von Journalismus Y

«Eigentlich ein gutes Beispiel für die direkte Demokratie»

Der Streit um die  wichtigste medienpolitische Vorlage der letzten Jahre – die «No Billag»-Initiative – ist auch an uns nicht spurlos vorbeigegangen. Zusammen mit Kaspar Surber, neuer Co-Redaktionsleiter der WOZ, schauen wir auf einen intensiv geführten Abstimmungskampf zurück. Was sagt er über den Zustand der Medien in der Schweiz aus?

JOURNALISMUS Y:

Du hast ja den Abstimmungskampf am 26. Oktober mehr oder weniger lanciert hat mit deinem Beitrag «Was, wenn der Sprengsatz detoniert?» Warum ist das damals eigentlich so früh losgegangen, der «No Billag»-Abstimmungskampf?

Kaspar Surber:

Es freut mich natürlich, wenn ihr denkt, dass mein Artikel den Abstimmungskampf lanciert hat. Das waren sicherlich auch noch andere, die dazu beigetragen haben. Ich denke, es waren zwei Gründe: Das «No Billag»-Komitee selbst war ja wenig verankert in den etablierten Parteien, doch dann äusserte sich die SVP und vor allem Christoph Blocher, dahingehend, dass sie die Initiative wohl unterstützen werden. Ich denke ausserdem, dass sie noch mehr Geld in den Abstimmungskampf geworfen hätten, wäre dieser etwas anders verlaufen. Ich glaube sie haben irgendwann gemerkt, dass es wohl nicht reichen wird. Der zweite Grund war sicher der, dass es 2017 keinen Abstimmungstermin im November gab. Just bei dieser wichtigen Abstimmung hatte man also sechs Monate Zeit für eine Diskussion.

JOURNALISMUS Y:

Diese Länge war wirklich rekordverdächtig.

Kaspar Surber:

So etwas haben wir glaube ich wirklich noch nie erlebt. Man spürt jetzt auch eine Ermüdung. Mir scheint, die Diskussion war ungefähr Ende Januar beendet. Das Zweite ist schon, dass diese Abstimmung ganz grundsätzliche Fragen aufwarf zu einem sehr relevanten Thema. Es ist eine radikale Initiative, die eine Abschaffung des öffentlich finanzierten Rundfunks bedeuten würde und ich glaube, das haben die Leute zunehmend verstanden. Mir scheint, es fand eine sehr genaue Meinungsbildung statt, das hat durchaus sein Gutes. Ähnlich wie bei der Durchsetzungsinitiative ist sehr genau argumentiert worden, was die Folgen einer Annahme wären. Eigentlich ein gutes Beispiel für die direkte Demokratie, die findet nicht nur die SVP gut – ich find die auch gut.

JOURNALISMUS Y:

Anfangs Oktober gab es eine Umfrage des Verlegerverbands, die besagte, dass damals eine Mehrheit die Initiative angenommen hätte. War die Umfrage schlecht gemacht oder war das zu diesem Zeitpunkt effektiv so?

Kaspar Surber:

Ich glaube, das war schon korrekt. Ich interpretiere daraus vor allem, dass effektiv ein starker Meinungsbildungsprozess stattgefunden hat. Man beobachtet ja bei Initiativen oft, dass sie im Laufe des Abstimmungskampfs an Boden verlieren. Aber mich hat schon überrascht, dass man einen so deutlichen Meinungsumschwung messen konnte. Ich fand es spannend zu sehen, wie verschiedene Akteure abwarteten um zu schauen, wohin der Wind weht. Und die Befürworter haben keinen Wind in die Segel bekommen. Jene, die durchaus Geschäftsinteressen hätten bei einem «No Billag»-Ja, sind daraufhin verschwunden aus der Auseinandersetzung.

JOURNALISMUS Y:

Wie haben sich die verschiedenen Medien angestellt in diesem Abstimmungskampf?

Kaspar Surber:

Relativ opportunistisch. Ich fand es sehr spannend, das zu beobachten. Ringier hat früh eine starke Unterstützung der Initiativ-Gegner lanciert – ich denke da an die Jodler und Ländler-Freunde, die an Einfluss verlieren würden, warnte der «Blick». Tamedia hingegen hat als Konzern stark laviert. Man konnte das gut sehen im Verlegerverband, der von Pietro Supino, dem Tamedia-CEO, präsidiert wird. Dieser hat lange keine Parole gefasst. Eigentlich erst im Zuge der ersten SRG-Umfragen entschlossen sie sich, die Nein-Parole durchzugeben. Nun muss man natürlich sagen, dass das die Unternehmenslinien sind, nicht die publizistischen. Den Journalisten stand es sicherlich frei, was sie schreiben wollen, aber es wurde für kritische Journalisten sicher schwierig, sich gegen das eigene Haus zu stellen. Wir Journalisten wissen ja, dass es keine Direktive gibt, aber es gibt natürlich eine Schere im Kopf.

JOURNALISMUS Y:

Eine schräge Episode fand ich, als Hans-Ulrich Bigler plötzlich seinen eigenen Plan B präsentierte. Was ist da eigentlich genau passiert, als er sich einmischte? Er war ja nicht selbst Initiant des Anliegens.

Kaspar Surber:

Er hat sich eingemischt, weil er damals beim RTVG-Referendum so knapp scheiterte. Gewerbeverbandsdirektor Bigler ist Ausdruck davon, dass es sich effektiv um einen hochideologisierten Abstimmungskampf handelte. Den libertären Initianten ist es um ihre schöne Welt gegangen, die so ganz ohne Staat funktioniert. Dabei ist das Beispiel der Medien genau eines, das zeigt, dass das eben hinten und vorne nicht funktioniert. Die Gelder würden alle ins deutsche Privatfernsehen abwandern, zu Google, zu Facebook. Bigler ist von einer Mission getrieben, diese Gebühren zu bekämpfen und sieht offenbar nicht, dass ein grosser Teil seines Verbands dies nicht mehr mitträgt. Schliesslich läuft ja in vielen Gewerbebetrieben den ganzen Tag das Radio. Wer weiss, ob er nicht vielleicht bald seinen Posten abgeben muss. Die politische Diskussionskultur in diesem Land würde sicher keinen Schaden nehmen.

JOURNALISMUS Y:

Kurz vor Ende ist ja noch dieses Interview, beziehungsweise «No Interview» der BaZ herumgereicht worden. Ich habe gehört, die WOZ hatte ebenfalls einmal eine solche Episode mit Olivier Kessler?

Kaspar Surber:

Ja, vor einem Jahr berichteten wir davon, dass dem Komitee die Leute davonlaufen wegen Oliver Kessler, wie einzelne sagten. Es wurde dann auch bekannt, dass er bei Ivo Sasek auftrat und wir wollten ihn mit diesen Dingen konfrontieren. Er beantwortete uns lediglich per Mail sehr ausführlich einige Fragen und beharrte darauf, diese integral abgedruckt sehen zu wollen. Unsere Kürzungsvorschläge akzeptierte er nicht, weshalb wir dann gar nichts druckten und so kenntlich machten. Er drohte uns mit einer Klage, die dann aber zum Glück nie eintraf. Ich kann ja verstehen, wenn man sich manchmal falsch wiedergegeben fühlt, aber die Art und Weise wie das Initiativ-Komitee agiert hat, lässt mich ganz schön ratlos zurück. Ich glaube viele Journalisten haben sich Mühe gegeben, ihnen einen Raum zu bieten. Kessler würde man ohne das SRF doch gar nicht kennen in der Schweiz.

JOURNALISMUS Y:

Schwer tat sich ja auch die NZZ. Chefredaktor Eric Gujer schrieb einen Kommentar und bekundete Sympathien für das Anliegen. Medienredaktor Rainer Stadler eher andersrum. Wie empfandest du das?

Kaspar Surber:

Ein guter Hinweis. Ich glaube das war eine Art Testballon, die man steigen liess, um zu schauen: Wie weit zieht das? Und in der Tat hat man ja nachher gar nichts mehr von ihm gehört diesbezüglich. Ich ging immer davon aus, die Leute hätten starke Überzeugungen, aber hier konnte man wirklich zum Teil die Geschäftsinteressen erkennen. Die Leute haben versucht, gegen die SRG anzutreten, doch irgendwann mussten sie feststellen, dass die Stimmung zu Gunsten der Initiativ-Gegner kippt.

JOURNALISMUS Y:

Hast du das Gefühl, sie haben diese Ansicht «Weniger SRG gleich besser für uns» abgelegt?

Kaspar Surber:

Nein abgelegt nicht, aber der Verlegerverband, der ja entscheidend ist in dieser Frage, wird wohl festgestellt haben, dass ein Nein-Anteil von 60-65 Prozent ihre Verhandlungsposition gegenüber der SRG schwächen würde – die hätten sich ja blamiert! Die Interessen sind noch dieselben, sie werden nur unterschiedlich deutlich formuliert. Was mich erstaunt hat: Wir als kleine WOZ konnten sehr frei über das Thema berichten und fanden weit herum Beachtung dafür. Für uns war es sehr eigenartig zu beobachten, in welchen Kleinkrieg sich der Verlegerverband mit der SRG begeben hat. Gut, die SRG hat mit ihrem teils tatsächlich etwas selbstgefälligen Attitüde hat auch ihres dazu beigetragen, aber es ist doch völlig unproduktiv, dass sich diese zwei Parteien hier zerstreiten. Wir wissen doch, dass der Löwenanteil der Werbegelder ohnehin an Google und Facebook wandert. Da müsste man doch über Kooperationen nachdenken: Wie finanzieren wir Journalismus in der Schweiz nachhaltig? Das wäre die Chance gewesen und diese hat man verspielt.

JOURNALISMUS Y:

Besteht diese Chance noch nach einem Nein oder wurde bereits zu viel Geschirr zerschlagen?

Kaspar Surber:

Ich befürchte letzteres. Was mich immer gestört hat bei dieser Initiative, war, dass sie die Frage zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt stellt. Der Journalismus generell steckt in einer Finanzierungskrise. Bei der Digitalisierung geht es ja nicht darum, welchen neuen Bling-Bling man auf seinem Handy hat, sondern es geht in erster Linie darum, dass die Werbung nicht mehr an den Träger gebunden ist und vor allem an die Tech-Giganten geht. Wenn man das feststellt – in diesem Moment dann auch noch die Grundlage des öffentlichen Radio und Fernsehen in Frage zu stellen, ist das völlig Falsche. Der Streik der SDA hat noch zur Dringlichkeit dieser Frage beigetragen. Eine öffentliche Finanzierung der SDA: genossenschaftlich, nicht gewinnorientiert, das wäre etwas, worüber man jetzt nachdenken müsste! Aber hier hat diese Initiative den Blick verstellt.

JOURNALISMUS Y:

Mir schien, sobald es ans eigene Portemonnaie geht, verliert man diese Optik relativ schnell. Man schaut nur noch auf die 365 Franken, die man bezahlen muss.

Kaspar Surber:

Diese Gebühr kann man ja in der Tat in Frage stellen. Das ist ja nicht wenig Geld in einem Haushaltsbudget. Das ist ja das Fiese an der Gebühr, die nicht vom Einkommen abhängig gemacht wird. Aber die Initiative will daran ja nichts ändern, sondern einfach alles auslöschen. Ich hoffe sehr, dass diese Diskussion noch einmal geführt wird. Aber klar, wir wissen ja warum das so erhoben wird, nämlich um zu verhindern, dass das Parlament regelmässig über die Höhe der Gebühren entscheiden kann. Wir können die negativen Auswirkungen ja in der Kulturpolitik beobachten: Wenn jemand einen «dummen Latz» hat, dann werden ihm einfach die Subventionen gekürzt.

JOURNALISMUS Y:

Die Gebühr wird von links regelmässig kritisiert. Sind deshalb die Gräben nicht durch die klassischen parteipolitischen Lager verlaufen?

Kaspar Surber:

Das würde ich gar nicht sagen. Die Linke war von Beginn weg sehr geschlossen und vehement gegen diese Vorlage.

JOURNALISMUS Y:

Aber was ist mit den jungen, urbanen Netflix-Guckern, über die man immer redete?

Kaspar Surber:

Ich weiss ehrlich gesagt nicht, welche Partei diese im Moment wählen: GLP? Oder Jungfreisinnige? Nein, ich glaube die Linke hat schnell abstrahiert: Hier die Kritik an der Gebühr, dort die Berichterstattung der Öffentlich-rechtlichen, die ich übrigens nicht als links bezeichnen, sondern als ausgewogen, streckenweise etwas bieder und im Zweifel mit ein bisschen Blocher oder Glarner angereichert. Die Linke hat verstanden, dass es Information braucht, die allen zur Verfügung stehen, ein Raum für die politische Debatte. Das wurde zunehmend auch allen anderen klar.

JOURNALISMUS Y:

Als «Wochenzeitung» hattet ihr schon immer eine spezielle Rolle: Wie läuft’s bei euch?

Kaspar Surber:

Wir hatten in dieser Medienkrise einen grossen Vorteil: Normale Tageszeitungen und auch viele Wochenblätter waren finanziert durch Werbung und Leser im Verhältnis 70 zu 30. Aber die Einnahmen durch Werbung nehmen ab. Bei der NZZ ist das Verhältnis meines Wissens nun 50:50. Bei der WOZ waren wir schon immer zu 80 Prozent durch Abonnements finanziert und nur 20 Prozent durch Inserate und Spenden. In dem Moment, als allen anderen die Werbung wegbrach, wurde uns klar: Wir haben das Modell, nach dem alle anderen suchen. Wir waren längst durch die Leser finanziert. Deshalb ging es uns tendenziell gut die letzten Jahre. Der zweite Teil ist, dass wir als Genossenschaft organisiert sind, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehört. So gibt es keinen Druck des Kapitals – die Tamedia zum Beispiel ist ein börsenkotiertes Unternehmen, das Dividende rausholen muss.

JOURNALISMUS Y:

Das klingt jetzt ein bisschen wie die Marketingkampagne der «Republik» letztes Jahr. Habt ihr davon etwas gespürt hier?

Kaspar Surber:

Es ist sicher so, dass es Viele gibt, die sowohl die WOZ als auch die «Republik» abonniert haben. Es wird sich zeigen, ob sie sich beide Titel gleichzeitig leisten wollen. Es kann auch sein, dass wir einzelne Leser verlieren. Es kann aber auch sein, dass wir wieder gewinnen. Ich sehe das positiv. Ich finde, dass die «Republik» das richtige Modell hat. Es ist gut, wenn Leute in Journalismus investieren und mit Leidenschaft bei der Sache sind. Für mich ist die Republik ein willkommener Mitstreiter. Für uns ist es interessanter, wenn wir vier oder fünf interessante Konkurrenten haben als ein oder zwei grosse Medienkonzerne.

JOURNALISMUS Y:

Wie meistert ihr bei der WOZ die digitale Transformation? Habt ihr auch eine Strategie, mit der ihr versucht, zum Beispiel auf Social Media erfolgreich zu sein oder setzt ihr weiter auf Print?

Kaspar Surber:

Wir haben in der Tat so eine Strategie. Unsere Artikel sind nicht sofort online verfügbar. Die, die es sind, verbreiten wir über Social Media. Plus wir haben eine App, wo Abonnenten alles lesen können. Das Feedback zeigt: Die Leute bezahlen das Abo recht unabhängig davon, welchen dieser Kanäle sie nun bevorzugt nutzen – viele nutzen alle davon parallel. Aber klar, unsere Inhalte erscheinen im Print und dann eins zu eins online und da stellt sich natürlich auch für uns die Frage, ob wir die Artikel nicht für diesen Kanal optimieren sollten. Es ist witzig, dass ihr mich zu Beginn des Gesprächs auf den Artikel zu «No Billag» angesprochen habt, da gebe ich offen zu: Den habe ich so geschrieben, dass ich glaubte, dass er auf Facebook gut geteilt wird. Da musst du zum Beispiel drei knallige Sätze reinschreiben. So habe ich geschrieben, «No Billag» sei wie wenn man der Eisenbahn die Wagen von den Schienen nehmen würde und das Schienennetz gleich auch noch verkaufte. Ehrlich gesagt ist das eine etwas populäre Formulierung, aber ich wusste schon, als ich das schreib, dass es nur ein oder zwei solche Sätze braucht, dass es läuft und das heisst natürlich verändert sich der Journalismus selbst in diesen Verbreitungsmöglichkeiten auch. Das sind interessante Fragen!

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