von Dominique Götz

Im Zeichen der Wale

Eine wichtige Regel im Journalismus lautet: im Zweifelsfall weniger und konzentrierter schreiben. Das predigt auch Constantin Seibt. Doch in seinem ersten Text für die «Republik» hat Mitgründer Seibt nach einjähriger Schreibabstinenz einen monströsen Welterklärungsessay ins Netz geschickt.

Wie ein Moby Dick, nämlich 50’000 Zeichen schwer, liegt der erste «Republik»-Artikel von Constantin Seibt im Meer des digitalen Netzes. Mit Ungeduld habe ich auf die ersten Artikel des mit grossen Fanfaren angekündigten Onlinemagazins «Republik» gewartet: Gespannt war ich vor allem auf die Themenwahl und deren konzeptuelle Umsetzung. Denn als freie Journalistin ist für mich die Konzeption eines Beitrages sozusagen das Herzstück meiner Arbeit und immer wieder eine Gratwanderung. Daher lese ich mich regelmässig kreuz und quer durch Medienartikel und überlege mir dabei, wie ich diese Artikel wohl aufbereitet hätte.

«Die journalistischen Pferde ein Jahr im Stall gelassen. Jetzt sind sie ziemlich wild über die Steppe galoppiert.» Aus einem Tweet von Constantin Seibt

Ich war von Seibts XXXL-Artikel erschlagen, seine eingebauten «Ratteninseln» erreichte ich nicht und gab auf, denn schliesslich kann auch ich nicht nur stundenlang lesen, sondern muss auch schreiben, um mein tägliches Brot zu verdienen. Die Länge des «Ich erklär Euch die Welt, aber endgültig»-Essay erklärt sich Martin Ebel im Tages-Anzeiger mit «einem monatelangen Äusserungsstau des Autors.» Ein Eindruck, den Seibt selber bestätigte, als er in einem Tweet schrieb: «Die journalistischen Pferde ein Jahr im Stall gelassen. Jetzt sind sie ziemlich wild über die Steppe galoppiert.»

Ich konnte es nicht fassen: Starjournalist Seibt konnte seinen Schreibschwall nicht kanalisieren? Ich fühlte eine gewisse Genugtuung, weil ich immer dachte, dies passiere nur mir. Als Medienkonsumentin und Hobby-Medienanalytikerin habe ich jedoch oft gesehen, dass Redaktoren, die das Sagen haben, unter der Tendenz leiden, tonnenschwere Walartikel zu publizieren.

Eigentlich wollte ich dem «Republik»-Mitgründer Christof Moser noch per Mail zurufen: Hey, werdet dann nicht zu lang!

Die Lancierung der «Republik» habe ich mit einem flauen Gefühl im Magen verfolgt, denn sie erinnerte mich ein wenig an die Geburt des Basler Online-Magazins «Tageswoche» im Oktober 2011. Eigentlich wollte ich dem «Republik»-Mitgründer Christof Moser darum noch per Mail zurufen: Hey, werdet dann nicht zu lang! – aber es wäre wohl vermessen gewesen, wenn ich als unbedeutende Freie, als Spät-und Quereinsteigerin, einem gestandenen Medienprofi Tipps gegeben hätte.

Auch die «Tageswoche»-Redaktoren publizierten über Monate und Jahre hinweg kolossartige Beiträge in der wöchentlichen Printausgabe. Ist ja auch verständlich: Welcher Journalist träumt nicht von der ganz grossen Bühne, wo er sich endlich episch austoben darf? Ich selber bin eine Vielschreiberin, will immer alles genau und ausführlich erzählen. Nehme meine Meinung, meine Recherche und das Thema sehr ernst, vielleicht auch ein wenig zu wichtig.

Dabei vergesse ich gerne, dass es nicht um mich geht, sondern um die Leserschaft. Denn eigentlich bin ich nur eine Dienstleisterin, welche Futter liefert – so eine Art Vogelmutter, die die Würmer vorverdaut, bevor sie diese als Würgeschleim in den Rachen ihrer Küken stopft. Ich muss zugeben, kein allzu idyllisches Bild, aber Schreiben ist immer auch eine Art Auskotzen, besonders für Schreiberlinge wie mich, die mit erschreckend viel Leidenschaft Texte produzieren. Da fehlt oft die Distanz zu sich selbst und zum Text. Das einzige was hier hilft, ist, den Schwerpunkt des Artikels innerlich zu verankern, damit man sich während den stürmischen Schreibarbeiten an einer Rettungsboje festhalten kann.

Und darum sind Journalisten auch oft so erschöpft wie die Walfänger des 19. Jahrhunderts.

Eines ist klar: Journalistische Präzisionsarbeit ist sehr anstrengend. Und darum sind Journalisten auch oft so erschöpft wie die Walfänger des 19. Jahrhunderts. Dies musste auch das «Republik»-Team erfahren. Im Newsletter vom 16. Januar schrieben sie: «Langsam erholt sich die Crew von den Aufregungen des Starts: Die schreibende Redaktion hat wieder geduscht, während die IT noch immer schläft, nach zwei Nächten, die sie durchgearbeitet hat.»

Geschätzt und gebucht werde ich für aalschlanke und ranke Artikel. Und so bin ich ständig am journalistischen Entschlacken, sozusagen auf lebenslanger Zeichendiät. Aber ehrlich gesagt, träume auch ich insgeheim von Moby-Dick-Artikeln. Und darum macht mir Walbeobachtung grossen Spass, nicht zuletzt weil ich befürchte, dass Wale vom Aussterben bedroht sind.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Heinz Müller 18. Januar 2018, 21:40

ja Dominique sie sind vom Aussterben bedroht die Wale, drum bleib beim Beobachten und lass die Harpune zu Hause,
liebe Grüsse Kapitän Ahab

Antworten...