von Anna Miller

Mein sicherer Hafen im Mediensturm

Liebesbrief an eine Lokalredaktion, die im Medienwandel ihre Menschlichkeit bewahrt

Donnerstag, halb Zehn, ich ziehe mit dem Kugelschreiber einen kleinen Strich über mein Feld. Der siebte Kaffee, den ich mir auf der Redaktion der Thurgauer Zeitung rauslasse, in dieser Woche. Ich habe ein eigenes Kaffee-Zähl-Feld, mit meinem Namen, ich bin nichtmal Mitglied der Redaktion, ich bin ab und zu Freie, aber eigentlich, so rein technisch, gehöre ich nicht dazu. Was niemandem hier etwas auszumachen scheint, dem Chefredaktor nicht, dem Blattmacher nicht, den Redaktionskollegen nicht. Wenn ich morgens in die Redaktion spaziere, werde ich begrüsst wie jeder andere hier, ich rauche mit ihnen meine Zigaretten, ich gehe mit ihnen Mittagessen, ich bin ein menschlich vollständiges Mitglied, und wenn ich meinen Senf zu einem Artikel geben will, dann darf ich das. Ich darf jederzeit ins Büro des Chefs spazieren und ihm erzählen, was mir Sonderbares aufgefallen ist, an diesem Thurgau, und werde angehört, ich darf streiten und mir Rat holen, ich darf meinen Laptop aufladen und Kugelschreiber klauen.

Ich liebe diese Menschen sehr, ich liebe ihre Art, sich täglich am Regionalen abzuarbeiten, beharrlich und seriös, aber mit einer ihnen gebliebenen Leichtigkeit, die ich von anderen Redaktionen so nicht mehr kenne.

Ich habe auf dieser Redaktion vor Jahren einmal ein Praktikum absolviert, einen Monat lang, während eines heissen Sommers, und seither ist sie meine journalistische Heimat geblieben, mein Hafen im Mediensturm. Ich liebe diese Menschen sehr, ich liebe ihre Art, sich täglich am Regionalen abzuarbeiten, beharrlich und seriös, aber mit einer ihnen gebliebenen Leichtigkeit, die ich von anderen Redaktionen so nicht mehr kenne. Als ich an einem verregneten Freitag-Nachmittag vor sieben Jahren eine Besenbeiz besuchte und die war leer, durfte ich 5000 Zeichen über eine leere Besenbeiz schreiben, man hat mich einen Schweizerdeutschen Titel schreiben lassen und meine unkonventionelle Idee gelobt, man hat meine Seele atmen lassen und das Beste aus der Situation gemacht. Nicht, weil man den Platz im Blatt füllen musste, sondern weil man schätzte, mal einen anderen Blickwinkel zu haben, auf das, was einen jeden Tag umgibt.

Die Verantwortlichen hier lassen die Menschen noch walten, sie lassen ihnen Freiheiten, sie lassen Katzen von der Strasse im Treppenhaus schlafen und lassen die alte, kleine Ursula jeden Morgen die «20 Minuten»-Zeitungen ins Haus bringen und sie dann eine Stunde am Konferenztisch ihre Notizen machen, obwohl niemand so recht weiss, wer Ursula wirklich ist und was das eigentlich soll, was sie sonst den ganzen Tag tut und ob sie Sozialleistungen empfängt, welche Funktion sie in dieser Gesellschaft erfüllt und ob sie die Thurgauer Zeitung überhaupt abonniert hat. Sie hat keinen Badge und sie würde keine Eingangskontrolle am Glasgebäude eines grossen Konzerns überstehen. Aber sie kommt seit Jahren jeden Tag genau um die gleiche Zeit hierher und blättert die Zeitungen durch, sie gehört zum Inventar aus einer längst vergangenen Zeit, als die Zeitung noch Teil des Volkes war und das Volk noch Teil der Zeitung, als man sich noch gegenseitig brauchte und sich gegenseitig hasste und wertschätzte, und deshalb bleibt Ursula, solange sie will.

Hier weiss jeder, wie es ist, im Berufsalltag an seine Grenzen zu kommen, mit den Protagonisten, die nicht reden wollen, mit den Deadlines, mit den verpassten Chancen und den eigenen Zweifeln, und keiner richtet darüber.

Wenn hier eine Praktikantin eine Krise hat, weil sie keinen Lead findet oder jemanden telefonisch nicht erreicht, wenn sie denkt, sie ist in diesem Job falsch und alles hinschmeissen will, legt sie sich im Büro der Kollegen auf den Boden oder ruft einfach mal aus, und man lässt sie. Hier weiss jeder, wie es ist, im Berufsalltag an seine Grenzen zu kommen, mit den Protagonisten, die nicht reden wollen, mit den Deadlines, mit den verpassten Chancen und den eigenen Zweifeln, und keiner richtet darüber. Keiner sieht diesen Job auf einer Lokalredaktion als Versehen, als Nicht-Karriere auf dem verpassten Weg zu einem grossen Magazin, keiner ist sich für Überstunden zu schade oder für Lokalberichterstattung im hintersten Zipfel des Thurgaus, man macht seine Arbeit gut, nimmt sich aber nicht zu wichtig.

Und während in Zürich, Basel und Bern die Journalisten an den grossen Konzernen und ihrer fehlenden Rückendeckung zerbrechen, langsam wegrationalisiert werden und unter dem Online-Trubel nicht mehr klar denken können, weil das finanziell gar nicht mehr drin liegt, scheint bei der Thurgauer Zeitung das Rad der Zeit noch ein bisschen langsamer zu drehen, scheinen die grossen Probleme der grossen Verlage noch ein Stückchen weiter weg. Im Hintergrund rattern die Maschinen des Zerfalls natürlich leise vor sich hin, man sieht es manchmal in den Augen der Chefs, wenn sie nach Strategie-Sitzungen müde in ihre Büros zurückkehren, das aber gar nicht gross auf ihre Mitarbeiter abwälzen, wozu auch. Der Mantelteil wird seit ein paar Jahren in St. Gallen produziert, das Mutterhaus rückt das St. Galler Tagblatt und die Neue Luzerner Zeitung zusammen, die Abonnementszahlen gehen zurück, die Anzeigen auch, vielleicht sterben viele der Leser im Thurgau, die hier noch jeden Tag Leserbriefe schreiben und wütend anrufen, wenn der Name eines Mitglieds der Regierung falsch geschrieben wurde, bald weg und keiner weiss mehr, wie lange es diese Redaktion in dieser Form noch geben wird. Ich hoffe, noch lange.

Bis dahin und auch danach wird mir die Thurgauer Zeitung, mit ihrem kleinen Büro, Spannteppich, Kaffeeküche, Freitagsbier und diesem unsäglichen Dialekt, immer in Erinnerung bleiben. Als ein Ort, an dem niemand gezwungen ist, sein Menschsein zuhause zu lassen, um seinen Job machen zu können. Als ein Ort, der Fremde aufnimmt und sie zu Freunden macht, und sich nicht fragt, was er davon hat. Wo die Bürokratie hinten ansteht. Wo alles noch ein bisschen ist, wie es auf dem Land eben noch ist: Chli eige und menschlich nöch.

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Leserbeiträge

Reto Stifel 03. Oktober 2017, 03:00

Sehr schön geschrieben! Habe den Text vor lauter Freude zwei Mal gelesen und mich nach dem zweiten Mal noch besser gefühlt. Lokal/Regionaljournalismus gibt so viel, auch nach 20 Jahren. Komme gerade von einem Recherchegespräch zurück und habe neben dem eigentlichen Thema so viel berührendes, persönliches erfahren, ich will nie etwas anderes sein als Journalist!

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Christina Ehrensberger 04. Oktober 2017, 07:43

Ein wunderschöner Abgesang

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Elena Mutti 04. Oktober 2017, 08:31

Wunderschöner Text, der mir den heutigen Start im Büro grad versüsst hat! Toll, dass es noch solche Orte gibt. Ich habe das Glück, in meinem Job auch ganz ich selbst sein zu dürfen. Doch so schön in Worte fassen könnte ich es wohl nicht 🙂

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René Baumann 04. Oktober 2017, 08:53

Wunderbar geschrieben. Ein wertvoller Blick zurück in eine Welt, die es nicht mehr lange gibt. Leider! Der Faktor Mensch zählt in der heutigen Welt immer weniger. Umso schöner sind solche Oasen, wo man noch Mensch sein darf. Danke für den Rückblick in meine eigene Vergangenheit, an einem anderen Ort, aber ebenso schön.

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christian schmidt 05. Oktober 2017, 11:34

So schön. So angenehm. So selten.

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Bruno Froehlich 05. Oktober 2017, 03:53

Wie wohltuend so einen Beitrag zu lesen. Bin 82, hatte in Zuerich vor Urzeiten zwei Quartier Anzeiger zu betreuen, als Alleinredaktor beide, das eine auch als Herausgeber. Gedruckt wurde bei NZZ Fretz und das war jeden Monat fuer einen halben Tag “mein Zuhause” beim Umbruch, ein Zusammensein wie bei Freunden, alle Tueren selbstverstaendlich offen. Zur Setzerei, dem Korrektor und  tolle Teamarbeit mit der Layouterin. Bleibende Erinnerungen. Das geschilderte Thurgauer Beispiel steht im krassen Gegensatz zu den juengsten NZZ Plaenen; Auslagerung des Korrektorats der Lokalblaetter nach Bosnien-Herzogowina. Das ist Verlust an Arbeitskultur fuer ein paar Fraenkli mehr Gewinn  in die Beutel der Aktionaere. Danke fuer den sehr anschaulichen Beitrag.

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