von Pascal Sigg

Die gewollte Realität – zum Zustand der Reportage

Sie ist das Renommierstück der noch jungen «Republik». Doch an der grossen USA-Reportage von Anja Conzett und Yvonne Kunz scheiden sich die Geister. Auseinandersetzung mit einem Experiment und der Reportage als Textgattung.

Sie will den Dialog zweifellos: Die «Republik» führt gerade ihre erste LeserInnenbefragung durch. Über tausend Kommentare haben die «Verleger» abgegeben. Die meisten schienen zufrieden. Ein paar wünschen sich kürzere Texte, andere mehr Originalität, mehr Einmischung. Und nicht wenige äusserten sich zu einer einzigen Geschichte:

«Die langweilige Reportage über die USA ist enttäuschend, die Befindlichkeiten der zwei Reporterinnen scheint mir uninteressant.»

«Bei aller Liebe zur REPORTAGE USA oft wünsche ich mir, von den umständlichen Reisebeschreibungen verschont zu werden und ZACK ins Geschehen oder ins Gespräch geworfen zu werden.»

«Amerikareportage atemlos und manchmal mit Tränen in den Augen gelesen. Ganz gross, bravo!»

Das Format, der Schreibstil und Disput der Autorinnen sind natürlich Geschmackssache.

«‹Reportage› ist ein etabliertes journalistisches Genre, für das es objektivere Beurteilungskriterien als ‹ Geschmack› gibt. Soll das eine Reportage sein?»

«Eine enorme Zumutung für uns Verleger.»

Eine Zumutung ist die USA-Serie der beiden Reporterinnen Anja Conzett und Yvonne Kunz sowie des Fotografen Reto Sterchi definitiv (der Leser meinte es übrigens im positiven Sinn, er schien geehrt). Ohne übergeordneten Titel, in sechs Folgen in unregelmässigen Abständen innerhalb von zehn Tagen publiziert, verlangt sie zuerst mal Ausdauer. Doch Länge allein gilt zum Glück auch in Zeiten der Klick-Medien noch nicht als Originalitätsmerkmal. Was die Geschichte besonders macht, ist ihr dialogischer Charakter; die Art und Weise, wie Conzett und Kunz uns LeserInnen in einer neuen Radikalität vor Augen führen: Eine Reportage ist ein Gemeinschaftsprodukt voller Zweifel, die Fragen aufwerfen ohne sie zu beantworten – und uns damit in die Verantwortung nehmen. So viel, so irgendwann, so lang. Und dann auch noch so … einschliessend? Kein Wunder gibt es Leserinnen, Leser die sich mürrisch von Abschnitt zu Abschnitt kämpfen oder gar aussteigen, als würden sie nach einem anstrengenden Tag mit der Fernbedienung das anstrengende Dokudrama wegzappen und mit den «Ärzten» fragen: Dürfen die das? Wie ist dies im Fall der «Republik»-Serie über ein so gigantisches Hullabaloo wie den USA gelungen? Und was hat es zu bedeuten?

An einem kalten, verschneiten Bostoner Wintermorgen Ende Januar telefoniere ich in den kühlen Zürcher Abend. Ich suche nach dem einen oder anderen «cold fact» und erreiche zuerst Yvonne Kunz, dann Anja Conzett. Ihre Infos sind lauwarm: Sie schätzt die Geschichte auf ungefähr 200’000 Zeichen. Und dass sich etwa 300 Leserinnen und Leser persönlich bei ihr oder in der Community über die Geschichte geäussert haben. Später schreibt sie mir auch, dass noch keine Lesezahlen zur Reportage existierten. Als ich mit Yvonne Kunz spreche, ist sie gerade dabei (ich schwöre!) Rückmeldungen in der «Republik»-Community zu beantworten: «Es gibt grob drei Kategorien: Diejenigen, denen die Geschichte sehr gefällt, weil sie sie erleben können. Dann gibt es die sehr enttäuschten Faktenjäger. Und schliesslich diejenigen, welche ihre Lesegewohnheiten hinterfragen wollen und sich über unser Experiment freuen.» Anja Conzett möchte die Kategorie der enttäuschten Faktenjäger noch etwas ausdifferenzieren: «Es gibt harte Sachen, wie misogyne Kommentare und Zickenkrieg.» Kunz bezeichnet die Rückmeldungen als «mehrheitlich glorios».

Die Reportage zeigt mal direkter, mal weniger deutlich, wie das, was die beiden als Wahrheit kommunizieren wollen, von ihnen gemacht ist.

Dafür gibt es gute Gründe. Und diese wiederum könnten erklären, weshalb die Enttäuschten sogar in ihrer Identität verletzt erscheinen. Die Reportage zeigt mal direkter, mal weniger deutlich, wie das, was die beiden als Wahrheit kommunizieren wollen, von ihnen gemacht ist. Sie geben zu, dass sie zu Beginn eine gemeinsame Stimme finden wollten, sie begründen immer wieder, weshalb sie Charaktere treffen und wie dies nicht immer geplant war. Sie zeigen ihre Vorurteile, die eigene Inkonsequenz, reflektieren die Unsicherheit ihrer eigenen Position. Sie sagen, dass sie auch an Orte gehen, nur um sich zu erholen und machen so ihre Absichten so transparent, wie wir das viel zu selten lesen können. Journalismus ist bei ihnen das, was Journalismus in dieser Zeit der latenten Identitätskrisen sein muss: Neben der Erforschung des Anderen ganz besonders auch eine Erkundung des Selbst. Und damit ein steter Dialog zwischen den beiden Reporterinnen und ihrer Leserschaft, welcher der Zeit unterliegt.

Am deutlichsten und radikalsten weisen sie mit dem Konflikt zwischen ihnen selbst darauf hin. Denn da sind zwei Selbst, die einander abstossen «wie elektrisch gleichartig geladene Teilchen». Sie zeigen damit auf so ästhetisch geschickte wie überraschende Weise, wie wir in diesen Zeiten gerade in unserem menschlichen Kern herausgefordert werden. Wie unsere Sturheit und die Grenzen unserer aller Neugierde bestimmen was wir wissen. Wie unsere Emotionen unsere Entscheidungen und unsere Kommunikation und damit unsere Demokratien prägen (Elizabeth Kolbert im New Yorker, kürzlich Constantin Seibt, ich habe es auch mal versucht). Weder Kunz noch Conzett bringen es im Text fertig, den Graben zwischen ihnen zu schliessen, obschon beide es irgendwie möchten. Egal, ob dies aus Stolz oder doch anderen Gründen geschieht: Im Text erscheint das Problem jedenfalls als psychologisch. Und damit theoretisch als lösbar.

«Man fand, dass unser persönlicher Konflikt viel über den Konflikt in den USA und auch innerhalb unserer Leserschaft aussagt.» Yvonne Kunz

Die Idee dieser zwei-uneinige-Reporterinnen-Form entstand in «teils harten Diskussionen» innerhalb der Redaktion. Der Vorschlag kam von Textchef Ariel Hauptmeier nachdem Kunz und Conzett jeweils ihr eigenes erstes Kapitel niedergeschrieben hatten. Yvonne Kunz: «Man fand, dass unser persönlicher Konflikt viel über den Konflikt in den USA und auch innerhalb unserer Leserschaft aussagt.» Sie gibt offen zu, dass sie damit «weniger Freude» hatte, weil sie als eher distanzierte Analytikerin «die Hosen runterlassen» musste. Sie sei zu «70% zufrieden». Anja Conzett: «Nach unseren ersten Kapiteln fragte uns Ariel: Was ist überhaupt passiert auf der Reise? Da erzählten wir ihm von unserem Konflikt und er forderte uns auf, jeweils unsere Teile daran entlang zu schreiben. Er hat sie dann meisterhaft zusammenoperiert, nein: komponiert, nein: kuratiert.» Auch Conzett tönt am Telefon nicht besonders zufrieden. Eher erleichtert, als hätte sie eben einen notwendigen Kampf beendet. «Bis vor dieser Geschichte war das Ich für mich eine Kapitulation. Es war neu und hart für mich, mich derart auszustellen. Doch gleichzeitig bin ich überzeugt, dass Journalismus Zweifel transparent machen muss.»

Die Stärke dieser Transparenz wird umso deutlicher, weil sie auf die zwangsläufige Unzulänglichkeit des Texts als Ganzes – und so aber eben auch eine zusätzliche Interpretation – hinweist. Sie macht den Makel produktiv. Dieser ist nicht zuerst ein ästhetischer, zum Beispiel dass Conzetts geschmackvoller Soundtrack immer mal wieder aufgesetzt wirkt (etwa als sie zwischen Sinatras «My Way» und «Brothers in Arms» von den Dire Straits wählt). Es ist auch nicht ganz banal ein Mass wie die Länge. Aber weil sie Aufmerksamkeit will, ist Länge ein Test.

Was in diesem Text auf unterhaltsame Art meine Aufmerksamkeit will, sind die Charaktere voller extremer Konflikte. Ich fliege über den Bildschirm, fasziniert von den Widersprüchen. Versöhnung ist zu Beginn noch da, eine Entzugsklinik für Frauen in West Virginia. Doch dann dimmen Yvonne Kunz und Anja Conzett allmählich das Licht. All die Verarschten, Nutjobs, Extremisten und Gläubigen, die das Vertrauen in den Staat verlieren wollen oder müssen und nun einander gegenüberstehen.

  • Ein schwarzer Waffenlobbyist, der sagt: «There is no justice, there’s just us.»
  • Ein Pastor für den der Bürgerkrieg nur wenig mit Sklaverei zu tun hatte und die Aufspaltung des Landes als notwendig erachtet.
  • Ein Hindu-Paramilitär, der mit KKK angesprochen werden will (dieses Bild!)
  • Eine junge schwarze Aktivistin, die sagt: «Wir werden uns einfach nehmen, was von Anfang an uns gehörte. Und es spielt keine Rolle, ob es dabei Tote gibt.»
  • Der Anarchist, der sagt: «Es wird noch sehr viel schlimmer, bevor es wieder besser werden kann.»
  • Die muslimische Politikerin, die Gräben zuschütten will, aber meint, Männer könnten ihre Triebe nicht kontrollieren.

Ich fliege über den Bildschirm, fasziniert von den unbegreiflichen Spaltungen – bis ich nur noch langsam schwebe. Irgendwann erinnern sie mich an den ebenso unfassbar unterhaltsamen Immobilienhai der eigentlich diese Probleme lösen sollte. Mir fehlt die Abwechslung, die Überraschung. Sie müssten angesichts aller Extreme in der Mässigung zu finden sein. Wenn unsere Willenskraft derart entscheidend ist für unsere Demokratien muss Segregation nicht im Bürgerkrieg enden. Gemäss einer Harvard-Northeastern-Studie aus 2016 besitzen 78 Prozent der US-amerikanischen Erwachsenen keine, dafür drei Prozent von ihnen die Hälfte aller Feuerwaffen. Und ich kenne Waffenbesitzer, die sich auf keinen Bürgerkrieg vorbereiten. Sie ergreifen ihre Waffe bloss widerwillig wenn die Koyoten nach ihren Hühnern trachten. Die Mehrheit der US-Bevölkerung sind noch immer Menschen aller Geschlechter, Rassen, Klassen und Religionen, die nichts als ein Miteinander in Frieden wollen. Die USA ist noch immer voll von diesen Menschen – und sie kämpfen! In Alabama haben sie kürzlich einen Senator der Demokraten gewählt, der danach sagte: «This entire race has been about dignity and respect. This campaign has been about the rule of law.»
«Das grösste Übel der USA sei, sagt er, dass die Leute einander nicht zuhörten. Dass sie Gefangene ihrer eigenen Gedanken seien.»
Im Text scheint dieser amerikanische Wille zur friedlichen Demokratie immer mal wieder durch. Beim schwarzen Cowboypoeten, bei Überraschungsbekanntschaften, Randfiguren oder in Nebensätzen. Zur Begegnung mit dem reichen, schwarzen Waffenlobbyisten schreiben Kunz und Conzett: «Das grösste Übel der USA sei, sagt er, dass die Leute einander nicht zuhörten. Dass sie Gefangene ihrer eigenen Gedanken seien.» Diese Beobachtung führt sie im Text durchaus konsequenterweise zuerst zum eigenen Konflikt zurück. Doch wie auch die Rückmeldungen auf die Reportage zeigen, gibt es Verständigungsprobleme überall wo Menschen kommunizieren.

Der schwarze Komiker Dave Chappelle kommentierte nicht nur unmittelbar nach der Wahl des Tycoons die Rassenprobleme der USA, wie Yvonne Kunz erwähnt. Im Netflix-Special «Equanimity» aus Washington D.C. sagte er, dass er bereue, was er unmittelbar nach der Wahl auf «Saturday Night Live» gesagt habe. Er bezeichnete den Präsidenten als die «lie that unites us all», machte sich lustig über das Chaos im Weissen Haus und fügte an: «As all this shit goes down, media wants to make us believe that the extremities amongst us are the norm.» Er würde damit wohl die Tatsache meinen, dass die US-Medien die gigantischen Frauenprotestmärsche vor zehn Tagen tters.org/blog/2018/01/22/Video-Mainstream-media-ignored-the-Womens-March-Heres-what-Womens-March-participants-said-/219134″ rel=”noopener” target=”_blank”>praktisch ignorierten, während sie deutlich kleinere, aber gewalttätige Proteste wie im Sommer in Charlottesville übermässig thematisieren. Guy Debord schrieb und sprach darüber zu Zeiten des «New Journalism». Matthias Zehnder behandelte sie letztes Jahr: Die mediale Normalisierung des Extremen, der wahre Kern am Fake-News-Geschrei.

Zwischen Recherche und Publikation der Geschichte sind immerhin oder nur vier Monate (!) vergangen, was bereits viel über die permanente Geschichtlichkeit unserer rasanten Gegenwart sagt.

So sehr ihre Reportage auch von ihnen lebt: Extreme normalisieren wollen Conzett und Kunz auf keinen Fall. Dafür sind sie viel zu reflektiert. Viel eher erscheint die Aufmerksamkeit, welche sie ihnen schenken als Ausdruck eines Schocks aus einer anderen Zeit. Ähnlich demjenigen bei Dave Chappelle. Zwischen Recherche und Publikation der Geschichte sind immerhin oder nur vier Monate (!) vergangen, was bereits viel über die permanente Geschichtlichkeit unserer rasanten Gegenwart sagt. Ganz am Schluss ihrer Reise räumen Kunz und Conzett denn auch Fragezeichen ein: «27 Tage, 6500 Kilometer, Dutzende Interviews, ständig der Zweifel, ob wir die richtigen Leute getroffen, die richtigen Fragen gestellt, etwas Wichtiges vergessen haben.»

Ich frage beide: Würdet ihr heute eine andere Geschichte zu recherchieren versuchen? Blickt ihr heute anders auf die USA?

Yvonne Kunz: «Nein. Fast alle sagten uns, dass sie Konfrontationen erwarten. Wir wurden schon immer deprimierter, aber die Route, die wir wählten, war auch hart und wo du genau geplante Pflöcke einschlägst, hat sicher einen Einfluss auf die Geschichte.»

Anja Conzett: «Für mich ist sie nicht so hoffnungslos. Aber ich würde heute eine andere Geschichte machen. Vielleicht gelang es mir zu wenig, die Hoffnung zu fassen. Ich würde noch konsequenter da hingehen wo der Zorn ist, wo es wehtut. Egal auf welcher Seite. Ich schreibe immer noch hin und wieder mit KKK (der Hindu-Paramilitär), da ist ein richtiger Dialog entstanden. Ich glaube, dass Verständigung möglich ist, wenn zwei Menschen trotz allem Zorn und aller Differenzen einander ernst genug nehmen, um miteinander zu sprechen.»

Wie die Idee der objektiven Berichterstattung hat die Reportage ihre Wurzeln in den «Penny Papers» der 1840er Jahre.

Wie jede Textgattung ist auch die Reportage zuerst deshalb eine Gattung, weil Menschen sich darauf geeinigt haben, sie als Gattung zu bezeichnen. Womit auch sie eine Geschichte hat. Sie können Details zum Beispiel bei Hendrik Michael oder Michael Homberg lesen. Hier bloss das Wichtigste (wir wollen lang genug, aber keinesfalls zu lang werden!): Wie die Idee der objektiven Berichterstattung hat die Reportage ihre Wurzeln in den «Penny Papers» der 1840er, welche die sich rasant wandelnden US-Cities «lesbar machten» (Michael). Diese Zeitungen waren deutlich günstiger als die bis dahin dominierenden Partei- und Wirtschaftsblätter, weil sie erstmals auf Anzeigen setzten und erreichten so eine viel grössere, breitere Leserschaft. Die Leserschaft, deren Erfahrung der neuen Grossstädte durch Individualisierung geprägt war, fand in den zusammenhängenden Geschichten aus der Stadt und dem Ausland Identifikation, lokale und nationale Zugehörigkeit und nicht zuletzt Unterhaltung. Denn die Storys waren Produkte, welche die ReporterInnen herstellten und verkauften. Sie gingen, sahen, und kamen mit einer Geschichte zurück, die sich konsumieren liess und an der auch klar war, dass sie metonymisch oder synekdochisch (sorry, geht nun wirklich nicht anders!) gelesen werden sollte.

Während das Geschäftsmodell dieses Journalismus aus den USA nach Europa fand, ging der Begriff «Reportage» (1865 in Frankreich, ab 1890 in Deutschland erstmals notiert) den umgekehrten Weg (Homberg). Dafür kam aus den USA der nächste Transformationsschub: Im New Journalism der 1960er und 1970er stellte sich die Reportage noch bewusster als Kunst dar. ReporterInnen wie Joan Didion, Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe erschien die Realität um einiges unbegreiflicher. Und besonders wegen den massenmedial verbreiteten TV-Bilder auch künstlicher als den KollegInnen noch hundert Jahre zuvor. Sie versuchten ihr mit aufwändigen Immersionsrecherchen und fiktionalen Erzählelementen wie erlebter Rede oder komponierten Charakteren beizukommen (Details zum Beispiel bei Phyllis Frus oder David Mosser).

Sofern wir es glauben wollen, sollte uns diese kurze Geschichte lehren: Was als Reportage gilt, ändert sich mit der Lebenserfahrung der AutorInnen und LeserInnen. Das muss Journalismus nur schon aus geschäftlichen Gründen. Oder möchten Sie vielleicht die aktuellste Stellungnahme zur aktuellsten Schnapsidee, die gerade schweizweit diskutiert wird von einem Minnesänger als Spruchgedicht vorgetragen erhalten? Für eine Textgattung wie die Reportage, welche Fakten mit deren An- und Einordnung verwebt und ihr Wissen in der Figur des Reporters oder Reporterin bündelt, ist dies besonders dramatisch. Denn was immer sie als Realität kommunizieren will – es verschiebt sich mit der Zeit. Und mit dem, was ihre Leserschaft als Realität (weil entsprechend recherchiert und eingeordnet) anzunehmen bereit ist. Gleichzeitig aber bleiben auch alte Erzählkonventionen erhalten und akzeptiert. Weil heute gerade im Fall der Reportage zwar nicht «anything goes» aber doch «many things go», gibt es wie in jedem Fall einer Auswahl Probleme.

Die Reportage als das Produkt eines Willensaktes; eines Dialogs von ReporterInnen und LeserInnen über eine Unfassbarkeit, der sich der eigenen Zerbrechlichkeit bewusst ist.

So überrascht nicht, dass in diesem rasanten, zentrifugalen Chaos des 21. Jahrhunderts mit Internet und Smartphones und Billigflügen die avancierteste Reportage nochmals etwas anderes ist als gezieltes Aufsuchen von Fakten oder Ergründen einer Unfassbarkeit. Wir konnten es an vielen Orten in unterschiedlichen Ausprägungen auch vor Kunz’ und Conzetts Reportage-Serie lesen. Wirklich nur als Beispiele bei David Foster Wallace, John Jeremiah Sullivan, Rachel Kaadzi Ghansah, Mac McClelland, Kathrin Röggla oder Daniel Ryser. Bei ihnen ist die Reportage deutlicher als je zuvor erkennbar als das Produkt eines Willensaktes; eines Dialogs von ReporterInnen und LeserInnen über eine Unfassbarkeit, der sich der eigenen Zerbrechlichkeit bewusst ist. Wenn wir uns alle jederzeit Fickfilme oder Fantasy-Serien anschauen können, wenn unsere Aufmerksamkeit derart zerrissen ist, wenn sich unsere Vorstellungen von Realität und Identität derart schnell verändern, müssen wir Reportagen recherchieren, schreiben und lesen wollen.

Die Differenzen, die Risse, sie sind überall: In den USA, im Journalismus, in dieser Reportage, in der noch ganz jungen «Republik». Sie sind das, was die Zeit mit uns allen macht. Es dürfte zu Lebzeiten also aussichtslos sein, sie beseitigen zu wollen. Doch dieser gemeinschaftliche Journalismus macht vor, dass vielleicht etwas anderes geht: Dass wir mit aufrichtigem Zuhören, Nachdenken und Kommunizieren Geschichten voller Risse über uns selbst erzählen können, die sich gerade deshalb wahrer anfühlen. «Anthem» ist nicht mein Lieblingssong von Leonard Cohen. Ich höre ihn auch nicht gerade (ich höre gerade «Suzanne»). Aber ich will daran denken wie er singt: Ring the bells that still can ring/ Forget your perfect offering/There is a crack, a crack in everything/That’s how the light gets in.

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