von Ueli Custer

Wie «No Billag» ein SRG-Monopol schaffen würde

Sollte am 4. März 2018 die «No Billag»-Initiative angenommen und die Empfangsgebühren abgeschafft werden, bliebe der SRG nur noch die Finanzierung über den Werbemarkt. Sollte sie diesen Weg gehen, würde sie die anderen Veranstalter stark bedrängen. Im Radio- und TV-Bereich drohte gar ein SRG-Monopol zu entstehen wie es die Schweiz bis in die 1980er-Jahre kannte.

In der erbittert geführten Diskussion um die «No Billag»-Initiative fällt eines immer wieder auf: Die Befürworter der Initiative erhoffen sich davon (wie seinerzeit Helmut Kohl für die Ex-DDR nach der Wende) «Blühende Landschaften». Sie verstehen darunter ein reichhaltigeres Angebot bei Radio und Fernsehen, befreit von der Übermacht der SRG.

Befasst man sich dagegen mit Fakten und Zahlen, wird schnell klar, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Die Rechnung ist ganz einfach: 2016 standen in der Schweiz für die Produktion von Fernseh- und Radiosendungen insgesamt 2222 Mio. Franken zur Verfügung. Davon stammten 59 Prozent aus Gebühreneinnahmen und der Rest aus der Werbung.

Bei der TV-Werbung ist allerdings anzumerken, dass von den insgesamt 775 Mio. Franken nur gerade 446 Mio. Franken in die Finanzierung von Inhalten in schweizerischen Programmen fliessen. Die restlichen 328 Mio. Franken werden mit ausländischen Werbefenstern verdient und finanzierten keine schweizerischen Programmangebote. Verbleiben also noch 1894 Mio. Franken. Zieht man davon die im Falle einer Annahme der «No Billag»-Initiative wegfallenden Gebührengelder von insgesamt 1301 Mio. Franken ab, bleiben gerade noch 593 Mio. Franken oder 26,7 Prozent des bisherigen Volumens übrig. Wie man daraus neue und bessere Angebote finanzieren will, wird wohl immer das Geheimnis der «No Billag»-Befürworter bleiben.

Um die Relationen auf der Kostenseite zu sehen, hier noch einige Zahlen dazu: Die SRG gab 2016 mit 605 Mio. Franken allein für den Bereich Information in Radio und Fernsehen in allen vier Sprachregionen mehr Geld aus als diese 593 Mio. Franken. Dazu kamen für Unterhaltung und Film rund 366 Mio. und für Sport 210 Mio., total also nochmals 577 Mio. Franken. Auch wenn für Unterhaltung/Film und Sport dank schlankerer Produktion nur noch 300 Mio. Franken nötig wären, müssten diese zusätzlich aus dem Werbemarkt generiert werden. Die einheimischen Privat-TV-Sender müssten ihre Werbeeinnahmen im Vergleich zu 2016 also um den Faktor 3,5 erhöhen.

Jetzt lässt sich natürlich zu Recht einwenden, dass es ohne Gebühren keine SRG mehr gäbe. Damit würden theoretisch 361 Mio. Franken an Werbegeldern frei, die bisher in die Programme der SRG geflossen sind. Das könnte dann grundsätzlich reichen, um die Ausgaben für Unterhaltung und Film sowie Sport zu finanzieren. Dies allerdings nur theoretisch. Denn ein Teil dieses Geldes würde natürlich in die Werbefenster der ausländischen Programmen abfliessen.

Das Modell mit den freiwilligen Beiträgen kann deshalb getrost unter «Die Hoffnung stirbt zuletzt» abgebucht werden.

Damit sind wir bereits bei einem weiteren Streitpunkt angelangt. Die Initianten behaupten ja nach wie vor, die SRG müsse sich nur anders finanzieren. Wer sich die oben geschilderten Relationen vor Augen hält, sieht die Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens sofort ein. Soll die SRG weiterhin in jeder Sprachregion mindestens ein Radio- und ein TV-Programm ausstrahlen, werden dafür auch die entsprechenden Mittel benötigt. Dieses Geld müsste logischerweise auf dem Werbemarkt beschafft werden. Der Glaube, dass aus freiwilligen Beiträgen der Bevölkerung oder via Pay-TV namhafte Beträge zusammenkommen würden, ist schlicht und einfach naiv. Das haben alle bisherigen Erfahrungen gezeigt. Das Dilemma ist ja aus dem Netz bestens bekannt und nach wie vor ungelöst: Wenn das Angebot für alle frei zugänglich ist, hat man die Nutzer und kann auch Werbung verkaufen. Wenn es dagegen nur den zahlenden Kunden offen steht, schrumpft die Nutzerzahl derart massiv, dass man auch kaum mehr Werbeerlöse verbuchen kann. Das Modell mit den freiwilligen Beiträgen kann deshalb getrost unter «Die Hoffnung stirbt zuletzt» abgebucht werden. Realistisch sind nur frei zugängliche Angebote mit Werbefinanzierung.

Für den Radiobereich heisst das, dass es in jeder Sprachregion (ganz bescheiden geschätzt anhand der 2014 von der SRG noch getrennt nach TV und Radio ausgewiesenen Zahlen) rund 100 Mio., also total 300 Mio. Franken benötigt werden. Dies unter der Annahme, dass das jetzige Qualitätsniveau wenigstens annähernd gehalten werden sollte. Diese 300 Mio. wären rund doppelt so viel wie der Radiowerbemarkt heute hergibt. Da diesem aber die reichweitenstärksten Programme fehlen, weil heute für die Radioprogramme der SRG ein Werbeverbot gilt, kann davon ausgegangen werden, dass sich das Gesamtvolumen in diese Richtung entwickeln würde.

Im Radiomarkt käme es ohne Gebühren also zu einem SRG-Monopol. Wir hätten wieder den Zustand wie vor 1982.

Allerdings ist dann davon auszugehen, dass die nationale Radiowerbung zu 80 bis 90 Prozent in die SRG-Programme fliessen würde. Die grossen Privatradios in den Agglomerationen und im dicht besiedelten Mittelland, die jetzt schon ohne Gebühren auskommen, würden also den Löwenanteil ihrer Einnahmen an den neuen Mitbewerber verlieren. Und die Radios in den Randgebieten könnten ohne Gebühren sowieso nicht überleben. Im Radiomarkt käme es ohne Gebühren also zu einem SRG-Monopol. Wir hätten wieder den Zustand wie vor 1982. In jedem Sprachgebiet ein einziges einheimisches Radioprogramm, das es allen recht machen sollte aber für niemanden richtig ist, weil die Musik sowieso immer falsch ist. Also 40 Jahre zurück zu den Landessendern Beromünster, Sottens und Monte Ceneri. Ist es das, was die «No Billag»-Initianten wirklich wollen?

Im Fernsehbereich sind die Kostenschätzungen etwas schwieriger. Als Basis sollen hier die Kosten im Tessin dienen, wo vermutlich am wenigsten Mittel zur Verfügung stehen. Die Betriebskosten für das Tessiner Fernsehen von RSI in 2014 für die beiden Programme betrugen total 244 Mio. Franken. Da RSI La 2 aber nur sehr wenig Eigenproduktionen ausstrahlte, muss davon ausgegangen werden, dass für das erste Programm wohl rund 200 Mio. Franken benötigt wurden. Für je ein TV-Programm in jeder der drei grossen Sprachregionen wären das also rund 600 Mio. Franken. Auch diese müssten aus dem Werbemarkt finanziert werden. 2016 nahm die SRG aus dem TV-Werbemarkt aber nur 361 Mio. Franken ein. Die Werbeeinnahmen müssten also um den Faktor 1,7 erhöht werden. Diese Werbung könnte aber nur in drei, statt wie heute in sieben Programmen platziert werden. Wie weit und ob das zu Lasten der andern Programme gehen würde, ist offen. Klar ist aber, dass deren Leben weitaus schwerer würde. Und die regionalen TV-Programme, die heute Gebührengelder erhalten, hätten zudem noch mehr Mühe, sich allein mit Werbeeinnahmen zu finanzieren und deshalb definitiv keine Überlebenschance.

Die langfristige Werbefinanzierung von Fernsehprogrammen ist jedenfalls genauso unsicher wie diejenige von qualifizierten Informationsangeboten im Internet.

Einziger Hoffnungsschimmer: Durch das reduzierte Angebot würden die Einschaltpreise für Fernsehwerbung steigen. Mindestens theoretisch. Denn durch die immer stärker genutzte Möglichkeit der zeitversetzten Nutzung mit Überspringen der Werbeblöcke nehmen die Reichweiten der Werbeinseln kontinuierlich ab. Wo das endet, steht im Moment noch in den Sternen. Die langfristige Werbefinanzierung von Fernsehprogrammen ist jedenfalls genauso unsicher wie diejenige von qualifizierten Informationsangeboten im Internet.

Meine Schlussfolgerung daraus: Die SRG könnte theoretisch und auf der Basis von heutigen Zahlen allenfalls ein Minimalangebot pro Sprachgebiet weiterhin stemmen. Dieses müsste aber voll über die (notabene Konjunktur- und Technologieabhängige) Werbung finanziert werden. Dadurch würde das Angebot an privaten Programmen eher schrumpfen als wachsen, im Radiobereich vermutlich sogar praktisch ganz verschwinden. Allerdings hätte eine kommerziell finanzierte SRG auch keine Auflage mehr, wie heute die Ausgaben in den kleineren Sprachgebieten über die Einnahmen aus der deutschen Schweiz mitzufinanzieren. Allenfalls würde sie sich dann auf die deutsche Schweiz beschränken wo der Verteilkampf um die Werbegelder massiv zunehmen würde.

Weitaus wahrscheinlicher ist aber, dass die SRG den Betrieb tatsächlich ganz einstellen müsste. In diesem Fall darf man davon ausgehen, dass die privaten Anbieter sich die 600 Mio. Franken Ausgaben für fundierte und umfangreiche Informationssendungen wegen der nicht vorhandenen Refinanzierbarkeit allerhöchstens zu einem sehr kleinen Teil übernehmen könnten. Dominik Kaiser von der 3+-Gruppe hat sich jedenfalls in der Werbewoche bereits dahingehend geäussert, dass er von der Information weiterhin die Finger lassen würde. Das Informationsangebot in Radio und Fernsehen über schweizerische Inhalte würde also massiv abnehmen.

Einer Demokratieform wie sie die Schweiz hat, ist aber auf umfassende und vielfältige Informationen angewiesen. Das Internet bietet da keinen wirklichen Ersatz. Denn die fundierten Inhalte stammen auch dort von den etablierten Medien. Nur sie bieten Gewähr dafür, dass sich jemand professionell mit einem Thema befasst hat. Eine Leistung, die sich die Presse angesichts der schwindenden Werbeeinnahmen immer weniger gut leisten kann. Social Media dient dagegen vor allem der Verbreitung von persönlichen Meinungen. Zur Meinungsbildung braucht es aber zunächst Fakten, die seriös recherchiert sind.

Anhand dieser Überlegungen wird auch klar, dass sich die Initianten von «No Billag» keinerlei Gedanken über die Konsequenzen ihrer Initiative gemacht haben. Ihnen geht es einzig um das eigene Portemonnaie. Die Solidarität (vor allem unter den Sprachgebieten) ist für sie offensichtlich überflüssig. Das ist einer Demokratie wie der Schweiz unwürdig. Wir reiten damit unseren weltweit einzigartigen USP zugrunde.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Pascal 11. Dezember 2017, 17:50

Vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag!

Antworten...

Chris Heimer 11. Dezember 2017, 21:23

Schlecht recherchiert, Dominik Kaiser hat in der Werbewoche nichts davon gesagt, dass er nicht in Information einsteigen will.

Antworten...

Ueli Custer 12. Dezember 2017, 11:44

Zitat aus der Werbewoche vom 3.12.2017, 15:03 Uhr: Man habe sich als Unterhaltungssender für ein junges Publikum positioniert, begründet Kaiser das fehlende Interesse an SRF-Erfolgsformaten wie «Reporter», «Dok» oder «Arena».

Antworten...

Thomas Schnider 12. Dezember 2017, 10:08

Eine doch sehr statische Betrachtung, die nicht berücksichtigt wie überteuert die SRG heute produziert (z.B. könnte man Synergieeffekte viel besser nutzen statt 24 volle Apparate zu betreiben) und das obwohl die Technik ständig günstiger wird. Und das Abo-Modell wird einfach mit einem Handstreich weggewischt obwohl definitiv viele Schweizer bereit wären, ihre Lieblingssendungen/sender freiwillig zu abonnieren.

Antworten...

Ueli Custer 12. Dezember 2017, 11:48

Aus welcher Quelle kommt die Aussage, dass definitiv viele Schweiz bereit wären, ihre Lieblingssendungen/sender freiwillig zu abonnieren? Und wie wollen Sie mit freiwilligen Zahlungen Informationssendungen im Tessin oder in der Westschweiz finanzieren?

Antworten...

Christoph J. Walther 12. Dezember 2017, 17:12

Lieber Ueli: Diese Quelle ist schnell gefunden. Beim Referendum über die Haushaltabgabe haben bekanntlich die Hälfte dafür gestimmt. Die werden sicher ein SRG-Pay-TV-Angebot abonnieren. Andere werden dazu kommen, zumal wenn die Produkte gut sind. Zudem erhalten die SRG-Sender in den regelmässigen Publikumsbefragungen Zustimmungwerte um 80 Prozent, was ein weiterer Hinweis auf gute Marktchancen ist. Dass Sendungen in anderen Landesteilen auch künftig quersubventioniert werden, interessiert heute kaum jemanden und das wird auch künftig so sein, sofern es mit Mass geschieht.

Antworten...

Ueli Custer 13. Dezember 2017, 12:39

Das ist jetzt eine extreme Pirouette. Lies einfach meinen Text. Dan  weisst du auch, warum das mit dem Pay-TV nie funktionieren wird.
 

Antworten...

Christian Röthlisberger 13. Dezember 2017, 15:23

das ist keine quelle, du schlaumeier. typisch nobillag-freak: einfach irgendwas als quelle hinschlenzen. werd erwachsen. hör auf zu zündeln.

Antworten...

Ueli Custer 13. Dezember 2017, 15:37

Auf diesem Anpflaum-Niveau diskutiere ich nicht weiter. Nur noch soviel: Ich habe nie behauptet, das sei eine Quelle. Ich habe einfach Analogien gemacht und mich dabei auf meine 30-jährige Erfahrung in den Medien abgestützt. In diesem Sinn bin ich selber die Quelle.

Richard Scholl 12. Dezember 2017, 15:38

Gemach Herr Custer!
Sie sind noch jung und können nicht wissen, dass Abstimmungsresultate nicht so heiss gegessen werden wie gekocht. Unsere Exekutive hat Uebung im Nichtumsetzen von demokratisch Beschlossenem.
Siehe Alpeninitiative, Ausschaffungsinitiative, Einwanderungskontroll-Initiative. Die Nobillag-I. wird somit im Falle der Annahme ein Schlag ins Wasser sein, denn Pfründen haben ein enorm zähes Beharrungsvermögen. Siehe die verschiedenen Kleinsteuern.

Antworten...

Ueli Custer 13. Dezember 2017, 12:43

Danke für Ihre Einschätzung meines Alters. Ich werde im Fenruar 69.

Abgesehen davon: Dieser Vertrauensverlust war tatsächlich absehbar. Sie ist die Konsequenz aus Initiativen, die so formuliert werden, dass sie extreme, aber nicht benannte Nebenwirkungen haben. Damit untergräbt die SVP systematisch unsere Institutionen. Bei Ihnen hat das offenbar schon gewirkt.

Antworten...

Ralf Turtschi 12. Dezember 2017, 16:31

Die No-Billag-Initiative entspringt einer egoistischen Denkweise

Die Landwirtschaft erhält Milliarden Direktzahlungen, auch von Leuten, die sich ausschliesslich von ausländischen Produkten ernähren. Das Gesundheitswesen wird von Personen gespiesen, die nie krank sind. Universitäre Ausbildungen werden von denen bezahlt, die eine Berufslehre absolviert haben. Die Strassen in Lausanne werden auch von Zürcher ÖV-Benutzern berappt. Und der neue Gotthardbasistunnel wurde auch durch Autofahrer solidarisch gestemmt. Als Unternehmer zahle ich Kirchensteuer, einmal geschäftlich und einmal privat.
Bei No-Billag geht es um eine ähnlich gelagerte Frage, nämlich die, ob alle solidarisch ein Medium mittragen sollten, auch wenn nicht alle gleichermassen direkt profitieren. SRF soll mit der No-Billag-Initiative ohne Not gegroundet werden. Elitäre Utopisten behaupten naiv, die Privaten könnten alles ebenso gut. Man solle nur bezahlen, was man auch konsumiere. Und übers Internet seien sowieso alle Informationen gratis zu haben.
Eine radikale Absage an alle oben genannten Beispiele des Zusammenlebens. Man kann anhand der klaren Faktenlage und der Konsequenzen im Fall einer Zustimmung eigentlich nur den Kopf schütteln über so viel Dummheit. Die sonst von den gleichen Kreisen beklagte Überregulierung führt geradewegs in ein flächen­deckendes Mediensterben, bei dem auch die dreizehn private TV-Sender zugrunde gehen. Die können nämlich längst nicht von Werbung allein leben. Über die SRG-­Programmgestaltung, die Gebührenverteilung und das stetig wachsende Budget soll lebendig diskutiert werden. Mit vierzehn Leichen geht das nicht.

Antworten...

Christoph J. Walther 12. Dezember 2017, 17:23

Richtig. Bei No-Billag geht es tatsächlich um die Frage, wie wir zusammen leben wollen. Was die Initianten wollen, ist eine ungerechte, weil regressive, Zwangs-Kopfsteuer, die jeder Demokratie unwürdig ist, abzuschaffen. Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Verkehr etc. werden durch progressive Steuern finanziert. Die angeprangerte “egoistischen Denkweise” ist vielmehr dort zu verorten, wo die Zwangsgebühren keine wesentliche Budgetbelastung oder durch immerhin minimalen Konsum gerechtfertigt sind. Wer Solidarität verlangt, wird zuerst an Schwache und Abstinente denken müssen. 

Antworten...

Ueli Custer 13. Dezember 2017, 12:46

Diese Art der Finanzierung wurde, zugegeben knapp, vomVolk angenommen. Auch deshalb betrachte ich diese Initiative als Anschlag auf unsere Demokratie. Sie zerstört mutwillig die schweizerische Medienlandschaft, die für unsere Demokratie überlebenswichtig ist.

Antworten...

Christoph J. Walther 12. Dezember 2017, 17:46

Angesichts der zunehmenden Digitalisierung haben Rundfunkgebühren keine langfristige Zukunft, das zeigen zunehmende Oppositionsbewegungen in verschiedenen Ländern oder neue Regulierungen, wie etwa in Schweden, wo die Zwangsgebühr durch eine Steuer ersetzt wurde. In der Schweiz haben wir aufgrund der guten Verkabelung von weit über 90 Prozent der Haushalte eine einzigartige Ausgangslage, um die SRG-Angebote per Pay-TV zu finanzieren. Denn fast überall sind die entsprechenden Settop-Boxen vorhanden. Werden zudem solche Pay-TV-Angebote über die Telcom-Anbieter abgerechnet (wie früher die RTV-Gebühr über die Telefonrechnung) kann die SRG mit hundert Prozent Marktdurchdringung starten und wird dafür sorgen müssen, dass sie möglichst wenige Kunden verliert. Eine bessere Ausgangsbasis gibt es schlicht nicht. Zumal dann ein Up-Selling auf weitere Angebote und somit ein Wachstum möglich ist, das der SRG heute versagt ist. Werbung spielt in Pay-TV-Angeboten eine untergeordnete Rolle. Es ist aber gut möglich, dass die SRG parallel auch werbefinanzierte Angebote lanciert, wie es auch verschiedene Pay-TV-Angebote geben wird. TV-Werbung ist ohnehin unter dem Druck der Online-Welt tendenziell rückläufig und hat nur eine Chance, wenn sie zielgruppengerichtet  ausgespielt werden kann, was einer gebührenfinanzierten SRG heute verwehrt ist. 

Antworten...

Urs Meier 12. Dezember 2017, 18:16

Ueli Custer ist einer der besten Kenner des Schweizer Medienmarkts und nicht in Verdacht, die SRG unbesehen verteidigen zu wollen. Seine Einschätzung möglicher Folgen von No-Billag ist fundiert und löst die Träumereien der Initianten und ihrer Sympathisanten in nichts auf. No-Billag heisst nicht freiere Wahl oder gar bessere Qualität. Im Gegenteil: es hiesse Verzicht auf einen Grossteil der Leistungen des heutigen Mediensystems.

Antworten...

Toni Koller 13. Dezember 2017, 14:53

Wieviele Leute bei einem No-Billag-Ja künftig einzelne(SRG-)-Sendungen “kaufen” oder abonnieren würden, ist schwer abzuschätzen. Leider wohl aber nicht genug, um die enorme Finanzierungslücke zu füllen. Die schwindende Bereitschaft, ein Zeitungs-Abo zu kaufen, zeugt davon.
Dazu kommt: RADIO, über UKW oder DAB+ verbreitet, lässt sich nicht in einzelne Segmente mit Zahlschranke aufteilen. Die Wellen sind überall – Kontrolle einer absolvierten Zahlungspflicht unmöglich. Da bliebe nur die Abhängigkeit von Spendenbeiträgen oder massive Radiowerbung – wobei sich ein wertvolles Minderheitenprogramm wie Radio SRF2 auch so kaum finanzieren liesse. Dito das West- und Südschweizer Radio. “No Billag” wäre unter allen Titeln ein Disaster.

Antworten...

Alex Schneider 19. Dezember 2017, 16:47

Es braucht einen neuen Verfassungsartikel „Medien“.

Mit der Annahme der No Billag-Initiative eröffnet sich die Chance, die Medienfinanzierung neu zu überdenken. Zeit genug haben wir ja, da zuerst das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) revidiert, das heisst in ein Mediengesetz umformuliert werden muss, bevor die Billag-Gebühren gestrichen werden können. Diese Zeit kann die SRG nutzen, das Programmangebot endlich zu revidieren und die Printmedien können einen Vorschlag für ihre indirekte Unterstützung durch die öffentliche Hand vorlegen. Es braucht einen neuen Verfassungsartikel „Medien“, der unter anderem die gesellschaftlich und politisch bedeutsamen Medieninhalte festhält und deren Finanzierung mittels geringen Gebühren und Steuern regelt. Es hat sich leider gezeigt, dass sich der Koloss SRG bei den heutigen Rahmenbedingungen sonst nicht bewegen lässt und die gesellschaftlich und politisch bedeutsamen Beiträge in den Printmedien ohne öffentliche Unterstützung sukzessive verschwinden.

Antworten...

Ueli Custer 19. Dezember 2017, 17:08

Die Zeit zum Überdenken gibt es eben nicht! Lesen Sie den Initiativtext. Dort steht klipp und klar, dass ab 2019 keine Gebühren mehr erhoben werden dürfen und auch der Bund keine Zahlungen leisten darf. Damit ist klar, dass die SRG spätestens 2019 den Sendebetrieb einstellen muss. Bis das neue Mediengesetz durch das Parlament ist, dauert es erfahrungsgemäss rund 7 Jahre. Wir wären dann im Jahr 2025! Dann gibt es aber keine SRG, keine regionalen TV-Veranstalter mehr und auch kaum mehr Privatradios in Randgebieten. Viel logischer ist eine mindestens vorläufiges Weiterführen der aktuellen Finanzierung und ein Überprüfen im Rahmen der Beratungen zum neuen Mediengesetz. Nur bei einer Ablehnung der Initiative kann dies mit der nötigen Seriosität geschehen.

Antworten...

Lahor Jakrlin 13. Januar 2018, 10:54

Jede der geschilderten Annahmen (ja, es sind Annahmen), kann einzeln und im gewagten Mux widerlegt werden.
Ich stelle mir diese Fragen:
Braucht es einen Staatsfunk?
Ich finde: Nein.
Ist das Konzept SRG noch zeitgerecht?
Ich meine: Wenn man bedenkt, dass das Durchschnittsalter der User bei 62 Jahren liegt und jährlich um gut 1 Jahr steigt, dann ist das Konzept klar veraltet und muss abgeschafft oder revidiert werden.
Sind 452.- als Jahresgebühr gerechtfertigt?
Antwort: Da die Billag faktisch eine Steuer ist, ist sie unmoralisch, weil sie nicht einkommensabhängig ist, Milliardär bezahlt gleich viel wie die Lidl-Kassenfrau.
Braucht es Leutschenbach für die Meinungsbildung?
Nein, SRF ist ein Abendmedium, die relevanten Infos konsumieren wir tagsüber haptisch und online durch Zeitungen und Social Media.
Braucht die Werbewirtschaft SRF?
Nein, das Werbevolumen wird nach SRF nicht wenuger sondern neu umverteilt.
Brauchen Private Gebührenanteile?
Im Moment Ja, aber nach einer Übergangsfrist (Dauer der parlamentarischen Bereinigung, ca. 3 Jahre) wird sich der Markt angepasst haben.
Aus allen diesen Gründen stimme ich als Unternehmer, Konsument und Werber überzeugt Ja.
Meinen Verängstigten KollegInnen rufe ich in Erinnerung: Veränderung bringt Aufträge.

Antworten...

Ueli Custer 13. Januar 2018, 12:02

Es wird zwar langsam langweilig weil ich immer wieder die gleichen Behauptungen richtig stellen muss. Aber für die Leser der Medienwoche tu ich das hier gerne nochmals:

Es braucht tatsächlich keinen Staatsfunk und wir haben auch keinen Staatsfunk. Was ein Staatsfunk ist, können wir z.B. in Nordkorea sehen wo die Regierung den Inhalt von Nachrichtensendung verantwortet.
Ein hohes Durchschnittsalter heisst nicht, das keine Jungen die Programme nutzen. Sie nutzen Sie einfach weniger. Das ist bei den Tageszeitungen mit Ausnahme von 20 Minuten genau gleich. Denn der Anteil von politisch Interessierten ist bei Jungen einfach tiefer als im Bevölkerungsdurchschnitt.
Die Jahresgebühr beträgt ab 2019 noch 365 Franken. Das wird ja von den No-Billag-Anhängern konsequent ausgeblendet. Darüber haben wir schon einmal abgestimmt. Das sollten auch schlechte Verlierer langsam akzeptieren.
Braucht es Leutschenbach für die Meinungsbildung? Auch wenn man das Angebot der SRG auf die Abend-Tagesschau des Fernsehens reduziert, ist das kein Argument. Und wenn man zur Kenntnis nimmt, dass die SRG den ganzen Tag in TV und Radio informiert – und zwar in allen Landessprachen, dann ist es erst recht kein Argument mehr. Und es geht auch nicht um irgendwelche Informationen aus irgendwelchen Quellen sondern um verlässliche und seriös recherchierte Informationen.
Die Werbewirtschaft braucht die SRG-TV-Kanäle weil sie Marktleader sind. Kein vernünftiger Werber schaltet seine Spots auf Kanälen, die sein Publikum schlechter erreichen.
Die regionalen TV und die meisten privaten Radioprogramme kommen definitiv nicht ohne Gebühren aus. Mehr dazu hier: http://www.telesuisse.ch/intro/?lang=de

Kurz: Es gibt überhaupt keinen Grund in einer überhasteten Aktion einfach mal die Gebühren abzuschaffen um dann anschliessend festzustellen, dass es doch nicht ohne geht, dass aber die entsprechenden Strukturen inzwischen zerstört sind. Warum denn die Eile? Die eidg. Medienkommission könnte nach einer Ablehnung der Initiative doch einfach mal einen Vorschlag machen, welche Leistungen im Bereich TV und Radio erbracht werden sollen und welche durch Gebühren zu finanzieren sind. Daraus ergäben sich dann vermutlich eine andere Aufteilungen des Marktes und die SRG hätte genauso eine Chance, sich darum zu bewerben wie alle andern Anbieter. Man hat ja die PTT auch nicht zuerst abgeschafft bevor man sie in Post und Swisscom aufgeteilt hat.

Antworten...