von Tuğba Ayaz

Inga Rogg (NZZ): «Die internationale Berichterstattung aus der Türkei wird ärmer»

In der türkischen Medienkrise wird zunehmend auch die Arbeit ausländischer Medienschaffenden vor Ort erschwert. Die Journalistin Inga Rogg berichtet seit sechs Jahren für die NZZ aus der Türkei. Als belastend empfindet sie den Druck, den die Regierung auf die Medienschaffenden ausübt.

Medienwoche:

Unzählige inhaftierte Medienschaffende, zahlreiche geschlossene Redaktionen: die Türkei erlebt eine tiefgreifende Medienkrise. Wie fühlt man sich vor diesem Hintergrund als Korrespondentin vor Ort?

Inga Rogg:

Die Verhaftungen bereiten uns ausländischen Medienschaffenden auch Sorgen. Das stetige Gefühl, mit einem Bein im Gefängnis zu stehen, löst Unbehagen aus. Besonders für deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger – Schweizer sind weniger im Fokus. Aktuell hat es sich etwas entspannt. Die Türkei hat ja etwa angekündigt, mit Deutschland ein neues Kapitel aufzuschlagen. Dann wurden der Menschenrechtler Peter Steudtner und die Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu freigelassen. Und jetzt wurde auch Deniz Yücel freigelassen, der mehr als ein Jahr ohne Anklage in Haft verbrachte. Die diplomatische Grosswetterlage beeinflusst hier immer auch uns. Obwohl wir ja nichts mit den Regierungen zu tun haben.

Medienwoche:

War das vor einigen Jahren noch anders?

Inga Rogg:

Ja, die Haltung der türkischen Regierung gegenüber Medienschaffenden hat sich radikal verändert. Ich selbst habe die guten Zeiten in der Türkei nie erlebt. Von KollegInnen weiss ich jedoch: Früher wurden Medienschaffende zu Hintergrundgesprächen eingeladen, AKP-Vertreter gaben bereitwillig Interviews, man konnte sie beim Wahlkampf begleiten. Heute ist das nicht denkbar. Als ich 2012 nach Istanbul kam, wurden Korrespondenten in Ruhe gelassen. Die Gezi-Proteste 2013 waren das erste grosse Ereignis über das ich aus der Türkei berichtete. Der Regierung gefiel es damals nicht, wie die ausländische Presse darüber berichtete. Trotzdem versuchte sie nicht, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen.

Medienwoche:

Tut sie das heute?

Inga Rogg:

Eindeutig. Seit dem Putschversuch im Juli 2016 will man auch ausländischen Medien die Position der Regierung aufdrücken, wie das bei der regierungsnahen Presse im Land geschieht.

Medienwoche:

Wie?

Inga Rogg:

Beispielsweise bei der Offensive gegen kurdische Kämpfer in der nordwestsyrischen Region Afrin. Die Regierung hat laut türkischen Medien für die inländische Presse einen Punktekatalog herausgegeben. Darin macht sie Vorgaben, wie über die Militäroperation berichtet werden soll. In einem Punkt hebt sie etwa hervor, dass sie sich gegen den Islamischen Staat (IS) richtet. In Afrin gibt es den IS aber gar nicht.

Medienwoche:

Wie gehen ausländische Medienschaffende mit solchen Informationen um?

Inga Rogg:

Was in den türkischen Medien geschrieben wird, beeinflusst unsere Informationslage. Denn die erste Quelle sind für uns die türkischen Medien. Sind dort die Fakten falsch, haben wir ein Problem. Im Zusammenhang mit Afrin haben uns türkische Regierungsvertreter mitgeteilt, dass wir etwa die Gegenseite nicht zu zitieren haben und nicht über zivile Opfer berichten sollen. Zudem wurde vermerkt, dass eine Berichterstattung von vor Ort rechtliche Konsequenzen hat.

Medienwoche:

Kann man unter solchen Umständen noch recherchieren?

Inga Rogg:

Es ist tatsächlich schwieriger geworden, vor allem Gesprächspartner zu finden. Allgemein herrscht in der Türkei grosse Angst. Sie ist auch innerhalb der Regierungspartei spürbar. Politische Vertreter möchten nicht mit Medien sprechen, weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen und ihren Job zu verlieren. Ähnlich ist es auch bei öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten. Viele ExpertInnen dürfen offiziell nicht mit der Presse reden oder haben Angst, es zu tun. Mit Menschen auf der Strasse sind Gespräche schwierig, weil sie Angst haben belauscht zu werden. Es gibt viel Denunziantentum: Nachbarn, Verwandte gar Ehepartner werden bei der Polizei gemeldet, wenn sie sich kritisch äussern.

Medienwoche:

In der Türkei müssen Medienschaffende jährlich eine Akkreditierung beantragen. Bei ausländischen Journalistinnen und Journalisten ist diese an die Aufenthaltsgenehmigung gekoppelt. Klappt das aktuell reibungslos?

Inga Rogg:

Ende des Jahres geht immer die grosse Zitterpartie los: Wird die Akkreditierung verlängert oder nicht? Sie gilt jeweils von Januar bis Dezember. Jedesmal muss man Arbeiten vorlegen, was ja auch Teil des Nachweises ist, dass man als Medienschaffende arbeitet. Die Arbeiten werden übersetzt, geprüft und es wird ein Bericht darüber verfasst. Meines Wissens wurden die Presseausweise für ausländische Medienschaffenden dieses Jahr grösstenteils verlängert. Aber das kann sich morgen wieder ändern. Es gab auch schon KollegInnen, die ewig gewartet haben. Die Auskunft war dann: «Ist noch in Bearbeitung», obwohl man davon ausgehen konnte, dass sie abgelehnt wird.

Medienwoche:

Wird das auch als Druckmittel verwendet?

Inga Rogg:

Das ist anzunehmen. Rechtlich ist es eine Grauzone. Solange der Antrag noch in Bearbeitung ist, arbeitet man im Grunde legal. Aber die journalistische Tätigkeit kann – und wurde schon – ohne gültige Pressekarte als illegal ausgelegt. Ein Kollege, der fünf Jahre in der Türkei gelebt hatte, war im Südosten unterwegs, während sein Antrag noch in Bearbeitung war. Er wurde verhaftet, sass vier Wochen im Gefängnis und wurde dann des Landes verwiesen.

Medienwoche:

Haben einige ausländische KollegInnen das Land auch freiwillig verlassen?

Inga Rogg:

Ja, etliche Deutsche und Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern. Die Süddeutsche Zeitung hat derzeit niemanden vor Ort. Der Korrespondent der FAZ ging schon vor dem Putschversuch 2016. Für Schweizer Titel berichten Ruth Bossart für SRF, mein Kollege Marco Kaufmann Bossart und ich für die NZZ. Für die Freien sind die prekären Umstände in der Türkei noch schwieriger. Sie haben kein starkes Medienhaus hinter sich. Man fühlt sich schon sicherer, wenn man eine Redaktion hinter sich weiss. Einige der freien KollegInnen berichten aus Sicherheitsgründen nicht mehr aus bestimmten Regionen oder zu gewissen Themen. Insgesamt wird die internationale Berichterstattung aus der Türkei ärmer.

Medienwoche:

Wie genau verfolgt die Regierung die Arbeiten der ausländischen Medienschaffenden?

Inga Rogg:

Von der türkischen Vertretung in der Schweiz wird alles mehrfach gelesen, gehört und gesehen. Es gilt ja grundsätzlich als eine der Aufgaben der Botschaften, die Berichterstattung über das jeweilige Land zu verfolgen. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber im Falle Türkei scheint es nicht bloss darum zu gehen, sich zu informieren. Sondern gezielt auch Inhalte zu identifizieren, die nicht im Einklang mit der Regierung sind. So geht auch das Presseamt in Ankara vor, dessen Hauptaufgabe es unter anderem ist, zu beobachten, wie über die Türkei berichtet wird. Kürzlich sagte mir jemand, dass sie auch eine Liste mit Namen der Medienschaffenden führen, die genauer beobachtet werden.

Medienwoche:

Wird man als Journalistin mit antiwestlicher Haltung konfrontiert?

Inga Rogg:

Ja, auch das hat sich radikal verändert. Man wird als Ausländerin nicht angegriffen, aber die grundsätzliche Hetze gegen den Westen und vor allem gegen die westliche Presse bekommt man zu spüren. Wir Medienschaffende werden mit unseren Regierungen über einen Kamm geschert. Aus Sicht der türkischen Regierung funktionieren wir wie die ihr nahen Medien im Land: als Sprachrohr der Regierung. Deshalb wird es unter anderem als Terrorpropaganda eingestuft, wenn in der Berichterstattung Positionen der Gegenseite abgebildet werden.

Medienwoche:

Spürt man diese Haltung auch in der Bevölkerung?

Inga Rogg:

Kürzlich war ich bei einer Behörde. Da sagte der Beamte zu mir: „Sie wissen schon, dass wir die Deutschen nicht mögen.“ Ich fragte ihn höflich nach dem Grund. Er schwieg einen Moment. Dann wiederholte er den Satz. Natürlich gibt es genug Menschen in der Türkei, die nicht so denken. Beunruhigend ist vielmehr, dass so eine Äusserung vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen wäre.

Medienwoche:

Hast du Ähnliches aufgrund der journalistischen Arbeit erlebt?

Inga Rogg:

Von Seiten der Regierung nicht. Von KollegInnen weiss ich, dass bei ihnen schon Regierungsvertreter angerufen haben und sie zu bestimmten Formulierungen in ihren Texten befragt haben. Mir ist das bislang nicht passiert. Auf Sozialen Medien haben mich Regierungsanhänger verbal attackiert. Dies ging bis zur Bedrohung. Die Gegenseite ist allerdings auch nicht besonders zimperlich.

Medienwoche:

Vermeidest du es, über bestimmte Themen zu schreiben?

Inga Rogg:

Es gibt bisher kein Thema, das ich deswegen nicht angefasst hätte. In meiner Arbeit bemühe ich mich immer, alles zu belegen. Unter diesen Umständen noch stärker. Bei heiklen Themen muss die Geschichte sowieso immer wasserdicht sein.

Medienwoche:

Welche Themen gelten als heikel?vAlles, was die Familie Erdogan betrifft – auch deshalb wurde der Fall Yücel etwa zur Chefsache erklärt –, die Rolle der Gülen-Bewegung beim Putschversuch und die Kurdenfrage.

Medienwoche:

Achtest du bei diesen Themen besonders darauf, unverfänglich zu formulieren?

Inga Rogg:

Grundsätzlich trenne ich Meinung und Bericht gerne eindeutig. Eine persönliche Haltung ist aber in jedem Text herauszulesen, etwa zur Demokratie, Menschen- und Freiheitsrechten. Da kann und will ich nicht davon abrücken.

Medienwoche:

Haben inhaftierte KollegInnen aus deiner Sicht Themen aufgegriffen oder eine Sprache gewählt, die du nicht gewählt hättest?

Inga Rogg:

Überhaupt nicht. Alles, was etwa Deniz Yücel an Berichterstattung gemacht hat, bewegt sich im Rahmen unserer Arbeit. Ihm wird zum Beispiel auch ein Interview mit einem PKK-Vertreter zur Last gelegt. Ich hätte den IS interviewt, wäre das möglich gewesen. Es gehört zu unserem Job, verschiedene Positionen abzubilden. Wir müssen möglichst korrekt und umfangreich in allen Fragen berichten. Dazu gehört zweifelsohne, der Position der türkischen Regierung Platz einzuräumen, aber auch die der anderen Seite zu beleuchten.

Medienwoche:

Eine türkische Kollegin sagte einmal: Die Regierung signalisiert, wenn sie ein Problem mit einem hat. Einige Verhaftungen kamen aber auch überraschend. Wie schätzt du das ein – lassen sich Signale vorab deuten?

Inga Rogg:

Mir scheint es schwierig, Signale zu deuten, sollte es denn welche geben. Einige ausländische KollegInnen wurden auf den Frontseiten regierungsnaher Blätter als Terroristen oder Propagandistinnen bezeichnet. Passiert einem das, kann man davon ausgehen, dass man bald ein Verfahren am Hals hat. Aber verlässt man das Land, weil man auf der Front einer regierungsnahen Zeitung war? Kaum. In anderen Fällen passierte im Vorfeld gar nichts. Würden wir irgendwelche Signale deuten wollen, wären wir alle ständig dabei, die Türkei zu verlassen. Für die türkischen Medienschaffenden ist es zudem viel schlimmer. Sie haben keine Alternative. Und werden auch viel leichter festgenommen.

Medienwoche:

Hast du in der Türkei schon einmal eine gefährliche Situation erlebt?

Inga Rogg:

Nicht wirklich. Einmal wurde ich mitten in der Nacht in Diyarbakir länger an einem Checkpoint aufgehalten. Die Situation war beunruhigend, da es in einer heissen Phase des Kurdenkonflikts war und solche Checkpoints häufig Anschlagziele sind. Was Gefahren angeht, habe ich aber andere Massstäbe. Nach neun Jahren im Irak, Syrien während des Kriegs, Libyen – dort macht man existenzielle Erfahrungen. Im Südosten der Türkei wurde nachts geschossen. Jetzt, während der Offensive auf Afrin hörte man im türkischen Grenzgebiet die Kampfjets und Artilleriegeschosse. Und nach wie vor besteht in der Türkei die Gefahr von Terroranschlägen. Aber das alles ist nicht vergleichbar mit der Bedrohung, die ich in Ländern wie dem Irak oder Syrien erlebt habe. In Bagdad konnten wir zeitweise so gut wie nicht mehr auf die Strasse. Das Regime in Syrien liess zu Beginn des Bürgerkriegs auch gezielt Orte bombardieren, an denen sich Medienschaffende aufhielten.

Medienwoche:

Verglichen mit solchen Verhältnissen scheint die Arbeit in der Türkei harmlos.

Inga Rogg:

Was die Bedrohung an Leib und Leben angeht wie auch die psychische Belastung in Kriegssituationen klar. Belastend ist in der Türkei, dass die Regierung Medienschaffende gezielt unter Druck setzt. Im Irak zum Beispiel versuchen diverse Kriegsparteien die Medien jeweils auf ihre Seite zu ziehen. Die Gewalt ist massiv, einige Medienschaffende sind umgekommen. Man hat aber keine Regierung, die grundsätzlich gegen Medienschaffenden ist und gezielt Druck auf sie ausübt. So prekär die Lage im Irak auch ist, in dieser Hinsicht ist man freier als in der Türkei.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Aslan 02. März 2018, 11:43

Es gibt bekanntlich immer zwei Seiten der Medaille.
Was in der Einleitung des Interviews als “Medienkrise” bezeichnet wird, wird andererseits als längst überfällige und nunmehr aktive Bereinigung aufgenommen und begrüßt. Tatsächlich wäre es etwas umfangreich die Rolle verschiedener Medien jnd Aktivitäten gewisser Interessengruppen als auch “Medienschaffender” und derer Auswirkungen im Kontext zu den vielen Problemstellungen sowohl in der Politik und Gesellschaft zu thematisieren, allerdings kann man die notwendigen Maßnahmen, welche die türkische Regierung eingeleitet hat und umsetzt als Anti-Virus-Programm begreifen.

Antworten...