von René Zeyer

Im «Spiegel» verschwindet ein Breitbart-Vergleich

Es mag menschlich verständlich sein, einem Konkurrenten im Vorbeigehen eine reinwürgen zu wollen. Wenn das aber der «Spiegel» in seinen Spalten tatsächlich tut und den Vorgang nicht für weiter erklärungsbedürftig hält, dann zeugt das von einer Sittenverluderung. Anmerkungen zur nicht existenten Fehlerkultur des «Spiegel».

In seiner Jubiläumsausgabe zum 70. Geburtstag zeigte der «Spiegel» auf, durch welche vielen Stationen ein Manuskript wandert, bis es schliesslich als Artikel gedruckt oder online veröffentlicht wird. Neben mehrfachen Korrektur- und Redigierrunden ist der «Spiegel» besonders stolz darauf, dass er als inzwischen eines der wenigen Medien im deutschen Sprachraum noch über eine wohlbestückte Dokumentations-Abteilung verfügt, die jede Tatsachenbehauptung auf ihre faktische Richtigkeit überprüft. Wie das deutsche Medienmagazin Meedia haarklein nachweist, kommt es dennoch zu eigentlichen Aussetzern, die tief in die Befindlichkeit der Redaktion blicken lassen.

Im Rahmen der «Spiegel»-Berichterstattung über die bevorstehenden Bundestagswahlen findet sich in einem Porträt des FDP-Spitzenkandidaten Christian Lindner in der Printausgabe folgender Satz: «Kurz darauf verbreitete er [Lindner] diese These der AfD-Spitzenkandidatin in Interviews und auf Facebook. Sie geht zurück auf einen Artikel auf Focus.de, einer deutschsprachigen Version von Breitbart News [Hervorhebung red.], der später korrigiert werden musste.»

Breitbart News ist das Sturmgeschütz der sogenannten Alt-Right-Bewegung in den USA. Ihr Chefredaktor und Besitzer Stephen Bannon war bis vor Kurzem strategischer Chefberater von Präsident Trump und ist inzwischen wieder auf die Kommandobrücke des Online-Mediums zurückgekehrt, das immer wieder mit Fake News auffällt. Die es gelegentlich sogar korrigiert.

Das musste nun auch der «Spiegel» tun. Allerdings handelte der in seiner eigenen Art. In der Online-Version des gleichen Artikels lautet der gleiche Satz ab Montagmittag verkürzt: «Sie geht zurück auf einen Artikel auf Focus.de, der später korrigiert werden musste.» Der Vergleich mit Breitbart steht nicht mehr da. Während für die Printausgabe natürlich «gedruckt ist gedruckt» gilt, gehört es normalerweise zum guten Ton beim «Spiegel», nachträgliche Korrekturen online deutlich auszuweisen. Hier liess es das Blatt bei einem lapidaren Satz bewenden: «Dieser Artikel wurde nachträglich bearbeitet.»

Auf Nachfrage von Meedia machte es ein «Spiegel»-Sprecher nur noch schlimmer: «Ja, wir haben die Passage in unserer digitalen Ausgabe korrigiert. Sie ist missverständlich und konnte beispielsweise so gelesen werden, als sei Focus.de eine Tochterfirma von Breitbart. In der Hektik der Heftproduktion können Ungenauigkeiten bisweilen vorkommen, und dann korrigieren wir sie.» Bereits zuvor hatte ein Medienjournalist auf Twitter auf den merkwürdigen Satz aufmerksam gemacht und handelte sich vom Chef vom Dienst des «Spiegel online» die Antwort ein: «Gibt es Gegenargumente? Der Satz ist wahr, sonst hätte er die Fact Checker nicht passiert, für die allein Belege zählen.»

Das alles ist kein Anlass, Häme über den «Spiegel» zu giessen. Aber Besorgnis zu äussern. Denn es ist kein Einzelfall. Seitdem Donald Trump US-Präsident geworden ist, befürchtet der «Spiegel» das nahende «Ende der Welt» und hat sich fest vorgenommen, diese in Trump personalisierte Bedrohung wegzuschreiben. Dafür nimmt das Nachrichtenmagazin auch Kollateralschäden in Kauf. Bereits im Juli hatte der «Spiegel» klammheimlich die Notizensammlung «Finis Germania» des deutschen Historikers Rolf Peter Sieferle aus seiner Sachbuchbestsellerliste entfernt. Und die Begründung nachgereicht, sie sei «rechtsradikal, antisemitisch und geschichtsrevisionistisch», daher wolle der «Spiegel» «den Verkauf eines solchen Buchs nicht befördern».

Damals handelte es sich nicht um eine in der «Hektik» der Heftproduktion entstandene Fehlleistung, sondern um eine wohlüberlegte Zensurmassnahme. Besorgniserregend ist in beiden Fällen die Fehlerkultur, die beim «Spiegel» herrscht. Es mag noch menschlich verständlich sein, dass man dem Konkurrenten «Focus» im Vorbeigehen eine reinwürgen will. Es mag noch nachvollziehbar sein, dass ein erfahrener Polit-Journalist des «Spiegel» das mit höhnischem Grinsen in die Tasten haut. Aber dann? Laut Eigenlob wird jeder Artikel anschliessend vom Ressortleiter, von redigierenden Textern, von diversen Korrekturstationen, nochmal vom Autor und nicht zuletzt von den Faktencheckern auf Herz und Nieren überprüft. Meinung ist dabei eine Sache, Polemik ist immer erlaubt. Aber Focus.de sei «eine deutschsprachige Version von Breitbart News»? Das ist schlichtweg eine falsche Tatsachenbehauptung, die allen an der Herstellung dieses Artikel Beteiligten aufgefallen sein muss und ist.

Was würde der «Spiegel» sagen, wenn man ihn als deutschsprachige Ausgabe der «New York Times», des «Economist», des «Guardian» und der «Financial Times» bezeichnen würde, von denen er, gelinde formuliert, viele Anregungen für Artikel übernimmt? Das wäre nicht mal rufschädigend, sondern höchstens ein etwas vergiftetes Lob. Das Nachrichtenmagazin würde sich durchaus darüber erregen und es nicht unbedingt bei einer Streichung des Satzes und der Anmerkung «der Artikel wurde nachträglich bearbeitet» bewenden lassen. Der Burda-Verlag, der den «Focus» herausgibt, lässt es bei ein paar starken Worten («wirklich unverschämt und völlig unbegründet») und will wohl keine rechtlichen Schritte, beispielsweise in Form einer Gegendarstellung, ergreifen. Damit wäre die Sache soweit erledigt. Was bleibt aber, ist zunehmende Besorgnis über den mentalen Zustand des nach wie vor wichtigsten deutschsprachigen Nachrichtenmagazins, dessen Enthüllungsjournalismus noch nie so wichtig war wie heute. «Sagen was ist» und «Keine Angst vor der Wahrheit», das sind seine Slogans. Es wäre an der Zeit, dass seine eigene Redaktion die Angst vor unangenehmen Wahrheiten über ihre geistige Verfassung ablegt.

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Leserbeiträge

Levan 25. September 2017, 07:28

Wirklich schön, dass noch jemand der intellektuell ist den Spiegel liest. Ich bin mir nicht sicher, ob man aus dieser Gosse noch irgendeine Information erhalten kann

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