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journalismus
Ronnie Grob, 21. August 2015, 12:48

Viele journalistische Projekte im Internet bleiben Herzensangelegenheiten, denn Werbegelder gibt es dafür kaum. Wer Geld verdienen will, muss sich ganz auf eine hohe Zahl von Seitenaufrufen und Interaktionen in Sozialen Medien konzentrieren. Der Journalismus verändert sich dadurch. Oder schafft sich ab.

Was haben wir uns vom Journalismus
im Internet
versprochen – und was wurde bisher eingelöst? Sind Printmedien tatsächlich tot oder stehen sie vor einem Comeback? Die MEDIENWOCHE beleuchtet in einer Serie die Veränderungen des Journalismus durch das Internet.

Ich habe in den letzten Jahren sehr viele journalistische Projekte im Internet vorgestellt. Viele von ihnen sind gescheitert oder dümpeln vor sich hin. Clack.ch beispielsweise weilt seit Monaten in den Sportferien, auf Promiagent.ch oder Bar-storys.ch gibt es keine neuen Beiträge mehr. Klatschheftli.ch, Topcomments.ch, Fehler.li sind eingestellt. Auch den von Peter Hogenkamp gegründeten Verlag Blogwerk, der ab 2006 mit Blogs Geld verdienen wollte, gibt es nicht mehr. Meine damaligen Texte auf Medienlese.com sind nun zum zweiten Mal unter einer anderen URL zu finden.

Zum grossen, nachhaltigen Erfolg, gar zu einer Goldgrube sind Internet-Medien mit publizistischer Qualität bisher kaum geworden. Zwar konnten ernsthafte und wichtige Projekte wie das medienkritische Bildblog oder die Internetpolitik-Site Netzpolitik Spenden und Abonnements generieren; doch damit können gerade mal die Mitarbeiter bezahlt werden. Hyperlokale Blogs, als geniale Alternative zur verknöcherten Lokalzeitung gefeiert, kämpfen um ihr wirtschaftliches Überleben. Die im Frühling 2014 gesammelten 37.176 Euro für das Wissenschaftsmagazin «Substanz» sind verbraucht, man macht «Pause». Selbst erfolgreich 1 Million Euro sammelnde Crowdfunding-Projekte wie Krautreporter.de müssen sich anstrengen, um im Jahr 2 ihres Bestehens zu überleben.

Bisher haben sich neue deutschsprachige, publizistisch wertvolle Internetprojekte vor allem in von den traditionellen Medien vernachlässigten Bereichen wie eben Medienkritik oder Netzpolitik gebildet und etabliert. Gut funktionieren auch Projekte, die Inhalte sammeln, ordnen und beschreiben, also kuratieren – eine Funktion, die auch Soziale Medien sehr gut erfüllen.

Klicks und Interaktionen durch Überzeichnungen

Vorwürfe muss man den journalistischen Unternehmern keine machen. Wer – Status 2015 – nicht Geld sammeln, sondern Geld verdienen will mit Inhalten im Netz, ist dazu gezwungen, viele Leser zu vielen Interaktionen zu bringen, und das passiert nicht mit ausgewogenen, vernünftigen Journalismus. Sondern mit Emotionen, Sex, Kriminalität, Satire, Gerüchten, Überzeichnungen, Halb- und Unwahrheiten. Das Träumen von einer anderen Welt ist zwar nach wie vor erlaubt, doch die Realität des «Journalismus» online sieht so schlimm aus wie Focus.de oder Huffingtonpost.de. Portale, die für einen Klick oder ein Like wohl auch ihre Grossmutter verkaufen würden.

Der Fokus auf das Erreichen möglichst vieler Interaktionen in Sozialen Netzwerken hat Portale wie Likemag.com, Storyfilter.com oder Heftig.co hervorgebracht. Sie preisen ihre Storys an wie Türsteher vor Stripclubs, die arglose Touristen zu einem Besuch anregen wollen. Dafür verwenden sie nicht selten die Substanz von anderenorts aufgeschnappten Storys, schmücken diese aus und ernten so die Aufmerksamkeit von wenig medienaffinen Personen. Mit Journalismus haben solche Projekte so wenig zu tun wie die Neue Zürcher Zeitung mit Lockerheit oder die britische Zeitung Daily Mail mit der Wahrheit.

Auswirkungen der Auswertungen

Mit den Sozialen Netzwerken und der Möglichkeit, das Verhalten der Leser minuti­ös zu messen, ist die Quote in einen vormals quotenfreien Bereich des Journalismus gekommen – und zwar durch die Auswertung von Klicks, Visits, Shares, Likes, Favs, Retweets, Hearts, Thumbs up, etc. Wer darauf schielt beim Schreiben, erzeugt ein anderes Produkt. Und wer ein anderes Produkt erzeugt, braucht dafür andere Leute. Billigere, jüngere Kräfte in den Redaktionen konkurrenzieren deshalb sehr konkret die altgedienten Kräfte. Rainer Stadler stellte kürzlich fest, dass «das Personal, das sich längerfristig in ein Sachgebiet vertiefen kann», rar wird. Die Veränderungen führen, wie es beim «Spiegel» oder bei der NZZ zu beobachten war, zu grossen, innerbetrieblichen Abwehrschlachten, zu Budgetkriegen.

Die Verschiebungen von zugeteilten Geldern verändern die Qualität des Produkts. Wer dem Praktikant die Verantwortung überträgt, darf sich nicht wundern, wenn es Qualitätsprobleme gibt. Man bemerkt den Qualitätsverlust, wenn man auf längere Stücke journalistisch etablierter Marken stösst, auf Beiträge, die vor zehn oder vor fünfzehn Jahren erschienen sind; sie haben oft sehr viel mehr Substanz als heutige Beiträge.

Weil Leser nur eine Marke wahrnehmen, schadet die Klickjägerei von Focus Online eben auch dem Printprodukt Focus – oder zieht die Qualität von beiden Titeln herunter. Die gesunkene Qualität bringt schliesslich Abonnenten dazu, ihre Abos zu kündigen. Ein Teufelskreis mit einem absehbarem, bösen Ende. Wiederum ist es aber auch nicht so, als hätten Print-Titel, die sich dem Internet ferngehalten haben, keine Verluste.

Versuchsanlage «Welt»-Feuilleton

Sehr schön zu beobachten sind die Personalverschiebungen innerhalb einer Marke im Feuilleton der «Welt», das kürzlich eine Reihe von ganz jungen Leuten angestellt hat, die man sicher ungestraft Inszenierungsjournalisten oder Krawalljournalisten nennen darf. Frédéric Schwilden beispielsweise, der auf seinem Profilbild (Achtung: Provokation!) Schnurrbart, Seitenscheitel und dämonischen Blick spazieren führt. In seinen Texten, sorry, Schlagzeilen, bringt er sich mit grosser Emotion ein («Ohne Stefan Raab hätte ich mich umgebracht»), erweitert den Kulturbegriff («Jetzt hat Miley Cyrus‘ auch ihr Nippelgate») und fürchtet sich nach einem publizierten Artikel zuhause («Wie der Rapper Fler die ‹Welt› bedroht»). Andere, die Boulevard fahren, bittet er dann aber mit deutlichen Worten um etwas mehr Zurückhaltung: «Verschont uns mit Mozarts flachen Fäkal-Witzchen!»

Die Devise der neuen, von Performance getriebenen Medienordnung lautet: Wer Aufmerksamkeit holt, gewinnt. Wie, ist fast egal. Diesen Frühling teilte eine Facebook-Freundin den Artikel «Schafft endlich den Pfingstmontag ab!» von Politikredakteur Matthias Kamann mit dem Kommentar: «Hallo Welt! Selten so nen subjektiven Bullshit gelesen. Was hier für Leute schreiben…». Kurz: Das Konzept des Axel-Springer-Verlags, alle journalistischen Produkte entweder auf dem breiten Boulevard («Bild») oder auf dem sich über den Sumpf erhebenden Boardwalk («Welt») zu verteilen, und von den Intensivnutzern dieser Inhalte Geld zu verlangen, geht auf. Dank Menschen, die diese Storys beachten und teilen.

Zu Folgern bleibt: Wenn nur noch die Klickperformance zählt und nicht mehr die Argumente, der Nachrichtenwert oder die Qualität, dann hat sich der Journalismus – will man ihn denn noch so nennen – grundlegend verändert.

Hinweis: Links auf klickgierende Storys und Websites wurden mit Absicht unterlassen.

Übersicht der Serie zum Journalismus im Internet:
1. Teil: Die Enttäuschung
2. Teil: Die Klicks

Ronnie Grob
AUTOR

Ronnie Grob

Autor MEDIENWOCHE

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Leserbeiträge


  1. Klaus, 25. August 2015, 11:01

    "Wer heutzutage Geld verdienen wolle, sei „dazu gezwungen, viele Leser zu vielen Interaktionen zu bringen, "
    .
    Achwas?! Wie wär's mit "arbeiten" um Geld zu verdienen? Ist das nicht 'cool' genug? zu anstrengend? image description

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  2. André Heller, 28. September 2015, 20:56

    Vorwürfe muss man den journalistischen Unternehmern nicht machen


    Ich hoffe schwer, dass ich die Ironie übersehen habe. Wenn man nach weit über hundert Jahren gedrucktem Journalismus nicht die Fehler in den eigenen Reihen sucht, ist das doch grotesk. Schon mal was von Angebot und Nachfrage gehört. Wenn nicht genügend Leute für die Bezahlung gefunden werden, könnte es durchaus das falsche Angebot sein. Früher konnte man sich schön einreden das alles super ist, weil man nur aus Abos und ganzen Zeitungen wählen kommte. Jetzt, wo direktes Feedback möglich ist, einfach der Gesellchaft die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist sicher auch ein Teil des Problems. Zudem würde es helfen das Internet als das zu sehen was es ist: Ein von MENSCHEN gesteuertes Kommunikationsmittel. image description

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