Instrument, das sich auch Medienhäuser als Verbreitungskanal zunutze machen können. Nic Newman, Wissenschaftler am Reuters Institute for the Study of Journalism, zeigt in einer aktuellen Studie (<a href="https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/sites/default/files/Journalism,%20Media%20and%20Technology%20Trends%20and%20Predictions%202017.pdf" target="_blank">«Journalism, Media and Technology – Trends and Predictions 2017»</a>) einige wichtige Zukunftstechnologien des Journalismus auf.</p>
<p>Die zwei interessantesten Punkte, die sich aus dem 37-Seiten-Bericht entnehmen lassen, sind neben Sprachsteuerung Nachrichtenbots und Augmented Reality. Bots galten lange als das nächste grosse Ding im News-Business, sind jedoch durch Social Bots auf Twitter in Verruf geraten. Meinungsroboter können die öffentlichen Debatten manipulieren und den Diskurs torpedieren. Doch Bots, automatisch agierende Computerprogramme, die selbständig Inhalte generieren können, werden sich langfristig im Nachrichtenjournalismus durchsetzen, ist Newman überzeugt.</p>
<p>Bots sind nicht ganz einfach zu typologisieren. Nicht jeder automatisch produzierte Text stammt von einem Bot. So setzt die Nachrichtenagentur AP eine Software ein, die aus Rohdaten standardisierte Finanz- und Sportmeldungen generiert. Als Bot gilt diese Software aber nicht. Der Medienwissenschaftler Paul Bradshaw differenziert zwischen drei verschiedenen Typen journalistischer Bots, die in den letzten Jahren entwickelt wurden. Erstens: Jene, die automatisch Updates auf Social-Media-Kanälen posten, wenn sie neue Informationen aus einem Feed beziehen. Zweitens: Bots, die auf Anfrage des Nutzers Artikelvorschläge unterbreiten. Drittens: Bots, die Antworten auf Fragen der Nutzer geben.</p>
<p>Seit Facebook seinen Messenger für Chatbots geöffnet hat, wurden bereits über 30&#8217;000 Bots entwickelt, die als virtuelle Gegenüber der User einfache Aufgaben ausführen können, wie etwa eine Fahrplanauskunft erteilen oder die aktuelle Wetterprognose mitteilen. Immer mehr Medienhäuser wie das «Wall Street Journal», der «Economist» oder «Guardian» experimentieren mit der Technologie. Der US-Nachrichtensender CNN hat eine ganze Reihe von Chatbots bereitgestellt für unterschiedliche Messenger-Apps wie Kik, Line und sprachgesteuerte Geräte wie den Netzwerklautsprecher Amazon Echo.</p>
<p>Wenn der Anwender den Sprachbefehl «Alexa, enable CNN skill» erteilt, erhält er die neuesten News von CNN. Nachrichten auf Ansage. Auch im Facebook Messenger erhält man Nachrichten on Demand. Wenn man ein Nachrichtenthema als Chat-Mitteilung formuliert, schlägt der Bot automatisch Artikel vor. Der Nutzer hat dann drei Optionen: Die Geschichte lesen, eine Zusammenfassung anfordern oder CNN eine Frage stellen. Die Idee: Man liest nicht mehr nur die Nachrichten, sondern kommuniziert mit dem virtuellen Redaktionsassistenten. Die «New York Times» lancierte einen Chatbot, um den Nutzern die neuesten Updates rund um die US-Präsidentschaftswahl an ihren Messenger zu schicken.</p>
<p>Im deutschsprachigen Raum zählt das Schweizer Radio und Fernsehen SRF zu den Pionieren. Bereits im September 2014 lancierte der Sender <a href="http://www.srf.ch/hilfe/hilfe-internet/wir-liefern-ihnen-news-zu-den-abstimmungen-via-whatsapp" target="_blank">einen redaktionellen Whatsapp-Diens</a>t zu den nationalen Abstimmungen. Zwei Jahre später gab es ein Update, das bei den Abstimmungen von Ende November 2016 erprobt wurde. In der Testphase kamen unterschiedliche Bot-Systeme zum Einsatz: von selbstlernenden bis zu klassischen Decision-tree-Vorlagen. «Am Ende bestach uns Letzteres – ein Angebot, das es erlaubt, vordefinierte Pfade für den User anzulegen», schreibt Konrad Weber, der zum Entwicklungsteam gehörte. «Das ermöglicht zum einen zwar einen etwas kleineren Umfang, wie User mit dem Inhalt tatsächlich offen interagieren können, erleichtert aber die User-Führung durch die redaktionellen Inhalte ungemein.»</p>
<p>In der nun vorliegenden Version des virtuellen Assistenten «Janino – der Abstimmungs-Bot von SRF» erklären die beiden digitalen Figuren Jana und Nino die wichtigsten Argumente der Befürworter und Gegner der drei nationalen Abstimmungsvorlagen und zeigen mögliche Auswirkungen auf. Dank einer simplen künstlichen Intelligenz können User ausserdem einzelne freie Stichworte eingeben – der Bot reagiert mit entsprechenden Antworten. Deliberation mal ganz anders – mithilfe künstlicher Intelligenz.</p>
<p>Die Anwendungsfelder scheinen riesig, weiss Nic Newman, der Autor der Reuters-Studie, zu berichten: von sprachbasierten News-Bots, die die Medienplattform «Quartz» mit einem 240&#8217;000 Dollar dotierten Stipendium der Knight Foundation selbst entwickelt hat, bis hin zu automatisieren Fakten-Check-Bots, die die französische Zeitung «Le Monde» mit grossem Personalaufwand – in der Einheit «Les Décodeurs» arbeiten 13 Journalisten und Entwickler – betreibt. In einer Umfrage unter Führungskräften aus der Medienbranche, die Studienautor Newman durchführte, gaben 28 Prozent der Befragten an, mit Sprachsteuerungssystemen zu experimentieren. So hat die «Huffington Post» ein News-Briefing für Amazons Sprachsteuerung Alexa entwickelt, sowie ein Quiz für Google Assistant.</p>
<p>Was sagt und das alles? Zum einen braucht es für News nicht unbedingt einen Bildschirm. Andererseits kann zum Bildschirm werden, was vormals nur ein Fenster war: etwa die Windschutzscheibe. Autobauer wie VW und Daimler arbeiten mit Hochdruck an Augmented-Reality-Lösungen, die in selbstfahrenden Fahrzeugen Filme oder Nachrichten auf die Windschutzscheibe projizieren. Die Vision ist, dass wenn der Fahrer sich nicht mehr aufs Fahren konzentrieren muss, das Auto zum Heimkino wird. «Das Auto wird zu einem fahrenden Teil des Internets, in dem viele Oberflächen des Innenraums als Bildgeber und Informationsquelle fungiert», heisst es bei Daimler.</p>
<p>Hier könnten sich ganz neue Allianzen bilden, aber es entsteht auch neue Konkurrenz. Die Frage lautet: Wer liefert die Inhalte ins Auto? Medienhäuser? Technologieunternehmen? Oder die Automobilindustrie selbst? Medienforscher Newman spekuliert in seinem Papier, ob Apple in das Geschäft einsteigen könnte. Der Elektronikkonzern tüftelt bereits an einem eigenen Fahrzeug (Apple Car). Apple-Chef Tim Cook räumt Augmented Reality jedoch grössere Chancen ein als der Schwester Virtuelle Realität, weil der Nutzer mit der Technologie «präsenter» sei.</p>
<p>Der Erfolg von Pokémon Go, bei dem im Sommer vergangenen Jahres tausende Menschen in Innenstädten und an entlegenen Orten virtuelle Monster jagten, zeige, dass AR grosses Potenzial auch für Medienhäuser habe, schreibt Newman. So hat das Start-up «Bloom» eine Art Pokémon-Go-Umgebung für Medien entwickelt. Der Dienst funktioniert so: Eine Zeitung installiert ein Plugin auf ihrer Website, mit dem Redakteure und Produzenten jeden Artikel mit einer Ortskennung versehen können. Der Leser kann mittels einer Suchfunktion auf der Website nach Strasse oder Postleitzahl und damit verbundenen Nachrichten in seiner Umgebung suchen. Medien können in die App Lokalmeldungen einspeisen.</p>
<p>Im Rahmen des <a href="https://atap.google.com/jacquard/" target="_blank">Project Jacquard</a> arbeitet Google mit dem Jeanshersteller Levi Strauss an smarten Stoffen, mit denen Bekleidungsstücke in Eingabeinstrumente für Smartphones und andere mobilen Endgeräte verwandelt werden können. Google will Kleider zur Plattform machen. Dazu werden elektrisch leitende Metallfäden und Mikrochips in die Kleidung gewoben, mit denen sich das Smartphone bedienen lässt. Streicht man über den Ärmel, kann ein Anruf angenommen oder die Lautstärke gedimmt werden. Ob eine Bluetooth-Jacke, bei der der Träger zum Sender und Empfänger in einer Person wird, eine erbauliche Zukunftsvision ist, lässt der Autor offen, jedenfalls dürfte sich das Anwendungsgebiet von Wearables verbreitern und nach der eher schleppenden Nutzung von Smartwatches als News-Kanal in den nächsten Jahren den Durchbruch schaffen.</p>
<p>Amazons Strategie, seine Sprachsoftware zur neuen Schaltzentrale im vernetzten Haus zu machen, könnte für Verlage allerdings ein zweischneidiges Schwert sein. Einerseits erreicht man mehr Publikum. Andererseits ist man ähnlich wie bei Google News oder Facebook Instant Articles nicht mehr Herr der Verbreitungswege und begibt sich in weitere Abhängigkeiten der Technolgoie-Giganten. Und wenn Alexa zur neuen Anchorwoman wird – sagt sie auch immer die Wahrheit? Oder plappert sie Fake-News nach? Ist sie vielleicht parteiisch?</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/02/10/mit-alexa-und-janino-in-die-zukunft/">Schweizer Medien  gehen mit Alexa, Jana und Nino in die Zukunft</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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