von Lothar Struck

Köppel als Krokodil im Kasperle-Theater

Mit dem Ja zur Einwanderungsinitiative der SVP erlebte die Köppel-Mania in Deutschlands Medien einen neuen Höhepunkt. Der Weltwoche-Chef avancierte zum Schweiz-Erklärer Nummer 1. Er profitiert dabei von der Dramaturgie der TV-Talkshows, die für Figuren wie Roger Köppel die unentbehrliche Rolle des rechten Agent provocateur vorsieht.

Ziegler, Muschg und Hürlimann – sie sind die mitteilungs- und meinungsfreudigen intellektuellen Zugpferde der deutschen Medien, wenn es um die Schweiz geht. Aber niemand beeinflusst das Bild der Schweiz in deutschen Medien gegenwärtig nachhaltiger und massenwirksamer als der Journalist Roger Köppel, Chefredaktor und Verleger der Weltwoche. Zuvor hatte ein kurzes Zwischenspiel von 2004-2006 als Chefredakteur der Springer-Tageszeitung «Die Welt». Wenn es um Initiativen, Referenden oder einfach nur direkte Demokratie geht, ist Köppel seit Jahren regelmässiger Gast in den zahlreichen politischen Talkshows der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. 2010 wurde er dafür von der «Süddeutschen Zeitung» despektierlich als «(Quoten-)Schweizer» bezeichnet; in der FAZ gilt er inzwischen als «obligatorische[r] Schweiz-Erklärer», eine Begrifflichkeit, die die FAZ natürlich niemals auf die für sie schreibenden Schweiz-Erklärer anwenden würde.

Im «Spiegel» nannte Marc Hujer Köppel einen «Unschweizer». Dass Christoph Blocher auch Adolf Muschg einmal mit dem Begriff des «Unschweizers» denunziert hatte, der «Spiegel»-Reporter sich also in durchaus windige rhetorische Gewässer begibt, scheint ihn nicht zu stören. Und auch die Bemerkung er sei «das Gegenteil seiner Landsleute: laut, schrill, provokativ» bedient ja indirekt ein veritables Schweiz-Klischee. Köppel sei ein «Intellektuelle[r] der Schweizer Rechten», dessen Auftritte in den diversen Fernsehsendungen den Schweizern peinlich wären und der Positionen vertrete, die in seinem Heimatland nicht mehrheitsfähig seien, so Hujer, der dabei übersieht, dass es gerade die Mehrheitsentscheidungen der Initiativen sind, die der Schweiz-Erklärer den Deutschen nahebringen soll. Köppel, der «einmal ein linksliberaler Journalist» war, beklagt nun in fast jedem Interview oder Gastspiel die Dominanz des «linksliberalen Publizistik-Mainstream» – offiziell nur in der Schweiz, aber durchaus auch in Deutschland. Wir werden noch sehen, dass dies stimmt, obwohl es zum Standardrepertoire deutscher Medien gehört, die linksliberale Dominanz in ihrer Branche abzustreiten.

Die erste Begegnung Köppels mit Christoph Blocher im Frühjahr 2000 verklärt Hujer wie eine Initiation, die eine sofortige Apostasie zur Folge hatte. Pragmatischer sieht dies der deutsch-schweizerische Journalist und ehemalige Leiter des «Zeit»-Büros in der Schweiz Peer Teuwsen. Er nennt Köppel einen Eklektiker, der mit «einem staatsfeindlichen und wirtschaftsfreundlichen Programm» in Europa eine publizistische Lücke bediene. Teuwsen, der selber bis 2008 bei der Weltwoche gearbeitet hatte, schildert Köppel als eine Art opportunistischen Agent provocateur, der sich kaltschnäuzig einem sich neu anbahnenden und erfolgversprechenden Mainstream andient. Tatsächlich sind ja Blocher und die SVP längst nicht mehr die Aussenseiter des politischen Betriebs, als welche sie sich gerne sehen und, merkwürdigerweise, auch in den deutschen Medien betrachtet werden.

TV-Talkshows als Kasperle-Theater

Die Lesart ist interessant, wenn man Köppels Rolle in Talkshows im deutschen Fernsehen anwendet. In den öffentlich-rechtlichen Vollprogramm-Sendern ARD und ZDF gibt es aktuell sieben regelmässige Talkshow-Sendungen pro Woche, in denen situativ politische Themen behandelt werden. Hinzu kommen zahlreiche ähnliche Sendungen in den längst bundesweit empfangbaren Regionalprogrammen sowie in Spartenkanälen wie «Phoenix» und «3sat». Die politischen Talkshows unterliegen in der Regel einer ausgefeilten Choreographie, in der die eingeladenen Gäste bestimmte Funktionen erfüllen sollen. So gibt es fast immer einen bekannten Sportler, Schauspieler oder anderen Medienprominenten, der den «Glamour-Faktor» bedienen soll. Mit der behandelten Thematik ist er im Detail kaum befasst, dennoch vertritt er eine dezidierte Meinung, die alleine aufgrund des Prominentenstatus Gewicht zugesprochen bekommt. Hinzu kommen Politiker (meist paritätisch Regierung und Opposition) und ein sogenannter «Experte». Bei erwartet kontroversen Themen gibt es dann einen Provokateur, der in Anlehnung an die Dramaturgie beim Kasperle-Theater «Krokodil» genannt wird. Und schliesslich die Moderatorin bzw. der Moderator, die sich pro forma als neutrale Fragesteller und Diskussionsleiter gerieren, in Wirklichkeit jedoch ihrer Eitelkeit kaum noch Zügel anlegen und sich als unfehlbare Schiedsrichter gerieren. So ist nur eine der sieben Sendungen mit einem neutralen Titel («Hart aber fair»), während alle anderen nach den ModeratorInnen benannt sind («Günther Jauch», «Maischberger», «Anne Will», «Maybrit Illner», «Beckmann», «Lanz»).

Beim Thema Schweiz wird Köppel in der Rolle des «Krokodils» besetzt, gilt er doch als verlängertes Sprachrohr von Blocher bzw. der SVP. Er nimmt mit Wonne die ihm zugewiesene Rolle an und streitet gegen nahezu alle linksliberalen Arrangements. Dabei kommt ihm zu Gute, dass er durch seine frühere Tätigkeit in Deutschland auch die deutsche politische Szene ausgezeichnet kennt. Köppel wendet in den Sendungen eine Doppelstrategie an: Zum einen nimmt er die Schweizer vor Angriffen in Schutz, die für die Resultate der Initiativen und Volksentscheide scharf kritisiert werden. Zum anderen rekurriert er auf die sich in den Voten zeigende basisdemokratische Komponente der Schweiz, die er dem repräsentativen Demokratieentwurf Deutschlands gegenüberstellt. Die Rolle des Krokodils bedeutet allerdings auch, dass ein rhetorischer Sieg des Provokateurs von vornherein ausgeschlossen ist. Schon die plakativ-suggestiven Titel zeigen dies. Beispielsweise bei «Hart aber fair»: «Schockentscheidung zum Minarett-Verbot – Wie tief sitzt die Angst vor dem Islam?» (03.12.2009) oder: «Die Schweiz stoppt Zuwanderer – Alarmsignal für Europa?» (10.02.2014). Wie im Kindertheater wird das Krokodil am Ende verprügelt. Alleine die Übermacht der anderen Diskutanten und die Steuerung des Moderators auf zeitlich paritätisch ausgewogene Diskussionsbeiträge lässt ihm keine Chance.

Linksliberale Schlagseite

Hinzu kommt, dass die Journalistik auch in den öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland eine deutliche linksliberale Schlagseite aufweist. In einer Studie der Freien Universität Berlin im Auftrag des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes aus dem Jahr 2010 gaben von 743 Journalisten zwar 36,1% an keiner Partei nahezustehen. Aber immerhin bekannten 26,9% eine Nähe zu den Grünen und 15,5% zu den Sozialdemokraten (SPD). Zur konservativen CDU, die 2013 bei den Bundestagswahlen auf 41,5% der Stimmen kam [CDU und CSU addiert], bekannten sich nur 9% der befragten Journalisten. Mit 26,9% erreichen die Grünen damit eine dreimal höhere Repräsentanz unter den Journalisten als bei den letzten Bundestagswahlen, während die SPD leicht unterrepräsentiert ist. Rechnet man die sich selber neutral einschätzenden 36,1% heraus, so kommt das «linke Lager» auf mehr als 70% Repräsentanz. Köppels Verdikt von der «linken» Beeinflussung in den Medien ist also nicht von der Hand zu weisen, wie auch ähnliche Analysen für die Schweiz zeigen.

Der entscheidende Grund ist historisch bedingt und ist in der Infiltration der sogenannten 68er-Protest-Generation in die Redaktionsstuben von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen in den 1970er Jahren zu finden. Die Sozialdemokraten regierten in Deutschland zwischen 1969 und 1982 zusammen mit den Liberalen. In den Medien war spätestens Anfang der 1980er Jahre ein gewisser linksliberaler Überhang spürbar. Das Bekenntnis zu einer bestimmten Politik wurde wichtiger als der Versuch, objektiv zu berichten und das Urteil dem Rezipienten zu überlassen. Trotz des starken publizistischen Gegenwinds (in diversen ARD-Sendern und vor allem von «Spiegel» und «Zeit») gewann die konservative CDU/CSU-Regierung unter Helmut Kohl vier aufeinanderfolgende Bundestagswahlen. Die Diskrepanz zwischen öffentlicher Meinung und veröffentlichter Meinung zeigte sich in jedem neuen Triumph Kohls. 1998 wurde Kohl dann zu Gunsten des Sozialdemokraten Schröder und einer rot-grünen Regierung abgewählt. Inzwischen zogen die Kinder der 68er von den Universitäten ebenfalls in die Redaktionen ein. Etliche von ihnen waren durch die Anfang der 1980er Jahre aufkommenden Grünen (Anti-Atomprotest, Friedensbewegung, Umweltschutz, Frauenrechte) politisch sozialisiert worden.

Ab an den Pranger

Die pointierte, satisfaktionsfähige konservative Publizistik ist in Deutschland fast nicht mehr existent. Das Übergewicht der linksliberalen Gesinnung im deutschen Journalismus blieb erhalten. Wer nicht in das Schema passt, wird an den medialen Pranger gestellt und als «Rechtsdenker» tituliert. (siehe rechts, Titelbild «Freitag») Aber nicht nur in den wenig repräsentativen Kommentarspalten diverser Online-Medien kann man erkennen, dass es Unterschiede zwischen der von Journalisten verbreiteten Meinung und den Ansichten der Bürger gibt. So war das Resultat der Volksabstimmung zum heftig umstrittenen Verkehrs- und Städtebauprojekt «Stuttgart 21» eine ziemliche Überraschung. Monatelang wurde 2010 von den vehementen Strassenprotesten der sogenannten «Wutbürger» berichtet. Sie richteten sich vor allem gegen die Baumassnahmen rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof und die Kosten einer neuen Bahnstrecke. Nach einer Schlichtung zwischen Gegnern und Befürwortern, die im Fernsehen übertragen wurde, kam es im November 2011 zu einer Abstimmung über das Projekt, wobei sich 58,9% für den Bau des Projekts aussprachen. Dieses Votum entsprach eindeutig nicht der vorher in den Medien praktizierten Berichterstattung.

In Anlehnung an die ersten Worte des Kommunistischen Manifests schreibt Köppel 2009 nach dem Minarett-Entscheid in der Weltwoche: «Ein Gespenst geht um in Europa: die Schweizer Demokratie.» Ohne Unterlass und rhetorisch geschickt setzt Klöppel bei seinen Auftritten die partizipative Demokratie der Schweiz dem repräsentativ-paternalistischen Politikentwurf Deutschlands und der EU entgegen. Er hat erkannt, dass Forderungen nach direkter Demokratie im linksintellektuellen Milieu immer dann unter Populismus-Verdacht geraten, wenn eine Abstimmung anders auszugehen droht, als man dies wünscht. Dann wird zum Beispiel regelmässig längst widerlegtes Schulbuchwissen aus den 1960er und 1970er Jahren hervorgeholt. Demnach sei die Weimarer Republik von 1918/19-1933 an den zahlreichen Wahlen (zwischen 1919 und 1933 wurden neun Wahlen zum Reichstag abgehalten) und Volksentscheiden gescheitert. In Wirklichkeit gab es in den 15 Jahren nur insgesamt drei Volksentscheide. Dabei gelten längst die mangelnde Kompromissfähigkeit der damaligen Politiker zusammen mit ihrem begrenzten Erfahrungshorizont was demokratische Willensbildung angeht, die Massenarbeitslosigkeit in Folge einer Weltwirtschaftskrise und überzogene Reparationsforderungen aus dem Ersten Weltkrieg als die Hauptursachen für das Scheitern der Weimarer Republik, die sukzessive den Rückhalt in der Bevölkerung verlor und sich extremistischen Parteien – rechts wie links – anschlossen.

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