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	<title>Hintergrund | MEDIENWOCHE</title>
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	<description>Magazin für Medien, Journalismus, Kommunikation &#38; Marketing</description>
	<lastBuildDate>Wed, 12 Jul 2017 20:49:08 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Zahlensalat (III): Von faulen Kindern und faulen Journalisten</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/06/29/zahlensalat-iii-von-faulen-kindern-und-faulen-journalisten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco Schneiter]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Jun 2017 07:40:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Schweizer Kinder sind im internationalen Vergleich faul. Das behaupten einige Zeitungen mit Berufung auf die Stiftung «Gesundheitsförderung Schweiz». Ein paar Klicks durch die Studien und ein klärendes Telefonat zeigen: faul waren vor allem die Medienschaffenden. «Schweizer Kinder sind bewegungsfaul», titelten etwa die Luzerner Zeitung und das St. Galler Tagblatt. Der «Blick» und andere Titel stiessen <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/29/zahlensalat-iii-von-faulen-kindern-und-faulen-journalisten/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/29/zahlensalat-iii-von-faulen-kindern-und-faulen-journalisten/">Zahlensalat (III): Von faulen Kindern und faulen Journalisten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Schweizer Kinder sind im internationalen Vergleich faul. Das behaupten einige Zeitungen mit Berufung auf die Stiftung «Gesundheitsförderung Schweiz». Ein paar Klicks durch die Studien und ein klärendes Telefonat zeigen: faul waren vor allem die Medienschaffenden.</strong></p>
<p><a href="http://www.tagblatt.ch/nachrichten/schweiz/schweizer-kinder-sind-bewegungsfaul;art253650,4984619" target="_blank">«Schweizer Kinder sind bewegungsfaul»</a>, titelten etwa die Luzerner Zeitung und das St. Galler Tagblatt. Der «Blick» und andere Titel stiessen ins selbe Horn und bezogen sich dabei auf eine <a href="https://gesundheitsfoerderung.ch/ueber-uns/medien/medienmitteilungen/artikel/schweizer-kinder-und-jugendliche-bewegen-sich-deutlich-weniger-als-der-europaeische-durchschnitt.html" target="_blank">Verlautbarung von «Gesundheitsförderung Schweiz»</a>. Die nationale Stiftung rühmt sich auf der Website, gleich drei Studien zum Thema ausgewertet zu haben. Die Erkenntnisse: Kinder von bewegungsfaulen Eltern haben weniger Bewegung, Mädchen bewegen sich weniger als Jungs, ausländische Kinder in der Schweiz bewegen sich weniger als Schweizer Kinder und: Kinder im Ausland bewegen sich mehr.</p>
<p>Das muss kein Widerspruch sein. Es ist möglich, dass nur faule Kinder in die Schweiz einwandern. Aber etwas verdächtig ist der Befund schon. Nach ein paar Klicks durch die von «Gesundheitsförderung Schweiz» zitierten Studien herrscht schnell Klarheit: Nur eine der drei Untersuchungen vergleicht wirklich das Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Ländern. Und es kommt noch schlimmer: Die sogenannte HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) misst nicht das Bewegungsverhalten von Jugendlichen, sondern verteilt lediglich Fragebogen in Klassen in ganz Europa. Dabei dreht sich nur gerade eine Frage um das Thema Bewegung, wie Marina Delgrande einräumt. Delgrande ist Projektleiterin bei «Sucht Schweiz», welche die Studie in der Schweiz durchführt und auswertet.</p>
<p>Nun sind Befragungen nicht per se schlecht. Oftmals basiert scheinbar harte Statistik auf Befragungen. Bestes Beispiel ist das Bruttoinlandsprodukt. Doch was ist von einer Jugendlichen zu erwarten, die sich mit der folgenden Frage konfrontiert sieht: «Hast du die letzten sieben Tage mindestens täglich eine Stunde Bewegung gehabt?» Schauen wir uns die Überlegungen von Jana an, eine fiktive Teilnehmerin an der Umfrage: «Hmmm. Ich muss zu Fuss zur Schule, das ist sehr anstrengend. Und am Wochenende ging ich in den Europapark. Das war genug Sport für eine ganze Woche. Und der Lehrer Hildbrand da vorne findet Sport eh ganz super, schliesslich ist er Orientierungsläufer. Kreuzen wir einmal das Maximum an.» </p>
<p>Jana zeigt ein typisches Verhalten, das viele Befragungsresultate verzerrt: Sie will der Studienleiterin oder dessen Gehilfen (hier Lehrer Hildbrand) gefallen und wird entsprechend antworten – auch wenn ihr Anonymität zugesichert wird. Die befragte Person antwortet der sozialen Norm entsprechend.</p>
<p>Nun unterscheiden sich soziale Normen von Kultur zu Kultur. Kinder verschiedener Länder sehen sich somit bei gewissen Fragen unterschiedlichen sozialen Erwartungen ausgesetzt. Im Vergleich zu Schweizer Jugendlichen schauen junge Albaner mehr fern, haben aber trotzdem deutlich mehr Bewegung &#8211; laut eigenen Angaben. Schweizer Kinder hingegen haben einen tieferen Bodymassindex und rauchen fast nicht &#8211; laut eigenen Angaben. Aber vielleicht fühlen sie sich bei der Raucherfrage grösserem sozialen Druck ausgesetzt und die albanischen Jugendlichen bei der Sportfrage. Wir wissen es nicht. Klar ist nur, dass der international Vergleich basierend auf einer einzigen Frage nicht seriös sein kann. </p>
<p>«Wir sind äusserst vorsichtig, wenn es um die länderübergreifende Vergleiche geht», betont denn auch Marina Delgrande von «Sucht Schweiz» im Gespräch. Sie würden keine internationalen Vergleiche ziehen. Darüber hinaus weise man im detaillierten Studienbericht mehrmals auf die Problematik von solchen Befragungen hin.</p>
<p>Die Stiftung «Gesundheitsförderung Schweiz» kannte da weniger Skrupel. Sie verschickte eine Medienmitteilung, in der just der internationale Vergleich im Titel hervorgehoben wurde. «Wir hatten das Ziel, die Kantone für das Thema zu sensibilisieren», erklärt Franziska Widmer, Projektleiterin bei der Gesundheitsförderung. Einige Journalisten übernahmen die Mitteilung mehr oder weniger und diffamierten die Schweizer Jugend im Titel als Bewegungsmuffel &#8211; fauler Journalismus.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/29/zahlensalat-iii-von-faulen-kindern-und-faulen-journalisten/">Zahlensalat (III): Von faulen Kindern und faulen Journalisten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Von faulen Kindern und faulen Journalisten</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/06/29/von-faulen-kindern-und-faulen-journalisten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Marco Schneiter]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Jun 2017 07:40:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[soziale Wünschbarkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Zahlensalat]]></category>
		<category><![CDATA[Statistik]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Schweizer Kinder sind im internationalen Vergleich faul. Das behaupten einige Zeitungen mit Berufung auf die Stiftung «Gesundheitsförderung Schweiz». Ein paar Klicks durch die Studien und ein klärendes Telefonat zeigen: faul waren vor allem die Medienschaffenden. «Schweizer Kinder sind bewegungsfaul», titelten etwa die Luzerner Zeitung und das St. Galler Tagblatt. Der «Blick» und andere Titel stiessen <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/29/von-faulen-kindern-und-faulen-journalisten/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Schweizer Kinder sind im internationalen Vergleich faul. Das behaupten einige Zeitungen mit Berufung auf die Stiftung «Gesundheitsförderung Schweiz». Ein paar Klicks durch die Studien und ein klärendes Telefonat zeigen: faul waren vor allem die Medienschaffenden.<br />
<span id="more-29443"></span><br />
<a href="http://www.tagblatt.ch/nachrichten/schweiz/schweizer-kinder-sind-bewegungsfaul;art253650,4984619" target="_blank">«Schweizer Kinder sind bewegungsfaul»</a>, titelten etwa die Luzerner Zeitung und das St. Galler Tagblatt. Der «Blick» und andere Titel stiessen ins selbe Horn und bezogen sich dabei auf eine <a href="https://gesundheitsfoerderung.ch/ueber-uns/medien/medienmitteilungen/artikel/schweizer-kinder-und-jugendliche-bewegen-sich-deutlich-weniger-als-der-europaeische-durchschnitt.html" target="_blank">Verlautbarung von «Gesundheitsförderung Schweiz»</a>. Die nationale Stiftung rühmt sich auf der Website, gleich drei Studien zum Thema ausgewertet zu haben. Die Erkenntnisse: Kinder von bewegungsfaulen Eltern haben weniger Bewegung, Mädchen bewegen sich weniger als Jungs, ausländische Kinder in der Schweiz bewegen sich weniger als Schweizer Kinder und: Kinder im Ausland bewegen sich mehr.</p>
<p>Das muss kein Widerspruch sein. Es ist möglich, dass nur faule Kinder in die Schweiz einwandern. Aber etwas verdächtig ist der Befund schon. Nach ein paar Klicks durch die von «Gesundheitsförderung Schweiz» zitierten Studien herrscht schnell Klarheit: Nur eine der drei Untersuchungen vergleicht wirklich das Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in verschiedenen Ländern. Und es kommt noch schlimmer: Die sogenannte HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) misst nicht das Bewegungsverhalten von Jugendlichen, sondern verteilt lediglich Fragebogen in Klassen in ganz Europa. Dabei dreht sich nur gerade eine Frage um das Thema Bewegung, wie Marina Delgrande einräumt. Delgrande ist Projektleiterin bei «Sucht Schweiz», welche die Studie in der Schweiz durchführt und auswertet.</p>
<p>Nun sind Befragungen nicht per se schlecht. Oftmals basiert scheinbar harte Statistik auf Befragungen. Bestes Beispiel ist das Bruttoinlandsprodukt. Doch was ist von einer Jugendlichen zu erwarten, die sich mit der folgenden Frage konfrontiert sieht: «Hast du die letzten sieben Tage mindestens täglich eine Stunde Bewegung gehabt?» Schauen wir uns die Überlegungen von Jana an, eine fiktive Teilnehmerin an der Umfrage: «Hmmm. Ich muss zu Fuss zur Schule, das ist sehr anstrengend. Und am Wochenende ging ich in den Europapark. Das war genug Sport für eine ganze Woche. Und der Lehrer Hildbrand da vorne findet Sport eh ganz super, schliesslich ist er Orientierungsläufer. Kreuzen wir einmal das Maximum an.»</p>
<p>Jana zeigt ein typisches Verhalten, das viele Befragungsresultate verzerrt: Sie will der Studienleiterin oder dessen Gehilfen (hier Lehrer Hildbrand) gefallen und wird entsprechend antworten – auch wenn ihr Anonymität zugesichert wird. Die befragte Person antwortet der sozialen Norm entsprechend.</p>
<p>Nun unterscheiden sich soziale Normen von Kultur zu Kultur. Kinder verschiedener Länder sehen sich somit bei gewissen Fragen unterschiedlichen sozialen Erwartungen ausgesetzt. Im Vergleich zu Schweizer Jugendlichen schauen junge Albaner mehr fern, haben aber trotzdem deutlich mehr Bewegung &#8211; laut eigenen Angaben. Schweizer Kinder hingegen haben einen tieferen Bodymassindex und rauchen fast nicht &#8211; laut eigenen Angaben. Aber vielleicht fühlen sie sich bei der Raucherfrage grösserem sozialen Druck ausgesetzt und die albanischen Jugendlichen bei der Sportfrage. Wir wissen es nicht. Klar ist nur, dass der international Vergleich basierend auf einer einzigen Frage nicht seriös sein kann.</p>
<p>«Wir sind äusserst vorsichtig, wenn es um die länderübergreifende Vergleiche geht», betont denn auch Marina Delgrande von «Sucht Schweiz» im Gespräch. Sie würden keine internationalen Vergleiche ziehen. Darüber hinaus weise man im detaillierten Studienbericht mehrmals auf die Problematik von solchen Befragungen hin.</p>
<p>Die Stiftung «Gesundheitsförderung Schweiz» kannte da weniger Skrupel. Sie verschickte eine Medienmitteilung, in der just der internationale Vergleich im Titel hervorgehoben wurde. «Wir hatten das Ziel, die Kantone für das Thema zu sensibilisieren», erklärt Franziska Widmer, Projektleiterin bei der Gesundheitsförderung. Einige Journalisten übernahmen die Mitteilung mehr oder weniger und diffamierten die Schweizer Jugend im Titel als Bewegungsmuffel &#8211; fauler Journalismus.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/29/von-faulen-kindern-und-faulen-journalisten/">Von faulen Kindern und faulen Journalisten</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Fernsehen wird zum Luxusgut</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/06/20/fernsehen-wird-zum-luxusgut-2/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Jun 2017 21:30:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Pay-TV]]></category>
		<category><![CDATA[Sky]]></category>
		<category><![CDATA[ZDF]]></category>
		<category><![CDATA[Fernsehen]]></category>
		<category><![CDATA[TV]]></category>
		<category><![CDATA[Fussball]]></category>
		<category><![CDATA[Champions League]]></category>
		<category><![CDATA[DAZN]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hat das öffentlich-rechtliche TV-Modell ausgedient? Im Sport- und Unterhaltungsbereich sind die Zeichen der Machtverschiebung nicht zu übersehen: Pay-TV statt Free TV. Am Ende profitieren auch hier die Technologie-Konzerne wie Google, Facebook Amazon. Wer künftig die Champions League sehen will, muss tiefer in die Tasche greifen. Vergangene Woche wurde bekannt, dass der Bezahlsender Sky und der <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/20/fernsehen-wird-zum-luxusgut-2/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Hat das öffentlich-rechtliche TV-Modell ausgedient? Im Sport- und Unterhaltungsbereich sind die Zeichen der Machtverschiebung nicht zu übersehen: Pay-TV statt Free TV. Am Ende profitieren auch hier die Technologie-Konzerne wie Google, Facebook Amazon.<br />
<span id="more-43787"></span><br />
Wer künftig die Champions League sehen will, muss tiefer in die Tasche greifen. Vergangene Woche wurde bekannt, dass der <a href="https://www.dwdl.de/nachrichten/61929/champions_league_wie_kompliziert_wirds_fr_die_kunden/" target="_blank">Bezahlsender Sky und der kostenpflichtige Streamingdienst DAZN</a> die «Königsklasse» ab der Saison 2018/2019 exklusiv übertragen werden. Damit fliegt in Deutschland die Champions League aus dem Free TV. In den kleineren Märkten der Schweiz und Österreich bleibt vorerst alles beim Alten, SRF und ORF zeigen in der nächsten Saison europäischen Spitzenfussball. Beim ZDF hingegen, gucken die Sportfreunde in die Röhre. Das öffentlich-rechtliche Programm unterlag im Bieterwettbewerb um die Senderechte. «Bis an die Schmerzgrenze» sei man laut ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann gegangen. Nach Informationen von «Bild» ist der Sender in der Vergaberunde für 2018/19 bis 2020/21 bei einem Gebot von 70 Millionen Euro ausgestiegen.</p>
<p>Nun kann man sich generell fragen, ob es zum Grundangebot eines öffentlich-rechtlichen Senders gehört, Spiele der Champions League im TV zu zeigen und ob man mit Gebührengeldern die Show von Ronaldo und Co. finanzieren sollte. Ist das Wegfallen der Champions League ein Verlust für das Gebührenfernsehen? Oder kommt nur zusammen, was zusammengehört, Kommerzfussball zu Kommerzfernsehen? Interessanterweise kommen die kritischen Töne aus dem Fussball selbst.</p>
<p>Andreas Rettig, Geschäftsführer des Zweitligisten FC St. Pauli, dessen Anhänger und Trainer Ewald Lienen dem linken Milieu zuzurechnen sind, sagte in einem Interview mit der Fachzeitschrift «Kicker»: «Ich sehe die Entwicklung unter gesellschaftspolitischen Aspekten mit grosser Sorge. (…) Die Gruppe der unter 20-Jährigen wird kleiner, die der über 60-Jährigen grösser. Langfristig werden sich viele ältere Fans den ‹Luxus Fussball› im TV schlicht und einfach nicht mehr erlauben können, Stichwort Altersarmut.» Braucht es analog zum Mindestlohn eine Mindestsendezeit von Fussball im Fernsehen? Eine Art Basispaket?</p>
<p>Der Rechtepoker ist inzwischen sogar ein Wahlkampfthema geworden, da es längst auch um Politik geht, zumal in den Rundfunkräten bzw. im Fernsehrat auch Vertreter des Bundes und des Länder vertreten sind. «Hohe Pflichtgebühren fürs TV + trotzdem kein #Fussball? #ChampionsLeague Übertragung muss für alle gesichert werden!», twitterte die Spitzenkandidatin der Linken, Sahra Wagenknecht. In einem Interview mit der «Welt» legte die Politikerin nach: «Fussball ist der populärste Sport in Deutschland, und auch Menschen, die sich kein Pay-TV leisten können oder wollen, möchten den europäischen Spitzenfussball sehen.» Der Ausschluss von Zuschauern sei «nur durch die fortschreitende Privatisierung des Fernsehens möglich». Dass die Ligaverbände diese Privatisierung des Fernsehens durch eine hemmungslose Vermarktung – erinnert sei hier an den milliardenschweren TV-Rechte-Deal in der Premier League – selbst betrieben haben, hat Wagenknecht in ihrer Kalkulation nicht eingepreist. Fussballklubs wie Bayern München bieten ihren Fans schon seit Jahren ein eigenes, bezahlpflichtiges Vereins-TV mit Hintergrundberichten und Live-Spielen. Doch in Begriffen wie «Ausschluss» und «Luxus Fussball» scheint im Kleinen auf, was sich im Grossen vollzieht: Dass sich in der Fernsehlandschaft ähnlich wie im Stadion segregierte «Nutzungsklassen» herausbilden, wo eine zahlungskräftige Kundschaft bereit ist, für ein «Premiumprodukt» draufzuzahlen.</p>
<p>Frank Steffel, Obmann der CDU im Sportausschuss des Deutschen Bundestages, forderte nach dem Aus des ZDF als Champions-League-Sender ein Umdenken. «Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten die freien Gelder und Sendezeiten für andere Sportarten nutzen. Weiterhin hauptsächlich auf Fußball zu setzen, wäre fahrlässig und naiv», sagte er. «Wer internationale Topstars will, muss diesen finanziellen Wahnsinn mitgehen oder abschalten.» Diese Ansicht läuft im Ergebnis jedoch darauf hin, dass die Volkssportart Fußball in einer Teilöffentlichkeit stattfindet und damit zum Elitesport bzw. Marketing-Event verkommt.</p>
<p>Das Fernsehen war zu seiner Anfangszeit eines der demokratischsten Medien überhaupt. Jung und Alt, Arm wie Reich starrten in den Schwarz-Weiss-Flimmerkasten und sahen die gleichen Sendeinhalte in bescheidener Qualität. Es gab nur zwei oder Programme, nach Sendeschluss flimmerte das EBU-Testbild. Ende der 1960er Jahre setzte sich das Farbfernsehen durch, ehe mit dem Kabelfernsehen und Pay-TV das erste Bezahlfernsehen kam. Das lineare Fernsehen, bei dem sich das Publikum Samstagabends zur Primetime vor dem Fernseher in der heimischen Wohnstube versammelte, verliert zunehmend an Bedeutung. In den Mediatheken lassen sich Sendungen 24/7 (mit Einschränkungen bei der Sportberichterstattung) abrufen. Den Sendeschluss gibt es so nicht mehr. Vor allem die jüngeren, digitalaffinen Nutzer streamen Inhalte und basteln sich ihr eigenes, massgeschneidertes Programm zusammen.</p>
<p>Bei den fiktionalen Inhalten hat sich Netflix als erste Adresse etabliert. Mit beliebten Serien wie «House of Cards» gräbt die Streamingplattform den historischen TV-Sendern nicht nur das Publikum ab, sondern wirbt ihnen auch zunehmend Schauspieler und Produzenten ab, wie jüngst die Irin Tara Flynn. Allein in diesem Jahr plant Netflix über 70 neue Produktionen. Das «Wall Street Journal» nannte den Streaming-Dienst darum das «Monster, das Hollywood auffrisst». Doch Netflix ist nicht allein. Neben dem Platzhirsch finden sich eine ganze Reihe weitere populäre Bezahldienste wie HBO Now, Showtime oder Hulu. Grosse Player sind dabei mehr als nur eine Abspielplattform für zusammengekaufte Filme und Serien. Sie produzieren die Inhalte selbst. So feierte Amazon Prime mit der Serienproduktion «You Are Wanted» von und mit Matthias Schweighöfer einen durchschlagenden Erfolg.</p>
<p>Prognosen der Analysefirma Zenith zufolge <a href="http://www.zerohedge.com/news/2017-02-28/youtube-users-watch-1-billion-hours-day-set-surpass-us-tv-viewership" target="_blank">nähern sich die Kurven von TV- und Internetnutzung immer stärker an</a>. 2020 könnte die Internetnutzung erstmals den TV-Konsum überflügeln – wobei zu fragen wäre, was eigentlich noch genuin TV ist. Die Generation «Zero TV» ist auf dem Vormarsch. In den USA wurden bereits 2013 in fünf Millionen Haushalte kein klassisches Fernsehen mehr geschaut (der Begriff «Zero TV» ist etwas missverständlich, weil 75 Prozent dieses Haushalte tatsächlich noch ein Empfängergerät besitzt, es jedoch ausschließlich für DVDs, Videospiele oder Streaming nutzt und daher nicht in die klassische Kategorie der Fernsehnutzung fällt). Doch laut einer jüngsten Erhebung des Amts für Energiestatistik (U.S Energy Information Administration) ist die Zahl der Fernsehgeräte in den USA zurückgegangen. Waren in US-Haushalten 2009 durchschnittlich noch 2,6 Fernsehgeräte installiert, sank die Zahl 2015 auf nur noch 2,3. Das Smartphone- und Tablet-Display wird zur neuen Mattscheibe. Technologie killt das klassische TV.</p>
<p>Indem sie die ganze Wertschöpfungskette übernehmen, bedrohen Streaming-Dienste das Geschäftsmodell traditioneller TV- und Kinoproduktionen. Damit verbunden ist nicht nur ein Abfluss von Werbegeldern sondern auch eine Machtverschiebung. Die Technologie-Konzerne bestimmen zunehmend, was auf Sendung geht. Und was gezeigt wird.</p>
<p>So hat Google vor wenigen Wochen über seine Tochter Youtube den Dienst «Youtube TV» lanciert, der auf einem Abo-Modell basiert und komplementär zur Videoplattform läuft. Für 35 Dollar im Monat kann man – vorerst in den USA – verschiedene Sender wie ABC, EPSN (zu Disney gehörend), NCs (Comcast), Fox News und National Geography empfangen. Mit Youtube TV will Google den TV-Sendern zusätzliche Reichweite bieten gegen eine Beteiligung an den damit erzielten Werbeeinnahmen. Für die Sender ist das Angebot verlockend, weil sie über Youtube jüngere Zuschauer erreichen als über ihre bisherigen Kanäle.Es birgt aber auch die Gefahr, dass sich Medienkonzerne in Abhängigkeiten zu dem Tech-Giganten begeben. Turner-CEO John Martin sagte, <a href="http://www.fiercecable.com/broadcasting/turner-ceo-says-youtube-tv-said-no-to-cnn-tbs-tnt" target="_blank">dass Youtube TV seine Offerte ausschlug</a>. Der Sender CNN, das Teil der Turner-Gruppe ist, kann vorerst nicht über Youtube TV abgerufen werden. Was auch eine Zeitenwende ist. CNN galt einst als Katalysator der Globalisierung, das seine oft lärmigen News aus aller Welt in die Wohnstuben trug. Gründer Ted Turner konzeptualisierte die Globalisierung als «Vorspultaste», die es in Zeitlupe zu analysieren gelte. Im CNN Center in Atlanta waren die Mitarbeiter stolz darauf, binnen 24 Stunden Fernsehteams mit umfassendem Equipment an jeden Punkt der Erde schicken zu können. Doch die alten Medienspieler werden zunehmend von Streaming-Diensten und sozialen Netzwerken überholt, die Informationen viel schneller über den Globus jagen.</p>
<p>Springer, das mit seinem Online-Flaggschiff Bild.de bei der Vergabe der Bundesligarechte ab der Saison 2017/18 dem Streamingdienst DAZN unterlag, bezieht dank einer Kooperation Sportvideos vom Konkurrenten, die allerdings erst nach dem Fussballwochenende in der Nacht zu Montag um 0.00 Uhr online gehen dürfen – was zeigt, dass Verlage noch Schwierigkeiten bei der Monetarisierung von Inhalten haben und in der Verwertungskette eher das letzte Glied sind.</p>
<p>Der Vormarsch der Streaming-Dienste könnte das Ende des Free TV besiegeln – wobei das auch immer eine Illusion war, weil sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk über Gebührengelder, die faktisch eine Zwangsabgabe sind, finanziert und die Privatsender sich über Werbung finanzieren. Durch die Umstellung des in Deutschland verbreiteten digitalen Antennenempfangs auf den neuen Standard DVB-T2 werden allerdings auch Privatsender kostenpflichtig.</p>
<p>Der doppelt codierte Leitspruch «Information wants to be free», der sowohl als Informations- als auch als Kostenfreiheit derselben verstanden werden konnte, scheint nur noch mit Einschränkungen zu gelten. Während einst die billigen Plätze vor der Glotze waren, sind sie heute in den algorithmischen Endlosschleifen <a href="https://www.theatlantic.com/business/archive/2017/06/google-facebook-netflix/528999/" target="_blank">auf Facebook oder Youtube</a>. Die Bezahlschranke wird zum sozialen Selektionskriterium. Wer sich die Zusatzgebühr für die Zaubertricks von Messi und Co. nicht leisten kann oder will, schaut am Ende in die Röhre.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/20/fernsehen-wird-zum-luxusgut-2/">Fernsehen wird zum Luxusgut</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Mit dem «Maulkorbartikel» leben lernen</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/06/06/mit-dem-maulkorbartikel-leben-lernen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Dominique Strebel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 06 Jun 2017 14:02:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Medienrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Sonntagszeitung]]></category>
		<category><![CDATA[Bundesgericht]]></category>
		<category><![CDATA[EGMR]]></category>
		<category><![CDATA[Strassburg]]></category>
		<category><![CDATA[L'Illustré]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=29317</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Ständerat hat jüngst entschieden, den «Maulkorbartikel» beizubehalten. Medienschaffende können demnach auch in Zukunft wegen der Veröffentlichung geheimer amtlicher Dokumente verurteilt werden. Mit dieser rechtlichen Realität gilt es einen Umgang zu finden. Die Lehren aus den bisherigen Verurteilungen. Ein aktueller Entscheid des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte EGMR zeigt, was Medienschaffenden droht, wenn sie aus Akten <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/06/mit-dem-maulkorbartikel-leben-lernen/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/06/mit-dem-maulkorbartikel-leben-lernen/">Mit dem «Maulkorbartikel» leben lernen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Ständerat hat jüngst entschieden, den «Maulkorbartikel» beizubehalten. Medienschaffende können demnach auch in Zukunft wegen der Veröffentlichung geheimer amtlicher Dokumente verurteilt werden. Mit dieser rechtlichen Realität gilt es einen Umgang zu finden. Die Lehren aus den bisherigen Verurteilungen.<br />
<span id="more-29317"></span><br />
<a href="http://hudoc.echr.coe.int/eng#{&quot;itemid&quot;:[&quot;001-174108&quot;]}" target="_blank" rel="noopener">Ein aktueller Entscheid</a> des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte EGMR zeigt, was Medienschaffenden droht, wenn sie aus Akten eines Strafverfahrens zitieren, ohne wichtige öffentliche Interessen zu verfolgen, und dabei die journalistischen Sorgfaltspflichten verletzen: Eine Busse von 5000 Franken wegen Veröffentlichung amtlicher geheimer Verhandlungen.</p>
<p>Das ist nun die dritte Abfuhr von Medienschaffenden in Strassburg innert zehn Jahren: 2007 hat die Grosse Kammer des EGMR eine Busse für einen Sonntags-Zeitungs-Journalisten als zulässig erachtet, weil er aus einem strategischen Papier des damaligen Schweizer Botschafters in Washington zitierte; 2012 hat Strassburg eine erste Busse des des nun erneut gebüssten L’Illustré-Journalisten gutgeheissen, weil er sich bei einem Porträt zu einem Aufsehen erregenden Autounfall auf dem Lausanner Grand Pont auf Untersuchungsakten stützte. Und jetzt, Anfang Juni 2017, hat es erneut gegen den gleichen Reporter entschieden, weil er aus Untersuchungsakten eines Strafverfahrens gegen einen mutmasslichen Pädophilen zitierte*.</p>
<p>Diese Urteile erfolgten alle <u><a href="https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19370083/index.html#a293" target="_blank" rel="noopener">gestützt auf Artikel 293</a></u> des Strafgesetzbuches. Der umstrittene Paragraph könnte längst abgeschafft sein, doch Bundesrat und Parlament wollen es anders. Am 29. Mai hat der Ständerat als Zweitrat entschieden, dass der sogenannte Maulkorbartikel nicht gestrichen, sondern nur ergänzt und damit milde abgeschwächt wird. In Zukunft darf das Gericht Medienschaffende nicht mehr verurteilen, wenn das öffentliche Interessen an einer Berichterstattung gegenüber Geheimhaltungsinteressen überwiegt. Fazit: Der jahrelange Streit um den Paragraphen ist besiegelt.</p>
<p>&#8211;&gt; <u><a href="https://dominiquestrebel.wordpress.com/2017/05/30/erste-gedanken-zum-neuen-maulkorbartikel/" target="_blank" rel="noopener">Erste Gedanken zum «neuen» Maulkorbartikel</a></u></p>
<p>Journalisten machen sich weiterhin strafbar, wenn sie ohne überwiegende öffentliche Interessen aus geheimen, amtlichen Dokumenten zitieren. Und das werden die Richter wohl wenig anders als bisher entscheiden, denn sie haben in den letzten zehn Jahren bereits die öffentlichen Interessen an Information gegen Geheimhaltungsinteressen abgewogen und die Medienfreiheit in den Augen der Strassburger Richter korrekt gewichtet.</p>
<p>Zeit also für eine Standortbestimmung und Tipps für einen pragmatischen Umgang mit dem Maulkorb. Denn der aktuelle EGMR-Entscheid zeigt auch, dass über Akten aus Strafverfahren sehr wohl berichtet werden darf. Es müssen aber berechtigte öffentliche Interessen (z.B. belegte Verfahrensmängel) verfolgt und die Sorgfaltspflichten besonders zur Namensnennung streng eingehalten werden. Zudem gewichtet der EGMR die Geheimhaltung von parlamentarischen oder verwaltungsinternen Geheimnissen tiefer. Das sollte das Bundesgericht in Zukunft – und gerade mit der neuen Gesetzesbestimmung – stärker beachten.</p>
<p>Aus dem aktuellen Strassburger Entscheid lassen sich die Kriterien für eine korrekte Berichterstattung im Detail ableiten:</p>
<ol>
<li><strong>Gemäss EGMR verfolgt das Untersuchungsgeheimnis legitime Ziele:</strong> Den Schutz des Vorverfahrens (Unabhängigkeit der Justiz, Wirksamkeit des Strafverfahrens), aber auch den Schutz der Unschuldsvermutung von Beschuldigten und seiner Privatsphäre wie auch jener anderer Beteiligter, besonders von Opfern. Hingegen gebe es kaum Raum, die Meinungsfreiheit im Bereich der politischen Debatten und Diskussionen von allgemeinem Interesse einzuschränken (vgl. Ziff. 60). Das ist ein Hinweis dafür, dass Art. 293 StGB unterschiedlich angewendet werden sollte, wenn es um Akten aus einem Strafverfahren oder wenn es um geheime Protokolle parlamentarischer Kommissionen oder geheime Dokumente der Verwaltung geht.</li>
<li><strong>Dokumente sollten nicht auf illegalem Weg beschafft werden.</strong> Im konkreten Fall hat der Vater eines Opfers dem Journalisten die Dokumente übergeben. Daran hat Strassburg nichts auszusetzen.</li>
<li><strong>Der Gehalt eines Artikels soll sich auf jene Elemente beschränken, an denen wirklich ein berechtigtes öffentliches Interesse besteht.</strong> Im aktuell beurteilten Fall hat der Journalist gemäss EGMR unnötige Details über das Vorgehen des mutmasslichen Täters ausgebreitet, die nicht von öffentlichem Interesse waren, sondern einzig der Sensation gedient hätten.</li>
<li><strong>Ein Bericht, der sich auf geheime Dokumente stützt, muss zu einer öffentlichen Debatte beitragen.</strong> Dies muss durch eine detaillierte Recherche untermauert sein und darf sich nicht bloss auf Vorwürfe eines Opfers stützen. Im aktuell beurteilten Bericht warf der Vater dem Haftrichter vor, den Beschuldigten aus der U-Haft nur freigelassen zu haben, weil er ein einflussreicher Immobilienverwalter gewesen sei. Zudem machte der Journalist geltend, er habe mit seiner Berichterstattung weitere Opfer ermuntern wollen, sich zu melden. Beide Anliegen erachtet der EGMR grundsätzlich als berechtigte öffentliche Interessen. Aber im konkreten Fall habe der Journalist die Vorwürfe nicht genügend untermauert. Er habe ausser dem Verdacht des Vaters keine Gründe dartun können, weshalb der U-Haft-Entscheid tatsächlich nicht korrekt gewesen sei, und habe keinerlei Beleg gehabt, dass von der Staatsanwaltschaft bei der Tat nicht genügend intensiv nach weiteren Opfern gesucht worden sei.</li>
<li><strong>Die Unschuldsvermutung muss nicht nur genannt, sondern auch im Ton der Berichterstattung beachtet werden.</strong> Im konkreten Artikel hat der Journalist zwei mal erwähnt, dass für den Beschuldigten die Unschuldsvermutung gelte. Doch der Ton des ganzen Textes hat gemäss EGMR keine Zweifel gelassen, dass der Journalist den Beschuldigten für schuldig halte. Dies kommt bereits im Titel «Un père révolté dénonce les jeux pervers d’un abuseur d’enfants» («Ein aufgebrachter Vater klagt die perversen Spiele eines Kindsmissbrauchers an») zum Ausdruck.</li>
<li><strong>Die journalistischen Sorgfaltspflichten sind streng zu beachten – besonders in Bezug auf den Schutz der Privatsphäre von Minderjährigen.</strong> Im eingeklagten Artikel hat der Journalist den Vater eines Opfers im Profil gezeigt, seinen Vornamen mit Initial des Familiennamens, das Alter der mutmasslichen Opfer sowie deren familiäre Beziehungen genannt. Als ganzes hat dies gemäss EGMR die minderjährigen Kinder erkennbar gemacht. Die Mutter eines der Kinder hat denn auf dem Zivilrechtswege erfolgreich eine Entschädigung wegen Persönlichkeitsverletzung eingeklagt.</li>
<li>Da nun die öffentlichen Interessen am Artikel sehr klein, die Geheimhaltungsinteressen von Strafverfolgungsbehörden und Privaten gross waren, glaubt der EGMR nicht, dass eine Busse von 5000 Franken Medienschaffende übermässig abschrecke, ihre Medienfreiheit auszuüben.</li>
</ol>
<p><small>*Der Artikel ist für Nutzer der Schweizer Mediendatenbank SMD einsehbar: «Un père révolté dénonce les jeux pervers d’un abuseur d’enfants», L’illustré, 28.1.2009</small></p>
<p><em>Vorschaubild:</em> CC0 Public Domain</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/06/06/mit-dem-maulkorbartikel-leben-lernen/">Mit dem «Maulkorbartikel» leben lernen</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Trump-Forscher auf dünnem Eis</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/05/26/trump-forscher-auf-duennem-eis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 May 2017 09:49:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Studie]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Vertrauen]]></category>
		<category><![CDATA[Donald Trump]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Trump und die Medien: Es herrscht Krieg. Der US-Präsident holzt wie keiner seiner Vorgänger gegen die Berichterstattung über ihn, die Medien geben ihm Saures. Kann man mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen, wer hier Recht hat? Ein renommiertes Harvard Institut hat’s versucht. Und kommt dabei an seine Grenzen. Dennoch lassen sich aus der aktuellen Studie für die <a href="https://medienwoche.ch/2017/05/26/trump-forscher-auf-duennem-eis/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Trump und die Medien: Es herrscht Krieg. Der US-Präsident holzt wie keiner seiner Vorgänger gegen die Berichterstattung über ihn, die Medien geben ihm Saures. Kann man mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen, wer hier Recht hat? Ein renommiertes Harvard Institut hat’s versucht. Und kommt dabei an seine Grenzen. Dennoch lassen sich aus der aktuellen Studie für die Medien problematische Tendenzen ablesen.<br />
<span id="more-29280"></span><br />
Ist es nur die Spitze des Eisbergs, wenn das grosse deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» einen wahren Feldzug gegen den US-Präsidenten führt und ihn tatsächlich wegschreiben will? Hat der seit etwas mehr als 100 Tagen amtierende Donald Trump Recht, wenn er sich darüber beschwert, dass die überwiegende Mehrzahl aller Presseorgane nicht nur gegen ihn sei, sondern auch unfaire Mittel verwende, falsche Nachrichten verbreite und jeglichen Versuch, objektiv und ausgewogen zu berichten, vermissen lasse? Oder widerspiegelt sich hier nur sein erratisches Verhalten, seine Sprunghaftigkeit, seine Widersprüchlichkeit, letztlich sein Versagen?</p>
<p>Das <a href="https://shorensteincenter.org/news-coverage-donald-trumps-first-100-days/" target="_blank" rel="noopener">«Harvard Kennedy School’s Shorenstein Center on Media, Politics and Public Policy»</a> hat die Berichterstattung über die ersten hundert Tage im Amt untersucht. Hinter dem länglichen Namen steht ein im Jahre 1986 gegründetes Forschungszentrum, das durchaus renommiert ist. Sein Leiter hatte zuvor eine führende Position bei der «Los Angeles Times», eine Sympathie für Trump kann man also nicht unterstellen.</p>
<p>Als Sample diente die Berichterstattung führender Medien wie «New York Times», «Wall Street Journal», «Washington Post» sowie der TV-Stationen CNN, CBS, Fox News und NBC. Als Vergleich wurden auch europäische Medien untersucht, darunter «Tagesthemen» der ARD. Das entscheidende Kriterium, bevor wir zu den Resultaten kommen, ist dabei der Begriff «negative Berichterstattung». Darunter versteht das Institut, dass die behandelte Person, in diesem Fall Trump, kritisiert oder «unvorteilhaft» dargestellt wird. Also beispielsweise, indem einem Kritiker das Wort gegeben wird, die Berichterstattung selbst kritisch ist oder unvorteilhafte News verbreitet werden, wie beispielsweise «Präsident Trumps Umfragewerte erreichen einen neuen Tiefstand.» Ebenso als «negativ» gelten zudem neutrale Berichte über Ereignisse, die für Trump negativ waren. Lassen wir hier ein Fragezeichen stehen, wie wissenschaftlich dieser Massstab ist. Und fügen ein zweites Fragezeichen hinzu, denn als «neutral» bewertete Berichterstattung wurde aus diesen statistischen Untersuchungen ausgeblendet; man erfährt also nicht, wie gross dieser Anteil ist.</p>
<p>Letztlich befinden wir uns hier im weiten Feld der Frage, was «objektive» Berichterstattung überhaupt ist und ob es sie geben kann. Beispielsweise die Meldung, dass Trump mit seinem Gesetzentwurf über die Neuordnung der Immigrationspolitik sowohl vor Gericht wie im Parlament gescheitert ist, ist eindeutig keine positive Nachricht, entspricht aber der Realität, ebenso wie das Ergebnis einer Meinungsumfrage. Andererseits ist eine Nicht-Meldung von Erfolgen Trumps weder positiv noch negativ, stellt einen Verstoss gegen «objektive» Berichterstattung dar, wird aber in dieser Studie, mangels Untersuchungsgegenstand, nicht berücksichtigt.</p>
<p>Mit der gewählten Methode ist das Resultat eindeutig: Im Schnitt liegt der Anteil negativer Berichterstattung bei 80 Prozent. In den USA ist der Spitzenreiter CNN mit 93 Prozent, selbst die als eher mit Trump sympathisierenden Fox News kommen auf 52 Prozent. Geschlagen werden aber alle von den deutschen «Tagesthemen», die laut dieser Studie zu sagenhaften 98 Prozent negativ oder kritisch über Trump berichtet haben sollen. Im Vergleich dazu wurde über Obama im Allgemeinen zu 59 Prozent positiv berichtet, und selbst George W. Bush kam auf 43 Prozent. Auf der anderen Seite erreichte noch kein Präsident vor Trump dermassen hohe Zahlen insgesamt, was die Berichterstattung über ihn betrifft. Im Total sei er in 41 Prozent aller hier untersuchten Nachrichten das Thema gewesen, damit schlägt er seine Vorgänger um Längen.</p>
<p>Ein eindeutiges Resultat, vor allem die Berichterstattung der gebührenfinanzierten ARD scheint an Einseitigkeit nicht zu überbieten zu sein. Allerdings muss man hier ein drittes Fragezeichen hinter die Ergebnisse dieser US-Untersuchung setzen. Auf Nachfrage von <a href="http://uebermedien.de/16080/nein-es-sind-nicht-98-der-ard-berichte-ueber-trump-negativ/" target="_blank" rel="noopener">Medienblogger Stefan Niggemeier</a> räumt der Autor der Studie ein, dass die in seiner Untersuchung nicht gezählten «neutralen» Berichte bei der ARD-Nachrichtensendung im Schnitt 37 Prozent ausmachen. Damit würden die 98 Prozent «negativ oder kritisch» auf rund 61 Prozent schrumpfen; ähnliche Zahlen ergäben sich bei den anderen beurteilten Medien. Wir befinden uns hier also auf relativ dünnem Eis, wenn ein eher unscharfes Messkriterium (positiv versus negativ) verwendet wird, bei «negativ» nicht zwischen der Berichterstattung über «negative» Tatsachen und «negativen» Interpretationen oder Kommentaren unterschieden wird und zudem «neutrale» News, die einen bedeutenden Prozentsatz ausmachen, einfach ausgeblendet werden.</p>
<p>Greifen wir einen Aspekt der Untersuchung heraus, bei dem sie sich auf einer besseren statistischen Grundlage bewegt. Europäische Medien beschäftigen sich viel ausführlicher als amerikanische mit der Frage, ob Trump überhaupt seinem Amt gewachsen sei, genauer, ob seine geistige Verfassung Anlass zu Besorgnis gibt. Es werden nicht nur Fehlentscheidungen, Widersprüche oder Niederlagen thematisiert, sondern in den «Tagesthemen» handelten bis zu 20 Prozent aller Beiträge davon, während es in den USA im Schnitt nur 3 Prozent waren. Lassen sich Schlussfolgerungen aus dieser Studie ziehen, kann man die Frage beantworten, ob sich Trump zu Recht über «Fake News» beschwert und behaupten darf, dass noch nie in der Geschichte ein US-Präsident so unfair von den Medien behandelt worden sei? Da greifen wir doch zum Thesenjournalismus:</p>
<ol>
<li>Das Negative überwiegt in der Berichterstattung über Trump. Lassen wir dahingestellt, wie weit das einfach eine Widerspiegelung seines politischen Handelns ist. Aber: Im Luftkampf über die Oberhoheit der veröffentlichten und somit öffentlichen Meinung geht es bekanntlich um das sogenannte «Framing». Darunter versteht man, dass bestimmte Kampfbegriffe so oft wiederholt werden, dass sie automatisch mit dem entsprechenden Subjekt, dem Politiker assoziiert werden, selbst wenn man sie nicht explizit erwähnt. Das ist im Falle Trumps einwandfrei gelungen. Es bliebe allerdings einer vertieften Untersuchung vorbehalten, ob er sich Begriffe wie «Lügner», «sprunghaft», «widersprüchlich», «grossmäulig», «inkompetent», «gefährlich» usw. selbst erarbeitet hat – oder ob das reine Parteilichkeit und somit ein Verstoss gegen möglichst ausgewogene Berichterstattung ist.</li>
<li>Neben der Berichterstattung sollte in den Medien Meinungsfreiheit herrschen. Es ist jedem Publikationsorgan unbenommen, neben Meldung, Einordnung, Analyse zu kommentieren und zu werten. Es ist den Medien auch unbenommen, aus der Befürchtung heraus, dass Trump nicht nur seinem Amt nicht gewachsen ist, sondern brandgefährlich, als mächtigster Mann der Welt und Oberbefehlshaber der stärksten Armee und letztlich mit der Autorität ausgestattet, auf den «Roten Knopf» zu drücken, zu fordern, dass er dringend und schleunigst aus dem Amt entfernt werden muss, mit (fast) allen Mitteln. Fragwürdig daran ist, dass entsprechende Medien, in vorderster Linie der deutsche «Spiegel», nicht nur ihre Wirkkraft überschätzen, sondern zumindest teilweise die Grenzen zu Demagogie, Hetze, Kampagnenjournalismus überschreiten und damit ihr wichtigstes Gut, die Glaubwürdigkeit, verlieren.</li>
<li>Das neue Justemilieu, das in den sogenannten Leitmedien herrscht und mit grossinquisitorischer Sicherheit zu wissen meint, was richtig und falsch, schlimmer noch, was gut oder böse ist, reduziert die Welt auf einfache Dichotomien, auf binäre Entscheidungen, auf Schwarz oder Weiss. Damit wird die viel komplexere Welt nicht nur nicht abgebildet, sondern es werden auch keine Entscheidungsgrundlagen geliefert, die dem Nachrichtenkonsumenten helfen, sich seine eigene Meinung zu bilden. Letztlich widerspiegeln die Medien damit das einfache Weltbild Trumps, das sie gleichzeitig als untauglich kritisieren.</li>
<li>Ein weiteres Problem schaffen sich die Medien damit, dass sich immer grössere Teile der Bevölkerung in der Berichterstattung nicht wiederfinden. Immerhin haben fast 50 Prozent aller US-Wähler für Trump gestimmt und halten ihm weiterhin die Stange. An ihnen und ihrer Meinung, auch wenn sie falsch sein mag, berichten die meisten führenden Medien offensichtlich vorbei. Damit passiert das Schlimmste, was einem Newsproduzenten widerfahren kann. Er bietet ein Produkt an, wenn auch ein besonderes. Also er macht ein Angebot, das mit Nachfrage beantwortet werden muss. Steigende Abozahlen bei führenden und Trump-kritischen US-Medien sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Ruf der Presse noch nie so schlecht war als heute. Und dass das Bedienen der mit der Ausrichtung eines Organs einverstandenen Leser, die letztlich nur ihre bereits vorhandene Meinung bestätigt sehen wollen, kein nachhaltiges Geschäftsmodell für den Journalismus ist. Der nicht nur wegen der Gratis-Kultur des Internets in einer dramatischen finanziellen Krise steckt. Wenn Presseerzeugnisse eine sinnvolle Funktion haben, oberhalb der Befriedigung der Neugier nach Sex, Crime and People, dann als Gate Keeper, als glaubwürdiges Portal für das bessere Verständnis und die Einordnung der Welt beim Konsumenten.</li>
<li>Greifen wir ein einziges aktuelles Beispiel heraus. Selbst in den deutschen «Tagesthemen» wurde die Rede, die Trump bei seiner ersten Auslandreise in Saudi-Arabien hielt, als staatsmännisch gewürdigt. Gleichzeitig wurde aber hinzugefügt, dass er sie sich habe schreiben lassen und die Positionierung auf Seiten des Bündnis- und Geschäftspartners Saudi-Arabien und gegen den Iran problematisch sei und keine Lösung für den Nahen Osten enthalte. Das mag alles richtig sein, aber es hat doch ein Geschmäckle, weil jeder führende Politiker ganze Heerscharen von Redenschreibern in Lohn und Brot hält, alle Vorgänger Trumps über die vielen schwarzen Flecken auf den Kaftans der saudi-arabischen Potentaten und ihre Verwicklung in Fundamentalismus und Terrorismus hinwegsahen und natürlich genauso gerne wie Trump «Big Deals» mit Waffenlieferungen abschlossen.</li>
<li>Trump kann, soll und muss man kritisieren, er bietet genügend Anlass dazu. Und sicherlich hat er seinen Teil dazu beigetragen, dass kaum jemals zuvor eine dermassen starke Polarisierung in der Berichterstattung über einen US-Präsidenten stattfand. Also das Objekt ist, wie es ist. Aber, wenn wir’s überleben, und vieles spricht dafür, geht die Amtszeit Trumps in vier oder spätestens acht Jahren zu Ende. Wie viel Schaden er dabei angerichtet hat – oder wie viel Gutes er bewirkt haben wird –, werden wir sehen. Die Medien gab es aber vor Trump, und es wird sie auch nach ihm noch geben. Der Schaden, den sie sich aktuell selbst zufügen, wird sie auch nach dieser Präsidentschaft begleiten. Sie setzen, letztlich ohne Not und in überheblicher Überschätzung ihrer Macht und Möglichkeiten, ihren Ruf aufs Spiel, das Vertrauen, ihre Glaubwürdigkeit. Das halte ich für viel bedenklicher und gefährlicher als Trump.</li>
</ol>
<p>Selbst wenn Trump wirklich ein gefährlicher Irrer und Amok wäre, mit dem das «Ende der Welt» («Der Spiegel») droht, dürfen die Medien deswegen nicht darauf verzichten, in erster Linie ihrer Berichterstatterpflicht nachzuleben. Tun sie das parteiisch, wenn man den Ergebnissen dieser Studie trotz allen Fragezeichen vertrauen will, dann versagen sie. Ein letztes Beispiel: Was ist das für eine Presse, die sich nicht entblödet, Spalten damit zu füllen, wie man das angeblich von Melania Trump mehrfach verweigerte Händchenhalten zu interpretieren habe? Während es nur eine Randnotiz wert ist, dass sie das Tragen einer Kopfbedeckung verweigerte, wenn wir uns schon auf diese Ebene des Journalismus herablassen wollen. Trump ist ein Problem, aber die Berichterstattung über ihn ist ein grösseres Problem.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/05/26/trump-forscher-auf-duennem-eis/">Trump-Forscher auf dünnem Eis</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Harte Gesetze für Überwachung und gegen Whistleblower</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/03/23/harte-gesetze-fuer-ueberwachung-und-gegen-whistleblower/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Peter Stäuber]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Mar 2017 13:06:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Whistleblowing]]></category>
		<category><![CDATA[Edward Snowden]]></category>
		<category><![CDATA[Guardian]]></category>
		<category><![CDATA[Grossbritannien]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Chelsea Manning]]></category>
		<category><![CDATA[Ian Cobain]]></category>
		<category><![CDATA[UK]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die britische Regierung setzt alles daran, den investigativen Journalismus zu kriminalisieren. Mit dem neuen Überwachungsgesetz und der geplanten Verschärfung der Bestimmungen für Whistleblowing würde der Preis für Enthüllungen, wie jene von Edward Snowden, massiv in die Höhe getrieben, sagt «Guardian»-Journalist und Buchautor Ian Cobain. Kaum ein Staat ist geheimniskrämerischer als Grossbritannien. Bereits 1971 bezeichnete der <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/23/harte-gesetze-fuer-ueberwachung-und-gegen-whistleblower/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die britische Regierung setzt alles daran, den investigativen Journalismus zu kriminalisieren. Mit dem neuen Überwachungsgesetz und der geplanten Verschärfung der Bestimmungen für Whistleblowing würde der Preis für Enthüllungen, wie jene von Edward Snowden, massiv in die Höhe getrieben, sagt «Guardian»-Journalist und Buchautor Ian Cobain.<br />
<span id="more-33120"></span><br />
Kaum ein Staat ist geheimniskrämerischer als Grossbritannien. Bereits 1971 bezeichnete der ehemalige Kabinettsminister Richard Crossman Verschwiegenheit als die «englische Krankheit und insbesondere das chronische Leiden des britischen Staates». Daran hat sich nichts geändert, im Gegenteil: Derzeit ist eine Reform des Official Secrets Act von 1989 in Vorbereitung, die auf eine Verschärfung der Geheimhaltung abzielt. Im Zug der Gesetzesrevision hat die Regierung die unabhängige Law Commission beauftragt, die rechtliche Grundlagen zum Schutz von Staatsgeheimnissen zu überprüfen und Vorschläge zu machen, wie sie «mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts Schritt halten» können. Anfang Februar veröffentlichte die Kommission ihre vorläufigen Empfehlungen – und sie haben es in sich.</p>
<p>So soll die Maximalstrafe für die Enthüllung von geheimen Dokumenten von 2 auf 14 Jahre Freiheitsentzug angehoben werden. Zudem soll nicht nur die Weitergabe von empfindlichen Informationen als ein Akt der Spionage eingestuft werden, sondern ebenso das Entgegennehmen dieser Informationen. Ausserdem empfiehlt die Law Commission, dass das öffentliche Interesse nicht als Rechtfertigung für die Weitergabe geheimer Unterlagen dienen darf, und dass bereits dann eine Straftat vorliegt, wenn die Veröffentlichung von Informationen eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen könnte –selbst wenn dies nicht wahrscheinlich ist. Für den Journalismus wäre die Umsetzung dieser Vorschläge verheerend.</p>
<p>«Ich bin mir sicher, dass diese Vorschläge darauf abzielen, eine künftige Chelsea Manning abzuschrecken», sagt Ian Cobain gegenüber der MEDIENWOCHE. Der Investigativjournalist arbeitet für den Guardian und hat mehrere Bücher geschrieben, zuletzt The History Thieves, in dem er sich mit der obsessiven Heimlichtuerei des britischen Staates befasst. Ob der Guardian die Snowden-Leaks publiziert hätte, wenn es die von der Law Commission empfohlenen Regelungen vor vier Jahren gegeben hätte, weiss Cobain nicht. «Fest steht jedoch, dass der Guardian viel leichter hätte strafrechtlich verfolgt werden können.</p>
<p>Aber nicht nur hochkarätige Whistleblower wie Snowden oder Manning wären von der Gesetzesverschärfung betroffen, sondern auch viele Staatsangestellte, Journalisten und Politiker. So könnte sich beispielsweise jemand, der ein Dokument über den wirtschaftlichen Schaden des Brexit veröffentlicht, der Spionage schuldig machen, genauso wie der Journalist, der das Dokument entgegennimmt.</p>
<p>Ebenso bedenklich ist die Empfehlung, dass ein Journalist nicht die Möglichkeit haben soll, sich auf das öffentliche Interesse zu berufen, um die Offenlegung von Staatsgeheimnissen vor Gericht zu verteidigen. In einem prominenten Fall aus den 1980er-Jahren vermochte ein Whistleblower mit dieser Begründung dem Gefängnis zu entkommen. Clive Ponting, damals hochrangiger Mitarbeiter im Verteidigungsministerium, veröffentlichte während des Falklandkriegs 1982 zwei Dokumente, die bewiesen, dass die Thatcher-Regierung über die Bombardierung des argentinischen Kreuzers «Belgrano» gelogen hatte: Anders als diese behauptet hatte, hielt das Kriegsschiff nicht Kurs auf die britischen Streitkräfte, als es von diesen versenkt wurde, sondern in die entgegengesetzte Richtung.</p>
<p>Ponting sagte während der Gerichtsverhandlung, dass die Öffentlichkeit ein handfestes Interesse an dieser Information habe – es ging nicht nur um eine dreiste Unwahrheit der Regierung, sondern auch um den Tod von über dreihundert argentinischen Soldaten. Die Geschworenen stimmten ihm zu: Entgegen der Empfehlung des Richters sprachen sie ihn frei. Geht es nach den Plänen der Law Commission, wäre dies bald nicht mehr möglich. «Es ist ein düsteres Dokument mit einigen drakonischen Vorschlägen», sagt «Guardian»-Journalist Cobain.</p>
<p>Aber der britische Staat versucht nicht nur, möglichst wenig Informationen über seine Arbeit vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen, sondern will umgekehrt so tief wie möglich in das Privatleben der Bürger eindringen. Im vergangenen November verabschiedete das britische Parlament trotz der heftigen Kritik von Bürgerrechtsgruppen, Anwälten und sogar der UNO ein Überwachungsgesetz, das die staatlichen Eingriffe in Grossbritannien stark ausweitet. Laut Edward Snowden legalisierte Grossbritannien mit diesem Investigatory Powers Act «die extremste Überwachung in der Geschichte der westlichen Demokratie».</p>
<p>Gemäss den neuen Regelungen müssen Internetanbieter die Browserdaten ihrer Kunden für bis zu einem Jahr speichern – auch jene aus Apps auf Mobiltelefonen – und den Behörden zugänglich machen, ohne dass dazu ein gerichtlicher Beschluss nötig ist. Ausserdem dürfen sich die Sicherheitsbehörden in bestimmten Fällen in Computer und Telefone einhacken, um Gespräche abzuhören oder SMS zu lesen.</p>
<p>Konkrete Auswirkungen dieser Verschärfung hat Cobain bislang noch keine gespürt, und er geht auch nicht davon aus, dass er seine Arbeitsweise als Investigativjournalist drastisch ändern wird. Der Grund ist einfach: Er geht schon seit langer Zeit davon aus, dass die Sicherheitsbehörden ihn überwachen: «Der Investigatory Powers Act gibt ihnen lediglich die formelle Befugnis, das zu tun, was sie sowieso schon tun. Wenn jemand beispielsweise meine Telefondaten oder SMS einsehen will, dann macht er das einfach. Und ich verhalte mich entsprechend.» Das heisst: Arbeitstelefone und -Email sollten nie für heikle Informationen verwendet werden, und wichtige Kommunikation soll nicht per Email erfolgen, sondern durch den direkten persönlichen Kontakt.</p>
<p>Aber selbst dieses Vorgehen ist nicht immer sicher. Dominic Ponsford, langjähriger Journalist für englische Regionalzeitungen und heute Redaktionsleiter des Branchenmagazins Press Gazette, nennt das Beispiel von «Plebgate»: Als der konservative Abgeordnete und Fraktionschef Andrew Mitchell im September 2012 das bewachte Tor seines Arbeitsplatzes in der Downing Street verlassen wollte, kam es zu einem kurzen Streit mit den Polizisten, die ihn mit seinem Fahrrad nicht durch den gewohnten Ausgang passieren liessen. Eine Polizeiquelle kontaktierte die Boulevardzeitung The Sun und behauptete, Mitchell habe die Beamten «Plebs» genannt, eine abschätzige Bezeichnung für Leute aus unteren sozialen Schichten. Ein Skandal brach aus, der zum Rücktritt des Fraktionschefs führte. Die Polizei untersuchte den Vorfall und verschaffte sich dabei Zugang zu den Telefondaten der Sun-Journalisten. «Durch Triangulation der Standortdaten konnten sie feststellen, wohin die Journalisten gingen, und so vermochten sie die Polizeiquelle zu identifizieren», sagt Ponsford. «Das war ein Warnsignal. Wenn die Behörden für eine relativ triviale Angelegenheit wie ‚Plebgate‘ auf solche Überwachungsmethoden zurückgreifen, dann sollten wir uns wirklich Sorgen machen.»</p>
<p>Die britische Regierung verstehe grundsätzlich nicht, wie wichtig Whistleblower für den Journalismus seien, sagt Ponsford. «Digitale Information sollte genauso geschützt sein wie ein Notizblock und anderes Material eines Journalisten. Ich finde das ein recht einfaches Prinzip, aber die Regierung scheint es nicht zu kapieren.»</p>
<p>Laut Rachel Oldroyd, Chefredakteurin des Bureau of Investigative Journalism in London, wird es zunehmend schwieriger, Informanten ihre Anonymität zu garantieren – besonders seit das Ausmass der Überwachung mit den Snowden-Enthüllungen weitherum bekannt geworden ist: «Man fragt sich ständig, ob die Sicherheit der Quelle gefährdet ist – wird sie ihren Job verlieren, weil sie mit mir spricht? Dabei geht es nicht nur um staatliche Überwachung: Auch grosse Konzerne wollen verhindern, dass ihre Mitarbeiter mit Journalisten sprechen, und auch sie können Kommunikationen zurückverfolgen.» Für Whistleblower wie Snowden, deren Leaks wochenlang die Schlagzeilen beherrschen, kann Publizität ein Schutz sein: Seine Bekanntheit macht ihn weniger verwundbar. «Aber für weniger bedeutende Quellen, etwa im lokalen Gesundheits- oder Nahrungsmittelsektor, würde diese Strategie nicht funktionieren», sagt Oldroyd.</p>
<p>Gut möglich, dass das «goldene Zeitalter der Whistleblower» durch die geplante Gesetzesverschärfung zu Ende geht. Das Internet hat es Informanten einerseits ermöglicht, riesige Datenmengen zu kopieren und weiterzugeben, aber andererseits macht es auch die Überwachung einfacher. «Und vergessen wir nicht, dass Snowdens Informationen den Stand der Überwachung vor fünf Jahren betreffen», sagt Oldroyd. «Wer weiss, was die Sicherheitsdienste heute alles machen.»</p>
<p>Nebst der Verwendung von verschlüsselten Plattformen zur Übermittlung sensibler Daten, die Publikationen wie der Guardian auf ihren Webseiten anbieten, ist die sicherste Methode gleichzeitig die simpelste: «Die beste Möglichkeit, anonym zu bleiben, besteht darin, die altmodische Post zu benutzen», sagt Oldroyd. «Man sichert die Informationen auf einem USB-Stick und steckt ihn in einen Umschlag.»</p>
<p>Doch Ian Cobain meint trocken, dass auch das zu einem Risiko werden könnte: «Ehe man sich versieht, wird die Regierung wieder damit anfangen, Umschläge mit Wasserdampf zu öffnen» &#8211; bis vor wenigen Jahrzehnten die beliebteste Methode der staatlichen Schnüffler, Korrespondenz verdächtiger Individuen auszuspionieren.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/23/harte-gesetze-fuer-ueberwachung-und-gegen-whistleblower/">Harte Gesetze für Überwachung und gegen Whistleblower</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Das Breitbart-Paradox</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/03/21/das-breitbart-paradox/</link>
					<comments>https://medienwoche.ch/2017/03/21/das-breitbart-paradox/#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Markus Gabriel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Mar 2017 13:11:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Google]]></category>
		<category><![CDATA[Werbung]]></category>
		<category><![CDATA[Retargeting]]></category>
		<category><![CDATA[Realtime Bidding]]></category>
		<category><![CDATA[Breitbart]]></category>
		<category><![CDATA[Calida]]></category>
		<category><![CDATA[Remarketing]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://medienwoche.ch/?p=28931</guid>

					<description><![CDATA[<p>Wie kommt es, dass so viele Schweizer Firmen auf dem Trump-nahen Nachrichtenportal breitbart.com Anzeigen schalten? Sie machen das nicht, weil sie die politischen Ansichten der Plattform teilen, sondern lassen ihre Werbung überall dort anzeigen, wo sich potenzielle Kunden aufhalten. Die Verantwortung für die Werbeauslieferung an zweifelhafter Stelle liegt im Grunde beim Betrachter selbst. «hallo CALIDA, <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/21/das-breitbart-paradox/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wie kommt es, dass so viele Schweizer Firmen auf dem Trump-nahen Nachrichtenportal breitbart.com Anzeigen schalten? Sie machen das nicht, weil sie die politischen Ansichten der Plattform teilen, sondern lassen ihre Werbung überall dort anzeigen, wo sich potenzielle Kunden aufhalten. Die Verantwortung für die Werbeauslieferung an zweifelhafter Stelle liegt im Grunde beim Betrachter selbst.<br />
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«hallo CALIDA, ihr macht werbung beim rechtsextremen haterportal breitbart? das ist unschön. sehr», empört sich ein Schweizer Konsument in einem Facebook-Post. Er stösst sich daran, dass die traditionsreiche Schweizer Marke auf der Trump-freundlichen Faktenschmiede breitbart.com wirbt und damit deren Gedankengut vermeintlich unterstützt.</p>
<p>Einige bekannte Marken, wie etwa Kellogg&#8217;s, sahen sich aufgrund ähnlicher Proteste ihrer Käufer verpflichtet, ihre Banner von der hetzerischen Plattform abzuziehen und sich von deren Werten klar zu distanzieren. Das führte unweigerlich zu einem Gegenboykott breitbartiger Gesinnungsgenossen, munter angestachelt von Breitbart selbst.</p>
<p>Aber warum in aller Welt schalten Firmen Werbung auf einer Plattform, die nicht zu ihren Werten passt? Warum missachten sie die alte Werberegel «the medium is the message», wonach das Werbeumfeld ein bedeutender Teil der Werbebotschaft selbst darstellt?</p>
<p>Man könnte mutmassen, dass profithungrige Werbetreibende sich einfach um ethische Bedenken foutierten, wenn die Zahlen stimmen. Man könnte es vielleicht auf die Unbedachtheit einzelner Mitarbeiter schieben, die zu unerfahren sind, qualitative Aspekte in der Streuplanung angemessen zu gewichten. Oder man könnte, wie Rainer Stadler in seinem Artikel in der NZZ, die Haltung vertreten, <a href="https://www.nzz.ch/feuilleton/medien/kelloggs-gegen-breitbart-werber-als-medien-erzieher-ld.132247" target="_blank" rel="noopener">dass Werbeboykotte «… grundsätzlich fragwürdig» sind</a> und dass ein Unternehmen «seine Marketingziele auch auf Websites zu verfolgen hätte, welche allenfalls politisch oder moralisch missliebige Artikel publizieren.» Dem zufolge wäre es unmoralisch, Breitbart werblich zu schneiden.</p>
<p>Der Hund liegt aber ganz woanders begraben. Die Werbeeinblendungen auf Breitbart folgen in Wahrheit nur in geringem Masse menschlichen Entscheidungen. Die treibende Kraft dahinter ist das so genannte Programmatic Advertising und namentlich das Remarketing. Und um es auf einen Firmennamen zu reduzieren: Es geht um Google.</p>
<p>Der grösste Werbekonzern der Welt hat nämlich bewiesen, dass im digitalen Werberaum die Maschine bessere Planungsarbeit leisten kann als der Mensch. Dieser ist allein schon von der Quantität möglicher Werbeträger im Web überfordert, aber noch mehr von der Geschwindigkeit der digitalen Kommunikationsströme. Googles Algorithmen hingegen sind in der Lage, in Sekundenschnelle Werbebotschaften zur rechten Zeit am rechten Ort auszuliefern und das zum tiefstmöglichen Preis. Dieser wird nämlich nicht wie in alten Tagen in einer Preisliste festgelegt, sondern in Echtzeit über ein automatisches Bieterverfahren gemäss Angebot und Nachfrage ermittelt (Realtime Bidding).</p>
<p>Alle Intelligenz und Dateneinsicht dieser Maschinerie zielen auf die messbare und gleitend optimierte Werbeeffizienz der ihr anvertrauten Werbemittel ab. Google erreicht mit seinem Displaynetzwerk über 90 Prozent der Internetnutzer weltweit. Wen wundert es da, dass Werbetreibende sich diesem System anschliessen – und es einfach machen lassen? So wie auch die Plattformen selbst damit ihre Werbeplatzvermaktung bequem an Google auslagern können.</p>
<p>Natürlich ist es immer noch der Mensch, der die Maschine bedient und die Leitplanken setzt. Es ist immer noch möglich, mit menschlichen Ideen die leidenschaftslosen Algorithmen zu überschreiben, zum Beispiel indem man der Maschine verbietet, Breitbart in den Verteiler zu nehmen. Die meisten Google-Kunde sind sich heute aber gar nicht mehr bewusst, wo sich ihre digitale Werbung so rumtreibt.</p>
<p>Bei Breitbart werblich aufzutauchen, ist also nicht mit einem politischen Statement des Werbetreibenden gleichzusetzen. Eher mit dessen Unterlassung, das apolitische Google-Programm zu beeinflussen. Aber warum schickt der ach so schlaue Algorithmus ein Schweizer Pyjama auf eine amerikanische Polit-Bühne?</p>
<p>Die Verantwortung für die Werbeauslieferung an zweifelhafter Stelle liegt im Grunde beim Betrachter selbst. Er hat sich vermutlich Tage zuvor irgendwo im Web über Pyjamas informiert. Google erkennt, dass das Thema für den Nutzer wichtig ist, und schickt ihm im Auftrag der werbetreibenden Calida entsprechende Anzeigen hinterher, egal wohin er sich gerade bewegt im Web. Also auch nach Amerika in ein für Pyjamas eher raues Werbeumfeld. Was umgekehrt auch heisst: Wer sich nicht für Pyjamas interessiert, sieht auch keine Calida-Werbung auf breitbart.com.</p>
<p>Diese Technik nennt man Retargeting oder auch Remarketing. Google und andere Anbieter erlauben es den Werbetreibenden, Ihre Anzeigen an das User-Verhalten zu knüpfen. Den meisten Internet-Nutzern ist schon aufgefallen, dass sie von bestimmen Produkteanzeigen über Wochen regelrecht verfolgt werden, nur weil sie einmal kurz auf der Herstellerseite herumgeklickt haben. Google verwertet bei der Anzeigenauslieferung aktuelle Verhaltensmuster und angehäufte Nutzer-Informationen bis hin zu Handy-Bewegungsprofilen und stellt seinen Kunden entsprechende Targeting-Optionen zur Verfügung. Im Retargeting geht es nicht darum, für eine Anzeige ein inhaltlich passendes Umfeld zu finden. Sondern den passenden User im passenden Moment. So umstritten diese Methode in Datenschutzkreisen ist, so wirkungsvoll ist sie auch, weil sie den Streuverlust minimiert</p>
<p>Klassische Verlagstitel setzen auch im digitalen Raum immer noch darauf, dass Werbetreibende für ihre Botschaften ein hochwertiges redaktionelles Umfeld und affine Themen suchen und buchen. Digitalmarketer aber geben sich mit käuflichen Aussparungen auf redaktionellen Flächen nicht mehr zufrieden und wollen auf die Segnungen des Programmatic Advertisings nicht verzichten. Vielleicht wäre es für die Verlage eine gute Idee gewesen, selber algorithmische Raffinessen in ihr Werbeinventar zu stecken, bevor Technologiekonzerne ihnen die Butter vom Brot nehmen. Sie hätten 20 Jahre Zeit dazu gehabt.</p>
<p>Update: 23.3.2017<br />
Nachdem sich Anzeigenkunden <a href="https://www.heise.de/newsticker/meldung/Onlinewerbung-neben-extremistischen-Videos-Britische-Werber-boykottieren-Youtube-3659238.html" target="_blank" rel="noopener">beschwert hatten</a>, dass ihre Anzeigen neben extremistischen Videos auf Youtube eingeblendet werden, scheint Google das Problem erkannt zu haben und will reagieren. «Wir wissen, dass Anzeigenkunden ihre Werbung nicht neben Inhalten sehen wollen, die mit ihren Werten nicht im Einklang stehen», <a href="https://blog.google/topics/ads/expanded-safeguards-for-advertisers/" target="_blank" rel="noopener">schreibt Google-Manager Philipp Schindler</a>. Darum hat das Unternehmen angekündigt, seinen Kunden die Möglichkeit bieten, besser kontrollieren zu können, wo ihre Werbung angezeigt wird.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/03/21/das-breitbart-paradox/">Das Breitbart-Paradox</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Wirklichkeiten unter dem Strich</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Fredi Lerch]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 31 Jan 2017 15:16:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Otto F. Walter]]></category>
		<category><![CDATA[Albert Bitzius]]></category>
		<category><![CDATA[Zürcher Illustrierte]]></category>
		<category><![CDATA[Anthologie]]></category>
		<category><![CDATA[Arnold Kübler]]></category>
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		<category><![CDATA[Fiktion]]></category>
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		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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		<category><![CDATA[NZZ]]></category>
		<category><![CDATA[Meinrad Inglin]]></category>
		<category><![CDATA[Feuilleton]]></category>
		<category><![CDATA[Niklaus Meienberg]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Die Anthologie «Literatur und Zeitung» ergründet die narrativen Möglichkeiten im Grenzgebiet zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Fiktion am Beispiel von 16 Deutschschweizer Autorinnen und Autoren. Den Feuilletonjournalismus, von dem darin die Rede ist, gibt es zwar nicht mehr. Aber vieles, was ihn wertvoll machte, lebt weiter. Seit dem 1. Januar betreibt Tschechien ein Abwehrzentrum gegen Fake News, <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Die Anthologie «Literatur und Zeitung» ergründet die narrativen Möglichkeiten im Grenzgebiet zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Fiktion am Beispiel von 16 Deutschschweizer Autorinnen und Autoren. Den Feuilletonjournalismus, von dem darin die Rede ist, gibt es zwar nicht mehr. Aber vieles, was ihn wertvoll machte, lebt weiter.<br />
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Seit dem 1. Januar betreibt Tschechien ein Abwehrzentrum gegen Fake News, das Falschmeldungen als «Fälschung und Erfindung» kennzeichnen soll. Liest man die <a href="http://www.chronos-verlag.ch/php/book_latest-new.php?book=978-3-0340-1356-7&amp;type=Kurztext" target="_blank">eben erschienene Anthologie «Literatur und Zeitung»</a>, lächelt man über diese hysterische Reaktion von politisch Verantwortlichen, die offenbar ihre Definitionsmacht darüber, was Wirklichkeit zu sein hat, gefährdet sehen. Denn bloss wegen Verleumdungen von Einzelpersonen wird man kein «Abwehrzentrum» finanzieren – dagegen gibt es das Strafrecht.</p>
<p>An dem Phänomen der Fake News ist neu, dass sie die narrativen Möglichkeiten im Grenzgebiet zwischen journalistischer Berichterstattung und literarischer Fiktion nutzen, um politisch breitenwirksam zu desinformieren. Dass diese narrativen Möglichkeiten genutzt werden, ist hingegen nicht neu. In den letzten zweihundert Jahren hat sich der Feuilletonjournalismus immer auch in diesem Grenzgebiet getummelt, kreativ narrativ, manchmal als l’Art pour l’art, manchmal mit gesellschaftspolitischen Hintergedanken – und ab und zu immer schon in verleumderischer Absicht: mit anonymen Schmähungen in Zeitungen oder mittels Blossstellungen in Schlüsselromanen.</p>
<p><strong>Journalismus «unter dem Strich»</strong><br />
Tatsache ist: Es gab schon immer ein herrschaftliches Misstrauen gegen die Kulturschaffenden, die aufgrund ihres Bisschens Bekanntheit öffentlich reden können, ohne entsprechend instruiert und abhängig gemacht worden zu sein – Kulturschaffende sind einfach oft zu wenig «embedded». In der Printpublizistik wurde dieses Problem bereits Ende des 18. Jahrhunderts erkannt. Seither gab es in den Zeitungen zwei Abteilungen, die durch einen horizontalen Querstrich über die Zeitungsseite getrennt waren: Über dem Strich schrieben jene, die fähig und gewillt waren, mit Sprache die Wirklichkeit so abzubilden, dass sie auch ihre Geldgeber als «objektiv» dargestellt akzeptierten. Und unter dem Strich, im sogenannten «Feuilleton», durften auch andere schreiben.</p>
<p>Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die im 19. und 20. Jahrhundert in schweizerischen Zeitungsfeuilletons mitarbeiteten: Das ist das Thema der Anthologie, die auf den Redebeiträgen der Tagung «Literatur in der Zeitung» von Januar 2014 in Bern basiert. Wenn das Buch eines zeigt, dann das: Auch in der Deutschschweiz wurden Feuilletonschreiberinnen und -schreiber insgesamt als unsichere Kantonisten betrachtet, wenn es nach den Regeln der journalistischen Kunst um die korrekte Abbildung von Welt ging.</p>
<p><strong>Wechselwirkungen zwischen Journalismus und Literatur</strong><br />
Das Buch eröffnet mit einem Beitrag zu Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf, dessen oft polemische Zeitungsartikel den Zweck hatten, insbesondere in sozial- und erziehungspolitischen Fragen Volksaufklärung zu betreiben. Dass er dabei auch im Grenzgebiet zwischen Bericht und Fiktion operierte, wird an einem fingierten Leserbrief gezeigt, den Bitzius gegen einen eigenen Artikel veröffentlichen liess in der Absicht, seine politischen Gegner durch die Plumpheit der Replik doppelt dumm aussehen zu lassen. Die Literaturwissenschaft mag interessieren, inwiefern der Journalismus des Albert Bitzius eine Voraussetzung war für die Kunst des fiktiven Erzählens von Jeremias Gotthelf. Unbestritten ist, dass es vielfältige Bezüge gibt.</p>
<p>Und nicht nur bei ihm: Der weitgehend unpolitisch schreibende junge Max Frisch war bis nach 1945 ein fleissiger Mitarbeiter des NZZ-Feuilletons und «Spuren von Frischs journalistischer Recherchetätigkeit der frühen Jahre sind sowohl in inhaltlicher als auch textstrukturierender Art in späteren literarischen Werken zu finden». Wie bei Bitzius und vielen anderen gibt es bei Frisch dieses unübersehbare Wechselspiel, auch wenn es in seinem Fall bereits 1948 zum Bruch mit der NZZ kam, weil sich der Autor zunehmend politisch und gesellschaftskritisch zu äussern begann. Für solches war «unter dem Strich» kein Platz – und bei seinen zunehmend linken Positionen «über dem Strich» auch nicht. Die Anthologie bringt mit C. A. Loosli übrigens nur einen Schriftsteller, der sich – zum Beispiel mit Leitartikeln – zumindest eine Zeit lang auch über dem Strich hat halten können.</p>
<p>Literatinnen und Schriftsteller ohne volksaufklärerische Ambition verstanden die Zeitungsarbeit nicht selten als Fron und journalistische Texte als minderwertig. Für Zeitungen schrieb man des Geldes wegen. Dichtung dagegen konnte nur Dichtung sein, wenn sie von der autonomen Künstlerschaft (in Randstunden) zweckfrei erdacht worden war. Entsprechend heisst es über Meinrad Inglin: «Texte mit informativer, pragmatischer oder auch kritischer Ausrichtung erweisen sich für den reiferen Inglin im Vergleich zu eigentlich literarischen Texten […] als defizitär.»</p>
<p><strong>Literatur «unter dem Strich»</strong><br />
Allerdings gab es in den Feuilletons nicht nur «defizitär» Journalistisches, sondern auch rein Literarisches: Neben dem zeitweise verbreiteten Abdruck von Gedichten ist hier vor allem der Fortsetzungsroman zu nennen – die Anthologie thematisiert ihn an den zuerst im «Schweizerischen Beobachter» erschienenen Kriminalromanen Friedrich Dürrenmatts («Der Richter und sein Henker» [1950/51] und «Der Verdacht» [1951/52]). Nachgewiesen wird, dass die Serialität des Zeitungsabdrucks gegenüber dem Buchdruck in Bezug auf Leserbindung andere Anforderungen stellt und so Einfluss nimmt auf die Form des literarischen Textes.</p>
<p>Auf der Achse zwischen reiner Fiktion und Volksaufklärung schliesst an den Roman der subjektive Feuilletonismus an, wie ihn etwa Robert Walser mit seinen «Prosastückli» oder Annemarie Schwarzenbach in ihren Reisereportagen gepflegt haben. Daneben gehört die instrumentalisierte Subjektivität einer Emmy Hennings hierher, die im Tessin für touristische «Fremdenblätter» Spaziergänge zu Reportagen verarbeitet hat: Diese Texte haben zwar eine klare Werbefunktion, beharren aber auf subjektivem Storytelling, auf Narrativen, «die sich wie ein fliegender Teppich über die realen Landstriche erheben und diese sanft umschmeicheln». Ebenfalls hierher gehört die Collagierung von literarischen Texten mit Fotomaterial zu Foto-Reportagen, wie sie Arnold Kübler zwischen 1925 und 1941 als Redaktor der «Zürcher Illustrierten» gepflegt hat.</p>
<p><strong>Das Grenzgebiet als Spielwiese: Dieter Bachmann </strong><br />
Vor allem aber wird im Grenzgebiet zwischen Journalismus und Literatur – vom essayistisch erzählerischen Text bis zur sozialkritischen Reportage – mit dem Anspruch geschrieben, Wirklichkeit präziser, differenzierter und mehrdeutiger abbilden zu können, als es die Faktenreihung des journalistischen Berichts vermag. Welche journalistischen und literarischen Werkzeuge dabei wie einzusetzen sind, bleibt kontrovers.</p>
<p>In seiner Dissertation schrieb der Publizist Dieter Bachmann 1969: «Erzählerische Werke höchsten Anspruchs kommen zustande unter dem denkbar grössten Vorbehalt gegen die Legitimität des Erzählens. Aus dieser Spannung entstehen Werke, deren hervorstechendes Merkmal ihr Essayismus ist.» Mit dieser Skepsis gegen das naive Erzählen korrespondiert seine Skepsis gegen die rein faktisch-journalistische Berichterstattung: Seinen Roman «Unter Tieren» (2010) gliedert er mit Zeitungsmeldungen, um am Schluss des Buches lakonisch anzumerken: «Die Zeitungsmeldungen stammen aus verschiedenen Publikationen. Sie sind oft nicht wörtlich wiedergegeben, und nicht immer sind sie echt.» Die in die Fiktion eingestreuten journalistischen Materialien sind also – möglicherweise – frei erfunden, sozusagen desinformierende «Fake News» auf dem Spielfeld des Romans.</p>
<p>Daraus kann man lernen: Zeitungsprosa «über dem Strich» ist nie so «objektiv», «wahr» oder «unverzerrt», wie sie scheinen mag. Diese Prosa wirkt bloss durch Konventionen – durch Platzierung, Aufmachung und allerlei rhetorische Tricks – so, wie wenn sie im Gegensatz zu literarischer Prosa nichts mit Fiktion zu tun hätte. Sprache bleibt aber nichts als Sprache, auch wenn sie sachlich abgebildete Welt zu sein scheint.</p>
<p><strong>Das Grenzgebiet als Kampffeld: Meienberg vs. Walter</strong><br />
1983 kritisierte Niklaus Meienberg den Roman «Das Staunen des Nachtwandlers am Ende der Nacht» von Otto F. Walter als «subrealistisch», weil schlecht recherchiert. Die Übertragung von Wirklichkeit in Sprache könne dem Anspruch auf Realismus nur dann genügen, wenn das Faktische zuvor bis an die Grenze des Recherchierbaren ausgeleuchtet worden sei. Erst jenseits dieser Grenze dürften allfällige Lücken im Recherchierten mit «logischer Phantasie» geschlossen werden. Walter dagegen war schon früh skeptisch, ob hundert Jahre nach dem Literarischen Realismus eines Dostojewski, Balzac oder Fontane noch «realistisch» erzählt werden könne, weil ihm zunehmend zum Problem wurde, was überhaupt real sei. Um dieses Problem thematisieren zu können, hat er in zwei verschiedenen Romanen als Protagonisten einen Journalisten gewählt, der auch Fiktionen schreibt (im erwähnten und in «Die Verwilderung» [1977]). Walter war zunehmend überzeugt, dass das Dokumentarische nur mehr ein Stilmittel sei «im täglich produzierten Roman, der sich ‹Zeitung› und nicht etwa ‹ Roman›» nenne.</p>
<p>Daneben gab es im 20. Jahrhundert viele Autorinnen und Autoren, die mit Kolumnen in «volksaufklärerischer» Absicht in den Feuilletons wirkten – in der Anthologie vertreten sind Hedi Wyss und Hansjörg Schneider. Diese subjektiv-diskursive Publizistik wird von der Anthologie damit nur ungenügend gewürdigt. Es würde sich lohnen, den Zeitungskolumnen insbesondere der nonkonformistischen Autorinnen und Autoren mehr Beachtung zu schenken. Sie haben zweifellos mitgeholfen, die weitgehende Illiberalität der deutschschweizerischen Öffentlichkeit im Kalten Krieg zurückzudrängen. Wollte man diesen Aspekt von «Literatur und Zeitung» gebührend würdigen, müssten die Werke etwa von Peter Bichsel, Walter Matthias Diggelmann, Hans Rudolf Hilty, Hugo Lötscher, Kurt Marti, Adolf Muschg oder Walter Vogt exakt konsultiert werden. Sie alle werden von der Anthologie übergangen.</p>
<p><strong>Feuilletonjournalismus gibt es nicht mehr</strong><br />
Ab den Fünfzigerjahren schafften die Zeitungen den horizontalen Strich allmählich ab und ersetzten ihn durch separate Zeitungsbünde, die sie gewöhnlich «Kultur» nannten. Die Berichterstattung dieser Teile degenerierte seither allmählich zu einem harmlosen Warentestjournalismus für die wichtigeren kulturindustriellen Neuheiten der Saison – opportunistisch gegenüber der Marktkraft des Produkts und eskapistisch gegenüber der Wirklichkeit des Zielpublikums: Ein deutschschweizerischer Roman aus kleinem Verlag und 1000er Auflage hat keine Chance auf Erwähnung, wenn ihm in der Zeitungsredaktion die Übersetzung eines philippinischen Roman aus einem Grossverlag und 30000er Auflage entgegengestellt wird.</p>
<p>Was den subjektiven Blick auf die Wirklichkeit im ehemaligen Feuilletonjournalismus betrifft: Er spielt kaum mehr eine Rolle. Kolumnen, Essays von oder Interviews mit Kulturschaffenden sind weitestgehend aus den Printmedien verschwunden. Die 16 Beiträge der Anthologie widmen sich deshalb einem untergegangenen Aspekt der Printpublizistik. Sie ist trotzdem spannend zu lesen, weil sie das Phänomen Literatur und Zeitung mit anregend unterschiedlichen Fragestellungen porträtiert und so auf unterhaltende Weise deutlich macht, welches die Tugenden des Feuilletons waren.</p>
<p>Nimmt man diese Tugenden in den Blick, wird auch klar: zwar ist der Feuilletonjournalismus in der Printpublizistik tot, aber seine Tugenden leben: Zumindest ein Teil der heutigen Netzpublizistik kann als wieder auferstandener «Journalismus unter dem Strich» angesprochen werden. Dass er vorderhand schlecht geredet wird, hat nicht in jedem Fall mit seiner Qualität zu tun: Die gratis zur Verfügung gestellte Netzpublizistik bedroht die zwar professionell gemachten, aber zunehmend einfach gestrickten und PR-infiltrierten Print-Kulturteile existentiell. Von Jahr zu Jahr mehr gilt: «Unter dem Strich» wird die Welt online vielfältiger und origineller gesehen als in den Zeitungen.</p>
<p><small><strong>Stefanie Leuenberger, Dominik Müller, Corinna Jäger-Trees, Ralph Müller (Hg.):<a href="http://www.chronos-verlag.ch/php/book_latest-new.php?book=978-3-0340-1356-7&amp;type=Kurztext" target="_blank"> Literatur und Zeitung</a>. Fallstudien aus der deutschsprachigen Schweiz von Jeremias Gotthelf bis Dieter Bachmann. Zürich (Chonos-Verlag) 2016, 284 Seiten, 48.-</strong>. Mit Beiträgen über Gotthelf (Ruedi Graf), Carl Albert Loosli (Dariusz Komorowski), Meinrad Inglin (Daniel Annen), Max Frisch (Daniel Foppa), Hedi Wyss (Vesna Kondrič Horvat), Dieter Bachmann (Magnus Wieland), Robert Walser (Peter Utz), Emmy Hennings (Christa Baumberger), Annemarie Schwarzenbach (Gonçalo Vilas-Boas), Hansjörg Schneider (Ulrich Weber), Arnold Kübler/Zürcher Illustrierte (Simone Wichor), Feuilleton der National-Zeitung (Bettina Braun), Friedrich Dürrenmatt (Ralph Müller / Franziska Thiel), Otto F. Walter (Rosmarie Zeller), Hermann Burger (Elias Zimmermann) und Niklaus Meienberg (Peter Rusterholz).</small></p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/31/wirklichkeiten-unter-dem-strich/">Wirklichkeiten unter dem Strich</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>In den Weiten des rechten Raums</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/01/23/in-den-weiten-des-rechten-raums/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Lothar Struck]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Jan 2017 12:34:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[CDU]]></category>
		<category><![CDATA[Tichys Einblick]]></category>
		<category><![CDATA[xttic]]></category>
		<category><![CDATA[Blog]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Roland Tichy]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Roland Tichy bringt mit einigem Erfolg ein «Meinungsmagazin» heraus, das sein Potenzial bei einer von Kanzlerin Merkel enttäuschten CDU-Wählerschaft sieht. Kritiker werfen «Tichys Einblick» zusammen mit rechtsextremen Publikationen in einen Topf. Beklagen darf sich der langjährige Wirtschaftsjournalist und einstige Mitarbeiter im Planungsstab des Bundeskanzleramtes in der Regierung Kohl indes nicht. Legt er doch bisweilen selbst <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/23/in-den-weiten-des-rechten-raums/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/23/in-den-weiten-des-rechten-raums/">In den Weiten des rechten Raums</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Roland Tichy bringt mit einigem Erfolg ein «Meinungsmagazin» heraus, das sein Potenzial bei einer von Kanzlerin Merkel enttäuschten CDU-Wählerschaft sieht. Kritiker werfen «Tichys Einblick» zusammen mit rechtsextremen Publikationen in einen Topf. Beklagen darf sich der langjährige Wirtschaftsjournalist und einstige Mitarbeiter im Planungsstab des Bundeskanzleramtes in der Regierung Kohl indes nicht. Legt er doch bisweilen selbst weit nach rechts aus.<br />
<span id="more-28689"></span><br />
Auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise im Winter 2015/2016 entdeckte der «Spiegel»-Journalist <a href="http://www.onleihe.de/static/content/spiegel/20160108/sp1602/vsp1602.SP_2016_2.pdf" target="_blank">Cordt Schnibben in seinem Leitartikel «Das Attentat»</a> unter denjenigen, die mit der Politik der Bundeskanzlerin nicht einverstanden waren, «Salonhetzer» und warnte mit grossem Gestus vor einer «grossen Koalition gegen Merkel, die von Pegida und der AfD über die CSU bis zu den Salonhetzern in der ‹FAZ›, der ‹Welt›, in ‹Cicero› und nationalkonservativen Blogs wie ‹Tichys Einblick› reicht…»</p>
<p>Der Ausdruck «Salonhetzer» ist eine Anspielung auf den Leitartikler des «Cicero»-Magazins Alexander Kissler, der als «Redaktionsleiter Salon» geführt wird. Es ist eigentlich so etwas wie der ultimative publizistische Todesstoss, wenn eine sogenannte «Edelfeder» wie Schnibben Teile des journalistischen Betriebs derart heftig attackiert. Tatsächlich hatten einige Autoren bei der FAZ und der Welt sich kritisch zur Aufnahme von Flüchtlingen geäussert; beim «Cicero» sowieso.</p>
<p>Der Begriff der «Hetze» wird <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hetze#Hetze_im_politisch-gesellschaftlichen_Sinn" target="_blank"> als «unsachliche und verunglimpfende Äusserungen zu dem Zweck, Hass gegen Personen oder Gruppen hervorzurufen, Ängste vor ihnen zu schüren, sie zu diffamieren oder zu dämonisieren»</a> erklärt. Die Definition ist schwammig; der Interpretation Tür und Tor geöffnet. Schnibbens Urteil mag seine Klientel bestätigen, in Bezug auf die genannten Organe und deren Artikel ist es jedoch kaum haltbar. Bei böswilliger Betrachtung dürfte sein pauschales Urteil den Tatbestand der Diffamierung erfüllen.</p>
<p><strong>Verunglimpfung als Ritterschlag</strong><br />
Für Roland Tichy, gewesener Chefredaktor der Wirtschaftswoche, und sein damals noch eher unbekanntes Blog «Tichys Einblick» stellte die Verunglimpfung allerdings zunächst so etwas wie ein Ritterschlag dar. Zum einen wurde er damit auch für den «Spiegel»-Leser bekannt. Und zum anderen konnten sich er und seine Autoren nun als Opfer einer Diffamierungskampagne gerieren (was später auch geschehen sollte).</p>
<p>Schnibbens Invektive ist exemplarisch für eine seit mehr als einem Jahr sich potenzierende Hypererregbarkeit im Diskursraum der Medien. Als der Kommentar im «Spiegel» veröffentlicht wurde, sickerten gerade die Nachrichten von den Übergriffen zu Silvester 2015 in Köln (und anderswo) in die Massenmedien. Von diversen Kommentatoren wurden diese von Gruppen junger Männer vornehmlich aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum begangenen Taten in Verbindung mit der Aufnahme der Flüchtlinge im Herbst und Winter 2015 in Zusammenhang gebracht. Womöglich lässt sich so die Vehemenz erklären, mit der andere Sichtweisen und Meinungen von Journalistenkollegen unter «Hetze» subsumiert werden.</p>
<p>Aber was ist dran an dem Vorwurf? Roland Tichy schreibt am 5. Januar 2016 in einem <a href="http://www.tichyseinblick.de/tichys-einblick/warum-versagen-die-medien-in-der-fluechtlingskrise/" target="_blank">Beitrag mit dem Titel «Warum versagen Medien in der Flüchtlingskrise?»</a>: «Derzeit kommen weiterhin täglich 4000 Zuwanderer nach Deutschland. Merkels Politik der Zuzugsbegrenzung greift nicht. Also liegt vor uns ein Jahr, in dem durch neue Flüchtlinge und Familiennachzug die Zahl von 3 bis 5 Millionen ‹Flüchtlingen› nicht zu niedrig sein dürfte […] Es kommen sicherlich die guten Menschen; neben den Gerechten aber auch jede Menge Ungerechte. Die Asylverfahren dauerten bisher lange, weil sich die Aufnahmebürokratie bemühte zu differenzieren. Merkel faselt noch von europäischen Lösungen, während die humanitäre Grossmacht Schweden gerade die Grenze zu Deutschland dicht macht.»</p>
<p>Tichy sieht die Versäumnisse in der Vergangenheit und rechnet demzufolge ein Zukunftsszenario hoch: «Die Kölner Polizei vermutet unter den Tätern Flüchtlinge, die seit 2 Jahren hier leben. Die allseits versprochene Integration hat also nicht so gut geklappt. […] Köln zeigt dramatisch das Scheitern der Flüchtlingspolitik, wie sie von der Bundesregierung, aber auch von der Mehrheit der Medien gefeiert wird.» Am Ende knüpft er an seine Kritik über die Berichterstattung in den deutschen Medien zu Beginn des Textes an: «In ganz Europa heissen Zuwanderer in den dortigen Medien illegale Immigranten, nur in Deutschland verwenden alle Medien den Sammelbegriff Flüchtlinge, die Unterscheidung in Flüchtlinge und Wirtschaftsflüchtlinge wurde abgelehnt oder für belanglos erklärt. Bis gestern. Jetzt betont die refugee-welcome-Gemeinde, dass die Übeltäter in Köln keine Flüchtlinge sind, sondern Zuwanderer, die ursprünglich in andere Länder geflohen sind und von dort nach Köln kamen. Einverstanden, unterscheiden wir bitte – allerdings immer! – zwischen Verfolgten und Zuwanderern aus anderen Gründen.»</p>
<p>Er dürfte für Aussenstehende schwierig sein, nach der oben genannten Definition entsprechende «Hetze» in diesen Zeilen zu erkennen. Natürlich sind Tichys Schlüsse sehr spekulativ, teilweise auch arg pauschaliert, aber auch Schnibben rekurriert in seinem Kommentar sogar auf <a href="http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-uebergriffe-in-koeln-und-falsche-zahlen-von-der-wiesn-14004617.html" target="_blank">tatsachenwidrige Behauptungen</a>, in dem er beispielsweise die sexuellen Übergriffe in Köln mit denen auf dem Münchner Oktoberfest relativiert.</p>
<p><strong>Deutsche «Debattenkultur»</strong><br />
Von der Charakterisierung «nationalkonservativ» war es nur ein kleiner Schritt zur Einschätzung, dass Einwände und kritische Fragen in Bezug auf die massenweise und zum Teil unkontrollierte Aufnahme Geflüchteter pauschal als «neurechte» Positionen bezeichnet werden. Als der Philosoph Peter Sloterdijk in einem <a href="http://cicero.de/berliner-republik/peter-sloterdijk-ueber-merkel-und-die-fluechtlingskrise-es-gibt-keine-moralische" target="_blank">Interview mit «Cicero» vor einem Jahr prognostizierte</a>, dass die «Politik der offenen Grenzen…final nicht gut gehen» könne, Unterschiede zwischen islamischen und westeuropäischen Rechtssystemen konstatierte und vom «Lügenäther» sprach, der sich in der politischen (und womöglich auch medialen) Klasse Raum verschafft habe, wurden er und ähnlich argumentierende Intellektuelle (von allen Kritikern gleichermassen neben Sloterdijk genannt: Rüdiger Safranski und Reinhard Jirgl) als «Revisionisten» und Munitionäre von Rechtsradikalen diffamiert.</p>
<p>Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist die in diversen Medien fast parallel und zuweilen auch wortähnlich daherkommenden Beurteilungen: Christian Schröder begann am 1. Februar 2016 im <a href="http://www.tagesspiegel.de/kultur/botho-strauss-ruediger-safranski-peter-sloterdijk-deutsche-denker-gegen-angela-merkel/12907680.html" target="_blank">Tagesspiegel</a>. Zwei Tage später legte Hans Hütt für <a href="http://www.zeit.de/kultur/2016-02/neue-rechte-safranski-sloterdijk-jirgl" target="_blank">Zeitonline </a> nach. Ein paar Tage später sprach Thomas Schmid in der «Welt» gar von einem «neuen, deutschen Hass». Schmid baute vermutlich darauf, dass kaum jemand die ursprünglichen Äusserungen von Sloterdijk und Safranski gelesen hatte. Ansonsten hätte man seine Interpretation als vollkommen absurd wahrnehmen müssen.</p>
<p>Entsprechend der Logik der Medien wurden die vermeintlich kritischen Stimmen auch im Radio und den Kulturformaten im Fernsehen artikuliert. Dabei blieb der Tenor überall gleich. Die Einschätzung als «Stammtisch»-Niveau war noch die harmloseste. Zwischenzeitlich wurde Sloterdijk sogar <a href="http://www.presseportal.de/pm/66749/3250766" target="_blank">«Nazi-Vokabular» attestiert und er in die Nähe von Massenverbrechern wie dem Auschwitz-Kommandanten Höss</a> gebracht. Als bekannt wurde, dass mit Marc Jongen ein ehemaliger wissenschaftlicher Assistent Sloterdijks als «stellvertretender Sprecher und Programmkoordinator des AfD-Landesverbands Baden-Württemberg sowie als Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission» tätig ist, wurde dies zum Anlass genommen, Sloterdijk in eine Art Sippenhaftung zu nehmen. Aus dem Assistenten wurde ein «enger Vertrauter». Sogar der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel sah sich genötigt, Sloterdijk als <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sigmar-gabriel-wirft-angela-merkel-entkernung-der-union-vor-a-1098241.html" target="_blank">«rechten Ideologielieferanten»</a> zu titulieren. Dieser wehrte sich publizistisch, «distanzierte» sich von der AfD, wie es einige Medien ausdrückten (ohne dabei zu erklären, wann sich Sloterdijk denn zur AfD bekannt hatte), aber das Attribut «umstritten» wird ihm nach diesen Auseinandersetzungen für immer anheften.</p>
<p>Dieser Exkurs in die Niederungen deutscher Debattenkultur (falls man diesen Begriff für diese eher inquisitorischen Diffamierungsorgien noch verwenden möchte) zeigt exemplarisch die Idiosynkrasien in der deutschen Publizistik an. Aus Furcht vor einem dauerhaften Erstarken der AfD wird in vorauseilendem Gehorsam Kritik an politischen und sozialen Zuständen denunziert, die auch nur von Ferne als «rechts» zugeordnet werden könnten. Der Eifer mit dem Personen differenter Meinungen in den Dunstkreis oder gar als Unterstützer der AfD gebracht werden erinnert an die Hysterie in den 1970er Jahren, die in Deutschland aus Furcht vor einer kommunistischen Unterwanderung den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Radikalenerlass" target="_blank">sogenannten «Radikalenerlass»</a> produzierte, der verlangte, jeden Beschäftigten im öffentlichen Dienst auf die Verfassungstreue zu untersuchen und beispielsweise dazu führte, dass Lokomotivführer (die damals einen Beamtenstatus besassen), die Mitglied der (nicht verbotenen) Deutschen Kommunistischen Partei DKP waren, gekündigt wurde. Ähnliches wird heute offen für AfD-Mitglieder sowohl <a href="http://www.huffingtonpost.de/2016/12/01/droege-christen-afd_n_13346254.html#" target="_blank">in Kirchen</a> wie auch für <a href="https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article157239009/AfD-beklagt-latente-Berufsverbote-fuer-Mitglieder.html" target="_blank">den öffentlichen Dienst</a> diskutiert.</p>
<p>Tatsächlich gibt es bereits seit sehr vielen Jahren konservative und rechte publizistische Strukturen in Deutschland. (Wenn hier im weiteren Verlauf von «rechts» gesprochen wird, bedeutet dies ausdrücklich nicht rechtsextremistisch oder rechtsradikal. Gemeint sind konservativ–bürgerlich, respektiv liberal-konservative Politikentwürfe auf dem Boden demokratischer Regeln.) Zwei Faktoren veränderten jedoch die Situation. Zum einen die Flüchtlingskrise und die entsprechende Reaktion der Bundesregierung, der politischen Parteien im Bundestag und in den Medien. Hier wurde für den Grossteil der Rezipienten überdeutlich, dass die veröffentlichte Meinung sehr stark mit der öffentlichen Meinung divergierte. Ein Katalysator für diese Differenz war das Internet. Aber die (moderierten) Kommentarspalten in diversen Onlinemedien wurden geschlossen, sobald es um die Flüchtlingsproblematik ging. Bei der FAZ ist das heute noch so. So blieben nur einschlägige Foren, in denen sich vom schleichenden Unbehagen bis zum rassistischen Mob eine veritable Gegenöffentlichkeit bildete.</p>
<p>Beschleunigt wurde dieser Effekt durch die grossmehrheitlich positive Berichterstattung in den Massenmedien über die Flüchtlingssituation. Im <a href="http://meedia.de/2016/07/11/mitgestalter-statt-beobachter-giovanni-di-lorenzo-kritisiert-medien-in-der-fluechtlingsfrage/" target="_blank">August 2016</a> schrieb der Chefredakteur der «Zeit», Giovanni di Lorenzo, dass die «undifferenzierte Solidarisierung vieler Medien mit der von der Politik praktizierten Willkommenskultur» dem Journalismus nachträglich einiges an Vertrauen gekostet hätte: «Ich glaube, dass wir eine ganze Weile zu sehr dazu tendiert haben, uns zu Mitgestaltern der Flüchtlingsbewegung zu machen und uns nicht auf die Rolle der Beobachtung konzentriert haben», so <a href="https://www.youtube.com/watch?v=08L--O01WDs" target="_blank">di Lorenzo</a>. Diese Einsicht kam spät, war aber auch die Ausnahme. Eine <a href="http://meedia.de/2016/02/08/georg-mascolo-ueber-fehlerkultur-im-journalismus-echte-fehlleistungen-raeumt-kaum-jemand-ein/" target="_blank">selbstkritische Fehlerkultur ist im deutschen Journalismus nicht besonders ausgeprägt</a>.</p>
<p>Die publizistischen Leerstellen werden derweil von Nischenmedien gefüllt. Dabei hilft es zwischen den Medien zu trennen, die sich bereits seit Jahren im rechtskonservativ-nationalistischen Umfeld bewegen und denen, die sich erst seit kurzer Zeit gebildet haben. Auf <a href="https://correctiv.org/recherchen/neue-rechte/artikel/2016/12/27/medien-editorial/ " target="_blank">Correctiv gab es neulich eine kleine Reihe über die Medien der sogenannten «neuen Rechten»</a>. Die Texte wirken zum Teil eher lustlos und sind leider wenig analytisch. Des Weiteren erstaunt die Diskrepanz zwischen dem Anspruch, die «einflussreichsten rechten Medien» vorzustellen und dabei «Tichys Einblick» auszulassen. Vielleicht liegt der Grund auch darin, dass sich die junge Publikation in Print und Blog nicht pauschal als rechtskonservativ bzw. –radikal einordnen lässt.</p>
<p><strong>Tichy und seine Autoren </strong><br />
Roland Tichy, 1955 geboren, ist diplomierter Volkswirt. Er war in den 1980er Jahren kurz Mitglied des Planungsstabes des Bundeskanzleramtes Helmut Kohls. Seit jeher interessierte sich Tichy auch für den Journalismus. Er arbeitete für die «Wirtschaftwoche», war stellvertretender Chefredakteur von «Capital» und gehörte 1990/91 kurz zum Beraterstab des Rundfunkbeauftragten, der mit der Abwicklung des DDR-Fernsehens und Rundfunks beauftragt war. Es folgten Chefredakteur-Positionen diverser Wirtschaftsmagazine. 2014 verliess er die «Wirtschaftswoche», angeblich im Streit mit den Herausgebern und gründete kurz darauf den Blog «Tichys Einblick».</p>
<p>Die Webseite ist aufgemacht wie eine Zeitung. Als Logo dient das Bild von Athene, der griechischen Göttin der Weisheit, der Strategie und des Kampfes, der Kunst, des Handwerks und der Handarbeit. Es gibt zumeist mehrere Beiträge pro Tag; der Schnitt liegt aktuell bei rund 40 Beiträgen pro Woche . In der Zwischenzeit wird auf <a href="http://www.tichyseinblick.de/autoren/" target="_blank">eine stattliche Anzahl von 49 AutorenInnen</a> neben Tichy verwiesen. Die Mischung reicht vom Model über die ehemalige Kulturfunktionärin, den Software-Entwickler, dem Weltreisenden, einem Informatiker, einem (Promi-)Rechtsanwalt, einem Arzt und Schriftsteller, natürlich vielen (zum Teil ehemaligen) Journalisten (die Tichy auf seinen diversen beruflichen Stationen kennengelernt haben dürfte), Comedians, aber auch neuen, jüngeren Kolumnisten bis hin zu politischen Mandatsträgern.</p>
<p>Bei einer näheren Betrachtung entdeckt man, dass sich die AutorInnen sowohl soziologisch als auch in politischer Weltanschauung nach repräsentativen Kriterien einordnen lassen und damit einen Querschnitt durch die Mittelschicht suggerieren. So scheint die Rolle der jungen, modernen Frau von Anabel Schunke besetzt zu werden, die als «Model, Studentin und Bloggerin» geführt wird. Wolfgang Herles, ehemaliger ZDF-Redakteur unter anderem für das Kulturmagazin «aspekte» zeichnet für feuilletonistische Themen und interviewt Schriftsteller oder schreibt kleine Theaterglossen. Der Politologe Raphael Seligmann beschäftigt sich mit aussenpolitischen Fragestellungen. Frank Schäffler wurde während der Zeit als FDP-Bundestagsabgeordneter einer der stärksten Kritiker der Euro-Rettungspakete und der Politik der Europäischen Zentralbank. Hugo Müller-Vogg war von 1988 bis 2001 einer der Herausgeber der FAZ und wurde danach Kolumnist unter anderem für die «Bild»-Zeitung. Müller-Vogg wird auch heute noch gerne in deutsche Polittalkrunden als Vertreter eines wertkonservativen Weltbilds eingeladen. Bettina Röhl, die Tochter Ulrike Meinhofs, kritisiert in ihren Essays vor allem das politische und gesellschaftliche Erbe der 68er und den aktuellen Feminismus. Mit Kristina Schröder, Klaus-Peter Willsch und Michael Fuchs hat das Magazin gleich drei Autoren, die im aktuellen Deutschen Bundestag vertreten sind. Willsch gründete zusammen mit Schäffler und fünf anderen Abgeordneten in der letzten Legislaturperiode eine «Allianz gegen den Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM». Der Anlageberater Manfred Gburek spielt die Rolle des Börsenpropheten. Die könnte auch Hans-Peter Canibol übernehmen, der es jedoch vorzieht, aktuelle «Spiegel»-Ausgaben zu rezensieren. Die Rolle des aufgeklärten, in der Gesellschaft angekommenen Muslim, der sich kritisch zu Integrationsthemen äussert ist gleich mehrmals besetzt: Mit dem hessischen CDU-Landtagsabgeordneten Ismail Tipi, dem Arzt und Publizisten Mimoun Azizi und dem Regisseur Imad Karim. Mit Ludger Kusenberg und Achim Winter hat Tiichy zwei Kabarettisten bzw. Comedians.</p>
<p>Bei der Fülle der Autoren und nicht im Impressum aufgeführten Gastautoren bleibt es nicht aus, dass das qualitative Niveau der Beiträge sehr stark variiert. So sind beispielsweise die «Spiegel»-Besprechungen recht informativ. Auch Rafael Seligmans Aufsätze gehören dazu. Hier wird nüchtern referiert und der Leser nicht von vornherein mit der Meinung des Autors konfrontiert. Klaus-Peter Willsch plaudert gelegentlich Interna aus den Fraktionssitzungen aus. Bei Alexander Wallasch und Dushan Wegner dominiert hingegen die Polemik; mal mehr, mal weniger gekonnt. Andere Beiträge sind extrem alarmistisch, etwa wenn ein Gerhard Held in einer «Ausblick»-Kolumne für das Jahr 2017 konstatiert: «In diesem Land steht ein Migranten-Mob, eine vagabundiere Masse aus einzelnen, gutvernetzten Grüppchen und Banden. Gewaltbereit, oft mit Messern bewaffnet, ständig bereit zum Gelegenheitsdiebstahl oder sexuellen Übergriff, aber auch vor schwerem Raub, Vergewaltigung und Mord nicht zurückschreckend. Sie belagert und besetzt Plätze, sie verfolgt, vertreibt oder umzingelt Passanten und Anwohner, macht die Wege zur Arbeit, zur Schule, zum Sport oder zum Abendvergnügen unsicher» und hierfür die «Pädophilie-Grünen» verantwortlich macht. Das ist Paranoia nach Pegida.</p>
<p>Die unterschiedlichen Charaktere und Qualitäten der AutorInnen kann man zunächst einmal recht gut an dem Beitrag <a href="http://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/was-autoren-2017-wollen/" target="_blank">«Was Autoren 2017 wollen»</a> erkennen. Hier trennt sich der Spreu vom Weizen, der Krawallrhetoriker und Alarmist vom geschliffenen Polemiker. Aber so unterschiedlich die einzelnen AutorInnen im Detail auch sind – sie eint die politische Verortung im liberal-konservatievn Spektrum, wo sich auch Gründer und Namensgeber Roland Tichy mit seiner Publikation verortet.</p>
<p><strong>Prägungen und Überzeugungen</strong><br />
Überdeutlich wird hier Tichys Prägung durch die Ära Helmut Kohl (1982-1998). Kohl vertrat als CDU-Vorsitzender einen gemässigt-modernen, gesellschaftlichen Konservatismus; aussenpolitisch proeuropäisch. Der Koalitionspartner FDP fungierte als das wirtschaftsliberale Korrektiv. Tichy versteht Liberalität zunächst vor allem ökonomisch als marktwirtschaftlich-deregulierte Ordnung, die emphatisch mit dem Begriff «Freiheit» versehen wird. Staatliche Eingriffe, so die (zugegeben vereinfachende) Doktrin ist eher schädlich für den wirtschaftlichen Fortschritt, der als politisches Kernziel fungiert. Staatliche Regulierung wird als Bürokratisierung oder gar Bevormundung betrachtet; der Staat soll lediglich «Schiedsrichter»-Funktion haben. Der Unterschied zum amerikanischen Libertären besteht darin, dass die Tichy und die meisten seiner Autoren im Bereich der Innen- und Sicherheitspolitik einen starken Staat fordern.</p>
<p>Dieser «starke Staat» ist durchaus wörtlich zu verstehen: Die Europäische Union soll eher zu einer Art Freihandelszone werden; Nationalstaaten sollten ihre Politik wieder weitgehend selber bestimmen dürfen. Der Euro in seiner jetzigen Form wird abgelehnt. Im Bereich der Zuwanderung vertritt Tichy in groben Zügen das kanadische Modell. Der Staat soll gezielt hochqualifizierte, von Unternehmen dringend benötigte Fachkräfte anwerben. Dies propagierte Tichy schon seit den 1990er Jahren («Ausländer rein! Warum es kein Ausländerproblem gibt») bis <a href=" http://www.huffingtonpost.de/roland-tichy/auslaender-rein-einwanderung-ist-nicht-gleich-einwanderung_b_6640776.html" target="_blank">heute</a>. Zur Flüchtlingsproblematik hingegen äussert er sich stark vereinfachend und rigoros: «Flüchtling ist nicht Flüchtling. Politisch Verfolgte geniessen Asyl; Wirtschaftsflüchtlinge nicht.» Die komplexe Frage, welche Kriterien für eine politische Verfolgung anzulegen sind, umschifft Tichy einfach.</p>
<p><strong>Vernetzung im Bürgertum</strong><br />
Tichys wirtschaftspolitische Gesinnung zeigt sich nicht zuletzt in seinem <a href="http://www.ludwig-erhard.de/die-stiftung/vorstand/" target="_blank">Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung</a>. Diese tritt «politischem Opportunismus und Konformismus mit einem klaren Leitbild entgegen: Freiheit und Verantwortung als Fundament einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für den mündigen Bürger.» <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Erhard" target="_blank">Erhard</a> gilt als Schöpfer der sozialen Marktwirtschaft und Vater des deutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit. Die <a href="http://www.ludwig-erhard.de/die-stiftung/mitglieder/" target="_blank">Mitgliederliste der Erhard-Gesellschaft</a> zeigt aktive wie ehemalige Politiker, Universitätsprofessoren und auch Journalisten (u. a. Heike Göbel von der FAZ). Tichy ist ebenfalls Mitglied im <a href="http://www.hayek-stiftung.de/kuratorium.html" target="_blank">Kuratorium der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung</a>, die nach eigenen Angaben «die Festigung und Förderung der Grundlagen einer freiheitlichen Wirtschafts-und Gesellschaftsordnung auf nationaler wie auf internationaler Ebene im Sinne Friedrich August von Hayeks» fördert. Mitglieder sind hier u. a. der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler (Roman Herzog als weiterer Bundespräsident ist unlängst verstorben) und Holger Steltzner, einer der aktuellen Herausgeber der FAZ. Tichys Verwurzelungen in den Erhard- und Hayek-Stiftungen zeigen seine gute gesellschaftspolitische und auch publizistische Vernetzung.</p>
<p>Tichy findet sich mit dem progressiv-gesellschaftsliberalen Kurs der Merkel-CDU nicht ab. Der Einfachheit halber macht er die politischen Probleme ausschliesslich an der Bundeskanzlerin fest. Sie dient ihm als Projektionsfigur für seine Kritik. Dabei scheut er wie auch die bayerische CSU nicht die Nähe zu den rechtskonservativen und extremistischen Parolen, die mit ihrem «Merkel muss weg!» die Unzufriedenheit bündeln und populistisch ausweiden wollen. Zwar verwendet Tichy die inkriminierte Parole selber nicht, aber er balanciert hier auf einem schmalen Grat: Gerät er zu sehr in den Ruch extremistische Positionen zu übernehmen, kollidiert dies nicht nur mit seinem Image in den Wirtschaftsstiftungen, sondern würde ihn auch als Diskursfigur in den diversen Diskussionsrunden in den öffentlich-rechtlichen Medien unmöglich machen. Andererseits ist es nicht per se ehrenrührig in einer Demokratie einen Machtwechsel zu befürworten, zumal in den 1990er Jahren die vergleichbare Aussage «Kohl muss weg» nicht als anrüchig galt.</p>
<p>Auch mit dem «Unwort» der «Lügenpresse» spielt Tichy. Auf einer Veranstaltung der «Bürgerinitiative Faire Medien» im Mai 2015 mit dem Titel «Wie vertrauenswürdig sind die Massenmedien» nimmt er hierzu Stellung. Das <a href="https://www.youtube.com/watch?v=SA2Mhv_LX2E" target="_blank">im Netz verfügbare Video</a> ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zunächst konstatiert Tichy den überdimensionierten Einfluss einer politisch-korrekten Darstellungsweise in den öffentlich-rechtlichen Medien und bemerkt in diesem Zusammenhang, dass die Unterlassung von Fakten auch Lügen seien. Danach kritisiert er, dass es in den «Tatort»-Krimis der ARD keine migrantischen Straftäter gebe (2:09), ja: dass es keine geben dürfe. Der Eindruck mag stimmen, verkennt jedoch, dass solche Filme Fiktionen sind und nicht beanspruchen, die Realität abzubilden. Im weiteren Verlauf seiner Rede zitiert Tichy dann als Beleg für einen überdimensionierten Persönlichkeitsschutz aus dem Pressekodex des Deutschen Presserats den Paragraph 12 wie folgt (4:05): «Die Zugehörigkeit von Straftätern zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten darf nicht genannt werden». In Anbetracht der Aussage wenige Minuten zuvor, dass auch Unterlassungen den Lügentatbestand erfüllen können, wirkt dieses verstümmelte Zitieren verstörend. Tatsächlich lautet der <a href="http://www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/#panel-ziffer_12____diskriminierungen" target="_blank">Passus 12.1</a> vollständig: «In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.» Man fragt sich, ob das Weglassen des zweiten Teils des Satzes ein rhetorischen Stilmittel ist oder gar eine Lüge?</p>
<p><strong>Tichys Journalismusbegriff</strong><br />
Das Internet habe, so Tichy in diesem Vortrag weiter, die «Spielregeln» des Journalismus verändert. Im Gegensatz zu den meisten Journalisten, die das Netz hassen würden, begrüsst er jedoch die neuen Möglichkeiten. Seine Begeisterung scheint derart gross zu sein, dass er sich zu einer Entgleisung hinreissen lässt (18:16): «Im Internet wird ab sofort zurückgeschrieben». Man fragt sich, ob der Anklang an eine Formulierung in Hitlers Rede vom 1. September 1939 vor dem Deutschen Reichstag («Seit fünfuhrfünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen.») gewollt ist oder nur eine Geschmacklosigkeit darstellt. Tichy ist im Übrigen bekannt für sein Temperament. So <a href="http://www.sueddeutsche.de/kultur/eklat-im-presseclub-sie-sind-ein-ganz-linker-finger-sie-mache-ich-fertig-1.434696" target="_blank">geriet er in einer «Presseclub»-Sendung der ARD im Oktober 2010 zunächst vor der Kamera in einen heftigen Streit mit dem damaligen «Spiegel»-Feuilletonchef Matthias Matussek</a>. Nach der Sendung hätte es, wenn die Nachricht stimmt, fast ein Handgemenge gegeben.</p>
<p>Aber es wäre voreilig, Tichys Engagement zu diffamieren. Auch die linksliberalen Journalisten, auf die er und seine Kolumnisten stetig eindreschen, sind nicht frei von belehrendem, missionarischem Tonfall, Einseitigkeiten und brachialen Metaphern. Tichy sieht sein Magazin als Korrektiv zum medialen «Einheitsbrei» (so einer seiner Kolumnisten). Auf seine «Meinungsfreudigkeit» angesprochen führt Tichy <a href="http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-forum/roland-tichy-sendung-100.html" target="_blank">in einem Gespräch vom letzten September mit dem Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks Siegmund Gottlieb</a> dieses subjektive Verständnis von Journalismus aus (ab 4:55): Es gehe um die «Faktengrundlage» und dann die Position, die man auf dieses «Faktenfundament» aufbaue. Man werde «meinungsstark», weil man dann beginne für die «richtige Seite, die richtigen Fakten zu kämpfen». Tichy plädiert dafür, dies offenzulegen: «Meinung, die offen legt was sie will, was sie tut…ist fair, daran kann man sich orientieren, daran kann man sich auch reiben.»</p>
<p>Tichy unterläuft damit die Trennung von Nachricht und Kommentar. Damit bewegt er sich zwar in der Tradition des Magazinjournalismus, macht aber gleichzeitig selber das, was er seinen publizistischen Gegnern (zum Teil zu recht) vorwirft. Tichy ist auch nicht die Ausnahme, wenn in Bezug auf den Journalismus von einer «Haltung» des Journalisten geschwärmt wird, die erkennbar sein müsse. Die Unterschiede bestehen allerdings darin, welche Haltung gemeint ist. Zumeist bezieht sich dies nämlich auf die «politische» Haltung und zwar die jeweils «richtige» (siehe oben «richtige Fakten». Diese ist beim linksliberalen Heribert Prantl von der «Süddeutschen Zeitung» allerdings eine dezidiert andere als bei Roland Tichy. Beiden muss man – unabhängig von Sympathien oder eigener Anschauung – eine «Haltung» bescheinigen. Fraglich ist aber, ob diese zuweilen offensiv vertretene Einseitigkeit dann noch Journalismus ist. Und war der Leser damit anfangen soll.</p>
<p><strong>Zuspruch und Gefahren </strong><br />
Mit seinem meinungs- und auch reichweitenstarken Journalismus ist Roland Tichy längst zu einer Marke in der rechts-liberalen Publizistik geworden. Hierin liegt zum einen die Gefahr, schnell schubladisiert und als rechtsextrem abgestempelt zu werden. Zwei Mal ist dies in den zwei Monaten geschehen. Zum einen als ein Mitarbeiter der Werbeagentur Scholz &#038; Friends in einer privaten Aktion Unternehmen zu einem Werbeboykott bei als rechtslastig empfundener Publikationen aufforderte («Kein Geld für rechts»), ausgehend von einer ähnlichen Kampagne gegen das US-Portal Breitbart News. Getroffen hat der Boykottaufruf neben anderen auch «Tichys Einblick» und das Autoren-Blog «Achse des Guten». <a href="http://archive.is/Pjtay" target="_blank">Dessen Autor </a> Henryk M. Broder reagierte mit einem wütenden Kommentar auf dem eher libertären . <a href="http://www.achgut.com/artikel/der_denunziant_von_scholz_und_friends" target="_blank"></a>. Die «Achse des Guten» wurde im Blogbeitrag insgesamt dreimal als Beispiel für «neurechte» Medien genannt wurde (auf der Liste der zu boykottierenden Webseiten aber nicht gestanden haben soll). Die genauen Details sind nicht mehr nachzuvollziehen, da die entsprechende Webseite des Initiators inzwischen nicht mehr zugänglich ist. Tichy übernahm Broders Text auch auf seiner Seite und rückte den Boykott in die Nähe des Nazi-Aufrufs gegen jüdische Geschäfte. Dies wiederum erzeugte einen enormen Druck auf den Initiator (der inzwischen nicht mehr für die Werbeagentur tätig ist) – bis hin zu Morddrohungen.In einem eigenen Kommentar rückte Tichy den Autor des Werbeaufrufs in die Richtung des stalinistischen Terrors und Massenmordes.</p>
<p>Die überschäumenden Reaktionen Tichys sind verständlich. Denn eine Kategorisierung als rechtsextreme Publikation passt nicht in das bürgerlich-liberale Image. Die Angelegenheit scheint jedoch schnell behoben zu sein, denn inzwischen werben auf «Tichys Einblick» sowohl Banken und Versicherungen wieder, wie auch Touristikanbieter, der Lebensmitteldiscounter Lidl und viele andere.</p>
<p>Der zweite Vorfall, der einen Shitstorm diesmal direkt gegen Tichy auslöste, war eine Veröffentlichung eines Textes des «Gastautors» Jean Fritz auf «Tichys Einblick» vom 6. Januar. Schon in der Überschrift klang der Tenor des Textes an: «Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten». Im Text selber werden mehrmals sogenannte «Gutmenschen» (die der Verfasser im linkgrünen Milieu verortet) als «krank», «gestört» oder «pathologisch» verunglimpft. Dies erzeugte eine erste Protestwelle über Twitter und Facebook. Tichy hatte den Beitrag (und einige Kommentare; 138 Kommentare sind immer noch online) schliesslich gelöscht, sich entschuldigt und konstatiert, dass der Text «hätte hier nicht erscheinen dürfen». Damit ebbte aber die Welle nicht ab. Mathias Richel von der Werbeagentur TLGG problematisierte daraufhin Tichys Rolle als Herausgeber der Rubrik «Klartext» auf  «Xing» und erklärte die Kündigung seiner Mitgliedschaft beim Karrierenetzwerk. Der Nebensatz in <a href="https://twitter.com/mathiasrichel/status/817841583982858244" target="_blank">seinem Tweet</a> «das könnt ihr auch» will er nachträglich nicht als Boykottaufruf verstanden haben. Nach Angaben des Branchendienstes «Meedia» gab es allerdings eine veritable Kündigungswelle.</p>
<p>Tichy gab wenig später die «Xing»-Tätigkeit auf. Tatsächlich hätte der Beitrag von Fritz aus strategischen Gründen nie auf «Tichys Einblick» erscheinen dürfen, wenn Tichy sich sein Image als bürgerlicher Liberaler erhalten möchte. Selbst als Satire wirkt der kindlich-dümmliche Text nicht (er kann <a href="https://juergenfritzphil.wordpress.com/2017/01/08/warum-sie-mit-psychopathologisch-gestoerten-gruen-linken-gutmenschen-nicht-diskutieren-sollten/" target="_blank">hier auf der Webseite des Autors</a> nachgelesen werden). Auf Fritz&#8216; Webseite lässt sich auch ein Text mit der Überschrift <a href="https://juergenfritzphil.wordpress.com/2016/12/30/warum-der-islam-von-diesem-planeten-verschwinden-muss/" target="_blank">«Warum der Islam von diesem Planeten verschwinden muss»</a> lesen. Mit Autoren wie Jürgen Fritz, der den Rubikon von liberal-konservativ längst in Richtung rechtsextrem überschritten hat, sabotiert Tichy die politischen Koordinaten seines Nischenmedium zwischen wertkonservativ und rechts. Das scheint Roland Tichy inzwischen eingesehen zu haben. Anstelle des nach den Protesten gelöschten Beitrags entschuldigte er sich: «Unterstellung von Pathologie ist für ‹Tichys Einblick› keine politische Diskussionsbasis. Davon distanzieren wir uns ausdrücklich.»</p>
<p>Aber die beiden Vorgänge zeigen, wie sensibel und im Einzelfall auch hysterisch inzwischen die Wahrnehmungen in Bezug auf rechte und vermeintliche oder tatsächliche rechtsextreme Publikationen sind. Inzwischen kursieren bereits Sprachmonitore, in denen das Vokabular der «neuen Rechten» benannt wird. Dies umfasst auch Vokabeln wie «Political Correctness» oder «Mainstream-Medien». Demnach wird zunächst einmal jeder verdächtigt, der diese Vokabeln verwendet bzw. in einem anderen Zusammenhang als den, den man selber wünscht. Der Vorteil dieses affektierten Umgangs mit Sprache, der Kontexte, in denen Begriffe verwendet werden, zunächst ausblendet, liegt darin, politische Stellungnahmen schnell zu bewerten. Nicht nur Journalisten lieben diese einfachen Denkschablonen, weil sie ihnen die Arbeit, sich mit Texten und Zusammenhängen zu beschäftigen, abnehmen.</p>
<p>Derzeit kommt die Mischung aus ruppig-salopper Politikbeschimpfung, Bierthekenparolen und konservativer Gesellschaftskritik, die «Tichys Einblick» bietet, gut an. So lässt sich eindrücklich nachverfolgen, wie sich die Beiträge sehr schnell auf Facebook verbreiten und fleissig kommentiert werden. Dies gilt insbesondere für Beiträge über Migration und Geflüchtete, die Bundeskanzlerin und, ganz im Trend, zur «Fake-News»-Debatte. Auch die Kommentare im Medium selber sind fast immer dreistellig pro Beitrag. Tichy publiziert seit Oktober 2016 die Online-Beiträge in einem Printmagazin. Es wird eine Auflage von 60.000 Exemplaren genannt; sicherlich ein ökonomisches Risiko. Herausgeber der Printausgabe ist der <a href=" http://www.finanzenverlag.de/inhalt/unternehmen.php" target="_blank">«Finanzen-Verlag»</a> des Publizisten Frank B. Werner (weitere Publikationen: «Euro», «Euro am Sonntag», «Börse online»). Über den Erfolg am Zeitschriftenmarkt gibt es derzeit keine verlässlichen Angaben. Mittelfristig ist wohl geplant, auch eigene Texte für das Print-Magazin hinzuzufügen. Auch selbstproduzierte Videos soll es verstärkt auf der Online-Seite geben.</p>
<p><strong>Tichys Hybris</strong><br />
Im bereits zitierten Vortrag Tichys vom Mai 2015 kritisiert er unter anderem die «Hinrichtungsjournalisten», die ihr Medium in einen «Gerichtshof » verwandeln würden und dies «ohne Verteidigung» für die vermeintlichen Angeklagten (16:19). Aber manche seiner Beiträge wirken wie Spiegelbilder dessen, was er beklagt. Exemplarisch zeigt dies ein Text vom 22. Dezember letzten Jahres , erschienen zwei Tage nach dem Terror-Anschlag in Berlin. Tichy erhöht sich zunächst als Intellektueller, was sich sofort am Titel des Textes zeigt. Mit prominentem Verweis auf «J&#8217;accuse» stellt er sich in eine Reihe mit dem französische Dichter Émile Zola, der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%E2%80%99accuse" target="_blank">in dem gleichnamigen Text aus dem Jahr 1898</a> dem wegen Landesverrats inhaftierten jüdischen Hauptmann Dreyfus beistand und die Beweisfälschungen und Schlampereien der Behörden nebst deren Antisemitismus anprangerte. Zolas Aufsatz gilt heute als die Geburt des kritischen Intellektuellen.</p>
<p>Aber Tichy hält sich in seinem Text nicht an die Fakten. Er macht die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin für den Anschlag mitverantwortlich, obwohl der Attentäter nachweislich nicht der Flüchtlingswelle 2015/2016 entstammte. «Der vermutliche Mörder von Berlin wurde wegen Brandstiftung in Italien verurteilt; er gelangte ohne Kontrolle nach Deutschland», schreibt Tichy. Er vergisst dabei zu erwähnen, dass Grenzkontrollen im Schengenraum kaum mehr stattfinden; die Freizügigkeit im Reisen wird daher auch immer von Kriminellen ausgenutzt werden. Daher taugt in diesem Fall der Vorwurf nicht, dass in der «unbegrenzten Grenzöffnung» eine Ursache für den frei umherreisenden Terroristen liegt. Mit grosser Geste, in einfachen Hauptsätzen wird im Text eine Dramaturgie erzeugt, die in dem Satz «Frau Bundeskanzlerin, treten Sie zurück» mündet, mit dem Text auch endet. Der Jubel ist Publikums ist garantiert (638 Kommentare; nur sehr wenige kritische). Aber Tichys Inszenierung des Intellektuellen ist desaströs. Sein Text bietet keine Aufklärung, sondern nur Ressentiment, die ein affektgeiles Publikum als Balsam für ihre Erregungen verwenden kann.</p>
<p>Journalisten verstünden sich als Propheten einer Sache, «sie kämpfen für etwas, statt über etwas zu berichten» – so der Originalton Tichys in seinem Vortrag im Mai 2015 (16:50). «Der Sache einen Spin zu geben», überschlage sich im Augenblick. Da hat er Recht. Aber auch Roland Tichy kämpft für eine «Sache». Und für ihn sind es immer die anderen, die den «Spin» produzieren, ähnlich dem Autofahrer, der in den Radiohinweisen von einem Geisterfahrer hört und dann entsetzt ausruft «Einer? Alle!».</p>
<p>Tichy sieht sich durch die (nicht nur) von ihm wahrgenommene Einheitsberichterstattung zu diesem Verfahren legitimiert. Er setzt eine Gegenmeinung auf. Aber welcher Wert hat dieses Meinung-Gegenmeinung-Spiel? Und welchen Zweck verfolgt Tichy mit dem publizistischen Dauerbeschuss in Richtung der von ihm eigentlich bevorzugten Partei? Nicht wenige entdecken dabei eine veritable Nähe zur AfD bzw. sogar eine Art Wahlkampfhilfe. Dabei unterscheidet sich die aktuelle AfD von der AfD aus dem Jahr 2013, in der der damalige Vorsitzende Bernd Lucke für ein wirtschaftsliberales und dezidiert euroskeptisches Programm engagierte (und mit 4,7% nur knapp an der Parlamentshürde von 5% scheiterte). Mit der allerdings in grossen Teilen inzwischen eher nationalistisch-extremistischen AfD der Jetztzeit hat Tichy politisch eigentlich wenig bis nichts im Sinn.</p>
<p>Die politische Neuorientierung der CDU als «moderne» Partei unter Angela Merkel und vor allem die Euro- und Flüchtlingspolitik der Grossen Koalition (CDU/CSU und SPD) hat nicht nur den wertkonservativ-marktliberalen Tichy politisch heimatlos gemacht. In Deutschland habe sich, <a href="https://www.welt.de/debatte/kommentare/article161259389/Der-deutsche-Konservatismus-und-die-CDU-sind-ausgebrannt.html" target="_blank">so Wolfgang Büscher</a>, «das geistige Koordinatensystem derart kräftig nach links verschoben, dass alles, was nicht links ist, seitlich herausfällt».</p>
<p>Konservative Positionen würden, so der Befund, in Deutschland allzu schnell als «rechtsextrem» eingestuft. Die CDU sei «ausgebrannt»; eine Diagnose, die man übrigens auch 1998, nach 16 Jahren Kanzlerschaft von Helmut Kohl, vernahm. Sehr viele ehemalige Wähler der Unionsparteien vermissen das konservative Profil. Die bayerische Schwesterpartei der CDU, die CSU, versucht mit allzu lauten und voreiligen Parolen gegenzusteuern. Tichy und seine Mitstreiter versuchen dies ebenfalls. Sie könnten damit am Ende denen nutzen, die sie politisch ebenso nicht wünschen wie das von ihnen so verhasste Rot-Grün. Aber vielleicht gibt es kurz vor der Bundestagswahl dann noch einmal einen ähnlichen Text wie den von Hugo Müller-Vogg vom August 2016: <a href="http://www.tichyseinblick.de/kolumnen/mueller-vogg-gegen-den-strom/unter-rot-gruen-waere-alles-noch-viel-schlimmer/" target="_blank">«Unter Rot-Grün wäre alles noch viel schlimmer»</a>.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/23/in-den-weiten-des-rechten-raums/">In den Weiten des rechten Raums</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Wie mache ich mir ein Feindbild?</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2017/01/11/wie-mache-ich-mir-ein-feindbild/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[René Zeyer]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Jan 2017 21:32:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[SVP]]></category>
		<category><![CDATA[Porträt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Porträt ist eine der anspruchsvollsten Formen im Journalismus. «Die Zeit», die «Süddeutsche Zeitung», der Norddeutsche Rundfunk, «Der Spiegel» und zuletzt der «Blick» versuchten sich im Laufe der letzten Jahre am grossen Köppel-Porträt. Doch kommt auch Köppel raus, wo Köppel drauf steht? Der Vergleichstest ergibt einen überraschenden Sieger. Es gibt nur einen richtigen Ansatz für <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/11/wie-mache-ich-mir-ein-feindbild/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Das Porträt ist eine der anspruchsvollsten Formen im Journalismus. «Die Zeit», die «Süddeutsche Zeitung», der Norddeutsche Rundfunk, «Der Spiegel» und zuletzt der «Blick» versuchten sich im Laufe der letzten Jahre am grossen Köppel-Porträt. Doch kommt auch Köppel raus, wo Köppel drauf steht? Der Vergleichstest ergibt einen überraschenden Sieger.<br />
<span id="more-33098"></span><br />
Es gibt nur einen richtigen Ansatz für Literaturkritik: Das besprochene Werk muss aus sich selbst heraus verstanden und kritisiert werden. Es macht keinen Sinn, einem Roman vorzuwerfen, dass er weder ein Gedicht noch ein Sachbuch sei. Ähnlich verhält es sich mit Porträts, vor allem über eine Person wie Roger Köppel, der – gelinde gesagt – polarisiert. Erschwerend kommt hinzu, dass er selbst Journalist ist, wie der Porträtist. Dessen Aufgabe wäre es, dem Porträtierten gerecht zu werden und dem Publikum ein Bild abzuliefern, in dem man den Porträtierten wiedererkennt. Das Porträt kann realistisch, abstrakt, kubistisch, klassisch oder als Karikatur geschrieben sein. Aber wenn ein Porträt Kunst sein soll, dann kommt die immer noch von können. Eine Überprüfung in fünf Akten.</p>
<p><strong><a href="http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Roger-Koeppel-Seine-Dreifaltigkeit,koeppel116.html" target="_blank">1. NDR-Medienmagazin «Zapp»: Nachgefragt und nachgetreten</a></strong><br />
Ein TV-Porträt in sechs Minuten ist anspruchsvoll. Es entsteht aus mehreren Stunden Aufnahmen, die anschliessend zusammengeschnitten werden müssen. Also Szenen und Interview-Passagen mit dem Porträtierten. Dem werden Fragen gestellt, wie zum Beispiel: «Sind Sie Chefredakteur oder Verleger?» Köppel repliziert, dass er einfach sich selbst sei, ein «wandelndes Multifunktionsgebilde». Darauf wird im Kommentar nachgetreten: «Er hat die ‹Weltwoche› umgekrempelt von einem liberalen Blatt zu einem rechtspopulistischen Magazin.» Nächste Frage der «Zapp»-Reporterin: «Sind Sie eine rechte Kampfpresse?» Köppel repliziert, dass alle Medien Kampfblätter seien, wobei die Frage einen «despektierlichen Beigeschmack» habe. Nachtreten im Kommentar: «Ein Kampfblatt. Wo gibt es denn das, dass der Chefredakteur im Parlament sitzt?» Man erkennt das Muster, letztes Beispiel: «Politiker und Chefredakteur, sind Sie da nicht ein Beispiel für die Lügenpresse?» Köppel repliziert, dass die «Weltwoche» keine Lügen verbreite. Nachtreten im Kommentar: «Als einzige, alle anderen verbreiten Lügen. Da liegt Köppel nahe bei der AfD. Vereinfachung sieht er bei anderen als Problem, nicht bei sich.»</p>
<p>Mit Fug und Recht kann man analysieren, dass die Hersteller dieses TV-Porträts das gleiche Problem nicht bei sich selbst erkannt haben. Insofern ist das Kriterium erfüllt, werkimmanent zu porträtieren. Denn Köppel neigt unbestreitbar zu Vereinfachungen im Dienst der Unterscheidung, was für ihn richtig, was falsch ist. Allerdings besteht doch zumindest ein Widerspruch darin, ihm das zum Vorwurf zu machen, was man selbst anwendet. Zudem öffnet Köppel in seinem Blatt immer wieder auch ihm widersprechenden Meinungen die Spalten. Ohne nach jedem Absatz der gegnerischen Meinung einen kritischen Kommentar einzufügen. Also ist dieses Porträt zumindest unvollständig. Hinzu kommt: Bei allem Verständnis für die Reduzierung auf sechs Minuten Sendezeit: Kritische Fragen stellen, Antworten abholen, dann nachtreten, das ist keine Art. Gesamtnote: 2,5 (wobei 6 die beste wäre).</p>
<p><a href="http://www.sueddeutsche.de/leben/schweizer-rechtspopulist-alles-roger-1.3212531" target="_blank"><strong>2. «Süddeutsche Zeitung»: Das Porträt als Karikatur</strong></a><br />
Unter dem Titel «Alles Roger» nimmt die SZ für ein Porträt zum Anlass, dass der «Rechtspopulist Köppel» seit «einem Jahr im Schweizer Parlament sitzt». So wie es im TV auf den Schnitt des Materials ankommt, ist es in einem geschriebenen Porträt die Entscheidung des Autors, welche Elemente seiner Reportage er zu einem Text verdichtet. Welche Beobachtungen, welche Szenen wählt der Journalist aus, um vorangehende Recherche und persönliches Erleben, dazu Gespräche mit dem Porträtierten, zu einem Artikel zusammenzufügen? Ein Element für die SZ ist das traditionelle Sommerfest, das die «Weltwoche» veranstaltet: «Dafür ist Jörg Kachelmann erschienen. Sein Outfit für den Abend: rote Hosenträger mit Schweizer Kreuzen. Sepp Blatter trägt Sechstagebart, SVP-Patriarch Christoph Blocher hat seine Ehefrau dabei. Roger Köppel spricht Hochdeutsch. Immer mehr deutsche Autoren schreiben für das Magazin. Sie sind es auch, die Köppel im Blick hat, wenn er seinen Gästen zuruft, heute Abend dürfe man ‹alles denken› und auch ‹alles sagen›, was man wolle.» Helfen die Hosenträger, der Sechstagebart oder die Bemerkung, dass Christoph Blocher von seiner Ehefrau begleitet wurde, Köppel zu porträtieren? Wohl kaum. Aber dann die Beobachtung, dass er «eine Rolex trägt»? Das Zitat vom Hörensagen: «Weggefährten sagen, Köppel habe im SVP-Patriarchen Christoph Blocher ‹den Vater gefunden, den er nie hatte› Vermutlich ist auch das nur ein Versuch, den Mann aus den Talkshows fassbar zu machen.»? Oder die Behauptung der Autorin: «Wenn er jemanden haben will, kann Köppel unerbittlich charmant sein. Wer die Weltwoche verlässt, bekommt das Gegenteil zu spüren. Außenseiter wie er brauchen uneingeschränkte Loyalität.»?</p>
<p>Letzte Frage: Kommt man der Person Köppels näher, wenn ihr Werdegang so dargestellt wird: «Vor kaum etwas graute es den Redaktionen so wie vor den selbsternannten Volksverstehern. Jenen, die die Welt in Gut und Böse teilen, ungeniert mit Angst, Unsicherheit und Unwissenheit ihrer Zuhörer jonglieren. Die etablierten Medien schrieben, zunehmend verzweifelt, so einfach dürfe man es sich nicht machen. Roger Köppel, leidenschaftlicher Historiker, oft bis in die Nacht in heroische Schlachten vertieft, sah, dass hier seine Zukunft liegen könnte: Die Dinge ganz einfach machen. So einfach, dass man sie als Schlachtparole in die Nacht rufen könnte.»? Oder indem die Person Köppel am Schluss des Porträts an den Reaktionen einer Schulklasse, die ihn im Bundeshaus besuchen durfte, gespiegelt wird: «So ganz können die Schüler nicht fassen, was passiert ist. ‹Am Anfang war er mir sympathisch, aber dann hat er absurde Beispiele gebracht und uns nicht mehr drangenommen›, sagt einer. Wer noch dieser Meinung ist? 20 von 25 Händen gehen nach oben. ‹Für uns war es total frustrierend, und er genießt es so richtig›, fasst eine Schülerin zusammen. ‹Du findest einfach, er ist ein Arschloch, und jetzt bist du sauer, weil er dich fertiggemacht hat›, tönt es aus der letzten Reihe. Ob es jemanden gibt, der Köppel-Gegner war und überzeugt wurde? Niemand meldet sich.»?</p>
<p>Dieses Porträt zeichnet das Bild eines Rechtspopulisten, der durch die Begegnung mit einem Ersatzvater vom Journalisten zum terrible simplificateur geworden ist, aber damit nicht einmal Schüler überzeugen kann. Umgeben von merkwürdigen Gestalten wie Kachelmann, Blatter und deutschen Autoren, die loyal seine Meinung vertreten. Also das Porträt als Karikatur, nicht wirklich gelungen. Gesamtnote 3.</p>
<p><a href="http://www.lu-wahlen.ch/uploads/media/spi_20160213_10853_1_1.pdf" target="_blank"><strong>3. «Der Spiegel»: Ein berechenbares Bemühen</strong></a><br />
Auf über fünf Seiten will das deutsche Nachrichtenmagazin seinen Lesern erklären, «wie aus dem begabtesten Blattmacher Zürichs ein Rechtspopulist wurde, der sein Land verändern will.» Schon der launige Titel lässt erahnen, was der Autor davon hält: «Köppel aus dem Sack», lautet er, und mit leichtem Bedauern schildert der «Spiegel», wie es mit dem Begabten abwärts ging: «Früher stand Köppel für einen unkonventionellen Blick auf die Welt. Er ließ ihn zu einem angesehenen Journalisten werden, neugierig, eloquent. Und in diesen Tagen schreibt er Sätze wie: ‹Dass in Deutschland die Asylheime brennen, hat mit der Weigerung der Regierung und der Medien zu tun, die berechtigten Sorgen der Leute aufzunehmen.›» Falls der Leser nicht wissen sollte, was er davon zu halten hat, der «Spiegel» ordnet ein: «Das ist hinterhältig und falsch, und trotzdem ist Köppel kein stumpfer Spießer wie das freakhaft wirkende Personal der AfD. Mit roten Wangen und der Unbeirrbarkeit eines Marathonläufers spult Köppel in deutschen Talkshows seine Thesen herunter. Für Schwarzgeld, für Sepp Blatter, aussichtsloses Zeug. Ein Verrückter?»</p>
<p>Der «Spiegel» zeichnet den Werdegang Köppels nach und gibt drei Köppel-Kennern die Möglichkeit zur Ferndiagnose. Dem Autor Martin Suter: «‹Ich bin nicht sicher, ob der Roger rechts ist. Er ist mehr rechthaberisch als rechts. Man kennt solche Leute aus dem Konfirmationsunterricht. Die steigern sich in irgendetwas rein aus reiner Debattiersucht.›» Dem Radiopionier Roger Schawinski: «‹Köppel ist sehr gefährlich. Es fehlt ihm ein gewisses moralisches Fundament.› Köppel, sagt Schawinski, sei ein traumatisierter Mensch. Aufgewachsen in Kloten, der Einflugschneise von Zürich, die Eltern seien früh gestorben, die Mutter, als Köppel 13 Jahre alt war, durch Selbstmord. In dem Waisen hätte sich das Gefühl ausgebreitet: ‹Entweder ich gehe unter, oder ich gehe ganz nach oben.›» Und dem ehemaligen Mitarbeiter Bruno Ziauddin, der über seine Erlebnisse ein Werk geschrieben hat: «Ziauddin sitzt in einem Café am Zürichsee, er wirkt bedrückt. Natürlich sagt Ziauddin, ‹Bad News› sei ein fiktiver Schlüsselroman, aber er gibt zu, dass viele Parallelen zu Köppel existieren. Er spricht vom Verlust der ‹Diskurshoheit der Linken›, wie sich das ‹Provokationspotenzial nach rechts gewandt› habe und wie es bei den Rechtspopulisten einen höheren Drang gebe, die Dinge zu ändern.» Dann nimmt sich der «Spiegel» den «Weltwoche»-Titel mit den kriminellen Ausländern zur Brust: «In Deutschland würde man sich mit solch einem Cover in der Tradition des ‹Stürmer› aus der seriösen Welt verabschieden.»</p>
<p>Aber in der Schweiz ist alles offenbar ein wenig anders, besonders, wenn sich SVP-Mitglieder mit Köppel vor dem Bundeshaus versammeln: «Es ist politisches Theater von der groben Sorte, das da betrieben wird. Es passt zu Brunner, der Bauer ist und immer gut für einen Schenkelklopfer, und es passt auch zu den wenigen Parteimitgliedern, die mit Goldkettchen, trübem Blick und Zigarette um ihn herumstehen und aussehen, als könnten sie bei der Mafiaserie ‹The Sopranos› mitspielen.» Und der Pate ist natürlich Christoph Blocher, dessen «politisches Engagement liest sich wie eine Top-Ten-Liste gegen die Vernunft des späten 20. Jahrhunderts». Dem aber Köppel verfallen ist: «Köppel ist kein Mensch, den man einfach kaufen kann. Man muss ihn füttern und ihm die Möglichkeit zur Selbsthypnose geben. So ähnlich muss es Blocher angestellt haben.» Und falls noch jemand Zweifel haben sollte, wo das hinführt, dem hilft das «Spiegel»-Porträt mit seiner Schlusspointe: «Das Anything-Goes seiner früheren Blattmacherjahre hat er umgewandelt: Alles geht, ohne Tempolimit, aber nur auf der rechten Spur. Für einen Intellektuellen wie ihn gibt es dort viel Raum. Wenn man ihn aber von früher kennt, wirkt der Roger Köppel von heute wie ein Geisterfahrer.»</p>
<p>Aber immerhin, eine lange Strecke im «Spiegel», und das Bemühen des Autors ist erkennbar, die Gründe für den Werdegang Köppels nachzuzeichnen. Allerdings ist es sonnenklar, dass es vom früheren Köppel zum aktuellen ein Weg nach unten ist, vom begabten Blattmacher zum Geisterfahrer auf der rechten Spur. Gesamtnote: 3,5.</p>
<p><a href="http://www.zeit.de/2015/43/schweiz-roger-koeppel-parlament" target="_blank"><strong>4. «Die Zeit»: Die pointillistische Version</strong></a><br />
Das gepflegte Organ nachdenklicher Schreibe, personifiziert im Elder Statesman und Herausgeber Helmut Schmidt selig, nahm sich unter dem Titel «Die Wut der Worte» des «Schweizer Publizisten Roger Köppel» an, der «gegen Flüchtlinge polemisiert» und nun «im Parlament sitzt». Da dieses Porträt kurz nach Köppels Wahl in den Nationalrat geschrieben wurde, zeichnet es nur das Erweckungserlebnis des Neupolitikers nach: «Am Anfang dieser Karriere stand ein Interview mit Christoph Blocher, dem Multimilliardär und Volkstribun. Im Jahr 2000 diskutierten die beiden über militärische Führungstechniken. Köppel, Sohn einer Sekretärin und eines Bauunternehmers, hat ein Faible für erfolgreiche alte Männer. Da wird der sonst so laute Köppel leise, regelrecht unterwürfig. Typen wie Putin und Berlusconi faszinieren ihn.» Die «Zeit» konzediert Köppel rhetorische Brillanz, indem sie einen Auftritt in der «Arena» beschreibt: «Was als nette Plauderei gedacht ist, menscheln sollte, nutzt Köppel. Er reißt das Ruder an sich. Greift den Sozialdemokraten Guldimann an, rattert seine Parolen herunter. In der direkten Konfrontation lebt Köppel auf. Dabei beweist er oft Humor, manchmal auch Selbstironie – immer wieder untermalt von diesem Lachen, das ihn spontan überfällt. Vor allem aber schafft es Köppel, seine Argumentation mit Werten zu verbinden, die viele teilen, im Grunde auch die meisten seiner Gegner: Selbstbestimmungsrecht der Völker, Asyltradition der Schweiz, Europa der Nationen, Demokratie, Unabhängigkeit und ein Schuss Anarchie. Köppel dreht das einfach anders. Er spricht bildhaft, in giftigen Wortkonstrukten. Die deutsche Bundeskanzlerin wird bei ihm zur ‹Schlepperkönigin Merkel›. Er sagt: ‹Wir können nicht ganz Afrika in Europa aufnehmen.› Über das Bild eines überfüllten Flüchtlingsbootes, das als Symbolbild für Europas Versagen durch die Medien ging, setzt er in seinem Blatt die Schlagzeile: ‹Afrikas Schuld›.»</p>
<p>Es ist nicht wirklich ein Porträt von Mensch und Werk, sozusagen die pointillistische Version mit einigen hingehauchten Tupfern. Dafür gibt es Abzug in der Inhaltsnote, aber dennoch die Gesamtnote 4,5.</p>
<p><a href="http://www.blick.ch/storytelling/2017/koeppel/" target="_blank"><strong>5. «Blick»: Klischeefreie Annäherung</strong></a><br />
Unter dem Titel «Der Köppel» tut der «Blick» etwas Unerhörtes: Er produziert ein üppig bebildertes und ausgestattetes Lesestück, das er in seiner Print-Ausgabe auf vollen zwei Seiten ausrollt und im Internet als Longform laufen lässt. Genügend Platz, um Biographie, Werdegang und aktuelles Wirken zu porträtieren: «Vom Journalisten zum Politiker, der auch eine Zeitschrift herausgibt.» Hier dürfen sogar namentlich genannte Mitarbeiter der «Weltwoche» ihren Chef kritisieren, dem auch die Möglichkeit eingeräumt wird, darauf zu replizieren. Beschreibungen wie «ohne intellektuelles Blutvergiessen geht es nicht» oder «Köppel mag es aggressiv, spitz und fulminant» sind durchaus akzeptabel, die Häme des Ringier-Verlags gegen seinen Konkurrenten hält sich in Grenzen: «Für Köppel ist das Parlament eher Bühne denn Wirkungsort. Er nächtigt während der Session oft im Fünfsternehotel Bellevue, dem besten Haus am Platz. First Class politique.»</p>
<p>Richtig spitz wird der «Blick» nur an einer Stelle: «Seine Weltsicht hat sich verengt, die Provokationen werden plumper. Anfang 2016 verharmloste Köppel in einem Editorial Reichsfeldmarschall Hermann Göring, die Nummer 2 in Nazi-Deutschland. Er zitierte leicht bewundernd aus einer 40 Jahre alten Biografie, ohne Görings Befehle zur «Endlösung der Judenfrage» zu erwähnen. Diese Huldigung war kein «Soufflieren des intelligenten Tischgesprächs», wie er den Anspruch der «Weltwoche» gern anpreist. Seine Abneigung gegenüber dem sogenannten «Mainstream» führte da den einstigen Studenten der Politischen Philosophie in die Sackgasse der Geschichtsvergessenheit.» Aber: Im umfangreichen «Blick»-Lesestück, moderner als «Storytelling» verkauft, fehlen drei Begriffe, die sonst untrennbar mit Köppel-Porträts verbunden sind: Rechtspopulist, Hetzer, Fremdenfeind. Hier wurde offensichtlich versucht, dem Porträtierten näherzukommen, ihn facettenreich darzustellen oder ganz einfach: ihm gerecht zu werden und das Urteil dem Leser zu überlassen. Wird kritisiert, bekommt Köppel fast immer Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen. Wird auf Widersprüche bei ihm hingewiesen, darf er widersprechen.</p>
<p>So ist durchaus auch die abschliessende Bilanz des Artikels erlaubt: «Würde der Journalist Köppel von einst über den Politiker Köppel von heute ein Porträt schreiben – er könnte es sich nicht verkneifen, den Begriff des «politischen Aktivdienstes» an sein Ende zu formulieren: Auf dem Schlachtfeld der Ideologien werden auch die klugen Köpfe zu Soldaten. Roger Köppel war der verheissungsvollste von ihnen.» Das reicht immer noch für eine Gesamtnote von 5,5. Begleitet vom Wunsch, dass die Autoren des Artikels ihn im Hause Ringier mit seinem Vordenker und Strippenzieher Frank A. Meyer, der Roger Köppel fast so sehr verabscheut wie den «Führer aus Herrliberg», überleben mögen.</p>
<p><strong>Epilog</strong><br />
Der Autor dieses Meta-Porträts veröffentlicht ab und an Artikel in der «Weltwoche». Ich schätze an Roger Köppel, dass er mir diese Plattform bietet. Zumal ich ihn mehrfach öffentlich auf das schärfste kritisierte und im Zusammenhang mit der Hildebrand-Affäre seinen Rücktritt forderte.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2017/01/11/wie-mache-ich-mir-ein-feindbild/">Wie mache ich mir ein Feindbild?</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Überlebensübung in der Nische</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/12/29/ueberlebensuebung-in-der-nische/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Andreas Minder]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 29 Dec 2016 15:10:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine bunte Population von Plattformen mit einem journalistischen Kontrastprogramm hat sich jenseits der grossen Medienhäuser im Internet angesiedelt. Im digitalen Biotop zu überleben, ist aber nicht ganz einfach. Ein Besuch beim «Coup»-Magazin und ein breiter Blick auf eine blühende Landschaft. Ein zum Büro umfunktionierter Kellerraum, darin vier Arbeitsplätze, ein Elektroöfeli, das notdürftig heizt. Durchs Fenster geht der <a href="https://medienwoche.ch/2016/12/29/ueberlebensuebung-in-der-nische/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Eine bunte Population von Plattformen mit einem journalistischen Kontrastprogramm hat sich jenseits der grossen Medienhäuser im Internet angesiedelt. Im digitalen Biotop zu überleben, ist aber nicht ganz einfach. Ein Besuch beim «Coup»-Magazin und ein breiter Blick auf eine blühende Landschaft.<br />
<span id="more-28563"></span><br />
Ein zum Büro umfunktionierter Kellerraum, darin vier Arbeitsplätze, ein Elektroöfeli, das notdürftig heizt. Durchs Fenster geht der Blick in einen kleinen Innenhof, dahinter ragt die Mauer des Zürcher Volkshauses in die Höhe. «Wenn die Chippendales auftreten, hören wir das Kreischen», sagt Pascal Sigg. Er ist einer der drei Gründer des <a href="http://www.coup-magazin.ch/" target="_blank">digitalen Gesellschaftsmagazins «Coup»</a>, das seit März 2016 online ist. Die Redaktionsstube entspricht dem romantischen Klischee vom Garagen-Start-up. Auch die Gründer passen gut ins Bild. Drei junge, leidenschaftliche Journalisten, die nicht glücklich wurden, mit dem, was in den etablierten Medien möglich ist. Sie wollten lange, aufwändig recherchierte Texte schreiben, statt täglich drei Geschichten rauszuhauen oder online Klicks zu generieren. Referenz waren die vergangenen Blütezeiten des «Magazins» des «Tages-Anzeigers», die deutsche Wirtschaftszeitschrift «brand eins», das Magazin «Reportagen». «Wir wollen Journalismus verkaufen, nicht Aufmerksamkeit», fasst Sigg zusammen.</p>
<p>Im November 2014 mietete er zusammen mit Andres Eberhard und Joel Bedetti das Kellerabteil im Volkshaus. Dort brüteten sie über einem Geschäftsmodell. Es musste etwas sein, das sich mit ihren anderen Jobs vertrug: Sigg arbeitet 50% auf dem Sportamt der Stadt Zürich und schreibt seine Dissertation, Eberhard hat eine 60%-Stelle als Redaktor beim Zürcher Oberländer, beide sind daneben noch als Freie tätig. Bedetti ist hauptsächlich Freelancer. Die Lösung: Eine grosse Geschichte im Umfang von 25&#8217;000 bis 35&#8217;000 Zeichen pro Monat. Online drängte sich auf, weil Druck und Vertrieb wegfielen, aber auch weil es mehr formale Flexibilität bietet als Papier. Die Basler Stiftung für Medienvielfalt der Roche-Erbin Beatrice Oeri unterstützte das Projekt mit 15&#8217;000 Franken, den sie in eine professionelle Crowdfunding-Kampagne steckten. Das Sammelziel waren 50‘000 Franken, die fürs erste Jahr reichen sollten: Zwölf Artikel à 3000 Franken für die Autorinnen und Autoren plus die Kosten von Website, Grafik, Marketing und Crowdfunding. Zwei Tage vor Ablauf der Sammelfrist stand der Pegel erst bei 30‘000 Franken, die Mission war gefährdet. Dann trat eine Einzelperson, die nicht genannt sein will, auf den Plan und schüttete das fehlende Geld in den Topf: <a href="https://wemakeit.com/projects/digitales-magazin-coup/show/news" target="_blank">«Coup» war gelandet</a>. Inzwischen stehen acht grosse Reportagen auf der Website. 400 Personen haben ein Abonnement. Zum Gründerteam sind die Journalistin Anna Miller und der Grafiker Konrad Mazanowski gestossen. «Im Januar ziehen wir eine erste Zwischenbilanz», sagt Pascal Sigg.</p>
<p><strong>Die andere Sicht</strong><br />
Die Geschichte von «Coup» ist in mehrfacher Hinsicht exemplarisch für verlagsunabhängige digitale Magazine. Viele entstanden, weil ihre Macherinnen und Macher mit der real existierenden Medienlandschaft unzufrieden waren. Das gilt auch für jenes Projekt, das derzeit am meisten von sich reden macht: <a href="https://project-r.construction/" target="_blank">«Project R»</a>. «Es ist Zeit, dass sich die Journalisten unabhängig machen und der Journalismus unabhängig von den Grossverlagen existieren kann», schreibt Constantin Seibt auf der Facebook-Seite von Project R. Der bekannte Noch-«Tages-Anzeiger»-Redaktor ist das Aushängeschild des geplanten Magazins. Er und Christof Moser, heute Reporter und Medienkritiker der «Schweiz am Sonntag», sind daran, sieben Millionen Franken Startkapital aufzutreiben. 3,5 Millionen seien bereits gesichert, schreibt der «Schweizer Journalist» in seiner Dezember-Ausgabe. Die Redaktion soll acht bis zehn Personen umfassen, denen «einigermassen branchenkonforme Löhne» bezahlt werden sollen. Losgehen soll es frühestens im Spätsommer 2017. Neben der Werbung sollen Abonnentinnen und Abonnenten das nötige Geld in die Kasse spülen. Gegenüber der Wochenzeitung WOZ <a href="http://www.woz.ch/-730f" target="_blank">hatte Seibt im Oktober gesagt</a>, Konzerne wie Tamedia würden sich zu «grossen Verteilstationen von Informationen und Waren» wandeln, was verheerende Folgen für den Journalismus, für Leserinnen und Leser und die Demokratie habe. Dem wolle das Projekt etwas entgegensetzen. Was genau, ist noch wolkig. «Grosse Schauplätze, grosse Debatten, verlässliche Argumente», und «entscheidende Fragen mit grossen Geschichten» werden die beiden Initianten im «Schweizer Journalist» zitiert.</p>
<p><a href="http://www.infosperber.ch/" target="_blank">«Infosperber»</a>, seit März 2011 im Netz, stört sich ebenfalls daran, dass sich die Zeitungen, Radio und Fernsehen zunehmend an Einschaltquoten und (sinkenden) Inserateeinnahmen orientieren. «Infosperber will diese Mainstream-Medien nicht konkurrenzieren, sondern sie ergänzen. Die Plattform setzt sich zum Ziel, allein nach gesellschaftlicher oder politischer Relevanz zu gewichten», steht in der Rubrik «über uns». Um Analysen und Hintergrund statt News und Kurzfutter geht es seit 2010 <a href="https://www.journal21.ch/" target="_blank">auch im «Journal 21»</a>. Dahinter stehen 80 erfahrene, viele davon pensionierte, namhafte Journalistinnen und Journalisten. «Wir richten uns an Leserinnen und Leser, die bereit sind, anspruchsvolle Texte zu konsumieren», schreibt Gründer Heiner Hug, ehemaliger Leiter der Tagesschau des Schweizer Fernsehens.</p>
<p><strong>Im Reich der Monopole</strong><br />
Regionale Zeitungsmonopole wirken ebenfalls als guter Nährboden, der digitale Medien spriessen lässt. In Basel bietet der Journalist Peter Knechtli seit 1998 mit seinen <a href="http://onlinereports.ch/" target="_blank">«Online Reports»</a> eine Alternative oder zumindest eine wichtige Ergänzung zur «Basler Zeitung». Das war damals eine Pioniertat, zumal als Online-Angebot. Dank Werbung und einem mit Spenden alimentierten Recherchierfonds hält sich Knechtli bis heute gut. Daran änderte sich auch nichts, als 2011 in Basel <a href="http://www.tageswoche.ch/" target="_blank">zusätzlich die «Tageswoche»</a> auf den Plan trat, eine digitale Zeitung mit einer gedruckten Ausgabe am Freitag. Der Hybrid war entstanden, nachdem die «Basler Zeitung» in Blochers Fahrwasser geriet und sie der SVP-Politiker schliesslich kaufte. Die «Tageswoche» wurde mit viel Geld der gleichzeitig gegründeten Stiftung für Medienvielfalt von Beatrice Oeri angeschoben und wird von ihr bis heute mitfinanziert.</p>
<p>Weil die Zeitungsvielfalt auch anderswo abnimmt, entstanden in jüngerer Zeit in verschiedenen Regionen digitale Alternativen. Im Reich von Hanspeter Lebruments Südostschweiz ist mit <a href="http://grheute.ch/" target="_blank">«GR heute»</a> seit September 2015 eine neue, unabhängige Stimme zu hören. In Bern gibt es das <a href="http://www.journal-b.ch/" target="_blank">«Journal B» (seit 2013)</a>, in Zug und Luzern <a href="http://www.zentralplus.ch/" target="_blank">«zentralplus.ch» (seit 2013)</a>. Urnerinnen und Urner können sich seit 2011 <a href="https://www.politcast-uri.ch/" target="_blank">auf «politcast-uri.ch»</a> Audiobeiträge anhören. Das <a href="https://tsri.ch/zh/" target="_blank">Stadtmagazin «tsüri.ch»</a> ist seit Januar 2015 online. Mit Texten, Videos und Ausgehtipps richtet es sich an ein junges, urbanes Publikum. Nach Meinung der Macher bestand für diese Zielgruppe eine Angebotslücke. Der Erfolg scheint die Diagnose zu bestätigen: Bis zu 30‘000 Menschen besuchen die Plattform monatlich.</p>
<p>«Für die Medienvielfalt sind die Online-Medien fraglos eine gute Sache», sagt die Medienjournalistin Bettina Büsser. Viele spielten auch als Ausbildungsredaktionen für junge Journalistinnen und Journalisten eine wichtige Rolle. Davon kann ein Magazin aber nicht leben. Genug Geld zu generieren, ist die grosse Herausforderung für die digitalen Medien. Es sei denn, sie betreiben Journalismus ehrenamtlich, was keine Seltenheit ist. Bei Infosperber, Journal 21 und einigen der regionalen Magazine, etwa «Journal B» in Bern, und Fachmedien arbeiten die Leute für Gottes Lohn. Die Magazine, die ihre Mitarbeitenden entlöhnen wollen, haben das Problem, dass Werbung, wie sie heute im Web funktioniert, auf so kleinen Seiten nichts hergibt, ausser ein verschandeltes Layout. Gleichzeitig zeigt sich die Leserschaft nur bedingt bereit, für das Gelesene zu bezahlen. Und Mäzene stehen auch nicht Schlange. Oft komme es zu einem Wettlauf, sagt Medienkennerin Bettina Büsser: «Reicht der Enthusiasmus so lange, bis genügend zahlende Abonnenten vorhanden sind?» Besonders in der Startphase spielten deshalb Stiftungen eine wichtige Rolle. «Ohne reiche Erben, die solche Projekte unterstützen, wäre die Landschaft ärmer.»</p>
<p><strong>Die vom Fach</strong><br />
Unübersichtlich artenreich ist die Population der digitalen Fachmedien. Unter den ersten, die den Evolutionsschritt vom Papier ins Netz machten, waren Magazine, die über die Kommunikationsbranche berichteten. Der <a href="http://www.kleinreport.ch/" target="_blank">Newsletter «Klein Report»</a> erscheint seit dem Jahr 2000. Gleich alt ist der <a href="http://www.persoenlich.com/" target="_blank">«persoenlich.com»</a>-Newsletter, die digitale Ergänzung des Hochglanzmagazins «persönlich». Jünger (seit 2011), analytischer und kritischer kommt die «Medienwoche» daher. Bei ihr gibt es keine täglichen News, sondern Hintergrundberichte, Analysen, Interviews und Meinung. Journalismus, aber auch Kunst, Musik und Dokumentarfilm werden im <a href="http://neulandmagazin.net/" target="_blank">Magazin «Neuland»</a> thematisiert. Es erscheint alle zwei Monate.</p>
<p>Was noch? Noch ganz ganze viel. Zum Beispiel <a href="https://tink.ch/" target="_blank">«Tink.ch»</a>: Das Online-Jugendmagazin feiert dieses Jahr sein 10-Jahr-Jubiläum. Es ist aus der Berner Kultur- und Stadtagenda «Youthguide» hervorgegangen und heute ein dreisprachiges Magazin mit Redaktionen in der ganzen Schweiz. Die Schreibenden sind junge Leute zwischen 15 und 30, die hier das journalistische Handwerk lernen. Oder <a href="https://www.swissmom.ch/" target="_blank">«swissmom.ch»</a>, das Fachmagazin rund ums Kinderkriegen und –haben, das dieses Jahr vom Verlegerverband einen Q-Award bekommen hat, obwohl der eigentlich Publikationen auf Papier vorbehalten ist. Oder «Das Lamm», das kritische Fragen zur Nachhaltigkeit stellt, oder «Saiten», das Ostschweizer Kulturmagazin, oder <a href="http://finews.ch/" target="_blank">«finews.ch»</a> und <a href="http://insideparadeplatz.ch/" target="_blank">«insideparadeplatz.ch»</a>, die Intimes aus der Schweizer Finanzbranche berichten, oder… Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Die grosse Vielfalt hat auch damit zu tun, dass Fachmagazine – egal ob digital oder analog – leichter zu Geld kommen, als thematisch breit aufgestellte Medien.</p>
<p><strong>Verkaufen, planen, organisieren</strong><br />
Wer jedoch einen weiten Winkel pflegen und davon leben will, muss sich was einfallen lassen. Bei «coup» zum Beispiel ist der Zeitpunkt nicht mehr fern, zu dem die Crowdfunding-Mittel zur Neige gehen. Jetzt muss wieder Geld her. Das bedeutet Klinken putzen bei Stiftungen und Privatpersonen, Bekanntheitsgrad und Abonnentenzahlen erhöhen, vielleicht einen Förderverein gründen. Also verkaufen, planen, organisieren: Machen sich Journalisten selbständig, müssen sie Dinge tun, um die sich vorher die Verlage kümmerten. «Coup»-Gründer Pascal Sigg hat damit kein Problem: «Ich finde das Unternehmerische spannend.»</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/12/29/ueberlebensuebung-in-der-nische/">Überlebensübung in der Nische</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>«Breitbart News» wird Trump-Pravda</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/11/17/breitbart-news-wird-trump-pravda/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Nov 2016 13:28:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[US-Wahlen]]></category>
		<category><![CDATA[Donald Trump]]></category>
		<category><![CDATA[Andrew Breitbart]]></category>
		<category><![CDATA[Beritbart.com]]></category>
		<category><![CDATA[Breitbart News]]></category>
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		<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Huffington Post]]></category>
		<category><![CDATA[Fox News]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Trumps Triumph ist auch ein Erfolg der ultrarechten «Breitbart News». Das Web-Portal hat mit einer aggressiven Agenda den Nährboden für Trump geschaffen. Zum Dank ernannte Donald Trump Breitbart-Präsident Stephen Bannon zu seinem Berater. Als Nächstes will das Portal nach dem Weissen Haus auch Europa erobern. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Amerikas konservative Revolution <a href="https://medienwoche.ch/2016/11/17/breitbart-news-wird-trump-pravda/">Weiterlesen ...</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Trumps Triumph ist auch ein Erfolg der ultrarechten «Breitbart News». Das Web-Portal hat mit einer aggressiven Agenda den Nährboden für Trump geschaffen. Zum Dank ernannte Donald Trump Breitbart-Präsident Stephen Bannon zu seinem Berater. Als Nächstes will das Portal nach dem Weissen Haus auch Europa erobern.<br />
<span id="more-28399"></span><br />
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass Amerikas konservative Revolution ihren Ursprung in den liberalen Küstenmetropolen Los Angeles und New York nahm. In New York erklärte der Immobilienmilliardär Donald Trump seine Präsidentschaftskandidatur. Und in Los Angeles hat die Redaktion von «Breitbart News» ihren Sitz, jenes ultrarechte Web-Portal, das sich zu einem Sprachrohr der Tea-Party-Bewegung entwickelte und im Wahlkampf zum inoffiziellen Zentralorgan der Trump-Kampagne avancierte. Beide Entwicklungen – der Aufstieg von Trump und Breitbart – sind nur zusammen zu verstehen.</p>
<p>2007 gründete der konservative Blogger Andrew Breitbart das Portal breitbart.com. Anfangs war die Seite eine Linkschleuder, die News von Agenturen und anderen Medien wie «Fox News» oder der «New York Times» aggregierte. In den Anfängen präsentierte sich das Angebot als simpel gebastelte Webseite mit ein paar lieblos arrangierten Meldungen und einer Laufschrift im html-Stil. Der Provokateur, der die rechte Webseite «Drudge Report» mit aufbaute, war angetreten, um die «alte Garde der Medien» zu verschrotten, wie er öffentlich bekannte. Er hasste den «demokratischen Medienkomplex». Sein Ziel war es, einen rechten Antipoden zur «Huffington Post» zu etablieren, die er selbst mitgegründet hatte. Als diese einen linken Kurs einschlug, wandte sich Breitbart ab und gründete Breitbart.com. Zu nationaler Bekanntheit gelangte Breitbart mit spektakulären Enthüllungen.</p>
<p>Der grösste Scoop war eine Videoreihe über die Hilfsorganisation Acorn (Association of Community Organizations for Reform Now). Der Undercover-Journalist James O’Keefe und die Studentin Hannah Giles gaben sich als Zuhälter und Prosituierte aus, die zusammen einen Prostitutionsring aufbauen wollten. Statt die Pläne zu verwerfen, gaben die Hilfsarbeiter bereitwillig Tipps zu Steuerbetrug und Menschenhandel. O’Keefe filmte die Gespräche mit versteckter Kamera. Das Land hatte einen handfesten Skandal, Amerikas Konservative einen neuen Helden. O’Keefe wurde als «Michael Moore der Rechten» gefeiert.</p>
<p>Breitbart verstand sich bestens darauf, diesen Skandal medienwirksam auszuschlachten. In einem Video geisselte der «Breitbart»-Gründer die Machenschaften bei der Hilfsorganisation Acorn als das «Abu Ghraib der Gesellschaft». Andrew Breitbart betrieb von Anfang an einen kompromisslosen Kampagnen-, zuweilen auch Krawalljournalismus. Die Enthüllungen von «Breitbart News» machten nicht nur der Hilfsorganisation Acorn den Garaus, sondern zwangen auch den Skandalpolitiker Anthony Weiner wegen seiner Sexting-Affäre zum Rücktritt. «Breitbart News» deckte die Skandale jedoch nicht aus einem aufklärerischen Impetus auf, sondern aus politischen Motiven; Journalismus paarte sich mit Aktivismus. Eine «Rage Machine», Wutmaschine, nannte der «New Yorker» das Portal einmal.</p>
<p>Big Government, Big Hollywood, Big Journalism – das waren die Themen, mit denen Breitbart gegen das verhasste Establishment anschrieb und so sind bis heute die Hauptrubriken auf Breitbart News gekennzeichnet. «Herr Breitbart verwandelte das Web in ein Sturmgewehr», schrieb die «New York Times» in einem Porträt. Weniger Watchdog als mehr ein Pitbull sei der Blogger gewesen. Ohne die Technologie des 21. Jahrhunderts wäre er nur ein wütender Mann gewesen, der aus einer Strassenecke brüllt. Breitbart habe die Regeln des Diskurses verändert, so die «New York Times». Man kann darin auch eine Erklärung für das Phänomen Trump lesen, der mit dem Megaphon sozialer Medien seine populistischen Phrasen ins Land posaunte, die in den Echokammern umso lauter nachhalten.</p>
<p>2012 brach Breitbart bei einem Spaziergang auf dem Gehweg zusammen und verstarb an Herzproblemen. Nach seinem Tod übernahm Stephen Bannon die Geschäfte von «Breitbart News», ein konservativer Hardliner, der offen homophob, islamophob und antisemitisch ist. Bannon wirkt mit seinen Holzfällerhemden, Cargo-Shorts und Flip-Flops wie ein  abgehalfterter Wiedergänger von Jeff Spicoli aus der Filmkomödie «Ich glaub’, ich steh’ im Wald». Bannon, ein ehemaliger Filmproduzent und Goldman-Sachs-Banker, baute «Breitbart News» systematisch zu einem Kampfblatt für weisse Nationalisten aus, für die Fox News zu links war. Die Artikel: Ein Potpourri aus Propaganda und Polemik. Der Ton: angreifend bis diffamierend. Die Themen: äusserst selektiv. Für «schwarze Gewalt» gibt es eine eigene Rubrik, so als müsste man die Verbrechen der afroamerikanischen Minderheit extra hervorheben. Die Überschriften («Macht Feminismus Frauen hässlich?», «Hätten Sie lieber Feminismus oder Krebs», «Die Lösung gegen Hass im Netz: Frauen sollten sich ausloggen») lesen sich wie dumpfe Macho-Sprüche, bei deren Lektüre sich die Cowboys im Flyover-Country – einer der Hauptzielgruppen – auf die Schenkel klopfen. Breitbart besitzt Korrespondentenbüros in Texas, London und Jerusalem, am Hauptsitz der Redaktion in LA, einem barock anmutenden Büro, hacken junge Redakteure Pamphlete in ihr Laptop. Autoren wie der schillernde und schmierige Tech-Redakteur Milo Yiannopoulos, eine Punk-Version von Geert Wilders, sind längst zu Stars der Alt-Right-Szene aufgestiegen, Yiannopoulos auch deshalb, weil sein Twitter-Account wegen Pöbeleien und rassistischer Anfeindungen gegen die schwarze Schauspielerin Leslie Jones dauerhaft gesperrt wurde.</p>
<p>Seitdem Trump den «Breitbart»-Boss Steve Bannon zu seinem Wahlkampfchef ernannt hat, ist die Seite zum Propagandamedium der Trump-Bewegung geworden, manche verspotten «Breitbart News» wegen der Linientreue seiner Redakteure gar als «Trump-Pravda». «Was so ungewöhnlich an Breitbart ist, ist, dass sie komplett ununterscheidbar von der Trump-Kampagne wurden», konstatiert der Medienexperte Eric Boehlert von der Organisation Media Matters for America. Es gab in der «Breitbart»-Redaktion Spekulationen, wonach Trump die Seite heimlich finanziert und für Berichte bezahlt habe («pay for play») habe, was Bannon jedoch dementierte. Gegen den Kurs gab es laut einem Bericht «Buzzfeed» vereinzelt Widerstand, ein paar wenige Redakteure protestierten gegen die Pro-Trump-Ausrichtung – vergebens. Sie wurden zum Schweigen gebracht. Bannon führt mit harter Hand.</p>
<p>Jetzt, wo Trump Bannon zum Chefstrategen im Weissen Haus befördert hat, fragt man sich, welche Absichten der Scharfmacher verfolgt. Vor allem: Was will Trump? Bannon soll den Auftrag erhalten haben, Kontakte zur ultrarechten Anhängerschaft und zum konservativen Teil der Medienlandschaft zu knüpfen. Trump, dem Beobachter bei einer Wahlniederlage Ambitionen auf einen eigenen TV-Sender («Trump TV») nachsagten, will eine Medienoffensive starten. Und bei diesem Ansinnen spielt «Breitbart» eine zentrale Rolle. Offenbar gibt es Pläne, das Medium zu einer Art Staatsfunk auszubauen. Ein ehemaliger «Breitbart»-Sprecher sagte, die Seite stehe kurz davor, ein staatliches Medienunternehmen zu werden. In Paris, Berlin und Kairo sollen weitere Korrespondentenbüros eröffnet werden, in Washington ist ein grosser Newsroom geplant, was wohl keine Zweifel daran lässt, dass «Breitbart» zu einem Hofmedium wird. 2014 sagte Bannon über sich und seine Mission: «Ausserhalb von Fox News und dem Drudge Report sind wir das drittgrösste konservative Nachrichtenseite und, ehrlich gesagt, haben wir eine grössere globale Reichweite als Fox (News). Und deshalb expandieren wir so sehr international.» «Breitbart» will auch nach Europa expandieren und weitere Ableger in Frankreich und Deutschland lancieren.</p>
<p>Anschlussfähig an das rechte Spektrum wäre Breitbart zweifellos. Der wegen Volksverhetzung verurteilte Pegida-Gründer Lutz Bachmann gab «Breitbart News» ein Exklusiv-Interview, in dem er unwidersprochen über den Begriff der Lügenpresse fabulieren durfte. Die Nazi-Kampfvokabel wurde auch von Trump-Anhängern skandiert, was die ideologische Wahlverwandtschaft zwischen den Pegidisten und Trumpisten unterstrich.</p>
<p>Die Frage ist, ob eine ultrarechte Seite wie «Breitbart News» einen Platz in der publizistischen Landschaft Deutschlands fände und ob damit ein möglicher Wahlsieg der AfD befeuert würde. Die AfD-nahe Wochenzeitung «Junge Freiheit» konnte ihre Auflage im letzten Quartal um 16 Prozent (im Vergleich zum Vorjahr) auf 23 940 Exemplare steigern, kommt aber aus der rechtskonservativen Nische nicht heraus. Auch Blogs wie «Achse des Guten» oder «PI News» fristen ein Schattendasein im Netz. Der Erfolg des Publizisten Udo Ulfkotte, der mit seinen EU- und islamkritischen Büchern («Grenzenlos kriminell», «Gekaufte Journalisten», «Mekka Deutschland: Die stille Islamisierung») regelmässig Bestseller landet, zeigt andererseits, dass solche Thesen auch im deutschsprachigen Raum auf fruchtbaren Boden fallen.</p>
<p>Trumps Triumph ist auch der Erfolg von Breitbart News – und umgekehrt. Die ethno-nationalistische Agenda, der sich die Redaktion verschrieb, lieferte den publizistischen Nährboden für den Wahlsieg Trumps. Die Ironie der Geschichte ist, dass Andrew Breitbart die Konservativen vor Trump warnte und eine Vorhersage machte, die geradezu prophetisch klingt. «Berühmtheit ist alles in diesem Land», sagte er ein Jahr vor seinem Tod. «Wenn diese Leute nicht lernen, wie man mit den Medien umgeht, werden wir wahrscheinlich einen Celebrity-Kandidaten haben.» Ab Januar 2017 sitzt dieser Celebrity-Kandidat im Weissen Haus. Es scheint, als liesse sich dieser Geist, der aus Flasche kam, nicht mehr einfangen.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/11/17/breitbart-news-wird-trump-pravda/">«Breitbart News» wird Trump-Pravda</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Rettet die Fakten!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Adrian Lobe]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 04 Nov 2016 11:26:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Journalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Fakten]]></category>
		<category><![CDATA[Faktebnprüfung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Sie tun eigentlich nur das, was Journalismus im Kern ausmacht: Faktencheck-Portale prüfen Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt und ordnen sie in einen breiteren Kontext ein. Der globale Boom dieser spezialisierten Plattformen kann als Reaktion gesehen werden auf die anhaltende Vertrauenskrise der Medien. Doch auch die Faktenprüfer stehen in der Kritik. «Fakten, Fakten, Fakten», lautete der Leitsatz des <a href="https://medienwoche.ch/2016/11/04/rettet-die-fakten/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/11/04/rettet-die-fakten/">Rettet die Fakten!</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Sie tun eigentlich nur das, was Journalismus im Kern ausmacht: Faktencheck-Portale prüfen Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt und ordnen sie in einen breiteren Kontext ein. Der globale Boom dieser spezialisierten Plattformen kann als Reaktion gesehen werden auf die anhaltende Vertrauenskrise der Medien. Doch auch die Faktenprüfer stehen in der Kritik.<br />
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«Fakten, Fakten, Fakten», lautete der Leitsatz des ehemaligen «Focus»-Chefredakteurs Helmut Markwort, den er jede Woche im Werbefernsehen vortrug. Das ist inzwischen schon ein paar Jahre her, und auch der «Focus» hat schon bessere Zeiten erlebt. Doch irgendwas muss mit diesen Fakten passiert sein. Auf der ganzen Welt schiessen Faktencheck-Portale wie Pilze aus dem Boden: von Montevideo über Mexiko City bis in den Himalaya nach Nepal.</p>
<p>Allein in den USA gibt es ein gutes Dutzend spezialisierter Angebote zur Überprüfung von Fakten. «<a href="http://factcheck.org/" target="_blank">FactCheck.org</a>» oder «<a href="http://www.politifact.com/" target="_blank">PolitiFact.com</a>» prüfen Aussagen von Politikern. Daneben betreiben auch grosse Zeitungen wie die «<a href="https://www.washingtonpost.com/news/fact-checker/" target="_blank">Washington Post</a>» oder «<a href="http://www.nytimes.com/interactive/2016/us/elections/fact-check.html" target="_blank">New York Times</a>» eigene Faktencheck-Portale, auf denen sich die Leser über den Wahrheitsgehalt von Aussagen informieren können.</p>
<p>In Grossbritannien hat Hugo Dixon, ein ehemaliger Journalist der «Financial Times», die Seite «<a href="https://infacts.org/" target="_blank">InFacts</a>» aufgebaut, die mit grossem Aufwand Fakten aus der Politik und Presse untersucht. Das Portal agiert der Form und Inhalt nach wie ein Medium. Gut 20 namhafte Journalisten, darunter der ehemalige Chefredakteur des «Guardian», Alan Rusbridger, die ehemalige Chefredakteurin von «Le Monde», Natalie Nougayrède, sowie der «Spiegel Online»-Kolumnist Wolfgang Münchau prüfen Argumente und Aussagen auf ihre Stichhaltigkeit.</p>
<p>In Deutschland, wo der Begriff des «<a href="http://www1.wdr.de/daserste/hartaberfair/faktencheck/" target="_blank">Faktenchecks</a>» durch Frank Plasbergs Diskussionsformat «Hart, aber fair» popularisiert wurde, gab es im «Zeit-Magazin» einen «Faktomat», bei dem Leser Aussagen von Politikern, die sie für unglaubwürdig hielten, vorschlagen, die von der Redaktion geprüft wurden. Das Format wurde nach sieben Folgen wieder eingestellt. Der «Spiegel»-Journalist Hauke Janssen hat zur Bundestagswahl 2013 den «<a href="http://www.spiegel.de/thema/muenchhausen_check/" target="_blank">Münchhausen-Check</a>» herausgebracht, den er in loser Folge online fortsetzte.</p>
<p>In der Schweiz prüfen Journalistinnen und Journalisten des <a href="http://www.tagesanzeiger.ch/collectionuebersicht/faktencheck/story/26470652" target="_blank">Tages-Anzeigers</a> regelmässig Aussagen, die in der SRF-Diskussionssendung «Arena» getroffen werden. Dabei greifen sie rund zehn kontroverse Behauptungen heraus, überprüfen sie auf Stichhaltigkeit und Faktengehalt. Jede überprüfte Behauptung wird schliesslich auf einer Skala zwischen falsch und richtig eingestuft.</p>
<p>Doch nicht nur in den USA und Europa, sondern auch in Ländern, wo Journalisten mit dem Tod bedroht werden, gibt es Faktencheck-Portale. In Nigeria, das in der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation «Reporter ohne Grenzen» auf Platz 116 von 180 liegt, prüft die Seite «<a href="http://www.buharimeter.ng/" target="_blank">Buharimeter</a>» die Wahlversprechen von Präsident Muhammadu Buhari. Zum Beispiel, die Verwaltungskosten zu senken. Nutzer können das jeweilige Wahlversprechen kommentieren. Unterstützt wird das Projekt vom Centre for Democracy and Development (CDD).</p>
<p>In Nepal betreibt das Portal «South Asia» mit der Unterstützung des Open Society Institute, einer Stiftung des Milliardärs George Soros, einen Faktencheck und «<a href="http://southasiacheck.org/category/earthquake-promise-check/" target="_blank">Earthquake Promise Tracker</a>», der die Versprechungen der Geldgeber nach dem schweren Erdbeben im vergangenen Jahr prüft. Das Team verfügt über einen festangestellten Redakteur sowie zwei Reporter, die investigativ recherchieren und korrupte Machenschaften aufdecken.</p>
<p>Was erklärt diesen Boom von Faktencheck-Portalen auf der ganzen Welt? Der Journalist <a href="http://www.poynter.org/author/alexios/" target="_blank">Alexios Mantzarlis</a>, Direktor und Redaktor des ‎International Fact-Checking Network am Poynter Institute in Saint Petersburg in Florida, identifiziert vier Gründe:</p>
<ol>
<li>Die Zunahme direkter Interaktion zwischen Politikern und der Öffentlichkeit über soziale Medien.</li>
<li>Die Explosion von Informationsquellen und die damit «konkurrierende Beschleunigung des Nachrichtenzyklus», der den Druck erhöhe habe, Dinge möglichst schnell, aber nicht notwendigerweise korrekt zu publizieren.</li>
<li>Die begründete oder nicht begründete Perzeption, dass traditionelle Medien diese Arbeit nicht mehr priorisieren, verbunden mit einem wachsenden Misstrauen aller Quellen von Autoritäten.</li>
<li>Die Abschaffung von Eintrittshürden für Faktenchecker in der medialen Arena. Heute ist praktisch jeder ein Faktenchecker, man kann Aussagen in ein paar Mausklicks überprüfen.</li>
</ol>
<p>«Alles, was es heute kostet, ein Faktenchecker zu sein, ist Zeit», sagt Mantzarlis im Gespräch mit der Medienwoche. «Man kann seine Ergebnisse online stellen, aber auch kostenlos Daten erschliessen, die vormals unzugänglich waren.» Natürlich ist Zeit auch Geld. Daher haben Organisationen Vorteile gegenüber Einzelkämpfern an der Faktenfront.</p>
<p>Das Faktencheck-Portal PolitiFact.com, ein Projekt der «Tampa Bay Times», das 2009 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, stuft Tatsachen mit seinem «Truth-O-Meter» auf einer Skala von «falsch», «grösstenteils falsch», «halbwahr», «grösstenteils wahr» und «wahr» ein. Die Behauptung des evangelikalen Predigers Pat Robertson, Obamas Stiefvater habe ihn als Kind in der indonesischen Hauptstadt Jakarta auf eine islamische Medresse, eine Koranschule, geschickt, bewertet PolitiFact.com mit «grösstenteils falsch». Medressen gelten als Brutstätten für islamistische Terroristen. Insofern ist diese Behauptung schon starker Tobak, weil sie Obama in die Nähe des Terrorismus rückt. Das Portal hängt sich zunächst an der Definition von Medresse auf, zitiert einen Islamexperten und verweist auf eine Erinnerung Obamas, wonach er eine katholische Schule und dann eine Schule mit überwiegender muslimischer Mehrheit besuchte. Das Faktencheck-Portal gibt hier in falsch verstandener Nuancierung Robertson teilweise Recht und kommt zu dem Ergebnis, dass die Aussage «grösstenteils falsch» sei. Das impliziert aber auch, dass sie teilweise richtig ist. So bleibt ein Restzweifel, Obama könnte ja vielleicht doch auf einer Medresse gewesen sein. Der Befund stützt damit mehr eine nachweislich falsche Tatsachenbehauptung als dass er sie klar widerlegen würde.</p>
<p>Die US-Faktencheck-Seite <a href="http://www.snopes.com/category/facts/" target="_blank">Snopes.com</a> bewertet die Frage, ob der Orlando-Attentäter Omar Mateen als Wähler der Demokraten registriert war, mit «gemischt» – was schon erkenntnistheoretisch Unsinn ist. Wie kann man eine Entscheidungsfrage mit «gemischt» beantworten? War Mateen nur «ein bisschen» Demokrat? Soll hier etwas relativiert werden? Will man den fatalen Schluss vermeiden, dass die Demokraten Schuld für das Attentat tragen? Dabei lässt sich ganz einfach überprüfen, dass Mateen als Wähler der «Florida Democratic Party» in der Stadt Fort Pierce registriert war.</p>
<p>In den USA stehen Faktencheck-Seiten in der Kritik, politische Schlagseite zu haben. Eine Studie des George Mason University Center for Media and Public Affairs kam 2013 zu dem Ergebnis, dass bei PolitiFact.com die Republikaner deutlich schlechter abschneiden. Aussagen der Republikaner waren dreimal so häufig falsch wie die der Demokraten. Daraufhin kritisierten <a href="http://www.weeklystandard.com/once-again-politifact-struggles-to-explain-data-showing-they-treat-gop-unfairly/article/732009#!" target="_blank">den Republikaner nahe stehende Medien</a> das Faktencheckportal. Es ist schon paradox: In einer Welt voller Informationen scheint die Verifizierung von Fakten immer schwieriger zu werden. Faktenchecks, die als neutrale, unabhängige Prüfinstanz auftreten, tragen damit selbst zu einer Politisierung von Fakten bei.</p>
<p>Auch Google, das sich selbst als <a href="https://www.google.com/trends/story/US_cu_n5TKtVcBAAACoM_en" target="_blank">Faktencheck-Portal</a> ausweist, suggeriert eine Evidenz, die es gar nicht haben kann – und manipuliert mutmasslich seine Suchtreffer. Nach dem dritten TV-Duell zwischen Donald Trump und Hillary Clinton war laut Google Trends eine der meistgesuchten (und vermutlich von der identitären Alt-Right-Bewegung befeuerte) Frage: «Wie viele Menschen hat Obama deportiert?» Diese Frage, die eigentlich mehr eine Verleumdung ist und schon gar nicht mehr «faktencheckbar» ist, wird letztlich mit derselben werbeoptimierten Logik beantwortet, wie Google die Frage nach dem besten Café in Brooklyn beantwortet.</p>
<p>Der Soziologe Will Davies hat in einem klugen Beitrag («<a href="http://www.perc.org.uk/project_posts/thoughts-on-the-sociology-of-brexit/" target="_blank">Thoughts on the sociology of Brexit</a>») die These aufgestellt, dass das Zeitalter der Fakten vorbei sei. Fakten würden durch Daten ersetzt. Fakten im Sinne allgemein überprüfbarer Aussagen – amtliche Statistiken oder universitäre Gutachten – dienten seit der Aufklärung als «autoritative Grundlage» für den politischen Diskurs. Doch mit der Politisierung der Wissenschaft passiert etwas, was die Autorität von Fakten untergräbt: Scheinbar unumstössliche Fakten werden angezweifelt. Man kennt das aus der Klimapolitik: Klimaschützer und Klimaskeptiker überziehen sich mit ideologischen Scharmützeln, jedes Lager hantiert mit eigenen Zahlen und Modellen und versucht seiner «objektiven» Sicht die Autorität wissenschaftlicher Unanfechtbarkeit zu verleihen. Und offensichtlich misstraut man auch den Faktencheckern.</p>
<p>Der Duke-Professor Bill Adair, Gründer des Portals PolitiFact, tüftelt an einem automatisierten Faktenchecksystem, einem Algorithmus, der Aussagen in Echtzeit als richtig oder falsch identifiziert. <a href="http://nordicapis.com/automated-fact-checking-the-holy-grail-of-political-communication/" target="_blank">Er nennt das den «heiligen Gral der Kommunikation»</a>. Der Algorithmus soll als unparteiischer Richter in Diskussionen eingreifen. Wenn also Donald Trump wieder eine seiner berüchtigten Lügengeschichten auftischt, würde der Algorithmus in einer Diskussionsrunde sofort einen Alert melden: «Falsch!». (Es gibt eine <a href="https://www.youtube.com/watch?v=b2Ec_oHjEFM" target="_blank">lustige Szene aus dem TV-Duell</a>, die die ganze Problematik ironisch verdichtet. Als Clinton flehentlich die Faktenchecker herbeiruft, brüllt Trump mehrfach ins Mikrofon: «Wrong!»). Bloss: Wenn die Suche nach der Wahrheit schon für Menschen schwierig ist, wie soll das dann eine Maschine schaffen?</p>
<p>Algorithmen sind bloss Werkzeuge, das heisst, wenn die Daten, mit denen man sie füttert, verzerrt sind, sind auch die Ergebnisse verzerrt. Zwar kann ein Algorithmus anhand einer Datenbasis sofort prüfen, ob eine Aussage wie «Ich habe noch nie für mehr Waffenkontrolle gestimmt» den Tatsachen entspricht. Bei komplexeren Zusammenhängen wird es schon schwieriger. Vor allem scheint das Instrument insofern nicht reliabel zu sein, als man mit der Widerlegung von Behauptungen jemanden nicht politisch wirksam als Lügner demaskieren kann.</p>
<p>Die «Huffington Post» wies Donald Trump in einer einstündigen Rede 71 Faktenfehler nach. Es schadete ihm nicht, im Gegenteil. Trump erhebt auch schon gar nicht mehr den Anspruch auf Faktentreue. Einer wie Trump ist stark, gerade weil er sich nicht den Vorsichtsregeln der Political Correctness nicht unterwirft, sondern sie genüsslich missachtet. Nach dem Motto: «Wahr ist, was ich euch sage, und nicht die in Washington!». Mit Faktenchecks kann dem Phänomen Trump nicht beikommen. Vor allem: Was hätte es für einen Erkenntnisgewinn, wenn ein Algorithmus die Aussage eines Bots, von denen es in Trumps Twitter-Account rund vier Millionen gibt, verifiziert? Ist das nicht ein Rückfall in mittelalterliches Denken, wo derjenige Recht hatte, der die stärksten Waffen hatte?</p>
<p>Das Magazin «Politico» veröffentlichte im vergangenen Jahr einen lesenswerten Artikel über die «Bewaffnung» von Faktencheckportalen («<a href="http://www.politico.com/magazine/story/2015/05/fact-checking-weaponization-117915" target="_blank">The Weaponization of Fact-Checking</a>»). Faktenchecks seien zu einer Waffe im politischen Diskurs geworden, mit der man den Gegner Schachmatt setzen kann. Politiker agieren vorsichtiger, weil sie Angst haben, «politifacted» zu werden. Die Folge: Man lässt sich nicht festnageln und beharrt auf einer wolkigen Sprache.</p>
<p>Dass wir einer Maschine die Verifizierung von Fakten überantworten, zeigt auch, dass wir offensichtlich kein Vertrauen mehr in unseren eigenen Wahrheitsbegriff haben. Wir glauben, dass die Wahrheit, der «holy grail», wie Bill Adair er es nennt, nur in der Maschine zu finden ist. Deshalb träumen Technik-Visionäre auch von Roboter-Richtern, einer Justitia 4.0, die den Angeklagten nur nach Ansehung der Daten beurteilt. Und auch von den automatisierten Faktencheckern, die über wahr oder falsch urteilen, lässt sich der Politiker ja faktisch letztinstanzlich beurteilen. Bloss: Wollen wir das in einer selbstbestimmten und freien Gesellschaft überhaupt? Der Irrtum der Entwickler ist, dass sich der Konsens über Fakten nicht automatisieren lässt, sondern nur in einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu finden ist. Das Zeitalter der Fakten mag vorbei sein. Jenes der demokratischen Deliberation aber sicher nicht.</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/11/04/rettet-die-fakten/">Rettet die Fakten!</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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		<title>Dezente Reform des britischen Rundfunks</title>
		<link>https://medienwoche.ch/2016/10/12/dezente-reform-des-britischen-rundfunks/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Peter Stäuber]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Oct 2016 20:31:19 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Hintergrund]]></category>
		<category><![CDATA[Royal Charter]]></category>
		<category><![CDATA[Service public]]></category>
		<category><![CDATA[BBC]]></category>
		<category><![CDATA[Grossbritannien]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Auf die Leistungen der BBC wollen selbst ihre schärfsten Kritiker nicht verzichten. Die erneuerte Konzession, die 2017 für elf Jahre in Kraft tritt, sieht darum nur punktuelle Anpassungen vor und nicht die ursprünglich erwartete Radikalkur. «Wie sich die Zeiten geändert haben», sagte Helen Boaden am vergangenen Freitag, als sie nach 34 Jahren bei der BBC <a href="https://medienwoche.ch/2016/10/12/dezente-reform-des-britischen-rundfunks/">Weiterlesen ...</a></p>
<p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/10/12/dezente-reform-des-britischen-rundfunks/">Dezente Reform des britischen Rundfunks</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Auf die Leistungen der BBC wollen selbst ihre schärfsten Kritiker nicht verzichten. Die erneuerte Konzession, die 2017 für elf Jahre in Kraft tritt, sieht darum nur punktuelle Anpassungen vor und nicht die ursprünglich erwartete Radikalkur.<br />
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«Wie sich die Zeiten geändert haben», sagte Helen Boaden am vergangenen Freitag, als sie nach 34 Jahren bei der BBC ihren Rücktritt als Radiodirektorin bekannt gab. Anfang der 1980er-Jahre seien Radio und Fernsehen beherrscht worden von den grossen öffentlich-rechtlichen Institutionen, die gut finanziert waren und rundherum Ansehen genossen. Heute hingegen stünden die Public Service Broadcasters mit dem Rücken zur Wand und müssten sich gegen den Ansturm der Konkurrenz wehren, sagte Boaden.</p>
<p>Wie die SRG in der Schweiz – und Service-Public-Medien in ganz Europa – steht die BBC seit Jahren in der Kritik: Konkurrenten und Anhänger des freien Marktes werfen ihr vor, zu einflussreich zu sein, zu viele Programme über zu viele Themen zu machen und dabei private Unternehmen vom Markt zu verdrängen. Der Druck auf die BBC hat in den vergangenen Jahren zugenommen, vor allem von konservativer Seite wird eine starke Beschränkung des Sendeauftrags und eine Senkung der Empfangsgebühren gefordert.</p>
<p>Einige finanzielle Rückschläge musste die Organisation bereits hinnehmen. So entschied die Regierung letztes Jahr, dass die BBC in Zukunft die Gebührenbefreiung der über 75-Jährigen berappen müsse – was geschätzte 650 Millionen Pfund kosten wird (im vergangenen Jahr brachte die licence fee der BBC rund 3.7 Milliarden Pfund ein). Zudem sind die Empfangsgebühren seit sechs Jahren nicht gestiegen: Sie liegen noch immer bei jährlich 145.50 Pfund pro Haushalt.</p>
<p>Mit dem Beginn der neuen Charter-Periode ab kommendem Jahr wurden weitere Einschnitte befürchtet. Die BBC-Charter definiert jeweils für ein Jahrzehnt die Aufgaben und Kompetenzen der Organisation, ähnlich der SRG-Konzession. John Whittingdale, der bis im Sommer Kulturminister war und damit verantwortlich für den neuen Rundfunkvertrag, trat selbst als vehementer Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf: Er bezeichnete die BBC als eine «staatliche Marktintervention in Höhe von 4 Milliarden Pfund» und stellte eine drastische Verkleinerung der Organisation in Aussicht.</p>
<p>Doch das White Paper – ein Entwurf der neuen Charter –, das Whittingdale im Mai 2016 veröffentlichte, fiel erheblich harmloser aus als befürchtet. Der weitherum erwartete Todesstoss für den öffentlich-rechtliche Rundfunk blieb aus, stattdessen wurden Veränderungen bei der Führungsstruktur und beim Aufsichtssystem angekündigt. Zudem sollen die BBC-Programme in Zukunft mehr Wert legen auf «distinctiveness», also auf das Besondere, das sie von der kommerziellen Konkurrenz abhebt. Darüber hinaus schlägt das White Paper sogar eine Gebührenerhöhung vor – die erste seit 2010: Ab nächstem Jahr soll der licence fee jedes Jahr gemäss der Inflation angehoben werden.</p>
<p>Der Charter-Entwurf, der Mitte September publiziert wurde, orientiert sich weitgehend an diesem White Paper, und so ist zu erwarten, dass die BBC ab dem 1. Januar 2017 nicht so anders aussehen wird als heute. Die Medienwissenschaftlerin Maria Michalis, die an der Universität Westminster lehrt, führt die Vorsicht der Regierung auf die schlichte Tatsache zurück, dass die BBC nach wie vor einen hervorragenden Ruf geniesst als unabhängige, unparteiische Organisation, die qualitativ hochstehende Inhalte produziert. Auf die «soft power», die die BBC im Ausland ausübt, wollen auch ihre Kritiker nicht verzichten. «Sie ist eine der wichtigsten britischen Institutionen, und deshalb müssen Kritiker achtsam vorgehen», sagt Michalis.</p>
<p>Doch der Druck auf den Service Public wird anhalten. «Besonders mit dem Aufkommen des Internets und der technologischen Konvergenz ist der Medienmarkt stark gewachsen, und so stehen die Rundfunksender nicht nur untereinander in Konkurrenz, sondern auch zu Zeitungsverlagen», sagt Michalis – und diese haben genau wie die kommerziellen Sender ein Interesse an einem kleineren Service Public. «Zeitungen sind derzeit auf der Suche nach einem neuen Finanzierungsmodell, sie versuchen es etwa mit Paywalls und anderen Methoden. Rundfunksender, die Inhalte und Nachrichten gratis zur Verfügung stellen, helfen ihnen da überhaupt nicht», sagt Michalis.</p>
<p>In Deutschland beispielsweise verklagten elf Zeitungsverlage die ARD, weil ihre Tagesschau-App mit ihrem «presseähnlichen», also textlastigen Angebot den Markt verzerre. Das Oberlandesgericht Köln urteilte Ende September zugunsten der Zeitungsverlage. Das Urteil bezieht sich zwar auf das App in der Form, die es 2011 hatte, aber der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger sieht den Entscheid als eine Bestätigung seines Standpunkts, dass es im Internet keine öffentlich-rechtliche Zeitung geben darf.</p>
<p>Allerdings gibt es kaum Beweise, dass die BBC – wie ihr immer wieder vorgeworfen wird – andere Marktteilnehmer verdränge, meint Michalis. «In vielen Fällen schafft sie vielmehr neue Märkte. Zum Beispiel mit der Lancierung des iPlayers, mit dem die Zuschauer Programme im Internet anschauen können, nachdem sie ausgestrahlt worden sind.» Dieses Modell wurde danach von vielen anderen Fernsehsendern erfolgreich kopiert.</p>
<p>Bei der Finanzierung unterscheidet sich die BBC in wesentlichen Punkten von den meisten kontinentalen Rundfunkveranstaltern. Zwar stellen Empfangsgebühren auch in Grossbritannien die Haupteinnahmequelle für den medialen Service public dar, aber im Unterschied zur SRG nimmt die BBC kein Geld aus der Werbung ein. Dafür hat sie einen kommerziellen Zweig, dessen Bedeutung in den vergangenen Jahren gestiegen ist: BBC Worldwide ist eine Tochterfirma der BBC und vermarktet deren Inhalte und Formate im Ausland. Der grösste Hit vom letzten Jahr war der Film Sherlock: The Abominable Bride, für den Lizenzen in über 200 Länder verkauft wurden. Im Finanzjahr 2015/16 nahm das Unternehmen eine Milliarde Pfund ein, von der 222 Millionen an die BBC flossen – ein Anstieg von 17,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.</p>
<p>Die BBC nimmt seit ihren Anfängen in den 1920er-Jahren Geld mittels unternehmerischer Aktivitäten ein, aber erst 1979 wurde diese Aufgabe einem kommerziellen Unternehmen übertragen (bis 1995 hiess es BBC Enterprises). Die Einkünfte aus dem Verkauf von BBC-Inhalten sorgen unter anderem dafür, dass die Gebühren tief gehalten werden können. «Besonders weil die BBC unter immer stärkerem finanziellem Druck steht, wird das Geld aus den kommerziellen Aktivitäten wichtiger», sagt Maria Michalis. Aber das Modell berge auch Gefahren: «Kommt irgendwann ein Punkt, an dem die BBC ihr Programm nach dem kommerziellen Potenzial ausrichtet? Das heisst, werden sie dann nur noch Inhalte produzieren, mit denen sich möglichst viel Geld machen lässt?»</p><p>The post <a href="https://medienwoche.ch/2016/10/12/dezente-reform-des-britischen-rundfunks/">Dezente Reform des britischen Rundfunks</a> first appeared on <a href="https://medienwoche.ch">MEDIENWOCHE</a>.</p>]]></content:encoded>
					
		
		
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