von Anna Miller

Klassenfahrt in die Medienzukunft

Immer im April wird Perugia zum Epizentrum der globalen Medienbranche. Am internationalen Journalismusfestival fliessen die Gedanken und der Alkohol. Kritische Fragen mischen sich mit Geltungsdrang. Ein Stimmungsbericht.

Dienstag, 9 Uhr, wir fahren die Autobahn runter, immer weiter, in den Süden, wie jedes Jahr. Neun Stunden Fahrt, der wirkliche erste Pausenstopp am ersten Autogrill nach der Grenze in Italien, einmal Espresso für einen Euro und ein Bufalino-Panino. Und wer vor 18 Uhr die 500 Kilometer Strecke hinter sich gebracht hat, darf die Bar aussuchen, in der der Apérol Spritz als Erstes fliesst.

Unser Ziel ist Perugia, das Internationale Journalismusfestival, 2018 in seiner 12. Edition. Für ein paar Tage wird die Piazza IV. Novembre mit ihrer breiten Steintreppe zu unserem zweiten Wohnzimmer. Hier wird die Konkurrenz begutachtet und werden Allianzen geschmiedet, hier wird lange Bier getrunken und ausgeruht, in den Pausen, zwischen den über 300 Panels, über 6 Tage verteilt. Jeder, der was auf sich hält, der sich einbildet, noch was zu werden oder der es schon geschafft hat, ist hier. So auch wir, eine Gruppe von rund 15 Schweizer Journalistinnen und Journalisten, alle ein bisschen von woanders, Lokaljournalismus, Online-Medium, TV-Sender, gross, klein, altmodisch oder nur noch der Digitalisierung verpflichtet. Die einen nehmen es ernster als die anderen, die einen schlafen lang und verpassen so ziemlich allen Inhalt, die anderen schlafen kurz, trinken hart und setzen sich dann acht Stunden ohne Pause in die Panels, die uns Spiegel sein sollen, Weiterbildung, Fenster in die Zukunft.

Das Festival in Perugia ist das grösste Journalismusfestival in Europa. Was hier besprochen wird, findet im Laufe des Jahres auch seinen Weg an Veranstaltungen wie den Journalismustag in Winterthur. Renommierte Journalisten aus der ganzen Welt sprechen in Perugia vor Publikum, darunter der CEO der New York Times, Journalisten aus Krisengebieten, Korrespondentinnen aus Nordkorea. Dutzende Mitarbeitende der BBC, aus Italien, von Vanity Fair bis Condé Nast, sie alle folgen dem Ruf der Organisatoren und pilgern hierher. Ein Hauch von internationaler Grösse weht hier, es stehen Menschen mit Biographien vor einem, denen man in der Schweiz in Journalismuskreisen nie begegnet. Perugia ist das Fenster zu Journalismus, wie er in anderen Ländern, anderen Kulturen, am anderen Ende der Welt gelebt wird, eine wohltuende Abwechslung zu unserer manchmal so kleinen Schweizer Medienwelt.

Perugia ist gleichsam erstaunlich familiär und zeitweilig auch etwas altmodisch, träge schon fast. Manche auf Italienisch gehaltenen Panels werden nicht auf Englisch übersetzt, das WLAN bricht gern mal zusammen, die kleinen, barocken Säle müssen mehr Menschen tragen als sie es eigentlich könnten. Doch diese Nähe ist auch warm, und sie macht es sehr einfach, sich zu begegnen. Man schüttelt Menschen die Hand, die man sonst wohl niemals angesprochen hätte, weil hier eben alles ein bisschen lockerer, zugänglicher, einfacher ist. Wohl an keinem anderen Ort ist es möglich, so weitreichende und diverse Kontakte zu knüpfen. Auch, weil Perugia überschaubar gross ist, alle zu Fuss durch die paar Gassen schlendern, denen entlang sich die Cafés und Restaurants säumen. Wer sich wieder begegnen will, der tut das. Auch wenn mittlerweile alle so sehr auf Twitter sind, dass sie kaum mehr Email-Adressen austauschen, sondern nur noch ihre Social-Media-Accounts an die Wand projizieren, wird während dieser fünf Tage weiterhin Offline vernetzt.

Eine wichtige Plattform ist Perugia vor allem für Schweizer Nachwuchsjournalisten. Die älteren Schweizer Kollegen trifft man selten bis nie hier an, und auch Schweizer Referenten sind eine Seltenheit. All die Herren und Damen, die sich an der Dreikönigstagung oder im Schweizer Fernsehen auf die Bühne stellen oder sonst die Geschicke der Medienbranche in der Schweiz leiten, sucht man in Perugia vergeblich. Vielleicht, weil die Redaktionen Perugia nicht auf dem Schirm haben. Vielleicht, weil die Schweiz sich bisher zu wenig für die globalen Themen und Entwicklungen interessiert, für neue Erzählformen und Kooperationen, die über die Landesgrenzen hinausgehen. Weil fünf Arbeitstage zum Zweck der Weiterbildung zu lange sind. Vielleicht aber auch, weil kaum eine Schweizer Redaktion wirklich offen auf die Medienzukunft zugeht und sich lieber aktiv Innovationskraft holt, als sich von den Veränderungen überrollen und überfordern zu lassen.

Dafür wissen alle, die schonmal hier sind, die Zeit und die Bühne für sich zu nutzen. Perugia ist der Austragungsort für überzogenes Selbstverständnis, die Journalisten sitzen in Scharen in den Cafés und halten anderen Journalisten Mikrofone ins Gesicht, Berichterstattung über Berichterstatter, wie sehr diese Inhalte wirklich ein Publikum finden, scheint zweitrangig. In Perugia darf der Journalist das tun, was er sonst auch gerne tut, er darf sich inszenieren und seiner Berufsgattung eine Wichtigkeit beimessen, die den Leser da draussen wahrscheinlich weniger interessiert als ihn. Aber das darf uns wohl gegönnt sein, in einer turbulenten Zeit, wo die Selbstverständlichkeit unserer Arbeit für Bürger und Leser ins Wanken geraten ist, wo Journalismus in Erklärungsnot gerät und krampfhaft nach neuen Modellen suchen muss, um sich in Zeiten der Digitalisierung und gesellschaftlichen Umbrüchen neu zu finden.

Wir freuen uns jedes Jahr auf Perugia, meine Freunde und ich. Wir tanzen auf den Tischen, wir essen gut, wir bleiben lange auf und diskutieren über Digitalisierung, streiten über Religion, debattieren den Wert von offenen Beziehungen und die Irrelevanz unseres Berufs. Am Sonntag ist alles vorbei, für ein weiteres Jahr, dann setzen wir uns wieder in ein Auto und fahren in den Norden, immer weiter in den Norden, um wieder an die Arbeit zu gehen. Und egal, wie es weitergeht, mit uns, mit dem Journalismus, mit dieser Branche, die wir verfluchen und irgendwie doch lieben, wir wissen: Wir sind nicht allein, da draussen gibt es Geschichten, da draussen gibt es Menschen wie wir, es gibt viele davon, und wir sind noch lange nicht am Ende.

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Leserbeiträge

Christian Bernhart 18. April 2018, 15:38

So viele Worte und so wenig Inhalt, immerhin kein name dropping. So etwas steht in den vielen Werbebroschüren, die nur durch Bilder glänzen

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