von Philipp Cueni

Nach einem Verkauf wird die BaZ eine andere sein

Die Basler Zeitung BaZ steht offenbar zum Verkauf – das hat Verleger und Chefredaktor Markus Somm seiner Redaktion bestätigt. Doch das letzten Wort hat Mitbesitzer Christoph Blocher. Als Käufer in Frage kommen realistischerweise nur Tamedia oder AZ Medien. Der neue Eigentümer wird aus der BaZ wohl eine andere Zeitung machen.

Die BaZ ist heute wirtschaftlich und publizistisch angeschlagen. Die Auflage der Zeitung ist seit dem Verkauf an Tettamanti/Blocher 2010 massiv eingebrochen – von etwa 80‘000 auf 46‘000 Exemplare. Ebenfalls tief gesunken ist in Basel das Image der BaZ. Texte mit Persönlichkeitsverletzungen und der aggressive journalistische Stil stiessen viele ab. Die Dauerpredigten gegen die EU, gegen Bundesrat und Regierungsrat oder gegen die Migrationspolitik nervten. Viele zweifelten wegen eklatanten Fehlern an der journalistischen Glaubwürdigkeit der BaZ.

Die BaZ wollte in den vergangenen Jahren im traditionell linken und liberalen Basel eine dezidiert rechte Gegenstimme etablieren. Sie tat dies mit einem stark meinungsgeprägten, aggressiven und teilweise handwerklich fragwürdigen Journalismus. Dieses Modell ist gescheitert – offenbar nicht nur verlegerisch, sondern auch politisch und wirtschaftlich. Das Blocher-Team hat das Unternehmen auf die «nackte Zeitung» reduziert. Obwohl die BaZ angeblich schwarze Zahlen schreiben soll (einen öffentlichen Geschäftsbericht gibt es nicht), hat die Zeitung ohne Kooperationen keine wirtschaftliche Perspektiven, sie ist alleine zu klein. Tamedia, die NZZ und die AZ legen Redaktionen zusammen oder kooperieren, nun wäre das offenbar auch für die BaZ notwendig. Aber dem Basler Verlag fehlen Partner, ein Zusammengehen mit der Südostschweiz scheiterte kürzlich am öffentlichen und politischen Widerstand gegen einen BaZ-Journalismus in Graubünden.

Sowohl Tamedia wie die AZ Medien hätten gute Gründe für einen Kauf der BaZ. Tamedia arbeitet bereits mit der BaZ zusammen und beliefert die Zeitung mit «Magazin» und Newsnet. Der Zürcher Verlag könnte mit der Übernahme des Titels seine Reichweite auf die Region Basel ausweiten. Damit würde er die grossen Tageszeitungen in den drei Zentren der Deutschschweiz besitzen. Und Tamedia könnte die BaZ in den Verbund ihrer Deutschschweizer Tageszeitungen integrieren.

Ginge die BaZ an die AZ Medien, dann verliert Basel eine ihrer Zeitungen. Dass sich der Aargauer-Verlag auf ein Modell mit zwei Zeitungen in einer Stadt einlässt – wie Tamedia in Bern mit «Bund» und «Berner Zeitung» – ist unwahrscheinlich. Heisst der Käufer Tamedia, wird es neben der BZ Basel weiterhin eine zweite Basler Tageszeitung geben.

Die AZ hatte mit ihrem Ausbau in Basel, von der Basellandschaftlichen Zeitung zur BZ Basel, ihr Blatt politisch gegen die BaZ positioniert und konnte damit langsam, aber stetig an Auflage zulegen – wenn auch weniger stark, als man vielerorts vermutet hatte. Die BZ betreibt in Basel bereits eine vollständige Redaktion und liefert auch die überregionalen Themen für den AZ-Mantel aus ihrem Verbund. Die bisherige BaZ-Redaktion braucht der AZ-Verlag nicht, er müsste auch nicht gross in Redaktionskapazitäten investieren. Offen wäre, wieviele der bisherigen BaZ-Abos er für die BZ sichern kann. Und interessant wäre zu beobachten, was die AZ mit dem Traditionsnamen «Basler Zeitung» machen würde.

Anders das Szenario «Tamedia». Der Zürcher Verlag müsste die «Basler Zeitung» radikal umbauen, denn das neu erworbene Blatt würde so, wie es sich heute präsentiert, Tamedia keine Perspektive bieten. Setzt Tamedia mit der BaZ auf Kontinuität und würde mit bisherigem Personal und redaktionellem Konzept weiterarbeiten, könnte sie zwar die bestehende Reichweite übernehmen und ihr Geschäft auf die Nordwestschweiz ausdehnen, sowie einige verlegerische Synergien nutzen. Aber dieser Weg ist für den Verlag unsinnig. Mehrere Gründe sprechen dagegen:

Das Redaktionskonzept: Tamedia hat für ihre Regionalzeitungen in Zürich und Bern und ihre Sonntagszeitung ein Konzept mit zentralen Redaktionen für die überregionalen Themen (Ausland, Inland, Wirtschaft, Kultur und Sport) installiert. Die entsprechenden Redaktionen der BaZ wären in diesem Konstrukt ein Fremdkörper und geschäftlich eine unnötige Parallelstruktur.

Die politische Positionierung: Die aktuelle Ausrichtung der BaZ als rechtskonservatives, neoliberales Blatt mit grosser Nähe zur SVP passt überhaupt nicht zum Kurs der bisherigen Tamedia-Titel, die alle als Forumszeitungen mit einem Hang nach mitte-links positioniert sind. Diese Färbungen zeigt auch eine aktuelle Analyse der Uni Zürich.

Die journalistische Kultur: Tamedia legt Wert auf grosse Recherchen und setzt entsprechend spezialisierte Investivativ-Teams ein. Diese Kultur gibt es bei der BaZ nicht. Viele der grossen Rechercheleistungen des Tagi (zum Beispiel die Panama-Papers), realisiert in einem internationalen Verbund, wurden von der BaZ sogar vehement angegriffen. Auch was den journalistische Stil angeht, gibt es augenfällige Unterschiede. Die BaZ zielt regelmässig massiv auf den Mann und noch lieber auf die Frau. In Basel sprechen viele von «Fertigmacher-Journalismus». Viele Themen, im kritischen Ansatz durchaus interessant, arteten in regelrechten Kampagnen aus, die dann weit übers Ziel hinausschossen. Und die BaZ arbeitet oft mit «Vermutungsjournalismus». Institutionen und Personen werden auf Grund von schwach gestützten Vermutungen wegen angeblicher Fehlleistungen derart massiv beschuldigt, dass es auf Rufmord hinausläuft. Stützen die Fakten die anfänglichen Vermutungen nicht, wird das auch nicht adäquat richtig gestellt. Solchen Kampagnen- und Vermutungsjournalismus findet man im Tages-Anzeiger kaum. Und schliesslich legt Tamedia, gerade sein Verwaltungsratspräsident Pietro Supino, grossen Wert auf eine klare Trennung zwischen Fakten (Berichterstattung) und Meinung. Für die BaZ ist das Gegenteil ein prägendes Merkmal. In sehr vielen Texten der BaZ sind Fakten, Vermutungen und Meinungen wild durcheinander kombiniert.

Diese Ausgangslage stellt Tamedia vor vier Aufgaben: Sie muss die BaZ publizistisch neu positionieren, eine neue regionale Redaktion aufbauen, eine zusätzliche und erst noch anders positionierte Leserschaft als heute gewinnen, und vor allem beweisen, dass sie eine Baslerische und keine Zürcher Zeitung ist, keine Basler Tagi. Das wird sich bereits daran zeigen, ob es ihr gelingt eine Basler Redaktion aufzubauen, welche die regionale Optik in alle Ressorts einbringen und der BaZ ein eigenständiges Gesicht verleihen kann. Gut möglich, dass Tamedia für die BaZ gegen 20 Redaktorinnen und Redaktoren mit Basler Knowhow suchen wird. Sicher ist: Nach dem Verkauf hat die Basler Zeitung nicht nur einen anderen Besitzer. Sie würde auch zu einer anderen Zeitung.

Welcher Verlag was mit der BaZ anstellen würde, interessiert Miteigentümer und Mastermind Christoph Blocher derweil kaum; Geld braucht er auch nicht. Ihn interessiert primär das Tauschgeschäft. Bei einem allfälligen Verkauf an Tamedia stünde das Tagblatt der Stadt Zürich als Beigabe bereit, war zu lesen. Aber auch die AZ Medien haben einige Lokalzeitungen, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehören, dafür umso besser ins Portfolio von Blochers neuem verlegerischen Engagement mit Gratisanzeigern passen würden. Wann genau Blocher entscheiden wird, ist weiterhin offen.

Kommentieren

*Pflichtfelder

Ihre Persönlichen Daten werden nicht veröffentlicht oder weitergegeben.

Leserbeiträge

Jürg-Peter Lienhard 27. März 2018, 16:43

Gesetzt der Fall, der Tagi macht das Rennen: Dann wäre auch die grenzüberschreitende Berichterstattung und Regio-Reportagen wieder ein Thema! Der von der Blocher-Redaktion heruntergelassene «Eiserne Vorhang zum Feindesland Europa» ginge wieder hoch! Und man würde in Basel wieder vermehrt lesen können, was die Nachbarn so im Schilde führen, wer dort das Sagen hat oder was es Interessantes zu entdecken gibt. Zum Beispiel im kulturellen Bereich…

Antworten...

Christian Rentsch 28. März 2018, 00:48

Wenn Tamedia die Basler Zeitung übernimmt, wäre das gleichsam die “Vollendung” jener Strategie, die Martin Kall bereits im April 2002 bei seinem Antritt als Tamedia-CEO skizzierte. Nach seinem Antrittsbesuch auf der Redaktion erklärte er mir als Medienredaktor, dass sich der TA langfristig nur erfolgreich entwickeln könne, wenn es ihm gelinge, erstens den “Ring” starker Regionalzeitungen aufzubrechen resp. diese Zeitungen Schritt für Schritt zu übernehmen, und zweitens “das goldene Dreieck” (also Zürich-Basel-Bern) in seinen Besitz zu kriegen – so könne man dann die Mittelland-Zeitungen um die AZ von allen drei Seiten angreifen und schliesslich das ganze Mittelland “erobern”. Was immer man (zu Recht) an Negativem über sein k(n)allhartes Feldherren-Denken sagen kann, er war damals im Gegensatz zu seinem Vorgänger Michel Favre, zu Michael Ringier, der NZZ und auch zu seinen Nachfolgern der einzige Medienmanager der Schweiz, der ein klares, zwar publizistisch verheerendes, aber unternehmerisch erfolgversprechendes strategisches Konzept hatte.

Antworten...

Werner Zuercher 28. März 2018, 04:20

wechselt die BAZ die besitzer so versinkt auch diese zeitung im journaliszischen linken einheitsbrei! aber was soll’s, printmedien sind nur noch auslaufmodelle, missbraucht von denen die sie mit ihrem geld am leben erhalten! ob AZ oder TAMEDIA besitzer der BAZ werden, oder andere, spielt keine rolle! Kein gleichgeschaltener und unseriöser journalismus ist das papier wert auf das solch systemgesteuertes zeug gedruckt wird! freier, der wahrheit verpflichteter und seriös rechechierter journalismus ist längst geschichte! propeganda und sensatinsjournalismus sind angesagt!

Antworten...

Hans->Ueli Zürcher 28. März 2018, 08:54

Unsere Gesellschaft sollte es ertragen, wenn nicht sogar froh sein, dass wir nebst den softlan-gespülten Medien, auch eine BAZ in Basel haben. Die politisch korrekte Berichterstattung ist landesweit üblich und animiert kaum zu Diskussionen. Und genau dies brauchen wir doch. Auch wenn die redaktionellen Beiträge manchmal daneben liegen. Wir sollten doch erwachsen genug sein, damit wir dies entsprechend gewichten können. Verschwindet die BAZ in Basel, so fehlt eine für mich doch interessante Stimme in der Nordwestschweiz. Auch wenn die BAZ Auflage verloren hat (Haben andere auch), so hat sie doch noch einige Leser, die den Inhalt zu schätzen wissen. Wenn ich als Orientierung für die Zukunft der Basler Medienszene die Sonntagszeitung als “Vorbild” nehme, so kann ich bei einem TAGI-Blatt nur von einem lauen Kafficrème sprechen. Und nur eine Stimme mit der bz, resp. den AZ-Medien ist mir zu wenig. Ich lese die BAZ und die bz und bin froh, dass ich die Möglichkeit habe Statements und redaktionelle Artikel zu vergleichen. Ich werde die BAZ, auch in der heutigen Form, vermissen.

Antworten...

Peter Strickler 28. März 2018, 09:29

Dann ist wohl ausgesommt bei der BAZ. Dann wird die BAZ wie der Tagi ein Einheitsbrei-Mainstream Ibstrument. Vieles wird verschwiegen und zensiert werden. Ich rate nur noch Online News  von dezidierten Agenturen zu lesen.

 

Antworten...

Thomas Paszti 28. März 2018, 13:46

Welche dezidierten Agenturen meinen Sie konkret? Wo findet Ihrer Meinung nach unzensierter Journalismus statt?

Antworten...

tim meier 28. März 2018, 10:43

Die Zwangsabgabe für Mainstream von SF kostet mich bereits 450.-. Wieso dann 500.- zusätzlich für eine Tagi-BaZ bezahlen welche dieselbe Denke wie SF verbreitet?

Auf den sogenannen ‘Investigativ-Journalismus’, welcher ‘Panama-Papers’ ohne wirklichen Mehrwert produziert und schlussendlich nur eine Neiddebatte befeuert,  kann ich auch getrost verzichten.

Somit bleiben als Alternative noch die ‘Volksstimme’ für den Lokalteil und die Todesanzeigen sowie Blogs aus dem Internet übrig.

Antworten...

Max Mantel 28. März 2018, 17:32

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Stadtverwaltung mit Händen und Füssen gegen eine Übernahme durch Bliocher zur Wehr setzen dürfte. Zwar könnte der Tagi als Mehrheits-Eigentümer das ohne weiteres durchdrücken. Umso mehr, weil der £rest sowieso der Lokalinfo von Auto-Frey – dem Ex-SVP-Nationalrat uind wie Blocher auch Milliardär – gehört. Blocher hätte höchstens das Rikio am Hals, dass die Stadt dank Rot-Grün-Mehrheit dann das Tagblatt als amtliches Publikationsorgan meidet bzw. einen ggf. zu erneuernden Vertrag eben nicht erneuert. Eine weitere offene Frage ist, ob die Familie Coninx dem Ex-Investement-Banker Supino nicht doch noch in die Parade fährt. Wie seinerzeit beim geplanten Kuhhandel des geplanten Tausches der BAZ gegen die Zürcher Landzeitungen. Spanndn bleibt’s allemal.

Antworten...

Frank Hofmann 30. März 2018, 12:37

@Mantel: Schon klar, wo Rot-Grün herrscht, tut man sich schwer mit abweichenden Meinungen. Da ist Gleichschaltung angesagt. Und Milliardäre sind per se dubiose Figuren. Ausser sie heissen Soros oder Wyss. Bei Letzteren spielts dann aus linksgrüner Sicht auch keine Rolle, dass sie in der Schweiz keine Steuern bezahlen.

Antworten...

R. Gungl 07. April 2018, 21:14

Genau und die Rechten sind grundsätzlich an freier Meinungsäußerung interessiert. So ein Bullshit.

Antworten...

Christian Rentsch 31. März 2018, 18:14

Pietro Supino IST als Enkel von Werner Coninx  Teil der Familie Coninx. Da die meisten Mitglieder der weitverzweigten Sippe Coninx, Supino und Richter mit der Tamedia faktisch gar nichts am Hut haben, sondern nur jedes Jahr ihre Millionen kassieren, ist Pietro Supino der unangefochtene, unumstrittene Boss des Coninx-Clans.

Antworten...

Michael Bornhaeusser 03. April 2018, 16:35

Heute ist der 3. April und die BAZ gehört immer noch Herrn Blocher und Konsorten. Inzwischen glaube ich, dass die grosse Anzahl Journalisten die sich mit Freude auf die BAZ-Verkaufsstory gestürzt haben enttäuscht werden. Das gilt auch für mich uns meine Kollegen bei Telebasel.

Blocher hat den Deal (oder die Deals) wohl abgesagt, da eine Verhandlung in der Öffentlichkeit nicht so seine Sache ist.

Bleibt die Frage wer für das Kommunikationsdisaster aus Sicht der BAZ verantwortlich war. Es wurden bereits vor Wochen gezielt Grüchte im Markt gestreut, vom Käufer Tagi, von Wanner der das verhindern will, über den Tausch mit dem Tagblatt um Somm unterzubringen, etc, etc. Gipfel der Misere war die (wohl belegte) Mitarbeiterinformation von Somm über einen anstehenden Verkauf “noch in dieser Woche”. Das war notabene vor 3 Wochen und passiert ist nichts.

Man darf nun gespannt sein was als nächstes geschehen wird. Kurz- und wahrscheinlich auch mittelfristig, bleibt uns die “Blocher BAZ” wohl erhalten.
Wir warten auf die nächsten Gerüchte und werden dann natürlich Alle wieder voll einsteigen 😉

Antworten...

Franz König 04. April 2018, 09:29

ein ausgezeichneter, präziser und differenzierter Zwischenbericht zur hängigen BaZ-Story, der was an Absichten und Aussichten erkennbar ist, sorgfältig strukturiert und ebenso kommentiert. So kann Journalismus sein.

Antworten...