<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Max Frisch | MEDIENWOCHE</title>
	<atom:link href="https://medienwoche.ch/tag/max-frisch/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://medienwoche.ch</link>
	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Thu, 22 Jun 2017 07:09:43 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	
	<item>
		<title>Wirklichkeiten unter dem Strich</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fredi Lerch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Jan 2017 15:16:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Otto F. Walter]]></category>
		<category><![CDATA[Albert Bitzius]]></category>
		<category><![CDATA[Zürcher Illustrierte]]></category>
		<category><![CDATA[Anthologie]]></category>
		<category><![CDATA[Arnold Kübler]]></category>
		<category><![CDATA[Dieter Bachmann]]></category>
		<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Dürrenmatt]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Max Frisch]]></category>
		<category><![CDATA[NZZ]]></category>
		<category><![CDATA[Meinrad Inglin]]></category>
		<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Niklaus Meienberg]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=28727</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Anthologie «Literatur und Zeitung» ergründet die narrativen Möglichkeiten im Grenzgebiet zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Fiktion am Beispiel von 16 Deutschschweizer Autorinnen und Autoren. Den Feuilletonjournalismus, von dem darin die Rede ist, gibt es zwar nicht mehr. Aber vieles, was ihn wertvoll machte, lebt weiter. Seit dem 1. Januar betreibt Tschechien ein Abwehrzentrum gegen Fake News, <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/">Wirklichkeiten unter dem Strich</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Anthologie «Literatur und Zeitung» ergründet die narrativen Möglichkeiten im Grenzgebiet zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Fiktion am Beispiel von 16 Deutschschweizer Autorinnen und Autoren. Den Feuilletonjournalismus, von dem darin die Rede ist, gibt es zwar nicht mehr. Aber vieles, was ihn wertvoll machte, lebt weiter.<br />
<span id="more-33102"></span><br />
Seit dem 1. Januar betreibt Tschechien ein Abwehrzentrum gegen Fake News, das Falschmeldungen als «Fälschung und Erfindung» kennzeichnen soll. Liest man die <a href="http://www.chronos-verlag.ch/php/book_latest-new.php?book=978-3-0340-1356-7&amp;type=Kurztext" target="_blank">eben erschienene Anthologie «Literatur und Zeitung»</a>, lächelt man über diese hysterische Reaktion von politisch Verantwortlichen, die offenbar ihre Definitionsmacht darüber, was Wirklichkeit zu sein hat, gefährdet sehen. Denn bloss wegen Verleumdungen von Einzelpersonen wird man kein «Abwehrzentrum» finanzieren – dagegen gibt es das Strafrecht.</p>
<p>An dem Phänomen der Fake News ist neu, dass sie die narrativen Möglichkeiten im Grenzgebiet zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Fiktion nutzen, um politisch breitenwirksam zu desinformieren. Dass diese narrativen Möglichkeiten genutzt werden, ist hingegen nicht neu. In den letzten zweihundert Jahren hat sich der Feuilletonjournalismus immer auch in diesem Grenzgebiet getummelt, kreativ narrativ, manchmal als l’Art pour l’art, manchmal mit gesellschaftspolitischen Hintergedanken – und ab und zu immer schon in verleumderischer Absicht: mit anonymen Schmähungen in Zeitungen oder mittels Blossstellungen in Schlüsselromanen.</p>
<p><strong>Journalismus «unter dem Strich»</strong><br />
Tatsache ist: Es gab schon immer ein herrschaftliches Misstrauen gegen die Kulturschaffenden, die aufgrund ihres Bisschens Bekanntheit öffentlich reden können, ohne entsprechend instruiert und abhängig gemacht worden zu sein – Kulturschaffende sind einfach oft zu wenig «embedded». In der Printpublizistik wurde dieses Problem bereits Ende des 18. Jahrhunderts erkannt. Seither gab es in den Zeitungen zwei Abteilungen, die durch einen horizontalen Querstrich über die Zeitungsseite getrennt waren: Über dem Strich schrieben jene, die fähig und gewillt waren, mit Sprache die Wirklichkeit so abzubilden, dass sie auch ihre Geldgeber als «objektiv» dargestellt akzeptierten. Und unter dem Strich, im sogenannten «Feuilleton», durften auch andere schreiben.</p>
<p>Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die im 19. und 20. Jahrhundert in schweizerischen Zeitungsfeuilletons mitarbeiteten: Das ist das Thema der Anthologie, die auf den Redebeiträgen der Tagung «Literatur in der Zeitung» von Januar 2014 in Bern basiert. Wenn das Buch eines zeigt, dann das: Auch in der Deutschschweiz wurden Feuilletonschreiberinnen und -schreiber insgesamt als unsichere Kantonisten betrachtet, wenn es nach den Regeln der journalistischen Kunst um die korrekte Abbildung von Welt ging.</p>
<p><strong>Wechselwirkungen zwischen Journalismus und Literatur</strong><br />
Das Buch eröffnet mit einem Beitrag zu Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf, dessen oft polemische Zeitungsartikel den Zweck hatten, insbesondere in sozial- und erziehungspolitischen Fragen Volksaufklärung zu betreiben. Dass er dabei auch im Grenzgebiet zwischen Bericht und Fiktion operierte, wird an einem fingierten Leserbrief gezeigt, den Bitzius gegen einen eigenen Artikel veröffentlichen liess in der Absicht, seine politischen Gegner durch die Plumpheit der Replik doppelt dumm aussehen zu lassen. Die Literaturwissenschaft mag interessieren, inwiefern der Journalismus des Albert Bitzius eine Voraussetzung war für die Kunst des fiktiven Erzählens von Jeremias Gotthelf. Unbestritten ist, dass es vielfältige Bezüge gibt.</p>
<p>Und nicht nur bei ihm: Der weitgehend unpolitisch schreibende junge Max Frisch war bis nach 1945 ein fleissiger Mitarbeiter des NZZ-Feuilletons und «Spuren von Frischs journalistischer Recherchetätigkeit der frühen Jahre sind sowohl in inhaltlicher als auch textstrukturierender Art in späteren literarischen Werken zu finden». Wie bei Bitzius und vielen anderen gibt es bei Frisch dieses unübersehbare Wechselspiel, auch wenn es in seinem Fall bereits 1948 zum Bruch mit der NZZ kam, weil sich der Autor zunehmend politisch und gesellschaftskritisch zu äussern begann. Für solches war «unter dem Strich» kein Platz – und bei seinen zunehmend linken Positionen «über dem Strich» auch nicht. Die Anthologie bringt mit C. A. Loosli übrigens nur einen Schriftsteller, der sich – zum Beispiel mit Leitartikeln – zumindest eine Zeit lang auch über dem Strich hat halten können.</p>
<p>Literatinnen und Schriftsteller ohne volksaufklärerische Ambition verstanden die Zeitungsarbeit nicht selten als Fron und journalistische Texte als minderwertig. Für Zeitungen schrieb man des Geldes wegen. Dichtung dagegen konnte nur Dichtung sein, wenn sie von der autonomen Künstlerschaft (in Randstunden) zweckfrei erdacht worden war. Entsprechend heisst es über Meinrad Inglin: «Texte mit informativer, pragmatischer oder auch kritischer Ausrichtung erweisen sich für den reiferen Inglin im Vergleich zu eigentlich literarischen Texten […] als defizitär.»</p>
<p><strong>Literatur «unter dem Strich»</strong><br />
Allerdings gab es in den Feuilletons nicht nur «defizitär» Journalistisches, sondern auch rein Literarisches: Neben dem zeitweise verbreiteten Abdruck von Gedichten ist hier vor allem der Fortsetzungsroman zu nennen – die Anthologie thematisiert ihn an den zuerst im «Schweizerischen Beobachter» erschienenen Kriminalromanen Friedrich Dürrenmatts («Der Richter und sein Henker» [1950/51] und «Der Verdacht» [1951/52]). Nachgewiesen wird, dass die Serialität des Zeitungsabdrucks gegenüber dem Buchdruck in Bezug auf Leserbindung andere Anforderungen stellt und so Einfluss nimmt auf die Form des literarischen Textes.</p>
<p>Auf der Achse zwischen reiner Fiktion und Volksaufklärung schliesst an den Roman der subjektive Feuilletonismus an, wie ihn etwa Robert Walser mit seinen «Prosastückli» oder Annemarie Schwarzenbach in ihren Reisereportagen gepflegt haben. Daneben gehört die instrumentalisierte Subjektivität einer Emmy Hennings hierher, die im Tessin für touristische «Fremdenblätter» Spaziergänge zu Reportagen verarbeitet hat: Diese Texte haben zwar eine klare Werbefunktion, beharren aber auf subjektivem Storytelling, auf Narrativen, «die sich wie ein fliegender Teppich über die realen Landstriche erheben und diese sanft umschmeicheln». Ebenfalls hierher gehört die Collagierung von literarischen Texten mit Fotomaterial zu Foto-Reportagen, wie sie Arnold Kübler zwischen 1925 und 1941 als Redaktor der «Zürcher Illustrierten» gepflegt hat.</p>
<p><strong>Das Grenzgebiet als Spielwiese: Dieter Bachmann </strong><br />
Vor allem aber wird im Grenzgebiet zwischen Journalismus und Literatur – vom essayistisch erzählerischen Text bis zur sozialkritischen Reportage – mit dem Anspruch geschrieben, Wirklichkeit präziser, differenzierter und mehrdeutiger abbilden zu können, als es die Faktenreihung des journalistischen Berichts vermag. Welche journalistischen und literarischen Werkzeuge dabei wie einzusetzen sind, bleibt kontrovers.</p>
<p>In seiner Dissertation schrieb der Publizist Dieter Bachmann 1969: «Erzählerische Werke höchsten Anspruchs kommen zustande unter dem denkbar grössten Vorbehalt gegen die Legitimität des Erzählens. Aus dieser Spannung entstehen Werke, deren hervorstechendes Merkmal ihr Essayismus ist.» Mit dieser Skepsis gegen das naive Erzählen korrespondiert seine Skepsis gegen die rein faktisch-journalistische Berichterstattung: Seinen Roman «Unter Tieren» (2010) gliedert er mit Zeitungsmeldungen, um am Schluss des Buches lakonisch anzumerken: «Die Zeitungsmeldungen stammen aus verschiedenen Publikationen. Sie sind oft nicht wörtlich wiedergegeben, und nicht immer sind sie echt.» Die in die Fiktion eingestreuten journalistischen Materialien sind also – möglicherweise – frei erfunden, sozusagen desinformierende «Fake News» auf dem Spielfeld des Romans.</p>
<p>Daraus kann man lernen: Zeitungsprosa «über dem Strich» ist nie so «objektiv», «wahr» oder «unverzerrt», wie sie scheinen mag. Diese Prosa wirkt bloss durch Konventionen – durch Platzierung, Aufmachung und allerlei rhetorische Tricks – so, wie wenn sie im Gegensatz zu literarischer Prosa nichts mit Fiktion zu tun hätte. Sprache bleibt aber nichts als Sprache, auch wenn sie sachlich abgebildete Welt zu sein scheint.</p>
<p><strong>Das Grenzgebiet als Kampffeld: Meienberg vs. Walter</strong><br />
1983 kritisierte Niklaus Meienberg den Roman «Das Staunen des Nachtwandlers am Ende der Nacht» von Otto F. Walter als «subrealistisch», weil schlecht recherchiert. Die Übertragung von Wirklichkeit in Sprache könne dem Anspruch auf Realismus nur dann genügen, wenn das Faktische zuvor bis an die Grenze des Recherchierbaren ausgeleuchtet worden sei. Erst jenseits dieser Grenze dürften allfällige Lücken im Recherchierten mit «logischer Phantasie» geschlossen werden. Walter dagegen war schon früh skeptisch, ob hundert Jahre nach dem Literarischen Realismus eines Dostojewski, Balzac oder Fontane noch «realistisch» erzählt werden könne, weil ihm zunehmend zum Problem wurde, was überhaupt real sei. Um dieses Problem thematisieren zu können, hat er in zwei verschiedenen Romanen als Protagonisten einen Journalisten gewählt, der auch Fiktionen schreibt (im erwähnten und in «Die Verwilderung» [1977]). Walter war zunehmend überzeugt, dass das Dokumentarische nur mehr ein Stilmittel sei «im täglich produzierten Roman, der sich ‹Zeitung› und nicht etwa ‹ Roman›» nenne.</p>
<p>Daneben gab es im 20. Jahrhundert viele Autorinnen und Autoren, die mit Kolumnen in «volksaufklärerischer» Absicht in den Feuilletons wirkten – in der Anthologie vertreten sind Hedi Wyss und Hansjörg Schneider. Diese subjektiv-diskursive Publizistik wird von der Anthologie damit nur ungenügend gewürdigt. Es würde sich lohnen, den Zeitungskolumnen insbesondere der nonkonformistischen Autorinnen und Autoren mehr Beachtung zu schenken. Sie haben zweifellos mitgeholfen, die weitgehende Illiberalität der deutschschweizerischen Öffentlichkeit im Kalten Krieg zurückzudrängen. Wollte man diesen Aspekt von «Literatur und Zeitung» gebührend würdigen, müssten die Werke etwa von Peter Bichsel, Walter Matthias Diggelmann, Hans Rudolf Hilty, Hugo Lötscher, Kurt Marti, Adolf Muschg oder Walter Vogt exakt konsultiert werden. Sie alle werden von der Anthologie übergangen.</p>
<p><strong>Feuilletonjournalismus gibt es nicht mehr</strong><br />
Ab den Fünfzigerjahren schafften die Zeitungen den horizontalen Strich allmählich ab und ersetzten ihn durch separate Zeitungsbünde, die sie gewöhnlich «Kultur» nannten. Die Berichterstattung dieser Teile degenerierte seither allmählich zu einem harmlosen Warentestjournalismus für die wichtigeren kulturindustriellen Neuheiten der Saison – opportunistisch gegenüber der Marktkraft des Produkts und eskapistisch gegenüber der Wirklichkeit des Zielpublikums: Ein deutschschweizerischer Roman aus kleinem Verlag und 1000er Auflage hat keine Chance auf Erwähnung, wenn ihm in der Zeitungsredaktion die Übersetzung eines philippinischen Roman aus einem Grossverlag und 30000er Auflage entgegengestellt wird.</p>
<p>Was den subjektiven Blick auf die Wirklichkeit im ehemaligen Feuilletonjournalismus betrifft: Er spielt kaum mehr eine Rolle. Kolumnen, Essays von oder Interviews mit Kulturschaffenden sind weitestgehend aus den Printmedien verschwunden. Die 16 Beiträge der Anthologie widmen sich deshalb einem untergegangenen Aspekt der Printpublizistik. Sie ist trotzdem spannend zu lesen, weil sie das Phänomen Literatur und Zeitung mit anregend unterschiedlichen Fragestellungen porträtiert und so auf unterhaltende Weise deutlich macht, welches die Tugenden des Feuilletons waren.</p>
<p>Nimmt man diese Tugenden in den Blick, wird auch klar: zwar ist der Feuilletonjournalismus in der Printpublizistik tot, aber seine Tugenden leben: Zumindest ein Teil der heutigen Netzpublizistik kann als wieder auferstandener «Journalismus unter dem Strich» angesprochen werden. Dass er vorderhand schlecht geredet wird, hat nicht in jedem Fall mit seiner Qualität zu tun: Die gratis zur Verfügung gestellte Netzpublizistik bedroht die zwar professionell gemachten, aber zunehmend einfach gestrickten und PR-infiltrierten Print-Kulturteile existentiell. Von Jahr zu Jahr mehr gilt: «Unter dem Strich» wird die Welt online vielfältiger und origineller gesehen als in den Zeitungen.</p>
<p><small><strong>Stefanie Leuenberger, Dominik Müller, Corinna Jäger-Trees, Ralph Müller (Hg.):<a href="http://www.chronos-verlag.ch/php/book_latest-new.php?book=978-3-0340-1356-7&amp;type=Kurztext" target="_blank"> Literatur und Zeitung</a>. Fallstudien aus der deutschsprachigen Schweiz von Jeremias Gotthelf bis Dieter Bachmann. Zürich (Chonos-Verlag) 2016, 284 Seiten, 48.-</strong>. Mit Beiträgen über Gotthelf (Ruedi Graf), Carl Albert Loosli (Dariusz Komorowski), Meinrad Inglin (Daniel Annen), Max Frisch (Daniel Foppa), Hedi Wyss (Vesna Kondrič Horvat), Dieter Bachmann (Magnus Wieland), Robert Walser (Peter Utz), Emmy Hennings (Christa Baumberger), Annemarie Schwarzenbach (Gonçalo Vilas-Boas), Hansjörg Schneider (Ulrich Weber), Arnold Kübler/Zürcher Illustrierte (Simone Wichor), Feuilleton der National-Zeitung (Bettina Braun), Friedrich Dürrenmatt (Ralph Müller / Franziska Thiel), Otto F. Walter (Rosmarie Zeller), Hermann Burger (Elias Zimmermann) und Niklaus Meienberg (Peter Rusterholz).</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/">Wirklichkeiten unter dem Strich</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sehnsucht nach Autorität</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 Oct 2015 13:57:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Max Frisch]]></category>
		<category><![CDATA[Emile Zola]]></category>
		<category><![CDATA[Gruppe 47]]></category>
		<category><![CDATA[Lukas Bärfuss]]></category>
		<category><![CDATA[Oliver Zimmer]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte]]></category>
		<category><![CDATA[Schriftsteller]]></category>
		<category><![CDATA[NZZ]]></category>
		<category><![CDATA[FAZ]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=25992</guid>

					<description><![CDATA[<p>Warum wird Schriftstellern a priori zugestanden, ein qualifizierteres politisches Urteil fällen zu können als die mit der Sache beschäftigten Fachleute oder der Durchschnittsbürger? In der Zuweisung des Schriftstellers als eine Art «Universalgelehrter» lebt immer noch der Geniekult des 18. Jahrhunderts weiter. Eine literaturgeschichtliche Einordnung von Lukas Bärfuss&#8216; Auftritt als Schweiz-Kritiker. «Die Schweiz ist des Wahnsinns». <a href="https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/">Sehnsucht nach Autorität</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Warum wird Schriftstellern a priori zugestanden, ein qualifizierteres politisches Urteil fällen zu können als die mit der Sache beschäftigten Fachleute oder der Durchschnittsbürger? In der Zuweisung des Schriftstellers als eine Art «Universalgelehrter» lebt immer noch der Geniekult des 18. Jahrhunderts weiter. Eine literaturgeschichtliche Einordnung von Lukas Bärfuss&#8216; Auftritt als Schweiz-Kritiker.<br />
<span id="more-25992"></span><br />
<a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/lage-in-der-schweiz-vor-parlamentswahlen-2015-trostlos-13856819.html?printPagedArticle=true#pageIndex_all" target="_blank">«Die Schweiz ist des Wahnsinns».</a> So lautet die Überschrift eines Aufsatzes des Schriftstellers Lukas Bärfuss, der in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15.10.2015 abgedruckt war. Die Überschrift fasste auch gleich den Inhalt des Textes zusammen. Kein gutes Haar lässt Bärfuss an der Schweiz, die er wie ein Psychiater untersucht. Dabei macht sich Bärfuss unter anderem Sorgen um das Wirtschaftswachstum der Schweiz und um das Ansehen des Landes im Ausland, um dann die Bevölkerung pauschal als «ein Volk von Zwergen» zu charakterisieren.</p>
<p>Als aussenstehender Deutscher hätte man einen solchen Text eher von dem Berufskritiker der Schweiz Jean Ziegler erwartet. Aber bereits seit geraumer Zeit äussert sich auch Lukas Bärfuss zu gesellschaftspolitischen Fragen der Schweiz – und wird gehört. Mit seiner rhetorischen Vehemenz katapultiert er sich selbst zum Nachfolger von Schweiz-Kritikern wie Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Niklaus Meienberg.</p>
<p>Die «Einmischung» des Schriftstellers zu politischen und gesellschaftlichen Fragen ist nicht neu. Sie erreichte schon im 19. Jahrhundert eine erste Blüte. Gründe waren hierfür die politischen Umbruchsituationen wie Aufklärung, Vormärz oder die Revolutionen von 1848/49, einher gehend mit einer stärkeren Politisierung einer zunehmend besser alphabetisierten Bevölkerung und die technische Weiterentwicklung des Buch- und Zeitschriftendrucks. Immer häufiger und wirkungsvoller traten Schriftsteller neben (bzw. in) ihren dichterischen Werken auch als politische Publizisten in Leitartikeln, Glosse oder Pamphleten auf. Unter anderen wären Heinrich Heine, Georg Büchner, Bettina von Arnim, Ludwig Börne und aus der Schweiz vor allem Gottfried Keller zu nennen.</p>
<p>Am 13. Januar 1898 publizierte der französische Schriftsteller Emile Zola in der Zeitung «L&#8217;Aurore» einen offenen Brief an den französischen Präsidenten zur sogenannten «Dreyfus-Affäre». Drei Jahre zuvor war der französische Hauptmann Alfred Dreyfus unter dem Vorwand der Spionage für Deutschland festgenommen, abgeurteilt und auf die sogenannte Teufelsinsel vor Französisch-Guayana interniert worden. Zolas Text mit dem emphatischen Titel «J&#8217;accuse» («Ich klage an») bündelte die inzwischen aufgekommenen Ungereimtheiten bei der Beweisführung, die jedoch allesamt offiziell ignoriert wurden. Er kam am Ende zu dem Schluss, dass Dreyfus unschuldig und das Opfer einer Verschwörung von Militär, Geheimdienst und Politik geworden war. Verstärkend war hier der bei den damaligen Eliten weit verbreitete Antisemitismus – Dreyfus war Jude. Zola wurde für seinen Text zu einem Jahr Gefängnis verurteilt und floh vor Antritt der Haftstrafe nach England. Erst knapp anderthalb Jahre später kehrte er nach Frankreich zurück, nachdem er begnadigt worden war. Die vollständige Rehabilitierung von Dreyfus 1906 erlebte er nicht mehr.</p>
<p>Bereits in seinen Romanen thematisierte Zola die politischen, ökonomischen und sozialen Ungerechtigkeiten der französischen Gesellschaft. Mit «J&#8217;accuse» wurde jedoch eine neue Qualität des politisch engagierten Schriftstellers erreicht. Der Text war mehr investigative, journalistische Recherche als politisches Pamphlet. Seine Intervention ist bis heute Vorbild, weil sie tatsächlich den Wendepunkt in der Dreyfus-Affäre einläutete und wirkungsvoll die Verkrustungen der französischen Eliten bis hinein in die Justiz blosslegte. Der Schriftsteller als politischer Aktivist, dessen Handeln Veränderungen auslösen konnte, war geboren.</p>
<p>Insbesondere in Deutschland feierte man mit der informellen Schriftstellervereinigung der «Gruppe 47» ab den 1960er Jahren eine Renaissance des aktivistischen Schriftstellers. Die Mehrzahl der «Gruppe 47»-Mitglieder hatte das eher halbherzige Engagement der deutschen Intellektuellen zur Weimarer Republik (1919-1933) und den anschliessenden Aufstieg des Nationalsozialismus noch in bitterer Erinnerung. Die Folge war nun ein hybrides publizistisches Unterstützungsmanagement von Proklamationen und «Resolutionen», besonders befeuert vom Initiator der Gruppe, Hans-Werner Richter und vor allem Günter Grass. <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Frischs-scharfer-Blick-auf-Guenter-Grass-/story/23643488" target="_blank">Max Frisch nannte in seinen Aufzeichnungen Grass&#8216; «Hang zur Publizität» eine «Sucht».</a> Grass hatte zwischen 1965 und 1972 offensiv Wahlkampf für den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Willy Brandt gemacht. Das in Schriftsteller- und Kritikerkreisen kursierende Vorurteil, dass unter einer zu starken Beschäftigung mit politischen Fragen die literarisch-ästhetische Kraft leide, sah Grass nicht (andere schon). Aber selbst Richter wurde mit der Zeit die Koordination der zahlreichen Erklärungen und Unterschriftensammlungen zu allen möglichen politischen Themenfeldern zu viel.</p>
<p>Heutzutage ist die öffentliche politische Positionierung des Schriftstellers nahezu Alltag geworden. Es vergeht kaum eine Sendung des fünfmal wöchentlich ausgestrahlten 3sat-Fernsehkulturmagazins «Kulturzeit» in der nicht politische Engagements von «Intellektuellen und Schriftstellern» (sic!) zu aktuellen politischen, ökonomischen, ökologischen und/oder sozialen Fragen publiziert und kommentiert werden. Wo sie vermeintlich fehlen, werden sie bisweilen angefordert. Der Schriftsteller als Aktivist – für die Menschenrechte, den Weltfrieden, die Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Klimaverträglichkeit, gegen Grosskonzerne, usw. Gerne wird in diesem Zusammenhang das hohe Lied auf die politische Literatur intoniert. Diese Sicht geht zuweilen bis in die Stockholmer Akademie, die alljährlich den Literaturnobelpreis vergibt.</p>
<p>Leicht vergessen wird dabei, dass das politische Engagement der Schriftsteller durchaus ambivalent gesehen werden muss. Es gab schreckliche Verirrungen. So begrüsste nahezu die gesamte künstlerische Avantgarde 1914 den beginnenden europäischen Krieg als notwendige Begradigung und «Reinigung» angeblich unfähiger Politik – unter ihnen auch Thomas Mann. Die junge Demokratie in Deutschland, die 1919 etabliert wurde, war auch bei denen eher unbeliebt und wurde hart kritisiert, die heute als hellsichtige Zeitgenossen gelten. Während des Schreckensregimes des Nationalsozialismus gingen Schriftsteller, die nicht exilieren konnten oder wollten, in die sogenannte innere Emigration; sie versuchten irgendwie durchzukommen. Aber es gab eben auch ideologische Sympathisanten für faschistische Ideen wie Ezra Pound, Knut Hamsun, Gottfried Benn oder Louis-Ferdinand Céline – die Liste liesse sich problemlos verlängern. Und auch auf der anderen politischen Seite gab es Irrende. Louis Aragon, Ernst Bloch, Lion Feuchtwanger und Jean-Paul Sartre verteidigten beispielsweise die Säuberungsaktionen Stalins und die Gulags als eine bittere Notwendigkeit um am Ende eine bessere Gesellschaft zu erschaffen.</p>
<p>Warum wird Schriftstellern a priori zugestanden, ein qualifizierteres politisches Urteil fällen zu können als die mit der Sache beschäftigten Fachleute oder der Durchschnittsbürger? Der journalistische (wie auch der akademische) Betrieb rekurriert normalerweise auf Fachleute mit entsprechenden Formalqualifikationen. Der Schriftsteller hingegen scheint ein universalistisches Expertentum zu besitzen, obwohl die Erfahrungen der Vergangenheit mitunter anderes zeigen. In der Zuweisung des Schriftstellers als eine Art «Universalgelehrter» lebt immer noch der Geniekult des 18. Jahrhunderts weiter.</p>
<p>In der vorliegenden Causa Bärfuss verblüfft, dass der Autor die «Direkte Demokratie» in der Schweiz ursächlich dafür verantwortlich macht, den «nationalen Karren […] so tief in den Dreck gefahren» zu haben, «dass keiner weiss, wie er jemals wieder befahrbaren Boden unter die Räder bekommen soll.» Wäre es nicht die genuine Aufgabe der Politik, auch mit vielleicht unpassenden oder unbequemen demokratisch zustande gekommenen Entscheidungen handlungsfähig zu bleiben? Bärfuss zieht dies nicht ins Kalkül, sondern suggeriert in seinen Äusserungen, das «Heiligtum» direkte Demokratie besser gleich abzuschaffen oder zumindest zu reglementieren. In Anlehnung an das berühmte Zitat Brechts, ob es nicht einfacher wäre, die Regierung löse das Volk auf und wählte sich ein neues könnte man Bärfuss&#8216; Interpretation dahingehend interpretieren, dass Abstimmungen und Wahlen immer nur noch dann abgehalten werden sollten, wenn sie die (von ihm) gewünschte Resultate erbringen.</p>
<p>Dem Wunsch von Künstlern und Intellektuellen nach einem politischen Engagement liegt eine starke, unterschwellige Sehnsucht nach Autorität und Unterordnung zu Grunde. Der Schriftsteller als Intellektueller wird dabei zu einer Art ausserparlamentarischer Rädelsführer stilisiert, der im Besitz der Wahrheit ist. Er betreibt Komplexitätsreduktion, postuliert extreme politische Positionen, wohl wissend, dass sie realpolitisch nicht umsetzbar sind. Die Legitimation wird durch die (imaginäre) vierte Gewalt der Journalisten erteilt, die seine Äusserungen veröffentlichen. So entwickeln sich publizistische Rollenspiele, die schnell zu Automatismen führen. In dem bereits erwähnten Tagebucheintrag Max Frischs zu Grass schreibt Frisch von «Staatsschriftsteller(n)» (gemeint ist neben Grass auch Heinrich Böll). So absurd diese Bezeichnung in Anbetracht der staats- und regierungsoppositionellen Stellungnahmen von Grass und Böll auf den ersten Blick anmutet (müsste man nicht eher von einem «Anti-Staatsschriftsteller» sprechen?), so stimmig erscheint diese Zuweisung bei der näheren Betrachtung: Die Rolle des «guten Gewissens der Nation», die den beiden im Laufe der Jahre zukam, hatte am Ende nahezu staatstragende Dimensionen: Solange solche Stimmen noch möglich waren, konnte es nicht ganz so schlecht mit dem Land stehen. Dass Frisch Jahre später ebenfalls in die Rolle als eine Art Schweizer Staatsschriftsteller gepresst wurde, entbehrt in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Komik.</p>
<p>Wie fragil die Rolle des Schriftstellers als «moralische Instanz» sein kann, zeigte sich 2006, als Grass gestand, 1944/45 als 17jähriger Soldat einer Einheit der Waffen-ss angehört zu haben. Weniger die Tatsache dieser Verirrung an sich schlug hohe Wellen, sondern dessen vermeintliches Verschweigen über mehr als 60 Jahre (enge Freunde sollen es gewusst haben). Dabei wurde ausser Acht gelassen, dass Grass&#8216; politische Stellungnahmen über Jahrzehnte hinweg nicht wahrer oder falscher dadurch waren, ob er nun diesen Teil seiner Biografie verschwiegen hatte oder nicht.</p>
<p>Aber wie sieht es eigentlich aus, wenn Schriftsteller politische Stellungnahmen abgeben, die mit dem Mainstream der Meinungsführer in den Redaktionen nicht übereinstimmen? Der Philosoph Peter Sloterdijk rekapitulierte 2009 über die Exzesse im französischen, stark moralistisch geprägten Kulturjournalismus: «Unübersehbar war die geistige Dekomposition während der letzten Jahre bei den nationweit ausgreifenden medialen Treibjagden auf vermeintliche Konvertiten oder Verräter der fortschrittlichen Sache, die man nach scheinmoralischen Schauprozessen auf der Place de Grève der öffentlichen Meinung hinzurichten versuchte.» Und über das deutsch(sprachig)e Feuilleton schrieb Sloterdijk damals: «Die Analogie zu den deutschen Skandalphänomenen der letzten anderthalb Jahrzehnte springt ins Auge – denn auch hierzulande konnte das dominante linksliberale Feuilleton seine zunehmende Weltfremdheit nur durch erhöhte moralische Aufgeregtheit kompensieren.»</p>
<p>Neben den Aufregungen zu seinem eigenen Text <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Regeln_f%C3%BCr_den_Menschenpark"target="_blank">«Regeln für den Menschenpark»</a> dachte Sloterdijk womöglich auch an die Auseinandersetzungen über Peter Handkes zwischen 1995 und 2006 entstandenen Jugoslawien-Texte, in denen er erzählerisch und essayistisch die Berichterstattung und die einseitigen Schuldzuweisungen der Medien in den Jugoslawienkriegen befragte. Wie wurden und werden die zuweilen sperrigen, konservativ-kritischen Einwände von Schriftstellern wie Botho Strauss, Sibylle Lewitscharoff oder Martin Walser abgehandelt? Bis auf wenige Ausnahmen wurden in den genannten Fällen die ansonsten so sehnsüchtig erwarteten Kommentare der Schriftsteller mit grossem rhetorischen Furor abgekanzelt. Man scheute dabei auch vor der Diffamierung des jeweiligen Autors ad personam nicht zurück. Das «Verbrechen», dass die Genannten begangen hatten: Ihre Äusserungen widersprachen der «richtigen» Gesinnung, dem Common Sense. Damit scheint der wichtigste Grund für den Wunsch des öffentlichen gesellschaftspolitischen Engagements des Intellektuellen gefunden: Es geht darum, die jeweils eigene politische Meinung bestätigt, ausformuliert, verstärkt und schliesslich beglaubigt zu finden. Oliver Zimmer, Professor für moderne europäische Geschichte an der University of Oxford, nennt dies in <a href="http://www.nzz.ch/feuilleton/im-wahrheitsrausch-1.18630955"target="_blank">seiner Replik zum Bärfuss-Text in der Neuen Zürcher Zeitung</a> die «jakobinische Position, die für Teile der Linken bis heute wegweisend geblieben ist. Sie geht davon aus, dass es zu zentralen Fragen immer nur zwei Sichtweisen geben kann: die wahre und die falsche. Die wahre ist stets nur einer relativ beschränkten Avantgarde zugänglich.»</p>
<p>Inzwischen gibt es zeitgenössische SchriftstellerInnen, die fast nur noch als Ein-Mann-NGOs (bzw. Ein-Frau-NGOs) wahrgenommen werden. Ihre literarischen Werke – falls überhaupt noch welche entstehen – treten hinter ihrer politischen Agitation nahezu in den Hintergrund. In Zeiten eines Journalismus, der sich mehr und mehr ebenfalls parteiisch und aktivistisch gibt und der den Namen des Journalisten als publizistische Marke setzt, wird der sich politisch eindeutig bekennende Schriftsteller von der Referenzgrösse zum Komplizen. Das Feuilleton wird sich sehr viel stärker auf die politische Bearbeitung von Ereignissen fokussieren. Literatur wird zunehmend als «l&#8217;art pour l&#8217;art», als Nebensache, subsumiert werden, sofern sie nicht eine «Botschaft» transportiert. Es muss natürlich unbedingt die «richtige» Botschaft sein.</p>
<p>Die beiden Zitate von Peter Sloterdijk stammen aus dem Buch «Theorie der Nachkriegszeiten», Suhrkamp Verlag, 2009, S. 44-45.</p>
<p><small>Der Autor hat u. a. ein Buch über Texte Peter Handkes zu Jugoslawien und die Rezeption hierauf in den Feuilletons verfasst: «&#8217;Der mit seinem Jugoslawien&#8216; – Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik», Ille &amp; Riemer, 2013/2015 <a href="http://www.amazon.de/mit-seinem-Jugoslawien-Spannungsfeld-Wissenschaft-ebook/dp/B010NAW5LI/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&amp;qid=1377275992&amp;sr=8-2"target="_blank">(auch als E-Book erhältlich)</a></small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/">Sehnsucht nach Autorität</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://medienwoche.ch/2015/10/25/sehnsucht-nach-autoritaet/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>13</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Schriftsteller als Schweiz-Erklärer</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2014/03/07/schriftsteller-als-schweiz-erklaerer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 07 Mar 2014 09:59:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Max Frisch]]></category>
		<category><![CDATA[Adolf Muschg]]></category>
		<category><![CDATA[Jean Ziegler]]></category>
		<category><![CDATA[Schweizbild]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Hürlimann]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich Dürrenmatt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=18438</guid>

					<description><![CDATA[<p>Deutsche Medien berufen sich gerne auf authentische Quellen, wenn es um ihr Verhältnis zu den Nachbarländern geht. Als Schweiz-Erklärer präsentieren sie gerne Schriftsteller und Schreiber, von A wie Adolf Muschg bis Z wie Jean Ziegler. Die Aufgabe der ausländischen Geistesgrössen in deutschen Medien ist klar: Zum einen sollen sie zeigen, dass Deutschland sich nicht anmasst, <a href="https://medienwoche.ch/2014/03/07/schriftsteller-als-schweiz-erklaerer/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/03/07/schriftsteller-als-schweiz-erklaerer/">Schriftsteller als Schweiz-Erklärer</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Deutsche Medien berufen sich gerne auf authentische Quellen, wenn es um ihr Verhältnis zu den Nachbarländern geht. Als Schweiz-Erklärer präsentieren sie gerne Schriftsteller und Schreiber, von A wie Adolf Muschg bis Z wie Jean Ziegler.<br />
<span id="more-18438"></span><br />
Die Aufgabe der ausländischen Geistesgrössen in deutschen Medien ist klar: Zum einen sollen sie zeigen, dass Deutschland sich nicht anmasst, über die (kleineren) Nachbarn als Besserwisser zu urteilen. Zum anderen wird herausgestrichen, dass die Meinung, die man in der Redaktion vertritt und die in suggestiven Formulierungen anklingt, eben auch von Niederländern, Österreichern oder Schweizern vertreten wird, wenn es um diese Länder geht.</p>
<ul style="font-size: 13px;">
<li>Teil 1: <a style="font-size: 13px;" href="https://medienwoche.ch/2014/03/07/der-fremde-nachbar/" target="_self">Der Fremde Nachbar</a></li>
<li>Teil 3: <a href="https://medienwoche.ch/2014/03/11/koeppel-als-krokodil-im-kasperle-theater/" target="_self">Köppel als Krokodil im Kasperle-Theater</a></li>
<li>Teil 4: <a href="https://medienwoche.ch/2014/03/12/die-toblerone-republik-als-gallierdorf/" target="_self">Die Toblerone-Republik als Gallierdorf</a></li>
</ul>
<p>Dabei kommt den Deutschen insbesondere was die beiden südlichen Alpennachbarn angeht eine lange Tradition zu Gute. So waren und sind die grössten und wortgewaltigsten Österreich-Kritiker traditionell selber Österreicher. Die Liste strotzt vor grossen Namen – von Karl Kraus über Helmut Qualtinger und Thomas Bernhard bis zu den Zeitgenossen Gottfried Helnwein, Manfred Deix oder der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Sie und viele andere werden und wurden immer gerne zitiert, wenn es darum ging, das Österreich-Bild für Deutschland zu kommentieren.</p>
<p>Auch was das Bild der Schweiz angeht, bediente und bedient man sich gerne bei Schweizern. Die Schriftsteller <a href="http://www.mfa.ethz.ch/de/index.html" target="_blank">Max Frisch</a> und <a href="http://www.duerrenmatt.net/biographie/" target="_blank">Friedrich Dürrenmatt</a> begannen in den 1960er Jahren die unbewältigte Vergangenheit der Schweiz insbesondere während des Nationalsozialismus zu befragen. Die Schweiz war zwar formal politisch neutral, passte sich jedoch Nazideutschland an. Schweizer Banken ermöglichten Geldwäsche von enteigneten jüdischen Vermögen und wickelten Devisen- und Finanztransaktionen für das Deutsche Reich ab. Die unheilvolle Tradition der durch das Bankgeheimnis gedeckten Geheimkonten von politischen Diktatoren formt das Image der Schweiz bis heute. Ferner wurde die restriktive Flüchtlingspolitik der Schweiz kritisiert. Die kritischen Stellungnahmen Schweizer Intellektueller ihrem Heimatland gegenüber zeigte einerseits an, dass Anpassung kein spezifisch deutsches Phänomen gewesen war und entlastete damit indirekt auch ein wenig die Deutschen, lieferte andererseits aber den Beleg für die permanent kritische Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Geschichte.</p>
<p>In den 1980er Jahren gab es mit dem Journalisten <a href="http://www.meienberg.ch/home/index.html" target="_blank">Niklaus Meienberg</a>, <a href="https://medienwoche.ch/2013/09/19/der-gefuerchtete-bewunderte/" target="_blank">der «gefürchtete Bewunderte»</a>, wie ihn der ehemalige Kollege Fredi Lerch nannte, einen brillanten Polemiker, der das Bild einer Schweiz in den Händen einer politisch verkrusteten Geldaristokratie vermittelte. Wolfgang Schreiber lobte in der Süddeutschen Zeitung Meienberg als <a href="http://www.meienberg.ch/werk/zunder-1993/index.html?no_cache=1&amp;type=98" target="_blank">«Radikaldemokrat, Kämpfer, Nestbeschmutzer, Poet»</a>. Das Attribut «Nestbeschmutzer» gilt in deutschen Medien beinahe als Auszeichnung. Während Frisch ausser Landes ging und seine Landsleute mit Provokationen wie der Abschaffung der Schweizer Armee malträtierte, rüttelte Meienberg wuchtig am Saubermann-Image des Landes. Meienbergs Furor war das, was man heutzutage authentisch nennt. Er war ein Gerechtigkeitsfetischist. Sein Freitod 1993 gilt allgemein als Verzweiflungstat.</p>
<p>Für die dunklen Seiten der Schweiz ist seit jeher <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Ziegler" target="_blank">Jean Ziegler</a> zuständig, der sich inzwischen vom Gewissen der Schweiz zum Weltmoralisten empor gearbeitet hat. Offiziell wird er als «Soziologe» geführt; ihn als «Populisten» bezeichnen, kommt <a href="http://www.zeit.de/2011/39/CH-Streitgespraech-Ziegler-Wegelin/seite-4" target="_blank">ausser seinem Biographen Jürg Wegelin</a> niemandem in den Sinn, obwohl Ziegler mit seiner perfekten Empörungsrhetorik nahezu alle Kriterien erfüllt.</p>
<p>Mit grösserem Differenzierungsvermögen als Ziegler ausgestattet sind mit <a href="http://adolfmuschg.com/lebenslauf/" target="_blank">Adolf Muschg</a> und dem bereits angesprochenen Thomas Hürlimann zwei weitere als Erklärer häufiger agierende Protagonisten aus der Schweiz. Als Schriftsteller füllen sie vor allem die Feuilletonseiten deutscher Printmedien. Muschg ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und hatte sich in den 1970er Jahren einige Zeit lokalpolitisch engagiert. Er hat was das Image des Nestbeschmutzers in der Schweiz angeht längst die Nachfolge seines 1991 verstorbenen Kollegen Max Frisch angetreten. 1997 nannte Blocher Muschg <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8743171.html" target="_blank">einen «Volksfeind»</a>, was zusätzlich als eine Art Ritterschlag unter deutschen Feuilletonisten gilt. Sein politischer Ansatz ist ähnlich schweiz-, globalisierungs- und marktkritisch wie der von Ziegler. Der Unterschied liegt in Muschgs europaphilem Denken: Er propagiert einen neuen Weg für Europa; jenseits von Turbokapitalismus und Wachstumsdenken. Damit passt Muschg perfekt in den sich seit 2008 zunehmend kapitalismuskritisch gebenden Mainstream der deutschen Publizistik. Die Weltwirtschaft untergrabe, so Muschg, die Kultur Europas. Ein institutionell sich neu bildendes Europa müsste sich jedoch genau darauf, auf seine Kultur, besinnen.</p>
<p>Der Begriff taucht in seiner <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/adolf-muschg-ueber-europa-gier-und-geiz-11912550.html?printPagedArticle=true" target="_blank">vielbeachteten Rede im 3. Oktober 2012</a>, dem deutschen Nationalfeiertag, ein Dutzend Mal auf. Eine präzise Definition unterbleibt jedoch. Lediglich eine Trivialisierung des Begriffs «Kultur» lehnt er ab. Wie selbstverständlich geht er wohl davon aus, dass sich die Schweiz langfristig nicht wird isolieren können. Da wäre es besser, sie bringe ihre Stärken ein. Muschg sieht in den föderativen Strukturen der Schweiz ein Zukunftsmodell für die Europäische Union. Er spricht von <a href="http://books.google.de/books?id=hznGH9ZsaJ4C&amp;lpg=PA210&amp;ots=MNznKkQaaT&amp;dq=Schweizer%20Errungenschaften#v=onepage&amp;q&amp;f=false" target="_blank">«Schweizer Errungenschaften»</a>, die «gemeinschaftsdienlich und europanützlich» einzubringen seien und plädiert offensiv für einen europäischen Bundesstaat. (Mit ähnlichen Thesen haben sich inzwischen sogar einige europäische <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/oekonomen-empfehlen-eu-die-schweiz-als-vorbild-a-955821.html" target="_blank">Ökonomen anfreunden können</a>.) Muschg geht deutlich weiter als die meisten amtierenden EU-Regierungschefs und viele deutsche Intellektuelle. Sein Traum vom europäischen Bundesstaat ist in Deutschland sowohl in den Medien als auch bei den Politikern eine Minderheitenmeinung und gilt als politisch nicht durchsetzbar.</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_H%C3%BCrlimann" target="_blank">Thomas Hürlimann</a>, 1950 geboren, hat eine dezidiert andere Sicht auf die Schweiz und das Verhältnis zur Europäischen Union. Im Gegensatz zum krawalligen Ziegler und dem sanften Visionär Muschg nimmt Hürlimann eine wertkonservative Mittelposition ein, plädiert zwar für eine weltoffene Schweiz, lehnt aber die EU ab. Im bereits erwähnten Offenen Brief von 2009 an Peer Steinbrück erklärt Hürlimann: «Im Verhältnis zur EU zeigt sich unsere Verschiedenheit drastisch. Sie träumen, wir rechnen. Sie bauen auf die Zukunft, wir pochen auf die Vergangenheit.» Er wendet dieses allgemein gehaltene, dennoch Repräsentation beanspruchende Statement flugs auf sich selbst an und verkündet pathetisch: «…solang ich lebe, das ist mein Rütlischwur, werde ich mit jenen sein, die zu verhindern suchen, dass sich die Schweizerische Eidgenossenschaft einer Brüsseler Politbürokratie, die sich mehr und mehr dem sowjetischen Vorbild angleicht, unterwerfen muss.» Vor einigen Wochen schrieb Hürlimann in gleicher Sache knapp: <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/zur-schweizer-einwanderungsdebatte-der-schweizer-als-hoehlenmensch-12794965.html." target="_blank">«Ich glaube nicht an das Überleben des supranationalen Gebäudes namens Europa»</a>.</p>
<p>Er sagt es nicht explizit, aber der Schluss liegt nahe: Die Europäische Union, deren Bürokratismus auch deutsche Intellektuelle wie <a href="http://www.begleitschreiben.net/hans-magnus-enzensberger-sanftes-monster-brssel-oder-die-entmndigung-europas/" target="_blank">Hans-Magnus Enzensberger</a> pointiert kritisieren, ist nur der sichtbare Auslöser für das Unbehagen in der Schweizer Bevölkerung, welches sich dann in der vermeintlichen Anfälligkeit für komplexitätsreduzierende Parolen und Initiativen zeigt. Er liegt damit fast auf der Linie des britisch-deutschen Journalisten <a href="http://www.welt.de/debatte/kommentare/article124750395/Schweizer-Protest-gegen-den-globalen-Kapitalismus.html" target="_blank">Alan Posener</a>, der in der Zustimmung zur Masseneinwanderungsinitiative eine Abstimmung «gegen den globalen Kapitalismus, gegen offene Märkte und die Zumutungen einer kosmopolitischen Welt» sieht.</p>
<p>Dennoch passt Hürlimann nicht in die Kategorie der Schweizhasser. Er bekannte sich sogar als «Schweizer Patrioten», der immer wieder aufs Neue feststellt, dass Schweizer und Deutsche «auf verschiedenen Planeten wohnen». Dabei wird immer darauf hingewiesen, dass Hürlimann einen Zweitwohnsitz in Berlin hat, was als zusätzliches Kompetenzkriterium gilt. Hürlimann bedient für die deutschen Medien perfekt das Bild des etwas kauzigen, aber doch auch kosmopolitischen Schweizers. Er ist zwar schweiz-kritisch, aber seine Kritik an dem Land fällt moderat aus, er befragt nicht die Mythen des Landes und stellt nicht bei jeder Gelegenheit die Schweiz als zweifelhaften Finanzplatz dar. Der Furor der anderen ist ihm fremd. Dabei bedient er das Bild des bedachten, liberalen und selbstbewussten Schweizers.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2014/03/07/schriftsteller-als-schweiz-erklaerer/">Schriftsteller als Schweiz-Erklärer</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
