von Marco Hartmann

Pressekonferenzen oder Variationen des Immergleichen

Marco Hartmann, Fotograf bei der «Südostschweiz», dokumentierte in den letzten Jahren weit über hundert Pressekonferenzen. Dass das wohl unattraktivste Sujet der Medienberichterstattung auch optisch etwas hergeben kann, zeigen seine Bilder. Eine kommentierte Auswahl.

Lia Rumantscha zum aktuellen Stand zur Rettung der Zeitung «La Quotidiana», 17.8.2017
Wir befinden uns im Gebäude der Lia Rumantscha, der rätoromanischen Sprachorganisation. Die Aufnahme entstand vor Beginn der eigentlichen Pressekonferenz, bei der «Begrüssungsrunde» – und erinnert an das «Abendmahl» von Da Vinci.


Grundsteinlegung Sportzentrum Klosters, 9.12.2015
Spatenstiche – oft auch getarnt als Grundsteinlegungen – sind ebenfalls ein beliebter Medientermin. Hier in Klosters, wo garstiges Wetter zu einem schnellen «Stich» führte – zur Freude aller Anwesenden.


Volksinitiative «Gute Schule Graubünden – Mitsprache des Volkes bei Lehrplänen!», 1.10.2015
Das ist der «Tempel», einer der Säle vom Hotel Stern in Chur. Die Herausforderung beim Fotografieren in diesem Raum ist der Weissabgleich: Teppich und Decke in Blau, die Wände in Gelb. Etwa jeden Monat findet hier eine Pressekonferenz statt.


Stadtbus Chur AG, 23.6.2017
Mein Anliegen für originellere Austragungsorte von Pressekonferenzen fand bei der Stadtbus Chur AG Gehör. Zur Jahresorientierung lud man – es liegt auf der Hand – in einen Bus.


«Nein zur 2. Gotthardröhre», 20.1.2016
Einen weiten Anfahrtsweg gab es für diese Medienorientierung. Rund eine Stunde Autofahrt von Chur nach San Bernardino, wo gegen die «Transithölle Schweiz» geworben wurde. Im rauchigen Sääli der Dorfkneipe.


Neues audiovisuelles Medienportal Graubünden, 11.11.2015
Auch der Kanton Graubünden hat nun einen Raum eigens für Medienorientierungen. Hier stellt sich die Frage, ob man sachlich fotografieren soll oder den Raum jedesmal neu zu interpretieren versuchen.


Ernennung der lokalen Naturgefahrenberater, 24.8.2015
Medienorientierung in dem vom Kanton neu erstellten Geschiebefang der Val-Parghera-Rüfe zwischen Domat/Ems und Chur. Auch hier ist das «Beamer-Zimmer» einem schönen Setting gewichen.

Der Beruf des Pressefotografen bringt es mit sich, dass ich einen grossen Teil meiner Arbeitszeit für Pressekonferenzen aufwende. Auch darum, weil der Kanton Graubünden enorm weitläufig ist. So kommt es regelmässig vor, dass nur schon für Anfahrt und Rückreise Stunden draufgehen. Allein nach Davos braucht man von Chur aus fast eine Stunde mit dem Auto. Da frage ich mich dann manchmal, warum nur so weit fahren, wenn danach das Auge vor Langeweile fast einschläft. Sitzungszimmer mit Lichtprojektoren gibt es schliesslich auch in Chur zur Genüge.

Auch Fotografen und Videojournalisten versuchen aus der immergleichen, uninspirierten Übungsanlage irgendwie Einzigartiges zu schaffen.

Pressekonferenzen haben es so an sich, dass sie überall gleich ablaufen. Da keucht irgendwo ein Beamer eine garantiert nicht reibungslos funktionierende Präsentation an eine Wand, die Namensschildli sind schön akkurat platziert. Sträflich vernachlässigt wird dabei das visuelle Element. Es sind bekanntlich nicht nur Journalisten mit Schreibstift und Mikrofon anwesend. Auch Fotografen und Videojournalisten versuchen aus der immer gleichen uninspirierten Übungsanlage irgendwie Einzigartiges zu schaffen.

Doch es gibt auch Ausnahmen und Organisationen, die ans Bild denken. Jüngst erlebt beim lokalen VerkehrsunternehmenStadtbus Chur: Geladen wurde in einen Bus – und nicht in ein Sitzungszimmer. Oder die Kantonsbehörden, die direkt vor Ort beim grossen Auffangbecken der Val-Parghera-Rüfe zwischen Chur und Domat/Ems informierten und nicht im hauseigenen Medienraum. Den Organisatoren von Pressekonferenzen kann man es aber auch nicht verübeln. In Chur sind geeignete Räume an einer Hand abzählbar: Der «Tempel» des Hotel Stern, einst Lokal einer Freimaurerloge oder eben der Medienraum der Standeskanzlei Graubünden.

Damit bleibt es am Fotografen, mit seinem Geschick aus der langweiligen Situation doch noch etwas Ansprechendes zu kreieren.

Doch das Problem sind nicht nur die Lokalitäten. Schliesslich entscheidet die Redaktion, welche Bilder sie zeigen will. Schon oft angedacht war das bildliche Loslösen der Illustration vom Veranstaltungsort. Wird im «Tempel» also zur Volksinitiative «Gute Schule Graubünden» referiert, würde man besser ein Symbolbild vom Schulunterricht zeigen. Das ist aber nur bedingt praktikabel. Schliesslich will der schreibende Journalist die Referenten zeigen, die in seiner Berichterstattung prominent vorkommen. Damit bleibt es am Fotografen, mit seinem Geschick aus der langweiligen Situation doch noch etwas Ansprechendes zu kreieren. Ob mir das gelungen ist, dürfen Sie nun gerne selbst beurteilen.

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