von Peter Stäuber

Dezente Reform des britischen Rundfunks

Auf die Leistungen der BBC wollen selbst ihre schärfsten Kritiker nicht verzichten. Die erneuerte Konzession, die 2017 für elf Jahre in Kraft tritt, sieht darum nur punktuelle Anpassungen vor und nicht die ursprünglich erwartete Radikalkur.

«Wie sich die Zeiten geändert haben», sagte Helen Boaden am vergangenen Freitag, als sie nach 34 Jahren bei der BBC ihren Rücktritt als Radiodirektorin bekannt gab. Anfang der 1980er-Jahre seien Radio und Fernsehen beherrscht worden von den grossen öffentlich-rechtlichen Institutionen, die gut finanziert waren und rundherum Ansehen genossen. Heute hingegen stünden die Public Service Broadcasters mit dem Rücken zur Wand und müssten sich gegen den Ansturm der Konkurrenz wehren, sagte Boaden.

Wie die SRG in der Schweiz – und Service-Public-Medien in ganz Europa – steht die BBC seit Jahren in der Kritik: Konkurrenten und Anhänger des freien Marktes werfen ihr vor, zu einflussreich zu sein, zu viele Programme über zu viele Themen zu machen und dabei private Unternehmen vom Markt zu verdrängen. Der Druck auf die BBC hat in den vergangenen Jahren zugenommen, vor allem von konservativer Seite wird eine starke Beschränkung des Sendeauftrags und eine Senkung der Empfangsgebühren gefordert.

Einige finanzielle Rückschläge musste die Organisation bereits hinnehmen. So entschied die Regierung letztes Jahr, dass die BBC in Zukunft die Gebührenbefreiung der über 75-Jährigen berappen müsse – was geschätzte 650 Millionen Pfund kosten wird (im vergangenen Jahr brachte die licence fee der BBC rund 3.7 Milliarden Pfund ein). Zudem sind die Empfangsgebühren seit sechs Jahren nicht gestiegen: Sie liegen noch immer bei jährlich 145.50 Pfund pro Haushalt.

Mit dem Beginn der neuen Charter-Periode ab kommendem Jahr wurden weitere Einschnitte befürchtet. Die BBC-Charter definiert jeweils für ein Jahrzehnt die Aufgaben und Kompetenzen der Organisation, ähnlich der SRG-Konzession. John Whittingdale, der bis im Sommer Kulturminister war und damit verantwortlich für den neuen Rundfunkvertrag, trat selbst als vehementer Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf: Er bezeichnete die BBC als eine «staatliche Marktintervention in Höhe von 4 Milliarden Pfund» und stellte eine drastische Verkleinerung der Organisation in Aussicht.

Doch das White Paper – ein Entwurf der neuen Charter –, das Whittingdale im Mai 2016 veröffentlichte, fiel erheblich harmloser aus als befürchtet. Der weitherum erwartete Todesstoss für den öffentlich-rechtliche Rundfunk blieb aus, stattdessen wurden Veränderungen bei der Führungsstruktur und beim Aufsichtssystem angekündigt. Zudem sollen die BBC-Programme in Zukunft mehr Wert legen auf «distinctiveness», also auf das Besondere, das sie von der kommerziellen Konkurrenz abhebt. Darüber hinaus schlägt das White Paper sogar eine Gebührenerhöhung vor – die erste seit 2010: Ab nächstem Jahr soll der licence fee jedes Jahr gemäss der Inflation angehoben werden.

Der Charter-Entwurf, der Mitte September publiziert wurde, orientiert sich weitgehend an diesem White Paper, und so ist zu erwarten, dass die BBC ab dem 1. Januar 2017 nicht so anders aussehen wird als heute. Die Medienwissenschaftlerin Maria Michalis, die an der Universität Westminster lehrt, führt die Vorsicht der Regierung auf die schlichte Tatsache zurück, dass die BBC nach wie vor einen hervorragenden Ruf geniesst als unabhängige, unparteiische Organisation, die qualitativ hochstehende Inhalte produziert. Auf die «soft power», die die BBC im Ausland ausübt, wollen auch ihre Kritiker nicht verzichten. «Sie ist eine der wichtigsten britischen Institutionen, und deshalb müssen Kritiker achtsam vorgehen», sagt Michalis.

Doch der Druck auf den Service Public wird anhalten. «Besonders mit dem Aufkommen des Internets und der technologischen Konvergenz ist der Medienmarkt stark gewachsen, und so stehen die Rundfunksender nicht nur untereinander in Konkurrenz, sondern auch zu Zeitungsverlagen», sagt Michalis – und diese haben genau wie die kommerziellen Sender ein Interesse an einem kleineren Service Public. «Zeitungen sind derzeit auf der Suche nach einem neuen Finanzierungsmodell, sie versuchen es etwa mit Paywalls und anderen Methoden. Rundfunksender, die Inhalte und Nachrichten gratis zur Verfügung stellen, helfen ihnen da überhaupt nicht», sagt Michalis.

In Deutschland beispielsweise verklagten elf Zeitungsverlage die ARD, weil ihre Tagesschau-App mit ihrem «presseähnlichen», also textlastigen Angebot den Markt verzerre. Das Oberlandesgericht Köln urteilte Ende September zugunsten der Zeitungsverlage. Das Urteil bezieht sich zwar auf das App in der Form, die es 2011 hatte, aber der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger sieht den Entscheid als eine Bestätigung seines Standpunkts, dass es im Internet keine öffentlich-rechtliche Zeitung geben darf.

Allerdings gibt es kaum Beweise, dass die BBC – wie ihr immer wieder vorgeworfen wird – andere Marktteilnehmer verdränge, meint Michalis. «In vielen Fällen schafft sie vielmehr neue Märkte. Zum Beispiel mit der Lancierung des iPlayers, mit dem die Zuschauer Programme im Internet anschauen können, nachdem sie ausgestrahlt worden sind.» Dieses Modell wurde danach von vielen anderen Fernsehsendern erfolgreich kopiert.

Bei der Finanzierung unterscheidet sich die BBC in wesentlichen Punkten von den meisten kontinentalen Rundfunkveranstaltern. Zwar stellen Empfangsgebühren auch in Grossbritannien die Haupteinnahmequelle für den medialen Service public dar, aber im Unterschied zur SRG nimmt die BBC kein Geld aus der Werbung ein. Dafür hat sie einen kommerziellen Zweig, dessen Bedeutung in den vergangenen Jahren gestiegen ist: BBC Worldwide ist eine Tochterfirma der BBC und vermarktet deren Inhalte und Formate im Ausland. Der grösste Hit vom letzten Jahr war der Film Sherlock: The Abominable Bride, für den Lizenzen in über 200 Länder verkauft wurden. Im Finanzjahr 2015/16 nahm das Unternehmen eine Milliarde Pfund ein, von der 222 Millionen an die BBC flossen – ein Anstieg von 17,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Die BBC nimmt seit ihren Anfängen in den 1920er-Jahren Geld mittels unternehmerischer Aktivitäten ein, aber erst 1979 wurde diese Aufgabe einem kommerziellen Unternehmen übertragen (bis 1995 hiess es BBC Enterprises). Die Einkünfte aus dem Verkauf von BBC-Inhalten sorgen unter anderem dafür, dass die Gebühren tief gehalten werden können. «Besonders weil die BBC unter immer stärkerem finanziellem Druck steht, wird das Geld aus den kommerziellen Aktivitäten wichtiger», sagt Maria Michalis. Aber das Modell berge auch Gefahren: «Kommt irgendwann ein Punkt, an dem die BBC ihr Programm nach dem kommerziellen Potenzial ausrichtet? Das heisst, werden sie dann nur noch Inhalte produzieren, mit denen sich möglichst viel Geld machen lässt?»

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