von Ronnie Grob

Schweizer «Tatort»: Häsli in Lozärn

Der erste Schweizer «Tatort» nach neun Jahren Pause sorgte für Diskussionen im Vorfeld und für Überraschung und Unverständnis während der Ausstrahlung. In unzähligen Kommentaren auf Twitter fiel er durch. Ohne die von der ARD geforderte Nachsynchronisation ins Schweizerhochdeutsch hätte sich die Kritik des deutschen Publikums im üblichen Rahmen gehalten. Denn eigentlich war es ein recht durchschnittlicher «Tatort». Nicht herausragend, aber auch nicht so schlecht.

Was hat der erste Schweizer «Tatort» nach neun Jahren Pause nicht alles an Diskussionen ausgelöst. Eine siebenminütige Szene mit der Figur Josef Ebnöther (Peter Wyssbrod), im Drehbuch als «Politiker, rechter Rand, unterste Schublade» beschrieben, wurde schon im Vorfeld abgeändert, da sie der SRF-Kulturchefin Nathalie Wappler zu klischeehaft erschien. So ist nun nicht ein Bewohner eines Bauernhofs zu sehen, sondern ein Rollstuhlfahrer in einem Einfamilienhaus (mehr dazu bei kleinreport.ch oder persoenlich.com).

Das erste Mal aus dem Dämmerschlaf, in den mich fast jeder «Tatort» zwingt, aufgewacht bin ich bei der Szene, die stern.de eine «abgeschmackte Bettszene» nennt. Kriminalpolizist Reto Flückiger (Stefan Gubser) lässt sich von Mitarbeiterin Abigail Lanning (Sofia Milos) ausziehen, nachdem er ihr Hotelzimmer heroisch von dort nistenden Vögeln befreit hat. Diese Szene ist eine der besten der fast 90 Minuten und wirkt etwas wie aus einem James-Bond-Film. Und eben weil sie was hat, wird sie gegen Ende des Films gleich nochmals auf ironische Art wiederholt.

Das zweite Mal aufgeschreckt bin ich bei der Schiessszene im multikulturellen Schweizer Wohnblock. Diese rasanten drei Minuten sind wenigstens mal nicht langweilig – wenn auch völlig unrealistisch. Das osteuropäisch-schweizerische Gangsterpaar küsst sich inmitten eines Schusswechsels? Und «Äbi» schiesst so auf den glatzköpfigen Würger, dass ein Durchschuss auch Bett- und Arbeitspartner Flückiger getötet hätte (Szene ab Minute 75)?

Dass es für den Schweizer «Tatort» nicht einfach werden würde, war zum Vornherein klar. So warnte die NZZ schon im April:

Die Ansprüche an den «Tatort» sind sehr hoch, es wartet ein chronisch unzufriedenes und mäkelndes Sonntagabend-Fernsehpublikum.

Unter der Zuseherschaft, die sich dazu bei Twitter äussert, ist das Werk mehrheitlich durchgefallen (siehe dazu unsere Bildergalerie). Sauer aufgestossen ist die von der ARD geforderte Nachsynchronisation in eine, jedenfalls in der Schweiz, so gar nicht existierende Sprache, von «Blick» als «Bauerndeutsch» bezeichnet. Merke: Die ARD gibt extra Geld aus, um deutsche Klischees von der Schweiz zu zementieren. Eine saubere Lösung wäre entweder Bühnendeutsch oder aber Schweizerdeutsch mit deutschen Untertiteln gewesen. Erstaunlich, dass das Schweizer Fernsehen nicht darauf gepocht hat, die bühnendeutsche Fassung zu senden. Dabei sein ist offenbar alles.

Immerhin sieht Luzern aus wie immer (schön und schön langweilig), die Anmachhemmungen von Schweizer Männern gegenüber attraktiven Frauen werden realistisch abgebildet (irgendwann hat sie ihn dann rumgekriegt) und die eine oder andere helvetische Eigenart konnte sauber platziert werden («Häsli, ich geh jetzt eine zeitlang weg»). Alle Klischees wurden bestätigt: Das von der ARD als Gremium der Gremlins, das von einem SRF, das aus Angst vor Konflikten vorzensiert, das von den langsamen, langweiligen Schweizern, die nur durch einen US-Serienstar aufgepeppt werden können.

«Tatort: Wunschdenken» (mediathek.daserste.de, 88:40 Minuten)
«Tatort – Wunschdenken» (videoportal.sf.tv, 88:40 Minuten)

Kommentieren Antworten abbrechen

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Martin Gerber 15. August 2011, 10:00

ich begreif einfach nicht wozu der ganze Hype um Tatort. Ich hab seit 30 Jahren keinen Tatort mehr gesehen. Warum die Aufregung? Hab ich was verpasst. Derrick, der Alte, Tatort, Fall für zwei, das war doch als Kind noch spannend als man es nicht hätte schauen dürfen. Aber heute? ich kapiers einfach nicht. Bitte um Aufklärung.

Antworten...

Ronnie Grob 15. August 2011, 10:14

Ich begreife es auch nicht. Aber hier in Berlin schaut das gefühlt JEDER und JEDE.

Antworten...

Martin Gerber 15. August 2011, 12:11

nun berichtet auch noch Info3 auf DRS darüber. ich verstehe die Welt nicht mehr…

Antworten...

Kurt Piller 15. August 2011, 14:12

Interessant, in der Bild wird behauptet, SRF habe alles nachsynchronisieren lassen.

Antworten...

Martin 16. August 2011, 13:40

Also ich fand ihn gar nicht so schlecht, hatte schon andere von Deutschland geshen die langweiliger sind als der neue von der Schweiz, ich fand ihn spannend!

Antworten...