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	<title>Netzkultur | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Thu, 08 Dec 2022 14:54:16 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Ambivalente Erfolgsgeschichte der Wikipedia</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Dec 2022 14:54:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Wikipedia]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Plattformkonzerne wie Meta und Twitter stehen im Ruf, zur Spaltung der Gesellschaft beizutragen. Wikipedia hält sich dagegen tapfer als «letzte Bastion einer gemeinsamen Realität». Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten. Als um die Jahrtausendwende die ersten Wikipedia-Autoren Artikel zu schreiben begannen, blickte das Kultur-Establishment mit einer gehörigen Portion Skepsis und Arroganz auf die Emporkömmlinge <a href="https://medienwoche.ch/2022/12/08/ambivalente-erfolgsgeschichte-der-wikipedia/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Plattformkonzerne wie Meta und Twitter stehen im Ruf, zur Spaltung der Gesellschaft beizutragen. Wikipedia hält sich dagegen tapfer als «letzte Bastion einer gemeinsamen Realität». Doch der Erfolg hat auch seine Schattenseiten.</strong></p>
<p><a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/12/MW-Wikipedia-20221208.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone wp-image-101313 size-full" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/12/MW-Wikipedia-20221208.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/12/MW-Wikipedia-20221208.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/12/MW-Wikipedia-20221208-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/12/MW-Wikipedia-20221208-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/12/MW-Wikipedia-20221208-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/12/MW-Wikipedia-20221208-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /></a></p>
<p>Als um die Jahrtausendwende die ersten Wikipedia-Autoren Artikel zu schreiben begannen, blickte das Kultur-Establishment mit einer gehörigen Portion Skepsis und Arroganz auf die Emporkömmlinge aus dem Netz herab. Eine spendenfinanzierte Online-Enzyklopädie, bei der alle mitschreiben können, werde <a href="https://www.technologyreview.com/2001/09/04/235538/free-the-encyclopedias" target="_blank" rel="noopener">keinen dauerhaften Bestand haben</a>, hiess es. 20 Jahre später ist der Brockhaus vom Markt verschwunden, die gedruckte Encyclopaedia Britannica eingestellt, Wikipedia aber immer noch da – und eine der meistbesuchten Webseiten der Welt. Ärzte schauen hier genauso rein wie Hochschullehrer und Studenten.<br />
</p>
<p>Wikipedia ist ein riesiger Wissensspeicher. Es gibt Artikel in allen möglichen Sprachen und Dialekten, von Alemannisch über Plattdeutsch bis hin zu Zulu. Allein die deutschsprachige Version umfasst rund 2,7 Millionen Artikel. Kein Wunder, dass der Trägerverein schon 2011 forderte, die Online-Enzyklopädie zum Weltkulturerbe zu erklären. Das US-Magazin «The Atlantic» bezeichnete Wikipedia einmal als <a href="https://www.theatlantic.com/technology/archive/2018/08/jeongpedia/566897/" target="_blank" rel="noopener">«letzte Bastion einer gemeinsamen Realität»</a>.</p>
<blockquote><p>Wikipedia hat sich – trotz notorischer «Edit Wars» – als erstaunlich robust gegen Manipulation erwiesen.</p></blockquote>
<p>Zwar gilt es noch immer als verpönt, Wikipedia-Artikel als Quellen in wissenschaftlichen Aufsätzen oder Schularbeiten zu zitieren. Studien belegen aber, dass einzelne medizinische Artikel genauer sind als konventionelle Ärztehandbücher. Wer sich einen thematischen Überblick verschaffen will, findet in der Online-Enzyklopädie verlässliche Informationen. Wikipedia hat sich – trotz notorischer «Edit Wars» – als erstaunlich robust gegen Manipulation erwiesen.</p>
<p>Ein wichtiger Grund dafür ist ebenso simpel wie verblüffend: Im Gegensatz zu milliardenschweren Tech-Konzernen wie Meta oder Twitter setzt Wikipedia viel weniger auf maschinelle und automatisierte Prozesse bei der Hege und Pflege der Inhalte, dafür auf Schwarmintelligenz: Ein Heer von freiwilligen Autoren und Redaktoren betreut die Artikel. Die deutschsprachige Wikipedia zählt aktuell 17&#8217;500 aktive Benutzer, die in den letzten 30 Tagen Artikel bearbeitet haben. Sie tun dies transparent für jeden sichtbar. Wer sich die <a href="https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Donald_Trump&amp;action=history" target="_blank" rel="noopener">Versionsgeschichte des englischen Artikels über Donald Trump</a> anschaut, trifft dort auf einen zwar kontroversen, aber erstaunlich sachlichen Redaktionsprozess: Da werden Quellen überprüft, Lügen entlarvt, irrelevante Statements rausgeworfen.</p>
<p>Wikipedia als Teamwork: Es gibt Programmierer, Korrektoren oder <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Steven_Pruitt" target="_blank" rel="noopener">Vielschreiber wie Steven Pruitt</a>, der es auf die stattliche Zahl von 30&#8217;000 Artikel und fünf Millionen Edits bringt und vom «Time Magazine» als eine der 25 einflussreichsten Persönlichkeiten im Internet geadelt wurde. Prominenz ist im Wikipedia-Kosmos jedoch die Ausnahme – die meisten Autoren werkeln anonym im Hintergrund.</p>
<p>Natürlich geht die Sichtung von bis zu einer Millionen Edits pro Tag nicht ohne maschinelle Hilfe. So setzt Wikipedia seit geraumer Zeit zum Schutz vor Vandalismus auf Bots, die automatisch Änderungen rückgängig machen und Versionen wiederherstellen, wenn beispielsweise ein anonymer Nutzer mit vielen Edits etwas hinzufügt. Das sind Verdachtsmomente, bei denen die Computersysteme automatisch aktiv werden.</p>
<blockquote><p>Die Hierarchisierung zwischen mächtigen Administratoren und unbezahlten Schreibern ist immer wieder Gegenstand von Kritik.</p></blockquote>
<p><a href="https://www.digitaltrends.com/cool-tech/bots-that-make-wikipedia-work/" target="_blank" rel="noopener">Im Maschinenraum der Wikipedia</a> laufen diverse Skripte, teils simple Bots, die Texte formatieren, zum Teil aber auch komplexere Softwareagenten, die mithilfe maschinellen Lernens Interessenkonflikte erkennen oder <a href="https://wikimedia.brussels/meet-cluebot-ng-an-anti-vandal-ai-bot-that-tries-to-detect-and-revert-vandalism/" target="_blank" rel="noopener">gegen Vandalismus vorgehen</a>. Doch ganz ohne Hackordnung funktioniert auch ein kollaboratives Projekt nicht. Über die deutschsprachige Version wachen derzeit 187 <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Administratoren" rel="noopener" target="_blank">Administratoren</a>, die von Nutzern gewählt werden, die mindestens zwei Monate aktiv und 300 Artikel-Edits verzeichnen können.</p>
<p>Das hierarchische Gefälle zwischen Administratoren und Schreibern ist immer wieder Gegenstand von Kritik (nachzulesen unter anderem Dariusz Jemielniaks Buch <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Common_Knowledge%3F" target="_blank" rel="noopener">«Common Knowledge?: An Ethnography of Wikipedia»</a> und bei Wikipedia selbst) – und bereits in der Entstehungsgeschichte des Online-Lexikons angelegt: Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nupedia" target="_blank" rel="noopener">Vorgängerin Nupedia</a> war eine Art Fach-Journal, wo Beiträge von Experten geschrieben und in einem aufwendigen Peer-Review-Verfahren geprüft wurden. Mit dem Konzept der Wikis – einfach editierbare Webseiten – wurde der Prüfprozess zwar vereinfacht, aber an anderer Stelle wieder bürokratisiert und hierarchisiert.</p>
<p>Die Kraftzentren in den komplexen Machtstrukturen der Wikipedia zu überblicken, ist nicht ganz einfach. Der niederländische Soziologe Emiel Rijshouwer hat Wikipedia in Anlehnung an Max Weber einmal als <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1369118X.2021.1994633" target="_blank" rel="noopener">«selbstorganisierende Bürokratie»</a> beschrieben, die dadurch gekennzeichnet sei, dass zu erledigende Aufgaben nicht hierarchisch von oben nach unten delegiert werden, sondern aus Interaktionen heraus erwachsen würden.</p>
<blockquote><p>Es liegt in der Natur der Sache, dass eine offene Organisationsstruktur anfällig für Manipulationen ist.</p></blockquote>
<p>Wo Menschen am Werk sind, gibt es auch immer (Interessen-)Konflikte. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine offene Organisationsstruktur anfällig für Manipulationen ist. So wurde das Administratoren-Board der kroatischen Wikipedia-Version zwischen 2011 and 2020 systematisch von einer Gruppe Rechtsextremer unterwandert, die das Online-Lexikon dazu missbrauchten, geschichtsrevisionistische Ansichten zu verbreiteten.</p>
<p>In kleineren Sprachräumen ist das Manipulationspotenzial grösser als in der englischen Version, wo es sehr viele aktive Nutzer gibt. Je populärer ein Thema und der entsprechende Artikel dazu ist, desto mehr Aufmerksamkeit zieht es auf sich und desto schwieriger wird es, absichtlich Falschinformationen einzuschleusen. Dass die Wikimedia-Stiftung den Skandal um die kroatischen Administratoren umfangreich aufarbeitete und einen <a href="https://therecord.media/wikimedia-bans-admin-of-wikipedia-croatia-for-pushing-radical-right-agendas/" target="_blank" rel="noopener">Administrator sperrte</a>, zeugt von funktionierenden Kontrollmechanismen.</p>
<p>Der australische <a href="https://researchprofiles.canberra.edu.au/en/persons/mathieu-oneil" target="_blank" rel="noopener">Kommunikationswissenschaftler Mathieu O&#8217;Neil</a>, der an der University of Canberra über Open Software und Wikipedia forscht, hält die «verteilte Editierstruktur» für zentral für die Integrität des Informationssystems. Alle Veränderungen würden archiviert, zudem gebe es eine Diskussionsseite, in dem Meinungsverschiedenheiten moderiert würden. «Das macht es quasi unmöglich, dass haltlose Verschwörungen längere Zeit veröffentlicht stehen», schreibt er in einem Aufsatz.</p>
<blockquote><p>Die Wikipedia ist weiterhin ein Club von weissen, englischsprachigen Männern ist, die überwiegend in christlich geprägten Ländern auf der Nordhalbkugel leben.</p></blockquote>
<p>Das alles ändert aber nichts daran, dass Wikipedia weiterhin ein Club von weissen, englischsprachigen Männern ist, die überwiegend in christlich geprägten Ländern auf der Nordhalbkugel leben. Und diese Männer schreiben hauptsächlich für Männer und über Männer. Lediglich rund 17 Prozent der Porträts der deutschen Wikipedia sind über weibliche Personen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 (<a href="https://arxiv.org/abs/1501.06307" target="_blank" rel="noopener">«It’s a Man’s Wikipedia?»</a>), an der Forscher der Universität Koblenz und der ETH Zürich beteiligt waren, kommt in der englischen Wikipedia in Biografien von Frauen vier Mal so häufig das Wort «geschieden» vor wie in Biografien von Männern – was statistisch Unsinn ist, aber auf eine stärkere Akzentuierung des Privatlebens von Frauen verweist. Insofern ist Wikipedia auch ein Spiegel einer männerdominierten Welt.</p>
<p>Die Ursache für diesen Gender Bias verortet Kommunikationsforscher O&#8217;Neil in der ökonomischen Sphäre, namentlich der unbezahlten Arbeit auf der die Existenz der Wikipedia basiert: «Die Ablehnung von finanziellen Belohnungen innerhalb von Digital-Commons-Projekten wie Open Source-Software und Wikipedia reproduziert Klassen- und Gender-Ungleichheiten», schreibt er. Unbezahlte Arbeit sei nur einer Minderheit mit einem entsprechenden Einkommen, kulturellen Kapital oder familiärer Unterstützung möglich. Mit anderen Worten: Die Mitarbeit an Wikipedia muss man sich leisten können.</p>
<blockquote><p>Der Erfolg der Wikipedia als gemeinnütziges Projekt steht und fällt mit der Bereitschaft zu Freiwilligenarbeit und Spenden.</p></blockquote>
<p>Um die geschlechtsspezifische Unwucht zu reduzieren, hat das Schweizer Radio und Fernsehen SRF gemeinsam mit Ringier und Wikimedia Schweiz einen <a href="https://editathon.evenito.site/" target="_blank" rel="noopener">«Edit-a-thon»</a> ins Leben gerufen, bei dem Medienschaffende – mehrheitlich Journalistinnen – zusammen Frauenbiografien schreiben. Der Schreib-Event, der Ende Oktober zum achten Mal stattgefunden hat, brachte bisher knapp 500 neue Artikel über Frauen hervor. Das ist gemessen an dem Textkorpus eine verschwindend kleine Menge, die an der strukturellen Unterrepräsentation von Frauenbiografien nichts ändert, und letztlich ist der «Edit-a-thon» das Projekt einer Kulturelite, die fürs Schreiben bezahlt wird.</p>
<p>Der Erfolg der Wikipedia als gemeinnütziges Projekt steht und fällt mit der Bereitschaft zu Freiwilligenarbeit und Spenden. Immer wieder gab es Berichte, dass Wikipedia die Autoren davonlaufen. Zuletzt bat Wikimedia Schweiz, die lokale Trägerschaft, um Spenden – auch mit dem Argument der verlässlichen Informationen auf Wikipedia.</p>
<p>Auch Plattformkonzerne wie <a href="https://www.sueddeutsche.de/digital/wikipedia-spenden-google-amazon-1.4333588" rel="noopener" target="_blank">Google oder Amazon bedienen sich an dem immensen Textkorpus der Wikipedia</a>, um ihre Sprachmodelle für die automatische Textgenerierung zu trainieren oder Informationen in ihre Dienste einzuspeisen. Dass die Sprachsoftware Alexa faktenbasierte Antworten gibt, ist auch der unbezahlten Arbeiter freiwilliger Wikipedia-Autoren zu verdanken – und der Preis, dass jeder eine freie Enzyklopädie nutzen darf. Im Gegenzug spenden die Tech-Konzerne immer mal wieder kleinere Millionenbeträge. Zu wenig, sagen Kritiker. Ihr Vorwurf: Die Plattformökonomie weidet die digitale Allmende zu kommerziellen Zwecken aus und führt dadurch den Grundgedanken ad absurdum.</p>
<p>Kommunikationsforscher O&#8217;Neil glaubt, dass in absehbarer Zukunft unbezahlte Arbeit weiterhin eine «notwendige Komponente» gemeinschaftlicher Online-Projekte wie der Wikipedia sein wird. Die Freiwilligenarbeit müsse jedoch stärker anerkannt werden, um der gefährlichen Übermacht der Plattformökonomie entgegenzutreten – beispielsweise durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wikipedia ist wie die Demokratie: nie fertig und zu Ende gebaut, nichts ist auserzählt. Das ist hoffentlich auch der Grund, warum die Online-Enzyklopädie eine Zukunft hat.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/12/08/ambivalente-erfolgsgeschichte-der-wikipedia/">Ambivalente Erfolgsgeschichte der Wikipedia</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Meme-Kultur: «Subversion ist kein Privileg der Linken»</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/06/04/subversion-ist-kein-privileg-der-linken/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Jun 2022 07:00:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Social Media]]></category>
		<category><![CDATA[Meme]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Warum Internetmemes einem uralten kulturellen Muster folgen und zugleich kaum moderner sein könnten: Die Berner Literaturwissenschaftler:innen Joanna Nowotny und Julian Reidy forschen zu den oft witzigen Text-Bild-Collagen, die das Netz bevölkern.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Warum Internetmemes einem uralten kulturellen Muster folgen und zugleich kaum moderner sein könnten: Die Berner Literaturwissenschaftler:innen Joanna Nowotny und Julian Reidy forschen zu den oft witzigen Text-Bild-Collagen, die das Netz bevölkern.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/06/04/subversion-ist-kein-privileg-der-linken/">Meme-Kultur: «Subversion ist kein Privileg der Linken»</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sie war ohne Job, dann nahm sie ein Springseil in die Hände – und ging viral</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/06/04/sie-war-ohne-job-dann-nahm-sie-ein-springseil-in-die-haende-und-ging-viral/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 04 Jun 2022 06:00:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Social Media]]></category>
		<category><![CDATA[Influencer]]></category>
		<category><![CDATA[TikTok]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Britin Lauren Flymen zeigt in ihren Videos, dass das Springseil sehr viel mehr ist als ein Fitness-Folter-Gerät. Millionen hüpfen mit und schaffen ihr ein Einkommen.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Britin Lauren Flymen zeigt in ihren Videos, dass das Springseil sehr viel mehr ist als ein Fitness-Folter-Gerät. Millionen hüpfen mit und schaffen ihr ein Einkommen. </p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/06/04/sie-war-ohne-job-dann-nahm-sie-ein-springseil-in-die-haende-und-ging-viral/">Sie war ohne Job, dann nahm sie ein Springseil in die Hände – und ging viral</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Von Heiterkeit bis Hass: Die ambivalente Meme-Kultur</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2022/04/08/von-heiterkeit-bis-hass-die-ambivalente-meme-kultur/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2022/04/08/von-heiterkeit-bis-hass-die-ambivalente-meme-kultur/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marko Ković]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Apr 2022 07:13:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Meme]]></category>
		<category><![CDATA[Hassrede]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=96310</guid>

					<description><![CDATA[<p>Sogenannte Memes sind grundsätzlich ein bereicherndes Element der Internet-Kultur. Aber diese humorvollen Text-Bild-Botschaften, die sich oft viral verbreiten, haben eine Kehrseite: Sie werden auch gezielt genutzt als Instrument für extremistische Radikalisierung. Das gelingt darum so gut, weil die Hassbotschaften in Memes amüsant und harmlos verpackt daherkommen. Der Ukraine-Krieg gibt eigentlich keinen Anlass zum Lachen. Ausser <a href="https://medienwoche.ch/2022/04/08/von-heiterkeit-bis-hass-die-ambivalente-meme-kultur/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/04/08/von-heiterkeit-bis-hass-die-ambivalente-meme-kultur/">Von Heiterkeit bis Hass: Die ambivalente Meme-Kultur</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Sogenannte Memes sind grundsätzlich ein bereicherndes Element der Internet-Kultur. Aber diese humorvollen Text-Bild-Botschaften, die sich oft viral verbreiten, haben eine Kehrseite: Sie werden auch gezielt genutzt als Instrument für extremistische Radikalisierung. Das gelingt darum so gut, weil die Hassbotschaften in Memes amüsant und </strong><strong>harmlos verpackt daherkommen.</strong><br />
<a href="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/MW-Memes-Hate-Speech-20220407.jpg" data-rel="lightbox-image-0" data-magnific_type="image" data-rl_title="" data-rl_caption="" title=""><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-96313" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/MW-Memes-Hate-Speech-20220407.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/MW-Memes-Hate-Speech-20220407.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/MW-Memes-Hate-Speech-20220407-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/MW-Memes-Hate-Speech-20220407-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/MW-Memes-Hate-Speech-20220407-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/MW-Memes-Hate-Speech-20220407-470x315.jpg 470w" sizes="(max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /></a></p>
<p>Der Ukraine-Krieg gibt eigentlich keinen Anlass zum Lachen. Ausser in diesem Fall: Seit Kriegsausbruch kursieren im Internet unzählige Memes, die den Krieg auf kurze, eingängige Art kommentieren und oft Empathie und Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung bekunden und hervorrufen sollen. Mit diesen Memes wird ein komplexer Sachverhalt in einfach zu verarbeitende Informations-Portionen <a href="https://www.psychologytoday.com/intl/blog/positively-media/202203/how-memes-and-media-are-crafting-the-way-we-see-war" rel="noopener" target="_blank">übersetzt</a>.</p>
<p><center></p>
<div style="max-width:480px; text-align:center; top-padding:20px; bottom-padding:30px;"><a href="https://coffeeordie.com/ukraine-war-memes/" target="_blank" rel="noopener"><img decoding="async" class="size-full wp-image-96308" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pikatschu-Putin-Meme.jpg" alt="" width="480" height="563" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pikatschu-Putin-Meme.jpg 960w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pikatschu-Putin-Meme-256x300.jpg 256w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pikatschu-Putin-Meme-873x1024.jpg 873w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pikatschu-Putin-Meme-768x901.jpg 768w" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a></p>
<p style="font-size: 17px; font-style:italic;">Ein Internet-Meme, das sich über den russischen Präsidenten Wladimir Putin lustig macht.</p>
</div>
<p></center></p>
<div style="margin: 4%; border: 1px; border-style: solid; border-color: #cccccc; padding: 4%; font-size: 16px;">
<h3>«Meme»: begriffliches Gegenstück zu «Gene»</h3>
<p>Das Konzept des «Meme» hat der Evolutionsbiologe <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Dawkins" rel="noopener" target="_blank">Richard Dawkins</a> 1976 in seinem Buch «The Selfish Gene» eingeführt. Gemäss Dawkins sind Memes alle Formen von Verhalten und alle kulturellen Ideen, die kopiert werden und sich verbreiten, aber ohne, dass sie eine biologische Komponente haben (Dawkins hat «Meme» vom altgriechischen «mīmēma», «etwas Imitiertes», als begriffliches Gegenstück zu «Gene» abgeleitet). Ob Memes in anthropologischer Hinsicht ein nützliches Konzept sind, ist <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s12110-001-1003-0" rel="noopener" target="_blank">umstritten</a>. Wenn heute die Rede von Memes ist, meinen wir aber zumeist <a href="https://www.degruyter.com/document/doi/10.18574/9780814763025-011/html" rel="noopener" target="_blank">Internet-Memes</a>: Ein Stück Kultur, meistens in Form eines Scherzes, das sich online verbreitet und dadurch Einfluss erlangt. Internet-Memes können verschiedene Formen annehmen; von Bildern über Videos bis hin zu Text und gesprochenem Wort, oder Kombinationen von alldem.</div>
<p><center></p>
<div style="max-width:480px; text-align:center; top-padding:20px; bottom-padding:30px;"><a href="https://knowyourmeme.com/memes/sites/cheezburger" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-96304" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Cat-Cheeseburger-Meme.jpg" alt="" width="480" height="700" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Cat-Cheeseburger-Meme.jpg 658w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Cat-Cheeseburger-Meme-206x300.jpg 206w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a></p>
<p style="font-size: 17px; font-style:italic;">«I can has cheezburger», ein Ur-Meme.</p>
</div>
<p></center></p>
<p>Humor ist das zentrale Merkmal von Memes, wie die Literaturwissenschaftler*innen Joanna Nowotny und Julian Reidy in <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-6124-8/memes-formen-und-folgen-eines-internetphaenomens/" rel="noopener" target="_blank">«Memes – Formen und Folgen eines Internetphänomens»</a> ausführen, einem neuen Standardwerk der deutschsprachigen Meme-Forschung. Der Humor in Memes folgt aber in der Regel nicht der Struktur klassischer Witze, die das Publikum sofort verstehen soll. Memes haben stattdessen die Eigenschaft eines Insider-Witzes. Bestehende kulturelle Momente, darunter auch bereits existierende Memes, werden aufgegriffen und mit einer zusätzlichen Botschaft versehen. Im Ergebnis entsteht so eine neue humoristische Botschaft, die nicht zuletzt darum attraktiv ist, weil man sie als «eingeweihte» Person doppelt versteht.</p>
<p><center></p>
<div style="max-width:480px; text-align:center; top-padding:20px; bottom-padding:30px;"><a href="https://twitter.com/curledbitch/status/1224077398276104192" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Bernie-Meme.jpg" alt="" width="480" height="560" class="size-full wp-image-96303" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Bernie-Meme.jpg 824w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Bernie-Meme-258x300.jpg 258w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Bernie-Meme-768x895.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a></p>
<p style="font-size: 17px; font-style:italic;">Ein Meme mit dem US-Senator Bernie Sanders. Der Witz ergibt sich aus dem Wissen, was es mit dem Foto im Original auf sich hat: In einem Wahlkampfvideo der US-Präsidentschaftswahlen 2020 bittete Sanders seine Anhänger*innen «wieder einmal um Unterstützung».</p>
</div>
<p></center></p>
<p>Memes führen gleichzeitig zu einer internetgestützten Humor-Globalisierung und zu der Entstehung regionalspezifischer Variationen, die auf den globalisierten Meme-Vorlagen beruhen, schreiben Nowotny und Reidy in ihrem Buch. Diese weltweite Verbreitung von Memes als eine Art universale Kulturtechnik mit lokalen Ausprägungen hat eine Reihe positiver Folgen. Beispielsweise findet über Memes eine Form des transnationalen Austauschs statt, wie es ihn so <a href="https://www.ceeol.com/search/article-detail?id=972141" rel="noopener" target="_blank">noch nie gab</a>. Memes können über Grenzen und Sprachen hinweg zu gemeinsamen Deutungsmustern der Welt werden, nach dem Motto: Humor verbindet. Diese Funktion kann auch dazu beitragen, dass Gemeinschaften und kollektive Identitäten geschaffen werden, die Menschen jene Unterstützung bieten, die sie sonst im Leben vielleicht <a href="https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1461444814568784" rel="noopener" target="_blank">vermissen</a>.</p>
<p>Ein weiterer positiver Aspekt von Memes ist der, dass sie ganz allgemein zu unserer Erheiterung beitragen und uns damit helfen können, schwierige Situationen durchzustehen. Nicht zuletzt in der Coronavirus-Pandemie haben Memes dazu beigetragen, Ängste und Sorgen abzubauen, oder zumindest kurzfristig von ihnen <a href="https://www.nature.com/articles/s41598-021-00857-8" rel="noopener" target="_blank">abzulenken</a>.</p>
<p><center></p>
<div style="max-width:480px; text-align:center; top-padding:20px; bottom-padding:30px;"><a href="https://www.reddit.com/r/CoronavirusMemes/comments/fje4jd/rip_in_peace/" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Covid-Meme.jpg" alt="" width="480" height="453" class="size-full wp-image-96305" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Covid-Meme.jpg 1015w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Covid-Meme-300x284.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Covid-Meme-768x726.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a></p>
<p style="font-size: 17px; font-style:italic;">Ein Pandemie-Meme.</p>
</div>
<p></center></p>
<p>Memes haben zudem auch eine direkte politische Dimension. In autokratischen Ländern, in denen öffentliche Kritik an den Machthabenden nicht möglich oder gefährlich ist, können Memes eine Art Gegenöffentlichkeit bilden, in der virtueller Protest stattfindet. Die autokratischen Regierungen greifen zwar jeweils mit Zensur durch, aber die Insider-Witze der Memes verbreiten sich als <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10758216.2020.1864217" rel="noopener" target="_blank">«Hieroglyphen des Protests»</a> oft viral, bevor die Behörden ihre Botschaften verstehen.</p>
<p>Die bunte Welt der Memes hat aber auch eine Schattenseite. Memes werden nicht nur von Menschen erstellt und geteilt, die damit harmlose bis hehre Ziele verfolgen. Memes sind auch in rassistischen, antisemitischen und misogynen Kreisen verbreitet. Der Umstand, dass Memes eine Art Universalsprache sind, macht Hass im Meme-Format für viele Menschen verdaulich, die auf klassische und direktere Wege der Radikalisierung weniger ansprechen.</p>
<p>Die Autorin Angela Nagle beschreibt in ihrem Buch <a href="https://www.johnhuntpublishing.com/zer0-books/our-books/kill-all-normies" rel="noopener" target="_blank">«Kill All Normies»</a>, dass Memes in modernen Online-Hass-Ökosystemen eine wichtige Rolle einnehmen. Memes als sarkastische Pseudo-Scherze sind eine potente, einfach verständliche Form des Tabubruchs, die Hassgemeinschaften auszeichnet. Direkt und in ernstem Ton formulierter Antisemitismus ist für viele Menschen schockierend und abstossend. Kommt der Antisemitismus aber sarkastisch <a href="https://scholarlypublishingcollective.org/psup/american-humor/article-abstract/5/1/31/196943/Deplorable-Satire-Alt-Right-Memes-White-Genocide" rel="noopener" target="_blank">in Meme-Form daher</a>, ist der Inhalt nicht ganz so schockierend, denn alles ist irgendwie Spass und «Shitposting». Memes sind kompakte <a href="https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/2056305120921575" rel="noopener" target="_blank">Ideologie-Häppchen</a>, die Hass verdaubar machen und für die Eingeweihten <a href="https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/17439884.2018.1544149" rel="noopener" target="_blank">ein Wir-Gefühl schaffen</a>.</p>
<p>Hass-Ökosysteme spielen in der Welt der Memes eine zentrale Rolle. In einer grossangelegten <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/3278532.3278550" rel="noopener" target="_blank">Studie von 2018</a> wurde festgestellt, dass eine der wichtigsten Quellen von Memes das Hassforum «/pol/» auf der <a href="https://medienwoche.ch/2021/02/12/4chan-wo-hass-und-hetze-als-lustige-online-spielerei-daherkommen/" rel="noopener" target="_blank">Plattform «4chan»</a> ist. «/pol/» ist eine regelrechte Meme-Fabrik, die Memes schwappen auf grössere Social-Media-Plattformen über und erreichen so Millionenpublika. Der Erfolgsfaktor bei dieser Meme-Kaskade ist dabei die duale Natur von Memes als Universalsprache und als Insider-Witz. Ein Teil der Memes, die auf «4chan» das Licht der Welt erblicken, enthalten offenkundige Hassbotschaften, die für ein breites Publikum nicht unmittelbar attraktiv sind. Viele andere mit Hass aufgeladene «4chan»-Memes transportieren aber subtile und <a href="https://ojs.aaai.org/index.php/ICWSM/article/view/18121" rel="noopener" target="_blank">kontextabhängige Botschaften</a>, die nicht direkt als Hass erkennbar sind. Dadurch wird der Hass kaschiert oder zumindest mehrdeutig. Einerseits macht das die Hass-Memes massentauglich, und andererseits werden die Massen dadurch latent für Hass empfänglich.</p>
<p>Das vielleicht berühmteste Beispiel für diese latente Radikalisierung ist das Meme «Pepe the Frog». Der Frosch Pepe ist eine Comicfigur aus dem 2005 erschienenen Comic «Boy’s Club» des Comickünstlers Matt Fury. An einer Stelle im Comic fragt Pepes Freund ihn, warum er zum Pinkeln die Hosen ganz ausziehe. Pepe antwortet: «feels good man»; «Fühlt sich gut an, Alter».</p>
<p><center></p>
<div style="max-width:480px; text-align:center; top-padding:20px; bottom-padding:30px;"><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Pepe_the_Frog" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Original.jpg" alt="" width="960" height="1234" class="size-full wp-image-96307" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Original.jpg 960w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Original-233x300.jpg 233w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Original-797x1024.jpg 797w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Original-768x987.jpg 768w" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" /></a></p>
<p style="font-size: 17px; font-style:italic;"> Die Stelle in «Boy’s Club», die «Pepe the Frog» zum Meme machte.</p>
</div>
<p></center></p>
<p>Der sympathische Frosch wurde auf «4chan» als harmloses Meme aufgegriffen und verbreitete sich viral im ganzen Internet. Im Unterforum «/pol/» wurde Pepe aber auch mit Hassbotschaften aufgeladen und wurde damit zu einer Gallionsfigur der faschistischen <a href="https://www.vox.com/2016/9/21/12893656/pepe-frog-donald-trump" rel="noopener" target="_blank">«Alt Right»-Bewegung</a>.</p>
<p><center></p>
<div style="max-width:540px; text-align:center; top-padding:20px; bottom-padding:30px;"><a href="https://www.cbc.ca/news/world/pepe-the-frog-hate-symbol-adl-1.3782035" target="_blank" rel="noopener"><img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Meme-scaled.jpg" alt="" width="480" height="270" class="size-full wp-image-96306" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Meme-scaled.jpg 1680w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Meme-300x169.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Meme-1024x576.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Meme-768x432.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2022/04/Pepe-Meme-1536x864.jpg 1536w" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" /></a></p>
<p style="font-size: 17px; font-style:italic;">Hassvarianten von Pepe.</p>
</div>
<p></center></p>
<p>Hasserfüllte Pepe-Memes verbreiteten sich wie die harmlosen Varianten schnell und breit. Sie sprachen und sprechen das grosse Publikum an, das bereits mit Pepe vertraut ist und das Meme als solches dekodieren kann. Die allgemeine Bekanntheit von Pepe stellt damit ein Einfallstor für Hass dar: Die Insider verstehen grundsätzlich, was Pepe ist, und der über Pepe vermittelte Hass wirkt nicht gar so schlimm, weil es sich ja am Schluss um eine Art Witz handeln soll. Wer das allzu ernst nimmt, so die Insider-Sicht, ist selber schuld.<br />
</p>
<p>Die Europäische Kommission hat letztes Jahr das Problem der über Memes ablaufenden Radikalisierung in einem <a href="https://ec.europa.eu/home-affairs/networks/radicalisation-awareness-network-ran/publications/far-right-extremists-use-humour-2021_en" rel="noopener" target="_blank">Bericht</a> beschrieben. Diese unterscheidet sich deutlich von klassischer Radikalisierung. Es gibt keine formalen Organisationen, keine Hierarchien, keine direkte Indoktrination. Alles läuft intrinsisch motiviert, spontan geformt und mit einem vermeintlichen Augenzwinkern ab. Der härtere Kern des Hass-Ökosystems produziert Memes auf Plattformen wie «4chan» und trägt diese nach aussen auf gängige Plattformen wie «Facebook», «Twitter», «Instagram», «TikTok», «Discord», oder auch auf Meme-Websites wie «9gag». Dadurch kommen die sogenannten «Normies» – Menschen, die noch nicht Teil der Meme-Hasskultur sind – in Kontakt Hass-Memes, und ein Teil von ihnen findet über die Memes den Weg zu «4chan» und Konsorten.</p>

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            [rml_read_more]
<p>Auch Brenton Tarrant, der Massenmörder, der 2019 im neuseeländischen Christchurch bei einem Anschlag auf zwei Moscheen 51 Menschen tötete und die Tat live auf Facebook übertrug, radikalisierte sich in einer solchen Meme-Subkultur. Tarrant war vor allem auf der Plattform «8chan» aktiv; einem «4chan»-Klon mit noch weniger Regeln und noch mehr Hass. Das Manifest, das Tarrant kurz vor seinem Anschlag im Forum postete, zeugt denn auch von seiner Radikalisierung durch Memes. Der Text ist nicht eine in ernstem Ton verfasste Hassschrift, sondern ein zutiefst sarkastisches <a href="https://www.bellingcat.com/news/rest-of-world/2019/03/15/shitposting-inspirational-terrorism-and-the-christchurch-mosque-massacre/" rel="noopener" target="_blank">Hassbekenntniss voller Memes</a>. Ein Manifest, bei dem nicht klar war, wie ernst es wirklich gemeint ist – bis die ersten Schüsse fielen.</p>
<p>Im Zuge des Anschlags verkündete Tarrant: «Subscribe to PewDiePie». Diese Aufforderung war vor einigen Jahren ein virales Internet-Meme des YouTubers Felix Kjellberg, bekannt als «PewDiePie». Er nutzte den Spruch als Mobilisierungskampagne: Kjellberg war lange Zeit der Gaming-YouTuber mit den meisten Abonnent*innen, aber der indische YouTube-Kanal «T-Series» drohte, ihn zu überholen. Daraus gestaltete Kjellberg einen ironischen «Krieg der Subscriber». Seine Fans machten begeistert mit.</p>
<p>Felix Kjellberg ist in der Vergangenheit immer wieder durch rassistische Eskapaden aufgefallen, und er scheut den Kontakt mit Persönlichkeiten aus dem <a href="https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/1354856520938602" rel="noopener" target="_blank">Rechts-Aussen-Milieu</a> nicht. Er selber ist kein eingefleischter Hassideologe, aber Figuren wie Kjellberg fungieren im «memefizierten» Hass-Ökosystem als Brückenbauer, wie der Medienwissenschaftler <a href="https://www.voxpol.eu/algorithmic-hate-brenton-tarrant-and-the-dark-social-web/" rel="noopener" target="_blank">Luke Munn argumentiert</a>. Über Kjellberg und seinen sarkastischen Humor kommen ahnungslose Menschen in Kontakt mit hasserfüllten Ideen und werden mit Personen, die Hass ebenfalls humorvoll, aber intensiver betreiben, vernetzt. Ein sanfter Einstieg in die Radikalisierungs-Pipeline. Ob «PewDiePie» zu Tarrants Radikalisierung beigetragen hat, wissen wir nicht. Klar ist aber, dass Tarrants Wiederholung des «Subscribe to PewDiePie»-Meme selber ein Meme war; ein sarkastisches Signal an die eigene Hasscommunity. Shitposting inmitten einer Orgie der Gewalt.</p>
<p>Memes als digitale Kulturtechnik gehören zum Bemerkenswertesten, was das Internet hervorgebracht hat. Ein kreatives «Remixen» kultureller Momente, das sich zu einer globalen Sprache des Humors entwickelt hat. Das schafft nicht nur Erheiterung und Verbundenheit, sondern auch neue Möglichkeiten für politische Partizipation. Gleichzeitig werden Memes aber auch als Transportmittel für Hass verwendet. Die Viralität und Mehrdeutigkeit von Hass-Memes zieht Menschen, die an sich nichts mit Hassideologien am Hut haben, in den Sog Sarkasmus-getriebener Radikalisierung. Bei unserem Meme-Konsum sollten wir darum eine wichtige Regel im Hinterkopf behalten: Nicht alles, was uns zum Lachen bringt, ist harmlos.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2022/04/08/von-heiterkeit-bis-hass-die-ambivalente-meme-kultur/">Von Heiterkeit bis Hass: Die ambivalente Meme-Kultur</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Fakten, Folter, Fakenews: Interview mit einem globalen Wikipedia-Administrator</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/11/16/fakten-folter-fakenews-interview-mit-einem-globalen-wikipedia-administrator/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Nov 2021 13:46:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Wikipedia]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=92758</guid>

					<description><![CDATA[<p>Martin Rulsch ist eine der aktivsten und einflussreichsten Figuren in der Wikipedia-Szene. Unter dem Benutzernamen «DerHexer» wirkt er seit 16 Jahren an Wikipedia und ihren Schwesterprojekten mit. Er schreibt Artikel, nimmt Fotos auf, organisiert Community-Projekte, programmiert Software-Tools und bekämpft Vandalismus.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/11/16/fakten-folter-fakenews-interview-mit-einem-globalen-wikipedia-administrator/">Fakten, Folter, Fakenews: Interview mit einem globalen Wikipedia-Administrator</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Martin Rulsch ist eine der aktivsten und einflussreichsten Figuren in der Wikipedia-Szene. Unter dem Benutzernamen «DerHexer» wirkt er seit 16 Jahren an Wikipedia und ihren Schwesterprojekten mit. Er schreibt Artikel, nimmt Fotos auf, organisiert Community-Projekte, programmiert Software-Tools und bekämpft Vandalismus.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/11/16/fakten-folter-fakenews-interview-mit-einem-globalen-wikipedia-administrator/">Fakten, Folter, Fakenews: Interview mit einem globalen Wikipedia-Administrator</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<item>
		<title>Die Schwarmoffensive: 20 Jahre Wikipedia</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/09/10/die-schwarmoffensive-20-jahre-wikipedia/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 10 Sep 2021 21:46:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Wikipedia]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=90971</guid>

					<description><![CDATA[<p>Wikipedia, 2001 gegründet, soll Wissen von allen für alle bereitstellen und wird als Online-Nachschlagewerk Nummer eins genutzt. Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/09/10/die-schwarmoffensive-20-jahre-wikipedia/">Die Schwarmoffensive: 20 Jahre Wikipedia</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Wikipedia, 2001 gegründet, soll Wissen von allen für alle bereitstellen und wird als Online-Nachschlagewerk Nummer eins genutzt. Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/09/10/die-schwarmoffensive-20-jahre-wikipedia/">Die Schwarmoffensive: 20 Jahre Wikipedia</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Videoga­mes Made in Switzerland</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/04/29/videoga%c2%admes-made-in-switzerland/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Apr 2021 07:44:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Games]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Game Design kann man heute in der Schweiz studieren. Vor der Jahrtausendwende fristeten Schweizer Gameentwicklerinnen und Gameentwickler aber ein Schattendasein. Einzelne Produktionen aus unserem Land sorgten dennoch für Aufsehen.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/04/29/videoga%c2%admes-made-in-switzerland/">Videoga­mes Made in Switzerland</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Game Design kann man heute in der Schweiz studieren. Vor der Jahrtausendwende fristeten Schweizer Gameentwicklerinnen und Gameentwickler aber ein Schattendasein. Einzelne Produktionen aus unserem Land sorgten dennoch für Aufsehen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/04/29/videoga%c2%admes-made-in-switzerland/">Videoga­mes Made in Switzerland</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zum 20. Geburtstag: 20 Dinge, die Sie noch nicht über Wikipedia wussten</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/03/17/zum-20-geburtstag-20-dinge-die-sie-noch-nicht-ueber-wikipedia-wussten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Mar 2021 19:37:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Wikipedia]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die deutschsprachige Ausgabe des Internetenzyklopädie Wikipedia feiert ihren 20 Geburtstag. Zum Jubiläum haben wir 20 Fakten gesammelt. Wussten Sie, wer der erste «Prominente» mit eigenem Wiki-Eintrag war? Oder welche Rolle das «Atomare Kannibalenfrühstück» spielte?</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/03/17/zum-20-geburtstag-20-dinge-die-sie-noch-nicht-ueber-wikipedia-wussten/">Zum 20. Geburtstag: 20 Dinge, die Sie noch nicht über Wikipedia wussten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die deutschsprachige Ausgabe des Internetenzyklopädie Wikipedia feiert ihren 20 Geburtstag. Zum Jubiläum haben wir 20 Fakten gesammelt. Wussten Sie, wer der erste «Prominente» mit eigenem Wiki-Eintrag war? Oder welche Rolle das «Atomare Kannibalenfrühstück» spielte?</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/03/17/zum-20-geburtstag-20-dinge-die-sie-noch-nicht-ueber-wikipedia-wussten/">Zum 20. Geburtstag: 20 Dinge, die Sie noch nicht über Wikipedia wussten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<item>
		<title>4chan: Wo Hass und Hetze als lustige Online-Spielerei daherkommen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/02/12/4chan-wo-hass-und-hetze-als-lustige-online-spielerei-daherkommen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marko Ković]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Feb 2021 17:17:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[Verschwörungstheorien]]></category>
		<category><![CDATA[4chan]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=85912</guid>

					<description><![CDATA[<p>Moderne Verschwörungstheorien von Pizzagate bis QAnon, totale Entmenschlichung des politischen Gegners, Normalisierung von Faschismus: Die Website 4chan ist die Startrampe des aktuellen politischen Moments. Warum, diskutieren Christian Caspar und Marko Ković in der neuen Folge unseres Podcasts «Das Monokel». In den letzten Jahren wurde viel über den schädlichen Einfluss von Social-Media-Plattformen für unsere politische Kultur <a href="https://medienwoche.ch/2021/02/12/4chan-wo-hass-und-hetze-als-lustige-online-spielerei-daherkommen/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/02/12/4chan-wo-hass-und-hetze-als-lustige-online-spielerei-daherkommen/">4chan: Wo Hass und Hetze als lustige Online-Spielerei daherkommen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Moderne Verschwörungstheorien von Pizzagate bis QAnon, totale Entmenschlichung des politischen Gegners, Normalisierung von Faschismus: Die Website 4chan ist die Startrampe des aktuellen politischen Moments. Warum, diskutieren Christian Caspar und Marko Ković in der neuen Folge unseres Podcasts «Das Monokel».</strong></p>
<p><iframe loading="lazy" src="https://anchor.fm/dasmonokel/embed/episodes/Folge-15-Wie-4chan-die-Welt-erobert-hat-eqa5ae" width="600px" height="153px" frameborder="0" scrolling="no"></iframe></p>
<p>In den letzten Jahren wurde viel über den schädlichen Einfluss von Social-Media-Plattformen für unsere politische Kultur geschrieben: Facebook, YouTube, Reddit, Twitter &amp; Co. polarisierten und leisteten politischer Radikalisierung Vorschub. Bizarre Lügen, absurde Verschwörungstheorien und gefährliche Desinformation erreichten ungefiltert und unhinterfragt Millionenpublika. Der ungezügelte Diskurs sei eine Gefahr für die Demokratie.</p>
<p>Es stimmt zwar, dass der politische Diskurs auf Social Media bisweilen irrwitzige und gefährliche Züge annimmt. Doch die grossen Socia-Media-Plattformen sind oft nur Verstärker und Multiplikatoren von Ideen und Inhalten, die ihren Ursprung nicht selten in anderen, weniger bekannten Ecken des Internets haben. Eine der wichtigstes dieser obskuren Plattformen, welche die politische Kultur im Westen beeinflusst, ist <a href="https://www.4chan.org/" target="_blank" rel="noopener">4chan</a>: Oberflächlich betrachtet ein unscheinbares, minimalistisch gestaltetes Diskussionsforum.<br />
</p>
<p>Die Geschichte von 4chan beginnt je nach Auslegung mit einer respektvollen Hommage oder einer dreisten Kopie: Am 1. Oktober 2003 ging das Diskussionsforum 4chan.org online. Im Wesentlichen sah die Website aus wie ein Klon des japanischen Imageboards <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Futaba_Channel" target="_blank" rel="noopener">Futaba Channel</a>. Der Name 4chan ist eine Anspielung auf 2chan, den umgangssprachlichen Namen für Futaba Channel («Futaba» bedeutet in etwa so viel wie «zwei Blätter»), und 4chan nutzte den gleichen Software-Quellcode wie Futaba Channel. Sogar das Layout und Design waren praktisch identisch.</p>
<p>4chan war kein Produkt einer grossen Internetfirma und kein Kind der Dotcom-Jahre. Die Website 4chan war ein kleines Hobbyprojekt des damals erst 15-jährigen Schülers Christoph Poole. Das Online-Forum «Something Awful», in dem Poole häufig mitdiskutierte, hatte für seinen Geschmack zu viele Regeln. Er sehnte sich nach einem Ort, wo er sich mit Gleichgesinnten ungefiltert und ungestört austauschen konnte. Nicht unbedingt, weil sich der junge Poole gross um Dinge wie Meinungsfreiheit und Zensur kümmerte. Er war schlicht ein Anime- und Manga-Nerd und wollte einen japanisch angehauchten Ort schaffen, der weitere Nerds anzieht.</p>
<blockquote><p>Obwohl 4chan um Welten weniger Nutzerinnen und Nutzer zählt als die grossen Social-Media-Plattformen, erfreut sich die Website bis heute ganz ansehnlicher Beliebtheit in der Nische.</p></blockquote>
<p>Zu Beginn fokussierte 4chan darum auf Unterforen, sogenannte Boards, rund um <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anime" target="_blank" rel="noopener">Anime</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Manga" target="_blank" rel="noopener">Manga</a> (inklusive Boards für Anime- und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hentai" target="_blank" rel="noopener">Manga-Pornografie</a>). Mit der Zeit erstellte Poole, der bis 2015 der alleinige Administrator von 4chan war, weitere Boards mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, von Fitness über Literatur bis hin zu einem Board für paranormale Phänomene, wie Gespenster und Nahtoderfahrungen.</p>
<p>Obwohl 4chan um Welten weniger Nutzerinnen und Nutzer zählt als die grossen Social-Media-Plattformen, erfreut sich die Website bis heute ganz ansehnlicher Beliebtheit in der Nische, die sie sich selber geschaffen hat. Gemäss eigenen Angaben hat 4chan über <a href="https://www.4chan.org/advertise" target="_blank" rel="noopener">20 Millionen Besucherinnen und Besucher</a> pro Monat und generiert jeden Tag über 900’000 neue Forumseinträge. Die Erträge aus Bannerwerbung (zumeist für Pornoseiten) scheinen ausreichend zu sein, um 4chan nachhaltig zu betreiben.</p>
<p>So weit, so unspektakulär. 4chan ist ein gut besuchtes Online-Forum, aber das alleine erklärt nicht, warum 4chan für die politische Kultur westlicher Länder von grosser Bedeutung sein soll. Es gibt schliesslich schier endlos viele Diskussionsforen im Internet.</p>
<blockquote><p>Bei 4chan braucht es keine Anmeldung. Ein «Gespräch» starten oder bei einer Diskussion mitreden kann jede und jeder sofort, ganz ohne Registrierung, und zwar komplett anonym.</p></blockquote>
<p>Der Schlüssel zu 4chans grossem Einfluss ist der niederschwellige Zugang. Bei normalen Diskussionsforen müssen sich Nutzerinnen und Nutzer registrieren und können erst danach Diskussionen starten oder bei bestehenden Diskussionen mitreden. Bei 4chan braucht es keine Anmeldung. Ein «Gespräch» starten oder bei einer Diskussion mitreden kann jede und jeder sofort, ganz ohne Registrierung, und zwar komplett anonym. Die Nutzerinnen und Nutzer sprechen sich darum gegenseitig als «Anon» oder «Anonymous» an; das ist der Benutzername, der standardmässig bei allen Nutzerinnen und Nutzern angezeigt wird. Um eine Diskussion bei 4chan zu starten, ist es zudem nötig, ein Bild zu posten. Das ist der Grund, warum 4chan als ein sogenanntes Imageboard gilt.</p>
<p>Bereits diese zwei Komponenten, die Anonymität und der Zwang zum Einsatz von Bildern, machen 4chan zu einer <a href="https://journals.uic.edu/ojs/index.php/fm/article/view/3665/8696" target="_blank" rel="noopener">eigenen Gattung</a> unter den Social-Media-Plattformen: Die Diskussionen auf 4chan sind oft kreativ, vielfältig und schaffen trotz, oder gerade wegen der Anonymität ein besonderes Gefühl der Gemeinschaft. Im Vordergrund stehen, anders als auf den meisten Social-Media-Plattformen, nicht konkrete User als wiedererkennbare Personen, sondern nur ihre Beiträge in Text und Bild, die unmittelbar Reaktionen provozieren. In der Anonymität fallen typische soziale Anreize, wie es sie auf Facebook und Co. gibt, gänzlich weg. Wenn ein User eine beliebte Diskussion startet, gibt es keine Likes und keine Retweets, die den User als Person in den Vordergrund stellen und ihm so etwas wie Prominenz verschaffen. Auf 4chan gibt es nur die anonyme Masse, alles ist vergänglich, und der Mühe einziger Lohn sind die unmittelbaren Reaktionen anderer anonymer Nutzerinnen und Nutzer. Es geht ausschliesslich um das möglichst sinnliche, möglichst aufregende Hier und Jetzt.</p>
<blockquote><p>Viele Memes erblicken auf 4chan das Licht der Welt und finden ihren Weg anschliessend auf gängigere Social-Media-Plattformen.</p></blockquote>
<p>Diese besonderen Bedingungen des anonymen Diskutierens in Kombination mit dem Fokus auf Bilder haben die Kulturtechnik der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meme_(Kulturph%C3%A4nomen)" target="_blank" rel="noopener">Memes hervorgebracht</a>. Das, was wir heute überall im Netz sehen – mehr oder weniger lustige Bilder als Meinungen und Reaktionen – hatte seinen Ursprung in den sarkastischen, mit Bildern gespickten Diskussionen der 4chan-Unterforen. Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte, und ein Meme kann packender und unmittelbarer sein als tausend Zeilen Text. Auch heute noch ist 4chan eine der <a href="https://arxiv.org/abs/1805.12512" target="_blank" rel="noopener">wichtigsten Quellen von Memes</a> im gesamten Internet: Viele Memes erblicken auf 4chan das Licht der Welt und finden ihren Weg anschliessend auf gängigere Social-Media-Plattformen, wo sie ein viel grösseres Publikum finden.</p>
<p>Eine weitere zentrale Komponente von 4chan ist die strukturell bedingte brutale Aufmerksamkeitsökonomie der Diskussionen. Neue Diskussionen werden laufend gestartet, und die neuen Diskussionen verdrängen chronologisch die bestehenden. In der Folge sind die meisten neu gestarteten Diskussionen nur für wenige Sekunden auf der Frontseite des jeweiligen Unterforums sichtbar, und nach nur rund fünf Minuten sind sie gar komplett <a href="https://ojs.aaai.org/index.php/ICWSM/article/view/14134" target="_blank" rel="noopener">verschwunden</a>, weil sie von der nie endenden Welle an neuen Diskussionen weggespült werden. Diskussionen bei 4chan sind nämlich ein Nullsummenspiel: Wird eine Diskussion genug weit nach hinten gedrückt, rutscht sie bald ins digitale Nirvana, weil die Anzahl der angezeigten und damit abrufbaren Diskussionen fix ist. Archivfunktionen oder dergleichen gibt es keine.</p>
<blockquote><p>Wer nicht die Grenzen der Menschlichkeit überschreitet, geht auf 4chan unter.</p></blockquote>
<p>In diesem gnadenlosen Verdrängungskampf kann nur obenauf schwimmen, wer möglichst viele Reaktionen provoziert; Diskussionen, die viele Antworten generieren, bleiben länger sichtbar. Um aufzufallen und Reaktionen zu zeitigen, müssen Diskussionen darum möglichst provokativ und krass sein, möglichst Tabus brechen und nicht zuletzt die 4chan-Massen möglichst gut unterhalten.</p>
<p>Wer sachlich und ausgewogen diskutieren will, hat bereits verloren. Wüster Rassismus, verrückte Verschwörungstheorien, Hass auf Andersdenkende sind die natürliche Konsequenz dieses darwinistischen Kampfes um Aufmerksamkeit. Wer nicht die Grenzen der Menschlichkeit überschreitet, geht unter. 4chan ist, wie es Andrew Marantz im Titel seines Buches «Antisocial: Online Extremists, Techno-Utopians, and the Hijacking of the American Conversation» auf den Punkt bringt, im Grunde antisozial: Die Vernetzung auf 4chan führt nicht zur Steigerung eines wie auch immer gearteten Gemeinwohls, sondern verkommt (auch strukturbedingt) zum Ausdruck kollektiver Verachtung aller Menschen, die anders denken und anders aussehen.</p>
<blockquote><p>Die Geister, die er rief, wurden mit der Zeit sogar dem 4chan-Gründer Christophe Poole zu viel.</p></blockquote>
<p>Der toxische Cocktail der 4chan-Aufmerksamkeitsökonomie – auf 4chan kann und muss man Tabus brechen, um gesehen zu werden – ist der vielleicht entscheidende Faktor, der 4chan von einem Diskussionsforum für Anime-Nerds zu einem Nährboden für politischen Wahnsinn hat mutieren lassen. Die Geister, die er rief, wurden mit der Zeit sogar dem 4chan-Gründer Christophe Poole zu viel. Nachdem er realisierte, dass 4chan nicht mehr in halbwegs vernünftige Bahnen gelenkt werden kann, <a href="https://www.rollingstone.com/culture/culture-features/4chans-overlord-christopher-poole-reveals-why-he-walked-away-93894/" target="_blank" rel="noopener">verkaufte Poole 4chan</a> 2015 an Hiroyuki Nishimura, den Gründer des Textboards 2channel. (2channel, ein rein textbasiertes japanisches Diskussionsforum, war die Inspiration für Futaba Channel und damit indirekt auch für 4chan.)</p>
<p>Wäre 4chan lediglich ein toxisches Kuriosum, dessen extreme Inhalte auf 4chan beschränkt sind, wäre die Angelegenheit vielleicht als Online-Randphänomen akademisch interessant, aber für die breitere Gesellschaft nicht so wichtig. Wie aber nicht zuletzt das Beispiel von Memes als sarkastische Kulturtechnik zeigt, schwappt 4chan auch in das breitere Internet und damit in die breitere Gesellschaft über. Das ist der zentrale Mechanismus, über den 4chan zu einem weltweit bedeutenden Phänomen geworden ist: Auf 4chan entstehen extremistische Inhalte, die zuerst nur ein begrenztes Publikum erreichen, sich aber auf anderen Social-Media-Plattformen verbreiten wie ein Lauffeuer.</p>
<blockquote><p>Fragwürdige Aktionen und Bewegungen, die von 4chan aus ihren Siegeszug starten, gibt es zuhauf.</p></blockquote>
<p>Im Bereich des Politischen geschieht diese Weiterverbreitung von 4chan-Inhalten auf zwei Arten; eine eher offensichtliche und eine eher subtile. Offensichtlich und unmittelbar spürbar sind einschneidende Ereignisse, Bewegungen und «Skandale», die ihren Ursprung auf 4chan haben. Eher subtil hingegen ist die Verbreitung des diskursiven Stils von 4chan in die breitere Öffentlichkeit hinein.</p>
<p>Zunächst zu der eher offensichtlichen Art, wie Inhalte von 4chan in die Gesellschaft überschwappen. Fragwürdige Aktionen und Bewegungen, die von 4chan aus ihren Siegeszug starten, gibt es zuhauf: Die <a href="https://www.newyorker.com/magazine/2014/09/08/masked-avengers" target="_blank" rel="noopener">Hacker-Bewegung «Anonymous»</a> wurde um 2004 herum auf 4chan ins Leben gerufen; der Aktienkurs von Apple ist 2008 eingebrochen, nachdem auf 4chan ein <a href="https://arstechnica.com/gadgets/2008/10/sources-sec-identifies-steve-jobs-heart-attack-prankster/" target="_blank" rel="noopener">Gerücht über den Tod von Steve Jobs</a> in die Welt gesetzt wurde; 2014 wurden unter dem Namen «The Fappening» <a href="https://www.vox.com/2014/9/2/6096815/4chan-explainer-questions" target="_blank" rel="noopener">gehackte Nacktfotos</a> unter anderem von Hollywood-Schauspielerinnen auf 4chan veröffentlicht.</p>
<blockquote><p>Ein explosiver Moment, mit dem 4chan in den politischen Alltag sickerte, ist die QAnon-Verschwörungstheorie.</p></blockquote>
<p>Ab den 2010er Jahren häufen sich aber stärker politische Bewegungen mit dezidiert reakionär-faschistoidem Drall, die auf 4chan aufkeimen und dann über andere Plattformen gross werden. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte «Gamergate»-Bewegung von 2014. «Gamergate» war ein Sturm des Online-Hasses gegen Videospiel-Programmiererinnen und -Journalistinnen. Der Mob griff diese Frauen in der Videospielbranche an, weil sie eine angeblich zu feministische und zu progressive Sicht der Dinge hatten und über Videospiele andere Leute manipulieren wollten. Obwohl «Gamergate» mit Videospielen ein Thema ansprach, das nicht im Zentrum der allgemeinen politischen Aufmerksamkeit steht, wurde damit eine bedenkliche reaktionäre Sicht massentauglich: Die westliche Kultur stehe unter Beschuss von <a href="https://doi.org/10.1080/14680777.2018.1447333" target="_blank" rel="noopener">«Social Justice Warriors»</a>, in dem Fall den Frauen in der Game-Branche, die mit ihrer Ideologie alles, was den Westen gross gemacht hat, zerstören wollen.</p>
<p>Ein anderer und noch explosiverer Moment, mit dem 4chan in den politischen Alltag sickerte, ist die QAnon-Verschwörungstheorie. Im Oktober 2017 meldete sich ein angeblicher Insider der Trump-Regierung auf 4chan zu Wort und verkündete, dass Donald Trump, ein angebliches politisches Genie, die USA von der «pädophilen Elite der Demokraten», dem «Deep State und Hollywood» in einem «grossen Sturm» säubern werde. Der QAnon-Verschwörungswahn gipfelte im <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/15/alle-profitierten-von-trump-medien-als-brandbeschleuniger-des-kapitol-sturms/">Sturm auf das US-Kapitol</a> vom 6. Januar 2021, bei dem QAnon-Anhängerinnen und -Anhänger Trump unter die Arme greifen und den ersehnten grossen Sturm selber herbeiführen wollten. Daraus wurde zwar nichts (Trump hat das Weisse Haus sang- und klanglos verlassen), aber QAnon ist längst zu einem religionsähnlichen Weltbild metastasiert, dass auch <a href="https://markokovic.substack.com/p/wenn-prophezeiungen-scheitern" target="_blank" rel="noopener">nach Trumps Abgang weiter wuchert</a>.</p>
<blockquote><p>Hass und Hetze kommen auf 4chan nicht bedrohlich oder aggressiv daher, sondern sind immer in eine dicke Schicht Sarkasmus gepackt.</p></blockquote>
<p>Diese Beispiele sind offensichtliche und krasse Ereignisse, die auf 4chan ihren Anfang hatten, über andere Social-Media-Plattformen ein grösseres Publikum fanden, dadurch letztlich in die physische Realität übergeschwappt sind und grossen Schaden angerichtet haben. Doch der vielleicht noch wichtigere Einfluss von 4chan auf den politischen Diskurs in den USA und anderen westlichen Ländern ist subtiler: Der diskursive Habitus auf 4chan verharmlost reaktionäre bis faschistische Überzeugungen, indem er sie in einen Mantel des Sarkasmus verpackt und so für ein grosses Publikum als «normal» erscheinen lässt. Die Infektion des Politischen durch diesen Habitus ist kein lauter Knall, sondern ein steter Tropfen.</p>
<p>Humor ist das vielleicht zentrale Merkmal des <a href="https://www.theatlantic.com/international/archive/2020/09/how-memes-lulz-and-ironic-bigotry-won-internet/616427/" target="_blank" rel="noopener">politischen Extremismus auf 4chan</a>: Der Rassismus, der Antisemitismus, der Faschismus und ganz allgemein der Hass auf alles Fremde, der auf 4chan an der Tagesordnung ist, kommt nicht bedrohlich oder aggressiv daher, sondern ist immer in eine dicke Schicht Sarkasmus gepackt. Auf 4chan hat man nicht das Gefühl, unter gefährlichen Neonazis zu sein. Im Gegenteil: Alles ist bunt, überall sind lustige Memes und alles wird mit einem Augenzwinkern gepostet. Die Stimmung ist nicht primär von offenkundigem Hass und Groll geprägt, sondern hat eher einen Hauch «positiver», lustiger Gegenkultur.</p>
<blockquote><p>Wer die faschistischen Memes auf 4chan anschaut, hat nicht das Gefühl, ein rückwärtsgewandter Nazi zu sein.</p></blockquote>
<p>Die Autorin und Forscherin Angela Nagle beschreibt dieses Phänomen in ihrem Buch <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/angela-nagle-kill-all-normies-amerika-unter-trump-die.1270.de.html?dram:article_id=408170" target="_blank" rel="noopener">«Kill All Normies»</a> als eine Übernahme der ehemals linken Politik der Grenzüberschreitung («Transgression») durch reaktionär-faschistoide Kreise. Wer die faschistischen Memes auf 4chan anschaut, hat nicht das Gefühl, ein rückwärtsgewandter Nazi zu sein, sondern versteht sich als Teil einer mutigen Bewegung, die sich gegen das sklerotische Establishment stemmt. Das Ganze ist ein sarkastischer Protest gegen den Status Quo des angeblichen linken politischen Mainstreams; es geht nur darum, den Mainstream zu kritisieren.</p>
<p>All das ist am Anfang vielleicht nicht ganz so ernst gemeint und es schwingt viel rein provokatives «Shitposting» mit. Doch wenn das Pendel nur in eine Richtung schwingt, wird es mit der Zeit zu einer konkreten ideologischen Brille. Wenn sich Abertausende von Nutzern in einem permanenten Sog reaktionär-verschwörungstheoretisch-faschistoider Memes befinden, bestätigen sie sich gegenseitig in dieser Weltsicht. Vordergründig mag alles sarkastisch sein, aber der unter der Sarkasmus-Patina lauernde ideologische Kern setzt sich immer tiefer in den Köpfen der Nutzer fest.</p>
<blockquote><p>«Pepe the Frog», eine harmlose Comic-Figur, die in SS-Uniform «Feels good» verkündet, avancierte auf 4chan zum Maskottchen der Alt-Right.</p></blockquote>
<p>Mit diesem besonderen Mix – extremistische Überzeugungen verpackt in sarkastische Memes – schafft 4chan, was Generationen faschistischer Gruppierungen misslungen ist: Hass wird massentauglich. Die «Memefizierung» von Hass ist eine Art Filter, der Hass normalisiert und damit für eine breitere Öffentlichkeit <a href="https://www.theguardian.com/technology/2017/may/23/alt-right-online-humor-as-a-weapon-facism" target="_blank" rel="noopener">zugänglich macht</a>. Die meisten Menschen würden beispielsweise nie aktiv einer offen rassistischen Gruppierung beitreten oder ihre Inhalte konsumieren. Doch die moralische Hemmschwelle, über ein «lustiges» Meme zu lachen, in dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pepe_der_Frosch" target="_blank" rel="noopener">«Pepe the Frog»</a>, eine harmlose Comic-Figur, die auf 4chan zum Maskottchen der Alt-Right avancierte, in SS-Uniform «Feels good» verkündet, ist viel tiefer. Und wenn das jemand kritisiert, ist das auch nur wieder Wasser auf die Mühlen der reaktionären Radikalisierung: Da sind sie wieder, die Political Correctness, der Feminismus, die Linken, die alles zensieren wollen, was nicht genehm ist.</p>
<p>Der Autor Dale Beran zeichnet in seinem Buch «It Came from Something Awful» nach, wie die 4chan-Kultur des humorvoll-sarkastischen Hasses dazu beigetragen hat, Donald Trump ins Amt des Präsidenten zu befördern. Die reaktionäre 4chan-Kultur, so Beran, macht Menschen zu einer Art quasi-nihilistischen Trollen, die Grenzen immer weiter ausloten und immer weiter Tabus brechen. Alles ist erlaubt, weil ja alles nur ein Scherz ist; wer sich aufregt und etwas kritisiert, ist einfach Teil des Problems. Dann gilt es erst recht, dagegenzuhalten. Eine seriöse politische Diskussion mit Kritikern und politischen Gegnerinnen wird natürlich gar nicht angestrebt. Mit «Normies» zu sprechen, die die <a href="https://nymag.com/intelligencer/2017/05/the-online-radicalization-were-not-talking-about.html" target="_blank" rel="noopener">«rote Pille» nicht genommen</a> haben und die Realität nicht sehen, wie sie tatsächlich ist, bringt gar nichts. Es gilt, alle und alles pauschal abzulehnen.</p>
<blockquote><p>4chan ist zwar ausschliesslich englischsprachig, aber die kulturellen Wellen, die 4chan geschlagen hat, sind auch bei uns zu spüren.</p></blockquote>
<p>Die ideologischen Versatzstücke der 4chan-Weltsicht sind auch im deutschsprachigen Raum angekommen. Zwar hat 4chan in unseren Breitengraden vergleichsweise wenig Resonanz (4chan ist ausschliesslich englischsprachig), aber die kulturellen Wellen, die 4chan geschlagen hat, sind auch bei uns zu spüren. Verschwörungstheorien wie QAnon oder «The Great Replacement» haben auch bei uns viele Menschen in ihren Bann gezogen; hasserfüllte «lustige» Memes werden auch bei uns rege auf Social-Media-Plattformen geteilt; reaktionäre und inhaltsfreie Angriffe auf Feminismus, auf «Genderwahn», auf «Social Justice Warriors», auf Transgender-Menschen, auf linken «Moralismus», auf «Kulturmarxismus» sind auch bei uns Teil des politischen Diskurses.</p>
<p>Dabei geht es gar nicht darum, fundierte inhaltliche Kritik zu formulieren und in ein Gespräch zu treten. Die Andersdenkenden werden stattdessen einfach dämonisiert und ihre Kritik pauschal abgelehnt. Kein Tabubruch geht zu weit, weil ja alles eigentlich nur ein nicht ganz ernst gemeinter Scherz ist – die «Linken» haben einfach keinen Humor und wollen mit der Zensurkeule durchgreifen. Quod erat demonstrandum – was zu beweisen war.</p>
<blockquote><p>Auch wenn 4chan als Plattform über Nacht verschwinden würde, dürfte deren Erbe noch lange nachwirken.</p></blockquote>
<p>Das ist, im Kern, der Effekt von 4chan auf den politischen Diskurs: Alles verkommt zu einer Art provokativem Getrolle, das mittels Humor und Sarkasmus reaktionäre bis faschistische Überzeugungen salonfähig macht.</p>
<p>Kann diese Büchse der Pandora wieder geschlossen werden? Auch wenn 4chan als Plattform über Nacht verschwinden würde, dürfte deren Erbe noch lange nachwirken. Vielleicht würde damit die Quelle so manch einer wirren Verschwörungstheorie und vieler rassistischer Memes versiegen, aber der übergeordnete Schaden – der sarkastisch-hasserfüllte, möchtegern-transgressive politische Blick auf die Welt – ist bereits angerichtet. Die meisten Menschen, die heute die sarkastische 4chan-Hassbrille tragen, haben nie von 4chan gehört. Darüber hinaus zeigt nicht zuletzt die Website 8chan, (der kleine hässliche Bruder von 4chan; eine Kopie der Kopie, wo es nochmals einen ganzen Zacken rassistischer zu- und hergeht), dass sich die 4chan-Meute bei Bedarf einfach eine neue Plattform sucht. <a href="https://knowyourmeme.com/memes/feels-bad-man-sad-frog" target="_blank" rel="noopener">Feels bad, man</a>.</p>
<p><iframe loading="lazy" src="https://anchor.fm/dasmonokel/embed/episodes/Folge-15-Wie-4chan-die-Welt-erobert-hat-eqa5ae" width="600px" height="153px" frameborder="0" scrolling="no"></iframe></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/02/12/4chan-wo-hass-und-hetze-als-lustige-online-spielerei-daherkommen/">4chan: Wo Hass und Hetze als lustige Online-Spielerei daherkommen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Das kann nur Reddit: Wenn der Internet-Stammtisch einen Börsen-Coup organisiert</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/02/09/das-kann-nur-reddit-wenn-der-internet-stammtisch-einen-boersen-coup-organisiert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Feb 2021 22:39:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[reddit]]></category>
		<category><![CDATA[Gamestop]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Schatten von Facebook und Twitter gedeiht seit Jahren Reddit. Im Kern konnte die Plattform mit ihren über 400 Millionen Usern den Charakter als Internet-Stammtisch bewahren. Was das heisst, zeigte zuletzt die Episode um die Massenkäufe von Gamestop-Aktien. Es klingt nach einer Mischung aus Robin Hood und Hollywood: In einem Online-Forum verabreden sich Kleinanleger, den <a href="https://medienwoche.ch/2021/02/09/das-kann-nur-reddit-wenn-der-internet-stammtisch-einen-boersen-coup-organisiert/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Im Schatten von Facebook und Twitter gedeiht seit Jahren Reddit. Im Kern konnte die Plattform mit ihren über 400 Millionen Usern den Charakter als Internet-Stammtisch bewahren. Was das heisst, zeigte zuletzt die Episode um die Massenkäufe von Gamestop-Aktien.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-85829" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/02/MW-Reddit-Gamestop-20210209.jpg" alt="" width="1456" height="976" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/02/MW-Reddit-Gamestop-20210209.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/02/MW-Reddit-Gamestop-20210209-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/02/MW-Reddit-Gamestop-20210209-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/02/MW-Reddit-Gamestop-20210209-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2021/02/MW-Reddit-Gamestop-20210209-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Es klingt nach einer Mischung aus Robin Hood und Hollywood: In einem Online-Forum verabreden sich Kleinanleger, den angeschlagenen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/GameStop" target="_blank" rel="noopener">Videospiele-Händler Gamestop</a> mit Aktienkäufen zu stützen. Daraufhin beginnt eine Kursrallye. Der Wert der Aktie steigt von vier Dollar auf zeitweise über 480 Dollar. Sogenannte Leerverkäufer, die auf einen fallenden Kurs von Gamestop gesetzt hatten, <a href="https://t3n.de/news/gamestop-shortseller-verlieren-1353057/" target="_blank" rel="noopener">verloren viel Geld</a>. An den Finanzmärkten herrschte helle Aufregung. «David gegen Goliath», «Graswurzler gegen Hedgefonds-Giganten» – so wurde das ungleiche Duell an der Wallstreet beschrieben.<br />
</p>
<p>Dreh- und Angelpunkt dieser Kurskapriolen war die <a href="https://www.reddit.com/" target="_blank" rel="noopener">Online-Plattform Reddit</a>. Dort hatte der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/DeepFuckingValue" target="_blank" rel="noopener">Finanzanalyst Keith Gill</a> unter seinem Pseudonym DeepFuckingValue immer wieder Screenshots seines Aktien-Portfolios gepostet. Auf seinem <a href="https://www.youtube.com/c/RoaringKitty" target="_blank" rel="noopener">Youtube-Kanal</a> nahm er stundenlang Statistiken und Kurven auseinander, um zu beweisen, dass die Gamestop-Aktie unterbewertet war. Bis im November 2020 interessierte das niemand. Doch dann postete Gill auf Reddit einen Screenshot, der zeigte, wie sein Investment von 57‘000 Dollar auf einmal 48 Millionen Dollar wert hatte. Der Beitrag erhielt 140‘000 «Upvotes», wie die Likes auf Reddit heissen. «Wenn er drin ist, sind wir es auch», schrieb ein Nutzer – und gab damit den Startschuss für eine beispiellose Kursrallye an der Wall Street. Die Fangemeinde, die Gill in dem Forum hinter sich geschart hatte, kaufte daraufhin massenhaft Gamestop-Aktien in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robinhood" target="_blank" rel="noopener">Trading-App «Robinhood»</a> – bis diese den Kauf untersagte.</p>
<blockquote><p>Der Marktwert von Reddit liegt heute bei schätzungsweise sechs Milliarden Dollar.</p></blockquote>
<p>Reddit gilt als letzter grosser Stammtisch des Internets, wo man noch etwas lauter und ungestörter als auf den stärker regulierten Plattformen wie Facebook oder Twitter kundtun kann, was einem gefällt. Mit seinen 430 Millionen aktiven Nutzerinnen und Nutzern nimmt Reddit insofern eine Sonderrolle ein, als dass die Plattform einem grossen Medienhaus gehört. <a href="https://www.condenast.com/" target="_blank" rel="noopener">Condé Nast</a>, das sonst Zeitschriften herausgibt, wie den «New Yorker», «Vogue» oder «Wired», hat das Start-up 2006 ein Jahr nach seiner Gründung für 20 Millionen Dollar gekauft. Seit 2011 ist Reddit, dessen Marktwert heute schätzungsweise <a href="https://www.pymnts.com/news/investment-tracker/2021/reddit-valuation-hits-8b-with-new-funding/" target="_blank" rel="noopener">sechs Milliarden Dollar</a> beträgt, eine Tochter von Advance Publications, dem Mutterhaus von Condé Nast und weiteren Medien. Geld verdient die Plattform hauptsächlich mit Anzeigen und Premium-Mitgliedschaften. 2014 stiegen Investoren wie Marc Andreessen, Peter Thiel und Ron Conway ein. 2019 nahm Reddit bei einer Finanzierungsrunde 300 Millionen vom chinesischen Online-Riesen Tencent ein.</p>
<p>Reddit ist eine Art Internet im Internet, ein fein gewobener Hypertext, der aus 138‘000 aktiven Diskussionsforen besteht. Diese sogenannten Subreddits werden von freiwilligen Moderatoren betreut und unterscheiden sich stark in Ton und Stil. Die Foren sind in der Regel frei zugänglich. Wer etwas dazuschreiben möchte, muss sich nur mit einer E-Mail-Adresse registrieren.</p>
<blockquote><p>Reddit atmet den anarchischen Geist der Gründerzeit des World Wide Web.</p></blockquote>
<p>Wenn man sich die Subreddits anschaut, wirken sie mit ihrer Textlastigkeit und reduzierten Grafik wie ein Relikt aus den Anfängen des Web; eine Art Schwarzes Brett, wo jeder etwas dranpinnt. Zu jedem x-beliebigen Thema finden sich Beiträge, die mal weniger, mal mehr kommentiert werden. Nicht alles ist legal, manches pietätlos oder geschmacklos. Reddit atmet den anarchischen Geist der Gründerzeit des World Wide Web.</p>
<p>Ein wichtiger Unterschied zu Facebook und Twitter besteht darin, dass man Inhalte nicht nur liken, also «upvoten», sondern auch «downvoten», sprich: herabstufen, kann. Die Philosophie von Reddit bestand von Anfang an darin, dass die Nutzer selbst die Agenda bestimmen sollen. Durch den Up- und Downvoting-Prozess sollten in einem basisdemokratischen Verfahren Spam und Propaganda neutralisiert werden. Der Algorithmus dient nur als sekundärer Filter. Diese Selbstverwaltung funktionierte lange Zeit recht gut.</p>
<p>Doch nach den Anschlägen auf den Boston-Marathon 2013 geriet Reddit massiv in die Kritik: Im Subreddit «r/findbostonbombers» wurden unschuldige Personen verdächtigt. <a href="https://www.diepresse.com/1392831/boston-reddit-entschuldigt-sich-fur-online-hexenjagd" target="_blank" rel="noopener">Reddit entschuldigte sich</a> öffentlich für die «Online-Hexenjagd». Doch damit nicht genug: 2014 tauchten auf der Plattform Nacktfotos aus einem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hackerangriff_auf_private_Fotos_von_Prominenten_2014" target="_blank" rel="noopener">Promihack</a> auf, unter anderem Bilder der Hollywoodstars Kate Upton und Jennifer Lawrence, was insofern pikant ist, als Reddit mit den Indiskretionen Kasse machte: Um die Fotos zu sehen, schlossen zahlreiche Nutzer kostenpflichtige Premium-Mitgliedschaften ab. Die Plattform, so der Vorwurf, habe nur Teile seines Forums von den Nacktfotos gesäubert.</p>
<p>Ähnlich wie bei Facebook hat auch der Ranking-Algorithmus von Reddit immer wieder kontroverse Themen gepusht und die Stimmung angeheizt. Ausserdem wurde 2016 bekannt, dass die russische Trollfabrik <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Troll-Armee" target="_blank" rel="noopener">«Internet Research Agency»</a> Reddit mit Fake News infiltrierte. Die Hacker hatten, wie auch auf Facebook und Twitter, Fake-Accounts kreiert und Nutzer in rechtslastigen Foren aufgewiegelt.</p>
<blockquote><p>Zu spät erkannte die Führung um Steve Huffman, dass die Troll-Aktivitäten überhandnahmen – und die Laissez-faire-Politik gescheitert war.</p></blockquote>
<p>Die Vorfälle zeigten deutlich die Grenzen eines offenen Netzwerks. Trotzdem hielt das Reddit-Management beharrlich an dem Free-Speech-Absolutismus fest. Erst spät, vielleicht zu spät, erkannte die Führung um Steve Huffman, dass die Troll-Aktivitäten überhandnahmen – und die Laissez-faire-Politik gescheitert war. Zahlreiche Diskussionsgruppen, in denen antisemitische Hetze betrieben wurde, hat Reddit mittlerweile gesperrt. Auch das Forum «r/The_Donald», eine Art Basislager der Trumpisten und der Alt-Right-Bewegung mit über 800‘000 Mitgliedern, wurde im vergangenen Jahr <a href="https://www.diepresse.com/5833004/reddit-sperrt-pro-trump-gruppe-mit-800000-mitgliedern" target="_blank" rel="noopener">geschlossen</a>. Doch das Gift, das die Trump-Fans in die Kapillaren der Plattform träufelten, hat seine Wirkung längst entfaltet. Und die Moderation ist noch immer recht lax: So konnte ein hochleistungsfähiger Chatbot unbemerkt eine Woche lang auf Reddit unerkannt Kommentare posten.</p>
<p>Auch wenn Anhänger des Verschwörungskults QAnon zu Imageboards wie 4chan oder 8chan abwanderten, wo sie sich weiter radikalisierten, gilt auch Reddit als Brutstätte des Rassismus. Damit tut man der Plattform insofern unrecht, als diese von einer recht lebendigen Diskussionskultur getragen wird. So forderten 800 Moderatoren CEO Steve Huffman und seine Vorstandskollegen in einem <a href="https://www.reddit.com/r/AgainstHateSubreddits/comments/gyyqem/open_letter_to_steve_huffman_and_the_board_of/" target="_blank" rel="noopener">offenen Brief</a> dazu auf, stärker gegen rassistische Hetze vorzugehen. Das erhöhte den Druck, das Trump-Forum zu löschen.</p>
<blockquote><p>Die Gamestop-Episode hilft auch, Reddits ramponierten Ruf zu rehabilitieren.</p></blockquote>
<p>Die Reddit-Moderatoren spielen eine wichtige Rolle, ähnlich wie die Editoren bei Wikipedia. Nach dem Rauswurf der Kommunikationschefin Victoria Taylor traten 2015 viele Reddit-Moderatoren <a href="https://www.zeit.de/digital/internet/2015-07/reddit-revolt-moderatoren-aufstand/komplettansicht" target="_blank" rel="noopener">in den Streik</a>. Sie forderten mehr Mitsprache im Unternehmen. Das zeigt, wie stark der Crowd-Gedanke bei Reddit ausgeprägt ist. Doch gegen die Armeen von Bots und Pöbler waren auch die Moderatoren machtlos.</p>
<p>Das Interessante an der Gamestop-Episode ist nun, dass Reddits ramponierter Ruf rehabilitiert wird. Sowohl Tesla-Gründer Elon Musk als auch die linke demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez verteidigten die Plattform. So mancher Unternehmer freute sich wohl insgeheim, dass es die «Reddit-Rebellen» den Zockern an der Börse mal so richtig zeigten.</p>
<p>Bevor man die Aktion der Reddit-Rebellen zu einer antikapitalistischen Heldengeschichte umdeutet, sollte man bedenken, dass auch Reddit ein gewinnorientiertes Unternehmen ist – und, wie die Hochfrequenzhändler an der Börse, auch mit Algorithmen operiert. Ohnehin ist das Reddit-Forum «WallStreetBets» mehr ein verschworener Börseninsidertreff, wo sich Glücksrittertum mit dem Anti-Elitismus der Millennials paart.</p>
<blockquote><p>Auch wenn die Kleinanleger am Ende wieder verlieren werden, steht der Gewinner der Gamestop-Episode fest: Es ist Reddit.</p></blockquote>
<p>So nennt es der Technologieforscher <a href="https://www.theguardian.com/commentisfree/2021/feb/03/gamestop-platform-populism-uber-airbnb-wework-robinhood-democracy" target="_blank" rel="noopener">Evgeny Morozov</a> denn auch «Plattform-Populismus». Mit einer Demokratisierung des Finanzwesens hätten die auf Reddit koordinierten Aktienkäufe nichts zu tun.</p>
<p>Reddit ist ein Sammelbecken für alle Milieus und Interessen. Die Plattform zieht die antikapitalistischen Bernie-Sanders-Anhänger genauso an wie Trump-Fans und profitgierige Kleinanleger. Auch wenn die Kleinanleger am Ende wieder verlieren werden, steht der Gewinner der Gamestop-Episode fest: Es ist Reddit.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/02/09/das-kann-nur-reddit-wenn-der-internet-stammtisch-einen-boersen-coup-organisiert/">Das kann nur Reddit: Wenn der Internet-Stammtisch einen Börsen-Coup organisiert</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>20 Jahre Wikipedia – Idealistinnen, Dissidenten und Aktivistinnen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2021/01/09/20-jahre-wikipedia-idealistinnen-dissidenten-und-aktivistinnen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 09 Jan 2021 10:52:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Wikipedia]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=84781</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Wikipedia ist zwanzig Jahre alt und rein zugriffsmässig eine der wenigen nichtkommerziellen Erfolgsgeschichten des Internets. Was ist aus der Idee vom gesammelten Weltwissen von allen für alle geworden?</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/09/20-jahre-wikipedia-idealistinnen-dissidenten-und-aktivistinnen/">20 Jahre Wikipedia – Idealistinnen, Dissidenten und Aktivistinnen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Wikipedia ist zwanzig Jahre alt und rein zugriffsmässig eine der wenigen nichtkommerziellen Erfolgsgeschichten des Internets. Was ist aus der Idee vom gesammelten Weltwissen von allen für alle geworden?</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2021/01/09/20-jahre-wikipedia-idealistinnen-dissidenten-und-aktivistinnen/">20 Jahre Wikipedia – Idealistinnen, Dissidenten und Aktivistinnen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<item>
		<title>Hashtag-Aktivismus zwischen Kampagne und Kommerz</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/08/08/hashtag-aktivismus-zwischen-kampagne-und-kommerz/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Aug 2020 08:35:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Medienwoche]]></category>
		<category><![CDATA[hashtag]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=80354</guid>

					<description><![CDATA[<p>Ob #BlackLivesMatter oder #ChallengeAccepted: Früher oder später wird die ursprüngliche Botschaft von Hashtag-Kampagnen verwässert, weil auch Trittbrettfahrer den Trend für sich entdecken. Über die Ambivalenz des digitalen Protests mit dem Doppelkreuz. Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA ging der Hashtag #BlackLivesMatter viral. Auf der ganzen Welt solidarisierten sich Millionen Menschen im <a href="https://medienwoche.ch/2020/08/08/hashtag-aktivismus-zwischen-kampagne-und-kommerz/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ob #BlackLivesMatter oder #ChallengeAccepted: Früher oder später wird die ursprüngliche Botschaft von Hashtag-Kampagnen verwässert, weil auch Trittbrettfahrer den Trend für sich entdecken. Über die Ambivalenz des digitalen Protests mit dem Doppelkreuz.</strong><br />
<img loading="lazy" decoding="async" src="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-Hashtag-Aktivismus-20200806b.jpg" alt="" width="1456" height="976" class="alignnone size-full wp-image-80355" srcset="https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-Hashtag-Aktivismus-20200806b.jpg 1456w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-Hashtag-Aktivismus-20200806b-300x201.jpg 300w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-Hashtag-Aktivismus-20200806b-768x515.jpg 768w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-Hashtag-Aktivismus-20200806b-1024x686.jpg 1024w, https://medienwoche.ch/wp_website/wp-content/uploads/2020/08/MW-Hashtag-Aktivismus-20200806b-470x315.jpg 470w" sizes="auto, (max-width: 1456px) 100vw, 1456px" /><br />
Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA ging der Hashtag #BlackLivesMatter viral. Auf der ganzen Welt solidarisierten sich Millionen Menschen im Netz mit der Protestbewegung. Auf Instagram posteten Nutzer schwarze Fotos. Der Hashtag entwickelte sich auf allen grossen Social-Media-Plattformen zu einem Trend. Fast <a href="https://www.pewresearch.org/fact-tank/2020/06/10/blacklivesmatter-surges-on-twitter-after-george-floyds-death/" rel="noopener" target="_blank">50 Millionen Mal</a> wurde #BlackLivesMatter in Beiträgen allein zwischen dem 26. Mai bis 7. Juni 2020 verwendet.<br />
<br />
Seitdem der Produktentwickler Chris Messina im August 2007 den ersten Hashtag auf Twitter setzte, um Themen zu verschlagworten, hat es eine ganze Reihe solcher Kampagnen gegeben. #TakeAKnee zum Beispiel, eine Solidaritätsbekundung für den in Ungnade gefallenen American-Football-Spieler Colin Kaepernick, der bei der amerikanischen Nationalhymne kniete. Die Occupy-Bewegung. Oder #BringBackOurGirls, ein globaler Aufruf, die in Nigeria von islamistischen Terroristen entführten Schulkinder zu befreien. #MeToo, #Aufschrei oder #Ferguson sind nur einige weitere prominente Beispiele. Das Doppelkreuz ist zur Chiffre für eine neue Protestkultur im Netz geworden – einer Einwahltaste in die digitale Öffentlichkeit: Es ermöglicht Interessen zu aggregieren und aufs politische Tapet zu heben.</p>
<p>«Die Narrative, die um Twitter-Hashtags entstehen, entwickeln sich schneller als in traditionellen Medien, und deshalb ist Twitter zu einem der Hauptwerkzeuge für die Verbreitung von Informationen in der Öffentlichkeit geworden», schreiben die Autoren Sarah J. Jackson, Moya Bailey und Brooke Foucault Welles in ihrem gerade erschienenen Buch «#HashtagActivism: Networks of Race and Gender Justice». Wenn sich die Schlagwörter zum medialen Massenphänomen entwickeln, springen alle auf.</p>
<blockquote><p>Dieser «Corporate-Hashtag-Aktivismus» gefällt nicht allen. Von «Heuchelei» war die Rede. Beobachter kritisierten, die Aktion sei scheinheilig.</p></blockquote>
<p>So haben sich zahlreiche Firmen und Grosskonzerne wie Levis, H&#038;M oder Gap das Motto «Black Lives Matter» als Zeichen der Solidarität auf die Fahnen und #BlackLivesMatter als Hashtag auf ihre Accounts geschrieben. Doch dieser «Corporate-Hashtag-Aktivismus» gefällt nicht allen. Von «Heuchelei» war die Rede. Beobachter kritisierten, die Aktion sei scheinheilig, weil Konzerne wie Nike oder Adidas keinen einzigen Afroamerikaner in ihren Vorständen hatten. «Wenn schwarze Leben zählen, wo sind dann die schwarzen Vorstandsmitglieder?», fragte Mark Ritson in der Fachzeitschrift <a href="https://www.marketingweek.com/mark-ritson-black-lives-matter-brands/" rel="noopener" target="_blank">«Marketing Week»</a>. Nachdem sich Amazon auf seiner Webseite mit einem grossen Banner mit Black Lives Matter solidarisierte, erhielt Unternehmenschef Jeff Bezos eine Reihe von Hassmails, die er auf seinem Instagram-Profil öffentlich machte. </p>
<p>Für Konzerne ist die öffentliche Parteinahme eine Gratwanderung. Auf der einen Seite wird von Marken und ihren Botschaftern von der kritischen Öffentlichkeit immer öfter eine dezidiert politische Haltung erwartet (Stichwort Corporate Social Responsibility). <a href="https://www.marketingdive.com/news/study-most-americans-say-brands-should-respond-to-black-lives-matter-movem/581360/" rel="noopener" target="_blank">Gemäss einer Studie</a> sind 71 Prozent aller erwachsenen US-Bürger der Meinung, dass Marken auf die rassistische Ungleichheit und Polizeigewalt antworten müssen. Auf der anderen Seite müssen Unternehmen ihren Aktivismus wohldosieren, weil ihr Engagement (etwa im Bereich des <a href="https://eu.patagonia.com/fr/de/how-we-fund/" rel="noopener" target="_blank">Umweltschutzes</a>) im Verdacht der Imagepflege steht. Kurz: Die Unternehmen dürfen nicht schweigen, aber auch nicht trommeln. </p>
<blockquote><p>War es im Sinne der Initiatoren, dass ihr Slogan #BlackLivesMatter neben einer Sportmarke steht? Wird das eigentliche Anliegen banalisiert und kommerzialisiert?</p></blockquote>
<p>Für den aussenstehenden Betrachter mutet es dennoch etwas seltsam an, wenn sich grosse Marken wie Coca Cola oder Ben &#038; Jerry&#8217;s einen Hashtag wie #BlackLivesMatter ans Revers heften und damit vorgeben, mit den Aktivisten gemeinsame Sache zu machen. So etwas wirkt dann schnell beliebig und opportunistisch. War es im Sinne der Initiatoren, dass ihr Slogan #BlackLivesMatter neben einer Sportmarke steht? Wird das eigentliche Anliegen banalisiert und kommerzialisiert? Sind die Aktivisten auf der Strasse bloss die Stichwortgeber der PR-Abteilungen grosser Konzerne? Oder dient es am Ende doch der Sache, wenn sich kampagnenstarke Organisationen zum Sprachrohr für Gleichberechtigung machen? </p>
<p>Wie doppelbödig die Anzeigenpolitik von Unternehmen ist, macht ein <a href="https://www.nbcnews.com/news/nbcblk/vice-urges-advertisers-stop-blocking-black-lives-matter-related-keywords-n1232103" rel="noopener" target="_blank">Beispiel aus der US-Medienlandschaft</a> deutlich. Die Vice Media Group («Vice») stellte fest, dass Artikel über den Tod von George Floyd 57 Prozent weniger Geld durch Werbung einspielten als andere Nachrichten-Artikel. Eine Werbeagentur, die ein grosses Unterhaltungskonzern repräsentiert, soll dem Vernehmen nach «Vice» eine Blockliste mit verbotenen Wörtern wie «schwarze Menschen» oder «Black Lives Matter» zugesendet haben. Das Black-Lives-Matter-Label schreibt man sich gerne auf die Fahnen. Neben Polizeigewalt will man aber offensichtlich nicht werben. Ein Konzern kann sich sein Werbeumfeld aussuchen. Ein Aktivist nicht.</p>
<blockquote><p>Als die Fluggesellschaft Qantas ihre Kunden dazu aufrief, unter dem Hashtag #qantasluxury Reiseträume über den Wolken zu teilen, posteten Nutzer Bilder von unappetitlichen Bordmenüs.</p></blockquote>
<p>Man kann nicht verhindern, dass Unternehmen ihr Fähnchen in den Wind hängen und zu Trittbrettfahrern werden. Ein Hashtag ist gemeinfrei; jeder kann ihn nutzen. Genau das ermöglicht aber einen offenen politischen Wettbewerb. So haben 2014 Aktivisten den McDonald’s-Hashtag «#CheersToSochi» gekapert, um im Vorfeld der Olympischen Winterspiele gegen die Anti-Homosexuellen-Gesetze in Russland zu protestieren. Eine besonders subversive Form des Guerilla-Marketings. Nicht immer bewegen sich die Diskussionen also in die intendierte Richtung. Als die Fluggesellschaft Qantas 2011 ihre Kunden dazu aufrief, unter dem Hashtag #qantasluxury Reiseträume über den Wolken zu teilen, posteten Nutzer Bilder von unappetitlichen Bordmenüs. Statt Werbung machten die Nutzer Anti-Werbung. <a href="https://theconversation.com/qantasluxury-a-qantas-social-media-disaster-in-pyjamas-4421" rel="noopener" target="_blank">Ein PR-Gau.</a></p>
<p>Wie rasch sich solche Codierungen ändern können, beweist auch der Hashtag #WhiteLivesMatter. Anfangs verbreiteten – vor allem US-amerikanische – Rechtsextreme darunter rassistische Inhalte. Dann <a href="https://de.euronews.com/2020/06/03/warum-k-pop-fans-twitter-mit-dem-hashtag-whitelivesmatter-fluten" rel="noopener" target="_blank">fluteten südkoreanische K-Pop-Fans</a> den Hashtag mit Memes (etwa einer Regenbogenflagge) – und neutralisierten damit die ursprüngliche rassistische Intention.</p>
<p>Der Journalist und Kulturwissenschaftler Andreas Bernard argumentiert in seinem Buch <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/andreas-bernard-das-diktat-des-hashtags-9783596703814" rel="noopener" target="_blank">«Das Diktat des Hashtags»</a> (2018), dass der Hashtag Wörtern selbst eine «Warenform» verleihe: «Jeder Beitrag, der mit dem gleichen Hashtag gekennzeichnet ist – ungeachtet seines intendierten Inhalts, seines primären Kontexts – tritt in Beziehung zu allen andern, mit ihm vernetzbaren. Für die Perspektiven des Marketings ist diese Konstellation ideal, weil es nur einer mit dem Doppelkreuz versehenen Buchstabenfolge bedarf, um eine glamouröse Region der Twitter- oder Instagram-Sphäre, eine Spitzenposition der ‹trending topics› anzuzapfen und womöglich davon zu profitieren.» </p>
<blockquote><p>Die Gefahr besteht darin, dass ein politischer Protest popkulturell verflacht wird und zur blossen Mode verkommt.</p></blockquote>
<p>Seit einigen Tagen trendet der Hashtag #ChallengeAccepted, eine Aktion, bei der Frauen Schwarz-Weiss-Bilder auf Instagram posten, um sich für Frauenrechte stark zu machen. Wie bei jeder Challenge nominiert man dabei eine andere Person. Stars wie Cindy Crawford, Jennifer Lopez und Reese Witherspoon haben sich an der Aktion schon beteiligt. Wo die Kampagne ihren Ursprung hat, ist nicht klar. Manche vermuten, dass einige Frauenrechtlerinnen in der Türkei damit begannen, um ein Bewusstsein für Femizide in ihrem Land zu schaffen. <a href="https://www.insider.com/challenge-accepted-instagram-trend-turkey-istanbul-convention-2020-7" rel="noopener" target="_blank">Eine andere Theorie besagt</a>, dass eine brasilianische Journalistin den Stein ins Rollen brachte. Kritische Stimmen <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/challengeaccepted-auf-instagram-geht-es-um-frauensolidaritaet-16883016.html" rel="noopener" target="_blank">geben zu bedenken</a>, dass das Posten schöner Bilder die Emanzipation der Frau eher abträglich sei. «Wie kann es für andere Frauen ermächtigend sein, ein Selfie zu posten?», fragte etwa die US-Sängerin <a href="https://www.standard.co.uk/insider/living/challenge-accepted-meaning-how-started-a4510731.html" rel="noopener" target="_blank">Emmy Rossum</a>.</p>
<p>Natürlich spricht nichts dagegen, wenn sich TV-Sternchen in der Öffentlichkeit für Frauenrechte einsetzen. Doch letztlich reduzieren sich Frauen hier auf Ihr Äusseres, auf ihre Selbstdarstellung, was sie ja immer als strukturelles Problem anklagen. Und letztlich biedern sie sich mit dem Format auch der Instagram-Ästhetik an, wo es bekanntlich nicht um Frauenrechte, sondern um schöne Bilder und Profit geht. Die Gefahr besteht darin, dass ein politischer Protest popkulturell verflacht wird und zur blossen Mode verkommt. Wenn man sich auf Instagram die Fotos, die unter dem Hashtag #challengeaccepted gepostet werden, anschaut, wirkt das ganze wie ein Modekatalog. Protest als Konsum.</p>
<blockquote><p>Die Kommerzialisierung des Hashtags ist in gewisser Weise schon in seiner Natur als «Label» angelegt. </p></blockquote>
<p>Der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard schreibt in seinem Buch: «Unter den Bedingungen der digitalen Kultur hat sich offenbar eine stärkere Verbindung von politischem Engagement und Strategien der Selbstanpreisung und Selbsterfassung etabliert. Der Kampf gegen ethnische und sexuelle Diskriminierung oder gegen das Ungleichgewicht wirtschaftlicher Verteilung steht heute im Einklang mit Verfahren der Eigendarstellung, die sich über Techniken und im Vokabular des Marketings vollziehen.» </p>
<p>Die Kommerzialisierung des Hashtags ist in gewisser Weise schon in seiner Natur als «Label» angelegt. Man braucht in einer marktförmigen Netzgesellschaft eine griffige Selbstbeschreibung, einen Werbeslogan, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Das gilt für soziale Bewegungen genauso wie für Konzerne. Insofern hat der Kommunikationswissenschaftler Nathan Rambukkana völlig recht, wenn er schreibt, dass durch den Hashtag «Neoliberalismus und Aktivismus die gleiche Sprache sprechen – wenngleich natürlich mit ganz unterschiedlichen Intentionen».</p>
<blockquote><p>Wer die Sprache der Werbung spricht, darf sich nicht wundern, wenn einem Unternehmen nach dem Mund reden.</p></blockquote>
<p>Unter Afroamerikanern ist die Sorge verbreitet, mit einem Hashtag <a href="https://www.nbcnews.com/storyline/walter-scott-shooting/oped-are-we-all-just-one-bullet-away-becoming-hashtag-n338111" rel="noopener" target="_blank">objektiviert zu werden</a>. So macht in sozialen Netzwerken der Schlachtruf «We&#8217;re all one bullet away from being a hashtag» die Runde: «Wir sind nur eine Kugel davon entfernt, ein Hashtag zu werden.» Darin schwingt auch Verbitterung mit: Es muss erst jemand sterben, bis man mit seinem Anliegen Gehör findet. Und wenn man dann mit einem Hashtag zum Gesprächsthema wird, hat man das Narrativ auch nicht mehr in der Hand.</p>
<p>Genau darin liegt die die Ambivalenz des Hashtags: Aktivisten können mit einer wirkungsvollen Kampagne im Netz eine Gegenöffentlichkeit herstellen und zu einer sozialen Bewegung erstarken. Sie müssen aber auch damit rechnen, dass ihre politischen Slogans zu einem kommerziellen Claim umcodiert werden. Wer die Sprache der Werbung spricht, darf sich nicht wundern, wenn einem Unternehmen nach dem Mund reden.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/08/08/hashtag-aktivismus-zwischen-kampagne-und-kommerz/">Hashtag-Aktivismus zwischen Kampagne und Kommerz</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>#ChallengeAccepted auf Instagram: Die bittere Geschichte hinter den Schwarz-Weiss-Selfies</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/07/31/challengeaccepted-auf-instagram-die-bittere-geschichte-hinter-den-schwarz-weiss-selfies/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 31 Jul 2020 12:23:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Social Media]]></category>
		<category><![CDATA[Instagram]]></category>
		<category><![CDATA[hashtag]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=80273</guid>

					<description><![CDATA[<p>Als Zeichen für Female Empowerment zeigen Frauen unter dem Hashtag #ChallengeAccepted Selfies von sich in Schwarz-Weiß. Ursprünglich sollte der Hashtag aber offenbar auf Femizide in der Türkei aufmerksam machen.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/07/31/challengeaccepted-auf-instagram-die-bittere-geschichte-hinter-den-schwarz-weiss-selfies/">#ChallengeAccepted auf Instagram: Die bittere Geschichte hinter den Schwarz-Weiss-Selfies</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Als Zeichen für Female Empowerment zeigen Frauen unter dem Hashtag #ChallengeAccepted Selfies von sich in Schwarz-Weiß. Ursprünglich sollte der Hashtag aber offenbar auf Femizide in der Türkei aufmerksam machen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/07/31/challengeaccepted-auf-instagram-die-bittere-geschichte-hinter-den-schwarz-weiss-selfies/">#ChallengeAccepted auf Instagram: Die bittere Geschichte hinter den Schwarz-Weiss-Selfies</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Ein Hashtag, der eine Hinrichtung verhindert</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2020/07/26/ein-hashtag-der-eine-hinrichtung-verhindert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Nick Lüthi]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Jul 2020 12:18:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Social Media]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=80168</guid>

					<description><![CDATA[<p>Unter #NoToExecution, Link öffnet in einem neuen Fenster protestierten auf Twitter Millionen Menschen gegen die Hinrichtung dreier junger Männer in Iran. Der Druck hat dazu geführt, dass Irans oberste Richter die Exekutionen ausgesetzt haben.</p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/07/26/ein-hashtag-der-eine-hinrichtung-verhindert/">Ein Hashtag, der eine Hinrichtung verhindert</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Unter #NoToExecution, Link öffnet in einem neuen Fenster protestierten auf Twitter Millionen Menschen gegen die Hinrichtung dreier junger Männer in Iran. Der Druck hat dazu geführt, dass Irans oberste Richter die Exekutionen ausgesetzt haben.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2020/07/26/ein-hashtag-der-eine-hinrichtung-verhindert/">Ein Hashtag, der eine Hinrichtung verhindert</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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