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	<title>Oliver Classen | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Fri, 02 Dec 2022 11:19:08 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Kommunikation im «Gerichtssaal der Öffentlichkeit»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/11/30/kommunikation-im-gerichtssaal-der-oeffentlichkeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2022 12:52:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[ZHAW]]></category>
		<category><![CDATA[Litigation PR]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Spannungsfeld zwischen Krisenkommunikation und Reputationsmanagement hat sich mit der sogenannten Litigation PR eine neue Spezialdisziplin der Medienbeeinflussung entwickelt. Einblicke in die Potentiale und Probleme der von Medien und Justiz noch unterschätzten Öffentlichkeitsarbeit im Rechtsstreit lieferte kürzlich eine Veranstaltung in Winterthur. Highlight war ein selbstironischer Auftritt von Ex-«Bild»-Chef Kai Diekmann. Auch der neueste Schrei im <a href="https://medienwoche.ch/2022/11/30/kommunikation-im-gerichtssaal-der-oeffentlichkeit/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Im Spannungsfeld zwischen Krisenkommunikation und Reputationsmanagement hat sich mit der sogenannten Litigation PR eine neue Spezialdisziplin der Medienbeeinflussung entwickelt. Einblicke in die Potentiale und Probleme der von Medien und Justiz noch unterschätzten Öffentlichkeitsarbeit im Rechtsstreit lieferte kürzlich eine Veranstaltung in Winterthur. Highlight war ein selbstironischer Auftritt von Ex-«Bild»-Chef Kai Diekmann.</strong></p>
<p><a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/MW-Litigation-PR-20221130.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-101102 size-full" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/MW-Litigation-PR-20221130.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/MW-Litigation-PR-20221130.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/MW-Litigation-PR-20221130-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/MW-Litigation-PR-20221130-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/MW-Litigation-PR-20221130-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/MW-Litigation-PR-20221130-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /></a></p>
<p>Auch der neueste Schrei im Kommunikationsgeschäft kommt aus dem Mutterland der Public Relations. «Litigation-PR» heisst die bereits in den 1980ern entstandene Spezialdisziplin, welche aber erst in den letzten Jahren aus den USA via Grossbritannien so richtig nach Kontinentaleuropa geschwappt ist. Der Begriff bedeutet in etwa «strategische Rechtskommunikation» und umfasst die gesamte Öffentlichkeitsarbeit vor, während und nach juristischen Streitigkeiten. Allmählich setzt sich auch bei uns die Erkenntnis durch, dass «Rechtsstreitigkeiten nicht mehr ausschliesslich im Gerichtssaal verhandelt werden, sondern auch im Gerichtssaal der Öffentlichkeit (‹court of public opinion›)». So wird der frühere US-Rechtsberater von Daimler Chrysler, Steven B. Hantler, in einem der Pionierbücher über Litigation-PR zitiert.<br />
</p>
<p>Wie alles, was aus dem Land der unbegrenzten PR-Budgets kommt, ist auch der «Gerichtssaal der Öffentlichkeit» ein Business Case. Böse Zungen sagen gar: vor allem sei es ein gutes Geschäft. So überrascht es nicht, wenn der Organisator der jüngst über die Bühne gegangenen <a href="https://litigation-pr.ch/" target="_blank" rel="noopener">Tagung über «Sustainability, Accountability &amp; Litigation-PR»</a> nicht nur Leiter des <a href="https://www.zhaw.ch/de/sml/institute-zentren/zwc/" target="_blank" rel="noopener">Zentrums für Wettbewerbsrecht und Compliance</a> an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW ist, sondern auch Chef einer unter anderem auf Rechtskommunikation spezialisierten <a href="https://www.agon-partners.ch/de/professionals/patrick-l-krauskopf.html" target="_blank" rel="noopener">Kanzlei</a>. Patrick Krauskopf ist deshalb so etwas wie der Schweizer Litigation-PR-Papst.</p>
<p>https://youtu.be/oNPC7RZsjv0</p>
<p>Das Eingangsreferat hielten Krauskopfs ZHAW-Kollegen Guido Keel und Vinzenz Wyss. Die Journalismus-Professoren mahnten die anwesenden Rechtsberater, Juristinnen und PR-Profis, in ihrer Arbeit «die Eigenlogik der Medien besser zu antizipieren», navigierten aber selbst auch nur auf Sicht im nebulösen Bermudadreieck zwischen Justiz, Redaktionen und Öffentlichkeit. Am Beispiel des Mordverdachts gegen den <a href="https://www.google.com/search?q=fall+ignaz+walker&amp;oq=fall+ignaz+walker&amp;aqs=chrome..69i57j69i60.6086j0j1&amp;sourceid=chrome&amp;ie=UTF-8" target="_blank" rel="noopener">Urner Barbesitzer Ignaz Walker</a>, der von 2010 bis 2018 verschiedene Schweizer Gerichte beschäftigte, <a href="https://www.zhaw.ch/de/forschung/forschungsdatenbank/projektdetail/projektid/3194/" target="_blank" rel="noopener">entwickelten sie die These</a>: «Litigation-PR ist zunächst das Mittel des Davids (Walkers Anwalt) gegen den Goliath (die Justizbehörden)», mit der Betonung auf «zunächst». Denn natürlich organisierten auch die unter Rechtfertigungsdruck geratenen Strafverfolger diskrete Medienbriefings. Im Gegensatz zum medial geschulten Verteidiger vertraten sie Wyss gegenüber allerdings die Ansicht, dass sich «die Aufgabe der Medien darauf beschränken sollte, zu berichten, was im Gerichtssaal gesagt wird». Gegen diese «in juristischen Kreisen immer noch weit verbreitete Naivität bezüglich dem Auftrag und der Arbeitsweise von Journalist*innen» helfen laut Guido Keel nur Kommunikationsfachleute an Gerichten oder bei Staatsanwaltschaften.</p>
<blockquote><p>Die Wirksamkeit der Botschaft hängt auch in der Litigation PR direkt von der Glaubwürdigkeit des Absenders und der gelieferten Information ab.</p></blockquote>
<p>Dass diese bei juristischen Institutionen zumeist Mangelware sind und diese deshalb zu häufig eine zu schlechte Presse haben, meinte auch der per Video zugeschaltete <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Baudenbacher" target="_blank" rel="noopener">Carl Baudenbacher</a>. Als langjähriger Präsident des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/EFTA-Gerichtshof" target="_blank" rel="noopener">EFTA-Gerichtshofs</a> in Luxemburg und Partner einer renommierten Zürcher Wirtschaftskanzlei kennt er Schweizer und internationale Verfahren von beiden Seiten der Gerichtsschranken. Sein Plädoyer für eine professionellere Medienarbeit seiner Kolleg*innen begründete er mit dem Argument, dass auch das Rechtspersonal ein Teil der Öffentlichkeit und deshalb für mediale Meinungsmache erreichbar ist. «Auch Richter haben von jedem Fall ein Vorverständnis, das durch ihre Herkunft, ihre Überzeugungen aber auch durch ihre Zeitungslektüre geprägt wird», sagte Baudenbacher. «Und dieses Vorverständnis kann durch gute Litigation-PR durchaus beeinflusst werden.» Der auch in den USA praktizierende Anwalt wies zudem darauf hin, dass dort für angehende Jurist*innen längst auch <a href="https://www.usnews.com/best-graduate-schools/top-law-schools/trial-advocacy-rankings" target="_blank" rel="noopener">«Trial Advocacy»</a> auf dem Lehrplan steht, wo es um wirksame Rhetorik und taktische Kommunikation im, aber auch ausserhalb des Gerichtssaals geht. «Schweizer Anwälte hingegen lesen immer noch mit monotoner Stimme schriftliche Stellungnahmen ab und kommen gleich aus dem Konzept, wenn sie ein Richter oder Journalist unterbricht.»</p>
<p>&nbsp;</p>
<div style="margin: 4%; border: 1px; border-style: solid; border-color: #cccccc; padding: 4%; font-size: 16px;">
<h3>«Die Relevanz dieser Schnittstelle ist noch nicht auf den Redaktionen angekommen»</h3>
<p><em>Patrick Krauskopf ist Jurist und Professor an der ZHAW School of Management and Law. Er kürzlich die Litigation-PR-Tagung 2022 mitorganisiert.</em></p>
<p><a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/krpa.jpg" data-rel="lightbox-image-1" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img decoding="async" class="alignright size-full wp-image-101095" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/krpa.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/krpa.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/krpa-150x150.jpg 150w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/11/krpa-320x320.jpg 320w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a> <div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Trotz prominenter Referent*innen sind viele Stühle in der Aula der ZHAW leer geblieben. Ist das Thema noch nicht in der Schweiz angekommen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Patrick L. Krauskopf:</h4> <p>Es gibt hierzulande sehr wenig Spezialisten auf diesem Gebiet. Auch zur grössten Veranstaltung dazu im deutschsprachigen Raum, die dieses Jahr in Frankfurt stattfand, kamen nur um die 100 Leute. Bis vor fünf Jahren war Litigation PR halt im gesamten DACH-Raum noch völlig unbekannt. Hinzu kommt die Corona-Gewohnheit, solche Tagungen zu Hause zu verfolgen. Deshalb haben wir das Ganze auch live gestreamt. Damit erreichen wir über den Veranstaltungstag hinaus ein grosses Publikum – insbesondere jene Leute, die sich neu für das Thema interessieren.</p>
</div><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Immer mehr Konflikte werden vor Gericht ausgetragen, auch hochpolitische. Trotzdem stösst die Rechtskommunikation bei Medienschaffenden kaum auf Resonanz. Warum?</p>
</div><div class="answer"><h4>Krauskopf:</h4> <p>Das frage ich mich auch. Offenbar ist die massiv gestiegene Relevanz dieser Schnittstelle zwischen Juristerei und Öffentlichkeitsarbeit einfach noch nicht auf den Redaktionen und in den Journalismus-Schulen angekommen.</p>
</div><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Könnte das auch am eher abschreckend wirkenden Anglizismus «Litigation PR» liegen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Krauskopf:</h4> <p>Gut möglich, dass der Begriff etwas sperrig ist. Selbst unsere hausinternen Medienprofessoren dachten ja offenbar, dass sie hier primär zu Jurist*innen sprechen. Vermutlich, weil die Tagung von der Fakultät für «Business Law» organisiert wird (lacht). Das Verbesserungspotential ist aber erkannt: Die für 2024 geplante Weiterbildung, welche wir derzeit konzipieren, wird Rechtskommunikation heissen.</p>
</div><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Potenziale für Litigation PR im angelsächsischen Kulturraum und Rechtssystem bedeutend grösser sind als bei uns.</p>
</div><div class="answer"><h4>Krauskopf:</h4> <p>Nein, das Potential ist in Deutschland, Österreich oder der Schweiz genau gleich gross. Der ganze Kommunikationsprozess lässt sich ja in drei Phasen aufteilen: Vor, während und nach einem Gerichtsverfahren. Davor hat man hier in Europa wie in den USA dieselben Mittel und Möglichkeiten, wenn es darum geht, die eigene Position darzustellen und ein strategisches Narrativ zu etablieren – egal ob das Handelsgericht Zürich oder der District Court of New York zuständig ist. Unterschiede gibt es beim Verfahren selbst, dessen Verlauf in den USA grundsätzlich von grösserem öffentlichem Interesse ist und wo es deshalb häufig mehr um Wirkung als um Inhalte geht als bei uns. Man kennt das von Gerichtsfilmen aus Hollywood, wo das Plädoyer zur schauspielerischen Glanzleistung und rhetorischen Kunstform wird. Vor Schweizer Richtern geht es deutlich nüchterner zu. Aber auch im nachprozessualen Reputationsmanagement gelten dies- und jenseits des Atlantiks die gleichen Regeln und Potenziale.</p>
</div><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Der Titel der diesjährigen Veranstaltung lautete «Sustainability, Accountability &amp; Litigation PR», also noch mehr Anglizismen. Wie wirkt sich der politische und gesetzliche Druck in Sachen Nachhaltigkeit und Rechenschaftspflicht von Unternehmen auf Nachfrage und Praxis der Litigation PR aus?</p>
</div><div class="answer"><h4>Krauskopf:</h4> <p>Es findet grad eine starke Veränderung auf Seiten der Unternehmen statt, die sich ihrer rechtlichen Pflichten und gesellschaftlichen Verantwortung im Bereich der Nachhaltigkeit bewusster werden. Das gilt nicht nur für Konzerne, sondern auch für den Mittelstand. Und dabei geht es längst nicht mehr nur um die Kommunikation im Rahmen von Rechtsstreitigkeiten, also klassische Litigation PR, sondern um die Begleitung der gesamten Aussenwirkung in diesem immer wichtigeren Themenbereich, sei es gegenüber Journalist*innen, in den sozialen Medien oder bei Kunden und Partnern.</p>
</div><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Aber nochmals: Wieso sollten sich Schweizer Medienschaffende für diese neue Kommunikationsdisziplin interessieren?</p>
</div><div class="answer"><h4>Krauskopf:</h4> <p>Weil sie sich bewusst sein sollten, dass sie nicht nur Informationsverarbeiter und Geschichtenerzählerinnen, sondern zunehmend auch das Ziel gezielter Beeinflussungsversuche sind. Litigation-PR-Experten wollen ja, dass ihre Mandantinnen im gewünschten Licht präsentiert wird. Die Ausbildung muss deshalb auch die Fähigkeit zur journalistischen Selbstreflexion fördern. In Zeiten mit stetig steigendem Produktionsdruck und Ressourcenmangel müssen Medienmitteilungen noch kritischer hinterfragt werden.</p>
</div></p>
</div>
<p>Die Wirksamkeit der Botschaft hängt auch in der Litigation PR direkt von der Glaubwürdigkeit des Absenders und der gelieferten Information ab. Entsprechend eröffneten Monica Fahmy und Sven Millischer ihren Tagungsbeitrag mit der Feststellung: «Je umfassender und gesicherter die Informationslage, desto zielgerichteter und nachhaltiger die darauf aufbauende Kommunikationsstrategie». Die beiden Ex-Journalist*innen arbeiten heute für die <a href="https://assets-control.com/de/" target="_blank" rel="noopener">Investigativ-Firma «Assets Control»</a>, welche ihrer illustren Klientel aus Wirtschaft und Politik mittels «Open Source Intelligence» (OSINT) und anderer Forensik ein auf «Best-In-Class-Daten» beruhendes «gerichtsfestes Reporting» verspricht. Wie sich Informationsmangel kommunikativ auswirken kann, illustrierten sie am desolaten Auftritt von Heinz Tännler in der SRF-«Rundschau», wo der Zuger Finanzdirektor im März jegliche Zuständigkeit für die Umsetzung der Sanktionen gegen russische Oligarchen bestritt. Das daraus abgeleitete Rezeptbuch für bessere Behördenkommunikation zu Krisenzeiten lautete: Vorgängiges Issue Management, Beschaffung aller relevanten Fakten und dann deren professionelle Vermittlung, aber bitte schön durch Kommunikationsprofis (statt den direkt Verantwortlichen).</p>
<blockquote><p>Ein Verfahren gibt häufig überhaupt erst Anlass zur Berichterstattung – und damit auch zur Ausbreitung von Fakten, die sonst gar nie bekannt würden.</p></blockquote>
<p>Kai Diekmann findet denn auch «einfach so in eine TV-Kamera zu sprechen sei so ungefähr das Dümmste, was man machen kann. Das ist der völlige Kontrollverlust und ein absolutes No-Go.» Der als Stargast verpflichtete Ex-«Bild»-Chefredaktor weiss aus eigener Erfahrung, dass das Meinungsklima im Gerichtssaal der Öffentlichkeit manchmal viel entscheidender ist als der Ausgang des eigentlichen juristischen Verfahrens. «Man kann beim Richter klar gewinnen und trotzdem einen dramatischen Reputationsverlust erleiden.» Exemplarisch dafür steht Diekmanns <a href="https://taz.de/Die-Wahrheit/!5351260/" target="_blank" rel="noopener">legendärer Rechtsstreit</a> um die im Mai 2002 in der Berliner tageszeitung (taz) erschienene Satire «Sex-Schock! Penis kaputt?». Deren Autor dichtete Diekmann eine missglückte Verlängerungsoperation an seinem besten Stück an, wogegen Diekmann zwar erfolgreich klagte. Sein Image als humorloser Presse-Potenzprotz war damit aber in Stein gemeisselt. «Da mich die taz schon jahrelang unter der Gürtellinie piesackte, fragte ich unsere Hausjuristen damals, ob ich diesen Prozess gewinne. Die Antwort war ja – und meine Entscheidung, vor Gericht zu gehen, einer der grössten Fehler meines Berufslebens.»</p>
<p>Womit wir zurück bei der David-Goliath-Logik wären: die kleine, freche taz gegen den grossen, feisten Springer-Konzern. Diekmann gab aber auch zu bedenken, dass ein Verfahren häufig überhaupt erst Anlass zur Berichterstattung gebe – und damit auch zur Ausbreitung von Fakten, die sonst gar nie bekannt würden. Eine strategische Chance/Risiko-Analyse ist folglich die DIE zentrale Aufgabe aller juristischen Berater und PR-Managerinnen. Dass der heutige Berater von Firmen wie Uber oder Palantir aus seinem Rechtskommunikations-GAU gelernt hat, zeigte sich 2009, als ein Relief des Bildhauers Peter Lenk an der Ostwand des gegenüber vom «Bild»-Verlag liegenden taz-Gebäudes montiert wurde. Die provokante Plastik heisst (nach einem Diktum von Friede Springer) <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friede_sei_mit_Dir" target="_blank" rel="noopener">«Friede sei mit Dir»</a>, wird im Volksmund aber «Pimmel über Berlin» genannt und zeigt eine Diekmann-Karikatur mit fünfstöckigem Penis. «Statt dagegen zu klagen habe ich mich diesmal mit breitem Grinsen drunter gestellt und die Bilder auf Instagram publiziert. Das war ein Knüller und hat mir viel mehr genützt als der taz.» Merke: Selbstironie hilft auch in aussichtslosen Lagen. Und manchmal vielleicht ja sogar vor Gericht.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/11/30/kommunikation-im-gerichtssaal-der-oeffentlichkeit/">Kommunikation im «Gerichtssaal der Öffentlichkeit»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Es braucht einen Schulterschluss gegen Einschüchterungsklagen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/09/15/es-braucht-einen-schulterschluss-gegen-einschuechterungsklagen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Sep 2022 15:43:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[SLAPP]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Immer öfter versuchen finanzstarke Akteure mit eigentlich aussichtslosen Klagen kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Davon betroffen waren bisher – so weit bekannt – vor allem NGOs. Aber auch Medien sehen sich mit solchen SLAPP-Klagen konfrontiert. Höchste Zeit diesen für die Presse- und Meinungsfreiheit höchst bedenklichen Trend politisch zu unterbinden. Doch dafür müssen Medien und <a href="https://medienwoche.ch/2022/09/15/es-braucht-einen-schulterschluss-gegen-einschuechterungsklagen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Immer öfter versuchen finanzstarke Akteure mit eigentlich aussichtslosen Klagen kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen. Davon betroffen waren bisher – so weit bekannt – vor allem NGOs. Aber auch Medien sehen sich mit solchen SLAPP-Klagen konfrontiert. Höchste Zeit diesen für die Presse- und Meinungsfreiheit höchst bedenklichen Trend politisch zu unterbinden. Doch dafür müssen Medien und NGOs zusammenspannen.</strong><br />
<a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/09/MW-SLAPP-20220915.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-99473" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/09/MW-SLAPP-20220915.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/09/MW-SLAPP-20220915.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/09/MW-SLAPP-20220915-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/09/MW-SLAPP-20220915-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/09/MW-SLAPP-20220915-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/09/MW-SLAPP-20220915-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /></a><br />
Anfang Mai organisierte der Bruno Manser Fonds in Zürich eine <a href="http://www.bmf.ch/de/kampagnen/slapp-silencing-the-public-33" target="_blank" rel="noopener">internationale Tagung</a> über «Missbräuchliche Klagen und ihre Wirkung auf Journalismus und Zivilgesellschaft». Die Basler Organisation, die im Sinn und Geist des verschollenen Menschenrechtsaktivisten handelt, brachte Fachleute aus ganz Europa zusammen, um erstmals in der Schweiz öffentlich ein problematisches Phänomen zu diskutieren, das investigative Recherchen von Medien und NGOs zunehmend erschwert. Der komplizierte Name: SLAPP, was für «Strategic lawsuit against public participation» (dt.: «Strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung») steht. Das einfache Ziel: systematische Einschüchterung bis hin zur faktischen Selbstzensur.<br />
</p>
<p>Einziger Journalist an der Konferenz war François Pilet, der auf <a href="https://gothamcity.ch/" target="_blank" rel="noopener">«Gotham City»</a> über Gerichtsfälle berichtet, in denen es um Korruption, Geldwäscherei und andere Finanzkriminalität geht. Für seine exklusiven Justiz-News wird das in Lausanne domizilierte Online-Startup von in den Verfahren Erwähnten regelmässig mit Klagen oder Klagedrohungen eingedeckt. Auf die Frage, warum der Einladung des Bruno Manser Fonds keine anderen Medienschaffenden gefolgt sind, meint Pilet: «Sicher nicht aus mangelndem Interesse oder fehlender Betroffenheit. Es liegt wohl eher an einem Unbehagen, das viele Kolleg*innen gegenüber der journalistischen Arbeit von NGOs spüren.» Damit trifft er einen Punkt.</p>
<p>Exemplarisch für dieses in manchen Redaktionen immer noch tiefsitzende Misstrauen war die Vorschau von Christian Mensch auf die Tagung in den CH-Media-Zeitungen: «Bruno Manser Fonds stilisiert sich als Opfer einer missbräuchlichen Klage», lautete der Titel seines <a href="http://www.luzernerzeitung.ch/schweiz/slapp-klagen-bruno-manser-fonds-stilisiert-sich-als-opfer-einer-missbraeuchlichen-klage-ld.2285009" target="_blank" rel="noopener">Artikels</a>. Was die Vorverurteilung durch den erfahrenen Redaktor offenbar getriggert hat, erfährt man erst am Schluss: «NGOs und kritischer Journalismus werden dort als gleichfunktionierende Akteure der Öffentlichkeit bewertet.» Den Besuch der Veranstaltung hat sich Mensch dann natürlich gespart. Bezeichnenderweise referenziert aber selbst sein Verriss auf <em>den</em> Schweizer <a href="https://medialex.ch/2022/03/08/slapp-und-slapp-back-goliath-und-david/" target="_blank" rel="noopener">Grundlagentext zur SLAPP-Problematik</a>, geschrieben von der kürzlich verstorbenen Regula Bähler für «Medialex». Für Rechercheure und Reporterinnen war Bähler jene «Anwältin, die einem das Gefühl gab, man könne viel mehr riskieren, als man sich selber zutraut», <a href="https://www.woz.ch/2236/regula-baehler-1953-2022/regula-baehler-1953-2022-die-ermoeglicherin/!XHNCMRFWXP8Z?ref=refind" target="_blank" rel="noopener">wie die WOZ treffend schrieb</a>.</p>
<blockquote><p>In der Schweiz fehlt jegliches Problembewusstsein für SLAPP-Klagen. Und zwar nicht nur in der Politik, sondern offenbar auch in den Medienhäusern und -verbänden.</p></blockquote>
<p>Auch ihre Auslegeordnung zu «SLAPP und SLAPP-back: Goliath gegen David» zeigt Bähler als kluge Verteidigerin journalistischer Grundrechte. Mit drei Beispielen, darunter eines von «Gotham City» und eines vom Bruno Manser Fonds, illustriert sie, wie kritische Berichte über Konzerne, Oligarchen und anderen Finanzadel auch hierzulande zunehmend Gefahr laufen, «ganz oder teilweise gelöscht zu werden und Medienschaffende sich – nach der Androhung drastischer rechtlicher Konsequenzen – genau überlegen, ob sie erneut über den Kläger berichten.» Gemäss einer <a href="https://www.bmf.ch/upload/Kampagnen/SLAPP/220505_SLAPP_Faktenblatt_deutsch.pdf" target="_blank" rel="noopener">Umfrage des Hilfswerks HEKS</a> zu «Unternehmensklagen in der Schweiz» sahen sich sechs der elf befragten NGOs schon mit solchen Klagen oder Klagedrohungen konfrontiert, die meisten davon sogar mehrfach. (Und da sind die <a href="http://www.publiceye.ch/de/standpunkte/slapps-schweiz-muss-pressefreiheit-besser-schuetzen" target="_blank" rel="noopener">gegen «Public Eye»</a> hängigen Verfahren noch nicht mal eingerechnet.)</p>
<p>Nach der Bestandsaufnahme aus der Schweiz folgt in Bählers Text ein Abriss darüber, wie Kanada, Australien und die USA solche Rechtsmissbräuche schon länger mit Anti-SLAPP-Verordnungen zu verhindern versuchen. Seit April verhandelt auch die EU endlich über eine <a href="https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52022PC0177&amp;from=EN" target="_blank" rel="noopener">neue Richtlinie</a>, die es Gerichten ermöglichen soll, Verfahren bei offenkundig unbegründeten Klagen frühzeitig einzustellen und die Kosten vollumfänglich dem Kläger anzulasten. Vor dem Hintergrund der jüngsten Klagewelle durch russische Oligarchen kündigte der britische Justizminister an, an den Gerichten <a href="https://www.gov.uk/government/consultations/strategic-lawsuits-against-public-participation-slapps/outcome/strategic-lawsuits-against-public-participation-slapps-government-response-to-call-for-evidence#slapps-conclusion-and-plans-for-reform" target="_blank" rel="noopener">einen Test einführen</a> zu wollen, der SLAPP-Klagen zu identifizieren und auszufiltern helfen soll.</p>
<p>In der Schweiz hingegen wurde bisher kein Handlungsbedarf erkannt. Ja, schlimmer noch: Zwischen Genfer- und Bodensee fehlt jegliches Problembewusstsein. Und zwar nicht nur in der Politik, sondern offenbar auch in den Medienhäusern und -verbänden. Das zeigte sich kürzlich auch am Reporter-Forum. Auf einem Podium zur aktuellen «Klagewelle und wie wir uns dagegen wehren können», überraschte Andreas Meili, früherer Leiter des Tamedia-Rechtsdiensts, mit der Aussage, er wisse von seinem Nachfolger, dass dieser «noch nicht mal weiss, was so ein SLAPP überhaupt sein soll».</p>
<blockquote><p>Dass die Medienfreiheit von den Verlegern in jüngster Zeit engagierter als auch schon verteidigt wurde, lässt auch für das Vorgehen gegen SLAPP-Klagen hoffen.</p></blockquote>
<p>Schwer vorstellbar, dass weder das regelmässig mit brisanten Enthüllungen aus internationalen Datenlecks aufwartende Recherche-Desk noch die auch nicht handzahme Wirtschaftsredaktion von Tamedia keinerlei SLAPP-Erfahrungen haben sollen. Oder trifft es wirklich primär Nischenmedien wie «Gotham City», die in besonders sensiblen Bereichen recherchieren, über keinen internen Rechtsdienst und auch sonst über viel weniger Ressourcen verfügen – und deshalb (wie übrigens auch NGOs) lohnendere Ziele für die auf Einschüchterungsklagen spezialisierten Anwaltskanzleien in Zürich, Zug und Genf darstellen?</p>
<p>Zur Klärung dieser zentralen Frage braucht es mehr Transparenz. Helfen würde eine Umfrage des Verbands Schweizer Medien bei seinen potenziell von SLAPPs betroffenen Mitgliedern. Dass die Medienfreiheit von den Verlegern in jüngster Zeit (Stichwort <a href="https://www.schweizermedien.ch/artikel/news/2022/pressefreiheit-schutzen-auch-in-der-schweiz" target="_blank" rel="noopener">Bankengesetz oder Art. 266 ZPO</a>) engagierter als auch schon verteidigt wurde, lässt diesbezüglich zumindest hoffen. Doch auch «investigativ.ch» könnte hierzu aktiv werden. Wie auch immer, Hauptsache die Chefs schützen ihre Angestellten künftig besser vor ungerechtfertigten SLAPP-Ohrfeigen und es geht in dieser Sache endlich vorwärts – zunächst in den Redaktionen und auf den Teppichetagen der Verlage. Und dann aber auch im Bundeshaus, wo die politische Botschaft aus Brüssel noch kaum zur Kenntnis genommen wurde.</p>
<p>Damit dies zeitnah nachgeholt wird, sollten NGOs und Medien zusammenspannen und für ihre gemeinsamen Interessen auch gemeinsam im Bundeshaus einstehen. Dafür müssen aber wohl zunächst einige der eingangs geschilderten Berührungsängste abgebaut werden. Hier hilft vielleicht die Tatsache, dass das von Anwältin Bähler als Präzedenzfall klassifizierte Strafverfahren gegen den Bruno Manser Fonds Ende Juli vom zuständigen Basler Gericht eingestellt wurde. Gemäss <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/grosser-sieg-fuer-die-regenwaldschuetzer-953973730803" target="_blank" rel="noopener">«Tages-Anzeiger»</a> hatten sich sämtliche Vorwürfe in der 50-seitigen Anzeige der Milliardäre aus Malaysia und Kanada als «völlig haltlos» erwiesen – ein klassischer SLAPP also. Vielleicht hat Christian Mensch diese neuste Entwicklung ja verpasst. Berichtet hat er jedenfalls nicht darüber. Doch auch das liesse sich gelegentlich noch nachholen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/09/15/es-braucht-einen-schulterschluss-gegen-einschuechterungsklagen/">Es braucht einen Schulterschluss gegen Einschüchterungsklagen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Antworten auf die Gretafrage: Klimajournalismus in Schweizer Redaktionen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/01/26/antworten-auf-die-gretafrage-klimajournalismus-in-schweizer-redaktionen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Jan 2022 08:10:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Klimajournalismus]]></category>
		<category><![CDATA[SRF]]></category>
		<category><![CDATA[Tamedia]]></category>
		<category><![CDATA[NZZ am Sonntag]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Mit ihrem neuen Nachhaltigkeitsbund «2050» landete die «NZZ am Sonntag» einen kleinen Coup: ausgerechnet die NZZ legt vor beim Klimajournalismus. Doch wie will die Zürcher Zeitung genau mit dem Megathema Klima umgehen? Und welche Akzente setzen andere Leitmedien wie SRF und Tamedia im Umgang mit dieser Jahrhundertherausforderung? Anfang Dezember 2020 schrieb Greta Thunberg als «Chefredaktorin <a href="https://medienwoche.ch/2022/01/26/antworten-auf-die-gretafrage-klimajournalismus-in-schweizer-redaktionen/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/01/26/antworten-auf-die-gretafrage-klimajournalismus-in-schweizer-redaktionen/">Antworten auf die Gretafrage: Klimajournalismus in Schweizer Redaktionen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Mit ihrem neuen Nachhaltigkeitsbund «2050» landete die «NZZ am Sonntag» einen kleinen Coup: ausgerechnet die NZZ legt vor beim Klimajournalismus. Doch wie will die Zürcher Zeitung genau mit dem Megathema Klima umgehen? Und welche Akzente setzen andere Leitmedien wie SRF und Tamedia im Umgang mit dieser Jahrhundertherausforderung?</strong><br />
<a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/MW-Medien-Presse-Klima-Umwelt-20220125b.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/MW-Medien-Presse-Klima-Umwelt-20220125b-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" class="alignnone size-medium wp-image-94334" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/MW-Medien-Presse-Klima-Umwelt-20220125b-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/MW-Medien-Presse-Klima-Umwelt-20220125b-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/MW-Medien-Presse-Klima-Umwelt-20220125b-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/MW-Medien-Presse-Klima-Umwelt-20220125b-470x315.jpg 470w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/MW-Medien-Presse-Klima-Umwelt-20220125b-728x485.jpg 728w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/MW-Medien-Presse-Klima-Umwelt-20220125b.jpg 1456w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><br />
Anfang Dezember 2020 schrieb Greta Thunberg als <a href="https://www.persoenlich.com/medien/greta-thunberg-als-gast-chefredaktorin" rel="noopener" target="_blank">«Chefredaktorin für einen Tag»</a> das Editorial von Schwedens grösster Tageszeitung «Dagens Nyheter». Der programmatische Titel lautete: «Das hier sind Fakten, keine Meinung.» Damit setzte sie den Ton in der Debatte um die Rolle der Medien bei der Behandlung, respektive Bewältigung dessen, was heute – je nach Standpunkt – als Klimawandel, Klimaerwärmung oder Klimakrise bezeichnet wird. Zum Weltklimatag war der «Stern» kurz zuvor schon eine <a href="https://www.stern.de/gesellschaft/stern-gestaltet-zum-weltklimatag-mit-fridays-for-future-ein-klimaheft-9424620.html" rel="noopener" target="_blank">Kooperation mit «Fridays for Future»</a> eingegangen. Bei der deutschen und österreichischen Konkurrenz, aber auch in den sozialen Medien, löste diese Zusammenarbeit mit einer Aktivistengruppe heftige Reaktionen aus. Hierzulande hingegen gibt es bislang keine öffentliche (oder auch nur brancheninterne) Diskussion um die Notwendigkeit und Machart eines speziellen Klimajournalismus. «Mir scheint, dass die Schweiz in dieser Frage noch hinterherhinkt», meint auch die deutsche Journalistin<a href="https://medienwoche.ch/2022/01/25/den-redaktionen-fehlt-es-an-naturwissenschaftlicher-grundbildung/"> Sara Schurmann</a> vom «Netzwerk Klimajournalismus», die dazu diverse Medienhäuser berät und gerade ein Buch zum Thema geschrieben hat.<br />
</p>
<p>Eine SMD-Abfrage zum neuen Trendbegriff «Klimajournalismus» seit November 2016, als das Pariser Klima-Abkommen in Kraft trat, bringt ganze vier Treffer aus Schweizer Medien, zwei davon aus der NZZ. Die beiden Artikel von 2020 und 2021 warnen davor, dass «ein Mangel an Distanz die journalistische Glaubwürdigkeit untergräbt», respektive mokieren sich über die in vielen Nachbarländern spriessenden Nachhaltigkeitsressorts. Die vergangenen September von der «Zeit» gestartete <a href="https://www.zeit-verlagsgruppe.de/pressemitteilung/start-des-neuen-ressorts-green-bei-zeit-und-zeit-online/" rel="noopener" target="_blank">monatliche Beilage «Green»</a> etwa wird als «Feel-good-Magazin für das links-grüne Bürgertum» belächelt.</p>
<blockquote><p>Wieso kommt der erste Schweizer Zeitungsbund, der sich ausschliesslich diesem Themenkomplex widmet, ausgerechnet aus dem ansonsten ja nicht sonderlich grünen Haus NZZ?</p></blockquote>
<p>Zum Start des Weltklimagipfels in Glasgow am 31. Oktober 2021, also gerade mal einen Monat später, hat die «NZZ am Sonntag» ihren eigenen <a href="https://nzzas.nzz.ch/notizen/2050-ein-grosser-schritt-fuer-die-menschheit-ld.1652879" rel="noopener" target="_blank">«Spezialbund zur Nachhaltigkeit» lanciert</a>. So nennt Chefredaktor Jonas Projer das 14-seitige Pionierprodukt in seinem Editorial. Dass darin primär Klimajournalismus stattfinden soll, zeigt dessen aufs globale Klimaneutralitätsziel «2050» verweisende Titel wie auch der Inhalt der bisherigen zwei Ausgaben. Bloss: Wieso kommt der erste Schweizer Zeitungsbund, der sich ausschliesslich diesem Themenkomplex widmet, ausgerechnet aus dem ansonsten ja nicht sonderlich grünen Haus NZZ? Und handelt es sich bei «2050» wirklich um ein Schweizer Pionierprodukt oder behandeln andere Leitmedien die Klimaproblematik auch schon separat, sind dabei aber einfach etwas diskreter?</p>
<p>Jonas Projer verantwortet die «NZZ am Sonntag» erst seit letztem September und ist etwas stolz auf diese schnelle erste Duftmarke. Besonders stolz ist er aber auf die Mitglieder aus dem Wissen-, Wirtschafts- und Hintergrundressort, auf deren Initiative hin «2050» entstanden ist: «Die Konzeption lief sehr kurzfristig und war ein echter Kraftakt für die gesamte Redaktion.» Motivation für den gemeinsamen Effort war laut Projer einerseits die gesellschaftliche Einmittung der Klimadebatte. «Die einfachen Rezepte und Verbotsfantasien vieler Alarmisten werden zunehmend hinterfragt.» In dieser «Versachlichung» sieht er «enormes journalistisches Potential». Geleitet wird der neue Bund von der bisherigen Hintergrund-Redaktorin Carole Koch, die damit nun dem Wissenschaftschef Andreas Hirstein unterstellt ist. «‹2050› ist ein Satellit des Wissen-Ressorts, weil dort die Fachkompetenz liegt und sich so die meisten Synergien ergeben», sagt Koch. Inhaltlich will auch sie «weder predigen noch erziehen, sondern einen realistischen Blick auf die Klimaerwärmung und ihre Konsequenzen pflegen».</p>
<p>Der Hauptgrund, warum die «NZZ am Sonntag» dem Klima neben der kontinuierlichen über alle Ressorts verteilten Berichterstattung einen eigenen Ort geben wollte, war für alle Beteiligten das schnell gewachsene Leserinteresse. Dass dem NZZaS-Publikum der Umweltschutz besonders am Herzen liegt, zeigte sich bereits Ende 2018, als die Zeitung ihr Publikum fragte, wo sich die Schweiz bis 2050 am stärksten verändern müsse. Knapp drei Jahre später bat Projer die «2050»-Leser*innen um Feedback auf die Pilotbeilage. Der Rücklauf war gemäss Projer «schlicht überwältigend – und zu 80 Prozent positiv».</p>
<blockquote><p>Dient der neue Nachhaltigkeitsbund der «NZZ am Sonntag» als Werbeplattform für die sehr wirtschaftsnahen Aktivitäten von «Sustainable Switzerland»?</p></blockquote>
<p>Skeptisch auf den Klima-Hype an der Falkenstrasse reagiert <a href="http://www.mhaenggi.ch/uumlber-mich.html" rel="noopener" target="_blank">Marcel Hänggi</a>, der sich für die Wochenzeitung WOZ mit dem Klimawandel befasste, als noch niemand Klimajournalismus buchstabieren konnte. Hänggi stösst insbesondere sauer auf, «dass Projer nur sagt, wie er es nicht machen will. Wenn er schreibt, ‹das Thema Klimawandel unideologisch, ohne moralischen Zeigefinger und politische Agitation beleuchten› wolle, insinuiert er, andere würden so darüber berichten. Das macht mich misstrauisch.» Hänggi hat die Gletscherinitiative mitinitiiert und kuratiert einen <a href="https://gletscher-initiative.ch/climate-update" rel="noopener" target="_blank">wöchentlichen Klima-Newsletter</a>, der Medienbeiträge aus der Schweiz und der ganzen Welt kommentiert. Im Gegensatz zu Projer würde er den Aufruf <a href="https://uebermedien.de/52582/journalistinnen-nehmt-die-klimakrise-endlich-ernst/" rel="noopener" target="_blank">«Nehmt die Klimakrise endlich ernst!»</a> sofort unterschreiben, den Sara Schurmann an 500 Kolleg*innen geschickt hat.</p>
<p>Jonas Projer, der letztes Jahr überraschend von «Blick TV» zur «NZZ am Sonntag» gewechselt hat, eilt der Ruf eines Machers an die Falkenstrasse voraus. Er selbst beschreibt sich als «Trial-and-Error-Typ», der das Publikumsinteresse lieber am realen Produkt testet, statt bloss Ideen abzufragen. So hat er es mit «2050» gemacht und so will er nun auch bei der neuen digitalen Plattform für die «NZZ am Sonntag» verfahren, deren Entwicklung er gegenüber der MEDIENWOCHE erstmals bestätigt. «Im Web kann diese Redaktion ihre aufwändigen Hintergründe und Recherchen noch prominenter ausspielen. Das gilt auch für ‹2050›. Von den Lehren, die wir dort ziehen, wird auch die Zeitung profitieren.» Parallel zur neuen Online-Präsenz ihres Sonntagsblatts arbeitet die NZZ Gruppe auch am Projekt <a href="https://sustainableswitzerland.ch/de/" rel="noopener" target="_blank">«Sustainable Switzerland»</a>, einer «Dialog-Plattform zur nachhaltigen Entwicklung der Schweizer Wirtschaft», wie es auf der Website heisst. In den ersten zwei «2050»-Ausgaben wurde diese Initiative jeweils ganzseitig beworben. Unter dem Dach von «Sustainable Switzerland» findet dieses Jahr unter anderem ein Nachhaltigkeitsfestival statt, wo ein Green Business Award vergeben werden soll. Organisatorisch untersteht die Nachhaltigkeitsplattform der Unternehmenseinheit <a href="https://connect.nzz.ch/" rel="noopener" target="_blank">«NZZ Connect»</a>, wo auch andere Veranstaltungen wie das «Swiss Economic Forum» oder die «Xdays» angesiedelt sind.</p>
<blockquote><p>Wolfgang Blau beobachtet bei der Gründung von Klima-Ressorts oder -Beilagen immer wieder einen «PR-Effekt auf Abonnenten und Anzeigenkunden».</p></blockquote>
<p>Da drängt sich die Frage auf: Dient der neue Nachhaltigkeitsbund der «NZZ am Sonntag» als Werbeplattform für die sehr wirtschaftsnahen Aktivitäten von «Sustainable Switzerland»? NZZ-Sprecherin Karin Heim weist die Vermischung von redaktionellen Inhalten und kommerziellen Interessen weit von sich: «Die beiden Projekte werden völlig unabhängig voneinander verfolgt. Mit ‹Sustainable Switzerland› lancieren wir ein Angebot analog zum ‹Swiss Economic Forum›, nur eben themenspezifisch im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit.»</p>

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<p>Einen positiven Zusammenhang von Klima und Kommerz gibt es für Medien indes sehr wohl. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Blau" rel="noopener" target="_blank">Wolfgang Blau</a> ist Mitgründer des <a href="https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/oxford-climate-journalism-network" rel="noopener" target="_blank">«Oxford Climate Journalism Network»</a> und beobachtet bei der Gründung von Klima-Ressorts oder -Beilagen immer wieder einen «PR-Effekt auf Abonnenten und Anzeigenkunden». In seinem Essay «Klimajournalismus wird Chefsache» schreibt der frühere Chefredaktor von «Zeit Online» und Manager von Condé Nast, dass die «Financial Times» ihren Umsatz mit kommerziellen Kampagnen zu Nachhaltigkeitsthemen in den letzten zwei Jahren verdreifachen konnte. Verbirgt sich hinter «2050» also auch ein neues und – im Wortsinn – nachhaltiges Geschäftsmodell? «Wie die gesamte Zeitung, machen wir auch diesen Bund für unsere Leserschaft», erwidert Projer. Und fügt an: «Dass das Klimathema auch vielen Unternehmen am Herzen liegt und im Werbemarkt relevanter wird, halte ich aber durchaus für eine Chance.»</p>
<p>Bei SRF bemüht man sich hingegen weniger um neue Geschäftsmodelle als um die Grundversorgung der Bevölkerung mit Informationen. Das ist beim Klimathema nicht anders. «Im Strategieprozess 2020–2024 haben wir dem Wissenschaftsressort und damit auch dem Themenfeld Klima deutlich grössere Relevanz und damit auch mehr Ressourcen gegeben», sagt Susanne Wille. Als Leiterin der Abteilung Kultur ist die ehemalige «10 vor 10»-Moderatorin auch für die Wissensredaktion zuständig. Diese verfügt gemäss Wille neu über 24,5 Vollzeitstellen, verteilt auf 32 Mitarbeitende. Zum Vergleich: Bei der «NZZ am Sonntag» stehen dafür aktuell knapp 4 Vollzeitstellen zur Verfügung und im Wissensressort von Tamedia teilen 7 Personen 5,4 Vollzeitstellen. Die personelle Stärke der (freilich nicht nur) fürs Klima zuständigen Redaktion zeigt sich in deren Output. Gemäss einer SRF-internen Auswertung wurden vor Corona täglich 5 bis 6 Beiträge zum Klimathema publiziert. Im Corona-Jahr 2021 waren es im Schnitt immer noch 4 pro Tag. Diese Kontinuität und die breite Durchdringung auf allen Kanälen hält Wille für «letztlich entscheidend zur Erfüllung unseres Leistungsauftrags».</p>
<blockquote><p>«Ich rede schon länger nicht mehr von Klimawandel, sondern von Klimaerwärmung, weil dies den realen Sachverhalt ganz klar benennt.»<br />
<small>Thomas Häuser, Leiter Wissenschaftsredaktion SRF</small></p></blockquote>
<p>Gesammelt werden manche dieser gebührenfinanzierten TV- und Radio-Geschichten im Online-Auftritt des Ressorts «Wissen» – seit letztem Sommer sogar unter einer eigenen <a href="https://www.srf.ch/wissen/klimawandel" rel="noopener" target="_blank">«Klimawandel»-Rubrik</a>. Die letzten aktuell dort verfügbaren Artikel datieren allerdings von Dezember. Und angepriesen werden sie in der Unterzeile als «Wissenswertes und Hintergründiges zur Klimaerwärmung». Doch zwischen «Klimawandel» und «Klimaerwärmung» liegen politische Welten. Das weiss niemand besser als SRF-Klimajournalist Thomas Häusler, der das Wissenschaftsressort beim Radio leitet. «Wir hinterfragen unseren Sprachgebrauch und verständigen uns darüber – auch über Abteilungsgrenzen hinweg. So rede ich schon länger nicht mehr von Klimawandel, sondern von Klimaerwärmung, weil dies den realen Sachverhalt ganz klar benennt.» Eine verbindliche Vereinheitlichung der redaktionellen Terminologie, wie sie BBC oder der «Guardian» seit Jahren schon praktizieren, sei beim Schweizer Sender jedoch kein Thema.</p>
<p>Wie die «NZZ am Sonntag» mit ihrer «2050»-Beilage, betreibt auch SRF neben der täglichen Berichterstattung in Sachen Klima ein Leuchtturmprojekt. Es heisst <a href="https://www.srf.ch/play/tv/sendung/co2ntrol?id=64fc57cd-03f5-4a03-b02e-2af89721d788" rel="noopener" target="_blank">«CO2ntrol»</a>, läuft seit August 2021 jeden zweiten Donnerstag im Frühstücksfernsehen von «SRF zwei» und, weit wichtiger, jederzeit auf dem <a href="https://www.youtube.com/c/SRFWissen/playlists?view=50&#038;shelf_id=1" rel="noopener" target="_blank">Youtube-Channel «SRF Wissen»</a>. Dafür verantwortlich zeichnet Thorsten Stecher, Gesamtleiter der Wissenschaftsredaktion am Leutschenbach. «Dieses frische Format vermittelt das komplexe Thema sehr anschaulich und hilft jungen Menschen, in Sachen Klima die richtigen Alltagsentscheidungen zu treffen.» Die stilistisch irgendwo zwischen Erklärvideo und Sensibilisierungskampagne angesiedelte Sendung dauert Web-kompatible zehn Minuten und erfreut sich intern und bei Youtube schon so grosser Beliebtheit, dass sie es dieses Jahr in die Primetime schafft. «Mit Best-of-Compilations von ‹CO2ntrol› bestreiten wir zwei Spezialsendungen unseres Wissensmagazins ‹Einstein›», kündigt Stecher erwartungsfroh an.</p>
<blockquote><p>Kann nur eine junge Redaktion mit Klimajournalismus ein jüngeres Publikum erreichen?</p></blockquote>
<p>Für Branchenaktivist*innen wie Sara Schurmann ist Klimajournalismus bezüglich der Glaubwürdigkeit und Relevanz von Medien längst zur Gretchenfrage avanciert. Zugleich ist es aber auch eine Generationenfrage. Und zwar gleichermassen für Publikum und Redaktion. Kann nur eine junge Redaktion mit Klimajournalismus ein jüngeres Publikum erreichen? Diese in Aktivist*innen-Kreisen häufig gestellte Frage kann man getrost verneinen, da es beim Klima vor allem um Fachkompetenz und die lange Sicht geht. Für beides braucht es viel Erfahrung. Vordenker Wolfgang Blau sieht hier einen potentiellen Generationenkonflikt, denn «es sind vor allem jüngere Kolleg*innen, die sich von der Klimakrise nicht nur professionell betroffen, sondern auch persönlich bedroht fühlen». Er hofft deshalb auf «eine offene Diskussion mit den Chefredaktionen über die Frage, wie sie der Dringlichkeit journalistisch gerecht werden können, ohne sich dem Aktivismus-Verdacht auszusetzen.».</p>
<p>Erstrebenswert scheint also ein redaktioneller Smart Mix aus Seniorität und Agilität. Das sieht auch der Doyen unter den Schweizer Klimajournalist*innen so. Martin Läubli begleitet das Thema (und das Thema ihn), seit er bei Tamedia arbeitet. Und das sind inzwischen 22 Jahre. «Ich war in dieser Zeit an über einem Dutzend UNO-Klimakonferenzen. Den ersten Artikel darüber schrieb ich im Jahr 2000 von der COP6 in Den Haag fürs Auslandsressort.» Das war zwar seine persönliche Initiative damals, von seinen Vorgesetzten hat der Wissenschaftsredaktor von «Tages-Anzeiger» und «Sonntagszeitung» sich dennoch immer unterstützt gefühlt. Umwelt und Klima seien «vom damaligen Chefredaktor Res Strehle vor zehn Jahren schon zum Schlüsseldossier erklärt» worden. Auf den «2050»-Coup der Konkurrenz ist er nicht neidisch. «Wir berichten regelmässig und viel zum Klima. Beim Wissen markiert das Thema mit der Online-Rubrik «Klimawandel» prominente Präsenz.» Im Angebot ist zudem ein 14-täglicher <a href="https://www.tamedia.ch/de/unternehmen/newsroom/medienmitteilungen/die-tageszeitungen-von-tamedia-lancieren-den-neuen-klima-newsletter-celsius" rel="noopener" target="_blank">Newsletter namens «Celsius»</a>, den Läubli zusammen mit Tamedia-Wetterexperte Martin Steinegger verfasst. Mit den bislang etwa 2500 Abonnent*innen ist er allerdings nicht zufrieden. Das sei wenig im Vergleich zu vergleichbaren «Tagi»-Diensten, zu wenig. «Ich hoffe, dass das Interesse unserer Leserschaft an diesen Themen weiter steigt.» Über allfällige redaktionelle Gründe für diese überraschende Zurückhaltung mag Läubli nicht spekulieren. Eine ständige Struktur, die sich systematisch und aus den verschiedenen Ressortperspektiven um das Klimathema kümmert, hält er aber jedenfalls für «wünschenswert». Ob es dazu mehr Ressourcen für das Ressort «Wissen» oder eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe bräuchte, soll jedoch die Chefredaktion beurteilen. «Vielleicht müsste man da schon mal drüber nachdenken und einen Vorschlag machen», räumt Läubli abschliessend ein.</p>
<blockquote><p>Das journalistische Bewusstsein für diese existentielle Dauerkrise scheint in unseren Nachbarländern wirklich schon einiges tiefer verankert zu sein.</p></blockquote>
<p>Anregungen und Ansprechpartner*innen dafür könnte er bei Portalen wie <a href="https://das-klima-thema.de/" rel="noopener" target="_blank">«Das Klimathema»</a> und <a href="https://www.klimafakten.de/" rel="noopener" target="_blank">«Klimafakten»</a> finden. Oder auch direkt beim <a href="https://klimajournalismus.de/" rel="noopener" target="_blank">«Netzwerk Klimajournalismus»</a>, das in Deutschland und Österreich seit letztem Sommer regelmässig Fachleute zusammenbringt, um inhaltliche und redaktionelle Fragen zu diskutieren. Dessen Mitinitiantin Sara Schurmann hoffte bei der Gründung, dass sich schnell auch interessierte Schweizer Kolleg*innen melden würden, bislang umsonst. </p>
<p>Unter den 50 Erstunterzeichnenden ihres oben erwähnten <a href="https://uebermedien.de/52582/journalistinnen-nehmt-die-klimakrise-endlich-ernst/" rel="noopener" target="_blank">Aufrufs</a> befanden sich nur gerade zwei Journalist*innen aus der Schweiz: <a href="https://twitter.com/vinzgreiner" rel="noopener" target="_blank">Vinzenz Greiner</a>, der bei Ringier das Podcast-Team leitet, und Alex Tiefenbacher, die fürs Online-Magazin «Das Lamm» (<a href="https://twitter.com/tiefenbacherin" rel="noopener" target="_blank">gemäss ihrem Twitterprofil</a>) «über die Klimakrise und anderes» berichtet. Zwei vielversprechende Nachwuchskräfte also, aber keine*r der etablierten Klima-Expert*innen in den hiesigen Leitmedien. Das journalistische Bewusstsein für diese existentielle Dauerkrise scheint in unseren Nachbarländern wirklich schon einiges tiefer verankert zu sein als zwischen Boden- und Genfersee. Doch die Schweiz bevorzugt ja häufig den autonomen Nachvollzug. Mal sehen, ob dieses Prinzip nicht nur in der Politik, sondern auch in der Publizistik gilt.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/01/26/antworten-auf-die-gretafrage-klimajournalismus-in-schweizer-redaktionen/">Antworten auf die Gretafrage: Klimajournalismus in Schweizer Redaktionen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Sara Schurmann: «Den Redaktionen fehlt es an naturwissenschaftlicher Grundbildung»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/01/25/den-redaktionen-fehlt-es-an-naturwissenschaftlicher-grundbildung/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2022/01/25/den-redaktionen-fehlt-es-an-naturwissenschaftlicher-grundbildung/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Jan 2022 16:56:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Klimajournalismus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=94323</guid>

					<description><![CDATA[<p>Klimajournalismus lautet die Antwort von immer mehr Medien auf den Klimawandel. Sara Schurmann hat in Deutschland das «Netzwerk Klimajournalismus» mitbegründet. Im Interview erklärt sie, welche Massnahmen und Methoden sie beim redaktionellen Umgang mit der wohl grössten Herausforderung der Menschheit für sinnvoll hält. Und was Redaktionen dabei aus der Corona-Krise lernen können. «Wer eindeutige wissenschaftliche Positionen <a href="https://medienwoche.ch/2022/01/25/den-redaktionen-fehlt-es-an-naturwissenschaftlicher-grundbildung/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/01/25/den-redaktionen-fehlt-es-an-naturwissenschaftlicher-grundbildung/">Sara Schurmann: «Den Redaktionen fehlt es an naturwissenschaftlicher Grundbildung»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Klimajournalismus lautet die Antwort von immer mehr Medien auf den Klimawandel. Sara Schurmann hat in Deutschland das «Netzwerk Klimajournalismus» mitbegründet. Im Interview erklärt sie, welche Massnahmen und Methoden sie beim redaktionellen Umgang mit der wohl grössten Herausforderung der Menschheit für sinnvoll hält. Und was Redaktionen dabei aus der Corona-Krise lernen können.</strong><br />
<a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/SaraSchurmann_RebeccaRuetten-20220125.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/SaraSchurmann_RebeccaRuetten-20220125-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" class="alignnone size-medium wp-image-94324" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/SaraSchurmann_RebeccaRuetten-20220125-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/SaraSchurmann_RebeccaRuetten-20220125-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/SaraSchurmann_RebeccaRuetten-20220125-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/SaraSchurmann_RebeccaRuetten-20220125-470x315.jpg 470w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/SaraSchurmann_RebeccaRuetten-20220125-728x485.jpg 728w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/01/SaraSchurmann_RebeccaRuetten-20220125.jpg 1456w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Im aktuellen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Don%E2%80%99t_Look_Up" rel="noopener" target="_blank">Erfolgsfilm «Don’t look up»</a>, einer satirischen Klimakatastrophen-Parabel, geben die Medien kein gutes Bild ab: Der drohenden Katastrophe sind die im Film dargestellten Medien überhaupt nicht gewachsen. Was halten Sie von dieser Zustandsbeschreibung des Journalismus?</p>
</div><div class="answer"><h4>Sara Schurmann:</h4> <p>Er ist sehr zugespitzt und beschränkt die Darstellung des Problems auf ein Qualitätsblatt und eine Frühstücks-TV-Show, aber die Kernbotschaft ist schon treffend. Das sieht man auch daran, wie intensiv und kontrovers der Film in den Redaktionen diskutiert wird. Der Mangel an grundsätzlichem Verständnis für die Klimakrise und notwendigem Fachwissen sind halt schon journalistische Hauptprobleme bei der Behandlung des Themas.</p>
</div><br />
</p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Inwieweit lässt sich redaktionell etwas aus dem Umgang mit Corona lernen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Corona hat uns zwar zwei Jahre der äusserst zeitkritischen Klimaberichterstattung gekostet, liefert dafür aber eine nützliche Schablone für die ressortübergreifende Auseinandersetzung mit und Kooperation bei solchen Megakrisen. Zudem zeigen beide Themen drastisch, dass es in Redaktionen an naturwissenschaftlicher Grundbildung fehlt. Ich machte 2015 meine Ausbildung an der besten deutschen Journalistenschule. Dort wurde über den journalistischen Umgang mit allen möglichen gesellschaftlichen Krisen diskutiert, aber über das im gleichen Jahr beschlossene Pariser Klimaabkommen fiel kein einziges Wort.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>War Wissenschaftsjournalismus nicht Teil der Ausbildung?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Doch, aber nur eine Woche lang. Und dort lernten wir, wie man spröde Wissensthemen gut lesbar als Reportagen aufbereitet, damit sich die Leute auch dafür interessieren. Wir haben nichts über «False Balance» gelernt oder die <a href="https://www.klimafakten.de/meldung/p-l-u-r-v-das-sind-die-haeufigsten-methoden-der-desinformation-neue-infografik-im" rel="noopener" target="_blank">PLURV-Methoden</a> der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftsleugnung" rel="noopener" target="_blank">Wissenschaftsleugnung</a>.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Wer eindeutige wissenschaftliche Positionen vertritt, schlägt sich damit nicht auf eine politische Seite.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Journalist*innen wird bei gesellschaftspolitisch brisanten Themen ja häufig vorgeworfen, entweder Aktivismus oder Lobbyismus zu betreiben.</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Wer eindeutige wissenschaftliche Positionen vertritt, und zwar bei Bedarf auch mit Vehemenz, schlägt sich damit nicht auf eine politische Seite. Wenn uns Corona etwas gelehrt hat, dann dass in solchen Fällen naturwissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlagen für die Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft liefern. Aber eben auch, dass diese Erkenntnisse nicht in Stein gemeisselt sind, sondern sich schnell weiterentwickeln und auch mal fehlerhaft sein können.</p>
</div></p>
<p>&#8212;<br />
==> Lesen Sie auch: <a href="https://medienwoche.ch/2022/01/26/antworten-auf-die-gretafrage-klimajournalismus-in-schweizer-redaktionen/">Klimajournalismus in Schweizer Medien</a></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Braucht es also einfach mehr Wissenschaftskompetenz in den Redaktionen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Ja, ganz sicher. Dann würden auch Gleichsetzungen von Wirtschaftswissenschaft und Naturwissenschaft, wie sie selbst Qualitätsblätter häufig noch betreiben, endlich aufhören. Wenn ein Ökonomieprofessor eine 3-Grad-Erwärmung als volkswirtschaftliches Optimum präsentiert, weil die Einhaltung der Pariser 1,5-Grad Grenze seinen Modellen nach einfach zu viel kostet, ist das grundsätzlich nicht auf eine Stufe zu stellen mit den Szenarien der von Hunderten von Klimatologen verfassten IPCC-Berichte. Solcher Blödsinn hat uns Jahre der wirklich ernsthaften Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem gekostet.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Das da wäre?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen und was der Journalismus dazu beitragen kann und muss.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wann ging Ihnen die Dimension und Dringlichkeit dieser Aufgabe auf?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Auch erst kurz bevor ich den <a href="https://uebermedien.de/52582/journalistinnen-nehmt-die-klimakrise-endlich-ernst/" rel="noopener" target="_blank">offenen Brief</a> an unsere Branche geschrieben habe. Diese Strategie schien mir erfolgsversprechender als den x-ten Kommentar dazu zu schreiben, den eh niemand liest, der sich nicht schon für Klimafragen interessiert.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Wieso?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Weil der Text als Trojanisches Pferd gedacht war. Ich habe 500 Kolleg*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angeschrieben und um ihre Unterschrift gebeten – nicht in der Hoffnung, dass viele unterschreiben, sondern eher, dass sie ihn wenigstens lesen würden. Ausgangspunkt dabei war die Frage, warum auch ich so lange nicht verstanden habe, wie wir Journalist*innen den Ernst der Lage verdrängen und welche berufsethische und gesellschaftliche Verantwortung wir in der Klimakrise haben.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Wenn man die Klimakatastrophe auf uns zurasen sieht, will man möglichst schnell und viel dazu beitragen, sie abzuwenden.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>In der Medienbranche fällt so eine Aktion aber schnell unter Aktivismus-Verdacht.</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Damit kann ich leben. Der «Stern» hat diese Diskussion mit seiner Kooperation mit «Fridays for Future» ja gezielt provoziert und auf ein neues Niveau gehoben. Ich hätte das zwar nicht gemacht, hatte aber kein Problem damit, weil die Sache völlig transparent war. Es war ein interessantes Experiment, auch weil es gezeigt hat, dass Aktivist*innen häufig viel mehr übers Klimathema wissen als Journalist*innen. Die taz hat ja eine ganze Ausgabe allein von Klimaaktivist*innen produzieren lassen und selbst in einer umweltbewussten Redaktion sieht man da unterschiedliche Prioritäten. Es gibt in Deutschland einige ehemalige Wissenschaftsjournalist*innen, die auf NGO-Seite gewechselt sind, weil sie in den Redaktionen zu wenig bewegen konnten.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Haben Sie Verständnis für solche Seitenwechsel?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Persönlich schon. Wenn man die Klimakatastrophe auf uns zurasen sieht, will man möglichst schnell und viel dazu beitragen, sie abzuwenden. Für die Branche und unsere Gesellschaft finde ich es natürlich tragisch, dass sich solche Stimmen nicht früher stärker durchsetzen konnten.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Die Schaffung eines Klima-Ressorts verleiht der Berichterstattung einen festen Platz und damit entsprechendes Gewicht im Haus.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Was ist für deutsche Chefredaktionen aktuell der Königsweg, um dem Klimathema inhaltlich gerecht zu werden und damit zugleich beim Publikum und Anzeigenkunden zu punkten: die Aufstockung der Wissenschafts-Redaktion, die Schaffung einer ressortübergreifenden Arbeitsgruppe oder gleich die Gründung eigener Klima-Ressorts?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Für kleinere Redaktionen gäbe es übrigens noch eine kostengünstige vierte Variante mit einem oder einer Klima-Chefin vom Dienst. Das ist jemand mit viel Fachwissen, der oder die in allen Konferenzen dabei ist, den Redaktor*innen Hinweise zur Verbindung ihrer Geschichte mit dem Klimathema gibt und auch bei Recherche oder Einordnung helfen kann. Das Ziel jeder Redaktionsstrategie muss aber die Etablierung der Klimaproblematik als Querschnittsthema sein.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Mit welcher der drei genannten Strategien?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Alle drei Massnahmen sind grundsätzlich gut, aber letztlich kommt es immer darauf an, was umsetzbar ist. Die die ressortübergreifende Arbeitgruppe und das Klima-Ressort haben aber einen grösseren strukturellen Effekt. Die Schaffung eines Klima-Ressorts verleiht der Berichterstattung einen festen Platz und damit entsprechendes Gewicht im Haus. Zumindest übergangsweise kann das sinnvoll sein. Ziel muss es jedoch sein, Klima und die planetaren Krisen immer und überall mitzudenken, wo sie eine Rolle spielen.</p>
</div></p>

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<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Welcher deutschsprachige Verlag hat diesen Schritt schon gemacht?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Die Wiener Wochenzeitung «Falter» zum Beispiel. Wobei die Gründung des Ressorts Natur, das sich vor allem der Klima- und Biodiversitätskrise widmet, interessanterweise nicht zur Ghettoisierung dieser Themen auf den grünen Seiten geführt hat. Im Gegenteil: Da die gesamte Redaktion das eigene Blatt liest, wirken die häufig auch investigativen Geschichten im Natur-Bund inspirierend auf die anderen Ressorts.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Die erste und wichtigste Frage ist immer: Wie kriege ich den notwendigen Wandel im jeweiligen Medium am ehesten hin?»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Sie beraten in dieser Frage mit dem SWR auch eine der grössten deutschen Sendeanstalten und haben sich dafür angeschaut, wie international mit der Herausforderung umgegangen wird. Was haben Sie gelernt?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Die erste und wichtigste Frage ist immer: Wie kriege ich den notwendigen Wandel im jeweiligen Medium am ehesten hin? Für strukturelle Änderungen braucht man erst mal motivierte Mitstreiter*innen und dann die richtigen Allianzen. Diese Kolleg*innen können in den unterschiedlichsten Abteilungen sitzen – auch in der Verwaltung. Wichtig ist, dass sie die Dringlichkeit verstanden haben. Und das geht oft einher mit einem emotionalen Zugang zur Klimakrise.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Journalistische Grundtugenden sind doch aber auf Faktenwissen beruhende Nüchternheit und Objektivität. Gilt das fürs Klimathema nicht ganz besonders?</p>
</div><div class="answer"><h4>Schurmann:</h4> <p>Jein. Denn Faktenwissen schützt nicht vor Verdrängung. Das ist zwar sehr menschlich, aber problematisch, weil wir Journalist*innen ein klares, greifbares Bild der Lage zeichnen müssen. Einige Kolleg*innen tendieren dazu, die Pariser Klimaziele als unrealistisch abzuschreiben, ohne sich und den Leser*innen die existentiellen Konsequenzen zu vergegenwärtigen, die bereits 1,5 Grad Erwärmung haben werden. Wer die wissenschaftlichen Timelines vorm inneren Auge hat und mit dem eigenen Leben oder dem seiner Kinder abgleicht, kann sich einer gewissen Emotionalisierung nicht erwehren. Und die braucht es, damit aus dem ja breit vorhandenen Klimawissen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft endlich Klimahandeln wird.</p>
</div></p>
<p>&#8212;<br />
<small><strong>Sara Schurmann</strong> kommt aus Brandenburg und hat Sozialwissenschaften studiert. Die an der Henri-Nannen-Schule ausgebildete Journalistin arbeitete für den «Tagesspiegel», «Zeit Online», leitete das «F Mag» bei Gruner + Jahr und war Textchefin der «Vice»-Gesamtredaktion. Schurmann hat das <a href="https://klimajournalismus.de/" rel="noopener" target="_blank">«Netzwerk Klimajournalismus»</a> in Deutschland mitbegründet, das Medienschaffende und Fachleute vernetzt. Schurmann berät heute diverse Medien in klimajournalistischen Fragen. Mitte März erscheint im Brandstätter-Verlag ihr Buch <a href="https://www.brandstaetterverlag.com/buch/klartext-klima/" rel="noopener" target="_blank">«Klartext Klima!»</a>.</small></p>
<p><small>Bild: zVg/<a href="https://www.rebeccaruetten.com/" rel="noopener" target="_blank">Rebecca Ruetten</a></small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/01/25/den-redaktionen-fehlt-es-an-naturwissenschaftlicher-grundbildung/">Sara Schurmann: «Den Redaktionen fehlt es an naturwissenschaftlicher Grundbildung»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Medienschelte des Nestlé-Chefs: Der gekränkte König von Vevey</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/01/14/medienschelte-des-nestle-chefs-der-gekraenkte-koenig-von-vevey/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 14 Jan 2021 19:26:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[NZZ]]></category>
		<category><![CDATA[Nestle]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Nachgang zur Konzernverantwortungsinitiative KVI übt der Verwaltungsratspräsident von Nestlé massive Medienkritik in einem Gastkommentar in der NZZ. Dabei hat die Berichterstattung der Schweizer Medien massgeblich zur Ablehnung der KVI beigetragen. Paul Bulckes Klagelied offenbart zwar ein höchst problematisches Demokratie- und Medienverständnis. Zugleich windet er Schweizer Presse und TV aber ein Kränzchen – wenn auch <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/14/medienschelte-des-nestle-chefs-der-gekraenkte-koenig-von-vevey/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Im Nachgang zur Konzernverantwortungsinitiative KVI übt der Verwaltungsratspräsident von Nestlé massive Medienkritik in einem Gastkommentar in der NZZ. Dabei hat die Berichterstattung der Schweizer Medien massgeblich zur Ablehnung der KVI beigetragen. Paul Bulckes Klagelied offenbart zwar ein höchst problematisches Demokratie- und Medienverständnis. Zugleich windet er Schweizer Presse und TV aber ein Kränzchen – wenn auch unfreiwillig.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-84983" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Nestle-Krone-20210114.jpg" alt="" width="1456" height="972" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Nestle-Krone-20210114.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Nestle-Krone-20210114-300x200.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Nestle-Krone-20210114-768x513.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Nestle-Krone-20210114-1024x684.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Nestle-Krone-20210114-470x315.jpg 470w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/01/MW-Nestle-Krone-20210114-728x485.jpg 728w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Es gibt drei Dinge, die auch den abgebrühtesten Top-Manager – häufig in Kombination – irgendwann aus der Ruhe bringen: substanzielle Börsenverluste, akute Imageprobleme und medial heftig kritisiert oder gänzlich ignoriert zu werden. Die letzten beiden Punkte haben einen der mächtigsten Firmenlenker der Welt zu einem Pamphlet provoziert, dessen Grundthese nachweislich falsch und dessen Hauptbotschaft, gelinde gesagt, bedenklich ist. Mit seinem am 24. Dezember 2020 von der NZZ publizierten <a href="https://www.nzz.ch/meinung/die-kluft-zwischen-menschen-medien-und-konzernen-ld.1593299" target="_blank" rel="noopener">Gastkommentar</a> machte Paul Bulcke der Schweizer Öffentlichkeit ein äusserst zweifelhaftes Weihnachtsgeschenk. Was von Nestlés VR-Präsident und oberstem Kommunikator als Befreiungsschlag gedacht war, erweist sich als Bärendienst für den nicht erst seit der KVI mit Reputationsproblemen kämpfenden Nahrungsmittelriesen.<br />
</p>
<p>Was Bulcke besonders frustriert und getroffen hat, ist die hohe Zustimmung, welche das Ende November knapp am Ständemehr gescheiterte Volksbegehren in Städten mit Konzernhauptsitzen erreicht hat, so auch in «seinem» Vevey. «Man nahm unsere Meinung dort entweder nicht zur Kenntnis – oder man glaubte uns nicht.» Schuld daran seien die Medien, denn sowohl bei kleinen Lokalzeitungen als auch bei der grossen SRG stosse man «auf Skepsis und Misstrauen». Im KVI-Kontext zumindest ist das eine glatte Lüge. Dies belegt der <a href="http://www.foeg.uzh.ch/dam/jcr:aa5b7798-fb32-49f4-887d-cbbdd7fe6e0c/Abstimmungsmonitor_November_2020.pdf" target="_blank" rel="noopener">Abstimmungsmonitor</a> der Forschungsstelle für Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich. Die Tonalität der Berichterstattung über die umstrittene Initiative war demnach überwiegend negativ, also im Sinne von Nestlé, Economiesuisse und Karin Keller-Suter.</p>
<blockquote><p>Bulcke unterstellt Journalisten und Wählerschaft pauschal eine spezifisch schweizerische «Wahrnehmungsstörung».</p></blockquote>
<p>Dazu beigetragen hat auch Bulcke, gezielt und höchstpersönlich. Durch <a href="https://www.tagblatt.ch/meinung/zur-konzernverantwortungsinitiative-die-absicht-ist-gut-der-weg-aber-voellig-falsch-ld.1271098" target="_blank" rel="noopener">Stellungnahmen</a>, <a href="https://www.blick.ch/wirtschaft/nestle-praesident-bulcke-ueber-kovi-und-moralismus-es-gibt-auch-das-menschenrecht-auf-arbeit-und-nahrung-id16204212.html" target="_blank" rel="noopener">Interviews</a> und, wichtiger noch, ausführliche Hintergrundgespräche mit Chefredaktionen und Ressortleitungen, so belegterweise bei «Blick» und NZZ. Als einer der wichtigsten Anzeigenkunden konnte er seine «Alternative Corporate Facts» dort weitgehend widerspruchslos verbreiten. In der NZZ lobbyiert er aber nicht nur gegen mehr rechtsverbindliche Unternehmensverantwortung, sondern unterstellt Journalisten und Wählerschaft pauschal eine spezifisch schweizerische «Wahrnehmungsstörung».</p>
<p>In jener für enttäuschte Sonnenkönige typischen Mischung aus Larmoyanz und Aggressivität beklagt er nicht nur, dass «Wirtschaftsskeptiker offenbar besser ankommen». Bulcke denunziert die mehrheitsfähigen Menschenrechtsanliegen der KVI-Allianz als blosse Aluhut-Esoterik. Er beschwert sich auch allen Ernstes darüber, «wie schwierig es geworden ist, unsere Aktivitäten in die Medien zu bringen».</p>
<blockquote><p>Bulckes Schelte zeigt den Geist einer globalisierten Wirtschaftsaristokratie, die Medien als reine Verlautbarungsdienstleister betrachten.</p></blockquote>
<p>Wäre ich Pressesprecher von Nestlé, wäre es mir spätestens beim letzten Satz eiskalt den Rücken runtergelaufen. Und zwar gleich zwei Mal: Einerseits sähe ich – bei einem sooo unzufriedenen Oberboss – meinen Job in höchster Gefahr. Zudem würde es mir bei jedem Journalistenkontakt fortan die Schamesröte ins Gesicht treiben. Denn Bulckes Schelte zeigt den Geist einer globalisierten Wirtschaftsaristokratie, die Medien nicht als Wachhunde der Demokratie (auch gegenüber Konzerninteressen), sondern als reine Verlautbarungsdienstleister betrachten. Egal, ob es sich dabei um Arbeitsrecht, Klimapolitik oder Produktinnovationen handelt. Denn je grösser die Machtkonzentration bei einzelnen Marktakteuren, desto grösser die Notwendigkeit der Machtkontrolle durch möglichst viele Medienakteure.</p>
<p>Was also als fundamentale Kritik gemeint war, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als unfreiwilliges Kompliment an unsere doch immer noch relativ unabhängige vierte Gewalt. In Bulckes Kritik steckt aber noch eine weitere gute Nachricht. Im Gegensatz zu vielen anderen Managern von Grossunternehmen, die ihr kommunikatives Heil längst im Corporate Publishing und aufwändigen Firmenmagazinen suchen, scheint Nestlé für seine Botschaften weiter auf die Reichweite und Glaubwürdigkeit traditioneller Verlagshäuser und gebührenfinanzierter Sender zu setzen. Jetzt muss man in Vevey und anderen Schweizer Konzernzentralen nur noch begreifen und beherzigen, dass Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit zwei Seiten der gleichen Medien-Medaille sind.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/14/medienschelte-des-nestle-chefs-der-gekraenkte-koenig-von-vevey/">Medienschelte des Nestlé-Chefs: Der gekränkte König von Vevey</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Petitionsplattformen als Corona-Ventil und lokaler Themenradar</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/05/19/petitionsplattformen-als-corona-ventil-und-lokaler-themenradar/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2020/05/19/petitionsplattformen-als-corona-ventil-und-lokaler-themenradar/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 May 2020 18:38:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Aargauer Zeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Petition]]></category>
		<category><![CDATA[Campax]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=78799</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der grösste Schweizer Online-Petitionsdienst verzeichnet einen regelrechten Corona-Boom: Campax verwandelt Unmutsbekundungen zu Unterschriftensammlungen. Auch die «Aargauer Zeitung» bietet mit der Plattform Petitio ein digitales Protestventil. Dort geht es aber nicht um Corona, sondern um Aufreger aus Dorf und Quartier. «Dieses Anliegen ist mir sehr wichtig, bitte mach mit.» So lautete die Nachricht, die mir eine <a href="https://medienwoche.ch/2020/05/19/petitionsplattformen-als-corona-ventil-und-lokaler-themenradar/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/05/19/petitionsplattformen-als-corona-ventil-und-lokaler-themenradar/">Petitionsplattformen als Corona-Ventil und lokaler Themenradar</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der grösste Schweizer Online-Petitionsdienst verzeichnet einen regelrechten Corona-Boom: Campax verwandelt Unmutsbekundungen zu Unterschriftensammlungen. Auch die «Aargauer Zeitung» bietet mit der Plattform Petitio ein digitales Protestventil. Dort geht es aber nicht um Corona, sondern um Aufreger aus Dorf und Quartier.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-78800" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/05/MW-Petitionen-Boom_20200519-DSCF2196.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/05/MW-Petitionen-Boom_20200519-DSCF2196.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/05/MW-Petitionen-Boom_20200519-DSCF2196-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/05/MW-Petitionen-Boom_20200519-DSCF2196-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/05/MW-Petitionen-Boom_20200519-DSCF2196-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/05/MW-Petitionen-Boom_20200519-DSCF2196-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
«Dieses Anliegen ist mir sehr wichtig, bitte mach mit.» So lautete die Nachricht, die mir eine befreundete Journalistin Anfang Mai auf WhatsApp weitergeleitet hat. Was folgte, war keine Erklärung, sondern ein Link. Und zwar zu einem <a href="https://act.campax.org/petitions/normalbetrieb-in-der-schule-1" target="_blank" rel="noopener">Aufruf zum «Normalbetrieb in der Schule»</a>, der sich gegen die Halbklassen-Strategie zum Corona-Wiedereinstieg wandte. Die Online-Aktion fand nicht nur auf Chat-Plattformen, sondern auch via <a href="https://www.telezueri.ch/zuerinews/petition-fordert-ganze-statt-halbe-klassen-bei-zuercher-schuloeffnung-137796937" target="_blank" rel="noopener">TeleZüri</a> und <a href="https://www.srf.ch/play/tv/schweiz-aktuell/video/schweiz-aktuell-vom-05-05-2020-1900?id=404bc6e8-15ea-41ee-ae30-92f49db2c4f5" target="_blank" rel="noopener">«Schweiz aktuell»</a> schnelle Verbreitung. Innert Wochenfrist kamen über 7500 Unterstützerinnen zusammen.<br />
<br />
Initiiert und konzipiert hat diese «nachdrückliche Bitte an die Zürcher Bildungsdirektion» eine ehemalige Lehrerin. Sabine Fercher ist Mutter von Zwillingen und selbstständige Compliance-Spezialistin. Sie bezeichnet sich als «sonst eher apolitisch» und ihr Engagement in dieser Sache als «spontanes Resultat persönlicher Betroffenheit». Motivationsmässig steht sie damit stellvertretend für all jene, die ihrem Ärger über getroffene oder unterlassene Regierungsmassnahmen gegen die Pandemie und ihre Folgen per Sammelaktion Luft verschaffen. Das beschert der Schweiz und vielen anderen Ländern dieser Tage eine beispiellose Petitionsflut.</p>
<p>Vom Boom dieses lange nur von NGOs genutzten Protestinstruments profitiert primär Campax, die führende Schweizer Plattform für Internet-Petitionen. Und laut Selbstdeklaration zudem «eine Bewegung, bei der sich inzwischen über 100&#8217;000 Engagierte für soziale, wirtschaftliche und ökologische Fairness einsetzen». Die bislang erfolgreichste Corona-Petition aus dieser progressiven Küche vertrat allerdings ein relativ konservatives Anliegen: Die Forderung eines Reisebüro-Inhabers nach <a href="https://act.campax.org/petitions/tausende-kleinbetriebe-von-kurzarbeitsentschadigung-ausgeschlossen-obwohl-sie-alv-beitrage-zahlen" target="_blank" rel="noopener">«Bundeshilfe auch für Selbständige»</a> wurde in bloss drei Tagen fast 100&#8217;000 Mal unterschrieben. Tatsächlich hat der Bundesrat Kleinunternehmern kurz darauf eine Monatspauschale von 3320 Franken zugesprochen. Welche Rolle diese Web-basierten Solidaritätswelle dabei spielte, <a href="https://www.derbund.ch/die-hilfe-kommt-aus-dem-netz-182833799609" target="_blank" rel="noopener">bleibt freilich offen</a>.</p>
<blockquote><p>«Im ersten Quartal dieses Jahres ermöglichten wir über 200 Petitionen, so viele wie im ganzen letzten Jahr nicht»<br />
<small>Andreas Freimüller, Campax</small></p></blockquote>
<p>Fest steht hingegen: Solche Zahlen erreicht man nur mit einem sich selbst verstärkenden Echo, das von Social Media häufig auch auf traditionelle Medien überspringt. Campax-Geschäftsleiter Andreas Freimüller kennt und beherrscht diese Wirkungslogik. «Im ersten Quartal dieses Jahres ermöglichten wir über 200 Petitionen, so viele wie im ganzen letzten Jahr nicht», freut sich der Kampagnenprofi. Freimüller gründete die Plattform 2017 nach Vorbildern wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/MoveOn.org" target="_blank" rel="noopener">MoveOn.org</a> oder <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Campact" target="_blank" rel="noopener">campact.de</a>. Sein Vorsatz war es, innert fünf Jahren die grösste E-Mail-Reichweite aller Schweizer NGOs zu haben. «Jetzt haben wir sie schon nach drei Jahren, natürlich auch wegen dem Virus.»</p>
<p>Mit Appellen wie jenem des Reiseunternehmers erschliesst sich Campax eine neue, politisch viel breitere Klientel. Beim Erstkontakt wissen Adressaten, die nicht NGO-affin und protestgewohnt sind, aber zumeist nicht, wofür die Organisation steht. «Sobald sie merken, dass wir links-grün unterwegs sind, ignoriert ein Grossteil der Corona-Petitionäre unsere Folgekommunikation», so Freimüller. Für ihn, seine acht Mitarbeitenden und den Vorstand käme auch die SVP als Absender «grundsätzlich in Frage». Allerdings nur, solange es um «eine Strassenberuhigung in Oberwil-Lieli» oder ähnlich unideologische Anliegen geht. Für politische Forderungen aus dem Kerngeschäft von Rechtsaussen bietet Campax keine Plattform.</p>
<blockquote><p>«Unser Ziel ist letztlich die Beeinflussung nationaler Politik.»<br />
<small>Andreas Freimüller</small></p></blockquote>
<p>Mit dem Erfolg kommt aber auch die Kritik. So sieht sich der US-amerikanische Branchenprimus <a href="https://www.change.org/" target="_blank" rel="noopener">change.org</a> regelmässig mit dem <a href="https://www.huffpost.com/entry/changeorg-corporate-gop-campaigns-internal-documents_n_1987985" target="_blank" rel="noopener">Vorwurf konfrontiert</a>, zur Optimierung seiner Reichweite und Spendeneinnahmen auch konservativen Kräften oder gar Konzernen eine Plattform zu bieten. Veränderung als Selbstwert also, egal in welche Richtung die Reise geht? «Wir kennen keine Tabus, haben aber eine klare Mission, nämlich sozialen und ökologischen Anliegen zum Durchbruch zu verhelfen», sagt Freimüller. «Unser Ziel ist letztlich die Beeinflussung nationaler Politik, wie wir es zuletzt beim Thema <a href="https://campax.org/kampagnen/waffenexporte/" target="_blank" rel="noopener">Waffenexporte</a> und der Korrektur-Initiative geschafft haben.»</p>
<p>Campax ist rechtlich ein Verein und versteht sich eigentlich als NGO, die immer stärker selbst Themen setzen und eigene Interessen vertreten will. Ihre dank Corona explodierende Petitionsplattform liefert dafür nur den Rohstoff, einerseits durch Adressdaten und andererseits durch die mit der Reichweite wachsende Markenbekanntheit. Für <a href="http://www.gamechanger.ch/" target="_blank" rel="noopener">Daniel Graf</a>, den Schweizer Pionier der digitalen Unterschriftensammlung, hat Campax «eine grosse und wichtige Lücke gefüllt». Hätten früher ausschliesslich Parteien und Verbände den politischen Takt angegeben, könnte es heute jede/r mit einem Veränderungswunsch «innert zwei Wochen vom Bierdeckel über Facebook bis auf die Frontseite eines Leitmediums» bringen.</p>
<blockquote><p>«Wer es politisch ernst meint, startet hierzulande gleich ein Referendum oder eine Initiative»<br />
<small>Daniel Graf, Kampagnenspezialist</small></p></blockquote>
<p>Fakt ist: Auch in der direkten Demokratie konnte man Petitionen bislang nur auf Papier unterschreiben. Jetzt lassen sie sich mit ein paar Klicks selbst starten. Ihre Durchschlagskraft steht und fällt jedoch mit der Mobilisierung und den Schlagzeilen, die Thema und Tonalität einer privaten Kampagne generieren. «Wer es politisch ernst meint, startet hierzulande gleich ein Referendum oder eine Initiative», sagt Graf. Denn bis eine Petition bei Behörden oder Regierung auch nur ein bisschen Eindruck macht, braucht es laut dem <a href="https://www.wecollect.ch/" target="_blank" rel="noopener">WeCollect</a>-Macher «schon deutlich über 100‘000 Unterstützende». Dies ist zuletzt ausgerechnet dem Aufruf für eine Senkung der Radio- und Fernsehgebühren gelungen (<a href="https://www.werbewoche.ch/werbung/2011-05-17/petition-gebuehrenmonster-eingereicht" target="_blank" rel="noopener">«Gebührenmonster»</a>), welcher bekanntlich als Testlauf für die «No Billag»-Initiative diente.</p>
<p>Anstatt nur über die Petitionen anderer zu berichtet, bietet die «Aargauer Zeitung» von CH Media seit dreieinhalb Jahren selbst eine redaktionell betreute Online-Plattform zur elektronischen Unterschriftensammlung. Dort geht es beispielsweise gegen die <a href="https://www.petitio.ch/petitions/1mVV1" target="_blank" rel="noopener">«Lärmbelästigung durch Auto-Poser»</a> oder um die <a href="https://www.petitio.ch/petitions/1AqEL" target="_blank" rel="noopener">«Verhinderung von 5G-Antennen»</a> oder für die <a href="https://www.petitio.ch/petitions/1gnGR" target="_blank" rel="noopener">«Liberalisierung von Homeschooling im Kanton Solothurn»</a>. Offiziell wurde <a href="https://www.petitio.ch/" target="_blank" rel="noopener">Petitio</a> «zur Förderung der Bürgerbeteiligung» lanciert. Strategisch dient die <a href="https://www.persoenlich.com/medien/az-medien-starten-mit-google-gefordertem-petitionsportal" target="_blank" rel="noopener">von Google mitfinanzierte</a> Petitionsplattform aber eher der Leserbindung und als Themenradar.</p>
<blockquote><p>«Wir mussten in der letzten Zeit bloss ein paar Verschwörungstheoretiker abblocken, die auf Petitio ihre struben Ideen verbreiten wollten.»<br />
<small>Rolf Cavalli, Aargauer Zeitung</small></p></blockquote>
<p>Das dementiert der fürs Projekt zuständige AZ-Chefredaktor Rolf Cavalli denn auch nur halbherzig. Und präzisiert: «Die Berichterstattung über Anliegen, die eine genügend breite Unterstützung finden, ist ebenso Teil unseres Angebots wie die Petitionseinreichung mit unserem Absender beim zuständigen Amt.» Wobei sich «genügend breit» nach der jeweiligen Gemeindegrösse richte. Dass ein Grossverlag politische Projekte über die Berichterstattung hinaus aktiv unterstützt, ist für die Kampagnenprofis Graf und Freimüller unproblematisch. Dazu seien die Anliegen zu kleinräumig und die verlegerische Risikobereitschaft fürs Projekt zu gering.</p>
<p>Dass die Corona-Krise auf der AZ-Plattform fast keinen Niederschlag findet, liegt wohl am hyperlokalen Fokus der dort artikulierten Anliegen. «Wir mussten in der letzten Zeit bloss ein paar Verschwörungstheoretiker abblocken, die dort ihre struben Ideen verbreiten wollten», so Cavalli.</p>
<p>Was als Nebenprodukt des Relaunchs 2016 begann, könnte bei der anstehenden Überarbeitung der CH Media-Websites diesen Herbst vertieft und auf andere Regionen ausgeweitet werden. Noch sei diesbezüglich aber «nichts entschieden». Vielleicht skalieren Weltwoche oder «Wochenzeitung» dieses Lokalexperiment ja bald auch auf nationales Niveau. Das würde dem häufig bemühten Begriff des Kampagnenjournalismus dann definitiv eine völlig neue Bedeutung und Dimension geben.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/05/19/petitionsplattformen-als-corona-ventil-und-lokaler-themenradar/">Petitionsplattformen als Corona-Ventil und lokaler Themenradar</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<item>
		<title>Kolumne: Es braucht mehr harte aber faire NGO-Kritik</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/03/10/kolumne-es-braucht-mehr-harte-aber-faire-ngo-kritik/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Mar 2020 19:48:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne Oliver Classen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Je einflussreicher ein politischer oder wirtschaftlicher Akteur wird, desto genauer schauen ihm die Medien auf die Finger. Bei Nichtregierungsorganisationen gilt das heute nur bedingt. Entweder sind NGOs für die Medien hui oder pfui. Entsprechend undifferenziert war bisher die Berichterstattung. Doch zum Glück gibt es erste Ausnahmen. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Und wo viele Menschen <a href="https://medienwoche.ch/2020/03/10/kolumne-es-braucht-mehr-harte-aber-faire-ngo-kritik/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Je einflussreicher ein politischer oder wirtschaftlicher Akteur wird, desto genauer schauen ihm die Medien auf die Finger. Bei Nichtregierungsorganisationen gilt das heute nur bedingt. Entweder sind NGOs für die Medien hui oder pfui. Entsprechend undifferenziert war bisher die Berichterstattung. Doch zum Glück gibt es erste Ausnahmen.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-77035" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/03/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20200310-DSCF2323.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/03/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20200310-DSCF2323.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/03/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20200310-DSCF2323-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/03/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20200310-DSCF2323-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/03/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20200310-DSCF2323-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/03/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20200310-DSCF2323-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler. Und wo viele Menschen arbeiten, passieren mehr Fehler. Potenziell zumindest. Deshalb werden bei Konzernen mehr Missstände aufgedeckt als bei KMUs. Und deshalb sorgten in den letzten Jahren verschiedentlich auch global operierende NGOs für Negativschlagzeilen. Das lag nicht an den Zielsetzungen oder den Methoden von Greenpeace, Oxfam oder WWF, sondern an mangelnder interner Kontrolle (ein Phänomen, das alle Grossorganisationen kennen) und, viel häufiger noch, individuellen Fehlleistungen. So wie in anderen Branchen halt.</p>
<blockquote><p>In der Regel erntet ein NGO-Skandal eimerweise Häme, häufig gefolgt von pauschalisierender bis haltloser Grundsatzkritik.</p></blockquote>
<p>Das gilt auch für die jüngst von der <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/ausland/amerika/bezahlt-um-bei-diskriminierung-von-schwulen-wegzuschauen/story/11339707" target="_blank" rel="noopener">Sonntagszeitung</a> thematisierte Grossspende eines saudischen Milliardärs an <a href="https://www.hrw.org/de" target="_blank" rel="noopener">Human Rights Watch</a> (HRW). Der Saudi gab das Geld unter der Bedingung, dass HRW damit keine Projekte für die Rechte von Homosexuellen im Nahen Osten und Nordafrika verwendet. Die Organisation akzeptierte die Forderung. Da wusste ein Fundraiser bei der weltweit zweitgrössten Menschenrechtsorganisation offensichtlich nichts von der Kritik seines eigenen Arbeitgebers an den üblen Geschäftspraktiken des Gönners. Eine megapeinliche Panne, die von der Investigativ-Plattform <a href="https://theintercept.com/2020/03/02/human-rights-watch-took-money-from-saudi-businessman-after-documenting-his-coercive-labor-practices/" target="_blank" rel="noopener">«The Intercept»</a> aufgedeckt und von SoZ-Textchef Rico Bandle zusammengefasst wurde – ebenso korrekt wie unaufgeregt. «Geht doch!», dachte ich erfreut. In der Regel erntet ein NGO-Skandal nämlich eimerweise Häme, häufig gefolgt von pauschalisierender bis haltloser Grundsatzkritik daran, «wie im Namen des guten Zwecks falsche Mythen fabriziert und Verbrechen begangen werden».</p>
<p>Das sagt Weltwoche-Redaktor Alex Baur, der aus dieser ultrasteilen These und seiner Verachtung für progressiven Aktivismus kürzlich <a href="https://www.muensterverlag.ch/produkt/baur-der-fluch-des-guten/" target="_blank" rel="noopener">ein ganzes Buch gezimmert</a> hat. Darin geht es letztlich um die politische Deutungshoheit darüber, was Mensch und Gesellschaft guttut, aber eben auch um moralische Überlegenheit. Diese Haltung unterstellt Alex Baur allen «Weltverbesserern». Und merkt nicht, wie er sie damit bloss reproduziert. Sein Ex-Kollege Bandle zeigt, wie man sich vom Weltwoche-Furor befreien und sachlich über das Vergehen und Versagen einer NGO berichten kann. Er löst damit ein, was sein Chef Armin Müller <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/hilfsorganisationen-sind-nicht-einfach-die-guten/story/23697408" target="_blank" rel="noopener">vor Jahresfrist</a> postuliert hat: «Alle relevanten Institutionen müssen überwacht werden, auch NGOs.»<br />
<br />
Zurecht verstehen sich seriöse NGOs als Teil der Lösung und nicht des Problems. Doch der Heiligenschein, der ihnen von vielen Medienschaffenden (aus Naivität oder der Sehnsucht nach Heilsbringern) verpassen, hat mit der Realität ebenso so wenig zu tun wie die von Baur und Konsorten bemühte Teufelsfratze.</p>
<p>Grosse wie kleine NGOs vertreten die Interessen ihrer Mitglieder und gehören dafür weder idealisiert noch dämonisiert. Sie haben politisches Gewicht und kämpfen um mediale Aufmerksamkeit, zumeist mit relevanten Fakten und manchmal sogar dem besseren Argument. Der Zeitgeist verleiht der Zivilgesellschaft seit einiger Zeit schon Flügel und formt diesen Sektor grad rapide um. Ein Grund mehr für Redaktionen, auf diese aktivistischen Akteure mit Sachkenntnis statt Sensationslust zu blicken.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/03/10/kolumne-es-braucht-mehr-harte-aber-faire-ngo-kritik/">Kolumne: Es braucht mehr harte aber faire NGO-Kritik</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Kolumne: Wer Assange schützt, stärkt den Whistleblower-Schutz</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/12/19/kolumne-wer-assange-schuetzt-staerkt-den-whistleblower-schutz/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Dec 2019 12:42:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Julian Assange]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne]]></category>
		<category><![CDATA[WIkileaks]]></category>
		<category><![CDATA[Oliver Classen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die drohende Auslieferung des Wikileaks-Gründers Julian Assange an die USA provoziert kaum journalistische Proteste. Dabei hat die vierte Gewalt dem Whistleblower-Winkelried viel zu verdanken. Einigen Medienschaffenden dämmert das langsam – selbst in der Schweiz, dieser Bananenrepublik im Umgang mit den so wichtigen Whistleblowern. Vor knapp zwei Wochen berichtete Bloomberg exklusiv über einen Zürcher Gerichtsfall. Die <a href="https://medienwoche.ch/2019/12/19/kolumne-wer-assange-schuetzt-staerkt-den-whistleblower-schutz/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/12/19/kolumne-wer-assange-schuetzt-staerkt-den-whistleblower-schutz/">Kolumne: Wer Assange schützt, stärkt den Whistleblower-Schutz</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die drohende Auslieferung des Wikileaks-Gründers Julian Assange an die USA provoziert kaum journalistische Proteste. Dabei hat die vierte Gewalt dem Whistleblower-Winkelried viel zu verdanken. Einigen Medienschaffenden dämmert das langsam – selbst in der Schweiz, dieser Bananenrepublik im Umgang mit den so wichtigen Whistleblowern.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-75342" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Kolumne-Classen-20191219a.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Kolumne-Classen-20191219a.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Kolumne-Classen-20191219a-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Kolumne-Classen-20191219a-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Kolumne-Classen-20191219a-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/12/MW-Kolumne-Classen-20191219a-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Vor knapp zwei Wochen <a href="https://www.bloomberg.com/news/articles/2019-12-06/trafigura-insider-gagged-from-discussing-accounting-by-court" target="_blank" rel="noopener">berichtete Bloomberg exklusiv</a> über einen Zürcher Gerichtsfall. Die Richter verboten demnach einem Insider auf Betreiben von dessen Ex-Arbeitgeber unter Strafandrohung, eine in Belgien gemachte Aussage in der Schweiz zu wiederholen. Für die führende Wirtschaftsnachrichtenagentur ist klar: «Das zeigt, wie wenig Schutz Informanten in der Schweiz erwarten können, weil oft das Geschäftsgeheimnis zu Hilfe gerufen wird, um Lecks zu verhindern» – eine aus amerikanischer Mediensicht offenkundig befremdliche Praxis. Bei der bereits im September erlassenen Verfügung ging es um Hinweise auf einen Buchhaltungsbetrug beim Metallhändler <a href="https://www.trafigura.com/about-us/assets-and-alliances/nyrstar/" target="_blank" rel="noopener">Nyrstar</a>, einer Tochter der Genfer Trafigura. Wie häufig bei Rohstoff-Themen, hat hierzulande nur gerade Le Temps die Meldung aufgenommen. Im Deutschschweizer Blätterwald verursachte dieser von einem ebenso umstrittenen wie einflussreichen Konzern erwirkte Maulkorb nicht mal ein leises Rauschen.</p>
<blockquote><p>Wegen seiner Enthüllung von Kriegsverbrechen im Irak will Washington nun an Julian Assange ein Exempel statuieren.</p></blockquote>
<p>Whistleblower haben in der Schweiz also gleich vier Probleme: Angriffige Arbeitgeber, schlechte Gesetze, schwache Gerichte und häufig desinteressierte Medien. Chelsea Manning bot ihre knapp 500&#8217;000 Geheimdokumente aus dem Irak- und Afghanistankrieg der US-Armee 2010 erst diversen Zeitungen an, bevor sie schliesslich Julian Assange kontaktierte. Die Folgen wurden unter dem Titel <a href="https://collateralmurder.wikileaks.org/" target="_blank" rel="noopener">«Collateral Murder»</a> weltbekannt. Die Dokumente zu Kriegsverbrechen der USA im Irak sind der Hauptgrund für das Exempel, das Washington nun an «Mister Wikileaks» statuieren will. Damit würde die Pressefreiheit substanziell verletzt.</p>
<p></p>
<p>Der <a href="https://www.nzz.ch/wirtschaft/rudolf-elmer-der-fall-im-ueberblick-ld.1427084" target="_blank" rel="noopener">Whistleblower Rudolf Elmer</a> wollte seine Kundendaten aus dem Offshore-Steuerparadies der Cayman Islands zunächst auch auf Schweizer Kanälen (darunter Public Eye) an die Öffentlichkeit bringen. Assange sprang hier ebenfalls in die Lücke und veröffentlichte die Dokumente. Vielleicht hätte sich der Trafigura-Insider auch besser an eine Enthüllungsplattform gewandt, als sich von rückgratlosen Zürcher Richtern den Mund verbieten zu lassen.</p>
<blockquote><p>Assange und Wikileaks haben der wichtigen, weil wirkungsvollen, Arbeit internationaler Investigativ-Initiativen den Weg geebnet.</p></blockquote>
<p>Neuerdings ignorieren grosse Medien brisante Insider-Informationen sogar, obwohl (oder weil?) sie von Wikileaks publiziert wurden. Jüngstes Beispiel sind die sogenannten «OPCW-Leaks», wo es um mutmasslich manipulierte Untersuchungen von Giftgaseinsätzen in Syrien geht. In der Schweiz berichtete darüber unverständlicherweise nur der Infosperber.</p>
<p>Noch alarmierender ist freilich das Schweigen wichtiger Stimmen zum Schicksal jenes in Auslieferungshaft siechenden Mannes, der Whistleblowing technisch wie publizistisch überhaupt erst ins 21. Jahrhundert katapultiert hat. Der australische Avantgardist Assange hat der wichtigen, weil wirkungsvollen, Arbeit internationaler Investigativ-Vereinigungen wie dem ICIJ oder dem OCCRP erst den Weg geebnet. Kurz: Ohne Assange kein «John Doe» – das Pseudonym der anonymen Quelle der Panama Papers.</p>
<p>Wieso hagelt es dann nicht entsprechend prominenten Protest gegen seine aktuelle Behandlung und geplante Auslieferung? Die Gründe für die Vorbehalte vieler Medienhäuser gegenüber Assange sind vielschichtig: Einerseits ist da der redaktionelle Futterneid und Konkurrenzgedanke gegenüber Wikileaks respektive deren alternativem «Geschäftsmodell», wie die WOZ das kürzlich nannte. Hinzu kommen ein verbreitetes Unbehagen wegen vermeintlich unjournalistischer Qualitätsstandards und der umstrittenen Rolle im letzten US-Wahlkampf, wo Wikileaks der Trump-Kampagne Rohstoff lieferte. Der dritte und banalste Grund fürs dröhnende Schweigen vieler Leitmedien dürfte aufmerksamkeitsökonomischer Natur sein: Nach endlosen juristischen Querelen und siebenjährigem Botschaftsasyl taugt der Alt-Star scheinbar nicht mehr für Click-trächtige Schlagzeilen.</p>
<p>Doch zum Glück wird hier und dort allmählich Gegensteuer gegeben. In Europa geht wieder mal der Guardian voran und brandmarkt die US-Anklage als «Angriff auf das fundamentale Recht der Öffentlichkeit auf relevante Informationen». Inzwischen gibt es auch eine Internet-Petition, die Medienschaffende dazu auffordert, <a href="https://speak-up-for-assange.org/" target="_blank" rel="noopener">für Julian Assange einzustehen</a>. Unter den aktuell 870 Unterzeichnenden befinden sich immerhin 56 aus der Schweiz, was wohl hauptsächlich der unabhängigen Berner Journalistin und Co-Initiantin <a href="https://twitter.com/serenatinari" target="_blank" rel="noopener">Serena Tinari</a> zu verdanken ist. Der weit überwiegende Teil stammt, wenig überraschend, aus der Romandie. Von Tamedia und SRF findet sich bislang jeweils nur gerade ein Name auf der Liste, dafür aber gleich deren vier vom rechtsliberalen «Schweizer Monat». Assange ist halt auch bezüglich seiner Sympathisanten immer für eine Überraschung gut.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/12/19/kolumne-wer-assange-schuetzt-staerkt-den-whistleblower-schutz/">Kolumne: Wer Assange schützt, stärkt den Whistleblower-Schutz</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Konstruktiver Journalismus? Zeigt erst mal eure Klima-Bilanz!</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/11/12/konstruktiver-journalismus-zeigt-erst-mal-eure-klima-bilanz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 12 Nov 2019 13:31:43 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne Oliver Classen]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Manche Medienhäuser zeigen statt nur Probleme vermehrt auch Lösungen. Damit wollen sie Publikum (zurück)gewinnen und für die (ökologischen) Herausforderungen der Gegenwart sensibilisieren. Doch zugleich haben Tamedia und SRG, die zwei Schweizer Horte dieses «konstruktiven Journalismus», noch nicht mal Nachhaltigkeitsberichte, geschweige denn Klimaziele. Mitte Oktober begrüsste der WWF Schweiz auf Twitter den «environmental pledge» des britischen <a href="https://medienwoche.ch/2019/11/12/konstruktiver-journalismus-zeigt-erst-mal-eure-klima-bilanz/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Manche Medienhäuser zeigen statt nur Probleme vermehrt auch Lösungen. Damit wollen sie Publikum (zurück)gewinnen und für die (ökologischen) Herausforderungen der Gegenwart sensibilisieren. Doch zugleich haben Tamedia und SRG, die zwei Schweizer Horte dieses «konstruktiven Journalismus», noch nicht mal Nachhaltigkeitsberichte, geschweige denn Klimaziele.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-74204" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Kolumne-Oliver-Classen-DSCF2413-20191112.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Kolumne-Oliver-Classen-DSCF2413-20191112.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Kolumne-Oliver-Classen-DSCF2413-20191112-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Kolumne-Oliver-Classen-DSCF2413-20191112-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Kolumne-Oliver-Classen-DSCF2413-20191112-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/11/MW-Kolumne-Oliver-Classen-DSCF2413-20191112-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Mitte Oktober <a href="https://twitter.com/WWF_Schweiz/status/1184460086489632768?s=20" target="_blank" rel="noopener">begrüsste der WWF Schweiz auf Twitter</a> den <a href="https://www.theguardian.com/environment/ng-interactive/2019/oct/16/the-guardians-climate-pledge-2019" target="_blank" rel="noopener">«environmental pledge» des britischen Guardian</a> und wollte zugleich wissen: «Wer zieht bei uns als Erstes nach?» Dass es diese Frage in sich hat, zeigte sich an der Unisono-Antwort von NZZ über Ringier bis zur Wochenzeitung, nämlich dem dröhnendem Schweigen aller direkt angesprochenen Verlage. Tatsächlich birgt das auch von anderen Umweltverbänden als vorbildlich gelobte «Klimaversprechen» des Guardian für die Konkurrenz viel Sprengstoff. Und einigen Anlass zu Schweizer Selbstkritik.</p>
<p>Unter dem Titel «it’s time to act» verpflichtete sich das linksliberale Blatt bereits diesen Frühling dazu, ihren – laut dem US-Fachorgan <a href="https://www.cjr.org/covering_climate_now/climate-journalism-collaboration.php" target="_blank" rel="noopener">Columbia Journalism Review</a> – «stilbildenden Umweltjournalismus» weiter auszubauen und in die gesamte Berichterstattung einfliessen zu lassen. Kurz darauf liess die von einer gemeinnützigen Stiftung finanzierte «Guardian»-Mediengruppe dann verlauten, der <a href="https://www.theguardian.com/environment/2019/may/17/why-the-guardian-is-changing-the-language-it-uses-about-the-environment" target="_blank" rel="noopener">redaktionelle Sprachgebrauch</a> werde künftig die existentielle Dringlichkeit der Klimakrise abbilden. Konkret: Statt wie bisher von «global warming» ist nun durchgängig von «global heating» die Rede – in allen Ressorts und auf allen Kanälen, festgehalten im Styleguide.</p>
<blockquote><p>Die Rolle der Medien besteht darin, von Politik und Konzernen die Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung einzufordern. Und das macht man am besten (sprich: glaubwürdigsten), wenn man selbst die Hausaufgaben erledigt.</p></blockquote>
<p>So weit, so billig (höre ich die Weltwoche schon frotzeln). Doch wie vom WWF vermeldet, haben sich die Londoner vor Monatsfrist nun noch per 2030 zu unternehmensweiten <a href="https://www.myclimate.org/de/informieren/faq/faq-detail/detail/News/was-bedeutet-netto-null-emissionen/" target="_blank" rel="noopener">Netto-Null-CO<sub>2</sub>-Emissionen</a> verpflichtet. Und damit definitiv ernst gemacht mit einer Enkeltauglichkeit, die für die Medienindustrie eigentlich ja selbstverständlich sein sollte. Schliesslich besteht deren Geschäftsmodell darin, von Politik und Konzernen die Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Verantwortung einzufordern. Und das macht man am besten (sprich: glaubwürdigsten), wenn man selbst die Hausaufgaben erledigt oder zumindest in Angriff genommen hat.</p>
<p></p>
<p>Doch davon sind die Schweizer Medienhäuser allesamt Lichtjahre entfernt. In der Unternehmenskommunikation der privaten Verlage, wie auch der öffentlich finanzierten SRG, finden sich weder Nachhaltigkeitsberichte noch andere Indizien für interne Umweltstandards, geschweige denn Angaben zur Ökobilanz und überprüfbare Massnahmen für deren Verbesserung. Einzig Ringier berichtet über eine «gelebte Corporate Social Responsibility». Dies freilich auf einer <a href="https://www.ringier.ch/de/ueber-ringier/csr" target="_blank" rel="noopener">Alibi-Website</a>, für deren vorgestrige Floskeln sich jeder halbwegs aufgeklärte Zeitgenosse fremdschämt. NZZ ist da konsequenter und schweigt dieses Top-Thema, über das dummerweise auch ihre Redaktionen immer häufiger berichten (müssen), im aktuellen Geschäftsbericht gleich ganz tot. Selbst die sonst äusserst unkommunikativen Rohstoffkonzerne sind diesbezüglich weiter als ausgerechnet jene Branche, die von der Kommunikation lebt.</p>
<p>Solches Ausblenden gesellschaftspolitischer Anforderungen ist anachronistisch und ärgerlich. Besonders, da es auch jene Medienunternehmen betrifft, die sich sonst als progressive Trendsetter gebärden. Zum Beispiel mit ihrer Förderung des sogenannt «konstruktiven Journalismus». Ob Tamedia mit dem <a href="https://www.tagesanzeiger.ch/forum/interaktiv/gesucht-weltverbesserer/story/15901186" target="_blank" rel="noopener">«Impact Journalism Day»</a>, das SRF-Flaggschiff <a href="https://www.srf.ch/sendungen/10vor10/die-idee" target="_blank" rel="noopener">«10 vor 10» mit seiner allwöchentlichen «Idee»</a> oder die SRG mit ihrer <a href="https://missionb.ch/" target="_blank" rel="noopener">Mission für mehr Biodiversität</a>: Wer mit lösungs- statt problemorientierten Weltverbesserer-Stories (jenseits Gemütslage des Publikums) wirklich etwas verändern will, sollte zunächst mal vor der eigenen Haustür kehren. Und zwar transparent und systematisch.</p>
<p>Dass und wie so etwas gehen kann, macht neben dem Guardian auch andere ausländische Konkurrenz vor. Etwa jene, die sich im Responsible Media Forum organisiert hat, wie das SRG-Vorbild BBC oder die deutsche Bertelsmann-Gruppe. Kürzlich hat selbst die sonst eher unpolitische Google-Belegschaft in einem offenen Brief an ihre Geschäftsführung appelliert, ebenso ehrgeizige Klimaziele festzusetzen wie der Guardian.</p>
<p>Aber vielleicht setzen die Schweizer Medienmanager ja eher darauf, dass sich ökologisch frustrierte Angestellte mit ihrer Umwelt-Geschäftsidee irgendwann selbstständig machen. Und dann selbst Stoff für <a href="https://www.bazonline.ch/contentstationimport/gegen-die-vermuellung-der-weltmeere/story/14981166" target="_blank" rel="noopener">die nächste Weltverbesserer-Story</a> (Paywall) bieten. So geschehen bei Marc Krebs, der seinen <a href="https://www.persoenlich.com/medien/kulturchef-marc-krebs-hat-gekundigt" target="_blank" rel="noopener">Redaktionsjob an den Nagel hängte</a>, um die Meere vom Plastik zu befreien. Und sich jüngst über das Porträt seines Start-ups bei der ehemaligen Konkurrenz freuen durfte.</p>
<p>Keine Pointe.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/11/12/konstruktiver-journalismus-zeigt-erst-mal-eure-klima-bilanz/">Konstruktiver Journalismus? Zeigt erst mal eure Klima-Bilanz!</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Ich sehe uns nicht als Star-Ermittler, sondern vielmehr als Dienstleister»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/10/08/ich-sehe-uns-nicht-als-star-ermittler-sondern-vielmehr-als-dienstleister/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 08 Oct 2019 14:32:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Frederik Obermaier]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Steht sein Name über einem Artikel, dann müssen die Reichen und Mächtigen zittern. Frederik Obermaier (35) hat in den letzten Jahren an zahlreichen Grossrecherchen und Enthüllungen mitgewirkt, die Politiker zum Sturz und Steuersünder zum Zahlen brachten. Der Journalist und Redaktor der «Süddeutschen Zeitung» erklärte anlässlich der «Global Investigative Journalism Conference» Ende September in Hamburg, warum <a href="https://medienwoche.ch/2019/10/08/ich-sehe-uns-nicht-als-star-ermittler-sondern-vielmehr-als-dienstleister/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Steht sein Name über einem Artikel, dann müssen die Reichen und Mächtigen zittern. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Frederik_Obermaier" target="_blank" rel="noopener">Frederik Obermaier</a> (35) hat in den letzten Jahren an zahlreichen Grossrecherchen und Enthüllungen mitgewirkt, die Politiker zum Sturz und Steuersünder zum Zahlen brachten. Der Journalist und Redaktor der «Süddeutschen Zeitung» erklärte anlässlich der <a href="https://gijc2019.org/" target="_blank" rel="noopener">«Global Investigative Journalism Conference»</a> Ende September in Hamburg, warum wir «in goldenen Zeiten für den investigativen Journalismus» leben und wieso seine Redaktion bei aufwändigen Recherchen sogar mit der Konkurrenz kooperiert.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-73157" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Frederik-Obermaier_20191008.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Frederik-Obermaier_20191008.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Frederik-Obermaier_20191008-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Frederik-Obermaier_20191008-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Frederik-Obermaier_20191008-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/10/MW-Frederik-Obermaier_20191008-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
<div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Was steht auf Ihrer Visitenkarte?</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Hm, ehrlich gesagt habe ich zwei verschiedene: Auf der einen steht nur «Süddeutsche Zeitung», auf der anderen noch der Zusatz «Investigative Recherche». Das deshalb, weil es manchmal nicht sehr zielführend ist, gleich beim ersten Treffen mit einer potentiellen Quelle oder einem heiklen Experten auch das Ressort zu nennen, für das ich arbeite.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Gründet diese Vorsicht auf Erfahrung?</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Durchaus. Insider der Finanzindustrie etwa sind da besonders sensibel. Auf Konferenzen, wo es um den Offshore-Sektor oder Geldwäscherei geht, nehme ich deshalb nur die Visitenkarten ohne Zusatz mit. Je interessantester ein dortiger Gesprächspartner, desto leichter lässt er sich verschrecken. Dass ich Journalist bin und für die «Süddeutsche Zeitung» arbeite, sage ich aber selbstverständlich immer schon beim Kennenlernen.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Das Jobprofil des investigativen Journalisten ist beliebter und notwendiger denn je.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Branchenanlässe mit dem Attribut «investigativ» können sich, wie hier in Hamburg, vor Teilnehmenden kaum retten. Überrascht Sie dieser Erfolg?</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Nicht wirklich. Wir leben in goldenen Zeiten für den investigativen Journalismus. Gerade für gründliche Recherchen gibt es heute mehr Bedarf, aber auch mehr Möglichkeiten denn je. Sich durch tausende Dokumente pflügen und Dutzende von Quellen treffen, um hinter die glitzernde PR-Oberfläche von Unternehmen und Politikbetrieb zu blicken: Dieses Jobprofil ist beliebter und notwendiger denn je.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Dies aber auch, weil es immer mehr Missstände gibt.</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Leider ja. Aber eben auch immer mehr Quellen, die sich trotz hohem persönlichem Risiko für mehr Rechenschaftspflicht und Gerechtigkeit einsetzen. In der Ukraine-Affäre geschieht dies grad bei einem US-Präsidenten, der mittlerweile täglich lügt. In der Wirtschaft und in Behörden stossen Mitarbeitende, die auf Verstösse hinweisen, bei den Verantwortlichen immer noch viel zu häufig auf taube Ohren und lassen ihre Informationen dann uns zukommen. All das braucht sorgfältige Prüfung und Einordnung. Und deshalb immer mehr journalistische Ressourcen.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Die Zeit des einsamen Wolfs ist endgültig vorbei.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Die Global Investigative Journalism-Konferenz ist aber auch ein Fest der Kollaboration, ein einziges grosses Netzwerken.</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Ja, da wurden an jedem Kaffee- oder Bratwurststand bestehende Kooperationen gepflegt oder neue Projekte ins Leben gerufen. Früher hatten solche Partnerschaften fast immer internationalen Charakter. Inzwischen wird aber zum Glück auch innerhalb einzelner Länder viel häufiger und besser zusammengearbeitet. Die Zeit des einsamen Wolfs ist endgültig vorbei.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Geht es um <a href="https://www.nzz.ch/international/die-ibiza-falle-und-ihre-willigen-opfer-ein-neues-buch-rechnet-mit-dem-gestrauchelten-fpoe-chef-strache-ab-ld.1503332" target="_blank" rel="noopener">investigative Knüller wie zuletzt beim Ibiza-Video</a>, das Österreichs Regierung zu Fall brachte, kooperiert die SZ sogar mit der nationalen Konkurrenz vom «Spiegel». Wie viel Überzeugungsarbeit brauchte es da bei der Redaktionsleitung?</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Gar keine. Im Gegenteil: So wichtige Gemeinschaftsprojekte werden von unseren Chefs gefördert. Es gibt einfach Themen und Personen, an denen das öffentliche Interesse zu gross ist, als dass man sich altes Konkurrenzdenken und publizistische Partikularinteressen noch leisten kann und will. Aufgrund der unterschiedlichen Kulturen in München und Hamburg war ich anfangs zurückhaltend. Die Synergien und Resultate waren aber fantastisch. Der Sache hat es sicher enorm genutzt. Und genauso sicher keinem der Partner geschadet.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Die Ibiza-Enthüllungen haben gezeigt, dass auch die grössten Konkurrenten gut zusammenarbeiten können.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Das tönt ja fast so, als hätte die gute alte Scoop-Logik definitiv ausgedient.</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Zumindest hat die Ibiza-Affäre gezeigt, dass auch die grössten Konkurrenten im Zweifel gut zusammenarbeiten können.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Gesteckt wurde Ihnen das Material, wie schon bei den grossen Daten-Leaks, einmal mehr von einem Whistleblower. Wie abhängig sind Sie heute von solch anonymen Quellen?</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Nur damit hier keine Missverständnisse entstehen: Meine Kollegen und ich wissen, wer uns das Ibiza-Video zugespielt hat. Aus Gründen des Quellenschutzes machen wir die Identität aber nicht öffentlich. Von Quellen – ob anonym oder nicht – ist der Investigativjournalismus in meinen Augen nicht abhängiger als immer schon. Ohne Insider-Informationen gäbe es wohl auch keinen Investigativjournalismus. Bei der «Süddeutschen Zeitung» stieg spätestens seit den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Panama_Papers" target="_blank" rel="noopener">«Panama Papers»</a> die Zahl der Menschen, die wichtige und richtige Hinweise auf Missstände gesammelt und an uns weitergegeben haben. Die Hinweise zu lesen und auszuwerten ist mühsam und vor allem zeitaufwendig. Wie die jüngsten Skandale zeigen, lohnt sich der Aufwand aber.</p>
</div></p>
<p></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Die Lorbeeren dafür kassieren, mitten in der Medienkrise, jeweils spezialisierte Recherche-Ressorts. Spüren Sie in der Branche oder sogar der eigenen Redaktion nicht manchmal auch Neid auf die materielle Ausstattung und mediale Beachtung, welche Star-Ermittlern wie Ihnen zu Teil wird?</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Ich sehe uns nicht als Star-Ermittler, sondern vielmehr als Dienstleister. Bei Bedarf – der auch bei der «Süddeutschen Zeitung» laufend wächst – unterstütze meine Kollegen und ich andere Ressorts beispielsweise bei der Analyse grosser Datenmengen oder der sicheren Kommunikation mit Quellen. Umgekehrt holen wir regelmässig Fachleute anderer Ressorts an Bord: Bei den Implant-Files waren das Gesundheitsspezialistinnen, bei den Ibiza-Dokumenten drei Österreich-Kenner und -Kennerinnen aus dem Politikressort.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Ein anderer Kritikpunkt betrifft die mangelnde Transparenz Ihres Metiers: Was wissen Sie über die Motivation und Interessen jener Menschen, von denen die Datenpakete kommen, welche dann zu «Swiss Leaks» oder «Paradise Papers» werden? Das «qui bono» ist doch ein blinder Fleck mitten im grellen Schein dieser Enthüllungen.</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Jede Quelle hat ihre eigene Motivation und nicht jeder Whistleblower ist ein weisser Ritter – und das ist auch nicht schlimm. Viel entscheidender ist für mich: Sind zugespielte Informationen authentisch und betreffen sie einen Missstand von öffentlichem Interesse.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Konkret: Wie stellt die «Süddeutsche Zeitung» sicher, dass sie nicht manipuliert oder instrumentalisiert wird?</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Zum einen: Wir bezahlen grundsätzlich nichts, weder für Hinweise noch für Daten. Zum anderen lassen wir uns in keiner Form in den Inhalt oder den genauen Zeitpunkt unserer Berichterstattung reinreden. Und nur weil wir nach aussen hin nicht über unsere Quellen sprechen, heisst das nicht, dass wir intern nicht so genau wie möglich hinschauen, wer uns da was aus welchen Gründen zugespielt hat. Die Motivlage unserer Informanten recherchieren wir genauso wie deren Informationen.</p>
</div></p>
<blockquote><p>«Das wichtigste für eine erfolgreiche internationale Recherche ist der menschliche Faktor.»</p></blockquote>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Unbehagen löst mancherorts auch die nach undurchsichtigen Kriterien vergebene Exklusiv-Mitgliedschaft in <a href="https://www.icij.org/" target="_blank" rel="noopener">Netzwerken wie dem ICIJ</a> aus, über das alle grossen Leaks der letzten Zeit gelaufen sind. Wer in diesem Klub ist, hat den nächsten Job eigentlich auf sicher, oder?</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Ich glaube, diese Mitgliedschaft wird von vielen in der Branche überbewertet. Viele ICIJ-Kollegen sind längst nicht bei jedem Projekt dabei. Umgekehrt sind einige Kolleginnen und Kollegen, die regelmässig dabei sind, gar keine Mitglieder. Es kommen auch laufend neue Partner dazu und alte springen wieder ab. Das wichtigste für eine erfolgreiche internationale Recherche ist ohnehin der menschliche Faktor: Man muss sich vertrauen können und willens sein, zu teilen.</p>
</div></p>
<p><div class="question"><h4>MEDIENWOCHE:</h4> <p>Das ICIJ versteht sich also nicht als globales Allstar-Team der nationalen Spitzenkräfte?</p>
</div><div class="answer"><h4>Frederik Obermaier:</h4> <p>Nur weil jemand der beste oder berühmteste Investigativjournalist eines Landes ist, heisst das nicht, dass er auch die beste Wahl für eine internationale Recherchekooperation ist. Das ICIJ ist vor allem eine Gruppe von Kolleginnen und Kollegen, mit denen es verdammt viel Spass macht zusammenzuarbeiten.</p>
</div></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/10/08/ich-sehe-uns-nicht-als-star-ermittler-sondern-vielmehr-als-dienstleister/">«Ich sehe uns nicht als Star-Ermittler, sondern vielmehr als Dienstleister»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kolumne: Ein schrecklich nettes Familientreffen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/09/24/ein-schrecklich-nettes-familientreffen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Sep 2019 15:28:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne Oliver Classen]]></category>
		<category><![CDATA[Teleblocher]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=72772</guid>

					<description><![CDATA[<p>Blocher ruft und die Deutschschweizer Medien-Elite kommt: Allerdings nicht um ihn in die Mangel zu nehmen, sondern um «Teleblocher» und deren Machern zu huldigen. Unser Kolumnist sieht da ein (Un)Sittenbild der Schweizer Kommunikationsbranche zu Wahlkampfzeiten. «Teleblocher feiert die 600. Sendung»: Normalerweise ignoriere ich so eine Jubiläumsmeldung ja. Der Untertitel «Stelldichein im Toggenburg» hätte mich allerdings <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/24/ein-schrecklich-nettes-familientreffen/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Blocher ruft und die Deutschschweizer Medien-Elite kommt: Allerdings nicht um ihn in die Mangel zu nehmen, sondern um «Teleblocher» und deren Machern zu huldigen. Unser Kolumnist sieht da ein (Un)Sittenbild der Schweizer Kommunikationsbranche zu Wahlkampfzeiten.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72773" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Oliver-Classen-Kolumne-Baustelle-20190924-M-Leisi-DSCF2123.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Oliver-Classen-Kolumne-Baustelle-20190924-M-Leisi-DSCF2123.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Oliver-Classen-Kolumne-Baustelle-20190924-M-Leisi-DSCF2123-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Oliver-Classen-Kolumne-Baustelle-20190924-M-Leisi-DSCF2123-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Oliver-Classen-Kolumne-Baustelle-20190924-M-Leisi-DSCF2123-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/MW-Oliver-Classen-Kolumne-Baustelle-20190924-M-Leisi-DSCF2123-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
«Teleblocher feiert die 600. Sendung»: Normalerweise ignoriere ich so eine <a href="http://www.persoenlich.com/gesellschaft/teleblocher-feiert-die-600-sendung" target="_blank" rel="noopener">Jubiläumsmeldung</a> ja. Der Untertitel «Stelldichein im Toggenburg» hätte mich allerdings aufhorchen lassen sollen. Gelesen habe ich die Meldung aber erst, nachdem der Tweet eines für seine professionelle Integrität bekannten Reporters meine Aufmerksamkeit geweckt hatte.</p>
<p>Darin kritisierte dieser nicht nur die «Propaganda-Veranstaltung» selbst, sondern sinngemäss mehr noch die – gemäss der Meldung – «rund 60 ‹Fans und Kritiker›, die meisten aus dem Zürcher Journalistenkuchen», die sich mitten im SVP-Wahlkampf willfährig instrumentalisieren liessen vom Übervater. Sinngemäss deshalb, weil diese akkurate Analyse nach meinem Retweet flugs gelöscht wurde. Auf die Nachfrage nach den Gründen für diesen Rückzieher lautete die erschütternde Antwort: «Manchmal ist schweigen besser als reden.» Welche Medienmächtigen brachten diesen sonst so coolen Kollegen dazu, sofort und quasi öffentlich zurückzukrebsen? Diese Frage blieb unbeantwortet.</p>
<blockquote><p>Hier die journalistische Entlarvung eines Volksverhetzers, dort der publizistische Liebesdienst an einem (selbst ernannten) Volkstribun.</p></blockquote>
<p>Eine Woche später dann sah ich, wie AfD-Radikalinski Björn Höcke <a href="https://www.zdf.de/nachrichten/heute/das-interview-mit-bjoern-hoecke-verschriftet-100.html" target="_blank" rel="noopener">vom ZDF nach allen Regeln der Interviewkunst gegrillt wurde</a>. Der Kontrast zu der ahnungslosen bis anbiedernden Stichwortgeberei von Matthias Ackeret, dem «Teleblocher»-Moderator, könnte schmerzhafter nicht sein: Hier die journalistische Entlarvung eines Volksverhetzers, dort der publizistische Liebesdienst an einem (selbst ernannten) Volkstribun.</p>
<p>Dass ihn der Alte vom Herrliberg dort seit 2007 jeden Freitag zur leicht autistischen Audienz empfängt, verdankt der «Persönlich»-Verleger seinem Buch «Das Blocher-Prinzip», «dessen eigentlicher Autor» gemäss Eigenwerbung aber «Blocher selbst ist». Und natürlich dem 2015 verstorbenen Norbert Neininger, von dem es im Nachruf hiess: «Seine ‹Schaffhauser Nachrichten› empfahlen den EWR-Beitritt schon zur Ablehnung, als (…) Köppel und Somm noch das machten, was sie heute ‹linken Mainstream-Journalismus› nennen.»</p>
<blockquote><p>Der eigentliche Skandal dieser Sendung aber ist, dass sie nie ein Skandal war.</p></blockquote>
<p>Verlautbarungsjournalismus ist also nicht mal der Vorname dessen, was «Teleblocher» bis dato schon über 200 Stunden lang ins Handörgeli-Idyll hinausposaunt hat. Der Nachname lautet schlicht Parteipropaganda und Personenkult. Freilich nicht mit germanischer Schärfe, sondern helvetischer Gmögigkeit. In einer <a href="https://www.srf.ch/play/radio/rendez-vous/audio/teleblocher-oder-die-ueberlistung-der-etablierten-medien?id=fa2c0cd0-eae7-420b-864c-3031861ee517" target="_blank" rel="noopener">Radio-Reportage zur 500. Ausgabe</a> gab Ackeret denn auch zu Protokoll, dass «Nachfragen anmassend wäre» und er stolz auf die «Überlistung der etablierten Medien» ist, so «wie es Trump mit Twitter macht».</p>
<p></p>
<p>Der eigentliche Skandal dieser Sendung aber ist, dass sie nie ein Skandal war. Und heute längst zum medialen Inventar der Alpenrepublik gehört. Nur so scheint erklärbar, dass vor drei Wochen 60 (!) Branchengrössen in den abgelegenen Gasthof von Ex-SVP-Präsident Toni Brunner pilgerten, um dort aktive Beihilfe zu Blochers volkstümelnder <a href="https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/afd-selbstverharmlosung-100.html" target="_blank" rel="noopener">«Selbstverharmlosung»</a> zu leisten. Und dass sich – abgesehen vom eingangs erwähnten Kollegen – niemand darüber aufgeregt hat.</p>
<blockquote><p>Solches «Rubbing Shoulders» zwischen Zürcher Medien- und rechtspopulistischer Polit-Elite hat mitgeholfen, die SVP erst salonfähig und dann zur stärksten Partei zu machen.</p></blockquote>
<p>Die von persoenlich.com (ebenfalls stolz) referierte Gästeliste umfasste neben «der halben NZZ» (von Eric Gujer bis Medienredaktor Rainer Stadler), einzelnen Weltwöchlern, dem Tamedia-Haudegen Marcel Kohler und der Alt-Schaffhauser Connection Peter Hartmeier auch allerlei überraschende Namen.</p>
<p>Was etwa hatten Blocher-Verächter Roger Schawinski, Ex-Economiesuisse-Chef Gerold Bührer, Starwerber David Schärer oder Ringiers Digital-Leiter Peter Wälty im hintersten Toggenburg verloren? Ganz einfach: Sie konnten nicht nur Ghackets und Hörnli, sondern auch mal wieder eine fette Dosis Vitamin B zu sich nehmen. Solches «Rubbing Shoulders» zwischen Zürcher Medien- und rechtspopulistischer Polit-Elite hat mitgeholfen, die SVP erst salonfähig und dann zur stärksten Partei zu machen.</p>
<p>Selbst das SRF war übrigens vertreten – wenn auch nur durch ihren Tessin-Korrespondenten Reto Kohler. Die sich am Leutschenbach seit April <a href="https://www.dieostschweiz.ch/artikel/programm-soll-ausgewogener-werden-srf-uebernimmt-teleblocher-OQPyr9j" target="_blank" rel="noopener">hartnäckig haltenden Gerüchte</a>, zwecks Ausgewogenheit wolle man «Teleblocher» übernehmen und unter dem Namen «Vox populi» neu lancieren, erhalten durch den Altherrentreff im «Haus der Freiheit» (!) also zum Glück keine neue Nahrung.<br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-72777" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/WhatsApp-Image-2019-09-24-at-12.05.10.jpeg" alt="" width="940" height="528" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/WhatsApp-Image-2019-09-24-at-12.05.10.jpeg 940w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/WhatsApp-Image-2019-09-24-at-12.05.10-300x169.jpeg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/09/WhatsApp-Image-2019-09-24-at-12.05.10-768x431.jpeg 768w" sizes="auto, (max-width: 940px) 100vw, 940px" /><br />
<small>Wie ein Ölschinken von Anker: Die rustikale Runde inspirierte einen Twitterer zur Verfremdung des offiziellen Fotos. (Bild: persoenlich.com/Bearbeitung: <a href="https://twitter.com/grawzone/status/1171064126900191233" target="_blank" rel="noopener">Twitter-User @grawzone</a>)</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/09/24/ein-schrecklich-nettes-familientreffen/">Kolumne: Ein schrecklich nettes Familientreffen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Good Night, and Good Luck, Mr. Honegger</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2019/08/22/good-night-and-good-luck-mr-honegger/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2019/08/22/good-night-and-good-luck-mr-honegger/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Aug 2019 15:31:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Arthur Honegger]]></category>
		<category><![CDATA[Kolumne Oliver Classen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=71762</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Journalismus und andere demokratische Institutionen stehen unter Druck, während Rechtspopulismus und Konzernmacht immer üblere Blüten treiben: In solch unsicheren Zeiten brauchen wir vom News-Personal des Service public weniger Selbstinszenierung und mehr publizistisches Profil. Am besten in Form kritischer Kommentare. – Erste Folge der Kolumne von Oliver Classen. Im gelobten Land des TV-Journalismus heisst der <a href="https://medienwoche.ch/2019/08/22/good-night-and-good-luck-mr-honegger/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/08/22/good-night-and-good-luck-mr-honegger/">Good Night, and Good Luck, Mr. Honegger</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Der Journalismus und andere demokratische Institutionen stehen unter Druck, während Rechtspopulismus und Konzernmacht immer üblere Blüten treiben: In solch unsicheren Zeiten brauchen wir vom News-Personal des Service public weniger Selbstinszenierung und mehr publizistisches Profil. Am besten in Form kritischer Kommentare. – Erste Folge der Kolumne von Oliver Classen.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-71784" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/08/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20190822.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/08/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20190822.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/08/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20190822-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/08/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20190822-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/08/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20190822-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2019/08/MW-Oliver-Classen-Kolumne_20190822-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Im gelobten Land des TV-Journalismus heisst der Verkünder der allabendlichen Hauptnachrichten nicht zufällig «Anchor». Ein Anker gibt Halt in der Informationsflut und garantiert eine klare, verlässliche Orientierung – auch und gerade bei rauher See. Dem legendärsten dieser Leuchttürme des öffentlich-rechtlichen Fernsehens hat George Clooney mit dem Film «Good Night, and Good Luck» einen grandiosen Grabstein gesetzt. <a href="https://www.spiegel.de/geschichte/reporter-edward-r-murrow-a-946825.html" target="_blank" rel="noopener">Der Mann hiess Edward Murrow</a>, war meinungsstarker Chefmoderator bei CBS und leitete dort «See it now», dessen investigative Recherchen unter anderem den früheren US-Senator und Kommunistenjäger Joseph McCarthy zu Fall brachten.</p>
<blockquote><p>Moniert wurden dabei auch eitle Interview-Auftritte von Honeggers «10vor10»-Kollegin Susanne Wille.</p></blockquote>
<p>Wenn ein Schweizer News-Moderator diesen Murrow kennt, dann «10vor10»-Moderator und Ex-US-Korrespondent Arthur Honegger. In seiner Doku-Serie von SRF und 3Sat <a href="https://www.srf.ch/play/tv/dok/video/im-land-der-sioux---mein-unbekanntes-amerika-14?id=c7822a80-2fee-4d7d-931f-f34b543f9e87" target="_blank" rel="noopener">«Mein unbekanntes Amerika»</a>, zeigt er jedoch nicht die dieses Land gerade zerreissenden Widersprüche, sondern präsentiert an exotischen Orten primär sich selbst als durchaus sympathischen Reiseführer. Was ihm die Zuschauerinnen und Kollegen zunächst noch durchgehen liessen, kam nach seiner das Sommerloch füllenden Glückssuche in Skandinavien als «journalistische Egozentrik» und «fragwürdige Selbstinszenierung» nun <a href="https://www.20min.ch/schweiz/news/story/Inszenieren-sich-SRF-Journalisten-zu-fest--30421909" target="_blank" rel="noopener">an den Social-Media-Pranger</a>. Moniert wurden dabei auch eitle Interview-Auftritte von Honeggers «10vor10»-Kollegin Susanne Wille.</p>
<p>Ich teile diese Kritik, verstehe aber auch, dass die SRF-Führung möglichst viel Aufmerksamkeitskapital aus der Bekanntheit ihrer Top-Leute schlagen will. Prominenz ist schliesslich ein immer wichtigerer Nachrichtenfaktor. Deshalb ein Vorschlag zur Güte, der den peinlichen Personenkult flugs in publizistische Substanz und politische Relevanz ummünzen könnte: Lasst die TV-Chefredaktion ein Kommentargefäss für «10 vor 10» entwickeln, in dem – vielleicht nach Vorbild der ARD-«Tagesthemen» – die klügsten und couragiertesten Köpfe aus den News- und Fachmagazinen jeweils die brisanteste Tagesaktualität einordnen.</p>
<blockquote><p>Dem immer noch unter dem «No Billag»-Trauma leidenden Schweizer Fernsehen würde mehr Mut zur Meinung gut tun.</p></blockquote>
<p>Beim breiten Publikum wie auch in der Zivilgesellschaft und anderen interessierten Kreisen würde ein solch kleines, aber feines Meinungsformat auf grosse Resonanz stossen. In Deutschland lösen die pointierten Stellungnahmen von <a href="https://youtu.be/ZWdXyStIePs" target="_blank" rel="noopener">Georg Restle («Monitor»)</a> oder von <a href="https://youtu.be/h1sRnObUAFk" target="_blank" rel="noopener">Anja Reschke («Panorama»)</a> regelmässig <a href="https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Tagesthemen-Kommentare-Meinungen-mit-Folgen,zapp11980.html" target="_blank" rel="noopener">Debatten aus</a> und finden auch in Regierungskreisen Beachtung. Entsprechend dienen sie nicht nur der persönlichen Profilierung, sondern auch jener des Senders. Und des öffentlichen Rundfunks ganz allgemein. Dem immer noch unter dem «No Billag»-Trauma leidenden Schweizer Fernsehen würde mehr Mut zur Meinung nicht nur neues Selbstbewusstsein, sondern wohl auch (noch) bessere Quoten bringen.</p>
<p></p>
<p>Wieso sind politische Leitartikel hierzulande das Privileg privater Verlage? Das fragte Tagesschau-Sprecher Franz Fischlin letzten Winter an einer Journalismus-Tagung. Und plädierte unter dem Applaus der Anwesenden nachdrücklich <a href="https://twitter.com/Oliver_Classen/status/1065561276515065856?s=20" target="_blank" rel="noopener">für die Einführung redaktioneller Kommentare</a> in seiner Sendung. Diese müssten kompetent, konzis und kristallklar von der Berichterstattung getrennt sein.</p>
<p>Die aktuelle doppelte Medienkrise – neben dem Geschäftsmodell bröckelt zunehmend auch die Legitimation – führt zu immer mehr kommerziellen oder ideologischen Beisshemmungen. Die Schweiz braucht eine wirklich unabhängige journalistische Instanz, welche die demokratischen Grundwerte und den Primat der Politik verteidigt und diesbezügliche Missstände aufdeckt und auch mal entschieden verurteilt.</p>
<blockquote><p>Es war einer jener Momente, wo mir der «Anchor», der keiner sein darf, fast leid getan hat.</p></blockquote>
<p>P.S.: Hier noch ein Beispiel <a href="https://www.publiceye.ch/de/themen/pestizide/syngenta" target="_blank" rel="noopener">aus Sicht eines Betroffenen</a>, wieso sachbezogene Stellungnahmen im Service Public heute nötiger denn je sind. Letzten Oktober <a href="https://www.srf.ch/play/tv/10vor10/video/10vor10-vom-10-10-2018?id=d065a0c9-d4d3-4c84-9dea-e835cd96b2f5&amp;startTime=1611" target="_blank" rel="noopener">verlas Arthur Honegger die Gegendarstellung</a> von Syngenta zu einer «10vor10»-Recherche über Pestizid-Tote in Indien – mit dünner Stimme und vor allem völlig kommentarlos. Nicht mal das in solchen Fällen übliche «die Redaktion hält an ihrer Darstellung fest» kam über seine Lippen. Dabei waren mindestens zweieinhalb der drei von Syngenta beanstandenden Punkte schlicht falsch.</p>
<p>Der Basler Agrochemiekonzern legte dann mit einer <a href="https://www.infosperber.ch/index.cfm?go=Artikel/Wirtschaft/Syngenta-Rohrkrepierer-gegen-SRF-Magazin-10vor10" target="_blank" rel="noopener">Beschwerde beim Ombudsmann</a> sogar noch nach. Doch dieser wies im Januar Syngentas vernichtende Kritik an «10vor10» <a href="https://www.srgd.ch/de/aktuelles/news/2018/12/14/10-vor-10-beitrag-vergiftungsgefahr-indien-beanstandet/" target="_blank" rel="noopener">als «völlig haltlos» zurück</a>. Das war einer jener Momente, wo mir der «Anchor», der keiner sein darf, fast leid getan hat. Und ich Honegger oder den Rechercheuren die Möglichkeit zu einer redaktionellen Replik auf die hanebüchenen Behauptungen von Syngenta gewünscht habe. Kritisch kommentiert gehören primär aber natürlich Tagesaktualitäten wie faule Parteiäpfel, Trumps Inselträume oder Gretas Segeltörn. Dann macht der Job am Moderatorenpult oder im Reporterteam auch sicher noch mehr Spass.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2019/08/22/good-night-and-good-luck-mr-honegger/">Good Night, and Good Luck, Mr. Honegger</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Das «bessere Wikileaks» in der Warteschleife</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2013/05/31/das-bessere-wikileaks-in-der-warteschleife/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2013/05/31/das-bessere-wikileaks-in-der-warteschleife/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Oliver Classen]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 31 May 2013 10:22:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gespräche]]></category>
		<category><![CDATA[Daniel Domscheit-Berg]]></category>
		<category><![CDATA[Openlaks]]></category>
		<category><![CDATA[Whistleblowing]]></category>
		<category><![CDATA[WIkileaks]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Seit zwei Jahren arbeitet Daniel Domscheit-Berg an der Whistleblower-Plattform Openleaks. Im Gespräch mit der MEDIENWOCHE erklärt die ehemalige Nummer zwei von Wikileaks, weshalb er heute lediglich überwachungssichere «tote Briefkästen» zur Verfügung stellen will und warum ihn die Inhalte der geleakten Dokumente nicht interessieren. Als ich Daniel Domscheit-Berg, auch bekannt als DDB, Ende Januar 2011 zum <a href="https://medienwoche.ch/2013/05/31/das-bessere-wikileaks-in-der-warteschleife/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/05/31/das-bessere-wikileaks-in-der-warteschleife/">Das «bessere Wikileaks» in der Warteschleife</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Seit zwei Jahren arbeitet Daniel Domscheit-Berg an der Whistleblower-Plattform Openleaks. Im Gespräch mit der MEDIENWOCHE<br />
erklärt die ehemalige Nummer zwei von Wikileaks, weshalb er heute lediglich überwachungssichere «tote Briefkästen» zur Verfügung stellen will und warum ihn die Inhalte der geleakten Dokumente nicht interessieren.<br />
<span id="more-14374"></span><br />
<em> Als ich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Domscheit-Berg" target="_blank">Daniel Domscheit-Berg</a>, auch bekannt als DDB, Ende Januar 2011 zum WEF-kritischen Forum <a href="http://www.publiceye.ch/de/galerie/galerie2011/" target="_blank">«Public Eye»</a> nach Davos holte, hatte er gerade mit Julian Assange gebrochen und daraufhin eine eigene, bessere Whistleblowing-Plattform angekündigt. Damals war DDB ein bisschen berühmt. Die Weltmedien hingen an seinen Lippen und prominente WEF-Teilnehmer die Strassenseite wechselten, wenn sie ihm begegneten. Vor zwei Wochen kam DDB wieder in die Schweiz, diesmal auf Einladung des Zürcher Börsenbetreibers Six zu einem internen Anlass über <a href="http://www.youtube.com/watch?v=Q-E9bVGvoSQ&amp;feature=share&amp;list=PLPzJ2a2eF3rFRRZWX6kHS0Cb2jXm71Idj" target="_blank">«das gläserne Unternehmen»</a>.</em></p>
<p><em>Oliver Classen, langjähriger Medienjournalist und heute Sprecher der NGO Erklärung von Bern (EvB) sprach für die MEDIENWOCHE mit Domscheit-Berg über die Zukunft des Whistleblowing und den Stand der Entwicklungen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/OpenLeaks" target="_blank">bei Openleaks</a>.</em></p>
<p><strong>MEDIENWOCHE: Sie haben Openleaks als «professionalisiertes Wikileaks» angekündigt, wobei Sie die Stärken der Mutter aller Whistleblowing-Plattformen weiterentwickeln und deren Schwächen eliminieren wollten. Das war vor über zwei Jahren.</strong><br />
Daniel Domscheit-Berg: Zugegebenermassen geht es viel langsamer voran als gedacht und geplant. Trotz einiger Erfahrung haben wir den individuellen Aufwand pro Partner komplett unterschätzt. Es sind auch einige komplementäre Projekte dazu- und dazwischengekommen und mit der Summe unserer Baustellen haben wir uns vielleicht etwas übernommen. Wir machen aber gute Fortschritte, nur kommunizieren wir sie nicht besonders gut.</p>
<p><strong>Wo liegen die konzeptionellen Hauptunterschiede zu Wikileaks?</strong><br />
Da gibt’s eigentlich nur einen: Wir arbeiten nicht mit dem Material, das wir bekommen, sondern schicken es direkt an Partnerorganisationen. Wir kennen die Daten nicht und haben auch keinen Zugriff darauf.</p>
<p><strong>Wie soll das genau gehen?</strong><br />
Wir bieten vor allem den notwendigen Wissenstransfer für solche Systeme, denn da muss jeder anfangen. Für integrales &#8222;Outsourcing&#8220; zu uns oder jemand anderen ist dieses Umfeld aus unserer Sicht viel zu komplex und fragil. Die Interpretation und Verbreitung der geleakten Informationen ist deswegen auch einzig Sache der entsprechenden Medien und NGOs. Diese Organisationen sind dafür die Experten. Unser Know-how liegt im Aufbau und Unterhalt sehr sicherer und niederschwelliger Zugänge für potentielle Informanten.</p>
<p><strong>2011 lancierte OpenLeaks bereits ein Pilotprojekt unter anderem mit der Berliner Tageszeitung taz und Foodwatch. <a href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/enthuellungsplattform-openleaks-verstolpert-start-in-die-testphase-a-779670.html" target="_blank">Was lief schief</a>?</strong><br />
So manches. Wir gingen in eine öffentliche Testphase mit einem Referenzsystem, das wir für andere Partner kopieren beziehungsweise adaptieren wollten. Die erste Testphase zeigte einerseits schnell, dass wir viel tiefer ansetzen müssen, eben beim Transfer des entsprechenden Know-how. Technik ist dabei nur die eine Seite der Medaille. Andererseits geht’s auch um Fragen des professionellen Umgangs mit sensiblen Informationen. Die wenigsten Organisationen beherrschen beides. Dazu kam noch eine Menge unnötiges Drama um unseren Ausstieg und die ganze Entwicklung bei Wikileaks.</p>
<p><strong>Gehapert hat’s beim Pilotprojekt also entweder in der Redaktion oder der IT-Abteilung.</strong><br />
Journalisten haben ein Verständnis für Quellenschutz und Informatiker für Datensicherheit. Organisationsintern spricht man folglich häufig vom selben ohne das Gleiche zu meinen. Zudem ist der technische Support meist die am schlechtesten gestellte Truppe in einem Verlag. Man ist zwar auf sie angewiesen, billigt ihnen aber kaum eine eigene Meinung geschweige denn Entscheidungsspielraum zu. Die Bedürfnisse der Content-Produzenten nach User-Einbindung und Social Media-Vernetzung werden typischerweise viel höher gewichtet als technische Sicherheitsstandards, die für uns nicht verhandelbar sind.</p>
<p><strong>Konkret: Wenn ich meinen Website-Traffic von Google Analytics vermessen lasse, ist das inkompatibel mit OpenLeaks.</strong><br />
So ein Tool ist eigentlich inkompatibel mit egal welcher Plattform für Informanten. Wir werfen Grundsatzfragen auf, mit denen sich die meisten Medienorganisationen erst beschäftigen, wenn sie selbst ein Datenleck haben oder wenn sie mit uns zusammenarbeiten wollen.</p>
<p><strong>Läuft OpenLeaks aber nicht Gefahr, vor lauter deutscher Gründlichkeit und genialer Ingenieurskunst die Gunst der Stunde zu verpassen?</strong> <strong>Schliesslich hat die Transparenz-Bewegung jetzt ein globales Momentum und böte ein optimales Geschäftsumfeld.</strong><br />
Ja, ich würde sicher besser schlafen, wenn wir schneller wären. Es juckt ja auch wirklich extrem in den Fingern, so ist das nicht. Und vielleicht sollten wir manchmal weniger perfektionistisch und etwas pragmatischer sein. Denn wer macht, hat bekanntlich Recht. Letztlich ist die Entwicklungsgeschwindigkeit unseres Projekts aber schlicht eine Frage der Ressourcen.</p>
<p><strong>Wenn ein Verlag oder eine Stiftung eine namhafte sechsstellige Summe zuschiessen würde, wann wäre OpenLeaks betriebsbereit?</strong><br />
In wenigen Monaten. Das System und die Infrastruktur stehen ja schon.</p>
<p><strong>Was heisst «System» in diesem Zusammenhang?</strong><br />
Eine Referenzstruktur mit dem von uns bisher erdachten Feature-Set. Oder einfacher: Der technische Unterbau für die Installation und Wartung überwachungssicherer toter Briefkästen. Jetzt geht’s um die konkrete Umsetzung mit den ersten Anwendern.</p>
<p><strong>Haben Sie trotz oder wegen Ihrer Bekanntheit noch keinen Sponsor gefunden?</strong><br />
Gute Frage. Wir suchen ja eigentlich auch gar nicht und sind alle keine guten Fundraiser. Vielleicht weil wir lieber an unserer Unabhängigkeit arbeiten, statt uns nach privaten oder institutionellen Spendern umzusehen.</p>
<p><strong>Vielleicht liegt es auch an dem alternativen bis anarchistischen Milieu, aus dem Leaking-Plattformen kommen. Was wäre, wenn morgen beispielsweise die durchaus auch investigative, sicher aber rechtspopulistische Weltwoche anklopft?</strong><br />
(Lacht) Wir hatten immer Angst, dass irgendwann die Bild-Zeitung bei uns auf der Matte steht. Boulevardjournalismus ist nichts, was wir aktiv fördern möchten, gleichzeitig wollen wir uns aber politisch und publizistisch neutral verhalten.</p>
<p><strong>Würden Sie also der Weltwoche einen Whistleblower-Service anbieten?</strong><br />
Eine lebendige Demokratie braucht und verträgt die ganze Bandbreite an politischen Positionen. Die Wahrheit liegt schliesslich fast immer irgendwo nahe der Mitte. Ernsthaftes Interesse und professionelle Standards vorausgesetzt lautet die grundsätzliche Antwort also ja. Es gibt ja scheinbar eine ganze Menge gute Quellen, die sich jetzt schon lieber an die Weltwoche als an neutralere Forumszeitungen wenden. Im Endeffekt trägt das ja alles dazu bei, mehr Teile eines Informationspuzzles zu bekommen.</p>
<p><strong>Teil einer linken Transparenz-Bewegung sein und zugleich politisch neutral bleiben: Das tönt aber schon nach einer Quadratur des Kreises.</strong><br />
Wir fördern Transparenz in gesellschaftspolitisch relevanten Bereichen, damit Bürger und Konsumentinnen gut informierte Entscheide treffen können. Darüber hinaus haben wir keinerlei Agenda und überlassen die Auswahl und Interpretation der Informationen ausgewiesenen Expertenorganisationen. Und deren Agenda können und wollen wir nicht beeinflussen.</p>
<p><strong>Apropos Agenda: Wieso wurden die Daten, welche zu den vielen unter «Offshore-Leaks» laufenden Enthüllungen geführt haben, Journalisten zugespielt und nicht Ihnen oder Wikileaks?</strong><br />
Das Ungeschickteste, was jemand, der anonym bleiben will, mit 2,6 Gigabyte an heissen Informationen tun kann, ist sie irgendwo hochzuladen. Der Fussabdruck, den eine solche Datenmenge hinterlässt, ist selbst beim raffiniertesten Cover-Traffic nicht zu übersehen. Ich hätte so ein Ding auch einfach in ein Kuvert gesteckt und ab damit. Doch um da ganz klar zu sein: Standard-Use-Cases für Dienste wie unseren sind nicht Offshore-Leaks oder die diplomatischen Depeschen sondern einzelne, kontextbedürftige Dokumente von Otto-Normal-Whistleblower.</p>
<p><strong>Ist «Offshore-Leaks» nicht auch ein Indiz für die wieder schwindende Bedeutung professioneller Whistleblowing-Plattformen?</strong><br />
DDB: Sicher ist, dass die Quelle dem Journalisten-Konsortium vertraute, das die Daten zugeschickt bekam. Ohne dieses Vertrauen ist in diesem Geschäft alles nichts und in diesem Fall wurde es durch die seriöse Analyse und globale Verbreitung ja auch absolut bestätigt. Dass sich aus diesem Einzelfall eine Rückeroberung des Whistleblowings durch den Journalismus ableiten lässt, wage ich zu bezweifeln. Es geht doch auch gar nicht darum, wer hier welches Territorium verteidigt. Wichtig ist nur, dass möglichst viele Fakten und die dazu gehörigen Kontexte ans Licht und zu den Menschen kommen, deren Leben sie letztendlich betreffen. Auf welchem Wege auch immer.</p>
<p><em>Domscheit-Bergs diskreter Auftritt am «Six-Brennpunkt 2013» in Zürich und damit im Herzen des Schweizer Kapitalismus hatte gesellschaftspolitischen Symbolwert: Viele jener Wirtschaftsführer, die den Transparenz-Aktivisten lange als Datendieb bezeichneten, hörten ihm nun an der Zürcher Börse interessiert zu und applaudierten zum Schluss sogar. Bleibt die Frage:</em></p>
<p><strong>Hätten Sie die Einladung auch angenommen, wenn sie von der US-amerikanischen Börse gekommen wäre?</strong><br />
(nach langem Nachdenken) Wohl kaum. Mir ist zwar nicht bekannt, dass jemand in den USA mit mir direkt ein Problem hat. Es gibt da ja aber diese Grand Jury, deren Anklageschrift zum Teil noch versiegelt ist und von der niemand weiss, wer und was da genau drin stehen. Und selbst wenn die nur mit mir reden wollten, um zu sehen, ob ich jemand anderen belasten würde &#8230; Nein, das würde ich mir und meiner Familie nicht antun.</p>
<p><strong>Kontakt zu ehemaligen Mitstreitern in den USA besteht aber noch?</strong><br />
Klar. Auch konkrete Anfragen gibt’s immer wieder. Und eigentlich wäre es verdammt wichtig, dass jemand unsere Sichtweise und Anliegen gerade in dem Land prominent vertritt, das von unserer damaligen Arbeit am direktesten betroffen war und in der globalen Transparenzdebatte zugleich immer noch den Ton angibt.</p>
<p><strong>Dafür sind Sie in der Schweiz wenigstens keine Persona non grata, sondern offizieller Stargast an einer geschlossenen Veranstaltung der Wirtschaftselite.</strong><br />
Ist das so? Vielleicht heute noch. Die Finanz-«Elite» von morgen trifft sich aber heute schon am Bitcoin-Exchange, nicht an einer Wertpapierbörse.</p>
<p><strong>Wird man als Ex-Intimus von Julian Assange und so umstrittener wie frei schwebender Transparenz-Papst nicht zwangsläufig etwas paranoid?</strong><br />
Hm. Der Umgang mit dieser verzwickten Situation hat meine letzten zwei, drei Lebensjahre stark geprägt. Aber eigentlich will ich mich gar nicht damit beschäftigen, ob und wer meine Emails mitliest und meine Telefonate abhören könnte oder auch nicht …</p>
<p><strong>&#8230; weshalb Sie konsequenterweise kein Handy mehr haben.</strong><br />
Die Abschaffung der dauernden Erreichbarkeit hat auch Privacy-Aspekte. Nach den irren Ereignissen meiner jüngsten Vergangenheit lege ich heute den Akzent bewusst auf Entschleunigung und die Arbeit an meinen mittelfristigen Lebenszielen und Projekten [angepasst]. Die Alltagsablenkung durch Echtzeit-Kommunikation stört da nur. Hätte ich einen Twitter-Account, bliebe keine Zeit mehr für viel Wichtigeres. Hoch motiviert Projekte vorwärtszutreiben, die keine «instant satisfaction» sondern – wenn überhaupt – nur einen «delayed reward» bringen, braucht viel Konzentration und Energie. Diese wichtige Lektion habe ich bei Wikileaks gelernt.</p>
<p><strong>Als dessen Sprecher standen Sie phasenweise fast gleich stark im Scheinwerferlicht wie Julian Assange und sind seitdem eine öffentliche Figur mit einer Botschaft.</strong><br />
Ja, eine gewisse missionarische Veranlagung kann ich nicht abstreiten. Die letzten Jahre lief das aber definitiv viel zu hochtourig. Mag sein, dass deshalb das Pendel bei mir jetzt fast genauso stark in die andere Richtung ausschlägt. Auf die Qualität meiner Arbeit wirken sich der Umzug aufs Land und der eigene Garten aber sehr positiv aus. Ich war noch nie so produktiv wie ich den vergangenen paar Monaten.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2013/05/31/das-bessere-wikileaks-in-der-warteschleife/">Das «bessere Wikileaks» in der Warteschleife</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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