von Pascal Sigg

Eine digitale Genossenschaft für zukunftsfähigen Journalismus

Das Start-up Civil will mit der Blockchain-Technologie den Journalismus verändern und verbessern. Die Hoffnungen in das Genossenschaftsmodell, das die Plattform steuern soll, sind gross. Noch gibt es aber grosse Fragezeichen. Wir haben mit den InitiantInnen des Projekts in New York und Boston gesprochen.

Ende März, nach einem weiteren Schneesturm, der Stadt die verlangsamte, sitzt David Moore in einem Co-Working-Space über den Dächern des New Yorker Flatiron-Districts und strahlt: «So viele Freiheiten hatten wir noch nie, alle sind begeistert.» Moore ist Co-Chefredaktor und Verleger von Sludge (zu Deutsch: Schlamm), einem investigativen Online-Magazin, das über Interessenverstrickungen und Geldflüsse in der US-Politik berichtet und demnächst online gehen will. Grund für seinen Elan liefert das Versprechen des Umfelds in dem er publizieren wird: Die Online-Plattform Civil soll nicht nur ein zuverlässigeres Geschäftsmodell für Moores Journalismus bringen. Civil will weltweit eine neue Medienökonomie schaffen und mit einer Art digitaler Genossenschaft die Steuerung dieses Systems in den Dienst des Journalismus stellen. Von diesen Ambitionen sind nicht nur Journalisten entzückt. Kürzlich gab das European Journalism Centre die Gründung eines mit 1.7 Millionen-Euro dotierten Engaged Journalism Accelerators bekannt. Zusammen mit Jeff Jarvis’ News Integrity Initiative der City University New York und Civil sollen innovative Journalismusprojekte gefördert werden. EJC-Direktor Adam Thomas schrieb: «Wir glauben, dass die Civil-Plattform tolle Möglichkeiten bietet.»

Die Technologie


Ende April sitzt Civil-Mitgründerin Christine Mohan in der Cafeteria der Harvard Innovation Labs in Boston. Hinter ihr flimmern TV-News auf einem Flachbildschirm. Neben ihr spielen zwei Männer Tischtennis. Es ist «Boston Blockchain Week» und Mohan hat eben ein Panel organisiert auf dem der Chefentwickler von Civil das Projekt vorgestellt hat. Denn es ist die Blockchain-Technologie, auf welcher die ganzen Hoffnungen basieren. Sie ermöglicht eine eindeutige, jedoch verschlüsselte Identifikation der Internetnutzer und eine transparente Abbildung aller Transaktionen zwischen ihnen. Darauf will Mohan mit ihren KollegInnen nun eine Plattformökonomie aufbauen. Ähnlich der kürzlich in der Schweiz vorgestellten Idee einer digitalen Medienplattform will diese für den Journalismus ein Online-Umfeld erschaffen, das unabhängig von Google oder Facebook funktionieren kann. «Es ist ein Modell wie Airbnb aber für Journalismus: Wir verbinden Käufer und Verkäufer auf einem transparenten Marktplatz», sagt Mohan. Sie hat früher in den Digitalteams der New York Times und des Wall Street Journal gearbeitet. Wie Hauptinitiant Matthew Iles, der vor Civil seine Digitalagentur verkaufte, versteht sie das Netz und ist nicht zufrieden damit. «Wir wollen den Journalismus im Web aufspalten: Auf der einen Seite Lärm, Hass und die perversen Anreize der gegenwärtigen Medienlandschaft. Und auf der anderen Seite Civil.»

Alle Redaktionen, die auf der Civil-Plattform publizieren wollen, müssen einen Ethikkodex unterzeichnen.

Die Blockchain-Technologie soll dabei helfen, indem sie mittels einer eigenen Währung – des CVL-Tokens – die Schaffung einer Art digitalen Genossenschaft ermöglicht. Mohans Team ist aktuell daran, den Erstverkauf dieser Währung – vergleichbar mit der Aktienemission bei einem Börsengang – vorzubereiten. Anders als dies bei Bitcoin der Fall ist, soll der Civil-Token aber nicht in erster Linie als Kryptowährung funktionieren und zum Spekulationsgut werden. Vielmehr funktioniert er als eine Art Anteilschein, welcher die Halter zur Teilnahme an der Plattform-Governance berechtigt. Damit soll die journalistische Qualität sichergestellt werden können.

Konkret werden alle Redaktionen (bei Civil heissen sie Newsrooms), die auf der Civil-Plattform publizieren wollen, einen Ethikkodex unterzeichnen und müssen von den CVL-Haltern per Abstimmung zugelassen werden. Zudem wird es Abstimmungen über Verletzungen des Kodexes und Ausschlüsse von der Plattform geben können. Alles unter der Annahme, dass die CVL-Halter einen ökonomischen Nutzen darin sehen, wenn die Qualität des Journalismus auf der Plattform steigt. Denn dann steigt auch der Wert ihres Tokens. Mohan: «Um dieses Umfeld zu etablieren brauchen wir auf der Plattform von Beginn weg erstklassigen Journalismus.»

Der Journalismus


Diesen soll auch der New Yorker Tom Scocca liefern. Sein Magazin «Hmm Daily» ist einer von rund zehn Newsrooms, die in diesen Tagen auf Civil zu publizieren beginnen. Anders als die Investigativreporter von Sludge will er sich aber auf kluge Kommentare und Analysen konzentrieren. «Wir wollen den Flammenwerfer nicht füttern.» Damit meint er die Erzeugung von Aufmerksamkeit über provokative Kommentare. Scocca, der einen Ruf als kritischer Kulturanalyst geniesst und zuletzt mit fantasievollen Wetterkritiken Aufsehen erregte, wurde von Civil kontaktiert. Und er geniesst die Freiheit, die er sich von der Plattform verspricht. «Wir wollen eine andere, offenere publizistische Sensibilität und frische AutorInnen.» Wenige Wochen vor dem Launch will er sein Konzept deshalb auch nicht klar benennen. Und auch die Frage nach potenzieller Leserschaft sieht er gelassen: «Wir suchen keine bestimmte Zielgruppe, sondern sind vielmehr gespannt, wer uns finden wird.» Schliesslich habe nichts, was bisher versucht wurde, funktioniert. «Es gibt für mich keinen sichereren Ort, an den ich zurückkehren könnte.» Damit spielt er auch auf seine Erfahrung bei «Gawker» an, der erfolgreichen Website, die von Tech-Investor Peter Thiel aus Rache in den Bankrott geklagt wurde.

Bei den ersten Newsrooms, die es aus der eigenen Tasche unterstützt, setzt Civil vor allem auf unterfinanzierte Bereiche wie Lokal-, Ausland- und Investigativberichterstattung.

Eine Folge dieses Bankrotts war auch die Versteigerung des Gawker-Archivs, bei der Thiel mitbieten wollte. Eine ähnliche Erfahrung machten die Gründer eines weiteren Civil-Newsrooms. Ende 2017 liess der Besitzer das populäre Lokalmedium DNAinfo schliessen. Der Verleger stellte nicht nur die Redaktion auf die Strasse, sondern liess auch gleich unliebsame Artikel löschen. Nun publizieren sie als «Blockclub Chicago» nach einem erfolgreichen Crowdfunding auf Civil Lokaljournalismus aus Chicago. Dank der Blockchain-Technologie, welche auch eine dezentrale Artikelspeicherung ermöglicht, brauchen sie sich da um die Lebensdauer ihrer Texte weniger zu fürchten.

Bei den ersten Newsrooms, die es aus der eigenen Tasche unterstützt, setzt Civil vor allem auf unterfinanzierte Bereiche wie Lokal-, Ausland- und Investigativberichterstattung. Bis 2019 sollen 200 Newsrooms aus aller Welt vertreten sein. Gemäss Christine Mohan sind bisher über 400 Bewerbungen von Publikationen eingegangen. «Je vielfältiger die Plattform desto vielfältiger das Publikum – was wiederum das Wachstum antreibt.» Um diese Vielfalt zu gewährleisten soll überdies ein Expertenrat mit Vetorecht verhindern können, dass eine Mehrheit der Token-Besitzer mit klarem politischem Interesse die Kontrolle über die Plattform gewinnt.

Das Business


Für Leserinnen und Leser ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, dass ein Blockchain-basiertes Genossenschaftsmodell die Plattform steuert. Abos der einzelnen Medien können, wie bei jeder anderen Online-Publikation auch, mit der Kreditkarte bezahlt werden. Bloss wer sich für den Betrieb der Plattform und deren Governance interessiert, kann mehr über den Token und dessen Handel erfahren. Dazu befragt, sagte «Hmm Daily»-Chefredaktor Tom Scocca: «Aus unserer Perspektive ist es ein CMS, aus Lesersicht eine Website. Und dazwischen geschieht die Magie.» Für die ersten Journalismus-Projekte wie jenes von Scocca setzt Civil etwa zweieinhalb Millionen Dollar ein. Das ist die Hälfte der Anschubsumme, welche es von Consensys, dem Blockchain-Entwicklungsunternehmen des Ethereum-Mitgründers Joseph Lubin erhalten hat.

Mittelfristig will man mit dem Betrieb eines Marktplatzes auf der Plattform Geld verdienen, ähnlich dem App Store von Apple.

Einen nächsten, in seinem Umfang allerdings ungewissen Finanzierungsschub wird Civil diesen Sommer mit dem Erstverkauf des Tokens generieren. Mittelfristig will man mit dem Betrieb eines Marktplatzes auf der Plattform Geld verdienen. Darauf werden sowohl Applikationen und Dienstleistungen, wie Rechtsschutzversicherungen, CMS-Erweiterungen oder Lesestatistiken für Newsroom-Betreiber und Leser angeboten: «Ähnlich dem App Store von Apple», erklärt Mohan. Wie beim Anzeigen-Geschäftsmodell hochwertiger Printprodukte soll der Journalismus also ein glaubwürdiges Umfeld schaffen ohne dabei zu viel Einfluss auf die Inhalte zu nehmen. Diese werden bei den Newsrooms ohnehin über verschiedene Bezahlmodelle verkauft, Werbung ist vorerst nicht geplant. Die ersten Publikationen werden mit durchlässigen Paywalls, Abomodellen oder Spendenversprechen arbeiten. David Moore von Sludge sieht das einfache Crowdfunding einzelner, konkreter Geschichten als Möglichkeit. Popula, eine Art internationales Gesellschaftsmagazin, will mit Micropayments des CVL-Tokens experimentieren.

Die Risiken


Die Magie des Tokens birgt indes das grösste Fragezeichen des Projekts. Die Vorteile der Blockchain zu erklären, ist schwierig. Deshalb veranstaltete Civil ein Diskussionspanel an der Harvard Business School. Und deshalb flog Christine Mohan am folgenden Tag nach Malmö an eine Konferenz. «Wir müssen den Leuten erklären, was wir machen.» Doch was, wenn das den Leuten egal ist? Oder wenn sie es nicht verstehen? Was, wenn niemand einen Token erwerben und Miteigentümer werden will, um auf der Plattform zum Rechten zu schauen? Was, wenn die US-Behörden die kürzlich begonnene Regulierung von ICOs weiter verschärfen, um gegen Spekulantentum vorzugehen? Diese Fragen werden sich erst beim Token-Launch beantworten. Für Mohan ist jedenfalls eine gesunde Gründungscommunity entscheidend. Deshalb hat Civil eine Gruppe im Messenger-Dienst Telegram eingerichtet, wo kritische Fragen von Interessierten vor dem Token-Launch direkt beantwortet werden. Bis Anfang Mai hatten sich dafür über 7000 Interessierte angemeldet und auch Antworten auf technische Detailfragen von den Civil-Programmierern erhalten.

Die Spielregeln der neuen Medienökonomie sind erst schwammig formuliert.

Doch will Civil erfolgreich sein, müssen Mohan und KollegInnen nicht nur das Geldproblem lösen: Anfang Mai publizierten sie auch den ersten Entwurf ihrer «Constitution» – den Spielregeln ihrer neuen Medienökonomie – offen einseh- und kommentierbar. Die darin enthaltene schwammige Definition von ethischem Journalismus verlangt, dass von Civil-Publikationen produzierte Artikel faktenbasiert sein sollen. Erstens soll nichts in den Artikeln den jeweiligen AutorInnen als falsch bekannt sein und zweitens sollen die AutorInnen «vernünftige Anstrengungen» zur Verifizierung unternommen haben. Beide Punkte werden nicht näher definiert oder mit berufsethischen Richtlinien untermauert. In einem der ersten Kommentare postete ein User darauf den Verhaltenskodex der US-Journalistengewerkschaft. Er monierte, dass es ohne die Durchsetzung konkreter berufsethischer Regeln möglich wäre, auf Civil «Fake-News» zu verbreiten. Er meinte: «Selbstverständlich würde dies die Existenzberechtigung von Civil zerstören.»

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